Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist II
Der Mensch als geistiges Wesen im historischen Werdegang
GA 206
12 August 1921, Dornach
Zwanzigster Vortrag
[ 1 ] Es ist nun schon einmal so, daß in die anthroposophische Geisteswissenschaft nicht so ohne weiteres die Methoden des Beobachtens, des Erwägens, des Beurteilens hereingetragen werden können, die sonst heute üblich sind nach den Gewohnheiten des Denkens, welche sich heraufentwickelt haben in den letzten drei bis vier Jahrhunderten. Das, worauf zunächst durch intellektuelle Begriffe hingewiesen wird, das ist eigentlich in der Anthroposophie nur eine Art Richtlinie, um die Lebensbeobachtung, die Weltbeobachtung in diejenige Richtung zu bringen, in der man die Wirklichkeit, die vollständige Wirklichkeit überschauen kann. Daher hat man in den anfänglichen Begriffen der Geisteswissenschaft kaum mehr als eine Art Schema, das einen auf gewisse Beobachtungsmethoden aufmerksam macht. Diese Schemata sind hergenommen von der bis zu einem gewissen Grade fertigen Geisteswissenschaft, so daß derjenige, der sich auf Geisteswissenschaft einläßt, allerdings etwas bekommt, was dem gesunden Menschenverstand zunächst zwar einleuchten kann, was aber vollständig doch erst verstanden werden kann, wenn man das, was Wissenschaft und Leben sonst geben, an diese Schemata heranbringt.
[ 2 ] Ein solches Schema erhält man ja verhältnismäßig früh, wenn man sich darauf einläßt, die anthroposophische Geisteswissenschaft kennenzulernen. Und ein solches Schema ist es, was uns anleitet, den Menschen so zu betrachten, daß wir zugrunde legen dieser Betrachtungsweise physischen Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich. Ich habe ja in meinem Buche «Theosophie» sogleich versucht, mit diesen vier Gliedern der Menschennatur nicht ein bloßes Schema zu geben, sondern durch die Art, wie das dort dargestellt ist, diese abstrakten vier Begriffe mit einem gewissen konkreten Inhalt auszufüllen. So daß man bis zu einem gewissen Grade — mehr kann ja niemals getan werden — einsieht, wie berechtigt es ist, den Menschen nach diesen vier Einteilungsgliedern zu betrachten.
[ 3 ] Aber recht gegenständlich lebendig werden einem diese Dinge dann, wenn man eingeht auf das, was sich im Menschenleben, was sich in den Beziehungen des Menschen zur Welt, was sich in der Welt überhaupt offenbart und was dann die zunächst schematisch hingepfahlten Begriffe mit einem ganz bestimmten Inhalte erfüllt. Nach einem gewissen Gesichtspunkte wollen wir das auch heute wiederum versuchen.
[ 4 ] Wir wollen zunächst einmal beginnen bei dem, was wir unser Ich nennen, insofern wir dieses Ich bewußt erleben, was dieses unser Ich eigentlich darstellt. Sie wissen ja, dieses Ich als Bewußtsein ist im Verlaufe des Lebens unterbrochen durch alle die Zustände, die da verlaufen zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen. Mit Ausnahme des Träumens, und eigentlich bis zu einem gewissen Grade auch im Träumen ist dieses Ich-Bewußtsein für die Zeit zwischen dem Einschlafen und Aufwachen dahin. Wir können sagen: Dieses Ich-Bewußtsein entzündet sich immer im Augenblicke des Aufwachens — wobei natürlich Entzünden nur ein bildhaft gebrauchter Ausdruck ist — und es dämpft sich ab im Momente des Einschlafens.
[ 5 ] Wenn wir uns Beobachtungsvermögen für solche Dinge aneignen, dann merken wir, daß dieses Ich-Bewußtsein im engsten Sinne gebunden ist an den ganzen Umfang der Sinneswahrnehmungen, aber eigentlich nur an diesen. Sie brauchen nur einmal eine Art Seelenexperiment auszuführen, das darinnen besteht, im Wachzustand zu versuchen, allen Sinnesinhalt zu tilgen, gewissermaßen von allem Sinnesinhalt abzusehen. Wir kommen später noch einmal von einem andern Gesichtspunkte auf die Sache zurück. Aber Sie werden schon bemerken, wenn Sie versuchen, von allem Sinnesinhalt abzusehen, daß in den weitaus meisten Fällen und bei den weitaus meisten Menschen eine gewisse Tendenz vorhanden ist, dann in eine Art Schlafzustand zu versinken; das heißt aber eben, das Ich abdämpfen. Man kann schon bemerken, daß das Ich-Bewußtsein, so wie es im Tagwachen waltet, wesentlich geknüpft ist an die Anwesenheit von Sinnesinhalt. So daß wir sagen können: Wir erleben zu gleicher Zeit mit dem Sinnesinhalt unser Ich. Wir erleben eigentlich für das alltägliche Bewußtsein nicht anders unser Ich als mit dem Sinnesinhalt. So weit der Sinnesinhalt reicht, ist Ich-Bewußtsein vorhanden, und so weit — wenigstens eben für das gewöhnliche Leben — Ich-Bewußtsein vorhanden ist, so weit reicht der Sinnesinhalt. Es ist durchaus zunächst gerechtfertigt, wenn man vom Standpunkte dieses alltäglichen Bewußtseins ausgeht, das Ich nicht zu trennen von dem Sinnesinhalt, sondern sich zu sagen: Indem Rot, indem dieser oder jener Ton, indem diese oder jene Wärmeempfindung, Tastempfindung, diese oder jene Geschmacks-, Geruchsempfindung vorhanden ist, ist auch das Ich vorhanden, und insofern diese Empfindungen nicht vorhanden sind, ist auch das Ich, wie es im gewöhnlichen Wachzustand erlebt wird, nicht vorhanden.
[ 6 ] Ich habe das öfter als einen Befund der Seelenbeobachtung hingestellt. Insbesondere deutlich habe ich es einmal hingestellt in einem Vortrage, den ich gehalten habe beim Philosophenkongreß in Bologna 1911, wo ich versuchte zu zeigen, wie eigentlich das, was als Ich erlebt wird, nicht abgetrennt werden sollte von dem ganzen Umfang der Sinneserlebnisse. Wir müssen daher sagen: Das Ich ist im wesentlichen zunächst gebunden — ich rede immer vom Erleben — an die Sinneswahrnehmungen. Nicht wahr, wir betrachten jetzt nicht das Ich als Realität; wir wollen im Gegenteil erst im Verlauf dieser drei Vorträge, heute, morgen und übermorgen, auf das Ich als Realität hinweisen. Wir wollen jetzt zunächst allein auf das eingehen, was wir im Bereiche unseres Lebens das Ich-Erlebnis nennen.
[ 7 ] Sie wissen, wie schwierig es wird, in abstrakten Vorstellungen zu leben, in Vorstellungen, die nicht getränkt sind von dem Inhalte der Sinneserlebnisse. Das geht so weit, daß es viele Philosophen gibt, die überhaupt behaupten, daß ein solches sinnlichkeitsfreies Denken, ein Vorstellen, ohne daß zugleich anwesend wären irgendwelche Sinneswahrnehmungen, wenn es auch nur von innen heraus reflektierte Sinneswahrnehmungen sind, gar nicht mögich sei. Nun aber, bei wirklicher Seelenbeobachtung wird es ja bald klar, daß allerdings das innere Erleben sich nicht in den Sinneswahrnehmungen erschöpft, daß wir eben einfach vordringen von den Sinneswahrnehmungen zu dem, was wir Vorstellungen nennen. Das reine Bild des Vorstellens bekommen wir ja allerdings nur dann, wenn wir klar darauf sehen, was da wird aus einem Komplex von Sinneswahrnehmungen, von denen wir uns abgewendet haben und die wir hinterher doch noch vorstellen, allerdings jetzt mit Zuhilfenahme derselben Kräfte, die uns sonst bei der Erinnerung dienen. Nicht darf natürlich behauptet werden, daß nicht der Inhalt der Sinneswahrnehmungen in diese Vorstellungen hineingeht. Aber die Aktivität, die zu beobachten ist im menschlichen Seelenleben, ist eine andere, wenn wir im Zusammenhange mit der Außenwelt eine Sinneswahrnehmung erleben, oder wenn wir diese Sinneswahrnehmung bloß vorstellen.
[ 8 ] Aber dieses Vorstellungsleben, es führt uns in hohem Grade ab von dem, was gerade das Wesentliche unseres Ich-Erlebnisses im Sinneswahrnehmen ist. Wir können nicht sagen, daß wir in demselben Sinne ein starkes Ich-Bewußtsein haben, wenn wir bloß vorstellen; im Gegenteil, es spielt beim bloßen Vorstellen immerfort das herein, daß dieses Ich-Erlebnis sich verdunkeln will, was eben in dem Übergang in einen träumerischen Zustand oder sogar in eine Art schlaftrunkenen Zustand beim bloßen Vorstellen sich äußert. Wir tauchen tiefer in unser Inneres hinein, wenn wir bloß vorstellen, als wenn wir im Zusammenhange mit der Außenwelt in der Sinneswahrnehmung leben. Es muß da verwiesen werden auf die Selbstbeobachtung jedes einzelnen. Man wird bemerken können, wie die Tendenz vorliegt, das Ich abzudämpfen, wenn die Sinneswahrnehmung abgedämpft ist. Wir dringen dann eben vor, wenn wir an das Sinneserlebnis die Vorstellung anknüpfen, von unserem Ich in unseren astralischen Leib hinein.
[ 9 ] So daß wir sagen können: Ebenso wie das Leben in der Sinneswahrnehmung zusammengehört mit dem Ich-Erlebnis, so gehört das Vorstellungserleben zusammen mit dem astralischen Leibe. Vor allen Dingen drückt sich dieses Abdämpfen des Ich dadurch aus — und das ist eigentlich das Bedeutsamste, an das man anknüpfen muß, wenn man einsehen will, was ich eigentlich jetzt ausführe —, daß wir, indem wir beim Sinneswahrnehmen bleiben, etwas ganz Individuelles haben. Der Komplex von Sinneswahrnehmungen, den wir gerade vor uns haben, ihn kann kein zweiter genau so vor sich haben. Er ist eben etwas ganz Individuelles, und an diesem ganz Individuellen haben wir zugleich unser Ich-Erlebnis. Insofern wir aufsteigen zum Vorstellungserleben, haben wir ja zugleich die Macht, zu etwas Allgemeinerem zu kommen, zum Beispiel Abstraktionen zu bilden, die dann in derselben Gestalt sich mitteilen lassen an andere, für die andere das gleiche Verständnis haben wie wir. Für das, was wir individuell während unseres ganzen Lebens an Sinneswahrnehmungen haben, können wir sogar nur selbst Verständnis haben; für das aber, was wir daran an Vorstellungen anknüpfen, ergibt sich uns eine solche Gestalt, daß sie allgemeiner gilt, daß sie gewissermaßen einer größeren Anzahl von Menschen mitgeteilt werden kann.
[ 10 ] Das bezeugt aber schon, daß das Ich sich abdämpft, indem wir von dem Sinneserleben zu dem Vorstellungserleben aufrücken. Doch wir gehen zu gleicher Zeit tiefer in uns hinein; das ist ja auch ein unmittelbares Erlebnis. Nun, indem sich aber die Vorstellungen, oder besser gesagt das, was sich zu ihrer Entstehung in uns abspielt und was wir zunächst für heute unbestimmt lassen wollen, indem sich das fortentwickelt, werden aus den Vorstellungen Erinnerungen. Vorstellungen verschwinden eigentlich zunächst aus unserem Bewußtsein. Aus irgendwelchen Untergründen herauf — wir wollen sie heute unbestimmt sein lassen — ergeben sich Tatsachen, in deren Folge wir dieselben Vorstellungen hervorrufen können.
[ 11 ] Das ist einzig und allein das, was wir behaupten können. Nicht wahr, man kann, wenn man beim Tatbestand bleibt, nicht mit denjenigen Psychologen gehen, die etwa sagen: Die Vorstellungen gehen dann ins Unterbewußtsein hinunter, da gehen sie spazieren, ohne daß das Bewußtsein etwas davon weiß, und wenn man sich erinnert, dann spazieren sie wiederum herauf. — Das ist ja nicht der Tatbestand. Nichts spricht zunächst dafür, daß eine Vorstellung, die ich mir vor drei Jahren gebildet habe, fortexistiert hat bis zum heutigen Tage und irgendwo spazierengegangen ist in den Untergründen der Seele, dann heute wiederum, wenn ich mich erinnere, heraufkommt. Sondern das einzige, was gesagt werden darf, wenn man genau sprechen will, ist dieses: Damals habe ich mir die Vorstellungen gebildet; diejenigen Fähigkeiten, die sich angeschlossen haben an dieses Vorstellungsbilden, diese Fähigkeiten sind in ihrem weiteren Verlauf dazu geeignet, daß heute diese Vorstellung wiederum bewußt in mir hervortreten kann. Das ist einzig und allein der Tatbestand. Und würde man überall geneigt sein, die genauen Tatbestände anzufassen, so würde es ganz gewiß viel weniger Theorien und Hypothesen in der Welt geben, als es gibt. Denn gerade mit Bezug auf das, was ich jetzt hier ausführe, glauben ja die meisten Menschen, daß das, was sie einmal als Vorstellung sich gebildet haben, irgendwo im Unbestimmten herumlebt und dann wiederum heraufspaziert.
[ 12 ] Aber wir wissen auch, daß die Vorstellung, die man in Anknüpfung an ein Sinneserlebnis bildet, eben vorübergehend ist, und daß, wenn das auch bisweilen sich kaschiert, doch eine innere Kraft entfaltet werden muß, die erlebt werden kann, wenn ein vergangenes Erlebnis in der Erinnerung wiederum Vorstellung wird. Es sitzt eben dasjenige tiefer in uns, was da die Veranlassung zu Erinnerungsvorstellungen wird, als die gewöhnliche an eine Sinnesempfindung angeknüpfte Vorstellung. Sie ist in unserer Organisation begründete Erinnerungsvorstellung. Sie hängt ja auch mit demjenigen zusammen, was wir als zeitliches Wesen sind. Wir wissen, daß Vorstellungen in verschiedener Weise erinnerbar sind, je nachdem sie mehr oder weniger weit in der Zeit zurückliegen. Wenn wir alle die Tatsachen, die da in Betracht kommen, zusammenfassen, so müssen wir uns sagen: Jedenfalls ist das, was in einer an eine Sinneswahrnehmung angeknüpften Vorstellung gelebt hat, in den Zeitenstrom eingezogen, in dem wir selbst leben. Gewisse Empfindungen, die wir durchaus haben, während eine Erinnerung herauftaucht, sagen uns, wie eigentlich mit unserer ganzen Organisation zusammenhängt das Erinnern. Wir wissen ja auch, wie in den verschiedenen Lebensaltern, also in der Zeitenfolge unseres Lebens zwischen Geburt und Tod, die Kraft des Erinnerns eine größere oder geringere ist.
[ 13 ] Wenn wir alle diese Tatsachen verfolgen, dann werden wir uns sagen können, daß, ebenso wie die Kraft des Vorstellens in dem astralischen Leibe, die Kraft des Erinnerns in dem Ätherleibe liegt. So daß wir etwa, wenn wir das Erinnern in dem Worte Gedächtnis zusammenfassen, sagen können: Das Gedächtnis ist ebenso mit dem Ätherleib eins, wie das Vorstellungsleben mit dem Astralleib, das Sinneswahrnehmen mit dem Ich eins ist. Jedenfalls wird das, was dem Vorstellen zugrunde liegt, in den Zeitverlauf unseres Daseins aufgenommen. Geradeso wie unser Wachstum, unsere Fortentwickelung zwischen Geburt und Tod in einem gewissen Zeitenstrome drinnen ist, so ist das, was als Erinnerung sich da erlebt, das, was als Gedächtnis sich darlebt, in diesem selben Strom drinnen und wir fühlen dieZusammengehörigkeit. Nun tritt allerdings dann etwas zu denjenigen Dingen hinzu, die ich bis jetzt besprochen habe, und die schon bei einiger subtiler Aufmerksamkeit in treuer Selbstbeobachtung von jedem gefunden werden können. Daß das Ich mit dem Sinneswahrnehmen zusammenhängt, das ist eine ganz offenkundige Tatsache, und derjenige, der sie nicht zugibt, der will eben einfach eine ganz offenkundige Tatsache nicht beobachten. Daß das Vorstellungserleben mit dem astralischen Leibe zusammenhängt, das ist etwas, worauf man auch noch durchaus mit dem gewöhnlichen Beobachten kommen kann. Ein feineres Beobachten gehört allerdings schon dazu, wenn man gewissermaßen die Zusammengehörigkeit von Ätherleib und Gedächtnis prüfen will. Aber man kann auch da noch sogar, ich möchte sagen, naturwissenschaftlich zurechtkommen, namentlich wenn man pathologische Fälle, Gedächtnisstörungen und dergleichen beobachtet und sieht, wie sie zusammenhängen mit Wachstums-, mit Ernährungsstörungen namentlich. Und die Ernährungskräfte müssen wir ja durchaus in derselben Richtung liegend betrachten wie die Wachstumskräfte oder wie die Reproduktionskräfte. Man kann schon durchaus eine Beobachtungsreihe zusammenstellen, die dieses Gebundensein des Gedächtnisses an den Ätherleib noch ins Auge fassen läßt.
[ 14 ] Dagegen ergibt sich das, was ich jetzt hinzuzufügen habe, allerdings erstder imaginativen Beobachtung, und es kann, ich möchte sagen, höchstens noch geahnt werden von der gewöhnlichen Beobachtung. Aber wenn es durch imaginative Beobachtung gefunden ist, so ergibt der ganze Zusammenhang, in den man diese Dinge hineinstellen kann, für den gesunden Menschenverstand durchaus die Richtigkeit der Sache. Wir dringen gewissermaßen von außen gehend nach innen immer weiter in unser eigenes Wesen hinein, wenn wir ausgehen von Sinneswahrnehmung und Ich, Vorstellungserleben und Astralleib, Erinnerungserleben und Ätherleib, und dann in den physischen Leib hinuntertauchen.
[ 15 ] Im physischen Leibe, da haben wir es allerdings zu tun mit etwas, was noch mit der Erinnerung zusammenhängt, aber doch nicht so wie der Atherleib. Man kann zu Hilfe nehmen, um das besser einzusehen, was der imaginativen Beobachtung vorliegt und was ich gleich charakterisieren will, man kann zu Hilfe nehmen das Ergebnis, das ja bei manchen krankhaften Störungen vorliegt. Es erhält dann der Mensch in seinen physischen Leib hinein gewisse Neigungen, ich möchte sagen, Tendenzen; sie brauchen nicht so weit zu gehen, daß unwillkürliche Bewegungen, Zuckungen entstehen, sie könnten natürlich so weit gehen, daß es bis zum Tode kommt, aber das gehört eigentlich schon auf ein anderes Feld. Wenn unwillkürliche Bewegungen eintreten, ich möchte sagen, unschuldigerer Art, dann kann derjenige, der überhaupt eingehen will auf solche Sachen, schon sehen, daß in einer gewissen Kategorie von unwillkürlichen Bewegungen Nachwirkungen liegen von Erlebnissen. Wenn jemand die Neigung zeigt, mit seinen Fingern dieses oder jenes gewohnheitsmäßig, aber unwillkürlich auszuführen, so kann man immer hinweisen, wenn man nur genügend Untersuchungsunterlagen hat, wie dieser oder jener Erlebniskomplex gerade zu diesen Dingen führt. Es dürfen nicht über einen gewissen Grad der Unwillkürlichkeit hinausgehende Bewegungen sein, sondern, ich möchte sagen, halb unwillkürliche Bewegungen.
[ 16 ] Sehen Sie, da ist es so, daß dasjenige, was erlebt worden ist, zu stark sich im physischen Leibe abdrückt; es darf sich noch abdrücken im ätherischen Leibe, aber nicht zu stark im physischen Leibe. Wenn es sich zu stark im physischen Leibe abdrückt, dann kommt dieser physische Leib unter den Einfluß der Erinnerungen. Das darf er nicht. Die imaginative Beobachtung zeigt uns, daß, was im Gedächtnis wirkt, im Ätherleib noch Bewegung ist, im Ätherleib gewissermaßen noch Bewegungsentwickelung ist. Im physischen Leibe staut es sich. Es darf nicht den physischen Leib völlig durchdringen; es muß vom physischen Leib zurückgestoßen werden.
[ 17 ] Wenn ich ein Schema aufzeichnen wollte, so würde es so sein: Nehmen wir einmal an, wir haben hier den physischen Leib (siehe Zeichnung, rot), wir haben hier den Ätherleib (orange), wir haben hier den astralischen Leib (grün),und wir haben endlich hier das Ich (weiß). Jetzt wirkt ein Sinneserlebnis. Dieses Sinneserlebnis wird zunächst aufgenommen in das Ich. Es wird die Vorstellung daran geknüpft, indem es sich einlebt in den astralischen Leib; es wirkt die Kraft, die dann die Erinnerung möglich macht, indem es sich einlebt als Bewegung in den Atherleib. Nun muß es sich aber stauen. Es darf nicht weitergehen, es darf nicht den physischen Leib ganz durchdringen, sondern muß sich hier stauen. Im physischen Leib entsteht nämlich, natürlich zunächst ganz unbewußt, von dem, was in der Erinnerung lebt, ein Bild. Das Bild ist gar nicht ähnlich dem, was das Erlebnis war, es ist eine Metamorphose; aber es entsteht ein Bild. So daß gesagt werden muß: Ebenso wie mit dem Atherleib das Gedächtnis verbunden ist, so ist mit dem physischen Leib ein wirkliches inneres Bild verbunden. — Wir haben immer im physischen Leib, wenn sich solch eine Bewegung staut, die vom Ätherleib ausgeht, eine Imprägnierung, ein Bild; dieses Bild kann natürlich erst erreicht werden mit imaginativem Vorstellen. Da sieht man, wie in der Tat der physische Leib der Träger wird von all diesen Bildern. Sie können sagen: Aber ich kann ja unmöglich zum Beispiel in meinem physischen Leibe das Bild eines Kirchturms haben! — Ich will Ihnen zunächst eine Vorstellung davon geben, wie Sie doch in Ihrem physischen Leib das Bild eines Kirchturms haben können, indem ich Ihnen die Sache bildhaft nahe bringe.
[ 18 ] Nehmen Sie an, Sie haben meinetwillen vor sich ein Gesicht, und dieses Gesicht, das lassen Sie sich abspiegeln in irgendeinem Spiegel, der das Gesicht ganz entstellt (es wird gezeichnet). Nehmen wir an, da entsteht etwas Furchtbares drinnen, etwas Schreckliches. Nun meine ich nicht, daß von dem äußeren Erlebnis, sagen wir eines Kirchturmes, so etwas Schreckliches als Imprägnierung im physischen Leibe entsteht, aber jedenfalls muß natürlich etwas Unähnliches entstehen. Nun denken Sie einmal, wenn Sie hier von dieser schönen Stirn so ein Ungetüm bekommen, so ist das hervorgerufen durch die Krümmung des Spiegels. Wenn nun hier die Möglichkeit besteht, mit dieser Krümmung des Spiegels zu rechnen, so können Sie — wenn Sie auch gar nicht jetzt dieses Gesicht vor sich haben — aus der Karikatur in Verbindung mit der Krümmung des Spiegels sich das Gesicht rekonstruieren. Sie können also, wenn Sie die Natur des karikierenden Spiegels verstehen, durch den Sie die Karikatur bekommen, sich das schöne Gesicht rekonstruieren. So muß auch gar nicht im Inneren des Menschen irgend etwas einem Kirchturm oder einem Drama Ähnliches vorhanden sein, das man erlebt hat oder dergleichen, sondern was da entsteht in Verbindung mit der Natur des ganzen Menschen, macht natürlich dann möglich, die Sache in derselben Weise zu rekonstruieren.
[ 19 ] Also davon kann kein Einwand hergenommen werden, daß ja natürlich, weil die Welt groß ist und anders gestaltet als das Menscheninnere, im Menscheninneren nicht eben das Bild da sein kann. Das Bild ist da, und Bild ist gewissermaßen im Menschen das letzte, wobei das äußere Erlebnis ankommt. Das andere, Vorstellen, Erinnern, sind Durchgangsmomente. Es darf nicht, was wir an der Außenwelt erleben, einfach durch uns durchgehen. Wir müssen ein Isolator sein; wir müssen es zurückhalten, und das tut zuletzt unser physischer Leib. Unser astralischer Leib verändert es, macht es blaß in der Vorstellung; unser Ätherleib nimmt ihm allen Inhalt und enthält nur die Möglichkeit, es wiederum hervorzurufen. Aber das, was in uns eigentlich bewirkt wird, das drückt sich bildhaft in uns ein. Mit dem leben wir weiter. Aber wir dürfen es nicht durch uns durchlassen. Nehmen wir an, wir würden die Vorstellung gleich durchlassen, so würde sie nicht gewissermaßen elastisch zurückgeworfen durch den Ätherleib; sie würde durch den Atherleib durchgehen, durch den physischen Leib durchgehen, wir würden in der Welt immer so herumzappeln, wie die Ereignisse uns das gebieten. Bei Komplizierterem läßt sich das gar nicht gut beschreiben, aber wenn ich zum Beispiel sehen würde, wie ein Mensch von rechts nach links sich bewegt, so würde ich gleich von links nach rechts tanzen, gleich alles nachmachen wollen, was ich sehe. Ich würde in mir, in meiner Gestalt alles dasjenige nachahmen wollen, was ich äußerlich erlebe. Es ist eben dieses angekommen zuerst im astralischen Leib, der gewissermaßen schon lähmend wirkt, dann in dem elastisch zurückwerfenden Ätherleib, dann namentlich in dem die ganze Sache stauenden physischen Leibe. In diesem ist eine Isolierung desjenigen da, was ich von außen wahrnehme. Und auf diese Weise wirkt das in mir, was ich an der Außenwelt erlebe.
[ 20 ] Daran, daß man weiß, der Mensch besteht aus physischem Leib, Atherleib, astralischem Leib und Ich, kennt man ein Schema; aber darauf kommt es an, daß man dann in dieses Schema hineinfüllt die konkreten Ergebnisse, also hier Sinneswahrnehmen, Vorstellen, Gedächtnis und dann das ganz konkrete Bild. Das gibt erst diesen schematischen Begriffen Inhalt. Und immer mehr und mehr muß man zu einem solchen Inhalt kommen, wenn man zum Verständnis dessen aufrücken will, was in der Welt Wirklichkeit ist. Man kann zum Beispiel nicht sagen: Ja, da gliedert man den Menschen in physischen Leib, Atherleib, Astralleib und Ich, als ob es da Grenzen gäbe! — Man behauptet zunächst ja gar nicht, wenn man ein vernünftiger Mensch ist, daß es andere Grenzen gibt als die, die sich ergeben, wenn man die Bildentstehung nimmt, das Gedächtniserleben, das Vorstellungserleben und das Sinneswahrnehmungserleben. Aber man muß für die Unterschiede dieser vier Erlebnisarten ein unbefangenes Auffassungsvermögen haben.
[ 21 ] Das ist zunächst die eine Art, wie man sich an diese Dinge heranmachen kann. Nun aber wollen wir uns dem Menschen und seinem Verhalten zur Welt von einer andern Seite nähern. Nehmen Sie an, wir gehen herum. Indem wir herumgehen — ich habe das schon einmal hier in einem andern Zusammenhange berührt —, können wir in der äußeren Beobachtung keinen Unterschied machen zwischen unserem Herumgehen und zwischen der Bewegung, in der sich ein unbelebter Gegenstand befindet. Ob ich schließlich einen geworfenen Stein in seiner Bahn äußerlich betrachte bloß in bezug auf die Bewegung, oder ob ich einen Menschen, der läuft, beobachte — wenn beide die gleiche Geschwindigkeit haben, so ist zunächst für das äußere Bild dasselbe Faktum vorliegend. Wenn ich von allem andern absehe, nur den in Bewegung befindlichen Körper ansehe, so habe ich es zu tun bei dem Stein sowohl wie beim Menschen mit Ortsveränderung. Ich beobachte diese Ortsveränderung, diese Geschwindigkeit. Und dies ist letzten Endes im Grunde genommen das, was wir im Bewußtsein haben von unserer Bewegung im gewöhnlichen Leben; denn wir müssen unterscheiden zwischen der Absicht, eine Bewegung auszuführen und der wirklichen Bewegung. Wenn ich eine Bewegung denke, so kann ich ganz ruhig bleiben. Ich kann mich in Bewegung denken, und wenn ich einigermaßen Phantasie habe, so kann ich mich bewegt vorstellen. Die Vorstellung, die ich dann habe, wenn ich mich wirklich bewege, die braucht sich ja gar nicht zu unterscheiden von der Phantasievorstellung, die ich habe, wenn ich ruhig bin und mich bloß bewegt denke.
[ 22 ] Also wir müssen sehr sorgfältig unterscheiden zwischen dem Denken von unseren Bewegungen und unseren wirklichen Bewegungen. Aber diese wirklichen Bewegungen, sie stellen wir uns ja auch nur äußerlich vor, gar nicht anders als wir unbewegte Gegenstände vorstellen. Wir sehen, wie wir dadurch andere Entfernungen bekommen von diesen oder jenen Gegenständen. Wir konstatieren unsere Bewegungen ganz äußerlich; das kommt dazu. Und wenn wir von Bewegungen sprechen — ich will mich jetzt nicht einlassen darauf, ob nun hier eine hypothetische Vorstellung oder eine mehr oder weniger begründete Vorstellung vorliegt, das ist Sache eines andern Kapitels —, aber wenn wir Bewegungen vorliegend haben, so haben wir auch Kraft vorliegen.
[ 23 ] Ich will also zunächst mich nur ganz an den gewöhnlichen Tatbestand halten: Wo Bewegung vorliegt, liegt natürlich die Entfaltung einer gewissen Kraft vor. So daß wir sagen können: Der bewegte Mensch entfaltet eine gewisse Kraft. — Wir können nicht von mehr sprechen als von Kraft, und müssen diese Kraft, die er entfaltet, auch identifizieren mit irgendeinem, selbst unorganischen Gegenstande. Betrachten wir also nur den physischen Leib, entweder als Ganzes oder in seinen einzelnen Teilen; indem er sich bewegt, bewegt er sich wie irgendein anderer lebloser Gegenstand. Also indem wir uns in Bewegung denken und auf den physischen Leib sehen, können wir hier nur von Kraft sprechen.
[ 24 ] Anders schon wird die Sache, wenn wir nun beginnen, ins Innere der Wesenheit hineinzuschauen. Wir müssen uns ja klar sein darüber: Während wir eine Bewegung ausführen, gehen in uns innere Vorgänge vor. Es werden Stoffe verbraucht. Es geht etwas vor, was einen Zusammenhang hat mit den Wachstums-, mit den Ernährungs-, Reproduktionskräften. Das sind Kräfte, die wir nicht in derselben Weise ansprechen können, wie wir ansprechen die Kräfte, die wir wahrnehmen bei einer äußeren Bewegung eines unbelebten Körpers. Wenn wir eine Pflanze in ihrem Wachstum betrachten, so müssen wir über dasjenige, was da vorliegt, indem die Pflanze immer größer und größer wird — und für das Tier und den Menschen ist ja zunächst in bezug auf die Wachstumskräfte dasselbe vorliegend —, uns klar sein, daß die Kraftentfaltung eine andere ist als diejenige, die zugrunde liegt, wenn wir einen bloß äußerlich beobachtbaren bewegten Körper haben, sei es den äußerlich beobachtbaren bewegten eigenen Körper oder überhaupt einen menschlichen Körper. Was da vorliegt, wenn Wachstumsvorgänge stattfinden — und Wachstumsvorgänge im weiteren Sinne nenne ich auch diejenigen nun, die eben vor sich gehen, wenn wir zum Beispiel in Bewegung sind —, was da vorgeht, das müssen wir durchaus im Ätherischen, im Ätherleibe suchen. Dasjenige, was wir an der äuReren Bewegung beobachten, an dem Verhältnis des Menschen, der in äußerer Bewegung ist, zu dieser äußeren Welt, das veranlaßt uns nicht, auf den Ätherleib hinzuschauen. In dem Augenblicke, wo wir das beobachten, was innerlich vorgeht, müssen wir auf den Ätherleib hinschauen. Und wir können, wenn wir den Wachstumsbegriff so weit fassen wie ich es jetzt eben getan habe, sagen: Die spezifische Wachstumskraft, in der also auch Ernährung, Stoffverbrauch und so weiter enthalten ist, diese spezifische Kraft drängt uns dazu, nun eben schon zum Ätherleib hinaufzukommen. — Wir sehen in der Pflanzenwelt diese Wachstumskraft.
[ 25 ] Damit Sie sehen, daß die Dinge nun nicht etwa bloß erklügelt sind, sondern zugleich erhärtet werden können durch die geisteswissenschaftlichen Beobachtungen, möchte ich doch ausdrücklich sagen, daß das, was wir am wachsenden oder überhaupt sich innerlich verändernden Organismus sehen, namentlich also am Pflanzenorganismus, wo es rein hervortritt, durchaus darauf beruht, daß die Kraft, die sich sonst nur in der äußeren Bewegung äußert, zu dem, was man Ather in Wirklichkeit nennen kann, in ein gewisses Verhältnis kommt. Auch das möchte ich Ihnen bildlich nahebringen.
[ 26 ] Sie kennen das oft Erwähnte, daß ein fester Körper in einer Flüssigkeit so viel von seinem Gewichte verliert, einen Auftrieb erhält, als das Gewicht des verdrängten Wasserkörpers beträgt. Nun, die Kräfte, die zugrunde liegen den äußeren Bewegungen der physischen Körper, sind in einer gewissen Weise starr. Sie haben eine innere Starrheit, geradeso wie ein fester Körper ein gewisses Gewicht hat. Wenn Sie einen festen Körper ins Wasser geben, so verliert er von seinem Gewichte. Wenn Sie dieKräfte, die sonst die äußere Bewegung verursachen, innerlich durchdringen mit den Kräften des Äthers, so verlieren sie ihre Starrheit; sie werden innerlich beweglich. Also eine Kraft, die als bewegende Kraft des Unorganischen so groß ist und gar nicht größer werden kann, wenn sie nur eine äußere Bewegungskraft ist, die verliert, wenn sie sich nun verbindet mit dem Äther, ihre Starrheit, sie kann sich ausdehnen oder auch zusammenziehen. Und als solche Kraft ist sie dann im Wachstum, überhaupt in den innerlichen Vorgängen tätig.
[ 27 ] Dieses Archimedische Prinzip kann man nämlich so aussprechen, daß man sagt: Jeder feste Körper verliert in einer Flüssigkeit so viel von seinem Gewichte, als das Gewicht des verdrängten Flüssigkeitskörpers ist. Jede Kraft, so kann man weiterhin sagen, verliert, wenn sie sich mit den Ätherkräften verbindet, von ihrer Starrheit so viel, als die Ätherkräfte an ihr Saugkräfte sind, als die Atherkräfte ihr an Saugkräften entgegenbringen. Sie wird Bewegung, und damit wird sie das, als was sie tätig wird, sagen wir, im Pflanzenorganismus, aber auch tätig bleibt im Tierorganismus und im Menschenorganismus. Wenn wir nun weiter heraufgehen vom Ätherleib zum astralischen Leib, also in der äußeren Anschauung von der Pflanze zum Tier, so wird das, was zunächst in der Wachstumskraft eine innerlich bewegliche Kraft gewesen ist, jetzt frei — ähnlich wie ich das geschildert habe beim Freiwerden der Kräfte, die im siebenten Jahre mit dem Zahnwechsel frei werden —, innerlich frei, so daß jetzt das, was da vorgeht, nicht mehr gebunden ist an die Kräfte des festen Körpers. Was sich da als freie Kräfte äußert, sind die Instinktkräfte beim Tier und beim Menschen. So daß wir also heraufdringen zum Astralleib und das, was unten noch Kraft ist, als Instinkt bekommen. Und dringen wir herauf bis zum Ich, so wird der Instinkt Wille.
[ 28 ] Ich : Sinneswahrnehmungen Wille
Astralleib : Vorstellungsleben Instinkt
Ätherleib : Gedächtnis Wachstumskraft
Physischer Leib: Bild Kraft
[ 29 ] Diese Beziehung des Willens zu den Instinkten, die ergibt sich bei einer unbefangenen Beobachtung des gewöhnlichen Seelenlebens schon wiederum für eine vernünftige Selbstschau. Wir haben von einer andern Seite das, was hier nur ein bloßes Schema ist, mit dem erfüllt, was Erlebnisinhalt ist.
[ 30 ] Wir können sagen, wenn wir den physischen Leib betrachten, von innen stellt er sich uns dar als das, was fortwährend sich entgegenstaut den Erlebnissen und Bild wird; von außen angesehen ist er eine Kraftorganisation. Und es ist auch beim physischen Leibe richtig beobachtet so, daß er tatsächlich besteht in einem Ineinanderwirken von Kräften mit Bildern. Wenn Sie sich nämlich ein gemaltes Bild vorstellen — allerdings müßte man es sich dann räumlich vorstellen, derart, daß es jetzt nicht starres Bild, sondern innerlich bewegtes Bild ist, daß Kraft wirkt in jedem Punkt —, dann bekommen Sie etwa das, was in Wirklichkeit vorgestellt werden muß unter dem physischen Leib.
[ 31 ] Wenn Sie sich die Wachstumskräfte vorstellen von der Innenseite und sie durchtränkt denken auf der andern Seite von dem, was der Erinnerung zugrunde liegt — aber jetzt nicht als sich untereinander kaschierende Vorstellungen, sondern eben als das, was der Erinnerung zugrunde liegt —, also Atherbewegungen auf der einen Seite, die da heraufwellen, heraufstauen durch die innere Bearbeitung der aufgenommenen Nahrungsstoffe, die da heraufstauen durch die Bewegungen des Menschen, im Konflikt mit dem, was hinunterwellt aus alldem, was sinnlich wahrgenommen und Vorstellung geworden ist und dann abgeschwungen hat im Ätherleib zur Bewahrung der Erinnerung, wenn Sie sich dieses Ineinanderwirken von oben und unten denken, also desjenigen, was von der Vorstellung hinunterschwingt, und desjenigen, was von unten hinauf, aus dem Ernährungs-, Wachstums- und Eßprozeß heraufkommt, beides ineinanderspielend: dann bekommen Sie ein lebendiges Bild des Atherleibes. Und wiederum, wenn Sie sich alles das denken, was Sie selbst erleben, wenn Instinkte tätig sind, wobei Sie ja doch gut begreifen können, wie in den Instinkten wirkt Blutzirkulation, Atmung, wie das ganze rhythmische System ja dadrinnen wirkt in den Instinkten, und wie diese Instinkte abhängig sind von unserer Erziehung, von demjenigen, was wir aufgenommen haben: dann haben Sie das lebendige Ineinanderspielen desjenigen, was Astralleib ist. Und wenn Sie sich endlich denken ein Ineinanderspielen der Willensakte da sei angefacht alles das, was Wollungen bei Ihnen sind — mit dem, was die Sinneswahrnehmungen sind, so haben Sie ein lebendiges Bild desjenigen, was da als Ich ins Bewußtsein sich hereinlebt.
[ 32 ] Allein, das ist ein bloßes Schema. Man muß die Erlebnisse, wobei wir ja jetzt nur einen sehr kleinen Ausschnitt von Erlebnissen hatten, in ein Schema hineinpassen. Man muß zunächst den Schrank haben, bevor man die Gegenstände hineintun kann. Nicht wahr, der gewöhnliche Psychologe oder Physiologe, der beobachtet zunächst diese Dinge. Und wenn es jemandem passiert, daß er nun alle möglichen Wäscheund Kleidungsstücke hat, aber keinen Schrank, daß er sie alle aufeinanderlegt, nicht wahr, dann wird ja doch mit der Zeit ein Chaos daraus! Das ist ja unsere gegenwärtige Psychologie und Physiologie. Man braucht schon einen Schrank. So wie derjenige, der den Schrank macht, in einer gewissen Weise wissen soll, wie der Schrank eingeteilt sein muß, damit man da nun wirklich das hineinkriegt, was man hineintun will, so muß nun auch das, was da gegliedert wird, trotzdem es nur noch abstrakt sein kann — wie der Schrank auch, wenn er noch leer ist, abstrakt ist im Verhältnis zu dem, wenn er dann voll ist —, in einer gewissen Weise noch unerklärlich sein. Wenn irgendwo ein leerer Schrank steht, so ist er auch unerklärlich.
[ 33 ] Also Sie sehen, es gibt natürlich furchtbar viele Angriffspunkte auf Anthroposophie, je nachdem man da oder dort einsetzt. Aber man kann ja auch, und ich habe das in meiner «Theosophie» versucht, schon merken lassen, daß während man genötigt ist, zunächst den Schrank hinzustellen, da schon etwas Konkretes dazu drängt. Aber man muß dann die Geduld haben, eben aufzusteigen zu demjenigen, was Fülle hineinbringt in das Schema. Und das ist das, was immer wiederum insbesondere den Anthroposophen gesagt werden muß, man sollte nicht vor der Welt die Vorstellung hervorrufen, als ob schon alles gesagt wäre, wenn man solche abstrakten Begriffe hinpfahlt, wie physischer Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich. Wenn man bloß sagt: Der Mensch besteht aus physischem Leib, Atherleib, Astralleib und Ich —, so hat man gar nichts gesagt als vier Worte. Denn es ist natürlich ein großer Unterschied, ob dieses selbe aus der Fülle der Erkenntnis heraus zunächst gesagt wird als eine Gliederung, die man zur Hilfe nehmen kann, um etwas daran aufzureihen, oder ob dann damit so verfahren wird, daß man es dogmatisiert und als Dogmen mitteilt.
[ 34 ] Daher macht es einen so abstoßenden Eindruck, wenn einfach tradiert wird: Der Mensch besteht aus physischem Leib, Ätherleib, astralischem Leib und Ich. Es kommt überall dabei darauf an, wie man solche Sachen sagt. Man braucht nicht so weit zu gehen, wie einmal in einem anthroposophischen Vortrage gesagt worden sein soll: Der Einfachheit halber teilen wir den Menschen in sieben Glieder ein. — Der Unfug ist schon groß, wenn man glaubt, irgend etwas Reales zu treffen, indem man nur irgendein Schema hinstellt. Es ist zunächst dazu da, damit man Richtungslinien hat, innerhalb derer die Beobachtungen gemacht werden können.
[ 35 ] Nachdem ich Ihnen gezeigt habe, wie man gewisse gangbare Begriffe, wie Wille, Gedächtnis und so weiter in das anthroposophische Begriffsschema hineinbringen kann, werden wir morgen zu einer weiteren Betrachtung des Menschen aufsteigen.
