Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist II
Der Mensch als geistiges Wesen im historischen Werdegang
GA 206
13 August 1921, Dornach
Einundzwanzigster Vortrag
Wir haben uns gestern damit beschäftigt, die Wirkungsweise des Menschen in seinen verschiedenen Gliedern — physischem Leib, Ätherleib, astralischem Leib und Ich-Träger — zu betrachten, indem wir dabei Rücksicht genommen haben auf das, was eigentlich aus der Seele des Menschen heraus in diesen Gliedern eben vor sich geht. Sie haben gesehen, daß wir dabei insbesondere Wert legen mußten einerseits auf die Betrachtung der Sinneswahrnehmung und wie der Mensch seinem Ich nach in dieser Sinneswahrnehmung lebt, und auf der andern Seite hat uns das Erinnern mehr in das Innere des Menschen selbst hineingeführt. Hier liegt etwas vor, was genau betrachtet werden muß, und ich muß schon heute den Anspruch stellen, daß Sie mir in vielleicht schwieriger zu begreifende Gebiete folgen, weil ja nur durch ein solches Begreifen ein ernstes Verständnis dessen möglich ist, was eigentlich mit dem Wesen des Menschen zusammenhängt. Stellen wir noch einmal vor unsere Seele einiges von dem, was gestern gesagt worden ist.
[ 1 ] Für das gewöhnliche Bewußtsein lebt das Ich in der Sinneswahrnehmung. So weit unsere Sinneswahrnehmungen reichen, so weit reicht zunächst dieses gewöhnliche Ich-Bewußtsein. Ich sage nicht das Ich, ich sage das Ich-Bewußtsein.Und anknüpfen tun wir an das, was wir erleben als Ich und Sinneswahrnehmung, unsere Vorstellungserlebnisse. Mit diesen Vorstellungserlebnissen leben wir in unserem astralischen Leibe.
[ 2 ] Stellen wir noch einmal die Sache schematisch vor uns hin. Wir haben im Ich-Bewußtseinsgebiet die Sinneswahrnehmung, haben also unser Ich in dieser Sinneswahrnehmung betätigt, gewissermaßen dann diese Tätigkeit über unseren astralischen Leib ausgedehnt und erleben da die Vorstellungen. Wir haben dann gesehen, durch die Tätigkeit unseres Ätherleibes werden uns die Erinnerungen. Und im physischen Leibe bilden sich — das habe ich gestern gesagt — alle Bilder. Nun handelt es sich darum, daß wir versuchen, etwas zum Bewußtsein zu bringen, was eben schon zum Bewußtsein gebracht werden kann bei subtiler Innenbetrachtung. Wenn Sie gewissermaßen den geistigen Blick hinwerfen auf das Feld der Sinneswahrnehmungen und sich durchdringen damit, wie das IchBewußtsein sich darinnen entfaltet, dann werden Sie sich sagen: Für die Sinneswahrnehmungen werden wir von außen angeregt. — Also wenn ich schematisch das Verhältnis des Menschen zu seinen Sinneswahrnehmungen zeichnen will, so muß ich eigentlich so zeichnen, daß ich sage: Wenn hier Außenwelt ist, so werden von der Außenwelt die Sinneswahrnehmungen angeregt (siehe Zeichnung, blau), aber in diesen Sinneswahrnehmungen drinnen, die da angeregt werden, lebt das Ich (orange). Es ist also durchaus damit schon gegeben, daß wir eigentlich nicht sagen sollten: Unser Ich ist, insofern wir seiner bewußt werden, in uns drinnen —, sondern: Wir erfahren es von außen herein. — Geradeso wie wir die Sinneserlebnisse von außen herein erfahren, so erfahren wir unser Ich selber von außen herein. Es ist also eigentlich eine Illusion, davon zu sprechen, daß unser Ich in uns drinnen ist. Wir atmen gewissermaßen, wenn ich mich so ausdrücken darf, das Ich mit den Sinneswahrnehmungen ein, wenn wir uns das Ergreifen der Sinneswahrnehmungen als ein feineres Atmen denken. So daß wir uns schon sagen müssen: Dieses Ich, das lebt eigentlich in der Außenwelt und erfüllt uns durch die Sinneswahrnehmungen, erfüllt uns dann weiter, indem sich an die Sinneswahrnehmungen (orange), vordringend bis zum astralischen Leibe, nun angliedern die Vorstellungen (gelb).
[ 3 ] Sie sehen also: Wollen Sie sich in der richtigen Weise dieses Verhältnis des Ich zu dem vorstellen, was man gewöhnlich Mensch nennt und was man sich innerhalb der Haut begrenzt denkt, so müssen Sie sich eigentlich — wenn ich zunächst das Auge als Repräsentanten der Sinneswahrnehmungen hier zeichne — hier vorstellen, daß das Ich nicht im Inneren ist, sondern daß das Ich hier außen lebt und vordringt durch die Sinne nach innen. Wir geben uns gewöhnlich der Illusion hin, daß unser Ich innerhalb desjenigen liegt, was wir unseren physischen Organismus nennen. Aber das Ich ist eigentlich im Verhältnis zu diesem physischen Organismus in der Außenwelt gelegen und streckt gewissermaßen seine Fangarme nach unserem Inneren vor, zunächst im Vorstellen, nach dem astralischen Leibe oder bis zum astralischen Leibe.
[ 4 ] Fassen wir nun etwas genauer die Welt der Erinnerungen ins Auge. Die Erinnerungen werden von dem, was wir unser Inneres nennen, emporgetrieben. Indem sie emporgetrieben werden, stellen sie zunächst eine Betätigung im Ätherleibe dar, und die regt wiederum Vorstellungen an im astralischen Leibe; doch kommen die jetzt umgekehrt (siehe Zeichnung Seite 135, Pfeile). Aber sie müssen zuletzt stammen aus dem, was im physischen Leibe die Bilder sind.
[ 5 ] Nun merken Sie also, daß, ausgehend vom physischen Leibe, zum Atherleib die Erregung strömt, welche der Erinnerung zugrunde liegt, und indem das Ich darinnen ist, ist das Ich auch hier. Ich muß also die Sache so zeichnen, daß ich schematisch nicht nur das Ich hier außen denke, sondern daß das Ich allerdings auch im physischen Leibe ist (rötlich) und vom physischen Leibe aus die Erinnerungen (grün) anregt, die dann zu Vorstellungen werden (gelb).
[ 6 ] Sie sehen also, ich kann eigentlich mit dem Schema, das ich da gezeichnet habe, gar nicht auskommen. Ich müßte anders zeichnen. Ich müßte sagen: Ich, astralischer Leib, Ätherleib, physischer Leib. Wenn ich aber die Erinnerung ins Auge fasse, dann müßte ich dasjenige, was da oben als Ich ist, auch noch in den physischen Leib hineinlegen. Es ist zu gleicher Zeit abgesondert für sich, und es erfüllt auf der andern Seite auch noch den physischen Leib. Sie sehen, durch die sorgfältige Erkenntnis desjenigen, was im Menschen vorgeht, ist es möglich, sich eine Vorstellung zu verschaffen von der Eingliederung dieses Ich, wie es auf der einen Seite in der Außenwelt ist, auf der andern Seite im Inneren.
[ 7 ] Und jetzt fassen Sie folgenden Vorgang ins Auge. Denken Sie sich einmal, Sie treffen einen Menschen auf der Straße, da haben Sie die Sinneswahrnehmung des Menschen. Ihr Ich ist darinnen, aber gleichzeitig tritt die Erinnerung auf von innen heraus: Sie erkennen den Menschen wieder. Die Erinnerung ist da von innen kommend, und von außen kommen die Sinneswahrnehmungen. Die greifen ineinander. Dieses Phänomen des Ineinandergreifens, das haben nun schon die alten instinktiv befähigten Geistesforscher gekannt. Wir holen es wiederum aus der Summe der Tatsachen hervor. Es ist das, was ich Ihnen jetzt wiederum aus der Summe der Tatsachen hervorhole, den alten Geistesforschern bekannt gewesen, und sie waren gewöhnt, solche Dinge in Bildern aufzuzeichnen und haben dieses, was ich Ihnen jetzt eben sagte, dieses Vorhandensein des Ich, hier das Zusammenkommen mit dem, was von außen kommt, gezeichnet als die Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Wie der Mensch mit der Außenwelt in Beziehung steht, das wurde also dargestellt als die Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Man kann, wenn man ältere Darstellungen, die aus instinktiven Schauungen hervorgegangen sind, vor sich hat, oftmals erkennen, wie in solchen Schauungen tiefe Erkenntnisse verborgen sind. Abstraktlinge kommen dann und deuten allerlei aus. Auf diese Weise kommt zuweilen furchtbar Geistvolles zustande; es hat nur keinen Wert, wenn man das aussymbolisiert und ausdeutet, weil man ja die Tatbestände dennoch nicht mit dem Verstande deutelnd erfassen kann, sondern was vorliegt, eigentlich nur finden kann, wenn man wiederum zu den Quellen selber vordringt.
[ 8 ] Wir wollen aber auch noch in einem andern Bilde uns vergegenwärtigen, was da eigentlich vorliegt. Denken wir an dieses menschliche Ich, wie es ist im Sinneswahrnehmen und im daran sich knüpfenden Vorstellen. Da ist es so, daß wir wirklich in einer Illusion leben, die auf folgende Art zustande gekommen ist. Denken Sie sich einmal, Sie hätten einen Spiegel und Sie sehen sich darinnen in diesem Spiegel, und Sie hätten, hypothetisch darf ich das voraussetzen, niemals Gelegenheit gehabt, irgendwie ein anderes Wissen zu erringen als ein solches, in welchem Sie sich immer im Spiegel gesehen haben, und das hätte Sie dazu geführt — denken Sie nur, wie das möglich sein könnte —, daß Sie sich selber verwechseln mit dem Spiegelbilde. Das Spiegelbild geht hin und her. Nun, sagen wir, Sie empfinden sich nicht innerhalb Ihrer Haut, Sie sehen aber das hin und her wandelnde Spiegelbild, und so meinen Sie: Das bin ich — und immer sagen Sie: Das bin ich. — Sie schauen eigentlich Ihr Spiegelbild an, verwechseln das aber mit sich selber. Das tut der Mensch nämlich in Wirklichkeit. Tatsächlich ist das Ich wie ein Strom, der den Sinnesreiz an den Körper heranträgt. Der Körper strahlt ihn zurück, zuerst dasjenige, worin das eigentliche Ich selber sitzt. Das Ich ist eben hier, es ist aber auch in der Außenwelt. Und es ist sogar im physischen Leibe, aber es wird Ihnen zurückgestrahlt. Der Mensch nimmt nicht sein wirkliches Ich wahr, sondern die Rückstrahlung. Er nimmt schon die Rückstrahlung wahr, indem er die Sinnesempfindung hat. Dies sind Spiegelbilder.
[ 9 ] Ich habe das genauer ausgeführt in meinem Buche «Von Seelenrätseln». Auch die Vorstellungen sind nun Spiegelbilder, sind die Zurückstrahlungen der Erlebnisse in der Außenwelt. Das Ich lebt eigentlich in der Außenwelt und erlebt sich im Bewußtsein, indem dasjenige, was es als unbewußtes Ich hineinerregt in den Leib, ihm zurückgestrahlt wird. Das ist, wenn wir die Sinneswahrnehmungen und die Vorstellung berücksichtigen.
[ 10 ] Anders steht allerdings die Sache, wenn die Erinnerung zustande kommt. Da sind wir ja wirklich hier unten in den zustande gekommenen Bildern mit unserem Ich darinnen. Da wirkt allerdings in hohem Grade ein Unbewußtes. Bedenken Sie nur, wie schwer Sie Erinnerungen heraufbringen, wie wenig Sie da mit Ihrem vollen Verstandesbewußtsein machen können. Da wirkt ein Unbewußtes. Da wirkt in der Tat — und Sie können das fühlen — eine Realität. Da ist es anders. Da verwechseln Sie allerdings nicht mehr dasjenige, was Sie sehen, mit Ihrem Ich, denn Sie fühlen sich in dieser Tätigkeit darinnen. Aber es bleibt auch sehr dunkel; es bleibt dieses Ich, wie ich ja öfter schon erwähnt habe, in einer inneren Betätigung wie ein Traum oder gar wie etwas Schlafendes, denn es wirkt der Wille dadrinnen. Und im Erinnern wirkt ja im wesentlichen der Wille. Ein Wille, der merkwürdig schwankend und wechselnd ist, wirkt dadrinnen. Und wenn wir ein Bild gebrauchen wollen, so können wir sagen: Stellen wir uns vor, daß wir mit unserem Ich geistig so hinschauen. Wenn wir dieses Wahrnehmen und Vorstellen haben, so schauen wir so her. Wenn wir Erinnerungen bilden und all dasjenige, was zu ihnen gehört, dann drehen wir uns gewissermaßen seelisch um. Es ist in der Tat, wenn wir vorschreiten von der Sinneswahrnehmung zur Erinnerung, dieser Begriff des seelischen Umdrehens ein wichtiger Begriff: seelisches Umwenden. Denn wenn Sie sich solch ein seelisches Umwenden vorstellen, so bekommen Sie ja einen inneren Begriff von Beweglichkeit.
[ 11 ] Sie können nicht mehr so einfach nebeneinander lagern Ich, astralischen Leib, Atherleib und physischen Leib. Das ist bequem, wenn man Anthroposophie vor Gruppen von Anthroposophen vorträgt, und diese recht ruhige, sanfte Vorstellungen bekommen wollen, bei denen sich gut auf Fauteuils sitzen läßt, wenn man sie aufnehmen soll. Aber so ist es nicht in Wirklichkeit. In Wirklichkeit handelt es sich darum, daß, wenn wir herangehen an die menschliche Wesenheit, indem wir das seelische Leben erfassen wollen, wir ein fortdauerndes Umwenden und Umdrehen des ganzen inneren Menschen, also des wahren Menschen ins Auge fassen müssen. Das Ich ist so,und indem es so ist, strahlt es durch die Sinneswahrnehmungen herein; indem es so ist (umgedreht), strahlt es herauf vom physischen Leib. Da müssen die Begriffe in Beweglichkeit gebracht werden.
[ 12 ] Das ist etwas, was Ihnen nun allerdings zeigt, wie wir zu Beweglichkeit, zu innerlich lebendigen Begriffen übergehen müssen, wenn wir den Menschen erfassen wollen. Denn bedenken Sie nur, wie wir in unserem gewöhnlichen Seelenleben sind! Sie brauchen sich ja nur ein ganz kleines Stück des alltäglichen Seelenlebens zu denken, da sehen Sie dies, jener das in der Außenwelt. Das ist alles Sinneswelt. Das dringt herein als Vorstellungswelt. Dabei tauchen alle möglichen Erinnerungen auf. Und Sie können sich nur vorstellen, daß, indem da Sinneswahrnehmungen stehen, Sie gewissermaßen nach der einen Seite seelisch schauen und Sie, wenn die Erinnerungen entstehen, von der andern Seite schauen. Da aber das fortwährend durcheinandergeht, so müssen Sie fortwährend die Seele in innerer wirbelnder Bewegung denken.
[ 13 ] Und das ist auch dasjenige, was als Bild zu denken ist: die Seele in innerlich wirbelnder Bewegung. Das ist es auch, was sich dem Schauen darbietet. Deshalb habe ich in meinen Büchern angedeutet und auch immer wieder und wiederum betont: Wer Zeichnungen machen will, die adäquat sind dem, was eigentlich vorliegt als die höheren Glieder der menschlichen Natur, der ist in demselben Falle wie ein Maler, der den Blitz malen will. Sowenig wie der Blitz in Wirklichkeit gemalt werden kann, so wenig kann gemalt werden, was die höhere Gliederung ist. Schon der ätherische Leib kann nicht gemalt werden in Wirklichkeit. Man kann die Sache schematisch machen, aber man kann es nicht in Wirklichkeit malen, denn es ist tatsächlich ein Ruhiges da eigentlich nicht vorhanden.
[ 14 ] Erinnerung und Eindrücke der Außenwelt, sie begegnen sich, so sagte ich. Wir haben es da mit etwas zu tun, was wirklich ganz genau erfaßt werden sollte. Wenn Sie den menschlichen physischen Leib als solchen betrachten, so ist für das Erinnern das Ich in ihm. Aber das Ich ist auch in der Außenwelt. In alldem also, was da den Sinneswahrnehmungen zugrunde liegt, ist eigentlich das Ich darinnen. Aber es ist auch im physischen Leib des Menschen. Wenn Sie allerlei Philosophien der neueren Zeit durchgehen — und diese neuere Zeit dauert schon lange —, so wird Ihnen viel gesprochen von Subjektiv und Objektiv. Man kann das auch, insofern man beim Vorstellen stehenbleibt, denn man kann ja unterscheiden dasjenige, was in einem lebt und dasjenige, was außer einem lebt. Aber wenn man tiefer in die Sache hineindringt, verlieren diese Begriffe ihre Bedeutung. Denn wodurch ist denn das, was da hinter den Sinneswahrnehmungen lebt und aus dem das Ich die Sinneswahrnehmungen hereinträgt, wodurch ist es objektiv? Genau durch dasselbe ist es objektiv, wodurch hier der physische Leib objektiv ist. Da ist kein Unterschied zwischen Subjektiv und Objektiv. Das Ich lebt ebenso in der Außenwelt, wie es im eigenen physischen Leibe lebt. Da hört der Unterschied zwischen Subjektiv und Objektiv ganz auf.
[ 15 ] Dieser Unterschied zwischen Subjektiv und Objektiv tritt erst ein, wenn wir hier oben im Vorstellen sind. Und warum tritt er hier ein? Auch nicht aus dem Grunde, aus dem man sich es gewöhnlich vorstellt, sondern hier oben tritt er ein, weil wir es nur mit Bildern zu tun haben. Wir erleben hier oben nur Bilder. Bilder sind aber an sich nichts Wirkliches. Das fühlen wir, indem wir Bilder erleben. Wir reden daher von den Bildern als etwas Subjektivem, von den Vorgängen, die den Bildern zugrunde liegen, als etwas Objektivem. Aber das können wir bei den Eindrücken der Außenwelt nicht, denn die Vorgänge, in denen das Ich lebt, sind natürlich hier objektiv, ebenso die Vorgänge, durch die das Ich wirkt, indem es die Erinnerungsbilder im physischen Leibe abgibt. Das ist alles objektiv, und wenn Sie wollen, alles subjektiv. Da fallen Subjektiv und Objektiv gänzlich durcheinander und ineinander und sind nicht mehr zu unterscheiden. Und das ist das Wichtige, denn dieser Begriff von Subjektiv und Objektiv, der beschäftigt die Leute, mit dem jongliert manche Philosophie.
[ 16 ] Nun liegt aber allerdings dem doch noch wiederum etwas Tieferes zugrunde. Der Mensch lebt zunächst in seinen Alltagserlebnissen. Da bringt er es zu einem solchen Seelenleben, wie es ja sattsam überall bekannt ist. Aber hinter alldem lebt ja natürlich eine ganz andere Welt. Ich habe geschildert in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß», wie in diese Welt eingedrungen werden kann. Dasjenige aber, in das die Geistesforschung eindringt, ist ja natürlich eine Wirklichkeit für jeden Menschen. Es ist ja immer da, ob man es weiß oder nicht. Also wenn man von der Wirklichkeit spricht, muß man damit rechnen. Wenn man nun also jene Erkenntnisse entwickelt, die sich ergeben in Imagination, Inspiration, Intuition, dann gelangt man zu dem, was in jedem Menschen vorhanden ist, was jeder Mensch fortwährend mit sich herumträgt. Steigt man, wie ich es dargestellt habe, zur Imagination empor, so hat man zunächst eine andere Seelenwelt als diejenige, die im alltäglichen Leben vorliegt. Man erhält durch die Imagination statt der gewöhnlichen abstrakten Vorstellungen Bilder — daher ist ja der Ausdruck Imagination, imaginatives Vorstellen gewählt worden —, Bilder, die deutlich bewußt werden als Bilder. Man hat gegenüber den Imaginationen durchaus das klare Bewußtsein, man habe es mit Bildern zu tun. Das ist ja der Unterschied zwischen dem, was dem Geistesforscher wirklich vorliegt, und dem, was in Träumen oder in Halluzinationen lebt: Wer in Träumen oder Halluzinationen lebt, hält seine Bilder für Wirklichkeit. Der Geistesforscher tut das niemals. Bloß diejenigen, die törichte Widerlegungen schreiben wollen, reden davon, daß das, was dem Geistesforscher vorliegt, auch Halluzination oder Traum sein könne. Der Geistesforscher verwechselt das, was ihm in Bildern vorliegt, niemals mit einer Wirklichkeit. Allein er ist sich auch klar aus der Natur dieser Bilder, daß sie nicht erfundene Bilder sind, nicht von der Phantasie aufgeworfene Bilder sind, sondern daß sie Bilder sind, die auf geistige Wirklichkeit hinweisen.
[ 17 ] Also erstens verwechselt er seine Bilder niemals mit Wirklichkeiten, sondern er ist sich klar darüber, daß diese Bilder auf geistige Wirklichkeiten hinweisen. Es gibt mancherlei, was den Menschen dazu führen kann, sich dieser Bildhaftigkeit auf der einen Seite und dieses Hinweisens der Bilder auf eine geistige Welt auf der andern Seite voll bewußt zu werden. Man hat, wenn man ein voll besonnener Mensch ist, ein klares Bewußtsein davon, daß man seine Vorstellungen selber verknüpft, selber trennt. Man muß sich nur einmal über so etwas eine genaue Besinnung verschaffen. Denken Sie sich nur, wie es anders wäre in Ihrem Seelenleben, wenn Sie nicht Vorstellungen, die Sie haben, willkürlich verbinden könnten, sondern wenn sich Ihnen diese Vorstellungen zwangsmäßig miteinander verbinden würden: Sie wären wie ein Automat. Dieses innere Fähigsein, Vorstellungen zu verbinden, zu trennen, das hört allerdings in einem gewissen Sinne auf, wenn man in die imaginative Welt eintritt. Und das muß man wissen, daß es aufhört, denn dadurch bekommt man ein klares Bewußtsein davon, daß Freiheit, so wie der Mensch sie schätzt, eben eigentlich nur in dieser physischen Welt zwischen Geburt und Tod erlebt und erworben werden kann. Dann bekommt man auch ein deutliches Gefühl davon, daß wir nicht unnötig aus geistigen Welten heruntersteigen in diese physische Welt. Lebten wir nur in den geistigen Welten, die uns sonst zugänglich sind zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, die Freiheit würden wir uns da nie erringen können. Diese Freiheit erringen wir uns innerhalb der physischen Welt. Nur Menschen, die auf die Freiheit nichts geben, die hassen oder schätzen gering diese Welt, die der Mensch zwischen Geburt und Tod durchlebt.
[ 18 ] Diese Freiheit wissen wir insbesondere dann gut zu schätzen, wenn wir sie als Kraft so entwickeln, sagen wir wie eine Erinnerung, nämlich nach dem Tode. Nur indem wir uns zurückfühlen in das irdische Leben, sind wir der Freiheit teilhaftig zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Wir müssen zusammenhängend bleiben mit dem Erdenleben, damit wir der Freiheit teilhaftig werden auch zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Das kann von dem Geistesforscher so recht empfunden werden, wenn er sich in die imaginative Welt einlebt. Würde er nicht, bevor er sich in die imaginative Welt einlebt, ganz fest stehen auf dem Boden, auf dem wir stehen innerhalb der physischen Wirklichkeit, er würde nicht im gesunden Zustand in die geistige Welt hineinkommen. Daher wird immer wieder und wiederum betont: Man muß sich in der physischen Welt gut vorbereitet haben, wenn man in die geistige Welt eindringen will. Man muß wirklich alles das sich errungen haben, was man sich in der physischen Welt im Prinzip erringen kann, nämlich nicht hingegebensein an die Instinkte, das bedeutet Unfreiheit; nicht hingegebensein an irgendwelche automatische Gewohnheitsregeln, denen sich ja der Mensch so gern unterwirft. Der Mensch muß wirklich zum Bewußtsein seiner Freiheit gekommen sein, ehe er den Eintritt in die geistige Welt haben kann. Solche Vorstellungen, wie ich sie entwickelt habe in meiner «Philosophie der Freiheit» sollte der Mensch schon in sich lebendig gemacht haben, wenn er seinen Aufstieg in die geistige Welt wirklich erreichen will. Das ist ja auch betont worden in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?»
[ 19 ] Indem gerade hier bei den Imaginationen von Bildern die Rede ist, so müssen ja diese als etwas durchaus Subjektives aufgefaßt werden. Ich möchte sagen, der Grad des subjektiven Erlebens, er ist im imaginativen Leben noch stärker als im gewöhnlichen alltäglichen Seelenleben. Es ist das Seelenleben reicher in den Imaginationen, aber es ist ein BildErleben. Man weiß, hinter diesem Bild-Erleben ist die wahre Wirklichkeit; aber man hat zunächst das Bild-Erleben.
[ 20 ] Nun lebt aber in den Bildern etwas, was sie uns gegenüber nicht so frei erscheinen läßt. Wir können nicht so verbinden und trennen, wir würden auch nicht zu einer Wirklichkeit vordringen können, wenn wir diese Bilder der imaginativen Erkenntnis so verbinden und trennen könnten, wie wir verbinden und trennen können, was wir als gewöhnliche Vorstellungen erleben. Die gewöhnlichen Vorstellungen erleben wir so: Hier ist eine Vorstellung, hier ist die zweite, hier ist die dritte Vorstellung. Wir erleben diese, wir bilden uns Verbindungen. Wir haben die Vorstellung «Rose», wir haben die Vorstellung «schön», die Vorstellung «gefällt mir». Ich bilde die Verbindung: Die schöne Rose gefällt mir. — Das, was ich hier als Verbindung bilde, ist durchaus eine innere Tätigkeit; das hängt von mir ab, darin bin ich frei. In dieser Weise ist man nicht frei in der imaginativen Welt. Wenn Sie die Bilder der imaginativen Welt haben, so ist das nicht so, daß Sie nun eine innere Betätigung fühlen, durch die Sie diese Bilder verbinden und trennen. Denken Sie nur einmal, das kann ja auch nicht sein, denn Sie fühlen sich zwar in der physischen Welt frei, Sie können verbinden und trennen, aber Sie trennen und verbinden in der physischen Welt doch so, wie es die äußere physisch-sinnliche Welt fordert. Sie haben also ein Regulativ zum Verbinden und Trennen. Ein solches Regulativ müssen Sie auch in der imaginativen Welt haben. Sie dürfen nur nicht dasjenige, was Ihnen die physische Welt diktiert hat, in diese imaginative Welt hineinnehmen. Das tun diejenigen, die Nebulisten sind, die Phantasten sind oder auch vielleicht im besten Sinne phantasievolle Menschen. Die nehmen irgendwelche Mittel der sinnlich-physischen Welt und verbinden und trennen sie nach irgendeinem Geschmacksurteil. Das mag sehr schön sein, aber kann nicht bei der imaginativen Erkenntnis geschehen. Da muß etwas da sein, was in einer solchen Weise Veranlassung gibt, ein Glied an das andere zu knüpfen, Verbindungen herzustellen.
[ 21 ] Wenn Sie nun diese Vorstellung nehmen, so werden Sie sehen: Da kommt man an etwas, was in der imaginativen Welt lebt, was in der imaginativen Welt so wirkt, wie sonst unser eigener Verstand wirkt, indem er die Vorstellungen der gewöhnlichen Welt verbindet und trennt. Da kommt man hinaus ins Objektive. Man kommt hinter die Welten, die als Sinnesempfindungen gegeben sind; aber man kommt in etwas hinein, was da verbindet und trennt.
[ 22 ] Was ist denn das? Ich möchte sagen, es erlebt sich so, daß die Imaginationen anfangen, ihr Eigenleben zu entfalten. Ich darf hier einen Vergleich gebrauchen: Wenn Sie einen menschlichen Embryo in einem sehr frühen Stadium betrachten, so hat er den Kopf bis zu einem hohen Grade ausgebildet, daran angegliedert nur andeutungsweise die andern Organe; aber die bekommen dann ihre Form. So auch wächst innerlich dasjenige, was in der imaginativen Welt lebt. Man kann da nicht in beliebiger Weise Vorstellungen ansetzen. Es ergibt sich das von selber. Es lebt also etwas darinnen, was sich von selber ergibt. Und das wird allmählich erkannt als die Welt, die wir nennen die Welt der dritten Hierarchie: Angeloi, Archangeloi, Archai.
[ 23 ] Es ist ein durchaus realer Vorgang des menschlichen Erlebens, in den man sich da hineinlebt. Ich habe ihn Ihnen jetzt als Erkenntnisvorgang geschildert. Er ist aber nicht ein bloßer Erkenntnisvorgang, denn was da wirksam ist, das ist dasjenige, was im Ich und astralischen Leibe lebt.
[ 24 ] Nun bedenken Sie: Wir sind Kind, wir wachsen heran. Erst bekommen wir bis zum siebenten Jahr die Nachahmungswelt im Inneren, dann die Welt, die wir auf Autorität hinnehmen bis zum vierzehnten, fünfzehnten Jahre und so weiter. Wenn wir das Leben beobachten können, so werden wir finden, wieviel — nicht alles natürlich — von dem, was wir auf solche Weise aufnehmen, dadurch daß Sinnesempfindungen an uns herangebracht werden und wir die Sinnesempfindungen und Vorstellungen verarbeiten, da in uns hineingeht von dem, was wir dann später am Gesicht des Menschen ablesen. Vergleichen Sie das stumpfsinnige Gesicht eines Menschen, der nichts aufnehmen konnte, der nichts von Sinnesempfindungen verarbeiten konnte im Vorstellungsleben, mit dem sprechenden Gesicht, der sprechenden Physiognomie desjenigen, der als Kind in der richtigen Weise an die Sinneswelt und an ihre Verarbeitung im Vorstellen herangebracht worden ist. Das ist ja etwas, was vom Seelisch-Geistigen aus in uns lebt. Wir werden ja da gestaltet. Es ist, ich möchte sagen, das Subtilste, was in uns arbeitet, und was nur noch in ganz subtiler Weise auch seine Kräfte hineinerstreckt in das ganze physische Leben des Menschen.
[ 25 ] Wer Menschen beobachten kann, der kann noch im späteren Alter ihrem Gang ansehen, ob sie eine fröhliche Kindheit oder eine solche Kindheit gehabt haben, wie es zuweilen unter der Lehrerschaft der Gegenwart der Fall ist. Das ist ja nicht eine Irrealität, die da vom Ich und astralischen Leib in den ganzen Menschen hineinwirkt. Der Geistesforscher schaut nur hinein in das, was da eigentlich lebt im Ich und astralischen Leib, und er entdeckt es durch seine imaginative Welt. Er entdeckt da die Welt von Angeloi, Archangeloi, Archai. Aber die steckt drinnen in dem, was da im Menschen sich entwickelt, indem das Geistig-Seelische ihn heranbildet, heranbildet so, daß zunächst seine Heranbildung eine individuelle ist. Wir können sie beobachten in der Weise, wie ich es jetzt auseinandergesetzt habe. Aber diese Heranbildung ist auch eine solche, daß sie einer Menschengruppe, einem Volke angehört. Wir unterscheiden ja dasjenige, was heranwächst in dem Menschen, insofern er einer Menschengruppe, einem Volke angehört, und wiederum unterscheiden wir einen modernen Menschen von einem alten Griechen. Kurz, wir unterscheiden die individuelle Entwickelung des Menschen, abhängig von der Hierarchie der Angeloi; die volkstümliche Entwickelung, die Entwickelung in den verschiedenen Volksgruppen drinnen, bewirkt durch die Hierarchie der Archangeloi; und wir unterscheiden die Menschen in verschiedenen Zeitepochen, bewirkt durch die Hierarchie der Archai.
[ 26 ] Was da entdeckt wird durch die Geisteswissenschaft, das sind eben Realitäten, die wirksam sind, wirksam in den Zeitgeistern, wirksam in den Volksgeistern, wirksam in denjenigen Geistern, die das Leben des einzelnen Menschen aus dem Bewußtsein hineintragen in das konstitutionelle, in das organische Leben. Wir machen uns ja nicht selbst unser Physiognomisches, so wie der Uhrmacher eine Uhr macht, dadurch, daß wir vielleicht in unserer Jugend zur freudigen Anschauung erzogen worden sind und eine freundliche Physiognomie bekommen haben; da muß schon etwas mithelfen. Da hilft das Wesen aus der Hierarchie der Angeloi mit. Und wir stellen uns erst recht nicht in ein Volk hinein und bilden uns die verschiedenen Volksphysiognomien, wie der Uhrmacher die Uhr macht.
[ 27 ] Sie sehen, wir kommen da auf Realitäten, die ja in der Erkenntnis nur aufgezeigt werden, die aber wirksam sind im Menschen drinnen. Wir haben da den Menschen gewissermaßen von der einen Seite, um mit den alten Hellsehern zu sprechen: von der Seite des Kopfes der Schlange. Wollen wir die Sache jetzt von der andern Seite anfassen. Wir kommen nach jener andern Seite, zum Schwanze der Schlange, indem wir uns an die Welt der Erinnerungen wenden, die von unten auftauchen, von da auftauchen, wo der Mensch auch diese Welt, wo Subjektiv und Objektiv ihre Bedeutung verlieren, erkennt.
[ 28 ] Ja, was da herauftaucht als Erinnerungskraft, das wird zwar vom Ich erfaßt, aber es taucht aus sehr unterirdischen Tiefen des menschlichen Wesens herauf. Wir wissen, oder können es wenigstens wissen, wie sehr wir mit unserem Menschenwesen intim verbunden sind, wenn wir diese Kraft der Erinnerung entfalten. Das weist uns noch viel mehr in solche Tiefen hinunter, die wir im gewöhnlichen Leben nicht erreichen mit unserem seelischen Erleben. Das weist uns eben in etwas hinunter, was wir zwar sind, aber so sind, wie auch die äußere Natur ist. Es ist etwas in uns, was genau so ist, wie die äußere Natur ist. Mit dem stehen wir nicht in jener intimen Verbindung wie mit der Welt, die wir unter der Hierarchie der Angeloi, Archangeloi, Archai begreifen. Da waltet etwas, was durchaus nicht so nahe steht unserem gegenwärtigen Bewußtsein. Ich möchte sagen, es ist ja nur ein dünner Schleier zwischen unserem gegenwärtigen Bewußtsein und den Angeloi, Archangeloi, Archai. Aber wir tauchen in eine Welt, die tief verborgen ist dem gewöhnlichen Bewußtsein, wenn wir in jenes Innere des Menschen hinuntersteigen, aus dem eben nur heraufleuchtet die Kraft der Erinnerung, die wir noch, ich möchte sagen, eben abfangen können. Aber das, was wir da abfangen, steht in Verbindung mit jenseits des gewöhnlichen Bewußtseins liegenden Inhalten.
[ 29 ] Doch können wir — ebenso wie wir die Welt erreichen können, die ich vorhin gerade charakterisiert habe und von der wir in unseren Vorstellungen wie durch ein dünnes Häutchen getrennt sind — nun auch, geisteswissenschaftlich fortschreitend, die Welt erkennen, auf die wir da nach der andern Seite hingewiesen werden: nach der Seite, die wir erreichen, wenn wir uns umdrehen beziehungsweise uns nach der andern Seite der Schlange wenden. Diese Welt erreichen wir aber erst, wenn wir uns zur dritten Stufe der Geist-Erkenntnis erheben, zur Intuition. Und da erreichen wir dann diejenigen Wesenheiten, die angeführt sind in meinen Büchern als Seraphim, Cherubim, Throne. Das ist die Welt der Cherubim, Seraphim, Throne, die ebenso hinter dem steht, was als Tätigkeit in der Erinnerung heraufleuchtet in unser See Tafel 12 lenleben, wie hinter den Sinneswahrnehmungen und Vorstellungen die Welt der Angeloi, Archangeloi, Archai lebt.
[ 30 ] Von diesen Zusammenhängen der unter den Erinnerungen lebenden menschlichen Welt mit diesen Hierarchien und mit dem, was dann dazwischen steht, Kyriotetes, Dynamis, Exusiai, von diesen Dingen wollen wir dann morgen sprechen.
