Anthroposophie als Kosmosophie
Erster Teil
Wesenszüge des Menschen im irdischen und kosmischen Bereich
GA 205
23 Oktober 1921, Dornach
Vierzehnter Vortrag
[ 1 ] Es wird gut sein, um eine Erweiterung zu bekommen zu den Ausführungen, die in der letzten Zeit hier von mir gemacht worden sind, zunächst einmal zurückzublicken in der Menschheitsentwickelung auf Zeiten, in denen das, was wir heute erkennen nennen, einen ganz anderen Charakter hatte. Wir haben ja von diesem anderen Charakter der menschlichen Erkenntnis in früheren Zeiten schon gesprochen. Allein mit dem, was wir nun in den letzten Vorträgen hier gewonnen haben, werden wir noch manches Licht auf schon Bekanntes werfen können.
[ 2 ] Die menschliche Erkenntnis hat eigentlich einen ganz anderen Charakter angenommen, als sie früher hatte, in der Zeit, als das Griechentum, das Römertum in die Geschichte eingetreten ist. Was dem Griechentum, dem Römertum im Oriente, in Afrika vorangegangen ist an Erkenntnis, war eben ganz anderer Art als das, was dann zunächst in einer großartigen Weise durch die Griechen inauguriert worden ist, was durch die Römer abstrakt gemacht worden ist, und was dann in der neuesten Zeit immer mehr in den Materialismus hineingeführt worden ist. Es ist etwa der Beginn des 8. vorchristlichen Jahrhunderts, in dem die Erkenntnis einen solchen Charakter annimmt, wie er, allerdings mit wesentlichen Modifikationen, auch heute vorhanden ist. Wir konnten bisher die ältere Erkenntnis hauptsächlich in der Weise charakterisieren, daß wir sagten: Es war eine Art instinktiven Schauens. Es war nicht ein Erkenntnisleben in Begriffen, es war ein Erkenntnisleben in Bildern, die zwar nicht vollständig ähnlich sind unseren Traumbildern, weil sie sich ja auf geistige Wirklichkeiten bezogen, die aber doch eben in der Seele lebten nicht mit der Bestimmtheit unserer heutigen Begriffswelt, sondern die mehr in der Form vorübergehender Bilder eben im Bewußtsein vorhanden waren.
[ 3 ] Diese Erkenntnis bezog sich aber nun nicht eigentlich auf das, was heute Inhalt unserer Erkenntnis ist, sondern sie bezog sich mehr auf diejenigen Welten, aus denen sich der Mensch als aus den Urwelten heraus gebildet hat, in denen er noch so enthalten war, daß er sich wenig von ihnen abtrennte. Der Mensch war während der Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung noch völlig ein Glied der ganzen übrigen Welt. Aber auch während der älteren Erdenentwickelung war die Persönlichkeit noch nicht abgegliedert von dem allgemeinen Weltinhalt. Der Mensch fühlte sich gewissermaßen in dem allgemeinen Welteninhalt drinnen. Sobald der Mensch von seiner eigentlichen intellektuellen Erkenntnis, von der Kopferkenntnis abkommt und es etwa so macht, wie noch gewisse orientalische Schulen, die sich durch Atmungsprozesse eine Art von Erkenntnis zu erringen suchen, da ist es ja auch sogleich so, daß dieses scharfe Sich-Abtrennen von der Welt nicht mehr vorhanden ist. In dem Augenblicke, wo der Mensch heute die antiquierten Jogaübungen, die aber immer noch vorkommen, macht, fühlt er sich sogleich in seiner Persönlichkeit herabgesetzt und herabgedämpft, er fühlt sich selber, ich möchte sagen, wie ein Hauch der Welt.
[ 4 ] Solch einen Charakter hatte eben die Erkenntnis in jener älteren Zeit auch, wo aber der Mensch durch diese bildhafte Erkenntnis durchaus deuten konnte — in dem Sinne, wie ich das gestern auseinandergesetzt habe - sein eigenes physisches Innere. Wir haben ja gestern darauf aufmerksam gemacht, wie der Mensch heute seine Umgebung aufnimmt, wie er sie dann als Vorstellung bewahrt, wie das dann sein Inneres ist, und er aus diesem Inneren heraus gewissermaßen ein Bild seiner Welt zwischen der Geburt und dem jetzigen Augenblicke repräsentieren kann. So repräsentiert dasjenige, was wir als Organe, als Gehirn, Lunge, Leber in uns tragen, den ganzen Weltinhalt. So wie man aus einer Erinnerungsvorstellung einen Vorgang deuten kann, den man erlebt hat, so wie man also als Vorstellung diesen Vorgang in sich trägt, so trägt man in seinen inneren Organen, in Lunge, Herz und so weiter die ganze Welt in sich. Und die alte Weisheit hat darinnen bestanden, daß man diese einzelnen Organe gedeutet hat, daß man sie bezogen hat auf den ganzen Weltinhalt.
[ 5 ] Es war im wesentlichen die ältere, noch bis in das 9. vorchristliche Jahrhundert herein dauernde Erkenntnis eine solche, die aus dem inneren physischen Wesen des Menschen, physisch-ätherischen Wesen des Menschen — man sah natürlich das Innere anders, als es ein heutiger Anatom oder Physiologe sieht — sich den Weltinhalt deutete. Jedes einzelne innere Organ wurde auf etwas in der Außenwelt bezogen, aber es war dieses innere Organ von innen aus erlebt. Man erlebte also den Gehirnbau in mächtigen Bildern, und die Bilder bezog man wieder auf die ganze Himmelssphäre, so daß man in der Tat durch diese alte Erkenntnis aus dem in der atavistischen Imagination angedeuteten Gehirnbau sich eine Vorstellung machte von der ganzen Himmelssphäre. Und was in der alten Weisheit enthalten ist über die Welt, ist im wesentlichen aus solcher Deutung des inneren Menschen entstanden.
[ 6 ] Nun kann man aber eigentlich nicht einmal sagen, daß das, was da als Erkenntnis lebte, eine richtige menschliche Erkenntnis war. Richtige menschliche Erkenntnis, wenn sie auch durchaus nicht sein soll trockener reiner Intellektualismus, als was sie heute vielfach angesehen wird, ist doch nicht denkbar ohne Intelligenz. Jene alte Weisheit war aber durchaus ohne eine vom Menschen zustande gebrachte Intelligenz, so daß man gar nicht sagen kann, diese alte Weisheit war eine eigentliche menschliche Erkenntnis. Der Mensch nahm gewissermaßen nur teil an einer Erkenntnis, die eigentlich andere Wesen in ihm hatten. Und dies waren Wesen, die zur Hierarchie der Angeloi gehörten. Ein solcher Angelos durchseelte den Menschen und der war es eigentlich, der diese alte Erkenntnis hatte. Der Mensch nahm nur daran teil. Er sah gewissermaßen in das Innere dieses Angelos hinein. Daher nahm er teil an dem, was der Angelos erkannte. Daher hatte auch der Besitzer jener alten Weisheit eine sehr unbestimmte Anschauung von dem, wie er zu seinen Erkenntnissen kam. Er sagte sich einfach: Das ist Eingebung, das ist da — weil er selber diese Erkenntnis nicht zustande brachte, weil das Engelwesen in ihm diese Erkenntnis zustande brachte.
[ 7 ] Aber dieses Engelwesen war auch kein solches, wie wir es in diesen verflossenen Tagen jetzt hier von dem normalen Engelwesen, das den Menschen begleitet durch die verschiedenen Erdenleben hindurch, angenommen haben, sondern dieses Engelwesen hatte einen luziferischen Charakter. Es war gewissermaßen mit seinem ganzen Wesen, mit seiner ganzen Gesinnung zurückgeblieben auf einer früheren Stufe der Entwickelung, auf der Stufe der Mondenentwickelung. So daß man sagen kann: Wesenheiten, die während der Mondenentwickelung eigentlich ihre normale Menschheitsstufe hätten durchmachen sollen, luziferische Wesenheiten beseelten oder durchseelten den Menschen für die ältere Weisheit, und der Mensch nahm an dem, was dieses Engelwesen in ihm erlebte, teil. Es war das, was da der Mensch als eine solche Weisheit bekam, eine außerordentlich hohe Erkenntnis. Es war diejenige Erkenntnis, die eben als eine sehr vollendete während der Mondenentwickelung dem Engelwesen zuteil geworden war, aber es war eben keine Erkenntnis, die eigentlich für den Menschen so geeignet war, daß er auf der Erde etwas damit anzufangen wußte. Auf der Erde benahm sich der Mensch mehr oder weniger instinktiv, ich möchte sagen, wie ein höheres Tier benahm er sich. Und dann leuchtete aber in dieses gleichsam noch höhere Tierwesen diese hohe Weisheit herein, diese hohe Weisheit, die abdämmerte, als das 8. vorchristliche Jahrhundert heraufzog.
[ 8 ] Diese Weisheit, die ja in dem angedeuteten Sinne durchaus einen luziferischen Charakter hatte, erstreckte sich eigentlich nur auf alles das, was den Menschen als einen Angehörigen außerirdischer Welten erkennen ließ. Der Mensch hatte sozusagen mit seiner Erkenntnis die Erde noch gar nicht in Wirklichkeit betreten. Er fühlte sich noch innerhalb höherer Sphären mit seiner Weisheit, und auf der Erde hantierte er instinktiv.
[ 9 ] Dann trat immer mehr und mehr dasjenige ein, was eben mit der Verstandes- oder Gemütsseele heraufkommen konnte. Der Mensch begann in sich selber den Verstand rege zu machen. Der Mensch begann Begriffe auszuarbeiten. Die griechische Kultur zeichnete sich dadurch aus, daß sie eigentlich durchaus aus alten Zeiten noch, ich möchte sagen, jene Engelweisheit hatte, aber sie durcharbeitete mit menschlichen Begriffen. Und eine solche Weisheit wie die Weisheit Platos, die macht auf uns eben einen so großen Eindruck aus dem Grunde, weil bei Plato schon vorhanden war das subjektive Erarbeiten der Begriffs- oder Vorstellungswelt, zugleich aber hereinstrahlte in dieses Erarbeiten die alte instinktive Weisheit. Daher die Platonischen Schriften in einer so wunderbaren Weise höchste Weisheit verbinden mit dem, was doch schon im Elemente des Menschlich-Persönlichen lebt. Und man kann sich, wenn man die ganze Seelenverfassung Platos ins Auge faßt, gar nicht denken, daß er in einer anderen Form als in der Dialogform seine Weisheitsbücher abgefaßt haben könnte, aus dem einfachen Grunde, weil er deutlich spürte, was der ältere Mensch unbestimmt empfand. Der ältere Mensch sagte sich: Die Weisheit ist einfach da, sie erfaßt mich, sie strahlt in mich herein. Plato fand sich selbst in einer Art von Wechselgespräch mit dem Wesen, das in ihn herein die Weisheit brachte. Wie im Dialog erlebte er selber die Weisheit, daher er sie auch am liebsten im Dialog zum Ausdruck brachte.
[ 10 ] Dann aber ist rasch dies gekommen, daß sich diese Begriffstätigkeit verstärkt hat. Und bei Aristoteles sehen wir schon durchaus die Erkenntnis uns in Form eines theoretischen Gewebes entgegentreten.
[ 1 ] Dann gewinnt immer mehr und mehr in dem vierten nachatlantischen Zeitraum ein gewisses Kulturelement den größeren Einfluß, das wir so bezeichnen können, daß wir sagen: Es fühlten die Menschen, daß einmal eine alte Weisheit die Seele durchsetzt hatte. Sie fühlten, daß zu ihnen heruntergestiegen waren übermenschliche Wesenheiten und die Weisheit gebracht hatten. Aber sie fühlten auch, wie diese Weisheit sich verabstrahierte. Sie konnten das nicht mehr erfassen; es entströmte ihnen, was ehedem aus geistigen Welten heruntergeflossen ist.
[ 12 ] Dieses Betätigen des menschlichen Verstandes, der dann alles ins Abstrakte hineingestaltete, das finden wir insbesondere im Römertum. Das Römertum entwickelte ja ein trockenes, ein abstraktes Wesen, ein bildfremdes Wesen, ein Wesen, das in den Verstandesformen leben wollte. Während wir durch den Griechen noch immer das Gefühl haben: die Göttergestalten, also das, was als Elementares der Welt, der Natur zugrunde lag, das habe ein inneres Leben, sind die römischen Götter Abstraktionen, haben einen starren, steifen Begriffscharakter. Das logische Wesen nimmt überhand gegenüber dem früheren imaginativen Wesen, das noch in Griechenland so stark ausgebreitet war. Alles, was die Römer noch an Imagination gehabt haben, entstammte ja Griechenland. Die Römer haben das Prosaelement, das Element der Logizität hinzugebracht und haben es dann auch als Romanismus in die späteren Zeiten fortentwickelt, daher dann die lateinische Sprache jenen logischen Charakter angenommen hat, durch den sie so lange Zeit hindurch kulturgestaltend gewirkt hat.
[ 13 ] Aber eines hat sich erhalten, durch das Griechentum noch lebendiger, durch das Römertum etwas toter, aber es hat sich dann fortgepflanzt auch in die nachchristlichen Jahrhunderte bis ins Mittelalter herein, ja sogar bis zu der Morgendämmerung der neueren Zeit: es hat sich fortgepflanzt die Tradition der alten Weisheit. Und mehr als die Menschen heute denken, hat sich die Tradition dieser alten Weisheit fortgepflanzt.
[ 14 ] Man konnte doch nicht das, was sich für die Sinne ringsherum ausbreitete, mit dem Verstande gleich erfassen. Man suchte das Traditionelle mit dem Verstande zu erfassen. Dadurch aber gewann das, was früher ein innerlich belebendes luziferisches Element war, einen sogar äußerlichen ahrimanischen Charakter. Das ist aber die Maske. In Wahrheit ist es ein luziferisches Element, das sich durch Tradition fortpflanzt. Und was wir von der Zeit des römischen Kaisertums an durch die folgenden Jahrhunderte an Romanismus sich fortpflanzen sehen, was dann sehr stark durchtränkt wird vom germanischen Elemente, was sich aber doch bewahrt in der Tradition, das ist ein im wesentlichen luziferisches Element. Das luziferische Element wirkt weiter. Es wird natürlich dadurch, daß es herunterströmt bis in das Gedankenwesen, seines ursprünglichen Charakters entkleidet. Es geht in Gedankenform auf. In der lateinischen Sprache lebt, ich möchte sagen, auf ahrimanische Art ein luziferisches Element weiter.
[ 15 ] In der griechischen Kunst ist dieses Element noch durchaus lebendig. Dann wird es mehr oder weniger starr, und es ist interessant zu verfolgen, wie es sich fortsetzt in die Theologie hinein, die eine Lehre von übersinnlichen Welten ist, aber die übersinnlichen Welten selber doch nicht hat, die übersinnlichen Welten nur der Tradition nach hat. Und so entsteht diejenige Geistesströmung, die im wesentlichen eine Art luziferische ist und die die alte Anschauung des Übersinnlichen ins Theologische herüberführt.
[ 16 ] Das Christentum selber wird in die Maschen dieser Theologie hineingezogen. Das Christentum wird theologisiert. So wie in der römischen Sprache ein Logisieren eintritt, so tritt mit dem Christentum ein Theologisieren ein. Aber das eigentliche lebensvolle Element des Christentums geht da in einem luziferischen Element, das eine ahrimanische Maske trägt, unter. Es wird das lebendige Christentum zu einer theologisierenden Kulturströmung. Darunter ist immer schon das eigentliche persönliche Element wirksam, aber noch auf eine instinktive Weise. Es kann sich noch nicht völlig vereinigen mit dem, was von oben kommt. Und es ist ja insbesondere interessant, dies zu beobachten in seiner eklatanten Phase, in der Phase der Renaissance. Da sehen wir, wie eine hohe T'heologie lebt, die durchaus die Begriffe, die Vorstellungen vom Übersinnlichen hat, aber nicht mehr die Anschauung hat. Traditionell ist im Grunde genommen zur Zeit der Renaissance alles da. Was im Romanismus bewahrt wird in der theologischen Form, das ist uralte Weisheit, aber ins Vorstellungsleben heruntergeholt. Es lebt in den Vorstellungen luziferisch weiter.
[ 17 ] Es ist wunderbar, was heute noch geschaut werden kann an solchen theologisierenden Elementen, wenn man die Raffaelschen Wandbilder in Rom sieht, was da in jenem Bilde, das die Disputa genannt wird, eigentlich lebt an theologisierendem Elemente. Tiefe Weisheit, die mehr oder weniger in Worten weiterlebt, die nicht mehr Anschauungen in sich hegt, die aber für denjenigen, der sie mit den Anschauungen verbinden kann, eben tiefste Weisheit ist.
[ 18 ] Wir bewundern auch die Theologie, die in Dantes «Göttlicher Komödie» lebt, wissen aber zu gleicher Zeit, daß bei Dante zwar gewisse Anschauungen wiederum errungen worden sind durch seinen Lehrer Brunetto Latini — ich habe das einmal auseinandergesetzt -—, daß aber dennoch das weitaus meiste eigentlich traditionelles, theologisierendes Element ist, das einen starken luziferischen Einschlag hat. Und wir sehen auf der anderen Seite, wie jene Wesen, welche so alte Weisheit in. das theologisierende Element hineintragen, wie diese Wesen diejenigen sind, die nun auch das griechische Kunstwesen, nachdem sie es vorher beseelt haben, mehr versteift, aber doch noch durch Tradition so hineintragen in die Renaissancekunst, daß Goethe die griechische Kunst in seinem Geiste wiederum auferstehen sieht, indem er diese griechische Kunst in der Renaissancekunst wiederum erblickte.
[ 19 ] Man muß sagen: Durchaus ein starkes luziferisches Element lebt in der Theologie, lebt in der Kunst, wie sie uns aus alten Zeiten heraufgebracht worden ist, jener Kunst, die vorzugsweise suchen muß, damit sie künstlerisch sein kann, Überirdisches, die nicht vollständig herunterkommen kann bis zum Menschen. Da, wo sie herunterkommt, erscheint sie uns wie mit einem Sprung herunterversetzt in das Instinktive. Denn wir sehen ja das Leben der Renaissance selber so, daß es gewissermaßen in sich hat den Himmel, von dem es Vorstellungen hat, keine Anschauungen mehr, Vorstellungen, die es sogar künstlerisch wunderbar beleben kann; wir sehen aber darunter sich entwickeln ein instinktives Ausarten des Renaissancelebens. Es ist immerhin ein großartiges, aber eigentlich manchmal schreckhaftes Schauspiel der Weltgeschichte, wie so ein Papst Alexander VI. oder auch Leo X., auf der einen Seite gelehrte, durch und durch gelehrte Menschen sind, wie sie das Höchste von übersinnlichen Welten in ihren Vorstellungen tragen, wie sie aber als Renaissancemenschen das, was menschliche Persönlichkeit ist, nicht erheben können bis in diese geistige Höhe, wie das da unten instinktiv ausartet. Und so sehen wir diese Schreckenskerle, die Renaissancemenschen, auf der einen Seite etwas wie ein höheres tierisches Leben entfalten, und darüber sehen wir sich ausbreiten, den luziferischen Charakter tragend, den Himmel, der in einer auf der einen Seite wunderbaren, auf der anderen Seite eben durchaus luziferischen Theologie vorstellungsgemäß an die Menschen herangebracht worden ist.
[ 20 ] Damit aber kommen wir auch schon in jene Zeit hinein, in der dann andere Mächte die Menschheitsentwickelung ergriffen, als es diese älteren, engelhaften Wesenheiten waren.
[ 21 ] Der Mensch steht ja in der Mitte zwischen dem Reich der Angeloi und dem Reich der Tiere. Seine äußere physische Form war in älteren Zeiten sehr tierähnlich, aber sie war doch beseelt von demjenigen, was ich Ihnen eben jetzt geschildert habe. Ohne irgendeine Ahnung von dem, was auf diesem Gebiete wahr ist, stöbern heute die Geologen, die Paläontologen menschliche Reste aus alten Zeiten auf mit zurückfliehender Stirne, tierähnliche Menschengestalten, und glauben, damit den Menschen an das Tier heranzubringen. Der äußeren physischen Gestalt nach ist das durchaus berechtigt, aber zu je tierischeren Formen wir in der’ alten Zeit zurückkommen, um so mehr sind diese tierischen Formen durchseelt von uralter Weisheit. Und wenn man diese tierähnlichen Formen vor ein paar Jahren in gewissen Gegenden Europas ausgrub und nun mit heutiger Geologie und Paläontologie nur zu sagen weiß: Das sind Menschen mit einem niedrigen Schädel, mit zurückfliehender Stirn, mit vortretenden Augenbrauen, Augenhöhlen -— muß man sagen, wenn man die Wahrheit kennt auf diesem Gebiete: Dieser Mensch, der heute vielleicht so tierähnlich aussieht, der dem äußeren Paläontologen wie ein höher entwickelter Affe erscheint, der war aber voll durchseelt von uralter Weisheit, die eben ein anderes Wesen in ihm hatte. Er nahm nur teil daran.
[ 22 ] So kann man sagen: Den Menschen erfüllt in alten Zeiten ein Übermenschliches. Er wächst dem immer mehr und mehr entgegen, indem er sich von tierähnlichen Formen heraufentwickelt, bis er eine Art von Übertier wird, das die verschiedenen tierischen Gestalten zusammenfaßt. In diesem Übertier kann sich nun ein Wesen ganz anderer Art als es die gewöhnlichen Engelwesen sind, einleben, ein ahrimanisches Wesen. Und gerade in derselben Zeit, in der zur Tradition abglimmt das Wesen der uralten Weisheit, in der Zeit wird immer mehr und mehr dieser Mensch mächtig, der nun an seine tierische Organisation heranzieht das Verstandeswesen. Und so sehen wir, wie vom 8. vorchristlichen Jahrhundert ab der Mensch zunächst langsam, dann immer weiter und weiter sich heraufentwickelt, indem aus seinem Inneren heraufsprießt eine Art von Übertierwesen, das ahrimanischer Art ist, und das ihn jetzt auch von der anderen Seite her durchseelt.
[ 23 ] Dieses Wesen, das sich im Menschen gewissermaßen mit dem luziferischen Wesen trifft, dieses Wesen ist, ich möchte sagen, das andere, das den Menschen von seiner reinen Bahn abzubringen trachtet. Man könnte sagen, die luziferischen Wesen sind Zorneswesen, die den Menschen beseelen, aber um ihn eigentlich auf der Erde nicht froh werden zu lassen und ihn immer von der Erde wegzuziehen, um ihn gewissermaßen immerfort ins Übermenschliche hinaufzuziehen. Sie möchten ihn viel mehr als einen Engel haben, der nicht in die niederen Funktionen des physischen Organismus verfällt. Die luziferischen Wesen haben einen argen Zorn auf den auf zwei Beinen auf der Erde herumgehenden Menschen, der mit der Erde durch seine niederen Funktionen verbunden ist; alles Tierischen möchten diese Wesenheiten den Menschen entkleiden, und sie möchten ihn zum Beispiel jetzt in dieser Epoche seines Daseins nicht gern wiederum herunterlassen zur physischen Verkörperung, sie möchten ihn oben erhalten in dem Leben, das zwischen Tod und neuer Geburt verfließt. Dagegen möchte man die anderen, die ahrimanischen Wesenheiten, Schmerzenswesen nennen. Denn eigentlich streben sie nach der menschlichen Gestaltung hin, können sie aber für sich nicht erreichen. Es ist ein furchtbarer Schmerz, den im Grunde genommen diese ahrimanischen Wesen durchmachen. Es ist so, wie wenn das Tier in sich dunkel fühlen würde: Du solltest dich aufrichten, du solltest ein Mensch sein — wie wenn es alles in sich zerreißen möchte. Diesen furchtbaren Schmerz, ihn fühlen eigentlich die ahrimanischen Wesen. Und er kann ihnen nur gelindert werden, wenn sie herankommen an den Menschen und den Verstand erfassen. Da kühlt der Verstand diesen Schmerz ab. Daher verbeißen sie sich in den menschlichen Verstand, krallen sich gewissermaßen mit ihrem ganzen Wesen in ihn ein, knochen sich ein. Das ahrimanische Wesen hat so etwas wie das sich schmerzvolle Durchdringen mit dem menschlichen Verstand. Es möchte sich das ahrimanische Wesen mit dem Menschen vereinen, um zu Verstand zu kommen.
[ 24 ] Es ist also der Mensch der Kampfplatz zwischen dem Luziferischen und dem Ahrimanischen. Es ist so, daß man sagen kann: Das Luziferische hat die Hand im Spiele bei allem Künstlerischen, bei allem Abstrakt-Theologischen. Das Ahrimanische, das ist etwas wie aus der materiellen Welt Heraufkommendes, durch das Tierreich Durchgegangenes, das schmerzvoll hinstrebt nach dem Menschen, das den Verstand ergreifen will, das aber zurückgestoßen wird im Menschen von dem übermenschlichen Wesen, das immer zurückprallt, aber sich mitnehmen möchte den Verstand. Es ist etwas, was immer wieder und wieder in den Menschen herein will und den Menschen halten möchte beim bloßen Verstande, ihn nicht hinaufkommen lassen möchte bis zur Imagination, Inspiration, weil es das Menschenwesen zur Linderung seiner Qual bei sich behalten möchte.
[ 25 ] Alles das, was in der Menschheit sich seit der neueren ahrimanischen Zeit gebildet hat, vorzugsweise als materialistische Wissenschaft, als Wissenschaft, die von diesem sich im Menschen abkühlenden Schmerz des materiellen Daseins kommt, das ist ahrimanischer Natur. Und wir sehen die materialistische Wissenschaft heraufkommen. Der Mensch bildet sie aus. Indem der Mensch sie in sich hegt, verbindet sich Ahriman in ihm mit seiner Wissenschaft. Und so wie insbesondere Luzifer seine Hand im Spiele hat bei dem Künstlerischen, so hat Ahriman seine Hand im Spiele bei dem Ausbilden des Mechanischen, Technischen, dessen, was den Verstand wegziehen möchte vom Menschen, was ihn in die Maschine, sei es in das mechanische Werkzeug, sei es in die Maschinerie des Staatswesens hineinziehen möchte. Nur dadurch ist im wesentlichen möglich geworden, was da in der neueren Menschheit lebt, was da heraufgezogen ist insbesondere seit der Renaissancezeit. Man möchte sagen: Während der Renaissancezeit ist das luziferische Wirken in eine Art von Sackgasse gekommen; das ahrimanische Wirken, das hat sich jenseits der Wand dieser Sackgasse dann angesetzt. Und wir sehen das ganze Treiben, welches seit der Renaissancezeit da ist; das Hintreiben nach Mechanismus, nach geistloser Wissenschaft, sehen wir mit dem ahrimanischen Charakter ablaufen.
[ 26 ] Das einzige nun, was möglich ist hineinzubringen in das, was seit der Renaissancezeit heraufgezogen ist, ist die Christus-Auffassung. Was in der neueren Zeit als materialistische Wissenschaft, als industrielle Technik heraufgezogen ist, ist durchaus ahrimanischer Natur, würde, wenn es sich verbreiten könnte ohne Christus-Auffassung, den Menschen an die Erde fesseln. Der Mensch würde nicht hinaufkommen zum Jupiterdasein. Bringen wir aber die Christus- Auffassung, bringen wir ein neues geistiges Leben, bringen wir neuerdings Imagination, Inspiration, Intuition in dasjenige, was nur Erkenntnis der äußeren Welt ist, dann erlösen wir das ahrimanische Wesen. Wie diese Erlösung bildhaft vorgestellt werden kann, ich habe es ja in meinen Mysteriendramen von den mannigfaltigsten Seiten aus dargestellt. Aber es würde ein Überwinden des Menschen durch Ahriman sein, wenn die Christus-Auffassung nicht als eine wirklich durchgeistigte Auffassung, enttheologisiert, sich weiter gestalten könnte. Die materialistische Wissenschaft, der äußere industrielle Mechanismus würden den Menschen dem Erdentod überliefern, das heißt, eine ganz andere Welt zimmern, in der der Mensch mehr oder weniger wie ein Petrifikat fortleben würde zur Erbauung der ahrimanischen Wesenheiten, wenn nicht die Christus-Auffassung das moderne materialistische, das moderne mechanische Wesen wiederum in geistiger Art durchziehen würde.
[ 27 ] Wir können also sagen: Luzifer hat seine Hand im Spiele bei allem traditionell Theologischen, bei allem ins Manierhafte, Steife ausartenden Künstlerischen, bei allem Renaissanceartigen; während Ahriman seine Hand im Spiele hat bei allem, was nur äußerliche geistlose Naturwissenschaft ist, die in der Natur nicht den Geist entdecken kann, und bei allem, was äußerlicher Mechanismus im menschlichen Tun ist. Die luziferischen Engelwesen, die sich aus dem traditionellen Leben durchaus auch jetzt noch gerettet haben bis in die Gegenwart, sie haben alles Interesse daran, den Menschen eigentlich abzuhalten vom Tun. Sie möchten den Menschen wenigstens beim inneren Seelenleben erhalten. Der Mensch ist eine Persönlichkeit geworden. Aber diese Engelwesen möchten den Menschen nicht ausströmen lassen in seinen Taten in das Erlebnis, in die Offenbarung seiner Willensimpulse. Sie möchten ihn in innerlicher Beschaulichkeit erhalten. Sie verführen ihn zur Mystik, sie verführen ihn zur falschen Theosophie. Sie verführen ihn dazu, ein bloß innerliches beschauliches Leben zu führen, zu betrachten, statt zu handeln. Sie machen ihn zu einem Sinnierer, der am liebsten den ganzen Tag sitzen möchte und spinnen möchte über allerlei Welträtselfragen, der aber das, was in seinem Geiste lebt, nicht übertragen möchte in die äußere Wirklichkeit. Sie möchten durch rein äußere Beobachtung entstehen lassen, was äußere Wissenschaft ist. Sie lassen gut entstehen solch eine Wissenschaft wie die des Paters Secch:, der ein ausgezeichneter Astrophysiker war, deshalb, weil er beobachten konnte mit Mikroskop und Teleskop, weil er das verzeichnen konnte, und nur daneben etwas hatte, was damit gar nicht zusammenhing: das, was ihm eingegeben war von luziferischen Wesen als eine hohe überirdisch-übermenschliche Weisheit. Indem die luziferischen Wesen diese übermenschlich-überirdische Weisheit pflegen, entreißen sie das Seelisch-Geistige des Menschen dem Erdendasein. Dann verfällt einfach das, was noch so hohe äußere materialistische Wissenschaft ist; das verfällt, das hat keinen inneren Bestand. Es ist ja nicht von realer Geistigkeit durchzogen. Das interessiert sie nicht weiter.
[ 28 ] Ebenso möchten diese luziferischen Wesenheiten die Kunst möglichst lebenslos, geistlos in dem Sinne haben, daß in die Form nicht Geist einzieht. Sie möchten immer nur Renaissance haben, das, was in alten Zeiten gelebt hat. Sie geben dem Menschen einen Haß ein gegen jede neue Stilform, die aus dem modernen Menschlichen wirklich hervorgehen kann. Sie möchten die alten Stilformen fortpflanzen, weil diese alten Stilformen noch dem Unirdischen, Überirdischen entlehnt sind.
[ 29 ] Das ahrimanische Wesen wiederum möchte es überhaupt nicht zur Vergeistigung, nicht zum Stil kommen lassen, möchte am liebsten nur ganz prosaische Bauten, Nützlichkeitsbauten zum Beispiel aufführen, möchte alles mechanisieren, alles nur in den Dienst des Industriellen stellen, möchte dem Menschen eingeben, nicht zu schätzen noch irgendeine Handarbeit als Kunstgewerbe, sondern möchte nur Modelle liefern, die dann maschinell in unendlichen Exemplaren nachgebildet werden so, wie sich Ahriman selbst in einer unermeßlich großen Zahl von Exemplaren durch das Geheimnis der Zahl in vielen Menschen offenbaren kann.
[ 30 ] Der Mensch steht eigentlich in der Gegenwart ganz in diesem Kampfe drinnen. Nur wenn er sich wirklich besinnt auf das, was ihm die echte Christus-Gabe sein kann: eine der heutigen Zeit angemessene anthroposophische Geist-Erkenntnis und Geistesanschauung, wenn er sich darauf besinnt, findet er den Weg durch Innehalten der Gleichgewichtslage zwischen dem Luziferischen und dem Ahrimanischen. Er muß sozusagen mit dem Ahrimanischen kämpfen, denn er würde ja sonst dem Luziferischen verfallen müssen. Er darf aber nicht, ohne wachsam zu sein, sich den Strömen Ahrimans hingeben, denn dadurch würde er in eine vollständig mechanische Weltenordnung hineinfallen. Die luziferischen Wesen möchten den Menschen von jeglichem Tun abhalten, ihn zum Sinnierer, zum Mystiker machen, der nach und nach nichts mehr übrig hat für das Erdendasein und deshalb auch dem Erdendasein entzogen werden kann. Die ahrimanischen Wesenheiten möchten den Menschen ganz beim Erdendasein erhalten. Daher möchten sie alles mechanisieren, das heißt, hinunterdrücken ins Mineralreich. Sie würden dadurch die Erde in ihrem Sinne umgestalten, sie nicht hinüberkommen lassen zu dem Jupiterdasein. Sie haben allerdings das Bestreben, dem Menschen nicht das Tun zu rauben, ihn vielmehr so stark tun, wirken, handeln zu lassen, als der Mensch nur kann, aber es soll alles schablonenmäßig verlaufen, es soll alles programmmäßig verlaufen. Ahriman ist der große Enthusiast für alles Programmäßige. Er ist der Inspirator für das ewige Statutenmachen. Wenn Ahriman irgendwo in einem Komitee sieht, wie da Statuten gemacht werden, dann ist er in seinem eigentlichen Elemente: Erstens, zweitens, drittens —, erstens soll das geschehen, zweitens soll das geschehen, drittens hat dieses Mitglied diese Rechte, viertens sollte jenes Mitglied das oder jenes tun. Natürlich fällt es dann dem Mitglied nicht ein, diese Rechte zu respektieren, oder das, was dasteht, irgendwie zu tun. Aber darauf kommt es nicht an zunächst. Wenn die Statuten abgefaßt sind, da kommt es darauf an, den ahrimanischen Geist zu pflegen. Man kann dann hinweisen auf Paragraph soundsoviel.
[ 31 ] Aber zum Tun dennoch anregen möchte Ahriman, nur soll alles ablaufen in dem schablonenmäßig programmatischen Sinne. Alles soll in Paragraphen gezwängt sein. Der Mensch soll gewissermaßen jeden Morgen auf seiner Bettdecke finden ein Verzeichnis dessen, was er den Tag über zu tun hat, und das soll er mechanisch ausführen, indem er gewissermaßen nur mit den Beinen denkt, nicht mit dem Kopfe. Während Luzifer das Bestreben hat, den Menschen mit dem Kopf denken zu machen und in den Kopf das Herz zu gießen, ist Ahriman bestrebt, den Menschen nur mit den Beinen denken zu machen, alles in die Beine hineinzugießen.
[ 32 ] In diesem Kampfe steht der Mensch schon drinnen; und das, was ich vielleicht in einer mehr bildhaften Form ausspreche, das ist schon im Grunde genommen Inhalt unserer Kultur. Da sehen wir auf der einen Seite diejenigen Menschen, die es als ihr Ideal ansehen, mit untergelegten Beinen wie eine Buddha-Statue sich zum Allerhöchsten sinnierend erheben zu können, in vollständiger Beinlosigkeit, mit einem Aufschwellen des Kopfes in die mystischen Abgründe sich hineinvertiefend. Da sehen wir auf der anderen Seite die abendländischen Menschen, die im Grunde genommen, indem sie gar nicht wissen, wie schnell sie von einem Büro zum anderen, von einem Geschäft zum anderen mit ihren Beinen pendeln müssen, auf uns den Eindruck machen, daß sie eigentlich ganz unnötig auf ihren Schultern auch noch einen Kopf tragen, der ja im Grunde genommen gar nicht dabei ist bei dem, was sie tun. Und es sind das schon die beiden Extreme der Menschheit in der gegenwärtigen Zeit: die einsamen Sinnierer mit zugemachten Augen, damit sie auch das, was sie selber tun, nicht sehen können, und diejenigen, die eigentlich Augen nicht brauchten, weil sie immer an den Beinen etwas haben wie Leinen, Zugleinen, und am Ende der Zugleinen ist Paragraph soundsoviel, und so werden sie wie das Glied eines Mechanismus durch die Welt gezogen.
[ 33 ] Wir sehen zwar, wie sich zuweilen der moderne Mensch gegen den Ahrimanismus aufbäumt, wie er schimpft gegen die Bürokratie, die ja reiner Ahrimanismus ist, wie er gegen die Schablonisierung des Unterrichtes und so weiter sich aufbäumt — aber in der Regel nur, um etwas tiefer noch in das hineinzufallen, aus dem er heraus möchte.
[ 34 ] Heraus aus alldem kann doch nur führen ein Hinlenken der ganzen Gesinnung, der ganzen Seelenverfassung des Menschen zum Geist-Erkennen, zu demjenigen, was wiederum das Vorstellungswesen durchdringt mit realer Geistigkeit, so daß der reale Geist den ganzen Menschen ergreift, nicht bloß den Kopf. Und indem er den ganzen Menschen ergreift, kann er auch das ahrimanische Wesen überwinden, und indem er es überwindet, erlöst er es. Es soll gar nichts gesagt werden gegen das ahrimanische Wesen. Es soll nicht etwa getadelt werden, was sich im Registrieren und im Statutenmachen und im Paragraphenmachen berechtigt auslebt. Aber durchgeistigt soll das alles werden.
[ 35 ] Wir können ja doch kaum anders in der neueren Zeit, als daß wir ahrimanische Künste treiben, daß wir zum Beispiel stenographieren, daß wir mit der Schreibmaschine schreiben. Das alles sind ja Ahrimanisierungen unserer Kultur im höchsten Maße. Aber indem wir Geistigkeit in unsere Kultur hineinbringen, können wir selbst das, was in einer so bedenklichen Weise ahrimanischer Einfluß ist wie das Stenographieren oder das Schreibmaschinenschreiben, in die Sphäre der Geistigkeit heraufheben, so daß wir Ahriman erlösen. Es ist ja ein solches nur durch eine volle Besonnenheit über das Geistesleben möglich. Derjenige, der heute in materialistischer Gesinnung lebt und stenographiert oder gar Schreibmaschine schreibt, der gerät tief hinein in das ahrimanische Element. Sie sehen, es soll nicht einer Reaktion das Wort geredet werden, es soll nicht verpönt werden die Dämonologie, die da heraufgezogen ist; aber die Dämonen selbst sollen erlöst werden.
[ 36 ] Das kann sich auch durchaus im einzelnen zeigen. Im Grunde genommen kann man sagen: Was da an ahrimanischen Elementen Platz gegriffen hat in der neueren Zivilisation, das treibt eigentlich nur aus einer gewissen Vorliebe die ahrimanischen Künste. Denn das, was von dieser ahrimanischen Kultur stenographiert oder schreibmaschinengeschrieben wird, das könnte auch ungeschrieben bleiben. Man weiß in der Regel ohnedies schon, was es enthält. Man braucht es im Grunde genommen gar nicht zu fixieren. Der Inhalt ist gleichgültig. Es ist nur die ahrimanische Kunst, die da in Betracht kommt, von einer gewissen Bedeutung. Aber für dasjenige, was geisteswissenschaftlich heraufkommt, für das wird man brauchen können die genaue Fixierung, weil es notwendig ist, sich in einer exakten, genauen Weise auszusprechen. Und dann wird gerade das Ahrimanische dem Geistigen wesentliche Dienste leisten können. So wird man das im einzelnen übersehen.
[ 37 ] Von ganz besonderer Bedeutung wird aber sein, daß die moderne Geisteswissenschaft die einzelnen menschlichen Wissenschaften durchdringt, daß sie von den geistlosen Naturwissenschaften zu einer wirklichen einheitlichen Geisteswissenschaft kommt, daß die einzelnen Naturwissenschaften, ich möchte sagen, Kapitel sind einer einheitlichen Geisteswissenschaft. Dadurch werden sie entahrimanisiert, und man kommt allmählich durch den richtigen Betrieb der Einzelheiten in diejenige Strömung hinein, die ich heute aus dem luziferisch-ahrimanischen Gegensatze vor Ihnen entwickeln mußte.
[ 38 ] Glauben Sie nicht, daß es gleichgültig ist, in solche Einzelheiten hineinzuweisen, wie ich das heute getan habe. Es ist schon gut, wenn man sich ein wenig bekannt macht durch solche Bilder, wie ich sie gebraucht habe, mit den heute lebenden luziferischen Menschen mit den untergeschlagenen Buddha-Beinen, und den ahrimanischen Menschen, die als «Hansdampf auf allen Straßen» geschäftig von Kontor zu Kontor laufen, und die eigentlich zu dieser Geschäftigkeit ihren Kopf gar nicht brauchten.
[ 39 ] Es ist vielleicht manchmal angenehmer, diese Dinge in Abstraktionen zu hören als in den konkreten Bildern, aber moderne Geisteswissenschaft, anthroposophische Geisteswissenschaft hat die Aufgabe, ins unmittelbare Leben hineinzuweisen, das unmittelbare Leben auch überall beim rechten Namen zu nennen. Nur dadurch kann eigentlich eine völlig gesunde, konkret zutreffende Anschauung und Seelenverfassung heraufkommen.
[ 40 ] Das ist es, was ich heute hinzufügen wollte zu den Betrachtungen der letzten Wochen. Das nächste Mal werden wir wiederum versuchen, von einer anderen Seite an die Betrachtung des Menschen heranzukommen.
