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The Rudolf Steiner Archive

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Anthroposophie als Kosmosophie
Erster Teil
Wesenszüge des Menschen im irdischen und kosmischen Bereich
GA 205

4 November 1921, Dornach

Achtzehnter Vortrag

[ 1 ] Wir haben den Menschen betrachtet in seinem Verhältnisse zum Kosmos in bezug auf die Form der menschlichen Organisation, in bezug auf die Lebensstufen, in bezug auf die Seeleninhalte, und wir wollen heute noch, um gewissermaßen ein anderes Kapitel für die beiden nächsten Tage vorzubereiten, auch die Geisteserlebnisse des Menschen ins Auge fassen.

[ 2 ] Erinnern wir uns, wie wir darangegangen sind, den Menschen in bezug auf die Formung seines Organismus zu betrachten. Wir mußten ja die menschliche Organisation in ein Verhältnis bringen zum Kosmos bis an den Fixsternhimmel. Wir mußten dann, um die menschlichen Lebensstufen ins Auge zu fassen, das planetarische System, in dem der Mensch lebt, vor unsere Seele hinstellen. Und indem wir dann übergingen zu den Seelenerscheinungen, mußten wir gewissermaßen eine Schwenkung machen und den Menschen als seelisches Wesen in ein Verhältnis bringen zu seiner leiblichen Organisation, das heißt zu demjenigen, was er eben durch den Fixsternhimmel und durch das Planetensystem hat. Und wir haben ja durch die Formbetrachtung, durch die Lebensbetrachtung auch jene Gegensätzlichkeit vor unsere Seele hingestellt, welche in der Kopfesorganisation, in der Brustorganisation, in der Stoffwechsel-Gliedmaßenorganisation im Menschen vorhanden ist. Wir haben gesehen, wie das Seelische als Sinneswahrnehmung und Vorstellung gerade durch die Hauptesorganisation sich auslebt, durch die Sinnes-Nervenorganisation, und wir haben dann gesehen, wie das Gefühlsleben durch die Atmungs- und Zirkulationsorganisation zum Ausdrucke kommt, das Willensleben durch das Stoff‚ wechsel-Gliedmaßensystem. Wir mußten aber, um das Seelische zu betrachten, darauf Rücksicht nehmen, wie im Menschen das Ich, der astralische Leib, der Ätherleib und der physische Leib zusammenwirken.

[ 3 ] So daß wir wirklich das letzte Mal einen Überblick bekommen haben von dem Ineinanderweben des Seelischen und des Leiblichen bis in die Drüsentätigkeit, bis in die Inanspruchnahme der Muskeltätigkeit durch den Willen.

[ 4 ] Wenn man nun zum Geistigen im Menschen kommen will, so kann man nicht bloß den Menschen so betrachten, wie das letzte Mal für das Seelische, wo wir Rücksicht zu nehmen hatten auf das Ausleben, auf die Offenbarung dieses Seelischen im Leiblichen, sondern man muß, wenn man das Geistige ins Auge fassen will, auf die Wechselzustände des Menschen sehen, auf das Wachen und Schlafen.

[ 5 ] Wachen und Schlafen, wir wissen es ja, sind uns zunächst als Menschen gegeben in dem Hinundherschwingen des menschlichen Lebens innerhalb von vierundzwanzig Stunden im Tageswachen und eben im Nachtschlafe. Das ist die eine Art, wie der Mensch lebt im Wachen und Schlafen. Wir wissen aber auch, daß der Mensch noch auf andere Art im Wachen und Schlafen vorhanden ist. Wenn der Mensch nämlich vorstellt und sich den Sinneswahrnehmungen hingibt, dann nur ist er ja eigentlich voll wach. Nur das Vorstellungs- und Sinneswahrnehmungsleben ist eigentlich das Wachsein. Dagegen ist das Willensleben und das Tatleben eigentlich ein Schlafensleben auch während des Wachens.

[ 6 ] Das Gefühlsleben ist, wie wir wissen, ein Traumesleben auch während des Wachens. So daß also der Mensch auch in dieser Beziehung sein Leben gewissermaßen hin- und herschwingen läßt zwischen Wachen und Schlafen. Das Schlafen, ich möchte sagen, das wachende Schlafen spielt gewissermaßen in unser wirkliches Wachen, das heißt in das Vorstellungsleben herein, wenn wir einen Willensakt ausdrücken, wenn wir tätig sind, wach sind im Tätigsein dadurch, daß wir unsere eigene Tätigkeit vorstellen können. Was aber in dieser Tätigkeit vor sich geht, das bleibt so unbewußt wie die Zustände während des Schlafes.

[ 7 ] Aber daß der Mensch sich als ein individuelles Wesen fühlt, das verdankt er doch eigentlich dem Schlafe. Wenn der Mensch nur wachend dem Vorstellungsleben hingegeben wäre, so würde er die Welt gewissermaßen nur wie einen Ablauf von Bildern erleben. Er würde sich gewissermaßen ruhend fühlen, wie in einem Punkte des Weltenalls verharrend, und in Bildern würde das Weltenall vorhanden sein. Im Bildweben würde auch das Ich wie eine Art von Spiegelbild von etwas, aber doch eben nur wie ein Bild vorhanden sein. Nur dadurch, daß wir in dieses wache Vorstellungsleben gewissermaßen hineingießen erstens das fortwährende Erinnern daran, daß wir eigentlich Zustände haben, in denen wir nichts erleben, Schlafzustände, die Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen, das führt uns auf uns selbst zurück. Und auch die unbestimmte Besinnung darauf, was wir wollen, also daß etwas Schlafartiges in unser bewußtes Dasein hineinspielt, das gibt uns unser Ich-Gefühl, unseren Ich-Impuls. Wir erleben ihn im gewöhnlichen Leben nicht vollbewußt, wir erleben ihn gewissermaßen als den aus unserer Organisation kommenden Stoß in das Bewußtsein hinein, diesen Ich-Impuls. Und wir erleben ihn auf der anderen Seite dadurch, daß wir vom Einschlafen bis zum Aufwachen eben mit unserem Ich, das aber sonst ja nicht in das gewöhnliche Bewußtsein hereintritt und mit unserem astralischen Leibe, der ebensowenig in das gewöhnliche Bewußtsein hereintritt, daß wir mit diesen uns in den Kosmos hinausbegeben und daß das gewissermaßen in unser Bewußtsein hereinschlägt, was wir als Verdunkelung dieses Bewußtseins erleben vom Einschlafen bis zum Aufwachen.

[ 8 ] Was ist es denn, was uns immer wiederum in den Schlaf versetzt, was unser Wollen und einen großen Teil unseres Fühlens in Unbewußtheit, gewissermaßen in die Nacht des Bewußtseins hinunterdrückt? Das ist es, daß wir im Wollen organische Tätigkeit entwickeln müssen. Wir haben ja das letzte Mal gesehen, wie der Mensch im Wollen sein Seelisches hineinwirken läßt bis in das Muskelleben. Es taucht gewissermaßen die Seele in das Muskelleben unter. Da wird sie unbewußt, geradeso wie sie unbewußt wird, wenn sie aus dem Leibe herausgeht und in dem Zustand zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen verharrt. Wir können also sagen: Es kommt von den Bedürfnissen, von den Bedingungen des Leiblichen, daß wir uns zunächst im gewöhnlichen Leben unseres Ich bewußt sind, es kommt davon, daß wir einen Leib an uns tragen, der, wenn Wollen ausgeführt werden soll, die Seele für sich in Anspruch nimmt, der, wenn er die Kräfte, die er im Wollen entwickelt, ausgleichen will, die Seele in die Unbewußtheit des Schlafes hinunterjagt, um eben immer voll das Bewußtsein des eigentlich unbewußt vorhandenen Ich vermitteln zu können. So also können wir sagen: Wir tauchen in das Leiblich-Physische unter, indem wir in dieses Leiblich-Physische hineingießen unseren Geist beziehungsweise zunächst unser Seelisches. Aber wir werden gleich sehen, daß wir mit diesem Seelischen eben unseren Geist in das Physisch-Leibliche hineinergießen. Da fühlen wir uns, möchte ich sagen, robust, wenn die Seele in den Leib hinuntergegossen ist. Wir fühlen uns nicht robust, aber wach, wenn wir Vorstellungen und Sinneswahrnehmungen haben.

[ 9 ] Vorstellungen haben und Sinneswahrnehmungen haben, heißt nun aber, nicht im Leibe leben. Es ist durchaus ein Verkennen, wenn man glaubt, erst das imaginative, das inspirierte und das intuitive Erkennen führen den Menschen in die geistige Welt hinein. Nein, der Mensch lebt schon in der geistigen Welt, wenn er Sinneswahrnehmungen hat und wenn er Vorstellungen bildet. Denn wir haben ja gesehen, daß die Sinneswahrnehmungen daran geknüpft sind, daß überhaupt schon tote Materie, rein physische Apparate in unseren Organismus eingelagert sind, die nur vom Ätherleib durchzogen werden; aber sie sind eingelagert. Und indem wir in diesem physischen Apparat erleben, erleben wir die Sinneswahrnehmung. Der physische Apparat wird nicht erlebt; das Geistige, das darinnen vorgeht, wird erlebt. Seinem Wesen nach ist der Inhalt der Sinneswahrnehmung durchaus geistig. Nur, wie wir das letzte Mal gesehen haben, breiten wir im Vorstellen gewissermaßen die Sinnestätigkeit über die Nervenorganisation aus. Die Nerventätigkeit besteht eigentlich in einem Absterben. Es muß die organische Tätigkeit gerade ausgeschaltet werden, wenn wir vorstellen wollen. Daher leben wir, indem wir Sinneswahrnehmungen haben und Vorstellungen haben, durchaus im Geistigen. Aber wir leben als Menschen, die da leben zwischen Geburt und Tod, dieses Leben im Geistigen dadurch, daß wir von ihm, von diesem Leben, nur Bilder haben. Das ist das Eigentümliche, daß uns das Geistige zunächst in den Sinneswahrnehmungen und in den Vorstellungen bewußt wird, aber nur in Bildern. So daß wir sagen können (siehe Darstellung Seite 127): Sinneswahrnehmungen, Vorstellungen sind geistiges Erleben, aber in Bildern. Bei den Vorstellungen sind wir uns ja bewußt, sie tragen als solche einen abstrakten Charakter, sie sind nicht intensiv gesättigte Bilder. Es wird grau, möchte man sagen, wenn man von den Sinneswahrnehmungen zum Vorstellungsleben zurückgeht. Aber nur für unser Bewußtsein wird es grau. In Wirklichkeit enthalten alle Vorstellungen, die der Mensch entwickelt, Imaginationen.

[ 10 ] So daß ich sagen kann: Die Vorstellungen, sie enthalten durchaus Imaginationen, nur kommen diese Imaginationen nicht zum Bewußtsein. Es ist gewissermaßen eine Art von Auszug aus diesen Imaginationen, die man im gewöhnlichen Leben als Vorstellungen hat. Das Imaginieren geht nach rückwärts in das Leibliche hinein, und das, was uns zum Bewußtsein kommt, ist das zurückgeworfene blasse Bild der Vorstellungen. Jedesmal, wenn Sie eine Vorstellung haben, und immerwährend, wenn Sie Vorstellungen haben, so haben Sie auch Imaginationen. Nur daß die Vorstellungen im Bewußtsein bleiben; die Imaginationen schlüpfen Ihnen hinunter und leben in der allgemeinen Vitalität Ihres Organismus, in der allgemeinen Lebenstätigkeit. Also die Imaginationen schlüpfen in die Vitalität, in die allgemeine Lebenstätigkeit hinein. Wenn ich das schematisch zeichnen sollte (siehe Zeichnung), so müßte ich so zeichnen (Kopf): Wir haben die Sinneswahrnehmung (rot), haben dann die Vorstellungstätigkeit, die wir uns bilden (blau, grün) aus der Sinneswahrnehmung und die eigentlich ein Janusgesicht hat. Nach vorn ist sie eben die blasse Vorstellung, die kommt in unser Bewußtsein; nach rückwärts ist sie Imagination, aber die Imagination kommt nicht ins Bewußtsein. Die Imagination geht in dem Organismus unter und bildet da die allgemeine Lebenstätigkeit. Sie geht in alle Organe hinein, diese Imagination, sie lebt im Gehirn, sie lebt im Herzen, sie lebt in der Lunge, sie lebt in den Nieren, sie lebt überall, sie geht in alle Organe hinein, diese Imagination. Sie vereinigt sich mit der allgemeinen Lebenskraft.

[ 11 ] Dadurch tritt dieses Eigentümliche ein: Wir haben hier, soweit ich rot, blau gezeichnet habe, den Geist im Bild. Wir haben nichts im Bewußtsein von dem, was da hinunterragt in die Leiblichkeit, aber wir erleben es als seelisch. Der Geist ist also gewissermaßen nach vorn Geist; nach rückwärts, nach dem Organismus hinein (grün) ist er Seele. Aber im Seelischen beginnt er gleich unterzutauchen in das Halbbewußte und Unbewußte und vereinigt sich mit dem Leiblichen.

[ 12 ] Unterhalb dessen, was wir hier (siehe Zeichnung) haben, haben wir die unbewußte seelische Tätigkeit. Dahinein verschwindet also die Imagination. Und dann haben wir von der anderen Seite die Leiblichkeit. Aber diese Leiblichkeit ist in die Nacht des Bewußtseins, in den Schlaf hineingetaucht und äußert sich nur, indem sie den Willen heraufschickt bis in das Bewußtsein. Dieser Wille ist eben der Gegenstoß; der macht uns robust, der gibt uns Erleben der Wirklichkeit. Aber dieses Erleben der Wirklichkeit stößt höchstens noch als Gefühl herauf. Da träumen wir von dieser Wirklichkeit; aber im wesentlichen haben wir diese Wirklichkeit nicht im wachen Bewußtsein. So daß wir als Menschen zwischen Geburt und Tod unser Sein im Geistigen dadurch erkaufen, daß wir den Geist im Bilde erleben, im Bilde der Sinneswahrnehmungen, im Bilde der Vorstellungen; daß wir die Wirklichkeit zwar erleben, daß sie aber unbewußt hereinspielt in unser Bewußtsein, wie auch die äußere Wirklichkeit unbewußt hereinspielt.

[ 13 ] Wir tauchen unter in diese äußere Wirklichkeit, aber sie spielt im Grunde genommen — weil wir von den Schlafzuständen, wo wir draußen sind in der äußeren Wirklichkeit, nichts wissen —, sie spielt auch unbewußt herein. Wir werden gewissermaßen von dem Unbewußten umsponnen, von dem Unbewußten durchdrungen. Da leben wir in der Wirklichkeit. Aber wir leben im Leiblichen oder im Äußerlich-Physischen. Indem wir im Geistigen leben, erleben wir den Geist nur als Bild.

[ 14 ] Aber alles Leibliche ist vom Geistigen aufgebaut. Und wenn der Mensch nun seine Imagination ausbildet, so erlebt er schon das imaginative Leben, das da zurückliegt. Er erlebt auch weiter im Seelischen zurückliegend das, was im gewöhnlichen Bewußtsein als Gefühl vorhanden ist. Er erlebt das Gefühl zunächst bewußt. Aber hinter dem Gefühl, da ist die Inspiration.

[ 15 ] Jedesmal, wenn Sie ein Gefühl haben, haben Sie auch eine Inspiration. Aber geradeso wie beim Vorstellen einem die Imaginationen hinunterrutschen in die allgemeine Vitalität, so rutscht einem beim Fühlen die Inspiration hinunter in die Leiblichkeit, denn Sie brauchen sie dort unten. Sie brauchen sie zu der Atmungstätigkeit, zu der rhythmischen Tätigkeit. Da, mit der allgemeinen rhythmischen Tätigkeit verbindet sie sich. Also es rutscht in Ihre Atmungsvorgänge die Inspiration von Ihrem Gefühl ebenso hinein, wie von den Vorstellungen die Imagination in die allgemeine Vitalität hineinrutscht.

[ 16 ] So daß ich sagen darf: Wir erleben weiter nach rückwärts in uns die Gefühle, und dadurch, daß wir in die Gefühle weiter eintauchen, haben wir das seelische Erleben, seelisches Erleben, aber träumend — aber wir haben darinnen eine verborgene Inspiration (siehe Zeichnung Seite 125). Eine verborgene Inspiration schlüpft in die Rhythmusbewegung, Rhythmustätigkeit. In Atmen und Blutzirkulation schlüpft das hinunter. Wenn man nachschauen würde, wenn man einen Menschen vor sich hätte, der denkt und fühlt, so könnte man so sagen: Du hast jetzt Vorstellungen, du denkst ja, das weißt du; aber aus deinem Vorstellen tropfen fortwährend durch deinen ganzen Leib die Imaginationen hinunter und erhalten deine Vitalität. Du fühlst; da tropfen fortwährend die Inspirationen in die Atmung und in die Blutzirkulation hinein.

[ 17 ] Und darunter liegt dann das Wollen. Das Wollen ist zunächst innerhalb der Lebensbetätigung des Menschen zwischen Geburt und Tod rein leiblich-physische Betätigung, ist leiblich-physisch zu erleben, denn der Geist wird in Anspruch genommen von der Muskeltätigkeit leiblich-physisches Erleben, aber schlafend, denn bewußt kann man nur den Geist erleben. Hier schläft er. Da drinnen ist aber Intuition. Es ist wirkliche Intuition, was ich das letzte Mal geschildert habe, wo der Mensch seine Seelentätigkeit und damit auch das Geistige, das er erlebt, in Bildern hinübersendet in seine Muskeltätigkeit, so daß er regsam wird, so daß er ein Handelnder, ein Wollender wird. Da intuitiert er wirklich. Da geht er aus seinem Ich-Leben heraus, läßt dieses Ich also in etwas ganz anderes, nämlich in die eigene Muskel-Knochenbewegung hinein. So daß wir sagen können: Die Intuition schlüpft in die Stoffwechsel- und Bewegungstätigkeit. Der Geist aber lebt eben in Imagination, Inspiration, Intuition.

Sinneswahrnehmungen,
Vorstellungen: Geistiges Erleben, aber in Bildern,
Imaginationen schlüpfen in die Vitalität

Gefühle: Seelisches Erleben, aber träumend,
Inspiration schlüpft in die Rhythmustätigkeit

Wollen: Leiblich-physisches Erleben, aber schlafend,
Intuition schlüpft in die Stoffwechsel- und Bewegungstätigkeit

[ 18 ] Sie sehen, jetzt haben wir den Geist ganz im Leibe drinnen. Die Intuition haben wir im Stoffwechsel und in der Bewegung der Gliedmaßen. Die Inspiration haben wir in der rhythmischen Tätigkeit. Die Imagination haben wir in der allgemeinen Vitalität. Und nur das gegenständliche Erkennen, das haben wir als Bildhaftigkeit, als geistige Wirksamkeit in Bildern. Weil es bloße Bilder sind, können sie sich auch vereinigen mit den Bildern der Außenwelt.

[ 19 ] Wir haben das letzte Mal versucht, das Seelische mit dem Leiblichen zusammenzudenken. Wir haben gesehen, wie dieses Seelische im Kopfe, in der Nerven-Sinnesorganisation sich betätigt, indem dort ein fortwährendes Absterben ist, so daß das Seelische dort als solches sich ausleben kann, denn das Organische wird abgebaut.

[ 20 ] Wir haben dann gesehen, wie in der Drüsentätigkeit das Seelische in Anspruch nimmt das Körperliche, aber eben nur in beschränktem Maße, indem die Drüse dann Stoffe absondert. Aber in der Muskel- und Knochentätigkeit, da wird das Seelische ganz in Anspruch genommen vom Leiblichen. Ich habe ausdrücklich gesagt: Wir schwafeln nicht herum von einer abstrakten Wechselbeziehung zwischen Körper und Leib, und Seele und Geist, reden nicht von irgendeiner Beziehung des Physischen zu einem Psychoid, sondern schauen hinein, indem wir konkret die Seele erfassen, wie dieses Leiblich-Physische mit dem Seelischen überall sich durchsetzt, durchdringt. Und umgekehrt: Jetzt erleben wir es, wie das Geistige, das zunächst im Menschen nur in Bildern vorhanden ist, doch aber in unserem Physisch-Leiblichen drinnen lebt.

[ 21 ] Imagination, Inspiration, Intuition sind nicht irgend etwas, was man wie Wind, Wolken erfaßt, sondern sie sind das, was gerade in unserer Leibestätigkeit vorhanden ist, was da hinüberschlüpft, indem wir nur die Bilder vom Geistigen festhalten können.

[ 22 ] So kann man auch vordringen zu dem, was im Menschen das Geistige ist. Nach der Form, nach den Lebensstufen, nach dem Seeleninhalte, nach den geistigen Äußerungen oder geistigen Offenbarungen kann man den Menschen betrachten.

[ 23 ] Die Form des Menschen, sie ist zwar abhängig von dem ganzen Fixsternhimmel, sie tritt uns aber äußerlich sichtbarlich entgegen. Die Lebensstufen sind abhängig von der Planetensphäre. Sie können wir nicht unmittelbar mit dem gewöhnlichen Bewußtsein erblicken. Diese Lebensstufen erblicken wir, indem sie in den Formverhältnissen sich ausdrücken. Tief im Inneren des Menschen ruht das Seelische. Wir entdecken es, wenn wir die geheimnisvollen Zusammenhänge zwischen des Menschen Nerven-Sinnestätigkeit und dem Seelischen ins Auge fassen, wenn wir die Drüsentätigkeit ins Auge fassen im Verhältnis zum Fühlen und zu alledem, was auf der rhythmischen Tätigkeit beruht. Wir sahen dann, wie zusammenhängt das Seelische mit dem Stoffwechsel-Gliedmaßensystem. Aber dieses Seelische wird durchdrungen an dem einen Pol des Lebens von dem Geistigen, kann aber von ihm nur Bildhaftes erfassen und drängt hinunter die Imagination, Inspiration und Intuition in das Leiblich-Physische. Dann, wenn so der Geist sich in die Seele ergießt, lebt er in der Seele als das Intimste, das der Mensch hat.

[ 24 ] Der andere Pol zieht den Menschen nicht hinein in die Art und Weise, wie der Mensch von innen seine Sinnestätigkeit hat, wie der Mensch sein Vorstellen hat, sein Fühlen, wo der Mensch schon hinuntertaucht mit dem Geist in das Leibliche, in die Wirklichkeit zum Fühlen, wo tingiert ist mit den Inspirationen, die nun ihrerseits von oben wiederum die Imaginationen aufnehmen, das Leibliche mit dem Geistigen. Dieses kommt uns zum Ausdrucke, wenn wir sinnig den Menschen anschauen, der in voller Ruhe vor uns steht. Wenn wir studieren seine Physiognomie, wenn wir studieren, was aus ihm herausleuchtet, indem der Geist untertaucht in die Leiblichkeit, indem er die Inspiration in die Leiblichkeit hineinsendet, kommt dieser Geist wiederum an die Oberfläche, dringt durch die Lebensimpulse nach außen, gibt dem Menschen zunächst das Inkarnat, die Hautfleischfarbe, gibt dem Menschen, was er sonst als Physiognomie hat, erscheint uns in seiner edelgebauten Stirne, erscheint uns in seiner Mund- und Kinnbildung, in seiner Nasenbildung und so weiter. Dieser Geist, der als Inspiration untertaucht, erscheint uns, indem er durch die Lebensstufen wirkt, an dem ruhenden Menschen.

[ 25 ] Sobald der Mensch geht, sobald der Mensch tätig ist, ja wenn der Mensch nur mit den Augen zwinkert, dann ist es das, was der Mensch als Intuition hinübersendet vom Geist in das Leibliche; das ist das, was wir dann sehen. Bei einem Menschen, den wir im Gehen verfolgen, den wir im Gestikulieren verfolgen, bei dem verfolgen wir das Wirken seines Geistes, der aber intuitiv in dem Leib aufgeht, in dem er nicht als Geist anwesend ist, sondern als die Wärmebildungs-, als die chemischen Zersetzungsprozesse, die im Leibe vor sich gehen, wenn der Mensch tätig in der Welt wirksam ist.

[ 26 ] Indem wir die Form betrachtet haben, mußten wir hinweisen auf das, was die Welt dem Menschen gibt. Indem wir jetzt den Geist ganz untertauchen gesehen haben in die Leiblichkeit, finden wir in der Betätigung des Menschen, was der Mensch wiederum an die Welt hinausgibt. Es ist ein vollständiger Kreislauf vorhanden.

[ 27 ] Der Mensch wacht, indem er im Wachen Bilder erlebt, das heißt, er ist des Geistes teilhaftig. Aber er erkauft für das Leben zwischen Geburt und Tod diese Teilhaftigkeit am Geist, indem er den Geist nicht als Wirklichkeit, sondern als Bildhaftigkeit in sich hat. Der Mensch hat aber den Geist auch zwischen Geburt und Tod als Wirklichkeit in sich; aber er erkauft diese Wirklichkeit dadurch, daß er diese Wirklichkeit nur schlafend, sei es wachend schlafend, sei es wirklich schlafend, erlebt. Und man müßte eigentlich sagen: Leben zwischen Geburt und Tod besteht darin, daß der Mensch den Geist in Bildesabglanz erlebt, die Wirklichkeit aber nicht bewußt erlebt; sondern diese Wirklichkeit erscheint ihm nur durch das Medium der Leiblichkeit. Zwischen Geburt und Tod sehen wir den Geist durch seine Leiblichkeit. Wir sehen eigentlich nicht in Wirklichkeit Materie. Die Materie ist der äußere Schein des Geistes. Wir sehen den Geist von außen, indem wir Materie sehen. So daß wir sagen können: Sehen wir Materie, sei es Materie draußen in der Welt, sei es Materie am Menschen, dann ist es eigentlich immer so, daß die Wirklichkeit sich uns verbirgt und die Oberfläche uns erscheint, wo der Geist aus der leiblichen Wirklichkeit, aus der materiellen Wirklichkeit heraus sich offenbart.

[ 28 ] Anders ist es, wenn der Mensch des Geistes teilhaftig wird. Da bleibt ihm sein Leibliches, wie zum Beispiel das Innere seines Hauptes, ja auch das Äußere seines Hauptes, wenn er sich nicht just im Spiegel sieht, aber dann hat er auch nur ein Bild, das bleibt im Hintergrunde. Dagegen erlebt er wirklich den Geist, aber er erlebt den Geist nur im Bild. Im Bewußtsein sehen wir den Geist innerlich, aber im Bilde. Schlafend, auch wachend schlafend, nehmen wir den Geist in seinem Schaffen wahr, aber wir können die Wahrnehmung nicht in ihrer Wesenheit ins Bewußtsein hineinbringen; sie bleibt draußen.

[ 29 ] Deshalb müssen wir schon sagen, wenn wir irgendwo materielle Oberfläche wahrnehmen: dahinter ist der Geist. Wir können nur mit unserem Bewußtsein in diesen Geist nicht hinein. Wenn wir im gewöhnlichen Bewußtsein Geist erleben, müssen wir ihn innerlich erleben, aber wir erleben ihn eben nur im Bilde. Das ist eben der große Umschwung, der sich mit dem Menschen vollzieht: Mit dem Tode wird diese Wirklichkeit hier (auf die Zeichnung Seite 130, links, deutend) Bild, und die Bilder, die wir erleben (rechts, blau), die werden Wirklichkeit. Der Mensch beginnt, indem er durch die Pforte des Todes geht, das, was er vorher nur im Bilde wahrgenommen hat, als seine Wirklichkeit zu erleben, und was er vorher als Wirklichkeit verschlafen hat, das wird jetzt für ihn Bild — Bild, in dem sich allerdings vorbereitet das nächste Erdenleben, wo wiederum eine Umkehr stattfindet. Es ist also immer eine völlige Umkehr.

[ 30 ] Sehen Sie, wenn man des Menschen Formverhältnisse betrachtet, muß man weit hinausgehen, in die ganze Fixsternwelt muß man hinausgehen. Und wenn man in die ganze Fixsternwelt hinausgeht, dann liegen in der Fixsternwelt die Impulse, wie wir gesehen haben, die da bewirken, daß der Mensch gewisse Formen seines Hauptes, gewisse Formen seiner Brust, gewisse Formen seiner Gliedmaßen hat. Wir haben gesehen, wie diese zustande kommen. Wir gehen dann weiter an den Menschen heran: Wir finden das Planetensystem, die Planetensphäre. Und wiederum finden wir, daß diese Planetensphäre im Menschen seine Lebensstufen bildet. Jetzt müssen wir ganz in den Menschen hineingehen. Da finden wir sein Seelisches. Und wenn wir in dieses Seelische noch untertauchen, dann ergeben sich uns die Wechselzustände von Wachen und Schlafen, von Bild und Wirklichkeit. Dann kommen wir an den Geist des Menschen heran. Dann entdecken wir das Geistige des Menschen.

[ 31 ] Ich möchte Ihnen jetzt etwas vor die Seele hinstellen, was für viele von Ihnen vielleicht außerordentlich abstrakt und fremdartig erscheint. Aber ich bitte Sie, nehmen Sie es hin und betrachten Sie es als ein paar Nüsse, die Sie knacken müssen. Denn auch das, was ich heute in dieser rechts letzten Viertelstunde entwickeln will, kann Ihnen einmal wichtig sein für die Weltbetrachtung.

[ 32 ] Wenn wir diesen Weg uns wirklich vorhalten, den man da geht von dem ganzen Weltensystem, von dem Fixsternhimmel herein durch die Planetensphäre in den Menschen, da wird man, wenn man dazu in der Lage ist, an etwas ganz Bestimmtes erinnert. Sehen Sie, die Mathematiker, die bestimmen die Lage eines Körpers oder die Lage eines Punktes — das spielt eine große Rolle heute gerade in der Relativitätstheorie —, indem sie sich drei aufeinander senkrecht stehende Linien denken, die sich in irgendeinem Punkte schneiden. Und wenn sie dann einen Punkt bestimmen wollen, sagen wir hier den Punkt A (siehe Zeichnung), dann messen sie die Entfernung zu den drei Ebenen, die durch die drei Linien bestimmt sind. Wenn sie also diese drei Linien haben, so können sie immer den Punkt bestimmen. Sie müssen nur annehmen diese drei aufeinander senkrecht stehenden Achsen, die man Koordinatenachsen nennt, und sie können ihnen dienen als Anhaltspunkt zur Ortsbestimmung jeglichen anderen Punktes, auch jeglicher Linie, denn die kann wenigstens nur durch ihre Punkte bestimmt werden, die sie enthält und so weiter.

[ 33 ] Die Mathematiker sind nun außerordentlich stolz darauf, daß sie in einer solchen Weise die Ortsbestimmung mathematisch erfaßbar machen können. Sie reden von den drei Koordinaten, von der x-, y- und z-Koordinate. Nun entsteht aber für denjenigen, der nicht bloß Mathematiker, sondern der, indem er sich mit Mathematik beschäftigt hat, auch noch ein Mensch der Wirklichkeit ist, eine bestimmte Frage.

[ 34 ] Er sagt sich: In dem Leben zwischen Geburt und Tod — und unsere jetzigen Mathematiker rechnen ja wahrhaftig nicht mit dem Leben zwischen dem Tod und neuer Geburt, sondern was sie berechnen, das liegt alles zwischen Geburt und Tod —, in dem Leben zwischen Geburt und Tod ist man ja immer eigentlich als Mensch in der äußeren Wirklichkeit mit drinnen, und man sieht als Mensch, oder man nimmt es wahr durch einen anderen Sinn, von irgendeinem Punkte aus das, was in der Außenwelt ist. Man muß also immer beim Menschen von einem Blickpunkte, von einem Augenpunkte sprechen. Nicht wahr, die Welt schaut ganz anders aus, je nachdem ob ich nun hier stehe, oder ob ich da drüben stehe. Wenn ich da drüben stehe — nun, schon dadurch wäre ein beträchtlicher Unterschied, daß ich Ihnen von hier in die Augen schaue; wenn ich da drüben stünde, würde ich Sie alle von der anderen Seite sehen. Also man kann, wenn man konkret, wirklichkeitsgemäß spricht, immer nur von einem bestimmten Blickpunkte aus die Wirklichkeit beurteilen, denn der Mensch kann sich ja nirgends ganz wegnehmen von der Wirklichkeit.

[ 35 ] Aber im modernen Denken, da hat man so etwas von einer Sehnsucht, sich wegzunehmen aus der Wirklichkeit. Die Physiker wollen alles Subjektive ausschließen. Ein neuerer Physiker hat gesagt: Was ist eigentlich? Was hat ein Sein? — Sogar in der Sprache kommt das Sein vom Sehen, so daß man, wenn man den Menschen einschließt, eigentlich ganz populär sagen müßte: Es ist das, was man sehen kann. Denn der Stamm des Wortes Sein hängt mit Sehen zusammen. — Aber das kann der Physiker nicht gelten lassen, und ein neuerer Physiker hat deshalb schon die Definition gegeben: Dasjenige ist, was sich messen läßt — wobei man es also nicht auf den Menschen bezieht, sondern auf einen objektiven Maßstab, und den Menschen schaltet man aus.

[ 36 ] Ein anderes Beispiel, wo der Mensch ausgeschaltet wird, habe ich ja schon öfter vor Ihre Seele hingestellt. Da wird die Kant-Laplacesche Theorie erklärt: Man nimmt ein Tröpfchen Ol, ein Kartenblatt auf einer Stecknadel, es kann auch eine Nähnadel sein, man dreht, und da sondern sich die Tropfen ab. Aber — es würde sich nichts absondern, und das ganze kleine Planetensystem würde nicht entstehen, wenn der Herr Lehrer nicht drehte! Aber wenn man das Weltsystem erklären will, läßt man wiederum den Herrn Lehrer aus. Sonst müßte der Lehrer sagen: Liebe Kinder, da entsteht ein Planetensystem, aber da bin ich, der da dreht; und da draußen entsteht das große Planetensystem, da ist der große Gott vorhanden, der dreht da die große Stecknadel. Sonst könnte die Welt nicht entstehen, wenn da draußen nicht ein im Verhältnis großer Gott wäre, wie ich der kleine Gott für euch alle hier bin. — So müßte der Lehrer eigentlich sagen, nicht wahr.

[ 37 ] Nun, das sagt er nicht. Man ist gewohnt geworden im modernen Denken, den Blickpunkt gewissermaßen hinwegzudekretieren. Man dekretiert ihn sogar hier in der analytischen Geometrie weg. Aber es ist auch schwer, die Frage zu beantworten: Wo ist eigentlich derjenige, der das anschaut? Wo ist denn der, der das anschaut? Wo steckt denn der? Wer sieht denn wirklich das Ding hier so an, daß er nicht perspektivisch die x-, y-, z-Koordinate sieht? Wo steckt denn der Mensch, der das so sieht? — Ja, wissen Sie, da kann er nicht sein, da überall kann er nicht sein, denn da würde er immer perspektivisch sehen. Nun, wenn er gerade weit genug weg wäre, nämlich da im Unendlichen drüben, da würde er die vertikale Linie richtig sehen; wenn er da drüben im Unendlichen wäre; wenn er da droben im Unendlichen wäre, würde er die z-Linie sehen. Das muß nämlich ein ganz verflixter Kerl sein, der diese sogenannte Koordinatenachse sehen würde, die man für dieses hier (siehe Zeichnung Seite 132) in einem Punkt beschreibt; der muß nämlich in der Unendlichkeit sein, und zwar da, und da, und überall in der Unendlichkeit fort muß er sein. Das ist der Blickpunkt. Der muß überall sein, der da in diesem Raum alle richtigen drei Dimensionen betrachtet, die aufeinander senkrecht stehen. Wenn man vom Raume redet, ja, wenn man von analytischer Geometrie redet, so muß man den Blickpunkt überall ins Unendliche hin verlegen.

[ 38 ] Und jetzt nehmen wir den Gegensatz. Jetzt nehmen wir einmal, wie der Mensch nun wirklich innerlich sich erlebt. Er erlebt sich ja im Mittelpunkt des Weltenalls. Er erlebt sich gewissermaßen als Punkt, und überall mit seinen Wahrnehmungen visiert er eigentlich. Er hat gewissermaßen vor sich oder um sich seinen Horizont. Und was auf dem Horizont oder über dem Horizont und unter dem Horizont ist, das erlebt der Mensch so; wenn ich es Ihnen andeuten will, könnte ich das so andeuten. Ich müßte sagen: Der Mensch erlebt erstens in seiner Visierlinie — es kann auch die Tastlinie sein — oder irgendwo oben, unten, natürlich auch hier herüben; kurz, er macht diesen Winkel größer oder kleiner, oder öffnet ihn nach oben oder nach unten. Das tun auch die Mathematiker; nur da, da gehen sie aus von einem ganz bestimmten Blickpunkte. Da nehmen sie Rücksicht auf den Menschen. Sie geben es aber auch nicht zu, weil das eine Schande wäre für den heutigen Denker, wenn er den Menschen einschließen würde in das Weltenbild. Sie reden daher nur von einem Punkt, bestimmen einen anderen Punkt irgendwo, indem sie die Abweichung von der Visierlinie bestimmen. Indem man also sagt: der Punkt hier, der ist so entfernt, daß hier eine Möglichkeit ist — nun, ich will nicht so weit gehen, das, was man den Kosinus nennt, einzuführen —, daß man eine Möglichkeit hat, den Punkt zu bestimmen. Der aber ist immer anders, also auch sein Kosinus ist immer anders, indem man weiter oben oder unten den Punkt ins Auge faßt. Da steht man eigentlich, wenn man die Sache wirklich betrachtet, in der vollen Wirklichkeit drinnen. Die Mathematiker haben das. Sie nennen das Polarkoordinaten.

[ 39 ] Und jetzt, sehen Sie, jetzt haben wir einen merkwürdigen Satz. Wir können sagen: Da ist nun gar kein verflixter Kerl, denn das ist man selber fortwährend. Wenn man irgendwo ist, hat man den polaren Koordinatenmittelpunkt als Blickpunkt. Wenn man aber den Raum betrachtet, und eine Raumbetrachtung ist ja diese Betrachtung hier, dann ist man überall in der Unendlichkeit draußen. Da ist man der verflixte Kerl. Was ist denn aber, wenn Sie hier den Mittelpunkt betrachten, nun überall in der Unendlichkeit, was ist denn dazwischen drinnen? Was ist dazwischen drinnen? Zwischen dem Punkt und der Unendlichkeit ist nämlich zwischen drinnen der Kreis. Wenn Sie in die Unendlichkeit hinausgehen, also eigentlich den Raum durchmessen, Sie werden etwas darinnen finden. Aber wenn Sie sich den Blickpunkt in der Unendlichkeit überall denken, dann sind Sie in dem Gebiet, das die Fixsternbetrachtung ist. Wenn Sie hereingehen in den Mittelpunkt, da sind Sie in dem Gebiet, wo die menschliche Betrachtung ist. Zwischen drin ist der Kreis, oder kann wenigstens ein annähernder Kreis sein: die Planetenbewegungen. Es kann gar nicht anders sein. Wenn der Mensch durch seine Seele der Welt vermittelt wird, so muß diese Vermittelung durch eine Kreisbewegung, durch Sphären geschehen. Das ist einfach in der inneren Konstitution des Weltenalls begründet. Wir müssen also zwischen uns und der Unendlichkeit die kreisenden Sterne finden.

[ 40 ] Sehen Sie, in sehr alten Zeiten hat ein instinktives Hellsehen die Mathematik aus diesen Verhältnissen herausgeholt, aus den konkreten Verhältnissen heraus: den Weltenraum in drei Dimensionen mit dem Blickpunkte überall in der Unendlichkeit, die Sphäre und den eigenen Mittelpunkt. Davon ist man ausgegangen. Das war alte Mathematik. Heute ist die Mathematik auch abstrakt geworden und handelt eigentlich nur von Formeln, nicht von der Wirklichkeit. Aber wenn man sie innerlich betrachtet, so wie wir das jetzt getan haben, dann kann man noch eine Ahnung bekommen, wie das, was der Mathematiker heute vor sich hinzustellen gezwungen ist, das Koordinatenachsensystem oder die Polarkoordinaten, wie das durchaus in der inneren Struktur des Weltenalls begründet ist.

[ 41 ] Sehen Sie, Sie werden fast immer, wenn der Einstein oder ein Einsteinianer heute zu reden beginnt, finden: den Ausgangspunkt nehmen sie von irgendwelcher Koordinatenkonstruktion, und dann gehen sie über zu der Relativitätstheorie. Man braucht sich nicht darüber zu wundern, daß da alles relativ wird. Denn sobald man den ersten Ansatz macht — und den möchten nämlich die Leute machen —, zu der Wirklichkeit überzugehen, dann muß man sich verwandeln oder müßte sich verwandeln in den verflixten Kerl, der überall in der Unendlichkeit ist. Aber da kommt es schon nicht darauf an, ob es eine Meile oder mehr oder weniger, oder einen Erden- oder Sonnendurchmesser weit oder noch weiter voneinander ist. Daher werden alle Dinge relativ. Daher die Relativitätstheorie, weil der Blickpunkt im Unendlichen liegt, und es darauf nicht ankommt, ob weit oder weniger weit. Da wird dann, wenn man rein schaut auf die willkürlich angeführten Gründe, alles relativ. Das ist eigentlich der wahre Grund, der psychologische Grund. Man muß nur in diese Dinge hineinsehen.

[ 42 ] Nun wollen wir morgen auf den Voraussetzungen, die wir heute gewonnen haben, einiges wiederum aufbauen.