Nordic and Central European Spiritual Influences
The Feast of the Epiphany
GA 209
24 December 1921, Dornach
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Nordische und mitteleuropäische Geistimpulse, tr. SOL
Das Fest der Erscheinung Christi I
The Feast of the Epiphany I
[ 1 ] Wenn man mit den Vorstellungen der Gegenwart vernimmt, daß wir über die Weihnachtsfesttage gegenwärtig hier einen Kursus absolvieren, so könnte das vielleicht merkwürdig erscheinen aus dem Grunde, weil man eben die Vorstellung hat, daß mit den großen Festeszeiten des Jahres die Arbeit ruhen soll und der Mensch sich insbesondere zur Weihnachtszeit einzig und allein den religiösen Übungen überlassen soll. Dennoch darf ein tieferer Einblick in die Verhältnisse der Gegenwart heute nicht verkennen, daß anderes gerade in diesen Festeszeiten angemessen ist, als bisher durch lange Zeiten hindurch gegolten hat. Wir leben in schweren Zeiten, und es muß heute als Leichtsinn erscheinen, wenn man ohne Berücksichtigung der schweren Zeiten der Not, in die wir eingetreten sind, einfach die alten Gewohnheiten fortsetzen möchte, unberührt von demjenigen, was in sichtbaren und unsichtbaren Welten gerade in unserer Gegenwart sich vollzieht. Wir sehen, wie zu diesen Festeszeiten die Menschen sich beschenken, wie sie in traditioneller Weise ihren Weihnachtsbaum putzen, wie sie in anderer Weise rein nach der Überlieferung dasjenige tun, was man gewohnt worden ist zu tun seit Jahrhunderten. Gerade heute aber muß man bemerken, wie diese Gewohnheit fast zum Frevel wird.
[ 1 ] If one considers, from the perspective of contemporary thinking, that we are currently taking a course here during the Christmas holidays, this might seem strange, precisely because people generally believe that work should come to a halt during the major holidays of the year and that, especially at Christmas, people should devote themselves solely to religious observances. Nevertheless, a deeper insight into contemporary circumstances must not fail to recognize that, especially during these festive seasons, what is appropriate today differs from what has been the norm for a long time. We are living in difficult times, and it must seem reckless today to simply want to continue with old habits without taking into account the severe times of hardship we have entered, unaffected by what is unfolding in both the visible and invisible worlds right now. We see how, during these festive seasons, people exchange gifts, how they decorate their Christmas trees in the traditional way, and how, in other respects, they follow tradition by doing what has been customary for centuries. Today, however, one must note how this custom is verging on sacrilege.
[ 2 ] Wer mit tieferem Herzensanteil die letzten Jahre miterlebt hat, der kommt sich vor, als wenn er Jahrhunderte hätte durchleben müssen, und nur mit einer gewissen Wehmut kann er auf jenen Teil der Menschheit blicken, der heute gewohnheitsmäßig so denkt, wie mit einiger Begründung gedacht werden konnte noch bis zum Beginne oder der Mitte des zweiten Jahrzehntes unseres Jahrhunderts. Für das unbefangene Gemüt müssen heute aus den Zeitereignissen heraus alle Dinge mit Fragen belastet erscheinen, mit Fragen, welche die Urelemente alles menschlichen Lebens angehen. Diejenigen der verehrten Zuhörer, die öfter von mir das eine oder andere gehört haben, werden wissen, wie wenig ich geneigt bin, mitzumachen den Brauch, davon zu sprechen, daß man in einer Übergangszeit lebt. Das kann jede Zeit von sich sagen, denn immer ist der Übergang vom Vergangenen in das Zukünftige selbstverständlich da. Es kommt nur darauf an, worinnen dieser Übergang besteht. Und heute kann man nicht verkennen, daß der Mensch nur dann seines eigentlichen Wesens sich bewußt ist, wenn er Anteil nimmt an dem Gewaltigen, das sich abspielt in der Welt.
[ 2 ] Anyone who has experienced the past few years with a deep sense of empathy feels as if they have had to live through centuries, and it is only with a certain wistfulness that they can look upon that part of humanity which today habitually thinks in a way that, with some justification, could still have been considered reasonable until the beginning or middle of the second decade of our century. To the unbiased mind, everything emerging from current events must today appear burdened with questions—questions that concern the primordial elements of all human life. Those among my esteemed audience who have heard me speak on one topic or another on occasion will know how little I am inclined to go along with the custom of speaking of living in a time of transition. Every era can claim this for itself, for the transition from the past to the future is always naturally present. It all depends on what this transition consists of. And today, one cannot fail to recognize that human beings are only aware of their true nature when they take part in the momentous events unfolding in the world.
[ 3 ] Man hat ja öfter getadelt, daß viele Menschen immer mehr und mehr die Christlichkeit darinnen gesehen haben, daß sie gesprochen haben: Herr, Herr! — oder daß sie den Namen des Christus so oft als möglich ausgesprochen haben. Heute haben wir allerdings ein wesentlich anderes nötig: eine Durchchristung unseres ganzen Lebens, der es nicht genügt, den Namen des Christus zu nennen, sondern die es für notwendig hält, sich mit dem Geiste des Christus inniglich zu verbinden. Wir sehen heute, wie fast über die ganze Erde hin große Fragen des Daseins aufgeworfen werden. Wir nehmen es heute schon wahr, daß jenes Gebiet, das europäische Gebiet, das lange Zeit hindurch der eigentliche Schauplatz der Zivilisation der Menschheit war, für die Zukunft dieser Schauplatz nicht mehr wird sein können. Wir nehmen wahr, wie die Fragen der Welt sich über größere Territorien erweitern, und wir nehmen vor allen Dingen wahr heute schon an den symptomatischen Erscheinungen, wie auf allen Gebieten des Lebens die große Auseinandersetzung zwischen dem Westen und dem Osten sich ankündigt.
[ 3 ] It has often been criticized that many people have increasingly come to view Christianity as merely saying, “Lord, Lord!”—or as uttering the name of Christ as often as possible. Today, however, we need something fundamentally different: a Christian transformation of our entire lives—one for which it is not enough merely to call upon the name of Christ, but which requires us to unite ourselves intimately with the Spirit of Christ. Today we see how major questions of existence are being raised across nearly the entire globe. We are already perceiving that that region—the European region—which for a long time was the very center of human civilization, will no longer be able to serve as that center in the future. We observe how the world’s questions are spreading across ever-larger territories, and above all, we can already perceive today, through symptomatic signs, how the great conflict between the West and the East is looming in all areas of life.
[ 4 ] Der Westen hat entfacht ein junges Geistesleben aus mechanischnaturalistischen Untergrundlagen heraus. Nur derjenige sieht dieses Geistesleben richtig an, der die Meinung hegt, daß es erst im Anfange seines Werdens ist. Aber man muß von diesem anfänglichen Geistesleben des Westens hinüberschauen zum Osten, mit dem wir immer mehr und mehr auch geographisch-historisch kulturell verbunden werden und mit dem der Westen sich auseinandersetzen muß.
[ 4 ] The West has kindled a new spiritual life based on mechanistic-naturalistic foundations. Only those who believe that this spiritual life is still in its infancy can truly understand it. But we must look beyond this nascent spiritual life of the West toward the East, with which we are becoming increasingly connected—geographically, historically, and culturally—and with which the West must engage.
[ 5 ] Im Osten ist vorhanden ein altes Geistesleben, das in Jahrtausende zurückweist. Und man bekommt vor dem, was in diesem Osten heute allerdings in Dekadenz vorhanden ist, einen ungeheuren Respekt, eine unermeßliche Ehrfurcht, wenn man von dem heute Dekadenten auf dasjenige zurückblickt, wovon es als von einer Urweisheit der Menschheit seinen Ausgangspunkt genommen hat. Ein Wort tönt herüber aus dem Osten, wenn wir auf die mehr geistigen Angelegenheiten des Lebens sehen, das uns immer, gerade wenn wir uns auf den Gesichtspunkt des Westens stellen, merkwürdig ins Herz hereinklingen muß. Es ist das Wort, welches ausdrücken soll in der Sprache des Ostens die Eigentümlichkeit der physischen Welt, die wir ringsherum um uns mit unseren Sinnen wahrnehmen. Diese physisch-sinnliche Welt ist der Osten, von Indien ausgehend, gewohnt worden, ob er das nun mehr oder weniger deutlich ausspricht oder nicht, eine Maja, eine große Täuschung zu nennen.
[ 5 ] In the East, there exists an ancient spiritual life that dates back thousands of years. And when one looks back from what is today decadent in the East to that from which it originated—as the primordial wisdom of humanity—one feels an immense respect, an immeasurable awe. A word resounds from the East when we consider the more spiritual aspects of life—a word that, especially when we adopt the Western perspective, cannot help but strike a strange chord in our hearts. It is the word that, in the language of the East, is meant to express the peculiar nature of the physical world that we perceive all around us with our senses. This physical-sensory world has come to be called by the East—beginning with India—whether it expresses this more or less clearly or not—a Maya, a great illusion.
[ 6 ] So also steht vor dem Osten — wenn das auch heute alles, wie gesagt, nur in dekadenter Weise vorhanden ist —, so steht vor dem Osten die äußere Welt, welche die Augen schauen, die Ohren hören, vor dem Menschen als eine große Illusion, als eine Maja. Wer die besonderen Eigentümlichkeiten der Lebensauffassungen dieses Ostens kennenlernt, der muß erfahren, daß diese Anschauung von der Maja nicht ursprünglich der Urweisheit des Ostens eigen war. Wir können gerade mit Hilfe anthroposophischer Geisteswissenschaft in eine jahrtausendelange Entwickelung der östlichen Zivilisation hineinschauen. Dann blicken wir zurück hinter das 3. vorchristliche Jahrtausend und finden dann, indem wir weiter und weiter in das graue Altertum zurückgehen, immer weniger und weniger diese Anschauung von der Maja, von der großen Illusion der äußeren sinnlich-physischen Wirklichkeit. Wenn wir approximativ einen Zeitpunkt angeben wollen, so können wir sagen, erstan der Wende des 3. zum 4. vorchristlichen Jahrtausend tritt diese Anschauung als eine Überzeugung des Ostens auf, daß die physischsinnliche Welt um den Menschen herum keine Wirklichkeit ist, sondern eine große Illusion, eine Maja.
[ 6 ] Thus, before the East—even if, as I have said, all of this exists today only in a decadent form—the external world, which the eyes see and the ears hear, stands before human beings as a great illusion, as a Maya. Anyone who becomes acquainted with the distinctive characteristics of the Eastern view of life must realize that this conception of Maya was not originally part of the primordial wisdom of the East. It is precisely with the help of anthroposophical spiritual science that we can look into the millennia-long development of Eastern civilization. Then we look back beyond the third millennium B.C. and, as we go further and further back into the mists of antiquity, we find this concept of Maya—of the great illusion of external sensory-physical reality—less and less prevalent. If we wish to specify an approximate time, we can say that it was not until the turn of the third to the fourth pre-Christian millennium that this view emerged as a conviction in the East: that the physical-sensory world surrounding human beings is not reality, but a great illusion, a Maya.
[ 7 ] Was ist die Ursache dieses gewaltigen Umschwunges in der Lebensauffassung des Ostens? Diese Ursache liegt in der Seelenentwickelung der Menschheit tief begründet. Wenn wir auf die Urweisheit des Ostens hinblicken, wie sie nachträglich sich in dichterischer Weise in den Veden abgesetzt hat, in philosophischer Weise in der Vedantaphilosophie, wie sie dann zur Jogalehre geworden ist, wenn wir zum Beispiel achtgeben auf das Grandiose, wie diese Ostlehre enthalten ist in der Bhagavad Gita, dann finden wir, daß einstmals das Wesentliche dieser Ostweisheit das war, daß der Mensch nicht nur die äußere sinnliche Welt, sondern daß der Mensch innerhalb dieser äußeren sinnlichen Welt in all dem, was er mit Augen gesehen, mit Ohren gehört, mit den Händen angetastet hat, ein Göttlich-Geistiges wahrgenommen hat.
[ 7 ] What is the cause of this tremendous shift in the Eastern view of life? This cause is deeply rooted in the spiritual evolution of humanity. When we look at the primordial wisdom of the East—as it was later expressed poetically in the Vedas, philosophically in Vedanta, and subsequently developed into the teachings of yoga—and when we consider, for example, the grandeur with which these Eastern teachings are embodied in the Bhagavad Gita, then we find that the essence of this Eastern wisdom was once that human beings perceived not only the outer sensory world, but also—within that outer sensory world, in everything they saw with their eyes, heard with their ears, and touched with their hands—a divine-spiritual reality.
[ 8 ] Es waren für diese Urmenschen nicht so nüchtern Bäume da, wie wir sie heute sehen. Es war in jedem Baume, in jedem Strauch, in jeder Wolke, in jedem Quell etwas, das sich als geistig-seelischer kosmischer Welteninhalt ankündigte. Überall, wohin man schaute, sah man Sinnliches durchdrungen von Geistigem. Die Quelle rieselte nicht nur in unartikulierten Tönen, sondern aus dem Tönen der Quelle heraus hörte man geistig-seelischen Inhalt. Der Wald rauschte nicht unartikuliert; aus dem Rauschen des Waldes vernahm man die Sprache des ewigen Weltenwortes, einer geistig-seelischen Wesenheit. Von der ungeheuren Lebendigkeit, mit der der Mensch in diesen grauen Vorzeiten die Welt erlebte, kann sich der gegenwärtige Mensch nur eine sehr geringe Vorstellung machen.
[ 8 ] For these early humans, trees were not as mundane as we see them today. In every tree, every shrub, every cloud, and every spring, there was something that revealed itself as the spiritual, soulful, and cosmic essence of the world. Everywhere one looked, one saw the physical world permeated by the spiritual. The spring did not merely trickle with inarticulate sounds; rather, from the sounds of the spring one could hear spiritual and soulful content. The forest did not rustle in an inarticulate way; from the rustling of the forest, one could hear the language of the eternal Word of the world, a spiritual-soul entity. Modern people can only imagine to a very limited extent the immense vitality with which human beings experienced the world in those ancient times.
[ 9 ] Aber die Lebendigkeit des Geistes, mit welcher der Mensch in seiner Umgebung lebte, lähmte sich ab gegen das 3. vorchristliche Jahrtausend. Und wenn wir uns hineinversetzen in die Entwickelung der Zeit, dann werden wir gewahr, wie gewissermaßen die Menschheit, jetzt als ein Ganzes aufgefaßt, als Ostmenschheit, mit einem gewissen wehmütigen Gefühle die Welterscheinungen so wahrnahm, als wenn sich die Götter zurückzögen, als wenn sie unter der Oberfläche der Dinge verschwänden. Und wohl manches ganz besonders tiefe Menschengemüt wird wie betend diese Empfindung so ausgesprochen haben, daß es sagte: Die alten Götter sind hingeschwunden hinter die Oberfläche der äußeren Sinnesdinge. Die Welt ist leer geworden von den Göttern, und weil sie als götterleere Welt erscheint, ist sie Maja, ist sie eine große Illusion.
[ 9 ] But the vitality of spirit with which humankind lived in its environment began to wane around the 3rd millennium B.C. And if we immerse ourselves in the course of history, we become aware of how humanity—now understood as a whole, as Eastern humanity—perceived the phenomena of the world with a certain wistful feeling, as if the gods were withdrawing, as if they were disappearing beneath the surface of things. And surely many a particularly deep human soul will have expressed this feeling, as if in prayer, by saying: The ancient gods have vanished behind the surface of external sensory phenomena. The world has been emptied of the gods, and because it appears as a world devoid of gods, it is Maya; it is a great illusion.
[ 10 ] Nicht vom Anfange an hat man davon gesprochen, daß die Welt diese große Illusion sei, sondern weil die Welt götterleer geworden ist, empfand man sie als eine große Illusion, als Maja. Wenn man auf das ganz Lebendige dieser Anschauung. zurückgehen will, so muß man sogar hinter die atlantische Katastrophe gehen, bis zu der atlantischen Menschheit. Denn schon gleich nach der atlantischen Katastrophe taucht in der allgemeinen Zivilisation leise diese Hinweisung auf, die Welt der äußeren sinnlich-physischen Erscheinung noch wie etwas Unwirkliches zu betrachten. Aber noch war viel von der Götterwahrnehmung in der physisch-sinnlichen Welt bis zum Ende des 4. vorchristlichen Jahrtausends vorhanden. So viel war vorhanden, daß man bis dahin gegenüber dem, was man als die Unwirklichkeit in der Welt empfand, noch nicht einen eigentlichen Trost brauchte. Von dem Ende des 4. Jahrtausends an brauchte man einen Trost. Und dieser Trost wurde gesucht von den Eingeweihten, von den Initiierten, von den Lehrern und Priestern der Mysterien für die Menschheit, und er wurde gesucht aus der Sprache der Sterne. Hier auf Erden, so sagte man, ist keine Wirklichkeit. Wenn man aber die Sterne erforscht, dann findet man aus der Sprache der Sterne heraus, wie sich ergießt aus weltenfernen Himmelsgegenden auf die Erde herunter die Wirklichkeit. Die Sterne sprechen eine Sprache, die, wenn wir sie hören, so klingt, daß die Maja der Welt einen wirklichen Sinn erhält.
[ 10 ] It was not from the very beginning that people spoke of the world as this great illusion; rather, because the world had become devoid of gods, it came to be perceived as a great illusion, as Maya. If one wishes to trace this view back to its very source, one must go even beyond the Atlantean catastrophe, all the way back to Atlantean humanity. For immediately after the Atlantean catastrophe, this suggestion began to emerge quietly in general civilization: to regard the world of outer, sensory-physical phenomena as something unreal. But much of the perception of the gods in the physical-sensory world still remained until the end of the 4th millennium B.C. There was so much of it that, up to that point, people did not yet need any real consolation in the face of what they perceived as the unreality of the world. From the end of the 4th millennium onward, people needed consolation. And this consolation was sought by the initiates, by the teachers and priests of the mysteries, for humanity, and it was sought through the language of the stars. Here on Earth, it was said, there is no reality. But when one studies the stars, one discovers through the language of the stars how reality pours down upon the Earth from regions of the heavens far removed from our world. The stars speak a language which, when we hear it, sounds as though the Maya of the world takes on a real meaning.
[ 11 ] Das war der große Eindruck, den die Sternenweisheit der Chaldäer, die Sternenweisheit der alten Ägypter auf die Menschheit machte, daß diese Sternenweisheit empfunden wurde als dasjenige, welches der Maja Realität gab. Hier auf dieser Erde kann man nur das Irreale finden, so sagte man. Man muß aufblicken zu dem ewigen Weltenworte, das in den Bewegungen und Stellungen der Sterne für den Empfänglichen sich ausspricht, dann offenbart sich innerhalb der Maja die Wirklichkeit. Wollte man etwas Wichtiges, etwas für das Leben Bedeutungsvolles erkennen, so suchte man dieses aus den Sternen und ihrer Sprache zu erforschen. Und so blieb die menschliche Seelenverfassung bis in die Zeiten, in welche das Mysterium von Golgatha fiel.
[ 11 ] Such was the profound impact that the astrological wisdom of the Chaldeans and the ancient Egyptians had on humanity that this wisdom was perceived as the very thing that gave Maya its reality. Here on this Earth, it was said, one can find only the unreal. One must look up to the eternal Word of the worlds, which speaks to the receptive soul through the movements and positions of the stars; then reality reveals itself within Maya. If one wished to recognize something important, something significant for life, one sought to explore this through the stars and their language. And so the human state of mind remained until the times in which the Mystery of Golgotha took place.
[ 12 ] Mysterien-Weise verkündeten der Menschheit aus den Sternen dasjenige, was wirklich ist, denn auf der Erde glaubte man dieses Wirkliche nicht zu finden. Wer das griechische Wesen in seiner Wahrheit versteht, der wird doch wahrnehmen — trotzdem immer von einer gewissen oberflächlichen Anschauung gesagt wird, das griechische Wesen verliefe wie eine Art kindlicher Freude über die Wirklichkeit —, er wird doch empfinden, wie über dem griechischen Wesen etwas Tragisches lastet, etwas, das sich sehnt nach einer Art Erlösung innerhalb des menschlichen Lebens. Und das ist nichts anderes als der Nachklang jener orientalischen Empfindung, von der ich eben gesprochen habe.
[ 12 ] The sages of the Mysteries proclaimed to humanity from the stars that which truly is, for on Earth people did not believe they could find this reality. Anyone who understands the Greek spirit in its truth will nevertheless perceive—even though a certain superficial view always maintains that the Greek spirit flows like a kind of childlike joy over reality—that something tragic hangs over the Greek spirit, something that yearns for a kind of redemption within human life. And this is nothing other than the echo of that Eastern sentiment of which I have just spoken.
[ 13 ] Und wir gegenwärtigen Menschen haben es dazu gebracht, daß sich für unsere gegenwärtige Zivilisation gewissermaßen wie ein inneres höchstes Gut der Gedanke entwickelt, der Gedanke sich allseitig entfaltet. Aber wir haben es nicht dazu gebracht, diesen Gedanken als eine Realität zu erkennen. Wir fühlen uns, indem wir uns dem Gedankenleben hingeben, wie in einer Irrealität. Und eine große Zahl von Menschen spricht davon, daß das Leben in Gedanken eine Ideologie sei. Eine große Zahl von Menschen will mit diesem Worte Ideologie gegenüber dem inneren Seelenleben dasselbe andeuten, was das Morgenland gegenüber der äußeren physisch-sinnlichen Wirklichkeit empfunden hat, indem es diese eine Maja genannt hat. Wir könnten ebenso, wie wir von Ideologie sprechen, von Maja sprechen, müßten aber dann unser inneres Seelenleben meinen.
[ 13 ] And we, the people of today, have brought about a situation in which, for our present civilization, thought—the idea that thought unfolds in every direction—has, in a sense, developed into an inner supreme good. But we have not succeeded in recognizing this idea as a reality. When we devote ourselves to the life of thought, we feel as if we were in a state of unreality. And a great many people speak of life in thought as an ideology. By using the word “ideology” in relation to the inner life of the soul, a great many people intend to imply the same thing that the East felt toward external, physical-sensory reality when it called it “maya.” Just as we speak of “ideology,” we could also speak of “Maya,” but in that case we would have to mean our inner spiritual life.
[ 14 ] Was für das Morgenland in einem bestimmten Zeitraume die intensivste Wirklichkeit war, das Seelisch-Geistige, das ist für uns die Maja geworden, und was für das Morgenland Maja war, die äußere physischsinnliche Welt, ist unsere naturalistische Wirklichkeit geworden. Und so leben wir, indem wir Ideologie oder Maja dasjenige nennen, was uns selbst innerlich bis zur Gedankenreife durchsetzt. Das Morgenland hat einstmals in der äußeren sinnlichen Natur Götter gesehen. Diese Götter sind ihm entschwunden. Den Gedanken hat es nicht in der Weise gehabt, wie wir ihn heute haben. Das ist das Spezielle des Abendlandes, daß der Gedanke, die reinste, lichtvollste Ausgestaltung des Seelenlebens, errungen worden ist. Aber es ist uns das Göttliche in den Gedanken noch nicht aufgegangen. Wir warten darauf, daß das Göttliche in den Gedanken aufgehen soll. Dasjenige, was aus der äußeren Sinnlichkeit für das Morgenland verschwunden ist, wodurch diese äußere Sinnlichkeit zur Maja geworden ist, das ist für unsere Ideenwelt, für unsere gedankliche Innenwelt noch nicht da. In der historischen Entwickelung ist die äußere Sinneswelt für das Morgenland allmählich götterleer geworden. Unser Gedanke ist noch götterleer. Wir können ihn nur so verstehen, wenn wir es wie eine Art Prophetie empfinden, daß die Maja unseres Denkens dereinst erfüllt werde von innerer Wirklichkeit.
[ 14 ] What was the most intense reality for the East during a certain period—the spiritual and psychological realm—has become “Maya” for us, and what was “Maya” for the East—the external, physical, and sensory world—has become our naturalistic reality. And so we live by calling ideology or Maya that which permeates us inwardly until it reaches the stage of mature thought. The East once saw gods in the outer, sensory nature. These gods have vanished from its sight. It did not possess thought in the way we do today. This is what is unique to the West: that thought—the purest, most luminous expression of soul life—has been attained. But the divine has not yet dawned upon us in thought. We are waiting for the divine to dawn within thought. That which has vanished from external sensibility for the East—through which this external sensibility has become Maya—is not yet present in our world of ideas, in our inner world of thought. In the course of historical development, the external sensory world has gradually become devoid of gods for the East. Our thought is still devoid of gods. We can only understand this if we perceive it as a kind of prophecy: that the Maya of our thinking will one day be filled with inner reality.
[ 15 ] So teilt sich die Entwickelungsgeschichte der Menschheit in zwei bedeutsame Teile. Der eine entwickelt sich von der Göttererfülltheit bis zur Götterleerheit. Der andere, an dessen Anfang wir stehen, entwickelt sich von der Götterleerheit zu der zu erhoffenden Götterfülle. Und in der Mitte zwischen diesen zwei Entwickelungsströmungen ist aufgerichtet das Kreuz auf Golgatha. Dieses Kreuz auf Golgatha, wie steht es im Bewußtsein der Menschheit da? Wir blicken zurück, sechs Jahrhunderte etwa weiter zurück vom Mysterium von Golgatha: wir sehen den Buddha, der verehrt wird allmählich von einer großen Gemeinde. Wir sehen diesen Buddha, wie er die Heimat verläßt, in die Welt hinausgeht und wie er unter dem Mannigfaltigen, das er sieht, einen Leichnam sieht. Der Anblick dieses Leichnams wirkt in seiner Seele so, daß er sich abwendet von der Maja der äußeren Welt. Der Leichnam wirkt abschreckend auf den Buddha. Und weil er den Tod, den Leichnam sehen muß, fühlt er sich gedrungen, von der Welt aufzublicken zu einem andern, zu einem Göttlich-Geistigen, das nicht in der Welt zu finden ist. Der Anblick des toten Menschen ist der Ausgangspunkt für den Buddha, die Welt zu verlassen und hinzuflüchten in ein außerweltliches Gebiet des Wirklichen.
[ 15 ] Thus, the history of human development is divided into two significant parts. One evolves from a state of being filled with the gods to a state of being devoid of the gods. The other—at the beginning of which we now stand—evolves from a state of being devoid of the gods to the hoped-for state of being filled with the gods. And in the midst of these two currents of development stands the cross on Golgotha. How does this cross on Golgotha appear in the consciousness of humanity? We look back, about six centuries beyond the Mystery of Golgotha: we see the Buddha, who is gradually being revered by a large community. We see this Buddha leaving his homeland, going out into the world, and, among the myriad things he sees, beholding a corpse. The sight of this corpse affects his soul in such a way that he turns away from the maya of the outer world. The corpse has a repulsive effect on the Buddha. And because he is compelled to see death, to see the corpse, he feels compelled to look up from the world toward something else—toward a divine-spiritual reality that cannot be found in the world. The sight of the dead man is the starting point for the Buddha to leave the world and take refuge in a transcendent realm of reality.
[ 16 ] Und jetzt wenden wir uns zu dem Zeitpunkte, der etwa sechshundert Jahre nach dem Mysterium von Golgatha liegt. Viele Menschen blicken hin zu dem großen Symbolum: zu demKruzifixus, zu dem Kreuz, an dem der Leichnam hängt. Der tote Mensch wird angeschaut. Aber der tote Mensch wird angeschaut, nicht um zu fliehen, nicht um ihn zu verlassen und zu einer andern Wirklichkeit zu gehen, sondern in diesem toten Menschen sieht man dasjenige, zu dem man seine Zuflucht nehmen soll. In zwölf Jahrhunderten hat sich die Menschheit so gewandelt, daß man lieben gelernt hat den Tod am Kreuze, den Tod, vor dem Buddha geflohen ist. Nichts kann einem für das Gemüt tiefer andeuten den großen Umschwung, der durch das Mysterium von Golgatha sich vollzogen hat, das in der Mitte zwischen diesen zwei Zeitpunkten drinnen liegt. Und indem wir unsere Gedanken in dieser Art zu dem Mysterium von Golgatha wenden, müssen wir desjenigen gedenken, was eigentlich da im Sinne ursprünglichen Christentums verehrt worden ist.
[ 16 ] And now let us turn to the moment that lies about six hundred years after the Mystery of Golgotha. Many people gaze upon the great symbol: the crucifix, the cross on which the body hangs. People gaze upon the dead man. But they gaze upon him not to flee, not to leave him and go to another reality, but rather to see in this dead man the one to whom they are to take refuge. Over the course of twelve centuries, humanity has changed so much that people have come to love death on the cross—the very death from which the Buddha fled. Nothing can more deeply suggest to the soul the great transformation that has taken place through the Mystery of Golgotha, which lies midway between these two points in time. And as we turn our thoughts in this way to the Mystery of Golgotha, we must remember what was actually venerated there in the spirit of early Christianity.
[ 17 ] Paulus, ein Eingeweihter in die Mysterien seiner Zeit, konnte an den lebenden Jesus nicht glauben; er bekämpfte den lebenden Jesus. Als er dann auf seinem Wege nach Damaskus gewahr wurde, daß der Christus lebt, daß der Christus aus dem Dunkel der Welt sich offenbart, da glaubte Paulus nun nicht an den lebenden Jesus, aber an den auferstandenen Christus, und der lebende Jesus wurde ihm wert, weil er der Träger war des auferstandenen Christus. Aus dem Tod heraus quoll durch diese besondere Einsicht in den Weltzusammenhang für Paulus die Sicherheit in bezug auf das göttlich-geistige Leben.
[ 17 ] Paul, an initiate into the mysteries of his time, could not believe in the living Jesus; he fought against the living Jesus. When, on his way to Damascus, he became aware that the Christ lives, that the Christ reveals himself out of the darkness of the world, Paul no longer believed in the living Jesus, but in the risen Christ; and the living Jesus became precious to him because he was the bearer of the risen Christ. Out of death, through this special insight into the context of the world, certainty regarding the divine-spiritual life welled up within Paul.
[ 18 ] Das hatte sich für die Menschheit vollzogen, daß, während man früher Trost empfangen hat, indem man von der Erde aufgeschaut hat zu den Sternen, woher das ewige Wort gesprochen hat, man jetzt hinblickte auf das geschichtliche Ereignis von Golgatha, daß man hinblickte auf eine menschliche Hülle, die das Geheimnis des Daseins enthält. Und dieses Geheimnis des Daseins — der Apostel Johannes wollte es aussprechen mit den Worten: «Im Urbeginne war das Wort!»
[ 18 ] What had come to pass for humanity was that, whereas people had formerly found comfort by looking up from the earth to the stars, from whence the eternal Word had spoken, they now looked upon the historical event of Golgotha; they looked upon a human form that contained the mystery of existence. And this mystery of existence—the Apostle John sought to express it with the words: “In the beginning was the Word!”
[ 19 ] Ja, im Urbeginne hat das Wort gesprochen aus dem Gang und der Stellung der Sterne. Aus dem Kosmos herunter ertönte es, dieses Wort. Dieses Wort ward aber nicht auf der Erde gefunden, dieses Wort drang herein aus Himmelsweiten, aus der Vaterheimat in und auf die Erde. Aber es wagte der Schreiber des Johannes-Evangeliums das Wort zu sprechen: «Und das Wort, es ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnet.» Das heißt, dasjenige, was da draußen in den Sternen lebt, in dem Körper hat es gewohnt, der am Kreuze gehangen hat. In einem Menschen sollte gesehen werden dasjenige, was früher in Weltenweiten gesucht worden ist. Zu den Menschen herabgestiegen sollte dasjenige sein, was nur im Lichtesglanz vorher auf die Erde herabgeflossen war. Die Lebensansicht wurde geleitet von einer weltenweiten Kosmologie zu einer Anschauung des Mittelpunktsmenschen, der durchdrungen war von dem, was aus den Sternen herunterleuchtete, der durchdrungen war von dem lebendigen Weltenworte.
[ 19 ] Yes, in the very beginning, the Word spoke through the movement and alignment of the stars. It resounded down from the cosmos, this Word. But this Word was not found on Earth; this Word penetrated from the vastness of the heavens, from the Father’s homeland, into and upon the Earth. But the writer of the Gospel of John dared to speak the Word: “And the Word became flesh and dwelt among us.” That is to say, that which lives out there in the stars dwelt in the body that hung on the cross. In a human being, that which had previously been sought in the vastness of the cosmos was to be seen. That which had previously flowed down to Earth only in the radiance of light was to descend to humanity. The view of life was guided from a cosmology spanning the worlds to a vision of the human being as the center, who was permeated by what shone down from the stars, who was permeated by the living Word of the worlds.
[ 20 ] Daß man zu dem Ursprung des Weltlichen auch dadurch hinblicken kann, daß man hineinsieht in das menschliche Innere des Jesus und ein inniges Verhältnis gründet von dem eigenen menschlichen Inneren zu diesem menschlichen Inneren des Jesus, wie man früher ein Verhältnis gegründet hat von dem auf der Erde lebenden Menschen zu dem ewigen Weltenworte, das aus den Sternen spricht, das ist der Sinn, der geoffenbart werden soll der Menschheit durch das Mysterium von Golgatha. Und es ist schon der wichtigste Einschnitt in die Erdenentwickelung, dieses Mysterium von Golgatha. Und es wird uns dieses angedeutet durch das Neue Testament.
[ 20 ] That one can also look toward the origin of the earthly realm by looking into the inner being of Jesus and establishing an intimate relationship between one’s own inner being and this inner being of Jesus, just as one formerly established a relationship between human beings living on Earth and the eternal Word of the Worlds that speaks from the stars, that is the meaning to be revealed to humanity through the Mystery of Golgotha. And this Mystery of Golgotha is indeed the most significant turning point in the development of the Earth. And this is indicated to us by the New Testament.
[ 21 ] Es ist von wunderbarer Tiefe, und es ist unermeßlich ergreifend, wie im Sinne der Evangelien — das eine Mal erzählt das eine, das andere Mal erzählt das andere Evangelium- die Menschen unterrichtet werden von der Erscheinung des Christus Jesus. Auf der einen Seite sind es die drei Weisen, die Magier aus dem Morgenlande, die Träger der alten Sternenweisheit, die Erkunder des Weltenwortes aus der Sternenschrift des Kosmos. Sie sind begabt mit der höchsten Weisheit, die der Menschheit damals zugänglich war. Und angedeutet wird durch das Evangelium, wie die höchste Weisheit nichts anderes sprechen kann für den damaligen Zeitpunkt als: Der Christus Jesus erscheint, die Sterne sagen es uns. Das ewige Weltenwort, das in den Sternen kam, in Sternkonstellationen lebt, das sagt uns, daß der Christus Jesus erscheinen wird.
[ 21 ] It is of wondrous depth, and it is immeasurably moving how—in the spirit of the Gospels—one Gospel recounts one account, another Gospel recounts another—people are taught about the appearance of Christ Jesus. On the one hand, there are the three wise men, the magi from the East, the bearers of ancient stellar wisdom, the interpreters of the World Word from the cosmic script of the stars. They are endowed with the highest wisdom accessible to humanity at that time. And the Gospel suggests how this highest wisdom could say nothing else at that time other than: Christ Jesus is appearing; the stars tell us so. The eternal Word of the World, which came in the stars and lives in the constellations, tells us that Christ Jesus will appear.
[ 22 ] In den Schulen, in den Weisheitsschulen wurde verkündet: 354 mal seit der Entstehung der gegenwärtigen Erdenmenschheit hat der Jupiter seine Planetenbahn vollendet. Ein Jupiterjahr, ein großes Jupiterjahr ist vollendet seit der Zeit, seit welcher zum Beispiel die alten Hebräer das Dasein der Menschheit auf Erden ansetzen. Im Sinne dieser damaligen Weltanschauung hatte ein gewöhnliches Jahr 354 Tage. 354 Jupitertage sind verflossen und diese 354 Jupitertage sind etwas, was spricht aus der Weltenweisheit, wie der Satz, der große Satz, und die einzelnen Worte darinnen geben an die Umläufe des Merkurius, und sieben mal sieben ist neunundvierzigmal ein Merkurtag in derselben Zeit verflossen, in der ein Jupitertag verflossen ist.
[ 22 ] In the schools, in the schools of wisdom, it was proclaimed: Jupiter has completed its orbital cycle 354 times since the origin of present-day humanity on Earth. A Jupiter year—a great Jupiter year—has been completed since the time from which, for example, the ancient Hebrews date the existence of humanity on Earth. According to the worldview of that time, an ordinary year had 354 days. 354 Jupiter days have passed, and these 354 Jupiter days are something that speaks from the wisdom of the worlds, just as the sentence—the great sentence—and the individual words within it refer to the orbits of Mercury; and seven times seven is forty-nine times a Mercury day, which has elapsed in the same time that a Jupiter day has elapsed.
[ 23 ] Solche Zusammenhänge suchten diese alten Weisen in der Sternenschrift. Und was ihnen in die Seele inspiriert wurde durch solches Entziffern der Sternenschrift, das legten sie so aus, daß sie es in die Worte kleiden konnten: Der Christus Jesus erscheint, denn die Zeit ist erfüllet. Die Jupiterzeit, die Merkurzeit ist erfüllet. Der große Weltenzeitmesser, der in den Sternen sich befindet, spricht davon, daß die Zeit erfüllet ist. Das künden die Evangelien von der einen Seite. Von der andern Seite künden sie, wie auf dem Felde die armen Hirten aus dem Traum, der aus ihrem einfachen Herzen quillt, ohne alle Weisheit, bloß hinhorchend auf die fromme, einfältige Stimme der menschlichen Seele, was die armen Hirten aus dieser Tiefe der Menschenbrust heraus geoffenbart erhielten. Und es ist dieselbe Kundschaft: Der Christus erscheint.
[ 23 ] These ancient sages sought such connections in the language of the stars. And what was inspired into their souls through deciphering this language of the stars, they interpreted in such a way that they could put it into words: Christ Jesus is coming, for the time is fulfilled. The Age of Jupiter, the Age of Mercury, is fulfilled. The great cosmic timekeeper, which resides in the stars, declares that the time is fulfilled. This is what the Gospels proclaim on the one hand. On the other hand, they proclaim what the poor shepherds in the field received as a revelation from the depths of the human heart—a revelation springing from a dream that welled up from their simple hearts, without any wisdom, merely listening to the devout, simple voice of the human soul. And it is the same message: Christ is appearing.
[ 24 ] Höchste Weisheit und äußerste menschliche Einfältigkeit klingen zusammen in dem Worte: Der Christus erscheint. — Die höchste menschliche Weisheit ist dazumal in der Dekadenz, die höchste menschliche Weisheit ist im Abglimmen. Im Aufglimmen ist dasjenige, was aus dem menschlichen Inneren selberkommt. Und aus dem menschlichen Inneren ist seither gekommen der Gedanke. Wir können ihn noch nicht bis zur Realität erheben, er ist uns noch eine Maja. Aber wir stehen heute vor der Notwendigkeit, immer mehr und mehr einzusehen, wie dieser Gedanke zur Realität kommen kann. Zu den Sternen hat der Mensch in der vorchristlichen Zeit aufgeschaut, um Realität zu empfinden. Zu dem Christus müssen wir schauen, um Realität für unser Inneres zu haben. «Nicht ich, der Christus in mir», das ist das Wort, das dem Gedanken innerlich Schwere, das dem Gedanken innerlich Realität geben wird.
[ 24 ] Supreme wisdom and the utmost human simplicity resonate together in the words: “The Christ appears.” — Supreme human wisdom is in decline at that time; supreme human wisdom is fading away. What is beginning to glow is that which comes from within the human being itself. And from within the human being, the thought has emerged ever since. We cannot yet elevate it to reality; it is still an illusion to us. But today we are faced with the necessity of understanding more and more how this thought can become reality. In pre-Christian times, people looked up to the stars to sense reality. We must look to Christ to find reality for our inner selves. “Not I, but Christ in me”—that is the word that will give the thought inner weight, that will give the thought inner reality.
[ 25 ] Die Theologie des 19. Jahrhunderts hat immer mehr aus dem Christus Jesus die bloße menschliche Gestalt gemacht, die auch die äußere Geschichte anerkennen kann: Jesus, den schlichten, obwohl höchststehenden Mann aus Nazareth. Der Christus aber ist verlorengegangen. Der wird erst erscheinen in seiner wahren Gestalt durch das Wiederaufleben einer auf das Übersinnliche gehenden Weltanschauung, einer Lebensauffassung, die von dem Sinnlichen zu dem Übersinnlichen hinschaut. In demselben Maße, in dem die Menschheit verloren hat aus dem Sinnlichen das Geistige, muß sie gewinnen in dem bis zur, allerdings leuchtenden, aber abstrakten Weise vorgedrungenen Gedanken die innere Realität.
[ 25 ] Nineteenth-century theology has increasingly reduced Christ Jesus to a mere human figure whom even external history can acknowledge: Jesus, the simple, though exalted, man from Nazareth. But the Christ has been lost. He will only appear in his true form through the revival of a worldview that reaches toward the supersensible—a conception of life that looks from the sensible toward the supersensible. To the same extent that humanity has lost the spiritual within the sensible, it must gain inner reality within thought, which has advanced to a level that is certainly luminous but abstract.
[ 26 ] Diese innere Realität wird sie gewinnen, indem sie in den Vorgängen, die sich abspielen in Anknüpfung an das Mysterium von Golgatha, auf unserer Erde selber etwas schaut, was nur durch übersinnliche Begriffe vor die menschliche Seele hintreten kann. In demselben Maße, in dem man sich entschließen wird, das Mysterium von Golgatha durch übersinnliches Erkennen zu erfassen, in demselben Maße wird innerhalb der menschlichen Zivilisationsentwickelung der Christus neu geboren werden. Von dem Aufnehmen der übersinnlichen Erkenntnis darf die Menschheit erhoffen ein wirkliches perennierendes Bethlehem. Einen tiefen Sinn muß ein Ahnungswort bekommen, wie es etwa Angelus Silesius ausgesprochen hat:
[ 26 ] They will attain this inner reality by perceiving, within the events unfolding on our Earth in connection with the Mystery of Golgotha, something that can only be revealed to the human soul through supersensible concepts. To the same extent that people resolve to grasp the Mystery of Golgotha through supersensible knowledge, to that same extent will Christ be reborn within the development of human civilization. From the acceptance of supersensible knowledge, humanity may hope for a truly enduring Bethlehem. A word spoken in intuition, such as that uttered by Angelus Silesius, must take on a deep meaning:
[ 27 ] Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren
und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.
[ 27 ] Even if Christ were born a thousand times in Bethlehem
and not within you, you would still remain lost forever.
[ 28 ] Aber nicht allein in leeren Redensarten, sondern in allem Wissen, in aller Erkenntnis muß der Christus geboren werden. Wir müssen in die Lage kommen, anzusehen dasjenige, was wir durch die bloße Weltbeobachtung gewinnen können, so, wie angesehen hat Paulus dasjenige, was ihm die äußere Welt war, bevor er an das Ereignis von Damaskus herangetreten ist, bevor er die Erdenwelt erfüllt geschaut hat von der Kraft des lebendigen Christus. Diese Kraft des lebendigen Christus müssen wir in alles Erkennen hineinbringen. Wir müssen durchwärmen die kalte, abstrakte Erkenntnis, die uns hineingeführt hat in die Not der Gegenwart. Wir müssen durchdringen diese Erkenntnis mit der lebendigen Kraft des Christus.
[ 28 ] But Christ must be born not only in empty rhetoric, but in all knowledge, in all understanding. We must come to view what we can gain through mere observation of the world in the same way that Paul viewed what the external world was to him before he experienced the event at Damascus, before he saw the earthly world filled with the power of the living Christ. We must bring this power of the living Christ into all our understanding. We must warm the cold, abstract knowledge that has led us into the distress of the present. We must permeate this knowledge with the living power of Christ.
[ 29 ] Das ist etwas, was als eine bedeutsame Aufgabe der Gegenwart dasteht. Wir müssen das Gefühl haben, daß wir zu dem Christus erst hingelangen müssen. Wir müssen zu einer Verinnerlichung des ChristusGedankens kommen. Wir müssen uns klar darüber sein, daß die Not der Zeit zu groß ist, um bloß an den äußerlichen Weihnachtsbräuchen festzuhalten. Wir müssen uns aufschwingen zu der Überzeugung, daß ein solches Festhalten gegenüber den sonstigen Anschauungen der heutigen Zeit eine Lüge ist. Wir müssen uns klar sein, daß die große Auseinandersetzung zwischen dem Osten und dem Westen auch auf geistigem Gebiete geschehen muß, daß die Maja des Ostens und die Maja des Westens, die Maja der äußeren Sinneswelt und die Maja des Gedankens, zu einer harmonischen Verständigung kommen müssen.
[ 29 ] This is something that stands out as a significant task of our time. We must feel that we first have to reach Christ. We must come to an internalization of the Christ idea. We must be clear that the distress of our times is too great to merely cling to external Christmas customs. We must rise to the conviction that such clinging is a lie in the face of the other views of our time. We must realize that the great conflict between East and West must also take place in the spiritual realm, that the Maya of the East and the Maya of the West—the Maya of the outer sensory world and the Maya of thought—must come to a harmonious understanding.
[ 30 ] Wir dürfen nicht glauben, daß wir den Christus haben innerhalb unserer gegenwärtigen Zeit. Wir müssen uns vorkommen wie die armen Hirten, die sich ihrer Not bewußt waren. Wir müssen suchen den Christus in dem Innersten des menschlichen Wesens, wie die Hirten gesucht haben den Christus im Stall zu Bethlehem. Opfern müssen wir diesem Christus, der uns die Maja der Gedanken verwandelt in Wirklichkeiten. Wir müssen die Demut haben, uns zum Verständnis der Geburt Christi erst aufzuschwingen. Wir müssen wissen, daß wir erst ein Verstehen des Weihnachtsgedankens brauchen, bevor wir Weihnachten in der richtigen Weise werden würdigen können. Wir müssen alles, was die einzelnen Lebensgebiete sind, durchdringen mit der lebendigen Kraft des Christus. Wir müssen arbeiten, und wir werden die Feste am besten begehen, wenn wir arbeiten in der Not der Zeit, um im geistigen Sinne das zu bewirken, was als ein Symbolum, allerdings ein Symbolum der Wirklichkeit, von der Schädelstätte von Golgatha her historisch uns anblickt.
[ 30 ] We must not believe that we have the Christ within our present time. We must see ourselves as the poor shepherds who were aware of their need. We must seek Christ in the innermost depths of the human being, just as the shepherds sought Christ in the stable at Bethlehem. We must make sacrifices to this Christ, who transforms the maya of our thoughts into realities. We must have the humility to first rise to an understanding of the birth of Christ. We must know that we first need an understanding of the Christmas message before we can truly honor Christmas in the proper way. We must permeate every sphere of life with the living power of Christ. We must work, and we will best celebrate the festivals when we labor in the midst of the needs of our time to bring about, in a spiritual sense, what historically gazes upon us from the place of the skull at Golgotha as a symbol—albeit a symbol of reality.
[ 31 ] Und so müssen wir verstehen, daß für uns heute der wichtigste Weihnachtsgedanke der ist: Weltenweihnachten durch ein rechtes Verstehen des Christentums herbeizuführen. Diese innere Stimme, diese innere Sehnsucht, sie können uns hinübergeleiten im Sinne der heutigen Not der Zeit über die Weihenacht. Denn das Fest vom Jahresende, die Weihnachten, sie können heute nur lebendig werden, wenn man die Sehnsucht empfindet, diese Weihnachten als eine Aufforderung anzuschauen, hineinzublicken in dasjenige, was die Menschheit in ihrer Entwickelung braucht.So daß ausstrahlen kann für uns von dem Festesgefühl, das wir in dieser Jahreszeit empfinden, etwas davon, daß wir durch die Kraft der inneren Wirklichkeitserfassung dessen, was für uns noch Maja ist, zu einer Auferstehung jener göttlich-geistigen Wirklichkeit kommen, die abgeglommen ist in älterer Zeit und die deshalb zur Anschauung von der Maja geführt hat.
[ 31 ] And so we must understand that, for us today, the most important Christmas message is this: to bring about a universal Christmas through a true understanding of Christianity. This inner voice, this inner longing, can guide us through the Christmas season in light of the current hardships of our time. For the festival at the end of the year—Christmas—can only come alive today if we feel the longing to view this Christmas as a call to look deeply into what humanity needs in its development. So that something of the festive spirit we feel during this season may radiate to us—namely, that through the power of an inner grasp of reality regarding what is still “maya” to us, we may come to a resurrection of that divine-spiritual reality which had faded in earlier times and which therefore led to the perception of “maya.”
[ 32 ] In die Maja ist die Menschheit gekommen, in die äußere Maja. Aus der inneren Maja heraus muß die Menschheit zur wahren geistig-seelischen Wirklichkeit sich entwickeln. Verstehen wir dieses, dann wird erfüllt der einzelne Weihnachtsgedanke zur Festeszeit von einem Weltgefühl, das wir heute brauchen, wenn wir wahren Menschenwert und wahre Menschenwürde empfinden wollen. Dann strömt aus der Empfindung gegenüber dem einzelnen Feste dasjenige in uns, was in uns das Geständnis herausfordert: Wir müssen feiern in der Zeit der Not so, daß wir allmählich die neuen Weihnachtslichter eines neuen Geisteslebens sehen. Wir müssen feiern lernen nicht nur eine einzelne Weihnachtszeit, wir müssen feiern lernen Weltenweihenacht.
[ 32 ] Humanity has entered into Maya, into outer Maya. From within inner Maya, humanity must evolve toward true spiritual and soul reality. If we understand this, then the individual Christmas spirit during the festive season will be filled with a sense of the world that we need today if we are to feel true human worth and true human dignity. Then, from our feeling toward this individual festival, that which prompts us to confess will well up within us: We must celebrate in times of need in such a way that we gradually see the new Christmas lights of a new spiritual life. We must learn to celebrate not just a single Christmas season; we must learn to celebrate the World’s Christmas.

