Nordic and Central European Spiritual Influences
The Feast of the Epiphany
GA 209
25 December 1921, Dornach
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Nordische und mitteleuropäische Geistimpulse, tr. SOL
Das Fest der Erscheinung Christi II
The Feast of the Epiphany II
[ 1 ] Wer die geschichtliche Entwickelung der Menschheit nur nach der Folge von Ursache und Wirkung betrachtet, wie man es heute gewöhnt ist, der wird aus der Geschichte selber nicht dasjenige gewinnen können, was sie an Kräften, an Impulsen in ihrer Art für den einzelnen Menschen sein kann, wenn man versucht, in das wahre Wesen dieses geschichtlichen Werdens einzudringen. Das geschichtliche Werden kann sich eigentlich nur demjenigen enthüllen, welcher in der Aufeinanderfolge der Tatsachen ein weisheitsvolles Wirken wahrzunehmen in der Lage ist. Es ist heute schon fast so, daß man die Meinung hegt: Wer im Weltenzusammenhange überhaupt und insbesondere auch im geschichtlichen Werden der Menschheit ein weisheitsvolles Geschehen sieht, gibt sich abergläubischen Vorstellungen hin und trägt etwas, was nur er selber ausgedacht hat, in die Dinge hinein. Allerdings darf man nicht dasjenige, was man selber ausgedacht hat, in die Dinge hineintragen. Man darf nicht in seiner Denkungsart den Dingen Gewalt antun, sondern man muß versuchen, die Dinge durch sich selbst sprechen zu lassen. Gegenüber dem geschichtlichen Werden wird man aber, wenn man unbefangen genug dazu ist, überall und insbesondere an bedeutsamen Wendepunkten der Menschheitsentwickelung etwas wie eine wirkende Weisheit wahrnehmen.
[ 1 ] Anyone who views the historical development of humanity solely in terms of a sequence of cause and effect—as is customary today—will not be able to draw from history itself the strength and inspiration it can offer to the individual when one attempts to penetrate the true nature of this historical process. Historical development can truly reveal itself only to those who are able to perceive a wise force at work in the succession of events. Today, it is almost as if people hold the view that anyone who sees a wise process at work in the context of the world in general—and especially in the historical development of humanity—is succumbing to superstitious notions and projecting onto things something that only they themselves have imagined. However, one must not project onto things what one has imagined oneself. One must not impose one’s own way of thinking on things, but must try to let things speak for themselves. When it comes to the course of history, however, if one is open-minded enough, one will perceive something like an active wisdom everywhere—and especially at significant turning points in human development.
[ 2 ] Nun gehört zu dem, was sich herausentwickelthat ausder Geschichte, vor allen Dingen die Feststellung der einzelnen Festtage des Jahres, namentlich der großen Festtage. Es muß schon auffallen, wenn wir gewahr werden, wie das Weihnachtsfest ein sogenanntes unbewegliches Fest ist, wie es jedes Jahr in die Nähe der Wintersonnenwende fällt, auf den 24. und 25. Dezember. Man muß dagegenstellen das Osterfest, das ein sogenanntes bewegliches Fest ist, das angeordnet erscheint nach der Konstellation von Sonne und Mond, dessen Feststellung also gewissermaßen aus dem außerirdischen Kosmos hereingeholt wird. Es ist doch so, daß, wenn der Mensch diese Festestage des Jahres ernst nimmt, sie für sein Leben eine Bedeutung haben, einschneidend sind in sein Leben. Das sollen sie ja auch sein. Es sollen bedeutungsvolle, eindringliche Gedanken auftauchen an diesem Festestag. Es sollen aus dem Herzen und aus der Seele aufquellen tiefgehende Empfindungen und Gefühle. Der Mensch soll sich gerade durch das, was er innerlich in solchen Festeszeiten erleben kann, verbunden fühlen mit dem Laufe der Zeiten und mit demjenigen, was wirkt im Laufe der Zeiten.
[ 2 ] Now, one of the things that has emerged from history is, above all, the establishment of the individual holidays of the year, namely the major holidays. It is certainly striking when we realize that Christmas is a so-called fixed feast day, falling every year around the winter solstice, on December 24 and 25. In contrast, we have Easter, which is a so-called movable feast, determined by the constellation of the sun and moon—its date, in a sense, is derived from the cosmos itself. The fact is that when people take these feast days of the year seriously, they have meaning for their lives and have a profound impact on them. That is precisely what they are meant to be. Meaningful, profound thoughts should arise on this festive day. Profound emotions and feelings should well up from the heart and the soul. It is precisely through what a person can experience inwardly during such festive times that they should feel connected to the course of time and to that which is at work throughout the course of time.
[ 3 ] Nun sind aus gewissen geschichtlichen Untergründen heraus diese Festeszeiten fixiert, und man muß nachdenklich werden gegenüber einer solchen Tatsache, daß das Weihnachtsfest ein unbewegliches, das Osterfest ein bewegliches Fest ist, daß das Weihnachtsfest in die Zeit fällt, in der gewissermaßen die Erde am meisten abgeschlossen ist von den Einwirkungen des außerirdischen Weltenalls. Wenn die Sonne die geringste Wirkung auf die Erde hat, wenn die Erde aus ihren eigenen Kräften, die sie sich zurückbehalten hat aus der Sommer- und Herbsteszeit, ihre eigentümliche Bekleidung für die kürzesten Tage hervorruft, wenn also die Erde aus sich selbst dasjenige macht, was sie mit ihren eigenen Kräften machen kann bei dem geringsten Einfluß vom Kosmos, da feiern wir das Weihnachtsfest. |
[ 3 ] Now, these festival dates are fixed for certain historical reasons, and one must reflect on the fact that Christmas is a fixed festival while Easter is a movable one, and that Christmas falls during a time when, in a sense, the Earth is most isolated from the influences of the outer universe. When the sun has the least influence on the Earth, when the Earth, drawing on its own reserves of energy—which it has retained from the summer and fall—brings forth its unique “garment” for the shortest days, when, in other words, the Earth creates from within itself what it can with its own forces under the slightest influence from the cosmos—that is when we celebrate Christmas. |
[ 4 ] Wenn wiederum die Zeit beginnt, in der die Erde die bedeutsamsten Einflüsse aus dem außerirdischen Kosmos erfährt, wenn die Wärme der Sonne, das Licht der Sonne hervorrufen aus dem Erdboden die Vegetation, wenn also sozusagen der Himmel mit der Erde zusammenwirkt, um das Kleid der Erde zu weben, dann feiern wir das Osterfest. Und indem solche Feststellungen hervorgegangen sind aus Gedanken der Menschheit, die nicht in abstrakter Art von dem einen oder dem andern willkürlich gefaßt worden sind, sondern aus Gedanken, die gewissermaßen die Menschheit durch lange Epochen durchzogen haben, die sich selber entwickelt haben, ist in die geschichtliche Entwickelung etwas eingeflossen, das, wenn man es erkennt, zu gleicher Zeit die Möglichkeit hervorruft, es inniglich zu verehren, die Möglichkeit, hinüberzuschauen in die Vorväterzeiten in Ehrfurcht, in Hingebung, in Liebe. Und indem man auf so etwas aufmerksam macht, kann man eben schon sagen: Die Anschauung der wirkenden Weisheit im geschichtlichen Werden läßt erscheinen aus dieser Geschichte diejenigen Kräfte, diejenigen Impulse, die dann in der rechten Weise in die menschliche Seele sich einleben können, in der menschlichen Seele in der richtigen Weise wirken können.
[ 4 ] When, once again, the time begins in which the Earth experiences the most significant influences from the extraterrestrial cosmos—when the Sun’s warmth and light bring forth vegetation from the earth, when, so to speak, the heavens work together with the Earth to weave the Earth’s garment—then we celebrate Easter. And because such observations have emerged from the thoughts of humanity—thoughts that were not arbitrarily conceived in an abstract manner by one person or another, but rather from thoughts that have, so to speak, permeated humanity over long epochs and developed on their own—something has flowed into historical development that, when recognized, simultaneously gives rise to the possibility of revering it deeply, and the possibility of looking back to the times of our forefathers with reverence, devotion, and love. And by drawing attention to such things, one can already say: The perception of active wisdom in historical becoming reveals from this history those forces, those impulses, which can then take root in the human soul in the right way and work within the human soul in the right way.
[ 5 ] Das Weihnachtsfest, wie wir es heute feiern in der kürzesten Zeit des Jahres, am 24. und 25. Dezember, so wird es in der christlichen Kirche erst gefeiert seit dem Jahre 354. Man denkt gewöhnlich nicht in eindringlicher Weise darüber nach, daß selbst im christlich-katholischen Rom im Jahre 353 das Weihnachtsfest, das Christi-Geburtsfest, nicht an diesem Tage gefeiert worden ist. Man möchte sagen, es gehört zu dem Interessantesten in der Geschichtsbetrachtung, zu sehen, wie sich aus einem Geschichtsinstinkt heraus und aus tieferen Weisheitsquellen, die vielleicht zum großen Teile unbewußt gewirkt haben, dieses Weihnachtsfest festsetzt.
[ 5 ] Christmas, as we celebrate it today during the shortest days of the year, on December 24 and 25, has only been celebrated in the Christian Church since the year 354. People do not usually give much thought to the fact that even in Christian-Catholic Rome in the year 353, Christmas—the feast of Christ’s birth—was not celebrated on this day. One might say that one of the most interesting aspects of historical reflection is to see how this Christmas celebration took root out of a historical instinct and from deeper sources of wisdom, which may have been at work largely unconsciously.
[ 6 ] Etwas Ähnliches, aber doch Grundverschiedenes, wurde vorher gefeiert: der 6. Januar, der da war das Fest der Erscheinung Christi. Und dieses Fest der Erscheinung Christi bedeutete die Erinnerung an die Johannestaufe im Jordan. Dieses Fest der Johannestaufe im Jordan hatte man in den ersten Jahrhunderten in der Christenheit als das maßgebende gefeiert. Und erst von dem Zeitpunkte an, den ich angegeben habe, wandert gewissermaßen das Erscheinungsfest Christi, das Erinnerungsfest an die Johannestaufe im Jordan, durch die zwölf heiligen Nächte zurück auf den 25. Dezember und wird ersetzt durch das Fest des Geburtstages des Christus Jesus. Das hängt zusammen mit tiefen, bedeutungsvollen inneren Vorgängen des geschichtlichen Werdens in der Christenheit.
[ 6 ] Something similar, yet fundamentally different, had been celebrated earlier: January 6, which was the Feast of the Epiphany. And this Feast of the Epiphany commemorated the baptism of John in the Jordan. In the early centuries of Christianity, this feast of John’s baptism in the Jordan had been celebrated as the primary one. And it was only from the point in time I have indicated that the Feast of the Epiphany of Christ—the feast commemorating the baptism by John in the Jordan—began, as it were, to move backward through the twelve holy nights to December 25, where it was replaced by the feast of the birth of Jesus Christ. This is connected to profound, significant inner processes in the historical development of Christianity.
[ 7 ] Worauf deutet die Tatsache hin, daß in den ersten Jahrhunderten christlicher Weltauffassung die Erinnerung an die Johannestaufe im Jordan gefeiert worden ist? Was bedeutet diese Johannestaufe im Jordan? Diese Johannestaufe im Jordan bedeutet, daß aus Himmelshöhen, aus außerirdischen, kosmischen Gründen die Wesenheit des Christus sich heruntersenkt und sich verbindet mit der Wesenheit des Menschen Jesus von Nazareth. Diese Johannestaufe im Jordan bedeutet also eine Befruchtung der Erde aus kosmischen Weiten. Diese Johannestaufe im Jordan bedeutet ein Ineinanderwirken des Himmels und der Erde. Und indem man gefeiert hat das Fest der Erscheinung Christi, war das ein Fest einer übersinnlichen Geburt, das Fest der Geburt des Christus in dem dreißigjährigen Menschen Jesus.
[ 7 ] What does the fact that, in the first centuries of the Christian worldview, the memory of John’s baptism in the Jordan was celebrated indicate? What does this baptism of John in the Jordan mean? This baptism of John in the Jordan means that, from the heights of heaven, for extraterrestrial, cosmic reasons, the essence of Christ descends and unites with the essence of the human being Jesus of Nazareth. This baptism of John in the Jordan thus signifies a fertilization of the earth from cosmic expanses. This baptism of John in the Jordan signifies an interplay between heaven and earth. And by celebrating the Feast of the Epiphany, we were celebrating a supersensible birth—the birth of the Christ within the thirty-year-old human being, Jesus.
[ 8 ] Man hat in den ersten Jahrhunderten christlicher Entwickelung vor allen Dingen seine Aufmerksamkeit auf die Erscheinung des Christus auf der Erde gerichtet, und weniger Bedeutung hatte neben dieser Anschauung der Erscheinung eines außerirdischen Christus-Wesens im Bereich des Irdischen die Erdengeburt des Menschen Jesus von Nazareth, der erst in seinem dreißigsten Jahre in seine eigene Leiblichkeit herein den Christus empfangen hat. So wurde das in den ersten christlichen Jahrhunderten vorgestellt. Man hat also in diesen Jahrhunderten gefeiert die Herabkunft des überirdischen Christus. Und man hat zu verstehen gesucht, was da eigentlich geschehen ist im Verlaufe des Erdenwerdens.
[ 8 ] In the first centuries of Christian development, attention was focused above all on the appearance of the Christ on Earth, and the earthly birth of the human Jesus of Nazareth—who did not receive the Christ into his own physical being until he was thirty years old—was considered less significant than this vision of an extraterrestrial Christ being appearing in the earthly realm. This was the conception held during the first centuries of Christianity. Thus, during those centuries, people celebrated the descent of the super-earthly Christ. And they sought to understand what actually happened in the course of his becoming human.
[ 9 ] Wenn man die Geschichtsentwickelung bis zu dem Mysterium von Golgatha hin auf sich wirken läßt, so stellt sich diese so dar, daß die Menschheit in Urzeiten begabt war mit einer Urweisheit übersinnlicher Art, mit einer Urweisheit, vor der man die tiefste Ehrfurcht haben muß, wenn man sie in ihrer ganzen Innerlichkeit, in ihrer ganzen Wesenheit zu betrachten in der Lage ist. In den ersten, nur äußerlich auf kindliche Art auftretenden Weistümern der Menschheit offenbart sich unendlich vieles nicht nur über das Irdische, sondern vor allen Dingen über das Außerirdische, und wie das Außerirdische auf die Erde wirkt. Dann sieht man, wie im Verlaufe der Menschheitsentwickelung dieses Licht einer Urweisheit in den Menschengemütern immer weniger und weniger leuchtet, wie die Menschen immer mehr den Zusammenhang mit dieser Urweisheit verlieren. Und abgeglommen, geschwunden aus dem menschlichen Gemüte ist diese Urweisheit gerade in derjenigen Zeit, in der das Mysterium von Golgatha herannahte. Alle Erscheinungen des geschichtlichen Werdens im griechischen und insbesondere im römischen Leben zeigen auf die verschiedenste Art, daß gerade die Besten der Menschheit sich bewußt waren: es muß ein neues Himmlisches in das Erdenleben einschlagen, damit die Erde mit der Menschheit ihre weitere Entwickelung finden könne.
[ 9 ] If one allows the course of history leading up to the Mystery of Golgotha to sink in, it becomes apparent that in primeval times humanity was endowed with a primordial wisdom of a supersensory nature—a wisdom for which one must feel the deepest reverence when one is able to contemplate it in all its inner depth and in all its essence. In humanity’s earliest forms of wisdom—which appeared only outwardly in a childlike manner—an infinite wealth of knowledge is revealed, not only about the earthly realm but, above all, about the non-earthly realm and how the non-earthly realm influences the Earth. Then one sees how, in the course of human development, this light of primordial wisdom shines ever less and less in the human mind, and how people increasingly lose their connection to this primordial wisdom. And this primordial wisdom had faded and vanished from the human mind precisely at the time when the Mystery of Golgotha was approaching. All the phenomena of historical development in Greek and, in particular, Roman life demonstrate in the most varied ways that it was precisely the best of humanity who were aware: a new heavenly element must enter earthly life so that the Earth, together with humanity, might find its further development.
[ 10 ] Für den unbefangenen Betrachter zerfällt die gesamte Erdenentwickelung der Menschheit eben in diese zwei Teile: in diejenige Zeit, die auf das Mysterium von Golgatha gewartet hat, gewartet hat nicht nur in den einfach-kindlichen Menschengemütern, sondern gewartet hat mit der höchsten Weisheit — und in denjenigen Teil, der sich dann anschließt an das Mysterium von Golgatha, in dem wir drinnenstehen und für den wir eine immer weitere und weitere Erfüllung wiederum der übersinnlichen Welt erhoffen, wiederum des Einflusses der außerirdischen kosmischen Wirklichkeit auf das irdische Geschehen innerhalb der Erdenentwickelung. So steht das Mysterium von Golgatha mitten drinnen in der Erdenentwickelung, gibt der Erdenentwickelung den eigentlichen Sinn.
[ 10 ] To the impartial observer, the entire earthly development of humanity breaks down precisely into these two parts: into the period that awaited the Mystery of Golgotha—awaited not only in the simple, childlike human minds, but awaited with the highest wisdom — and into the period that follows the Mystery of Golgotha, in which we now find ourselves and for which we hope for an ever-wider fulfillment—once again of the supersensible world, and once again of the influence of the extraterrestrial cosmic reality on earthly events within the course of human evolution. Thus, the Mystery of Golgotha stands at the very heart of Earth’s evolution, giving Earth’s evolution its true meaning.
[ 11 ] Ich habe versucht, dies öfters bildhaft zum Ausdrucke zu bringen für meine Zuhörer, indem ich sagte, man sehe sich einmal so etwas an, wie das bedeutsame, heute allerdings in seiner künstlerischen Vollendung nicht mehr vorhandene Bild von Leonardo da Vinci, das Abendmahl in Mailand. Wie man da den Erlöser sieht innerhalb seiner Zwölf, wie man ihn da kontrastiert sieht auf der einen Seite mit dem Johannes, auf der andern Seite mit dem Judas, und wie man dann das Ganze in seiner Farbengebung vor sich hat. Da muß man gerade über dieses allercharakteristischste Bild aus der Anschauung des Mysteriums von Golgatha heraus sagen: Wenn irgendein Wesen aus einem fremden Himmelskörper auf die Erde herunterkäme, so würde es gegenüber dem, was es sieht in der äußeren Wirklichkeit, erstaunt sein, denn wir müssen annehmen, daß ein solches Wesen eines andern Planeten eine ganz andere Umwelt um sich hätte, und es würde erstaunt sein über alles dasjenige, was Menschenschöpfungen auf der Erde sind. Würde es aber hingeführt vor dieses Bild, in dem dieses Mysterium von Golgatha in der allercharakteristischsten Weise einmal zur Anschauung gekommen ist, dann würde es aus diesem Bilde unmittelbar intuitiv etwas aus dem Sinn des Erdendaseins empfinden, einfach durch die Art, wie der Christus Jesus unter seinen Zwölfen, die wiederum die Repräsentanten des ganzen Menschengeschlechtes sind, hineingestellt ist.
[ 11 ] I have often tried to convey this vividly to my listeners by saying that they should take a look at something like Leonardo da Vinci’s famous painting, The Last Supper in Milan—a work that, admittedly, no longer exists today in its original artistic perfection. How one sees the Savior there among his Twelve, how he is contrasted on one side with John and on the other with Judas, and how one then perceives the whole composition in its color scheme. Looking at this most characteristic painting from the perspective of the Mystery of Golgotha, one must say: If any being were to descend to Earth from a foreign celestial body, it would be astonished by what it sees in external reality, for we must assume that such a being from another planet would have a completely different environment around it, and it would be astonished by all that humanity has created on Earth. But if it were led before this image, in which the Mystery of Golgotha has once been made visible in the most characteristic way, then it would immediately and intuitively sense something of the meaning of earthly existence from this image, simply through the way in which Christ Jesus is placed among his Twelve, who in turn are the representatives of the entire human race.
[ 12 ] Man kann eben aus den verschiedensten Untergründen heraus empfinden, wie das Mysterium von Golgatha der Erdenentwickelung eigentlich den Sinn gibt. Aber erst dann empfindet man völlig, daß dies der Fall ist, wenn man zu der Anschauung sich aufschwingen kann, daß mit der Johannestaufe im Jordan ein übersinnliches Wesen, eben der Christus, in einen Menschen eingezogen ist. So haben es — nicht mit derjenigen Weltanschauung, die wir uns heute wiederum durch Anthroposophie zu erringen versuchen — die Gnostiker angesehen mit ihrer Weltanschauung, die noch der letzte Rest der alten Urweisheit der Menschheit war. Man möchte sagen, es ist so viel übriggeblieben aus der instinktiven Urweisheit der Menschheit, damit in den ersten christlichen Jahrhunderten, nachdem der Christus erschienen war, eine Anzahl von Menschen noch haben begreifen können, was eigentlich mit der Erscheinung Christi im Erdenwerden geschehen ist. Diejenige Weisheit, welche die Gnostiker gehabt haben, kann nicht mehr die unsrige sein. Wir müssen, weil die Menschheit in einem fortwährenden Fortschritte begriffen sein muß, zu einer viel bewußteren, zu einer weniger instinktiven Anschauung auch über das Übersinnliche weiterdringen. Aber wir blicken doch mit Ehrfurcht auf die Weisheit der Gnostiker hin, die sich noch so viel aus der ersten instinktiven Urweisheit der Menschen erhalten hatten, daß man die ganze Bedeutung des Mysteriums von Golgatha erfassen konnte.
[ 12 ] One can perceive, from a wide variety of perspectives, how the Mystery of Golgotha actually gives meaning to the evolution of the Earth. But one only fully realizes that this is the case when one can rise to the insight that, with the baptism of John in the Jordan, a supersensible being—namely, the Christ—entered into a human being. This is how the Gnostics viewed it—not with the worldview we are now once again striving to attain through anthroposophy—but with their own worldview, which was still the last remnant of humanity’s ancient primordial wisdom. One might say that so much remained of humanity’s instinctive primordial wisdom that, in the first Christian centuries after Christ’s appearance, a number of people were still able to comprehend what actually happened with Christ’s appearance in His incarnation. The wisdom possessed by the Gnostics can no longer be ours. Because humanity must be engaged in a process of continuous progress, we must advance toward a much more conscious, less instinctive understanding, even of the supersensible. Yet we look with reverence upon the wisdom of the Gnostics, who had preserved so much of humanity’s original, instinctive primal wisdom that they were able to grasp the full significance of the Mystery of Golgotha.
[ 13 ] Von diesem Erfassen der ganzen Bedeutung des Mysteriums von Golgatha und der Mittelpunktserscheinung, der Johannestaufe im Jordan, ging die Feststellung des ersten großen Festes hervor. Aber es war schon einmal so eingerichtet in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit, daß die alte Urweisheit verglomm, abgelähmt wurde. Und gerade im 4. nachchristlichen Jahrhunderte war es so, daß man mit dieser Urweisheit nichts machen konnte. Ich habe gestern von einem andern Gesichtspunkte dargestellt, wie diese Urweisheit sich allmählich verdunkelt. Das 4. Jahrhundert ist in einem gewissen Sinne dasjenige, in dem der Mensch den ersten Anfang damit machte, ganz auf sich selbst gestellt zu sein, nichts um sich herum zu haben für seine Anschauung als dasjenige, was die Sinne auffassen können, was der kombinierende Verstand aus der Sinnesanschauung machen kann. Die Menschheit mußte gewissermaßen, um ihre Freiheit zu erringen, die niemals wegen der Abhängigkeit von überirdischen Dingen zu erringen gewesen wäre, wenn die Urweisheit nicht abgelähmt worden wäre, also um die Freiheit zu erringen, mußte die Menschheit die alte Urweisheit verlieren, mußte in das materialistische Anschauen herausgeworfen werden. Dieses materialistische Anschauen erscheint in seiner ersten Morgenröte im 4. nachchristlichen Jahrhundert und wird immer stärker und stärker, bis es im 19. Jahrhundert seinen Kulminationspunkt erreicht.
[ 13 ] It was from this grasp of the full significance of the Mystery of Golgotha and the central event—the baptism of John in the Jordan—that the establishment of the first great festival arose. But it had already happened once before in the history of human development that the ancient primordial wisdom had faded and become stifled. And it was precisely in the fourth century A.D. that people were unable to make use of this primordial wisdom. Yesterday I described from a different perspective how this primordial wisdom gradually became obscured. The fourth century is, in a certain sense, the one in which human beings first began to be entirely on their own, having nothing around them for their perception other than what the senses can grasp and what the reasoning mind can make of sensory perception. In a sense, in order to attain its freedom—a freedom that could never have been attained due to dependence on supernatural things had primordial wisdom not been dulled—humanity had to lose that ancient primordial wisdom and be cast into a materialistic worldview. This materialistic worldview first appeared in the 4th century A.D. and grew stronger and stronger until it reached its culmination in the 19th century.
[ 14 ] Auch der Materialismus hat sein Gutes in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit. Dadurch, daß der Mensch nicht mehr hereinleuchtend hatte das übersinnliche Licht in sein Gemüt, dadurch, daß er angewiesen war auf dasjenige, was er mit seinen Sinnen in der Umwelt sieht, dadurch wurde die selbständige, zur Freiheit hintendierende Kraft in ihm hervorgerufen. Auch das erschien weisheitsvoll in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit, daß der Materialismus heraufgezogen ist. Aber gerade in der Zeit, in der der Materialismus sich des Erdenwesens des Menschen bemächtigte, da konnte man auch nicht mehr verstehen, wie die Einwirkung des Außerirdischen, des Himmlischen, im Symbolum der Johannestaufe im Jordan sich vor dieMenschheit hingestellt hat. Da verlor man sozusagen das Verständnis für den Sinn des Festes vom 6. Januar, des Festes der Erscheinung Christi, und man nahm zu anderem seine Zuflucht. Alles dasjenige, was man hatte an Empfindung, an Gefühlstiefe, die sich bezogen auf das Mysterium von Golgatha, das bezog man nun nicht auf den überirdischen Christus, das fing man an zu beziehen auf den irdischen Jesus von Nazareth. Und aus dem Feste der Erscheinung Christi wurde das Fest der Erscheinung des Kindes Jesus. Allerdings hat die Entwickelung einen Verlauf genommen, der heute wiederum bei einer Peripetie angelangt ist, der für unsere heutige gegenwärtige Weltanschauung neue Notwendigkeiten im Menschheitsstreben erzeugen muß.
[ 14 ] Materialism, too, has its positive aspects in the history of human development. Because the supernatural light no longer shone into the human soul, and because human beings were dependent on what they perceive with their senses in the external world, the independent force within them—one that tends toward freedom—was awakened. The rise of materialism also appeared to be a wise development in the history of human evolution. But precisely at the time when materialism took hold of the human being’s earthly nature, people could no longer understand how the influence of the extraterrestrial, the heavenly, had presented itself to humanity in the symbol of John’s baptism in the Jordan. Thus, people lost, so to speak, their understanding of the meaning of the feast on January 6—the Feast of the Epiphany—and turned to other things for solace. All the feelings and emotional depth they had that were connected to the Mystery of Golgotha were no longer directed toward the super-earthly Christ; instead, they began to direct them toward the earthly Jesus of Nazareth. And the Feast of the Epiphany of Christ became the Feast of the Epiphany of the Child Jesus. However, this development has taken a course that has now reached a turning point, one that must give rise to new necessities in humanity’s striving within our present-day worldview.
[ 15 ] Wir sehen, wie zwar das weisheitsvolle Erfassen der Menschen schon im 4. Jahrhundert vor der Unmöglichkeit gestanden hat, die Erscheinung Christi zu erfassen. Aber das menschliche Gemüt, das menschliche Empfinden, das menschliche Fühlen und Wollen, sie entwickeln sich im Laufe der Geschichte mit einer geringeren Schnelligkeit als die Gedanken. Als die Gedanken schon längst nicht mehr hintendierten zu der Erscheinung Christi, da wandten sich noch die Herzen zu dieser Erscheinung Christi hin. Tiefinnige Gefühle lebten in der Christenheit. Und diese tiefinnerlichen Gefühle bildeten jetzt für lange Jahrhunderte den Inhalt der geschichtlichen Entwickelung. Und diese tiefinnerlichen Gefühle sprachen es — aber wie aus instinktiven Impulsen heraus — aus, was Bedeutungsvolles mit der Erscheinung Christi für die Erdenentwickelung sich vollzogen hat. Man hat angeschlossen das Fest des Geburtstages des Jesus von Nazareth an den Adam- und Eva-Tag, das Fest des Erdenanfanges der Menschheit. Der Adam- und Eva-Tag fällt auf den 24. Dezember, das Jesu-Geburtstagsfest auf den 25.Dezember. In Adam und Eva sah man die Menschen, mit denen die Erdenentwickelung ihren Anfang genommen hat, die Menschen, die hinuntergestiegen sind aus geistigen Höhen, die auf der Erde sündig geworden sind, die auf der Erde verstrickt worden sind in das materielle Geschehen, die verloren haben ihren Zusammenhang mit den übersinnlichen Welten. Der erste Adam, von ihm sprach man im paulinischen Sinne; und von dem zweiten Adam sprach man als von dem Christus: daß der Mensch nur da ganz Mensch sein kann in der nachchristlichen Zeit, wenn er die Kräfte, die durch Adam von Gott abgefallen sind, und die Kräfte, die durch Christus ihn wieder zurückbringen zu dem Gotte, wenn er diese beiden Kräfte in sich vereinigt. Das wollte man ausdrücken, indem man aneinanderrückte das Adamund Eva-Fest und das Jesu-Geburtstagsfest. Die Empfindung von diesem Zusammenhange, der dem Erdenleben seinen eigentlichen Sinn gibt, hat sich in inniglicher Weise durch Jahrhunderte erhalten.
[ 15 ] We see how, as early as the 4th century, human wisdom was already confronted with the impossibility of comprehending the phenomenon of Christ. But the human mind, human perception, human feeling, and human will develop over the course of history at a slower pace than thoughts. Even when thoughts had long since ceased to point toward the appearance of Christ, hearts were still turning toward this appearance of Christ. Profound feelings lived on within Christianity. And for many centuries, these deep inner feelings formed the substance of historical development. And these deep inner feelings expressed—as if out of instinctive impulses—the profound significance that the appearance of Christ held for the development of the Earth. The feast of the birthday of Jesus of Nazareth was linked to the Day of Adam and Eve, the feast marking the beginning of humanity on Earth. The Day of Adam and Eve falls on December 24, and the feast of Jesus’ birthday on December 25. In Adam and Eve, people saw the human beings with whom the development of the Earth began—the human beings who descended from spiritual heights, who sinned on Earth, who became entangled in material events on Earth, and who lost their connection to the supersensible worlds. The first Adam was spoken of in the Pauline sense; and the second Adam was spoken of as Christ: that in the post-Christian era, a human being can only be fully human if they unite within themselves the forces that fell away from God through Adam and the forces that, through Christ, bring them back to God. This was what people sought to express by bringing the Feast of Adam and Eve and the Feast of the Nativity of Jesus closer together. The sense of this connection, which gives earthly life its true meaning, has been preserved in a profound way throughout the centuries.
[ 16 ] Ein Beispiel davon ist das Auftreten der so innigen Paradeisspiele, Christi-Geburtspiele, von denen wir hier Proben zur Aufführung gebracht haben, die da stammen aus dem letzten Mittelalter, aus der beginnenden Neuzeit, wo vorher mehr in westlichen Gegenden wohnende deutsche Stämme sie nach dem Osten mitgenommen haben. Im heutigen Ungarn siedelten sich solche Stämme an. Wir finden solche Stämme nordwärts von der Donau in der Preßburger Gegend, wir finden sie südwärts von den Karpathen in der sogenannten Zipser Gegend, wir sehen sie in Siebenbürgen. Wir finden in diesen Gegenden vorzugsweise alemannisch-sächsische Stämme. Wir finden dann im Banat schwäbische Stämme. Alle diese deutschen Stämme haben sich dasjenige Gut mitgenommen aus ihrer ursprünglichen Heimat, in das hineingelegt worden war aus innigster Herzensempfindung, was die Menschheit in diesen Jahrhunderten zusammengeschlossen hat mit dem wichtigsten Erdenerlebnis.
[ 16 ] One example of this is the emergence of the deeply heartfelt “Paradeisspiele” (Paradise Plays) and “Christi-Geburtsspiele” (Nativity Plays), excerpts of which we have staged here; these date from the late Middle Ages and the early modern period, when German tribes—who had previously lived mainly in western regions—brought them with them to the east. Such tribes settled in what is now Hungary. We find them north of the Danube in the Pressburg region; we find them south of the Carpathians in the so-called Spiš region; and we see them in Transylvania. In these regions, we find primarily Alemannic-Saxon tribes. We then find Swabian tribes in the Banat. All these German tribes brought with them from their original homeland that treasure into which had been poured, from the deepest feelings of the heart, what has united humanity over the centuries with the most significant earthly experience.
[ 17 ] Aber die Weisheit der Menschen nahm immer mehr einen Gang, der auch das Christus-Ereignis in die materialistische Auffassung der Welt verflocht. Wir sehen im 19. Jahrhundert eine "Theologie heraufziehen, die selber materialistisch ist. Es beginnt die Evangelienkritik. Man verliert die Möglichkeit, eine Ahnung davon zu haben — wie es in übersinnlichen Darstellungen sein muß —, daß dasjenige, was als Imagination vom Übersinnlichen auftritt, verschieden ist, je nachdem man es von dem einen oder andern Gesichtspunkt auffaßt. Man hat keinen Begriff davon, daß auch die Weisen früherer Jahrhunderte die sogenannten Widersprüche in den Evangelien gesehen haben müssen und daß sie von ihnen nicht in kritischer Weise gerügt worden sind. Man versenkt sich philiströs in diese Widersprüche in den Evangelien. Man löst die Widersprüche auf, man entfernt aus den Evangelien alles Übersinnliche. Man verliert den Christus aus der Evangeliengeschichte. Man versucht, aus der Evangeliengeschichte etwas zu machen wie eine gewöhnliche profane Geschichte. Man kann nach und nach nicht mehr unterscheiden, was die theologischen Historiker sagen, von demjenigen, was ein weltlicher Historiker wie etwa Ranke sagt über das Mysterium von Golgatha.
[ 17 ] But human wisdom increasingly took a course that wove even the Christ event into the materialistic view of the world. In the 19th century, we see the emergence of a “theology that is itself materialistic.” The criticism of the Gospels begins. People lose the ability to have even a inkling—as must be the case in supersensory depictions—that what appears as an imagination of the supersensory differs depending on whether it is viewed from one perspective or another. People have no concept that the sages of earlier centuries must also have seen the so-called contradictions in the Gospels and that they were not criticized for them. People immerse themselves philistinely in these contradictions in the Gospels. One resolves the contradictions; one removes everything supernatural from the Gospels. One loses Christ from the Gospel narrative. One attempts to turn the Gospel narrative into something like an ordinary secular history. Gradually, one can no longer distinguish between what theological historians say and what a secular historian such as Ranke says about the Mystery of Golgotha.
[ 18 ] Wenn man bei dem berühmten Historiker Ranke die Jesus-Gestalt sich aufsucht, wie er sie darstellt als den schlichten, aber hervorragendsten Menschen, der jemals über die Erde geschritten ist, wenn man all die liebevoll geschilderten Züge der Rankeschen profanen Geschichte über den Jesus liest, so unterscheidet sich dieses innerlich kaum mehr von dem, was die dem Materialismus verfallenen Theologen des 19. Jahrhunderts über die Jesus-Gestalt zu sagen haben. Die Theologie wird materialistisch. Der Christus verschwindet gerade für die aufgeklärte Theologie aus der Menschheitsanschauung. Der «schlichte Mann aus Nazareth» wird allmählich dasjenige, worauf einzig und allein diejenigen hinweisen wollen, welche das Wesen des Christentums zu schildern unternehmen. Und berühmt geworden ist ja die Schilderung des Wesens des Christentums von Adolf Harnack.
[ 18 ] When one looks for the figure of Jesus in the works of the famous historian Ranke—as he portrays him as the simple, yet most outstanding man who ever walked the earth—if one reads all the lovingly described traits in Ranke’s secular history of Jesus—then this differs inwardly hardly at all from what the 19th-century theologians, who had succumbed to materialism, have to say about the figure of Jesus. Theology is becoming materialistic. Christ is disappearing from the human perspective, particularly in enlightened theology. The “simple man from Nazareth” is gradually becoming the sole focus of those who undertake to describe the essence of Christianity. And Adolf Harnack’s description of the essence of Christianity has, of course, become famous.
[ 19 ] In diesem Buche «Das Wesen des Christentums» von Adolf Harnack befinden sich zwei Stellen, die nun wirklich eigentlich niederschmetternd sein können für denjenigen, welcher einen Sinn hat für das wirkliche Wesen des Christentums. Das eine ist, daß dieser christlich-seinwollende Theologe sagte: Der Christus gehöre eigentlich nicht in die Evangelien, der Sohn gehöre nicht in die Evangelien; in die Evangelien gehöre einzig und allein der Vater. — Und so wird der Christus Jesus, der im Beginne unserer Zeitrechnung über den Boden von Palästina wandelte, so wird der Christus Jesus einfach der menschliche Verkünder der Vaterlehre. Der Vater allein gehört in die Evangelien —, so sagt Adolf Harnack und glaubt damit ein christlicher Theologe zu sein! Man muß sagen: Das Wesentliche des Christentums ist aus diesem «Wesen des Christentums», ich meine dasjenige, was Adolf Harnack schildert, ganz hingeschwunden, und eigentlich dürfte sich eine solche Anschauung nicht mehr christlich nennen.
[ 19 ] In this book, The Essence of Christianity by Adolf Harnack, there are two passages that can truly be devastating for anyone who has a sense of the true essence of Christianity. One is that this theologian, who claims to be a Christian, said: Christ does not actually belong in the Gospels; the Son does not belong in the Gospels; only the Father belongs in the Gospels. — And so Christ Jesus, who walked the land of Palestine at the beginning of our era, becomes merely the human proclaimer of the Father’s teaching. “The Father alone belongs in the Gospels”—so says Adolf Harnack, and in doing so believes himself to be a Christian theologian! One must say: The essence of Christianity has completely vanished from this “essence of Christianity”—I mean the one described by Adolf Harnack—and, in fact, such a view should no longer be called Christian.
[ 20 ] Das andere, was niederschmetternd wirken kann in dieser Schrift «Das Wesen des Christentums», trat mir einmal entgegen, als ich anwesend war bei einem Vortrage, der gehalten wurde in einer Gesellschaft, die sich Giordano-Bruno-Gesellschaft nannte. In Anknüpfung an Ausführungen eines dortigen Redners mußte ich sagen, wie das Wichtigste vom Wesen des Christentums der neueren Theologie entschwunden ist. Ich mußte hinweisen auf die Bemerkung des Harnack in diesem Buche «Das Wesen des Christentums», wo er sagt: Was auch geschehen sein mag im Garten von Gethsemane, der Auferstehungsgedanke, der Osterglaube ist aus diesem Ereignis hervorgegangen; und an diesen Glauben wollen wir uns halten. — Es ist also den modernen christlichen Theologen gleichgültig geworden die Auferstehung selbst. Sie wollen sich nicht um diese Auferstehung selbst als eine Tatsache bekümmern. Was auch geschehen sein mag im Garten von Gethsemane, die Menschen haben zu glauben begonnen, daß dort die Auferstehung gewesen sei, und nicht an die Auferstehung, sondern an diesen Glauben wollen wir uns halten.
[ 20 ] The other aspect of the essay “The Essence of Christianity” that can have a devastating effect struck me once when I was present at a lecture given by a society calling itself the Giordano Bruno Society. In response to remarks made by a speaker there, I had to point out how the most essential aspect of the nature of Christianity has disappeared from modern theology. I had to point out Harnack’s remark in this book, The Essence of Christianity, where he says: Whatever may have happened in the Garden of Gethsemane, the idea of the Resurrection, the faith in Easter, emerged from this event; and to this faith we wish to hold fast. — Thus, the Resurrection itself has become a matter of indifference to modern Christian theologians. They do not wish to concern themselves with the Resurrection itself as a fact. Whatever may have happened in the Garden of Gethsemane, people have come to believe that the Resurrection took place there, and it is not the Resurrection itself but this belief that we wish to hold fast to.
[ 21 ] Ich habe damals darauf hingewiesen, daß das Wesentliche des Christentums ausgesprochen worden ist durch Paulus, der da sagte aus seinen Erfahrungen vor Damaskus heraus: Und wäre der Christus nicht auferstanden, wir wären alle verloren. — Nicht der Mensch Jesus ist das Wesentliche am Christentum, sondern die übersinnliche Wesenheit, die durch die Johannestaufe im Jordan eingezogen ist in den Menschen Jesus, die aus dem Grabe zu Gethsemane sich erhoben hat, und die denjenigen sichtbar geworden ist, die für diese Sichtbarkeit Fähigkeiten gehabt haben. Paulus als dem Spätesten derselben ist sie sichtbar geworden, und auf den auferstandenen Christus beruft sich Paulus. Ich mußte also darauf aufmerksam machen dazumal, wie durch die Bemerkung eines der berühmtesten modernen sogenannten christlichen Theologen gerade das Wesentliche an dem Christentum, seine übersinnliche Art, nicht gesehen wird. Der Vorsitzende der Gesellschaft erwiderte mir dazumal in höchst eigentümlicher Weise. Er sagte mir: Das könne in dem Harnackschen Buche gar nicht stehen, denn Harnack sei ein protestantischer, ein evangelischer Theologe, und wenn Harnack so etwas behaupte, so käme das gleich jener Behauptung, die nur von katholischer Seite ausgehen könne, zum Beispiel über den heiligen Rock zu Trier. Für den Katholiken käme es nicht darauf an, ob man wirklich nachweisen könne, daß dieser heilige Rock zu Trier wirklich aus Jerusalem stamme, sondern es komme darauf an, daß sich der Glaube an diesen heiligen Rock anknüpft. — Der Vorsitzende dieser Gesellschaft war so befangen, daß er gar nicht zugab, daß diese Bemerkung in dem Harnackschen Buche steht. Ich sagte ihm, ich wolle ihm am nächsten Tage, da ich das Buch jetzt nicht zur Hand habe, auf einer Postkarte die Seitenzahl schreiben. Für die moderne Gründlichkeit, mit der Bücher gelesen werden, die in allererster Linie eine Wichtigkeit haben, ist das außerdem noch charakteristisch. Man liest ein Buch, glaubt, daß es einen bedeutenden Eindruck auf das Leben macht, und es fällt einem eine der wichtigsten Bemerkungen gar nicht einmal auf, sondern man hält es für unmöglich, daß sie drinnenstehen könnte. Sie steht nämlich drinnen! Das alles aber beweist uns, wie der übersinnliche Christus herausgeworfen worden ist durch die immer materialistischer werdende Theologie aus der Menschheitsentwickelung, wie man sich nur an das äußerlich physische Erscheinen des Menschen Jesus gehalten hat.
[ 21 ] I pointed out at the time that the essence of Christianity was articulated by Paul, who said, based on his experiences on the road to Damascus: “And if Christ had not risen, we would all be lost.” — It is not the man Jesus who is the essence of Christianity, but the supernatural being who, through John’s baptism in the Jordan, entered into the man Jesus, who rose from the tomb at Gethsemane, and who became visible to those who possessed the faculties to perceive Him. Paul, as the last of these, saw Him, and it is the risen Christ to whom Paul refers. I therefore had to point out at that time how, precisely because of a remark by one of the most famous modern so-called Christian theologians, the very essence of Christianity—its supernatural nature—is overlooked. The chairman of the society replied to me at that time in a most peculiar manner. He told me: That could not possibly be in Harnack’s book, for Harnack was a Protestant, an Evangelical theologian, and if Harnack were to assert such a thing, it would be equivalent to the kind of assertion that could only come from the Catholic side—for example, regarding the Holy Robe in Trier. For Catholics, it does not matter whether one can actually prove that this Holy Robe in Trier truly originated in Jerusalem; what matters is that faith is rooted in this Holy Robe.—The chairman of this society was so biased that he would not even admit that this remark appears in Harnack’s book. I told him that, since I did not have the book at hand at the moment, I would write the page number on a postcard for him the next day. This is, moreover, characteristic of the modern thoroughness with which books—which are of paramount importance—are read. One reads a book, believes it makes a significant impression on one’s life, and yet one of the most important remarks doesn’t even register; instead, one considers it impossible that it could be in there. Yet it is indeed in there! All of this, however, proves to us how the transcendent Christ has been cast out of human development by an increasingly materialistic theology, and how people have clung solely to the outward, physical appearance of the man Jesus.
[ 22 ] Nun, die Festesgebräuche und Festesweihen der einfach schlichten Gemüter, die zu den Weihnachtsspielen griffen, sie waren schön; sie gingen aus heiligen Gefühlen hervor. Wenn die Menschen sich auch nicht mehr Aufschluß geben konnten über den ganzen Sinn des Mysteriums von Golgatha, im Gefühle hatten sie ihn auch da, wo sie sich äußerlich an das materielle Erscheinen des Kindes Jesus hielten. Und in dieser Art dargestellt, ist das Christi-Geburtsfeiern schön, innig.
[ 22 ] Well, the festive customs and celebrations of the simple, unpretentious people who turned to the Christmas plays were beautiful; they sprang from sacred feelings. Even if people could no longer fully comprehend the entire meaning of the mystery of Golgotha, they still felt it in their hearts, even as they outwardly focused on the physical appearance of the infant Jesus. And portrayed in this way, the celebration of Christ’s birth is beautiful and heartfelt.
[ 23 ] Der Gedanke, der in dem Menschen Jesus den Christus zerstört, der ist nicht schön und er ist vom höchsten Gesichtspunkte auch der christlichen Weltanschauung aus nicht wahr. Es ist, als ob die weisheitsvolle Führung der Menschheit zunächst Rechnung getragen hätte demjenigen, was geschehen mußte, damit die materialistische Anschauung und damit die Entwickelung der Menschheit zur Freiheit den Anfang nehmen und weitergehen könne. Geradeso wie überhaupt der Materialismus kommen mußte zur Befreiung der Menschheit, geradeso mußte das nur durch übersinnliche Anschauung verständliche Christi-Erscheinungsfest vom 6. Januar zurückverlegt werden zu dem Jesu-Geburtstagsfest am 25. Dezember.
[ 23 ] The idea that destroys the Christ within the man Jesus is not beautiful, and from the highest perspective—even that of the Christian worldview—it is not true. It is as if the wise guidance of humanity had first taken into account what had to happen so that the materialistic worldview—and with it, humanity’s development toward freedom—could begin and continue. Just as materialism itself had to come about for the liberation of humanity, so too did the Feast of the Epiphany on January 6—which can only be understood through a supersensible perspective—have to be moved back to the Feast of the Nativity of Jesus on December 25.
[ 24 ] Die zwölf heiligen Nächte liegen dazwischen. Gewissermaßen den Rückweg durch den ganzen Tierkreis machte die Menschheit durch, indem sie, wenigstens im Symbolum, eine Zwölfzahl durchmachte beim Verlegen dieses Festes.
[ 24 ] The twelve holy nights lie in between. In a sense, humanity retraced its path through the entire zodiac by, at least symbolically, passing through a cycle of twelve during the observance of this festival.
[ 25 ] Wir können heute, indem wir alles dasjenige zusammenfassen, was sich durch den Menschen Jesus für uns an den Christus knüpft, heute gewiß alle Innigkeit, alle Tiefe der Empfindung am Weihnachtsfest entfalten. Und dem, was in dieser Beziehung der heutigen Zeit frommt, wollte ich in meiner gestrigen Weihnachtsbetrachtung durch Worte Ausdruck geben. Aber wir müssen, nachdem der Materialismus in der Theologie seine höchsten Triumphe gefeiert hat, nachdem der Christus Jesus gerade für die aufgeklärte Theologie bloß zu dem schlichten Menschen Jesus geworden ist, wiederum den Weg zurückfinden zu dem Ahnen des übersinnlichen, außerirdischen Christus-Wesens.
[ 25 ] Today, by bringing together everything that connects us to Christ through the human being Jesus, we can certainly unfold all the intimacy and depth of feeling inherent in the Christmas celebration. And in my Christmas reflection yesterday, I sought to express in words what is most meaningful in this regard for our time. But now that materialism has celebrated its greatest triumphs in theology, now that Christ Jesus has become, especially for enlightened theology, merely the simple human being Jesus, we must once again find our way back to a sense of the supernatural, otherworldly Christ-being.
[ 26 ] Wenn man mit dieser Anschauung kommt, dann macht man sich gerade die materialistisch geartete Theologie der heutigen Zeit zum Feinde. Geradeso wie die Sonne materiell ihr Licht heruntersendet aus außerirdischen kosmischen Weiten, so stieg als die Geistessonne der Christus herab zu den Menschen und vereinigte sich mit dem Jesus von Nazareth. Geradeso wie man in der äußeren Physiognomie des Menschen, in seinen Gesichtszügen, in seinem Gebärdenspiel die Offenbarung seines Seelisch-Geistigen sieht, so kann man sehen an demjenigen, was sich im Kosmos abspielt, in denjenigen Gebärden, die hineingezeichnet sind in den Kosmos durch den Lauf der Sterne, in demjenigen, was als innere Seelenwärme des Weltenalls sich äußerlich zur Erscheinung bringt durch die Bestrahlung der Sonne, in dem kann man sehen die äußere Physiognomie für das, was geistig-seelisch die ganze Welt durchtränkt. Und man kann in dem, was sich konzentriert in geistiger Beziehung in dem Herabsteigen des Christus auf die Erde, sehen das Innerliche für das äußerlich Physiognomische des Herabfließens der konzentrierten Sonnenstrahlen auf die Erde. Und man wird in der rechten Weise verstehen, wenn gesagt wird: Das Sonnenwesen des Christus stieg auf die Erde herab.
[ 26 ] If one adopts this view, one inevitably makes an enemy of the materialistic theology of our time. Just as the sun physically sends down its light from extraterrestrial cosmic expanses, so did Christ, as the spiritual sun, descend to humanity and unite with Jesus of Nazareth. Just as one sees the revelation of a person’s soul and spirit in their outward appearance, in their facial features, and in their gestures, so too can one see in what takes place in the cosmos—in the gestures inscribed in the cosmos by the course of the stars, in what manifests outwardly as the inner soul warmth of the universe through the sun’s rays—the outer physiognomy of that which spiritually and soulfully permeates the entire world. And one can see in what is spiritually concentrated in the descent of Christ to Earth the inner reality corresponding to the outward manifestation of the concentrated rays of the sun streaming down upon the Earth. And one will understand correctly when it is said: “The solar being of Christ descended to Earth.”
[ 27 ] Zu diesem übersinnlichen Verstehen des Christus müssen wir wieder kommen. Wir müssen trotz der inniglichen Verehrung, die wir uns bewahren wollen für das Jesu-Geburtstagsfest, für dasjenige, wozu das Weihnachtsfest allein geworden ist, wiederum den Sinn hinlenken lernen zu der andern Geburt, die da sich vollzieht als eine außerirdische Geburt durch die Johannestaufe im Jordan. Wir wollen ebenso verstehen lernen dasjenige, was durch die Johannestaufe im Jordan in einem bedeutsamen geschichtlichen Symbolum vor unsere Seele tritt, wie dasjenige, was geschehen ist im Stall von Bethlehem oder auch zu Nazareth. Wir wollen die Worte, wie sie das Lukas-Evangelium mitteilt, in der richtigen Weise auffassen lernen: Dieser ist mein Sohn, heute ist er mir geboren. — Wir wollen verstehen lernen das Weihnachtsmysterium in der Weise, daß es für uns wieder werde der Quell des Verständnisses für die Erscheinung Christi auf Erden. Wir wollen zu der Erinnerung an die physische Geburt das Verständnis für die Geistgeburt hinzulernen.
[ 27 ] We must return to this spiritual understanding of Christ. Despite the heartfelt reverence we wish to preserve for the feast of Jesus’ birth—for what Christmas has come to be solely—we must learn once more to direct our attention to the other birth, which takes place as a transcendent birth through John’s baptism in the Jordan. Let us also learn to understand what is presented to our souls through John’s baptism in the Jordan as a significant historical symbol, just as we understand what took place in the stable in Bethlehem or in Nazareth. Let us learn to interpret the words, as recorded in the Gospel of Luke, in the proper way: “This is my Son; today he is born to me.” — Let us learn to understand the mystery of Christmas in such a way that it may once again become for us the source of understanding for the appearance of Christ on earth. Let us, alongside the memory of the physical birth, also learn to understand the spiritual birth.
[ 28 ] Nur allmählich, aus einer überhaupt geistigen Erfassung der Geheimnisse des Weltenalls, wird ein solches Verständnis hervorgehen können. Wir müssen uns allmählich wiederum zu einer spirituellen Auffassung des Mysteriums von Golgatha hinringen. Dazu allerdings brauchen wir die Einsicht über die Entstehung solcher Impulse innerhalb des Erdenwerdens der Menschheit, wie einer da war im 4. nachchristlichen Jahrhundert, in dem man verlegt hat aus dem innersten Bedürfnisse der sich entwickelnden Menschheit heraus das ChristiErscheinungsfest vom 6. Januar auf den Tag des Jesu-Geburtstages am 25.Dezember. Man muß anschauen lernen, wie da die weisheitsvolle Lenkung der Geschichte der Menschheit wirkt. Man muß lernen, mit dem ganzen Menschen sich hinzugeben an dieses geschichtliche Werden. Dann wird man schon ohne Aberglaube, und ohne daß man selbstgemachtes Phantastisches in die Geschichte hineinträgt, die weisheitsvolle Führung in der Geschichte der Menschheit erkennen. Man muß lernen, nicht nur mit abstrakten Ideen sich in die Geschichte zu vertiefen und Ursache und Wirkung anzuschauen, sondern man muß lernen, mit dem ganzen Menschen sich hinzugeben an dieses geschichtliche Werden. Dann wird man dasjenige erst verstehen, was unsere Zeit zu einer wirklichen Übergangszeit macht, zu einer Zeit, in der sich aus der materialistischen Anschauung wiederum herausringen muß eine spirituelle Weltanschauung, wieder herausringen muß eine naturgemäße Erhebung zu dem Übersinnlichen. Und ein Ausdruck für diese Erhebung zu dem Übersinnlichen wird ein neues Verständnis der Erscheinung Christi auf Erden, des Mysteriums von Golgatha sein.
[ 28 ] Only gradually, through a truly spiritual grasp of the mysteries of the universe, will such an understanding be able to emerge. We must gradually strive once more toward a spiritual understanding of the Mystery of Golgotha. To do this, however, we need insight into the origin of such impulses within the earthly evolution of humanity—such as the one that occurred in the 4th century A.D., when, out of the innermost need of evolving humanity, the Feast of the Epiphany was moved from January 6 to December 25, the day of Jesus’ birth. One must learn to see how the wise guidance of human history is at work here. One must learn to surrender oneself, as a whole human being, to this historical unfolding. Then, without superstition and without introducing self-invented fantasies into history, one will recognize the wise guidance in the history of humanity. One must learn not only to delve into history with abstract ideas and to examine cause and effect, but one must learn to surrender oneself, as a whole person, to this historical unfolding. Only then will one understand what makes our time a true period of transition—a time in which a spiritual worldview must once again emerge from the materialistic perspective, and a natural ascent toward the supersensible must once again take hold. And an expression of this ascent toward the supersensible will be a new understanding of the appearance of Christ on earth, of the Mystery of Golgotha.
[ 29 ] So ist für den heutigen Menschen, der wirklich sich in den Geist der Zeit hineinzuvertiefen vermag, das Weihnachtsfest ein Zweifaches: Es ist dasjenige, was durch die neueste Geschichte seit dem 4.nachchristlichen Jahrhundert heraufgezogen ist, dasjenige, was so wunderbare Schönheiten hervorgebracht hat gerade im einfachen, schlichten Volkstum, dasjenige, was uns heute noch immer ein innigliches Entzücken ablockt, wenn wir es wieder schauen in der Erneuerung solcher Volksspiele, wie wir sie gerade aus unserer anthroposophischen Wissenschaft heraus versuchen. Es ist alles das, was sich an menschlicher Herzlichkeit ergossen hat in das Leben durch diejenigen Jahrhunderte hindurch, während welcher der Gedanke an das Christentum immer materialistischere Formen angenommen hat, bis er im 19. Jahrhundert so weit gekommen ist, daß er durch sein eigenes Absurdes umschlagen und wiederum zum Spirituellen zurückkommen muß. — Das gibt uns als heutigen Menschen das Zweite am Weihnachtsfeste: zu der Empfindung, die wir dem traditionellen Weihnachten, das seit dem 4. nachchristlichen Jahrhunderte heraufgezogen ist, entgegenbringen, zu diesem Herzinniglichen, das wir mitempfinden wollen, soll aus unserem zeitgemäßen Verständnisse heraus ein neues Weihnachten geboren werden, ein zweites Weihnachten zu dem alten Weihnachten.
[ 29 ] Thus, for people today who are truly able to immerse themselves in the spirit of the times, Christmas has a twofold meaning: It is that which has emerged through recent history since the 4th century A.D., that which has produced such wondrous beauties precisely in simple, unadorned folk traditions, that which still elicits a heartfelt delight in us today when we behold it anew in the revival of such folk plays as we are currently attempting to create through our anthroposophical science. It is all that human warmth that has poured into life throughout those centuries, during which the idea of Christianity took on increasingly materialistic forms, until it reached a point in the 19th century where it had to turn back on itself due to its own absurdity and return once more to the spiritual. — This gives us, as people of today, the second aspect of the Christmas festival: alongside the sentiment we feel toward traditional Christmas—which has developed since the 4th century A.D.—and this heartfelt emotion that we wish to share, a new Christmas is to be born out of our contemporary understanding—a second Christmas alongside the old one.
[ 30 ] Der Christus soll durch die Menschheit neu wiedergeboren werden. Das Weihnachtsfest soll der Erinnerung nach ein Jesu-Geburtstagsfest sein; dem Geiste nach soll es werden ein Geburtsfest einer neuen Christus-Auffassung, neu nicht gegenüber den ersten Jahrhunderten, sondern neu gegenüber den Jahrhunderten seit dem 4.nachchristlichen. Und so soll das Weihnachtsfest selber nicht nur ein Geburtserinnerungsfest sein, sondern es soll werden, indem es in der nächsten Zeit von Jahr zu Jahr erlebt wird, ein unmittelbares gegenwärtiges Geburtstagsfest, das Fest eines gegenwärtigen Geschehens. Diese Geburt der neuen Christus-Idee soll sich vollziehen. Und das Weihnachtsfest soll in sich die Intensität gewinnen, daß der Mensch jedes Jahr neu sich gerade zu dieser Zeit ganz besonders darauf besinnen könne: Es muß eine neue Christus-Idee geboren werden.
[ 30 ] Christ is to be reborn anew through humanity. Christmas is, in memory, a celebration of Jesus’ birthday; in spirit, it is to become a celebration of the birth of a new understanding of Christ—new not in comparison to the first centuries, but new in comparison to the centuries since the 4th century A.D. And so Christmas itself should not merely be a festival commemorating a birth, but—as it is experienced year after year in the coming time—it should become an immediate, present-day birthday celebration, the celebration of a present-day event. This birth of the new idea of Christ is to take place. And Christmas is to gain such intensity that every year, at this very time, people may reflect anew and with particular focus on this truth: A new idea of Christ must be born.
[ 31 ] Aus einem Erinnerungsfest muß das Weihnachtsfest ein Fest der Gegenwart, eine Weihenacht werden für dasjenige, was der Mensch in seiner unmittelbaren Gegenwart als eine Geburt miterlebt. Dann wird das wirklich in unser neueres geschichtliches Werden einziehen, dann wird es sich immer mehr und mehr erkräftigen in diesem geschichtlichen Werden der Menschheit auch in die Zukunft hinein, die es so nötig haben wird, dann wird werden Weltenweihenacht.
[ 31 ] Christmas must evolve from a festival of remembrance into a festival of the present, a night of consecration for that which human beings experience in their immediate present as a birth. Then it will truly become part of our recent historical development; then it will become increasingly affirmed in this historical development of humanity, extending into the future as well—a future that will so desperately need it—and then it will become a Night of the Consecration of the World.
