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The Rudolf Steiner Archive

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Nordic and Central European Spiritual Influences
The Feast of the Epiphany
GA 209

31 December 1921, Dornach

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Nordische und mitteleuropäische Geistimpulse, tr. SOL
  1. Nordische und mitteleuropäische Geistimpulse

Silvestervortrag

New Year's Eve Lecture

[ 1 ] Ich denke, an einem Jahreswendetag ist es auch angemessen, über eine Wende in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit zu sprechen, und ich werde heute sprechen gerade über die Wende, die Umwandelung des menschlichen Erkennens überhaupt in der Zeit zwischen dem ältesten Zeitraum, zu dem die Menschheit zunächst geschichtlich zurückblicken kann, und unserer Zeit. Man hat gerade in ältesten Zeiten durchaus das Bewußtsein gehabt, daß eine Erkenntnis über die eigentliche tiefere Wesenheit des Menschen nur zu erlangen ist, wenn im Menschen verborgene Erkenntniskräfte an die Oberfläche gehoben werden. Man hat stets davon gesprochen, daß die äußere Welterfahrung auch nur das Äußere der menschlichen Wesenheit zur Erkenntnis bringen kann. Man hat innerhalb der besonderen Vorgänge in den Mysterien denjenigen Menschen, die solches gesucht haben, die Möglichkeiten geboten, durch sonst in den Untergründen des menschlichen Wesens verborgene Kräfte, solche höheren Erkenntnisse über das eigentliche menschliche Wesen zu erlangen. Man war sich eben durchaus klar darüber gerade in den Zeiten, als eine gewisse instinktive Urweltweisheit gewaltet hat, daß des Menschen wahres Wesen ein anderes ist als dasjenige, was sich innerhalb des Umkreises finden läßt, der vom Menschen erlebt wird im gewöhnlichen Alltagsleben. Man hat daher immer gesprochen von einer Einweihung oder Initiation, durch welche erst dem Menschen zugänglich werden können die tieferen Geheimnisse des Lebens, mit denen das menschliche Wesen zusammenhängt.

[ 1 ] I think that on a day marking the turn of the year, it is also fitting to speak of a turning point in the history of human development, and today I will speak specifically about that turning point—the transformation of human cognition as a whole—during the period between the earliest time to which humanity can historically look back and our own time. Even in the most ancient times, people were fully aware that knowledge of the true, deeper nature of the human being can only be attained when the powers of cognition hidden within the human being are brought to the surface. It has always been said that experience of the external world can reveal only the outer aspects of human nature. Within the specific rituals of the mysteries, those who sought such knowledge were offered the opportunity to attain these higher insights into the true nature of the human being through powers otherwise hidden in the depths of the human being. It was perfectly clear, especially in the times when a certain instinctive, primordial wisdom prevailed, that the true nature of the human being is different from what can be found within the sphere experienced by the human being in ordinary everyday life. That is why people have always spoken of an initiation, through which the deeper mysteries of life—with which the human being is connected—can first become accessible to him.

[ 2 ] Man muß auch heute, und anthroposophische Geisteswissenschaft zeigt das wohl, von einer solchen Initiation oder Einweihung sprechen. Aber man kann sagen: Dem heutigen Menschheitsbewußtsein, das unter ganz bestimmten, stark egoistischen Voraussetzungen herangebildet ist, widerstrebt es, daß wirkliche menschliche Wesenserkenntnis und Weltwesenserkenntnis nur durch solche besonderen Vorbereitungen und Entwickelungen innerhalb der Menschenseele zu finden seien. Der heutige Mensch möchte ohne Anwendung solcher Entwickelungsprinzipien, durch dasjenige, was ihm im gewöhnlichen Leben gegeben ist, über die höchsten Fragen des Daseins entscheiden. Und wenn er das Gefühl bekommt, daß er über solche höchsten Fragen des Daseins mit den gewöhnlichen Erkenntniskräften nicht entscheiden kann, dann behauptet er, daß eben das menschliche Erkenntnisvermögen überhaupt begrenzt ist, und daß es ein Unding wäre, über die gewöhnlichen menschlichen Erkenntnisgrenzen hinauszugehen. Man bringt wohl auch dem Initiations- oder Einweihungsprinzip das Vorurteil entgegen, daß man sagt: Hat denn das, was aus der Wissenschaft der Einweihung heraus zu sagen ist, für diejenigen, die solche Einweihung in ihrer gegenwärtigen Inkarnation noch nicht erringen können, irgendeinen Wert? Wie können solche Menschen sich von der Wahrheit dessen überzeugt halten, was aus einer ganz besonders zubereiteten Erkenntnis herauskommt?

[ 2 ] Even today, as anthroposophical spiritual science clearly shows, we must speak of such an initiation. But one can say: The consciousness of humanity today—which has been shaped under very specific, strongly egoistic conditions—resists the idea that true knowledge of the human being and of the nature of the world can be found only through such special preparations and developments within the human soul. Modern people would like to settle the highest questions of existence without applying such principles of development, relying solely on what is given to them in ordinary life. And when they get the feeling that they cannot resolve such supreme questions of existence with their ordinary powers of cognition, they claim that human cognitive capacity is limited in the first place, and that it would be absurd to go beyond the ordinary limits of human knowledge. One also tends to harbor a prejudice against the principle of initiation, asking: Does what is to be said from the science of initiation have any value at all for those who cannot yet attain such initiation in their present incarnation? How can such people be convinced of the truth of what arises from a very specially prepared form of knowledge?

[ 3 ] Allein, so verhält sich die Sache nicht. Und gerade der letztere Einwand, der ist durchaus so unberechtigt als nur möglich. Denn wie verhält sich eigentlich dasjenige, was an den Menschen herantritt durch die Wissenschaft der Initiation oder Einweihung?

[ 3 ] However, that is not how things actually are. And that last objection, in particular, is as unfounded as can be. For what, exactly, is the nature of that which approaches human beings through the science of initiation?

[ 4 ] Man denke sich, der Mensch begebe sich zunächst in ein dunkles Zimmer. Er unterscheidet, herumgehend, durch sein Gefühl, die Gegenstände durch ihre Formen. Man nehme an, dieses Zimmer werde plötzlich von einer Lampe erhellt, welche irgendwo so angebracht ist, daß sie im Zimmer selbst gar nicht bemerkbar ist. Alle Gegenstände werden anders erscheinen für die gewöhnlichen Fähigkeiten, die derjenige hat, der vorher in dem finsteren Zimmer herumgegangen ist und alles nur betastet hat, und sich dadurch eine Anschauung von den Formen der Gegenstände im dunklen Zimmer verschafft hat. Alle Gegenstände werden nunmehr unter dem Einflusse der Beleuchtung, ohne daß irgend etwas dazugekommen ist, ohne daß irgend etwas jetzt unzugänglich wäre demjenigen, der nun im beleuchteten Zimmer steht, anders, werden ihr Wesen und zugleich das Wesen des Lichtes enthüllen. So braucht der Mensch, wenn an ihn die Initiationswissenschaft herantritt, nichts weiter, als dasjenige — ob er es nun selber in unmittelbarer Art erreichen kann oder nicht — prüfend hinzunehmen, was Initiationswissenschaft gibt, und es so betrachten, daß er sich dasjenige, was er kennt, diejenige Welt, die ihm zugänglich ist, beleuchten läßt durch diese Initiationswissenschaft. Diese Initiationswissenschaft will keineswegs zur Welt etwas anderes hinzubringen, als was diese Welt schon ist. Aber ebensowenig, wie man dasjenige, was in einem finsteren Zimmer ist, in der Finsternis erkennen kann, sogleich aber erkennen kann im Lichte, ebensowenig kann das, was um den Menschen für das gewöhnliche Bewußtsein herum ausgebreitet ist, sein eigenes Wesen enthüllen, wenn es nicht beleuchtet wird durch dasjenige, was aus der Initiationswissenschaft kommt. Der Mensch selbst steht vor dem Menschen in der gewöhnlichen Welt. Der Mensch trägt eine unsterbliche Seele in sich, wie vielleicht das Bild, das an der Wand im finsteren Zimmer hängt, irgend etwas darstellt, was man im finsteren Zimmer nicht sehen kann. Ist das Zimmer beleuchtet, sieht man es sofort. Nicht etwa fügt der Initiierte die unsterbliche Seele zu der Menschenwesenheit hinzu; siewird, wenn die Menschenwesenheit von der Initiationswissenschaft beleuchtet wird, für jeden erschaubar. Und nur eine vorurteilsvolle Wissenschaft kann es sein, die da leugnet, daß die Welt, in der der Mensch unaufhörlich ist im Erdenbewußtsein zwischen Geburt und Tod, daß diese Welt selbst, die durch den gewöhnlichen gesunden Menschenverstand zu erreichen ist, alles das bewahrheitet, was die Initiationswissenschaft sagt.

[ 4 ] Imagine that a person first enters a dark room. As he walks around, he distinguishes objects by their shapes through touch. Suppose this room is suddenly illuminated by a lamp positioned somewhere so that it is not at all noticeable within the room itself. All objects will appear different to the ordinary senses of the person who previously walked around in the dark room, touching everything only by touch, and thereby forming a conception of the shapes of the objects in the dark room. Under the influence of the lighting—without anything having been added, and without anything now being inaccessible to the person standing in the illuminated room—all objects will now appear differently, revealing their essence and, at the same time, the essence of light. Thus, when the science of initiation approaches a person, all that is required is for them—whether or not they can attain it directly on their own—to accept what the science of initiation offers with an open mind and to regard it in such a way that they allow what they know, the world accessible to them, to be illuminated by this science of initiation. This science of initiation in no way seeks to introduce anything into the world other than what this world already is. But just as one cannot perceive what is in a dark room in the darkness, yet can perceive it immediately in the light, so too can that which is spread out around the human being for ordinary consciousness not reveal its own nature unless it is illuminated by what comes from the science of initiation. Humanity itself stands before humanity in the ordinary world. Human beings carry an immortal soul within them, just as perhaps the picture hanging on the wall in a dark room represents something that cannot be seen in the dark room. When the room is lit, one sees it immediately. It is not that the initiate adds the immortal soul to the human being; rather, when the human being is illuminated by the science of initiation, the immortal soul becomes visible to everyone. And only a prejudiced science could deny that the world in which human beings exist ceaselessly in earthly consciousness between birth and death—that this very world, which can be grasped by ordinary common sense—confirms everything that the science of initiation teaches.

[ 5 ] Die Initiationswissenschaft selbst aber hat einen Wandel durchgemacht. Sie war etwas anderes in alten Zeiten der Menschheit, und sie tritt jetzt in einer verwandelten Form wiederum vor den Menschen hin. Zwischen diesen beiden Perioden liegt allerdings eine Weltentwickelung für den Menschen, die etwa im 15. Jahrhundert beginnt, die jetzt ihrem Ende zugeht, und die in bezug auf das geistige Licht, welches die Initiationswissenschaft sein will, dunkel war, finster war, deren Finsternis aber auch tief begründet ist im Wesen der ganzen Erden- und Menschheitsentwickelung. Wenn wir zurückschauen in ältere Zeiten, von denen sich dann noch Traditionen erhalten haben in die nachchristliche Zeit herein, die aber auch verglommen sind im 15. Jahrhundert, die unverständlich geworden sind in diesem Zeitabschnitte, wenn wir zurückschauen in alte Zeiten, so finden wir, daß der Mensch, wenn er mit seinen instinktiven Erkenntniskräften in die Welt hinaussah, nicht bloß dasjenige sah, was heute von dem Menschen für seine sinnliche Wahrnehmung und für seinen Verstand gesehen werden kann. Der Mensch sah überall in den Sinnesdingen zugleich Geistiges, und zwar nicht Abstrakt-Geistiges, er sah Konkret-Geistiges, er sah wirkliche geistige Wesenheiten. Noch in der alten Griechenzeit sah der Mensch solche konkreten geistigen Wesenheiten. Und man kann es bis in die Umwandlung der Sinnesanschauung selbst verfolgen, wie das war, daß der Mensch solche geistigen Wesenheiten schauen konnte. Man meint heute, dieser Sinnesteppich, der sich vor uns ausbreitet, wäre immer so gewesen, wie er eben heute ist. Schon die äußere Wissenschaft kann dem Menschen zeigen, daß das nicht so der Fall ist.

[ 5 ] The science of initiation itself, however, has undergone a transformation. It was something different in the ancient times of humanity, and it now presents itself to people once again in a transformed form. Between these two periods, however, lies a phase of human development—beginning around the 15th century and now drawing to a close—that was dark and gloomy in relation to the spiritual light that the science of initiation seeks to be; yet this darkness is also deeply rooted in the very nature of the entire development of the Earth and humanity. When we look back to earlier times—traditions of which were still preserved into the post-Christian era but which also faded away in the 15th century and became incomprehensible during that period—when we look back to ancient times, we find that when human beings looked out into the world with their instinctive powers of perception, they saw not merely what can be seen today by human beings through their sensory perception and intellect. Human beings saw the spiritual everywhere in sensory objects—and not merely the abstract spiritual, but the concrete spiritual; they saw real spiritual beings. Even in ancient Greece, people saw such concrete spiritual beings. And one can trace this all the way back to the transformation of sensory perception itself to understand how it was that people were able to perceive such spiritual beings. Today, people believe that this tapestry of sensory impressions unfolding before us has always been exactly as it is today. Even the natural sciences can show people that this is not the case.

[ 6 ] Die Griechen zum Beispiel haben den blauen Himmel nicht so blau gesehen, wie wir ihn heute sehen. Die Griechen haben von dieser Bläue des Himmels keinen Begriff gehabt. Für sie war er abgeschattet. Dafür haben sie die sogenannten hellen Farben eben noch lebendiger, noch heller gesehen, als wir sie sehen. Das kann schon aus der Literatur entnommen werden. Für eine Sinnesanschauung aber, für welche es so ist, liegt das Geistige unmittelbar über dem Sinnesteppich selber ausgebreitet. Erst, ich möchte sagen, die Blaufärbung der Welt, die Blautingierung läßt das äußere Geistige zurücktreten. Und in derselben Zeit, in der das instinktive Bewußtsein der Menschen draußen überall ein Elementarstes wahrnahm, nahm der Mensch auch in seinem Inneren ein Elementar-Geistiges-Seelisches wahr.

[ 6 ] The Greeks, for example, did not see the blue sky as blue as we see it today. The Greeks had no concept of this blueness of the sky. To them, it was shaded. Instead, they saw the so-called light colors even more vividly, even more brightly, than we do. This can be gleaned from the literature. But in a sensory perception of this kind, the spiritual lies spread out directly over the tapestry of the senses itself. I would say that it is precisely the blue coloring of the world—the blue tint—that causes the outer spiritual to recede. And at the same time that people’s instinctive consciousness perceived the most elemental things everywhere in the outside world, human beings also perceived an elemental spiritual-psychic reality within themselves.

[ 7 ] Wir sprechen heute vom Gewissen, das uns dies oder jenes sagt. Der Grieche sprach von den Erinnyen. Das war nur in einem besonders eklatanten Fall, daß der Grieche sich bewußt wurde, daß etwas wie geistig-elementare Mächte wie etwas Objektives an ihn herankommen. Aber in älteren Zeiten hat man bei allem, wovon wir heute annehmen, daß es einfach aus der menschlichen Wesenheit herauskommt, empfunden, daß es bewirkt wird wie durch eine fremde geistige Macht, die an den Menschen herantritt. Es darf das, was in der einen Zeit der Menschheitsentwickelung durchaus das Normale ist, in einer andern Zeit nicht in der gleichen Weise auftreten. Wenn der Mensch heute in derselben Weise sich der moralischen Stimme bewußt würde, wie es noch in der älteren Zeit der griechischen Entwickelung, in der Zeit, als noch Äschylos dichtete, der Fall war, so würde das heute eine Seelenkrankheit bedeuten, und man würde wohl mit einem vielleicht heute nicht mehr als ganz richtig empfundenen Ausdrucke sagen: Dieser Mensch ist von einer fremden Macht besessen. Diese Besessenheit war in der älteren griechischen Zeit durchaus das Normale. Heute müssen wir dasselbe, was dazumal als von einer fremden Macht herrührend empfunden wurde, als aus uns selbst kommend, als aus unserem Gewissen stammend empfinden.

[ 7 ] Today we speak of the conscience that tells us this or that. The Greeks spoke of the Erinyes. It was only in particularly striking cases that the Greeks became aware that something like spiritual-elemental forces approached them as something objective. But in earlier times, people perceived everything that we today assume simply arises from the human being itself as being brought about by a foreign spiritual power approaching the human being. What is entirely normal in one period of human development need not manifest in the same way in another period. If a person today were to become aware of the moral voice in the same way as was the case in the earlier period of Greek development—the time when Aeschylus was still writing—it would today be regarded as a mental illness, and one would likely say, using an expression that may no longer be considered entirely accurate today: “This person is possessed by a foreign power.” In ancient Greece, this “possession” was entirely normal. Today, we must perceive the very same thing that was once felt to originate from a foreign power as coming from within ourselves, as stemming from our conscience.

[ 8 ] Wenn dann der Mensch, der aus seinem instinktiven Bewußtsein heraus die Anschauung hatte, daß da in der äußeren Welt geistig-elementare Wesen wirken, der auch die Anschauung hatte, daß in seinem Inneren geistig-elementare Wesen wirken, in die Mysterienschülerschaft aufgenommen worden ist, dann wurden ihm diese elementaren geistigen Wesenheiten gewissermaßen von höheren geistigen Wesenheiten durch eine neue Erkenntnis beleuchtet. Mit dem instinktiven Bewußtsein nahm man Naturgeister und gewisse dämonische Mächte wahr, die in der menschlichen Natur wirken. Durch die Initiation stieg man tiefer in die Natur hinein, stieg man tiefer in das eigene menschliche Wesen hinein. Und das besonders Bedeutungsvolle, das im höchsten Maße Wichtige bei jemandem, der die erste Stufe der Initiation in alten Zeiten durchmachte, war, daß er gerade durch die Initiation aufhörte, innerhalb der äußeren Natur die Elementargeister, und innerhalb des eigenen Wesens das Dämonische wahrzunehmen. Man kann sagen: Was uns heute ein Gewöhnliches ist, was wir als unsere natürliche Außen- und Innenschau mit uns herumtragen, das mußte der alte Mysterienschüler erst erwerben. So schreitet die Menschheit vorwärts, daß gewisse Dinge, die später natürliche sind, in früheren Zeiten angeeignet werden mußten durch die Initiationswissenschaft. Und dann, wenn der Mensch durch die Initiation zu einer Natur- und Menschenanschauung gekommen war, die eben für die damalige Zeit nur für den Mysterienschüler da war,dann drang er auf seine Art zu den geistigen Wesen vor, die sowohl das Innere des Menschen wie auch das Wesen der äußeren Natur dirigieren. Deshalb drückte man das für das ältere Initiationsprinzip so aus, daß man sagte: Man stieg von der gewöhnlichen Lebensauffassung zu den Elementen Erde, Wasser, Feuer, Luft auf. In der gewöhnlichen Anschauung hatte man eigentlich Elementar-Luft-Geistiges, ElementarFeuer-Geistiges, Elementar-Wasser-Geistiges, Elementar-Erd-Geistiges. Rein nahm man eigentlich Erde, Wasser, Feuer, Luft erst wahr durch die erste Stufe der Initiationswissenschaft.

[ 8 ] When a person—who, based on his instinctive consciousness, held the view that spiritual-elemental beings are at work in the outer world, and who also held the view that spiritual-elemental beings are at work within him—was admitted into the school of the Mysteries, these spiritual-elemental beings were, so to speak, illuminated for him by higher spiritual beings through a new insight. Through instinctive consciousness, one perceived nature spirits and certain demonic forces at work within human nature. Through initiation, one delved deeper into nature and deeper into one’s own human being. And what was particularly significant—what was of the utmost importance—for someone who underwent the first stage of initiation in ancient times was that, precisely through initiation, they ceased to perceive the elemental spirits within the external natural world and the demonic within their own being. One might say: What is commonplace to us today—what we carry with us as our natural perception of the external and internal worlds—the ancient mystery student first had to acquire. Thus humanity progresses in such a way that certain things, which later become natural, had to be acquired in earlier times through the science of initiation. And then, once a person had arrived through initiation at a view of nature and humanity that, at that time, was accessible only to the mystery student, he would, in his own way, penetrate to the spiritual beings who govern both the inner life of the human being and the essence of external nature. That is why the older principle of initiation was expressed as follows: One ascended from the ordinary view of life to the elements earth, water, fire, and air. In the ordinary view, one actually had elemental-air-spiritual, elemental-fire-spiritual, elemental-water-spiritual, and elemental-earth-spiritual. In a pure sense, one actually perceived earth, water, fire, and air only through the first stage of the science of initiation.

[ 9 ] Das ist nun das Wesentliche, daß im Menschheitsfortschritt an die Stelle dieses Schauens von geistig-seelischen Elementarwesenheiten in der Außenwelt und auch im Inneren des Menschen das getreten ist, was wir heute die entseelte Natur nennen können, was wir, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, den bei der Innenschau durchsichtigen Menschen nennen können. Wenn wir heute nach dem Innerenblicken, erblikken wir nur die Reminiszenzen an die äußere Welt in Form der Erinnerungsvorstellungen. Alles übrige bleibt dem Menschen so unsichtbar, wie ein völlig durchsichtiger Körper unsichtbar bleibt. Schaute der alte Mensch in sein Inneres hinein, dann war ihm dieses nicht so geistig durchsichtig. Er sah eben geistig-seelische Wesenheiten in seinem Inneren.

[ 9 ] This is the essential point: that in the course of human progress, the perception of spiritual and soul elemental beings in the external world and also within the human being has been replaced by what we can today call “disembodied nature”—or, if I may use the expression, what we can call the “transparent human being” as perceived through inner contemplation. When we look inward today, we see only the echoes of the external world in the form of memories. Everything else remains as invisible to the human being as a completely transparent body remains invisible. When the human being of old looked into his inner being, it was not spiritually transparent to him. He actually saw spiritual-soul beings within himself.

[ 10 ] Wenn das so geblieben wäre, hätte der Mensch niemals das volle Bewußtsein der Freiheit erringen können. Denn das volle Bewußtsein der Freiheit dringt in die Summe der menschlichen Geistes- und Seelenkräfte eben erst seit derjenigen Zeit ein, seit die alte instinktive Geistesanschauung zurückgegangen ist. Innerhalb der Welt der Geister herrscht Notwendigkeit. Da ist das Handeln der geistigen Wesenheiten, da bestimmt den Verlauf der Ereignisse dasjenige, was aus der Betätigung dieser geistigen Wesenheiten hervorgeht. Da ist man, wenn man in dieser Welt der geistigen Wesenheiten drinnensteht mit seiner Seele, einverwoben in ein Reich der Notwendigkeit. Da hat man nur die Sehnsucht, die Absichten, die Gedanken der geistigen Wesenheiten, in deren Bereich man einverwoben ist, zu erforschen und dasjenige auszuführen, was im Sinne der Absichten und Impulse dieser geistigen Wesenheiten ist. Da hat man nicht die Absicht, seine eigenen Impulse zu verwirklichen. Da ist gar kein Anlaß zur Freiheit. Erst wenn man der entseelten Natur gegenübertritt, wenn man in der Natur nicht dieSpuren geistiger Wesenheiten findet, dann kommt man gegenüber der Außenwelt zu einer Erkenntnis, die keine Realität mehr enthält, die nur die Gedankenbilder enthält. Und Gedankenbilder ist alles, was uns seit dem 15. Jahrhundert die neuere Erkenntnis überliefert.

[ 10 ] If things had remained that way, human beings would never have been able to attain full consciousness of freedom. For full consciousness of freedom has only begun to permeate the totality of human mental and soul powers since the time when the old, instinctive view of the spirit began to wane. Necessity reigns within the world of spirits. There, spiritual beings act, and the course of events is determined by what arises from the activity of these spiritual beings. When one stands with one’s soul within this world of spiritual beings, one is interwoven into a realm of necessity. There, one has only the longing to explore the intentions and thoughts of the spiritual beings within whose realm one is interwoven, and to carry out what is in accordance with the intentions and impulses of these spiritual beings. There, one has no intention of realizing one’s own impulses. There is no cause for freedom at all. Only when one confronts soulless nature—when one finds no traces of spiritual beings in nature—does one arrive at a perception of the external world that no longer contains any reality, but only mental images. And mental images are all that modern knowledge has handed down to us since the 15th century.

[ 11 ] Und ebensowenig wie Spiegelbilder irgend etwas Zwingendes für uns haben, ebensowenig wie zum Beispiel das Spiegelbild eines Menschen, der hinter mir steht und den ich dann nicht sehe, mich prügeln kann, ebensowenig können Gedanken irgendwelche reale Betätigung, reale Kräfte zeigen. Die Gedanken, die wir in uns tragen — und die Menschheit ist zum Fassen solcher reiner Bildgedanken, die realitätsfrei sind, eben erst im Laufe ihrer Entwickelung, und zwar erst vom 15. Jahrhundert an gekommen —, diese Gedankenbilder können also nicht irgendeinen Zwang, nicht irgendeine Bestimmung auf den Menschen ausüben. Indem sie den Menschen in seiner Erkenntnis durchdringen, muß er sich nicht darnach richten. Wie mich ein Spiegelbild nicht stoßen kann, so kann mich ein Gedanke nicht bestimmen. Wie ich aber durch den Anblick eines Spiegelbildes aus mir selbst heraus mich zu etwas bestimmen kann, so können auch die reinen Bildgedanken mich bestimmen. Daher ist jenes reine Denken, das im Grunde genommen ein Gut der Menschheit erst seit dem 15. Jahrhundert geworden ist, die Grundlage für das menschliche Erleben der Freiheit. Das ist es, was ich in meiner «Philosophie der Freiheit» im Beginne der neunziger Jahre auseinandersetzen wollte, daß das reine Denken die Grundlage der Freiheit ist. Und Geisteswissenschaft zeigt, welche Stellung dieses reine Denken in der Gesamtentwickelung, in der Gesamtwesenheit des Menschen hat, wie dieses reine Denken hereingetreten ist in das geschichtliche Werden der Menschheit. Dieser Impuls der Freiheit ist einmal, seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, in die Menschheit eingetreten. Er ist nun da. Er mußte errungen werden durch die Anschauung einer entseelten Natur, einer geistfreien menschlichen Innerlichkeit. Er mußte errungen werden in einer Zeit, in der nur in den traditionellen Religionsbekenntnissen und in den traditionellen philosophischen Weltanschauungen, die nichts mehr unmittelbar Erlebtes darbieten, von übersinnlichen Welten gesprochen wurde. Würde der Mensch länger verharren in dieser Anschauung der entseelten Natur, der geistfreien menschlichen Eigenwesenheit, er würde seinen Zusammenhang mit seinem eigenen Ursprung verlieren müssen.

[ 11 ] Just as mirror images have no binding power over us—just as, for example, the mirror image of a person standing behind me, whom I cannot see, cannot strike me—so, too, thoughts cannot manifest any real action or real forces. The thoughts we carry within us—and humanity has only recently, in the course of its development, and specifically only from the 15th century onward, become capable of grasping such pure, imaginal thoughts that are free of reality—these mental images cannot, therefore, exert any compulsion or determine human beings in any way. Even as they permeate a person’s understanding, the person is not compelled to act in accordance with them. Just as a mirror image cannot push me, so a thought cannot determine me. But just as I can, through the sight of a mirror image, determine myself to do something from within myself, so too can pure mental images determine me. Therefore, that pure thinking—which, strictly speaking, has only become a benefit to humanity since the fifteenth century—is the foundation for the human experience of freedom. This is what I sought to explore in my Philosophy of Spiritual Activity in the early 1890s: that pure thinking is the foundation of freedom. And spiritual science shows the place this pure thinking occupies in the overall development, in the total being of the human being, and how this pure thinking has entered into the historical evolution of humanity. This impulse of freedom first entered humanity in the mid-15th century. It is now here. It had to be won through the perception of a disembodied nature, of a spiritless human inner life. It had to be achieved at a time when supernatural worlds were spoken of only in traditional religious creeds and traditional philosophical worldviews, which no longer offered anything directly experienced. If humanity were to remain any longer in this view of a soulless nature and a spiritless human inner being, it would inevitably lose its connection to its own origin.

[ 12 ] Die Zeit ist erfüllt, und kommen müssen die Tage, in denen die Menschen ihre Aufmerksamkeit wiederum hinlenken zu ihrem geistigseelischen Ursprung, das heißt, daß sie wiederum gewahr werden, wie in der Welt, in der sie sich befinden, nicht nur eine seelenlose Natur ist, und der Mensch nicht nur etwa teilnimmt an einer seelenlosen Natur, sondern wie der Mensch in einer Welt lebt, die erfüllt ist von konkreten geistigen Wesenheiten. Mit dem errungenen Bewußtsein der Freiheit kann der Mensch wiederum in die Welt der Notwendigkeit untertauchen. Denn er wird dann innerhalb dieser Welt gerade das zur Freiheit berufene Wesen sein, indem er in seinen physischen Verkörperungen einmal den Zustand durchgemacht hat, in dem er sich selbst mit seinem physischen Leibe überlassen war. Wir können aber daran gehen, den göttlichen Ursprung der Gewissensstimme wieder zu erforschen, nachdem wir das Verantwortlichkeitsgefühl unter dem Einflusse des Freiheitsbewußtseins durch jene Zeit hindurch gelernt haben, in der das Gewissen dem Menschen nur als eine innere Stimme, das heißt, im Bilde erschien. Die Menschheitsentwickelung ist nicht dazu dagewesen, daß, wie so manches hochmütige moderne Gemüt meint, die Menschen die längste Zeit im Zustande einer kindhaften Erfassung der Außenwelt hätten verharren müssen, und jetzt sie es endlich so weit gebracht hätten, daß alles, was an Erkenntnis da ist, selbst mit seinen Grenzen, so bleiben müsse, wie es ist. Nein, so ist es nicht. Der Mensch, der unbefangenen Sinnes in die Menschheitsentwickelung hineinschaut, der findet, daß diese Menschheitsentwickelung von Etappe zu Etappe vorgeschritten ist, daß auch diejenige Art von Erkenntnis, die wir gegenwärtig haben, eine Etappe darstellt, und daß der Mensch in zukünftigen Zeiten der Natur anders gegenüberstehen wird, als er ihr heute gegenübersteht.

[ 12 ] The time is fulfilled, and the days must come when people will once again turn their attention to their spiritual-soul origin—that is, when they will once again become aware that the world in which they find themselves is not merely a soulless nature, and that human beings do not merely participate in a soulless nature, but rather that they live in a world filled with concrete spiritual beings. With this newly attained awareness of freedom, human beings can once again immerse themselves in the world of necessity. For within this world, they will then be precisely the beings called to freedom, having once, in their physical incarnations, passed through the state in which they were left to themselves with their physical bodies. We can, however, set out to explore once more the divine origin of the voice of conscience, now that we have learned a sense of responsibility under the influence of the consciousness of freedom throughout that period in which conscience appeared to human beings only as an inner voice—that is, as an image. Human development was not intended—as many a haughty modern mind believes—so that human beings would have had to remain for the longest time in a state of childlike perception of the external world, and now that they have finally reached the point where all existing knowledge, even with its limitations, must remain as it is. No, that is not the case. Anyone who looks at human development with an open mind will find that this development has progressed from stage to stage, that even the kind of knowledge we currently possess represents a stage, and that in the future, humanity will relate to nature differently than it does today.

[ 13 ] Wie wir heute zurückblicken zu Thales, und wenn wir hochmütig sind, sagen: Thales hat in kindischer Weise im Wasser den Ursprung von allem gesucht; wir wissen das heute besser — und mancher glaubt eben dann in diesem Hochmut, wir wissen es heute aus unseren Ergebnissen im chemischen Laboratorium so, wie man es immer wird wissen müssen— wenn man auf diesem hochmütigen Standpunkt steht, so könnte man eigentlich gewärtig sein, daß einmal Menschen in zukünftigen Jahrhunderten, wenn sie dieselben Gesinnungen haben, auf uns zurückblicken und sagen würden: Was haben diese Menschen des 20. Jahrhunderts noch für kindische Vorstellungen gehabt aus ihren Laboratorien, aus ihren physikalischen Kabinetten heraus! — Aber es ist eben nicht so. Diese Vorstellungen, die dem heutigen hochmütigen Menschen so kindhaft vorkommen, von denen er glaubt, daß er sie höchstens noch historisch zu berücksichtigen hat, stellen wichtige Entwickelungsimpulse dar, welche die Menschheit ebenso einmal durchmachen mußte, wie sie den heutigen Entwickelungsimpuls durchmachen mußte. Und wie die Menschheit hinausgeschritten ist über Thales, so wird sie hinausschreiten über Lavoisier, wird sie hinausschreiten über Newton, wird sie hinausschreiten über dasjenige, was heute als das Maßgebende angesehen wird, selbst über Einstein. Die Welt muß durchaus auch in geistig-seelischer Beziehung in Fluß gedacht werden, und der Mensch muß sich in diesem lebendigen Flusse drinnen denken.

[ 13 ] Just as we look back today on Thales, and—if we are arrogant—say: Thales childishly sought the origin of everything in water; we know better today—and some, in this very arrogance, believe that we know it today from our findings in the chemistry laboratory, just as one will always have to know it—if one takes this arrogant standpoint, one might actually expect that someday, in future centuries, people with the same mindset might look back on us and say: “What childish notions these people of the 20th century still had, coming from their laboratories, from their physics labs!” — But that is simply not the case. These ideas, which seem so childish to today’s arrogant people—and which they believe they need to consider, at most, only from a historical perspective—represent important developmental impulses that humanity had to go through just as it had to go through today’s developmental impulse. And just as humanity has moved beyond Thales, so will it move beyond Lavoisier, beyond Newton, beyond what is regarded today as authoritative—even beyond Einstein. The world must certainly be conceived as a flowing process in spiritual and psychological terms as well, and human beings must conceive of themselves as part of this living flow.

[ 14 ] Aber das bleibt bestehen, daß im äußeren Offenbaren zunächst nicht dasjenige liegt, was den Menschen zu seinem eigenen Ursprunge hinführt, sondern daß zu allen Zeiten das Heraufheben verborgener Kräfte im Menschen notwendig ist, um zu der Welt des Menschenursprunges den Weg hinzufinden. Wenn wir heute einfach in die äußere Natur mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, mit dem gewöhnlichen Sinnesvermögen hinausschauen, so finden wir nicht ohne weiteres elementarische Wesenheiten, und indem wir in das eigene Innere hineinschauen, finden wir nicht ohne weiteres dämonische Wesenheiten. Wir finden draußen die Naturgesetze, innerlich so etwas wie das Gewissen und dergleichen. Aber wenn wir dasjenige, was wir an Begriffsvermögen, an Denkvermögen gegen die Außenwelt hin entwickeln können, wirklich entwickeln, wenn wir das Denkvermögen so weit bringen, daß es lebendig wirkt, wie sonst nur die sinnlichen Wahrnehmungen lebendig wirken, dann finden wir die Möglichkeit, wiederum in der äußeren Natur geistige Wesenheit wahrzunehmen.

[ 14 ] But the fact remains that external revelation does not, at first, contain what leads human beings to their own origin; rather, at all times, it is necessary to draw upon hidden forces within the human being in order to find the path to the world of human origins. If we simply look out into the external natural world today with our ordinary consciousness and ordinary sensory faculties, we do not readily encounter elemental beings; and when we look within ourselves, we do not readily encounter demonic beings. Outwardly, we find the laws of nature; inwardly, we find something like conscience and the like. But if we truly develop the capacity for conceptual thought and reasoning that we can direct toward the external world—if we bring our thinking to the point where it acts with the same vitality that sensory perceptions otherwise possess—then we find the possibility of perceiving spiritual beings in the external world once again.

[ 15 ] Was für ein altes, instinktives Bewußtsein in einer Weise vorhanden war, wiewir es nicht mehr brauchen können, das wird für uns wiederum sichtbar, übersinnlich sichtbar, indem wir unser Denken verdichten. Mit dem dünngewordenen, bildhaft gewordenen Denken dringen wir nicht mehr bis zum Geist der Natur. Wenn wir aber das Denken verdichten, wenn wir es stark machen, wie sonst die Sinneskräfte sind, dann dringen wir durch den äußeren Sinnesteppich hindurch zu dem, was als Geistigkeit der äußeren Welt zugrunde liegt, und wir kommen über die für das gewöhnliche Bewußtsein mit Recht angenommenen Erkenntnisgrenzen hinaus. Und die Selbsterziehung müssen wir so weit treiben, daß wir gewissermaßen uns selbst in unseren Willensimpulsen anschauen lernen, wie wir einen andern Menschen anschauen. Und wenn wir nicht nur uns anschauen lernen, sondern wenn wir aus dem Bewußtsein heraus Willensimpulse so gestalten können, wie sich sonst nur passiv im Leben diese Willensimpulse gestalten, wenn wir mit andern Worten nicht bloß aus einer inneren Notwendigkeit, sondern aus Einsicht in die Welt, die zur Liebe sich verdichtet, zur Liebe zu diesem oder jenem Impuls, den uns nicht nur unsere Freiheit, den uns die Weltenordnung, die weisheitsvolle Weltenordnung aufgibt, wenn wir in dieser Weise uns zu Vollziehern der in der Welt für die Weltorientierung notwendigen Impulse machen, dann verdichtet sich unsere Liebe in unserem Inneren. Wir erlangen eine liebevolle Hingabe zu rein geistigen Impulsen. Und wenn diese die nötige Ausbildung erfahren hat, dann finden wir auch wiederum das Geistige im Inneren, dann finden wir den Zusammenklang zwischen dem Geistigen in der äußeren Natur und dem Geistigen im Inneren. Denn überall, wo das Suchen nach dem Geiste genügend weit getrieben worden ist, kam man zu denselben Resultaten. Wenn die Initiierten der alten Mysterien nach außen gesucht haben und, wie sie sagten, die oberen Götter fanden, dann wendeten sie den Blick zurück in das menschliche Innere, und sie fanden da, wie sie sagten, die unteren Götter. Aber zuletzt kamen sie auf einer Entwickelungsetappe an, wo die Welt der oberen Götter und die Welt der unteren Götter eine war, wo das Oben das Unten und das Unten das Oben wurde, wo es auf diese doch nur vom Räumlichen herkommenden Bestimmungen nicht mehr ankam.

[ 15 ] What kind of ancient, instinctive consciousness once existed in a way that we can no longer make use of becomes visible to us once again—supernaturally visible—as we intensify our thinking. With thinking that has become thin and pictorial, we no longer penetrate to the spirit of nature. But when we intensify our thinking, when we make it strong, just as the sensory faculties are, then we penetrate through the outer tapestry of the senses to what underlies the outer world as spirituality, and we go beyond the limits of knowledge that are rightly assumed by ordinary consciousness. And we must pursue self-education to the point where we learn, as it were, to observe ourselves in our impulses of will just as we observe another human being. And when we not only learn to observe ourselves, but when we can shape impulses of will out of consciousness in the way these impulses of will otherwise take shape only passively in life—in other words, when we act not merely out of an inner necessity, but out of an insight into the world that crystallizes into love, into love for this or that impulse—which is given to us not only by our freedom but also by the world order, the wise world order—when we make ourselves, in this way, the agents of the impulses necessary for orientation in the world, then our love condenses within us. We attain a loving devotion to purely spiritual impulses. And once these have undergone the necessary development, we then also find the spiritual within ourselves; we find the harmony between the spiritual in external nature and the spiritual within. For wherever the search for the spirit has been pursued far enough, the same results have been reached. When the initiates of the ancient mysteries sought outward and, as they said, found the higher gods, they then turned their gaze back into the human inner being, and there they found, as they said, the lower gods. But ultimately they reached a stage of development where the world of the upper gods and the world of the lower gods were one, where the above became the below and the below became the above, where these distinctions—which stemmed only from spatial considerations—no longer mattered.

[ 16 ] So ist es auch für die neuere Initiation, für die neuere Einweihung. Wir dringen hinein in das Geistig-Seelische der Natur. Es enthüllt sich uns nicht eine Welt von Atomen mit ihrem Stoßen, sondern es enthüllen sich uns die geistigen Mächte geistiger Wesenheiten hinter der Sinneswahrnehmung, und es enthüllen sich uns bei der Innenschau, jenseits der Erinnerungsgrenzen, die geistig-seelischen Wesenheiten im menschlichen Inneren. Aber die beiden Welten, die äußere Welt der Geistigkeit und die innere Welt der Geistigkeit, sie fließen zuletzt in eine zusammen. Wir können geradezu bildhaft schon auf diese eine geistige Welt hinblicken. Nehmen Sie den Menschen mit seinem gewöhnlichen Bewußtsein. Er blickt in die äußere Natur hinaus. Er nimmt wahr Farbe, Licht, er lenkt die andern Sinne in die äußere Natur hinaus. Er nimmt Töne, Wärmedifferenzen, andere Sinnesqualitäten in der äußeren Natur wahr. Er blickt dann auf seinen eigenen Leib. Er nimmt in seinen Sinnesqualitäten seinen eigenen Leib wahr. Er blickt die Natur an; sie offenbart sich ihm in Sinnesqualitäten. Er blickt den eigenen Leib an; er offenbart sich in Sinnesqualitäten. Beginnt der Mensch seinen Willen in Bewegung zu setzen, schreitet er durch die Welt, dann wird er gewahr, daß diese Willenskraft in die Bewegungen seines Auges hineinwirkt, daß in das Wesen seines Auges schon für die Sinnesempfindung dasselbe hineinfließt, was die Bewegungen seiner Beine lenkt. Wenn der Mensch schon äußerlich tief genug untertaucht in das Sinnliche, so wird er dasselbe gewahr, was er in Beziehung bringt durch die Außerungen seines Willens mit der äußeren Welt. Es fließt ihm schon die Sinneswelt in eine einheitliche Welt zusammen. Dieses einheitliche Zusammenfließen der Sinneswelt, es ist ein oberflächliches, aber doch eben ein Abbild des Zusammenfließens der Welt der äußeren Geistigkeit und der inneren Geistigkeit. Durch das Auffinden dieser beiden Welten, die eine einzige Welt sind, wird der Mensch wieder seines geistig-seelischen Ursprungs gewahr. Und so stehen wir heute wie am Abschluß einer alten Zeit, die uns für frühere Epochen ein Hineinschauen der Menschheit in geistige Welten aufweist, ein Hineinschauen, indem der Mensch nach außen in die Natur blickt, ein Hineinschauen, wenn der Mensch in sich selber blickt. Dann kam ein Zeitraum, wo es finster wurde, wo gerade im Reiche des Finsteren die größten Triumphe gefeiert wurden ohne Initiationswissenschaft.

[ 16 ] The same is true of the newer initiation. We penetrate into the spiritual-soul aspect of nature. It is not a world of atoms and their collisions that reveals itself to us, but rather the spiritual forces of spiritual beings behind sensory perception; and through inner contemplation, beyond the limits of memory, the spiritual-soul beings within the human being reveal themselves to us. But these two worlds—the outer world of spirituality and the inner world of spirituality—ultimately merge into one. We can already look toward this one spiritual world in a truly vivid way. Consider the human being with his ordinary consciousness. He looks out into the outer world of nature. He perceives color and light; he directs his other senses outward toward the natural world. He perceives sounds, differences in temperature, and other sensory qualities in the external natural world. He then looks at his own body. He perceives his own body through sensory qualities. He looks at nature; it reveals itself to him through sensory qualities. He looks at his own body; it reveals itself through sensory qualities. When a person begins to set their will in motion, when they walk through the world, they become aware that this force of will acts into the movements of their eyes, that the very same force that directs the movements of their legs already flows into the very essence of their eyes for the purpose of sensory perception. When a person has already immersed themselves deeply enough in the sensory realm, they become aware of the very same thing that they relate to the external world through the expressions of their will. The sensory world is already merging into a unified whole for him. This unified merging of the sensory world is a superficial, yet nonetheless a reflection of the merging of the world of outer spirituality and inner spirituality. By discovering these two worlds—which are one and the same—human beings become aware once more of their spiritual-soul origin. And so today we stand, as it were, at the end of an ancient era that reveals to us how, in earlier epochs, humanity gazed into spiritual worlds—a gaze in which the human being looks outward into nature, and a gaze in which the human being looks within themselves. Then came a period when darkness fell, when the greatest triumphs were celebrated precisely in the realm of darkness, without the science of initiation.

[ 17 ] Aber das Weltenjahr ist vollendet, Weltensilvester ist da. Es muß ein neues Weltenjahr beginnen. Wir konnten das bei der Weihenacht sagen, wir möchten auch ein solches symbolisches Fest, wie es in diesem Augenblicke an unsherannaht, in derselben Weise empfinden, wir möchten symbolisiert empfinden durch ein solches Fest die Zeitenwende, die wir heute schon spüren müssen als eine Welten-Zeitenwende. Es sind die Zeiten ernst geworden, so ernst geworden, daß wir wohl heute hinaufblicken müssen von dem engbegrenzten Geschehen innerhalb des Horizontes, den heute der größte Teil der Menschheit als den einzig berechtigten anerkennen möchte, zu den Weltenweiten, auch zu den Weltenweiten des menschlich seelisch-geistigen Erlebens. Da aber erleben wir Welten-Zeitenwende. Werden wir uns bewußt dieser WeltenZeitenwende, werden wir uns klar darüber, daß ein Weltenneujahr des Geistes für die Menschheit beginnen muß. Lernen wir solches erkennen, dann können wir allein in unserer jetzigen Zeitepoche wahres Menschentum empfinden. Denn wahres Menschentum empfindet sich nur dann, wenn der Mensch, der durch wiederholte Erdenleben geht, in jedem einzelnen Erdenleben die Möglichkeit findet, sich nicht nur im allgemeinen als Mensch zu fühlen, sondern als Mensch mit bestimmten Aufgaben, in dem bestimmten Zeitraum, in den eines seiner Erdenleben hineinfällt.

[ 17 ] But the World Year has come to an end; World New Year’s Eve is here. A new World Year must begin. We were able to say this on Christmas Eve; we would also like to experience this symbolic festival—which is now approaching us—in the same way; we would like to experience, through such a festival, the turning of the ages, which we must already sense today as a world-historical turning point. Times have grown serious—so serious, in fact, that today we must look up from the narrowly confined events within the horizon—which most of humanity today would like to recognize as the only legitimate one—toward the vastness of the worlds, including the vastness of human soul-spiritual experience. And there we experience a world-historical turning point. If we become aware of this cosmic turning point, if we realize that a new cosmic year of the spirit must begin for humanity, If we learn to recognize this, then we alone can experience true humanity in our present epoch. For true humanity is experienced only when the human being, passing through repeated earthly lives, finds in each individual earthly life the opportunity to feel not merely as a human being in general, but as a human being with specific tasks, within the specific time period into which one of his earthly lives falls.

[ 18 ] Der Mensch kann mit der Ewigkeit nur leben, wenn er die Möglichkeit findet, in der rechten Weise in der Zeit zu leben. Denn für den Menschen soll sich in der Zeit das Ewige nicht nur offenbaren, sondern durch den Menschen, durch die Zeit soll sich für den Menschen das Ewige erleben lassen. Das Ewige waltet in zeitloser Dauer, waltet in zeitloser Dauer auch durch das Menschenwesen hindurch. Aber seine Pulsschläge sind die Geschehnisse der einzelnen Epochen, wie sie hereinschlagen in das menschliche Erleben. Nur indem wir diese Pulsschläge erleben und sie vereinigen können zum umfassenden Rhythmus, erleben wir durch die Zeit das Ewige. Die Dauer gehört unserem wahren Menschenwesen an. Die Dauer können wir nur erleben, wenn wir liebevoll und mit Kraft die einzelnen Pulsschläge des ewigen Weltenwesens zu unserem eigenen Erlebnis werden lassen.

[ 18 ] Human beings can live with eternity only if they find a way to live in time in the right manner. For human beings, the eternal should not only reveal itself in time, but through human beings and through time, the eternal should become an experience for them. The eternal reigns in timeless duration; it also reigns in timeless duration through the human being. But its heartbeats are the events of the individual epochs, as they strike into human experience. Only by experiencing these heartbeats and uniting them into a comprehensive rhythm can we experience the eternal through time. Duration belongs to our true human nature. We can experience duration only when we lovingly and powerfully allow the individual heartbeats of the eternal world-being to become our own experience.

[ 19 ] Das wollte ich auf Ihre Herzen, auf Ihre Seelen heute an der Jahreswende legen. Möge uns allen die nächste Zeit die Möglichkeit bringen, in einem solchen Sinne im Kleinsten und, wenn es uns gegönnt ist, auch im Größeren diejenigen Impulse in unserem Denken, Fühlen und Wollen anzuwenden, deren wir als unserer besten in unserem Inneren fähig werden können.

[ 19 ] This is what I wanted to place in your hearts and souls today, at the turn of the year. May the coming days bring us all the opportunity to apply—in this spirit, in the smallest of things and, if we are so fortunate, in the larger ones as well—those impulses in our thinking, feeling, and willing that we are capable of cultivating within ourselves as our very best.