Nordische und mitteleuropäische Geistimpulse
Das Fest der Erscheinung Christi
GA 209
4 Dezember 1921, Oslo
Die spirituellen Zukunftsaufgaben Norwegens und Schwedens III
[ 1 ] Die beiden Stunden, in denen ich wieder zu Ihnen sprechen durfte, waren gewidmet den wichtigen Betrachtungen über das Menschenwesen und Menschengeschick. Auf der einen Seite sollte zur Erörterung kommen, wie des Menschen physischer und ätherischer Leib in Verbindung stehen mit dem, was wir nicht bloß auf der Erde als äußere Welt wahrnehmen, sondern wie diese Leiblichkeit des Menschen erst begriffen werden kann, wenn wir sie auch angeschlossen denken an den Sternenumkreis. Und wir haben versucht, uns klarzumachen, wie der Fixsternhimmel, wie die Planetensphäre gestaltend und belebend eingreifen in dasjenige, was der Mensch in seiner äußern Umhüllung hat. Auf der anderen Seite haben wir aber auch das letzte Mal uns vor die Seele geführt, wie das, was des Menschen Inneres ist, sein eigenes GeistigSeelisches, nur begriffen werden kann, wenn man es im Zusammenschlusse denkt mit der Welt der höheren Hierarchien. Und wir haben darauf hingewiesen, daß eigentlich dieser Zusammenhang mit der Welt der höheren Hierarchien besonders dadurch auffällig wird, daß wir beobachten, wie der Mensch hier durch sein physisches Leben auf der Erde eine Beziehung bekommen kann in moralischer, in religiöser Hinsicht, in bezug auf Menschenliebe und so weiter, zu der geistigen Welt, wie er dadurch in einer gewissen Weise es seinem mit ihm in Verbindung stehenden Engelwesen möglich macht, so auf ihn einzuwirken, daß das Herabkommen nach dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt so verläuft, daß der Mensch dann wieder zur vollen Individualität, zum freien individuellen Ergreifen seines Menschenwesens kommt. Wir mußten darauf hinweisen, wie der Mensch dadurch, daß er eine solche Verbindung mit der geistigen Welt nicht eingeht in irgendeiner Inkarnation, zum Beispiel in bezug auf sein Volkstum in einer äußerlichen Weise mit diesem Volkstum in Verbindung kommt, wodurch solche Dinge entstehen wie das äußerliche, in seinem Extrem nach dem Chauvinismus hindrängende Sich-Zusammenschließen mit dem Volkstum.
[ 2 ] Man sieht aus solchen Betrachtungen dann, wie man den Menschen in seinem Leben nur verstehen kann, wenn man das Leben auch auf seiner andern Seite betrachtet, auf der Seite zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Sobald wir eben an das menschliche Innere kommen, müssen wir dieses Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt ins Auge fassen. Denn das Leben hier auf der Erde ist eigentlich ein Abbild dieses Lebens zwischen Tod und neuer Geburt. Es ist das Leben im Materiellen das Leibliche, und in diesem Leiblichen drückt sich bloß dasjenige aus, was wir vor unserer Geburt in der geistigseelischen Welt ausgebildet haben. Was wir neu bekommen müssen, was sich neu ausbilden muß in unserem menschlichen Wesenskern, das ist das willensmäßige und in einer gewissen Beziehung auch das gefühlsmäßige Element. Das denkerische Element, das an unser Haupt, an unseren Kopf gebunden ist, das bekommen wir bis zu einem hohen Grade, nämlich bis zu dem Grade, wo die Gefühle dann mitsprechen beim Denken, aus der geistigen Welt vor unserer Geburt mit. Was wir an eigentlich denkerischen Fähigkeiten haben, bringen wir uns durch die Geburt in das physische Dasein herein und müssen es während dieses physischen Daseins nur ausbilden oder durch das Schulwesen ausgebildet bekommen. Das aber, was wir in der neuen Inkarnation durch den Verkehr mit der äußeren Welt hauptsächlich bekommen, das ist das gefühls- und willensmäßige Element, das ist dasjenige Element, welches in der Erziehungsfrage deshalb die größte Rolle spielen muß.
[ 3 ] In der Erziehungsfrage liegt es ja so: Wenn wir in bezug auf das Gedankliche schlechte Lehrer oder schlechte Erzieher sind, so können wir manches in dem Menschen unausgebildet lassen, was er vermöge seiner früheren Erdeninkarnation zum Ausdruck bringen könnte. Wenn wir aber in bezug auf Gefühl und Wille durch unsere eigene Autorität als Lehrer und Erzieher, durch unser Vorbild nicht auf das Kind zu wirken in der Lage sind, dann geben wir einem solchen Kinde nicht das Richtige, was es hier in der physischen Welt erhalten soll, und wir schädigen sein Leben nach dem Tode. Das ist dasjenige, was einem in dem heutigen Weltenwesen, wenn man die Dinge durchschaut, einen so tiefen Schmerz verursacht. Die Menschen versuchen heute in Lehre und Erziehung immer wieder und wieder auf die Anschauung hinzuweisen, dadurch das Kind zum Denken zu bringen, Intellektualistisches in dem Kinde auszubilden. Dadurch wird allerdings vieles von dem, was das Kind sich durch die Geburt ins Dasein bringt, herausgeholt. Aber das kann doch nur von Nutzen sein, wenn dem Kinde .auch entgegengebracht wird für das irdische Leben in der richtigen Weise dieses irdische Leben selber, wenn wir ihm also das, was in Gefühl und Wille unanschaulich liegt, auch unanschaulich durch unsere Autorität, durch unser Vorbild beizubringen vermögen. Und vor allen Dingen schädigen wir das ewige Leben des Kindes, wenn wir nicht Gefühl und Wille ausbilden. Denn das Denken, das wir uns mitbringen durch die Geburt, das findet seinen Abschluß hier in dieser sinnlichen Welt. Das stirbt mit uns. Allein dasjenige, das wir durch Gefühl und Wille ausbilden, was allerdings dann unbewußt sich wiederum mit neuen Gedanken durchsetzt, nehmen wir durch die Pforte des Todes mit. Es wird schon eintreten müssen in unserer gegenwärtigen schweren Zeit für die Menschheit, daß Religion, Erziehung, allgemeines Geisteswesen, das ganze Leben überhaupt wiederum Rücksicht nehmen auf die ewige Natur des Menschen, und dabei nicht bloß auf den menschlichen Egoismus sehen.
[ 4 ] Die Religionen der heutigen Zeit spekulieren ja zu sehr auf den menschlichen Egoismus. Sie huldigen auf der einen Seite der Trägheit, indem sie den Menschen nicht anspornen zu eigener, innerer, gefühlsmäßiger und willensmäßiger Erarbeitung des Ewigen, und sie huldigen auf der andern Seite dem Egoismus, indem sie von dem ewigen Leben nur als von demjenigen sprechen, was nach dem Tode da sein wird, nicht von demjenigen, was vor der Geburt beziehungsweise Empfängnis da war, und das wir heruntergetragen haben in die physische Welt. Ich habe schon das letzte Mal gesagt: Um von diesem Leben vor der Geburt zu sprechen, muß man von den selbstlosen Kräften des Menschen sprechen, während man nur vom Egoismus zu sprechen braucht, wenn man dem Menschen vom Leben nach dem Tode spricht. Und selbst dieses Reden vom Leben nach dem Tode nimmt noch in den heutigen Religionsbegriffen eine egoistische Form an. Es wird so an den Menschen herangebracht, daß der Mensch vor allen Dingen seine Begierde befriedigt. Wenn die Religionen den Menschen ein Wohlgefallen beigebracht zu haben vermeinen, so daß der Mensch ein Seelenleben egoistisch führen kann, dann glauben sie genug getan zu haben. Was aber durch eine wirkliche geistige Erfassung der Welt wiederum in die ganze Menschheit hineinkommen soll, das ist, daß wiederum in einer unegoistischen und in .einer ewigen Weise des Menschen ganzes Leben aufgefaßt und auch; von Erziehern, Lehrern und so weiter gestaltet wird.
[ 5 ] Das aber hat auch für die großen öffentlichen Verhältnisse seine Bedeutung. Und von solchen großen öffentlichen Verhältnissen möchte ich nun heute in der dritten Betrachtung, die ich vor Ihnen anstellen darf, sprechen. Denn es ist heute im höchsten Maße notwendig, daß wir das, was wir uns aneignen durch eine anthroposophische Erkenntnis der höheren Welten, auch wirklich in das unmittelbare Leben hineintragen, daß wir es im Leben darzustellen verstehen. Aber mit dem Leben ist es so, daß uns abstrakte Lehren wenig nützen. Das Leben ist mannigfaltig auf der Erde. Es sind nicht nur, wenn wir die Mannigfaltigkeit des Lebens zum Beispiel auf das Völkerdasein anwenden, die Inder von den Amerikanern oder Engländern verschieden, es sollen sogar, wie mannigfaltig versichert wird, die Schweden von den Norwegern verschieden sein, die ja nicht so weit auseinander sind. Es ist schon so, daß wir in der Welt nicht nach allgemeinen Grundsätzen uns richten können, sondern daß wir durchaus überall konkrete einzelne Verhältnisse haben und daß man diese ins Auge fassen muß. Aber gerade diese einzelnen konkreten Verhältnisse lernt man nicht kennen, wenn man nicht von Gesichtspunkten des Geistigen ausgeht. Der heutige Mensch kennt eigentlich die Welt nicht. Er redet viel über die Welt, aber er kennt sie nicht, denn er weiß nicht, wie dieses Geistig-Seelische hereinragt in dieses physische Dasein und wie schließlich doch das Geistige dieses physische Dasein regiert. Also man kann schon sehen, wie es mit abstrakten allgemeinen Prinzipien nicht getan ist. Gewiß, diese allgemeinen abstrakten Prinzipien sind richtig, aber man kommt mit ihnen nicht sehr weit in der wirklichen Welt.
[ 6 ] Es ist ganz gewiß ein richtiges Prinzip, daß Gott die Welt regiert. Aber es nützt gegenüber der Mannigfaltigkeit der Welt nichts, daß der Mensch sich vorhält: In Indien regiert Gott die Welt, in England regiert Gott die Welt, in Schweden regiert Gott die Welt, in Norwegen regiert Gott die Welt. Es ist gewiß, daß Gott die Welt überall regiert, aber es ist notwendig für das unmittelbar wirkliche Leben, daß man weiß, wie Gott die Welt in Indien, wie Gott die Welt in England, wie Gott die Welt in Schweden, wie Gott die Welt in Norwegen regiert. Auf die einzelnen konkreten Verhältnisse muß man auch bei der geistigen Betrachtung eingehen. Was würde es denn zum Beispiel nützen, wenn man den Menschen auf eine Wiese führte und ihm dort irgendeine Pflanze zeigte, welche gelbe Blüten, rundliche Blumenblätter hat, und man lehrte ihn nur: Das ist eine Pflanze —, und man ihn dann führte vor eine Pflanze, die Stacheln hat, die ganz spitze, fadenförmige Blumenblätter hat, und man sagte ihm: Das ist eine Pflanze. — Man muß ihm das einzelne der Pflanze klarmachen! Aber in bezug auf geistige Angelegenheiten ist der Mensch so ungemein bequem geworden, daß er mit den allgemein geistigen Prinzipien immer zufrieden ist, daß er immer nur hören will: Gott regiert die Welt, oder: Man hat einen Engel —; während er nicht im einzelnen wissen will, wie das Dasein sich gestaltet über die mannigfaltigsten Gebiete der Erde hin zum Beispiel, und wiederum über die mannigfaltigsten Gebiete des Lebens aus der geistigen Welt heraus.
[ 7 ] Wir wollen daher heute eine solche Betrachtung anstellen, welche nach dieser Richtung hinzielt. Man kann ja wirklich gerade in dieser heutigen Zeit, wo vieles so tumultuarisch abläuft, wo auf der andern Seite die Menschen auf weiten Gebieten der Erde so ratlos sind in bezug auf die öffentlichen Angelegenheiten, wo so vergeblich Kongresse und Konferenzen abgehalten werden, auf denen die Menschen zunächst große Programme entwickeln, um nachher auseinanderzugehen, ohne irgend etwas eigentlich entschieden zu haben, man kann gerade heute tiefere Fragen aufwerfen wollen über dasjenige, was in den einzelnen Gebieten der Erde vom Geiste heraus regierend sich offenbart.
[ 8 ] Wenn wir auf das Halbinselgebilde blicken, welches Sie mit den Schweden zusammen als Ihren irdischen Wohnplatz betrachten, so hat es schon etwas,was gewissermaßen Rätsel aufgibt den außerhalb Schwedens und Norwegens wohnenden, aber auch den innerhalb Schwedens und Norwegens wohnenden Menschen. Es war ganz gewiß ein großer Unterschied in der Art und Weise, wie, sagen wir, seit 1914 Sie hier über die tumultuarischen Angelegenheiten der Welt gedacht haben, die ja gewiß hereingeschlagen haben in der mannigfaltigsten Weise, und wie in Mitteleuropa darüber gedacht wurde. Aber heute lebt ja der Mensch in bezug auf solches Hereinschlagen zumeist unbewußt, er macht sich nicht klar, welche tieferen Kräfte da walten. Und Sie konnten hinunterschauen in die mitteleuropäischen Gegenden, in die südlichen europäischen, afrikanischen, selbst asiatischen Gegenden, und Sie werden gesehen haben, daß da die Dinge sich nicht so abspielen, daß man eigentlich nur wie hier oben die Folgeerscheinung wahrnimmt, das Hereinspielen, das Herüberschlagen, sondern daß man etwas wahrnimmt, was aus den unmittelbaren menschlichen Leidenschaften herausquillt, was einen elementaren Charakter trägt, was wirklich den Charakter trägt, den man vielleicht ganz rätselhaft gefunden hat hier im Norden: als ob die Menschen einmal plötzlich rasend geworden wären, um übereinander herzufallen und sich zu zerfleischen. Diejenigen, die Zuschauer waren, die konnten ja ganz gewiß vieles in dieser Beziehung rätselhaft finden, wenn sie nur tiefer nachdachten.
[ 9 ] Aber solche Dinge werden nur klar, wenn man nicht nur einen einzelnen Zeitraum, und wäre es selbst einen, in dem so vieles geschieht wie in den letzten Jahren, betrachtet. Es ist ja wahr, derjenige, der die letzten Jahre durchlebt hat, der kann sagen, es ist ihm so, wie wenn er Jahrhunderte durchlebt hätte. Man wird erst nach und nach einsehen, daß das so ist. Die meisten Menschen leben ja heute noch so, denken so, wie es 1914 der Fall war. In den Ländern, die so sind, wie diese nordischen, ist es einigermaßen begreiflich. Daß es in Mitteleuropa auch so ist, ist ja etwas Furchtbares. Das Normale ist nur, daß der Mensch fühlt, er habe etwas durchgemacht, wie man es sonst nur innerhalb von Jahrhunderten durchmachen kann. Das alles war zusammengedrängt in wenigen Jahren. Man braucht sich ja nur zu überlegen, daß schließlich solche Ereignisse, wie sie 1914, 1915 vorgegangen sind, in einem kurzen Zeitraume so viel in sich faßten wie etwa zehn Jahre Dreißigjähriger Krieg. Aber ein einigermaßen bedeutsames Licht kann auf diese Dinge nur fallen, wenn man sie in einem größeren historischen Zusammenhange betrachtet.
[ 10 ] Und da sehen Sie gerade hier von dem Standpunkte Ihrer nordischen Halbinsel aus, wie sich im Grunde genommen erst seit dem Beginn unseres Zeitalters südwärts von Ihnen Dinge abgespielt haben, an denen Sie eben doch in anderer Weise teilgenommen haben als diejenigen, die im europäischen Süden, im westlichen Asien oder auch in Mitteleuropa an diesen jahrhundertelangen Ereignissen teilgenommen haben. Man muß nur einmal die polarischen Gegensätze, die zwischen dem Süden von Europa und dem Norden von Europa sind, zu einem ganz bestimmten Zeitraum ins Auge fassen.
[ 11 ] Nehmen Sie einmal so etwas wie das 4. nachchristliche Jahrhundert oder das Zeitalter eben, das im 4. nachchristlichen Jahrhundert seinen Gipfel erlangt. Sie sehen im Süden auf der griechischen, namentlich auf der italienischen Halbinsel, auch in demjenigen, was sich nun schon in Mitteleuropa darangeschlossen hat: das Christentum breitet sich immer mehr und mehr aus. Aber man nimmt auch noch etwas anderes wahr. Dieses Christentum hat sich vom Osten herüber in die europäisch-heidnische Welt eingelebt. In verschiedener Weise hat es sich in den ersten Jahrhunderten in diese heidnische Welt eingelebt. Und wenn wir die ersten Jahrhunderte, das 1., 2., auch noch das 3. Jahrhundert ins Auge fassen, so finden wir eigentlich überall, daß das Christentum durchsetzt ist von alter Weisheit, von der alten Erbweisheit der Menschen. Mit Hilfe der sogenannten Gnosis will man das Christentum begreifen. Mit der höchsten Weisheit will man das Christentum durchdringen. Das wird eigentlich erst anders im 4. nachchristlichen Jahrhundert. Gerade dann wird es anders, als das Christentum beginnt, mehr sich nach den Gegenden Mitteleuropas auszubreiten. Da verschwindet die gnostische, die weisheitsvolle Auffassung des Christentums. Man erlebt es, daß ein solcher Schriftsteller, der noch etwas von der alten gnostischen Weisheit in das Christentum hat hineinbringen wollen, wie Origenes, verketzert wird. Man erlebt es, daß Julian, der sogenannte Apostat, der die alte heidnische Weisheit mit dem Christentum hat verbinden wollen, perhorresziert wird. Und man erlebt endlich das Außerlichwerden des Christentums in einer politischen Kirchenform durch die Tat des Konstantin. Was zunächst ganz anders war im Christentum, was weisheitsvoll war, was so war, daß man sich sagte, höchste Weisheit ist notwendig, um die christlichen Geheimnisse zu begreifen, das nimmt im 4. Jahrhundert allmählich einen immer weniger weisheitsvollen Charakter an. Man verlangt immer mehr und mehr, daß die Menschen mit einem gewissen elementaren Sinn bloß, mit einem abstrakten Gefühl das Christentum begreifen sollen. Das Christentum schiebt sich herauf vom Süden nach Norden. Man hat allerdings in den Jahrhunderten vom 4. bis zum 15. Jahrhundert im Süden und namentlich in Mitteleuropa viel Seelisches in demjenigen, was sich als das christliche Leben entwickelt, aber das eigentlich Geistige ist gewichen. Die Gnosis wird als etwas betrachtet, was man im Christentum nicht mehr haben will. Das sind so etwa ein paar Streiflichter nur über das, was im Süden der Nordvölker Europas vorgeht.
[ 12 ] Es breitet sich das Christentum aus, muß sich einleben in die griechische Welt, in die römische und in die mitteleuropäische Welt. Es wird in einer gewissen Weise da entgeistet. Betrachten Sie nun, sagen wir, in demselben 3., 4. Jahrhunderte, also in den ersten Jahrhunderten der nachchristlichen Zeit, Ihre nordische Welt hier. Man kann es ja heute mit der äußeren Geschichte wohl wenig, denn diese äußere Geschichte berichtet gerade darüber nicht das Wahre, man muß es an der Hand der Anthroposophie tun. Mit Bezug auf die europäischen Völkerseelen haben wir das vor Jahren hier getan, aber mit Bezug mehr auf den äußeren Volkscharakter wollen wir es heute einmal ins Auge fassen.
[ 13 ] In der Zeit, in der es im Süden immer mehr und mehr so wird, daß sich der Geist nach dem Orient zurückzieht, bald nach der Zeit, die ich geschildert habe, werden ja die alten athenischen Philosophenschulen geschlossen, und die letzten Philosophen Athens müssen sich zurückziehen nach dem Orient, wo sie sich verbinden mit der geheimnisvollen Akademie von Gondishapur, die dann ein merkwürdiges Geistesleben über Afrika und Südeuropa herüber nach dem übrigen Europa verbreitete, welches das spätere Geistesleben viel beeinflußte. Aber man kann doch sagen: Da unten im Süden müssen die Menschen zurückblicken auf eine hohe Geistigkeit, die sie einstmals gehabt haben. Das gewaltige Ereignis von Golgatha ist hereingebrochen. Man hat in den ersten Jahrhunderten noch nötig befunden, mit Hilfe dieser hohen Geistigkeit das Mysterium von Golgatha zu begreifen. Man hat diese Geistigkeit allmählich abgestreift. Es ist immer mehr und mehr Menschliches an die Stelle desjenigen getreten, was man nennen kann das göttliche Wirken in dem Menschen.
[ 14 ] Gnosis war noch etwas, wodurch der Mensch sich bewußt wurde, daß ein göttlich-geistiges Sein in ihm ist. Immer mehr und mehr wurde dieses göttlich-geistige Sein abgestreift, und das Menschliche sollte herauskommen. Dazu haben viel diejenigen Völkerschaften beigetragen, die man als die Glieder der Völkerwanderungsvölker bezeichnete. Bei ihren Wanderungen nach dem Süden, bei ihren Eroberungen der südlichen Gebiete haben diese mitteleuropäischen Völker, diese mitteleuropäisch-germanischen Völker, die eine, ich möchte sagen, mehr natürlich an das Physische gebundene Seele mitgebracht haben, dazumal mitgewirkt an diesem Zurückdrängen des Geistigen, indem sie nicht verstanden haben die alte Geistigkeit, und ein mehr menschlich-elementarisches Wesen nach dem Süden gebracht haben. Und die hohe menschliche Urweisheit ist so allmählich aus der abendländischen Geisteskultur herausgewichen. Und in derselben Zeit, also im 3., 4. nachchristlichen Jahrhundert, in welcher im Süden dieses Zurückdrängen des Geistigen stattfindet, sehen wir hier oben im Norden, daß sich unter diesen Menschen des Nordens noch durchaus Götterlehren verbreiten.
[ 15 ] In dieser Zeit war es noch durchaus so, daß in hohem Ansehen standen diejenigen, die in instinktiver Weise inspiriert wurden. Es spielten sich hier Zeiten ab, die für die südliche Bevölkerung der Erde längst vorüber waren. Hier konnte man noch erleben, wie der einzelne Mann oder die einzelne Frau da oder dort in der Einsamkeit aufgesucht wurde und wie ihnen in dieser Einsamkeit zugehört wurde, wie sie in geheimnisvoller Art durch ihre besonderen Fähigkeiten, die an die besondere Ausbildung ihres Körperlichen gebunden waren, wie sie aus dieser besonderen Ausbildung ihrer Fähigkeiten heraus Offenbarungen gaben über die geistigen Welten. Als ursprüngliche Naturanlage erschien das bei den einzelnen Menschen, die in dieser Weise unter den andern wirkten. Und indem die größeren Völkermassen solchen einzelnen einsamen Offenbarern aufmerksam lauschten, waren sie sich durchaus bewußt, daß, wenn sie in die Hütte dieses oder jenes gotttrunkenen und gottoffenbarenden Mannes oder auch einer gottoffenbarenden, gottdurchtränkten Frau eintraten, es eigentlich nicht dieser physische Mann oder diese physische Frau waren, denen sie zuhörten, denen sie lauschten, sondern daß es die göttliche Geistigkeit selbst war, die da heruntergestiegen war, die inspiriert hatte diese einzelnen Persönlichkeiten, damit diese einzelnen Persönlichkeiten Gotteslehren ihren Mitmenschen geben konnten.
[ 16 ] Es ist das Auffallende für den anthroposophischen Geschichtsbetrachter Europas, daß in derselben Zeit, wo wir den Geist immer mehr und mehr sich ablähmen sehen im Süden, wo immer mehr und mehr das Menschliche höchstens Seelen erfüllt — aber eben das Physisch-Menschliche, das der Mensch auf der äußeren physischen Erde auslebt und gegenüber dem Göttlichen immer mehr und mehr überhand nimmt —, daß da gerade hier oben im Norden, in dem entscheidenden 4. Jahrhundert, während im Süden die Menschen immer mehr und mehr begierig werden, Menschenlehren entgegenzunehmen, die Menschen hier oben im Norden durchaus noch dafür veranlagt waren, Gotteslehren entgegenzunehmen, zu fühlen, daß die Götter, das heißt, die Wesenheiten der höheren Hierarchien noch unter ihnen wandeln.
[ 17 ] Wir müssen daher durchaus ernst nehmen die aus der grauen Geistestiefeheraufleuchtenden einzelnen Kundgebungen, die so angesehen werden, als ob — was eben die Wahrheit ist — in diesen Zeiten unter den nordischen Völkern, die da noch kindlich waren, die Götter als die Lehrer gewandelt hätten. Derjenige Zustand, der in einer bestimmten Weise da im Norden noch in den ersten christlichen Jahrhunderten uns entgegentritt, war für die südlichen Gegenden längst vorüber. Aber es ist doch merkwürdig, tief bezeichnend, wie in dem Schicksal der Völker es vorgezeichnet ist, daß die nordischen Menschen die Träger werden in einer bestimmten Weise für den Süden in bezug auf dasjenige, was diese nordischen Menschen nun wiederum nicht von Menschen, sondern von Göttern gelernt hatten.
[ 18 ] Nehmen wir nur das ganz ernst, daß diejenigen Menschen, die zum Beispiel sich anschließen hauptsächlich an die Bevölkerung des Westens Ihrer Halbinsel, die ihre Nachfolger in den heutigen Norwegern haben, ihre Züge beginnen nach Westen, nach Südwesten hinüber, daß sie beeinflussen bei ihren Wanderzügen, bei ihren Seefahrten, bei ihren Eroberungen bis nach Sizilien hinunter, bis nach Nordafrika dasjenige, was dort sitzt. Die Göttersöhne gehen zu den Söhnen der Welt, und sie bringen ihnen in einer ganz bestimmten Weise dasjenige, was sie noch von ihren Göttern gelernt haben.
[ 19 ] Es ist ein interessantes Studium der Geschichte, wenn man diese Wanderungen der Nordvölker nach dem Südwesten hinüber betrachtet, wie sich überall dasjenige, was sich hier noch als nordische Götterlehre abgespielt hat, allerdings sich immer gleich metamorphosierend, verwandelnd, nach dem Südwesten hin ergießt und tief beeinflußt die englischen Inseln, Frankreich, Spanien, Italien, Sizilien, Afrika. Und wir sehen heute noch den Einschlag, der sich da bilder.
[ 20 ] Dasjenige, was vom Süden nach dem Norden hinaufspielt durch das Römertum hindurch, durch das römisch-lateinische Element, das wird durchdrungen von dem nordischen Element. Man möchte sagen, was an Gottesbewußtsein erhalten geblieben ist von den vom Süden heraufwandernden Kulturströmungen, das wird hier sich so darstellen, daß es den Einschlag der nordischen Götterlehren hat. Aber es nimmt doch einen eigentümlichen Charakter an, der einem erst ganz auffällt, wenn man nunmehr nach dem östlichen Teil dieser nordischen Halbinsel hinsieht, nach dem schwedischen Teil.
[ 21 ] Wir brauchen nur der einen Tatsache uns zu erinnern, wie die Bevölkerungen des europäischen Ostens zu den Warägern schicken, wie sie von da aus die Beeinflussung erhalten, und wie dasjenige, was im Osten der nordischen Halbinsel ist, eben auch mehr nach dem Osten hinüberströmt. Wir haben ein merkwürdiges Wirken von dieser Halbinsel aus. Dasjenige, ich möchte sagen, was mehr zum Norwegischen später hinneigt, strömt nach dem Südwesten, was mehr zu dem Schwedischen später hinneigt, strömt nach dem Südosten. Überall sind es allerdings die nordischen Götterlehren, aber sie sind in einer andern Weise vertreten.
[ 22 ] Es ist ein Zug bei denjenigen Völkern, die dann zu den Norwegern werden, vorhanden, das aktive Element, das erkraftende Element, das anfeuernde Element nach Südwesten zu tragen. Der erlahmenden romanisch-lateinischen Kultur wird auf diese Weise das Aktive, das Tätige eingepflanzt. Wir sehen also, ich möchte sagen, die nordischen Götter so wirken bei diesen Wanderungen, daß sie das ganze Völkerleben aktivieren, in Tätiges verwandeln. In allen Einzelheiten ist das zu verfolgen, und es ist reizvoll zu verfolgen.
[ 23 ] Betrachten wir aber auf der andern Seite den ganzen merkwürdigen Charakter bis in die heutigen Tage hinein der ostskandinavischen Einflüsse nach dem Osten hinüber, der schwedischen Impulse nach dem Osten hinüber. Gewiß, durch geographische Verhältnisse mitbedingt! Aber diese geographischen Verhältnisse müssen doch auch im Volkscharakter liegen, denn der Mensch wächst nicht aus der Erde heraus, sondern er wird auf die Erde hin geboren, er kommt aus geistig-seelischen Welten herunter, und es ist nicht gleichgültig, ob er als Norweger oder als Schwede geboren wird. So daß man nicht auskommt damit, daß man bloß sagt, die geographischen Verhältnisse sind so, sondern man muß weiter fragen, warum die Seelen auf der einen Seite dahin streben, ein Norweger zu werden, auf der andern Seite dahin streben, ein Schwede zu werden.
[ 24 ] Also die Ostskandinavier, sie strömen hinüber nach dem Osten, aber sie werden überall, indem sie vorwärtsströmen, wie abgelenkt. Sie entwickeln keine Aktivität. Sie können nicht widerstehen demjenigen, was sich vom Osten herüber, früher durch andere Asiaten, später durch mongolisch-tatarische Völkerschaften, und wiederum, was sich vom Süden herauf als das mehr nach dem Osten hinüberneigende Element der christlich-antiken Kultur entwickelt. Ich möchte sagen, diese Strömung, sie strömt hinunter nach dem Südosten, aber sie staut sich überall. Sie nimmt durchaus, indem sie eindringt in dieses Element, einen passiven Charakter an.
[ 25 ] Es ist tatsächlich alles an der äußeren Peripherie vom Norden aus tief beeinflußt. Aktiv wirkt überall nach dasjenige, was sich von dem Westen der nordischen Halbinsel nach dem Süden hin erstreckt. Ergriffen von dem Nichtaktiven wird überall dasjenige, was sich nach dem Osten hin erstreckt, von dem sinnigen Elemente des Ostens, und wird in einer gewissen Weise in der Aktivität abgestumpft. Die nordischen Götter, möchte ich sagen, indem sie nach dem Westen hinüber ihre Impulse schicken, entwickeln vor allen Dingen ihre Willensnatur. Die nordischen Götter, indem sie nach dem Osten hinüber ihre Wesensnatur schicken, entfalten ihre mehr Verstandes-, ihre mehr Vernunftnatur, ihre betrachtende Natur.
[ 26 ] Äußere Kriege, äußere Kämpfe sind ja zuletzt nur die sinnlichen Abbilder desjenigen, was in dieser Weise sich abspielte, wie ich es jetzt eben geschildert habe. Derjenige, der nun ein Abstraktling ist, der die ganze Welt vom Standpunkte irgendeiner Theorie betrachten will und die heutigen Empiriker, die heutigen Menschen, die so stolz sind auf ihre äußere Wissenschaft, sind im Grunde genommen die stärksten Abstraktlinge, sie gehen nirgends auf die Realität ein, sie denken über die Sache nach, statt in die Sache unterzutauchen, um sie innerlich kennenzulernen —, diejenigen, die solche Abstraktlinge sind, werden allerlei charakteristische Eigenschaften, die sich noch bei den Norwegern zeigen, die sich noch bei den Schweden zeigen, vorbringen. Man kann dann allerdings auch manches vorbringen, und in den Ländern selbst werden von den eigenen Bewohnern oftmals nur solche Eigentümlichkeiten des Außeren vorgebracht, weil man heute nicht in die Tiefen der Menschennatur hinunterdringen will, um das Leben wirklich kennenzulernen. Aber man muß solche Anschauungen anwenden auf das Leben, wie wir sie in diesen beiden Betrachtungen, die ich hier vor Ihnen halten durfte, kennengelernt haben. Man muß eben einführen in das äußere Leben die Betrachtung nicht nur vom Gesichtspunkte zwischen Geburt und Tod, sondern auch vom Gesichtspunkte zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, und man muß auf diejenigen Dinge sehen, die nicht allein den egoistischen Menschen befriedigen, der nach dem Tode selig werden will und der sich, weil er das physische Leben noch vor sich hat, um dieses vorgeburtliche Leben nicht kümmert, man muß nicht bloß diese Sache vom egoistischen Standpunkte aus betrachten, sondern man muß die Sache betrachten vom Standpunkte des allgemeinen Menschenlebens aus, von dem Standpunkte aus, wie man eingreifen kann durch das, was man sich mitgebracht hat durch die Geburt aus geistig-seelischen Welten in dieses irdische Leben.
[ 27 ] Da kommt man dann dazu, daß Zusammenhänge sind im Leben der Menschen, im Leben der Völker, die sich allerdings erst offenbaren, wenn man dasjenige überblickt, was der Mensch ist durch die Erdenleben hindurch, wenn man auf diejenigen Zeiten auch blickt, die er eben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt zubringt. Da zeigt sich der wunderbar merkwürdige Zusammenhang, und aus solchen merkwürdig wunderbaren Zusammenhängen begreift man dann dasjenige, was auf der Erde geschieht: Der heutige Norweger hat durchaus in seiner äußeren volksmäßigen Charakteristik Erbschaften von dem, was jene Menschen ausgebildet haben, die nach dem Südwesten einstmals mit ihren Götteroffenbarungen hinübergekommen sind, um das römisch-lateinische Element aktiv zu machen. Damals wurde etwas ausgebildet im großen Weltenplane, was den norwegischen Menschen gerade ihren besonderen Charakter gegeben hat, was ihnen ihre besondere Aufgabe gegeben hat. Und diejenigen, die heute in Norwegen geboren sind, werden ihr Dasein nur verstehen, ihre Aufgabe in der Gesamtwelt nur verstehen, wenn sie mit einem solchen geistigen Verständnis zurückblicken auf diejenigen Zeiten, die Norwegen auf besondere Weise haben werden lassen damals, als die nordischen Völker auf ihren Wanderzügen, auf ihren Beutezügen, auf ihren Erobererzügen nach dem Südwesten gezogen sind zu einer Erdenaufgabe. Aber diese Erdenaufgabe entsprang eben dazumal aus einem Charakter der hier ansässigen Völker heraus. Dieser Charakter, der ist dazumal gewiß anders gewesen als heute, aber von ihm ist etwas als Erbschaft geblieben, was heute im Norweger steckt, die ihm ganz besondere Fähigkeiten erteilt, die auch unter dem Gesichtspunkte des ewigen Menschenlebens, des unsterblichen Menschenlebens eine gewisse Bedeutung haben.
[ 28 ] Und ebenso ist es schließlich damit, daß in dem östlichen Teil dieser Halbinsel, wo sich dann der schwedische Charakter entwickelt hat, die alten Götterlehren so hinübergetragen worden sind nach dem Osten, daß man das nur so ausdrücken kann, daß man sagen möchte: Diese Götter wanderten hinüber nach dem Osten und erblickten im Osten Menschen, die ihre eigene Götterlehre noch bewahrt hatten in einer gewissen mystisch-orientalischen Form. So daß dasjenige, was mehr aus der Natur heraus eine Offenbarung war, da im Osten wenig angenommen worden ist, und diejenigen, die nach dem Osten wanderten, mehr zum Betrachten, zum sinnigen Leben verurteilt waren.
[ 29 ] Das aber hat wiederum eine Erbschaft hinterlassen, und diese Erbschaft drückt dem Volke seinen Charakter auf. Und ich möchte sagen: Will man heute den westlichen und den östlichen Teil der skandinavischen Halbinsel verstehen, so muß man auf dasjenige zurückblicken, was diese Völker im Verlaufe der Jahrhunderte erlebt haben, was sie durch das, was sie da erlebt haben, heute der Welt geworden sind, denn heute haben wir alle Ursache, über so etwas nachzudenken. Wir können es heute ganz gut auf eine leicht elementare Weise verstehen, wie schon geistige Kräfte in die Welt hereinwirken müssen in den ganzen internationalen Weltenverlauf und in das ganze internationale Menschenleben, und wie die einzelnen Volksmissionen verstanden werden müssen vom Gesichtspunkte spiritueller Erforschung der Welt.
[ 30 ] Wenn man nun mit übersinnlicher Erkenntniskraft darangeht, diesen Zusammenhang zu erforschen zwischen den Aufgaben der heutigen Norweger und Schweden und ihren historischen Entwickelungsgängen, dann stellt sich eine merkwürdige Beziehung heraus. Eine ganz bestimmte Anlage haben, nicht nur wenn sie durch die Geburt in das norwegische Dasein treten, die Norweger. Dasjenige, was sich da entwickelt, kann man ja in der äußeren physischen Welt sehen; das können Anthropologen, Kulturhistoriker oder meinetwillen selbst Journalisten beschreiben. Es wird mehr oder weniger treffend sein, aber es wird nicht das ausmachen, was im Inneren der menschlichen Seele quillt. Denn der Mensch hat nicht nur eine Mission hier auf der Erde, der Mensch hat auch eine Mission, wenn er durch den Tod getreten ist, für die geistigen Welten. Und diese Mission, die der Mensch hat für die geistigen Welten, nachdem er durch den Tod getreten ist, die bildet sich gerade hier auf Erden aus. |
[ 31 ] Das, was wir in den ersten Zeiten nach dem Tode erleben, ist eine Folge unserer Erdenentwickelung. Was wir hier allerdings erleben in den ersten Zeiten nach der Geburt, das ist wiederum eine Folge der geistig-seelischen Welt. Es ist im höchsten Grade bedeutungsvoll, wenn man eben mit den Mitteln, die der Geistesforschung in anthroposophischer Beziehung zur Verfügung stehen, die norwegische Mission nicht für die Erde, sondern für die Zeit nach dem "Tode betrachtet.
[ 32 ] Diese Seelen, die gerade von diesem Boden des Westens der skandinavischen Halbinsel durch die Pforte des Todes gehen, denen kann ich sage: kann — durch ihren eigentümlichen physischen Volkscharakter, durch die ganze Konfiguration ihres Gehirns, ihrer übrigen Leiblichkeit beschieden sein, daß sie in einer ganz bestimmten Weise für ihre Mitseelen nach dem Tode anregend werden, daß sie ihren Mitseelen nach dem Tode etwas geben können, was sie ihnen nur vermöge des norwegischen Charakters geben können. Denn der norwegische Charakter ist heute, gerade in diesem Zeitalter, so veranlagt, daß er unterbewußt innerlich kennenlernt gewisse Geheimnisse der Natur: nicht durch Ihr äußerliches Verstandeswissen, aber durch jenes Wissen, das Sie entwickeln in Ihrer Geistleiblichkeit zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, wenn Sie draußen sind im Raume, ohne daß Sie sich der Sinne bedienen; wenn Sie die Geistigkeit in der Pflanzenwelt, die Geistigkeit in Stein und Fels, die Geistigkeit im Baum- und Meeresrauschen erleben außerhalb Ihres Leibes, wenn Sie das nicht anschauen mit Ihren physischen Sinnen, sondern wenn Sie es außerhalb Ihres Leibes anschauen, wenn Sie wandeln innerhalb Ihrer Gebiete in der Zeit zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen; was Sie da für eine Kraft erkennen lernen, die in den Pflanzen lebt, was Sie da für Kräfte erkennen lernen, die in Ihren Felsen verborgen sind, was Sie da für Kräfte erkennen lernen, die mit Ihren Meereswellen anrauschen an die Küste, wenn Sie all dasjenige nehmen, was die Geistigkeit dieser rauschenden Meereswellen, dieser auf den Felsen hier spärlich blühenden Pflanzen, dieses ganzen Weltensembles ist, wenn Sie nehmen, was von diesem Weltensemble in Ihren Seelen ausgelöst wird während des Schlafes, wenn Sie also die intime Naturerkenntnis, die für das äußere Verstandes- und Sinnesleben unbewußt bleibt, nehmen, dann ist das dasjenige, was Sie in die geistige Welt tragen können, wenn Sie es in der richtigen Weise durchfrommen, durchfühlen, so wie ich das in der letzten Betrachtung hier dargestellt habe. Wenn Sie es in der richtigen Weise mit der geistigen Welt, die Sie fassen können, in Beziehung bringen, wenn Sie das entwickeln, was ich die Verbindung mit dem Engelwesen genannt habe, dann tragen Sie diese unbewußte Naturweisheit, dieses konkrete Erkennen des Geistes der Pflanzen, dieses konkrete Erkennen des Geistes der Steine, der übrigen Naturerscheinungen, in die geistige Welt hinein. Und diejenigen, die in der richtigen Weise ihr Norwegerleben durchlebt haben, werden die Anreger, die Lehrenden für ihre Mitseelen nach dem Tode in bezug auf Naturgeheimnisse hier auf der Erde. Denn in den geistigen Welten müssen die Seelen gerade so unterrichtet werden von den Geheimnissen der Erde, wie hier auf der Erde die Seelen unterrichtet werden sollen von den Geheimnissen der geistigen Welt.
[ 33 ] Blickt man nach dem östlichen Teile dieser Halbinsel, wo also das Erbe der alten Zeit so lebt, wie ich es charakterisiert habe, dann findet man allerdings, daß da eine andere Mission durch die Pforte des Todes getragen wird. Da wird von den Seelen in die geistige Welt dasjenige | hineingetragen, was nunmehr nicht so sehr erlebt wird zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, sondern mehr während des Tagwachens, was mehr erlebt wird im sinnlichen Zusammensein mit der Außenwelt, in dem sinnigen Betrachten der Sinneswelt während des Wachens, in dem gefühlsmäßig durchdrungenen Verstandesverstehen der Außenwelt.
[ 34 ] Das aber ist ja schließlich so etwas, was im Grunde genommen nur eine Bedeutung hat für das Erdenleben. Aber während man im Erdenleben gerade dieses Element entwickelt, entwickelt sich im Unterbewußtsein während des Erdenlebens auch noch etwas ganz Besonderes. Ich habe Sie aufmerksam darauf gemacht, daß auch im wachen Leben ein gewisser Teil unseres Wesens schläft und träumt. Das Gefühlsleben ist eigentlich nur eine andere Form des Traumlebens. Indem wir fühlen, träumen wir, und indem wir wollen, schlafen wir. Was wir von unserem Wollen wissen, ist ja nur die von dem Denken herkommende Beleuchtung. Aber ein solches Wollen wird insbesondere angefeuert in der schwedischen Seele, die weniger die Möglichkeit hat, während des Schlafzustandes in die Naturgeheimnisse einzudringen. Das, was dort mehr unbewußt im Willen und im Gefühl während des äußeren Sinnesbetrachtens, Verstandeslebens, in die Seele einzieht, wird da durch die Pforte des Todes genommen. So daß diejenigen Seelen, die in dieser Weise aus dem östlichen Teile der skandinavischen Halbinsel durch die Pforte des Todes gehen, wiederum die Mission haben, nun ihren Mitseelen ein mehr willensmäßiges Element einzugliedern, gerade das Entgegengesetzte von dem, was diese östlichen nordischen Völker ihren physischen Mitmenschen während ihrer historischen Beziehung beibringen konnten. Man möchte sagen: Die besondere Veranlagung zu dem Willenselemente ist ausgebildet worden im Ursprünglichen und dann im Erbgut des Volkscharakters auf diesem östlichen Teil der skandinavischen Halbinsel.
[ 35 ] Die europäischen Menschen haben lange gelebt, ohne in einer solchen Weise konkret zu fragen, was sie denn eigentlich werden zu tun haben nach dem Tode. Sie begnügten sich mit der egoistischen Antwort: Wir werden selig sein. — Aber es wird nicht genügen, wenn die Erde nicht in den völligen Verfall kommen soll, diese egoistische Antwort zu bekommen; sondern es wird allein möglich sein, daß die Menschen ihr richtiges Leben führen, wenn sie die selbstlose Antwort bekommen wollen, wenn sie nicht bloß fragen: Was wird sein nach meinem Tode, damit es mir recht wohl ergehe, damit ich selig sei —, sondern wenn sie auch darnach fragen: Was werde ich zu tun haben aus meiner besonderen Stellung hier im Erdenleben? — Und nur, wenn man die Neigung hat, die Frage in dieser Weise zu betrachten, wird man gerade die besondere Stellung, die man im Erdenleben hat, in der richtigen Weise anwenden, dann wird man sich in der richtigen Weise zu seiner Mission vorbereiten. Und es kann dann nicht mehr schwer sein, in der richtigen Weise sich zu seiner Mission vorzubereiten.
[ 36 ] In dieser Beziehung hängen die beiden oder eigentlich alle drei Vorträge, die ich jetzt unter Ihnen halten durfte, zusammen. Es handelt sich durchaus darum, daß gerade mit Rücksicht auf diese besondere Mission das geistige Element der anthroposophischen Weltorientierung hier in Norwegen verstanden werde. Denn wenn Sie bedenken, daß es ja eine besondere Aufgabe ist, aus dem unterbewußten Leben, ich möchte sagen, die Naturwissenschaft für das Jenseits zu schaffen — so paradox das klingt, es ist so —, dann müssen Sie sich hier in dem bewußten Leben gefühlsmäßig dazu vorbereiten, dann muß Ihre Seele die Möglichkeit bekommen, jeden Abend so einzuschlafen, daß sie nicht stumpf bleibt gegen die Naturerkenntnisse, die ihr im Schlafe übermittelt werden sollen. Aber die heutigen Leiber sind eben nicht mehr so, daß sie in dieser richtigen Weise den Menschen vorbereiten.
[ 37 ] Die Seelen der nordischen Völker sind durch das alte Erbe für die geistige Welt gründlich geschaffen. Die Leiber müssen hier insbesondere durch eine Geistkultur dazu bereitet werden. Daher entsteht hier eine entscheidende Frage. Es entsteht die entscheidende Frage, die man sich beleuchten kann durch das Vergleichen der Mission, sagen wir, der mitteleuropäischen Menschen mit derjenigen der nordischen Menschen.
[ 38 ] Den mitteleuropäischen Menschen wurde in einer gewissen Weise nicht schlecht ihre gegenwärtige Lage gekennzeichnet, wenn sie nichts Geistiges annehmen wollen, von einem Manne, der gar nicht an die Möglichkeit einer geistigen Befruchtung der Menschheit denkt: Oswald Spengler, der sein Buch über den Untergang des Abendlandes geschrieben hat, dieses geniale, aber durch und durch pessimistische Buch, trotzdem Spengler den Pessimismus in einer besonderen Schrift zurückgewiesen hat. Es ist ja natürlich pessimistisch, wenn man vom Untergang des Abendlandes spricht. Aber er spricht von dem Untergang der Kultur, von dem Untergang von etwas Seelischem. Ohne die geistige Erneuerung werden die mitteleuropäischen Völker Schaden an ihrer Seele nehmen. Gerade in dieser Ecke von Europa ist die Eigentümlichkeit vorhanden, daß eben diese Bevölkerung hier gar nicht bloß Schaden an der Seele nehmen kann, sondern daß, wenn sie Schaden an der Seele nimmt, sie zu gleicher Zeit Schaden an der Leiblichkeit nimmt. Ich möchte sagen: das ist ein Glück! Denn die mitteleuropäischen Völker können, wenn sie nicht die Geistigkeit annehmen, barbarisiert werden, können seelisch verkommen; die nordischen Völker können nur sterben, auch leiblich sterben, aussterben, weil im Sinne der geschilderten Anlagen hier alles auf der besonderen Konfiguration der Leiblichkeit beruht.
[ 39 ] Es ist schon einmal die Notwendigkeit vorhanden, hinzuschauen auf den notwendigen Einschlag einer Geistkultur. Denn Europa, Mitteleuropa wird verkommen, barbarisieren, es wird sein Untergang ihm bereitet werden, wenn es sich vom Geiste nicht beeinflussen läßt. Der Norden, er wird aussterben, er wird den physischen Tod erleiden, wenn er sich vom Geiste nicht beeinflussen läßt.
[ 40 ] So hängt volksmäßig genommen, dasjenige, was sich hier während des physischen Lebens entwickelt, zusammen mit der Mission dieser nordischen Seelen nach dem Tode. Sie können diese Mission dann nicht ausführen, wenn sie diejenigen Leiber, die, wenn sie durchgeistigt werden, dazu geeignet sind, wenn sie diese Leiber verfallen lassen.
[ 41 ] Man muß heute durchaus solche ernsten Worte sprechen, denn es liegt im Sinne der Entwickelung unserer Zeit, daß heute die Menschen solches miteinander reden müssen, wenn sie ihr Zeitalter ernst nehmen wollen. Und deshalb wollte ich diesmal, ich möchte sagen, von einem: solchen allgemein persönlich-menschlichen Standpunkte zu Ihnen sprechen, Ihnen sagen, was man seinen heutigen Mitmenschen sagt auf dieser Erde, wenn einem das Schicksal der Erdenentwickelung tief am Herzen liegt. Denn diejenigen Menschen, die sich heute nicht für ein ewiges Leben selbstlos vorbereiten, werden auch ihr irdisches Leben zwischen der Geburt und dem Tode nicht in der richtigen Weise führen.
[ 42 ] Das ist es, was ich Ihnen zurücklassen möchte, nachdem wir heute die letzte Betrachtung während meines Hierseins hier angestellt haben. Das ist es, wodurch ich Ihnen bemerklich habe machen wollen, wie in der Tat diejenigen, die sich heute als Anthroposophen fühlen, sich so vorkommen sollten, daß sie als ein kleines Häuflein in der Welt wirklich alle Energie aufwenden sollten, um die übrige träge Menschheit aufzurütteln und vorwärtszubringen. Die Menschen, die heute Anthroposophie hassen — das dürfen wir unter uns sagen —, hassen sie ja aus dem Grunde, weil sie eben zu bequem sind, um wirklich mitzuerleben die großen Aufgaben der Menschheit, und weil sie zu furchtsam sind gegenüber dem, was sie überwinden müssen, wenn sie aus ihrem begrifflichen und gefühlsmäßigen Schlendrian heraus nun sich umgestalten und Tieferes begreifen sollten. Daher sehen wir, wie so mancher Sturm gegen alles dasjenige entsteht, was auf dem Felde der Anthroposophie sich abspielt und aus ihr herauskommt. Aber auch Sie werden sich hier daran gewöhnen müssen, daß das eine Selbstverständlichkeit ist, daß anthroposophische Geisteswissenschaft heute von all den Rückschrittlern, von all denjenigen, die da ihren alten Schlendrian lieben, auf das allerheftigste bekämpft wird. Und wer sich abhalten läßt von der Entwickelung seiner Kraft dadurch, daß er so etwas sieht, der steht doch nicht tief genug in der eigentlichen anthroposophischen Aufgabe darinnen. Wenn man sieht, wie heute von vielen Seiten Anthroposophisches bekämpft wird, so kann man auf der einen Seite furchtsam, ängstlich werden und sich sagen: Wäre es denn nicht besser, wenn man mit weniger Kraft vorwärtsginge, so daß der Widerstand vielleicht ein nicht so großer wäre? — Oder man kann auch etwas anderes sagen. Man kann auch fragen, wenn man bemerken würde, daß man von denen, die heute gerade in einer verfallenden Zeit das große Wort führen, gelobt würde: Was hat man denn eigentlich schlecht gemacht? — Und diese Frage würde ich vor allen Dingen vom anthroposophischen Gesichtspunkte aus stellen. Wenn man beschimpft wird, dann wird sich das zumeist aus den angegebenen Gründen erklären. Wenn man aber von denjenigen, die einen so beschimpfen, gelobt würde, so wäre das eine außerordentlich mißliche Sache, denn dann müßte es schlecht stehen um das anthroposophische Streben. Eben gerade deshalb, daß diejenigen, die das Anthroposophische heute verschimpfen, dies tun, kann man beruhigt sein. Man darf allerdings nur in dem Sinne beruhigt sein, daß man um so mehr Kraft anwendet, um das in der Welt wirklich durchzubringen, was Anthroposophie nicht aus einer persönlichen Willkür, sondern aus einem Vertiefen in die Weltaufgaben heraus will. Mit dieser Empfindung, mit diesem Impuls, sage ich Ihnen beim Abschlusse dieser hiesigen Zusammenarbeit meinen allerherzlichsten, tiefgefühltesten Dank für Ihr so reges, tatkräftiges Mitwirken bei alledem, was in Ihrem Sinne in dieser Zeit hat geschehen sollen.
[ 43 ] Seien Sie versichert, daß es mir ernst sein soll damit, daß räumliches Getrenntsein kein Getrenntsein ist für diejenigen, die den geistigen Zusammenhalt der Seelen begriffen haben. Seien Sie versichert, daß ich von Ihnen Abschied nehme, weggehe, nicht um von Ihnen weg zu sein, sondern mit Ihnen zusammen zu sein. Und das ist etwas, wovon ich glaube, daß Sie es, falls Sie es als etwas betrachten, was Ihnen wünschenswert ist, immer in Ihren Seelen haben können. Sie können wissen, daß doch nun schon eine Anzahl von Menschen in der Welt verbreitet sind, die diese Zusammengehörigkeit in diesem Sinne fühlen und mit inniger Liebe heraufschauen auf dieses nordwestliche Weltgebiet mit seiner ganz besonderen Aufgabe, die man intensiv fühlen kann auf dem Felde anthroposophischer Untersuchung. Mit dieser Liebe im Herzen zu denjenigen, die sich hier als zu uns gehörig, als zu unserer anthroposophischen Bewegung gehörig betrachten, nehme ich von Ihnen heute Abschied. Hoffentlich wird unser weiteres Zusammensein kraftvoll und von dem Sinne getragen sein, der unter Anthroposophen der notwendige, der richtige ist. Auf Wiedersehen!
