Nordische und mitteleuropäische Geistimpulse
Das Fest der Erscheinung Christi
GA 209
18 Dezember 1921, Dornach
Der Mensch als Erdenwesen und Himmelswesen II
[ 1 ] Seit einiger Zeit haben wir uns damit beschäftigt, die Beziehungen des Menschen zum Weltenall genauer kennenzulernen, und wir wollen auch heute noch einiges Ergänzende zu diesen Betrachtungen hinzufügen. Wenn wir den Menschen betrachten, wie er im gegenwärtigen Zeitraume der Menschheitsentwickelung lebt — «gegenwärtig» aber im weitesten Sinne, im Verhältnis zu der großen Weltentwickelung genommen —, der von der Geschichte und zum Teil noch von der Vorgeschichte der Menschheit umfaßt wird, dann müssen wir sagen, daß für diese Gegenwart der kosmischen Menschheitsentwickelung vor allen Dingen als ein Charakteristisches die Sprache in Betracht kommt.
[ 2 ] Die Sprache hebt den Menschen herauf über die andern Naturreiche. Nun, ich habe bereits in den Vorträgen der vorigen Woche darauf hingewiesen, daß sich im Laufe der Menschheitsentwickelung die Sprache, das Sprechen überhaupt, verändert hat. Auch auf diesem Gebiete hat die Menschheit eine Entwickelung durchgemacht. Ich habe darauf hingewiesen, wie die Sprache in sehr sehr alten Zeiten etwas war, was der Mensch gewissermaßen als seine ursprünglichste Anlage aus sich heraus gestaltete und wie er mit Hilfe seiner Sprachwerkzeuge dadurch die in ihm lebenden göttlich-geistigen Kräfte offenbaren konnte. Ich habe darauf hingewiesen, wie beim Übergange aus der griechischen in die römisch-lateinische Kultur, also im vierten nachatlantischen Kulturzeitraum, es deutlich bemerkbar wird, daß die einzelnen Laute der Sprache nun nicht mehr Benennungen haben, sondern eben einfach, so wie wir es heute gewohnt sind, als Laute bezeichnet werden. Im Griechischen haben wir noch die Benennung für den ersten Buchstaben des Alphabets; im Lateinischen nur noch A. Beim Übergang vom Griechischen zum Lateinischen wird ein in der Sprache Lebendes, im eminentesten Sinne Konkretes, in ein Abstraktes verwandelt.
[ 3 ] Man könnte es auch seinem eigentlichen Sinne nach so sagen: Solange die Menschen zum ersten Buchstaben des Alphabets «Alpha» gesagt haben, haben sie in dieser Benennung etwas von Inspiration gehabt. In dem Augenblicke, wo sie angefangen haben, ihn nur A zu benennen, trat an die Stelle der Inspiration, des innerlichen Erlebnisses, die Anpassung an das äußerlich Konventionelle, an die Prosa des Lebens. Das ist ja der eigentliche Übergang vom Griechischen zum Römisch-Lateinischen, daß von der poetisch-geistigen Welt sich die Kulturmenschheit hinentwickelt zu der Prosa des Lebens. Das römische Volk, ich habe es oftmals betont, ist ein nüchternes, prosaisches Volk, ist das Volk der Juristerei, das die Prosa und Jurisprudenz in die spätere Kultur hineingetragen hat, während das, was im Griechentum lebte, sich in der Kulturmenschheit mehr oder weniger wie eine Art Kulturtraum fortentwickelte, zu dem man zurückblickt und dem man sich in seinen eigenen Offenbarungen dann nähert, wenn man die Innerlichkeit erlebt und zum Ausdrucke bringen will. Man möchte sagen: Alle Poesie hat etwas an sich, wodurch sie der europäischen Menschheit wie eine Tochter Griechenlands erscheinen muß. Alle Jurisprudenz, alles äußere Einteilen, alle Prosa des Lebens hat etwas an sich, wodurch sie als eine Tochter des römisch-lateinischen Volkes erscheint.
[ 4 ] Ich habe auch schon darauf aufmerksam gemacht, wie ein wirkliches Verständnis des Alpha — Aleph im Hebräischen — dazu führt, zu erkennen, daß man,indem man diesen Buchstaben so benannte, ausdrükken wollte: er ist das Sinnbild für den Menschen. Alpha ist eigentlich, wenn man es annähernd mit einem heutigen Worte ausdrücken will, «der sein Atmen Empfindende». In dieser Benennung liegt direkt die Hindeutung auf das Wort des Alten Testamentes: der Erdenmensch wurde dadurch geschaffen, daß ihm der lebendige Odem eingehaucht wurde. — Das also, was da getan wurde mit dem Atmen, um den Menschen zum Erdenmenschen zu machen, das Wesen, das dadurch dem Menschen aufgedrückt worden ist, daß er der die Atmung Erlebende, Empfindende geworden ist, der die Atmung in sein Bewußtsein Hereinnehmende, das sollte mit dem ersten Buchstaben des Alphabets zum Ausdrucke kommen.
[ 5 ] Und das Beta, wenn man esunbefangen betrachtet, gerade auch, wenn man das Entsprechende im Hebräischen in Betracht zieht, es stellt sich dar als so etwas wie die Umwandung, die Umhüllung, das Haus. So daß, wenn man in der heutigen Sprache ausdrücken wollte, was einmal empfunden worden ist, als man anfing, Alpha, Beta zu sagen, man es etwa ausdrücken würde durch die Worte: Der Mensch in seinem Haus. — Und so könnte man das ganze Alphabet durchgehen und würde einen Begriff, einen Sinn, eine Wahrheit über den Menschen aussprechen, indem man einfach die Benennungen für das Alphabet hintereinander sagt. Es würde gewissermaßen ein umfassender Satz ausgesprochen, der das Menschengeheimnis zum Ausdrucke bringt. Es beginnt dieser Satz also damit, daß man hinweist darauf: der Mensch in seinem Haus, in seinem Tempel. Die folgenden Teile des Satzes würden dann zum Ausdrucke bringen, wie der Mensch sich darinnen verhält, wie sein Verhältnis zum Weltenall ist. Kurz, es würde, was man so hintereinander als die Namen des Alphabets aussprechen würde, nicht das Abstrakte sein, wie wenn wir heute A, B, C sagen und uns dabei eigentlich gar nichts denken können, sondern es würde der Ausdruck für das Menschengeheimnis, für die Wurzelung des Menschen in der Welt sein. Was man meint, oder eigentlich heute nicht mehr meint, weil man im Grunde genommen von diesen Dingen keine Ahnung mehr hat, wenn heute in allerlei Gesellschaften gesprochen wird von dem verlorengegangenen Urwort, so ist das eben das, was in einem solchen, das Alphabet in seinen Benennungen umfassenden Satze liegt. So daß wir also zurückblicken können auf eine Zeit der Menschheitsentwickelung, wo der Mensch gewissermaßen, wenn er zurückging auf sein Alphabet, aus sich heraus nicht dasjenige aushauchte, was sich an äußere Geschehnisse, an äußere Bedürfnisse anlehnt, sondern was sein göttlich-geistiges Geheimnis durch seinen Kehlkopf und seine Sprachorgane zum Ausdrucke brachte.
[ 6 ] Man möchte sagen: Später ist dann dasjenige, was dem Alphabet also angehört, auf äußere Gegenstände verteilt worden, und es wurde vergessen, was der Mensch durch seine Sprache über sein geistig-seelisches Geheimnis aus sich offenbaren kann. Das ursprüngliche MenschenWahrwort, das Menschen-Weisheitswort ist verlorengegangen. Die Sprache ist ausgeflossen in die Nüchternheit des Lebens. Und wenn heute der Mensch spricht, ist er sich nicht mehr bewußt, daß der ursprüngliche Ursatz, durch den die Göttlichkeit ihm sein eigenes Wesen offenbarte, vergessen worden ist, und daß in den einzelnen Worten und in den einzelnen Sätzen von heute die Fetzen von diesem Ursatze vorliegen.
[ 7 ] Der Dichter, indem er sich nicht dem Prosazusammenhang der Sprache überläßt, sondern zu dem inneren Erleben zurückgeht, zu dem inneren Erfühlen, zu der inneren Gestaltung der Sprache, versucht zurückzukehren zu dem inspirierten Urelement der Sprache. Und man möchte sagen: eine jede wahre Dichtung, die kleinste und die größte, ist ein solcher Versuch, zu dem verlorengegangenen Wort wiederum zurückzukehren, aus dem nur auf die Nützlichkeit gerichteten Leben einen Schritt zurückzumachen zu denjenigen Zeiten, in denen sich noch das Weltenwesen in dem inneren Organismus des Sprechens offenbarte.
[ 8 ] Wir unterscheiden ja in der Sprache heute das konsonantische und das vokalische Element. Ich habe mancherlei davon gesprochen, wie dasjenige sich ausnimmt, was der Mensch finden würde, wenn er unter die Schwelle seines Bewußtseins hinuntertauchen würde. Für das gewöhnliche Bewußtsein reflektieren die Erinnerungen herauf, das heißt die Gedanken von den Erlebnissen zwischen Geburt und Tod. Wir kommen im gewöhnlichen Bewußtsein nicht weiter hinunter in die eigene Menschenwesenheit, als bis zu diesen in der Erinnerung, im Gedächtnisse zurückgelassenen Gedanken. Auf das, was etwas wie eine allgemeine Menschheitstragik bildend, unter dieser Schwelle des Bewußtseins lebt, habe ich von einem gewissen Gesichtspunkte aus hingedeutet. Aber man kann auch noch in der folgenden Weise darauf hindeuten. Man kann sagen: Wenn der Mensch des Morgens aufwacht und sein Ich und sein astralischer Leib untertauchen in den Ätherleib und in den physischen Leib, dann nimmt der Mensch von innen aus seinen Ätherleib und seinen physischen Leib nicht wahr. Was der Mensch wahrnimmt, ist etwas ganz anderes. Wir wollen es uns graphisch versinnlichen.
[ 9 ] Wir haben hier, sagen wir, die Grenze zwischen dem Bewußten und dem Unbewußten. Hier ist das rot Schraffierte = das Bewußte; hier das blau Schraffierte = das Unbewußte. Von dem Bewußten werden die Erinnerungen zurückgeworfen. Der Mensch lebt ja mit seinem Bewußtsein nur in diesem Gebiet, das übrige bleibt unbewußt. Und was der Mensch sieht von der Außenwelt oder auch von sich selber, das ist ja nichts anderes. Sagen wir hier: Das Auge eines Menschen wird gesehen von dem eigenen Auge, dann wird das, was als sichtbares Strahlen ausgeht, in den Menschen eindringend zurückgeworfen, und der Mensch erlebt es in seinem Bewußtsein. Auch das, was er vom eigenen Wesen unter der Schwelle des Bewußtseins trägt, erlebt er in seinem astralischen Leib und in seinem Ich, aber nicht im Wachzustande. Das bleibt unbewußt und bildet im wesentlichen den eigentlichen Inhalt des Ätherleibes und des physischen Leibes. Der Ätherleib wird überhaupt nicht erkannt vom gewöhnlichen Bewußtsein, und der physische Leib nur seiner Außenseite nach. Man muß erst unter das Gedächtnis hinuntertauchen, dann nimmt man wahr, wie ich es dargestellt habe, den Urquell des Bösen im Menschen. Aber man nimmt auch noch etwas anderes wahr, nämlich einen Teil des Zusammenhanges des Menschen mit dem Kosmos.
[ 10 ] Gelangt man dazu, durch entsprechende Meditation die Gedächtnisvorstellungen gewissermaßen zu durchstoßen, wegzutun was uns vom Ätherleib und vom physischen Leib nach innen trennt, und sieht man dann hinunter in den Ätherleib und in den physischen Leib, so daß man wahrnimmt, was da unter der Schwelle des Bewußtseins liegt, dann vernimmt man im ätherischen Leibe und ebenso im physischen Leibe ein Tönen. Und dieses Tönen, das ist der Nachklang der Weltensphärenmusik, die der Mensch aufgenommen hat im Leben zwischen Tod und neuer Geburt, während seines Herabstieges aus der göttlich-geistigen Welt in die physische Welt, zur Einkörperung in das, was ihm in der physischen Vererbung von Eltern und Voreltern gegeben wird. Es tönen nach im ätherischen Leibe und im physischen Leibe die Klänge der Sphärenmusik, und zwar im ätherischen Leibe, insofern sie vokalisch sind, und im physischen Leibe, insofern sie konsonantisch sind.
[ 11 ] Es ist ja so, daß der Mensch, indem er durch das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt schreitet, sich hinauflebt in die Welt der höheren Hierarchien, wie Sie sich erinnern werden. Wir haben gesehen, wie der Mensch sich einlebt in die Welt der Angeloi, der Archangeloi, der Archai, wie er innerhalb dieser Hierarchiengebiete lebt, so wie er hier zwischen den Wesen des mineralischen, pflanzlichen und tierischen Reiches lebt. Nach diesem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt senkt er sich dann wiederum zum irdischen Leben herab. Und wir haben gesehen, daß er auf diesem Wege zunächst die Einwirkungen des Fixsternhimmels beziehungsweise seiner Repräsentation, des Tierkreises, mitnimmt und dann im weiteren Abstieg die Einwirkungen der Planetensphäre, der sich bewegenden Planeten.
[ 12 ] Nun vergegenwärtigen Sie sich einmal den Repräsentanten des Fixsternhimmels, den Tierkreis. Der Mensch ist diesen Einwirkungen ausgesetzt, indem er aus dem geistig-seelischen Leben in das irdische Leben herabsteigt. Wenn man diese Einwirkungen ihrem eigentlichen Wesen nach bezeichnen will, so sind sie weltenmusikalisch, sind Konsonanten, und das Konsonantieren im physischen Leibe ist der Nachklang des Klingens der einzelnen Gebilde des Tierkreises. Durch die Bewegungen der Planeten geschieht dasjenige, was innerhalb dieser Weltensphärenmusik das Vokalisieren ist. Das prägt sich dem ätherischen Leibe ein. Wir tragen also in unserem physischen Leibe unbewußt einen Abglanz der Weltenkonsonanz, und in unserem ätherischen Leibe einen Abglanz des Weltenvokalismus.
[ 13 ] Das bleibt, ich möchte sagen, zunächst stumm im Unterbewußten. Aber indem das Kind sich entwickelt, kraften herauf aus dem Leibe in die Sprachorgane hinein diejenigen Kräfte, welche die Nachbildekräfte des Kosmos sind und formen die Sprachorgane. Die mehr innerlich gelegenen Sprachorgane werden aus der Wesenheit des Menschen so geformt, daß sie vokalisieren können, und die mehr nach der Peripherie hin gelegenen Organe, Gaumen, Zunge, Lippen und alles, was mehr die Formung des physischen Leibes ausmacht, das wird so gebildet, daß damit konsonantiert wird. Indem das Kind die Sprache lernt, kommt, durch den unteren Menschen bewirkt, in seinen oberen Menschen ein Nachspiel dessen hinein — das heißt natürlich nicht in die Stoffe, sondern in die Formungen hinein —, was an Bildekräften in den physischen Leib aufgenommen worden ist, und auch das, was in den ätherischen Leib aufgenommen worden ist. Wenn wir sprechen, bringen wir also zur Offenbarung, man möchte sagen, ein Echo der Erlebnisse, die der Mensch mit dem ganzen Kosmos durchmacht im Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt während seines Herabstieges aus der göttlich-geistigen Welt. Alle Einzelheiten des Alphabets sind durchaus nachgebildet dem, was da im Kosmos lebt.
[ 14 ] Sie können annähernd die Tierkreisbilder verfolgen, wenn wir sie auf die heutige Sprache beziehen, indem Sie B, C, D, F und so weiter als Sterngebilde des Tierkreises setzen. Sie können sie verfolgen, indem Sie den Umschwung des Planetarischen als das h empfinden. h ist nicht ein eigentlicher Buchstabe wie die anderen, sondern h bildet das Umschwingen nach, das Umkreisen. Und die einzelnen Planeten in ihrem Umschwingen sind immer die einzelnen Vokale, die sich in irgendeiner Weise vor die Konsonanten hinstellen. Denken Sie also, es stellt sich der Vokal a hier herein (siehe Zeichnung Seite 109), so haben Sie eben das a zusammenklingend mit B und C, aber Sie haben in jedem Vokal das h darinnen. Wenn Sie ihn aussprechen, werden Sie es spüren: ah, ih, eh, in jedem Vokal ist das h darinnen! Was heißt das, daß in jedem Vokal das h darinnen ist? Das heißt: Der Vokal schwingt im Kosmos. Der Vokal ist nicht ruhig, er schwingt im Kosmos. Und das Kreisen, das Schwingen, das ist ausgedrückt in dem h, das geheimnisvoll in jedem Vokal drinnen ist. Denken Sie also, irgendwo in der Sprache wurde ein vokalischer Zusammenklang ausgedrückt: i a o, sagen wir. Was ist damit ausgedrückt? Es ist damit etwas ausgedrückt, was Weltenwirkung dreier Planeten ist. Fügt man zu so etwas einen Konsonanten hinzu, Josua, fügt man also ein s im Inneren hinzu, so bedeutet das: man drückt nicht nur das Vokalisieren innerhalb der Planetensphäre aus, sondern auch die Wirkung, welche die Planeten, die im io a enthalten sind, in ihrer Bewegung dadurch erfahren, daß zu dem Sternbilde S hin eine Beziehung stattfindet. Das heißt: Sprach man in der alten Menschheitszivilisation einen Gottesnamen vokalisch aus, so drückte man ein Planetengeheimnis damit aus. Die Tat eines Gotteswesens innerhalb der Planetenwelt war mit dem Namen ausgedrückt. Drückte man einen Gottesnamen dadurch aus, daß man in ihm etwas Konsonantisches hatte, so war die Tat des betreffenden göttlichen Wesens hinaufgedacht bis zu dem Repräsentanten des Fixsternhimmels, bis zum Tierkreis.
[ 15 ] Als man noch instinktiv Verständnis für diese Dinge hatte, in den Zeiten des alten atavistischen Hellschauens, Hellhörens und so weiter, da empfand man also im Sprechen des Menschen Beziehung zum Weltenall. Man fühlte sich sprechend darinnen in diesem Weltenall. Man fühlte, indem das Kind sprechen lernte, wie das, was erlebt worden ist in der göttlich-geistigen Welt vor der Geburt oder vor der Empfängnis, nach und nach sich herausentwickelt aus dem kindlichen Wesen.
[ 16 ] Man kann sagen, wenn der Mensch sich selber innerlich durchschauen könnte, so würde er sich gestehen müssen: Ich bin ein Ätherleib, das heißt, ich bin der Nachklang des Weltenvokalismus. Ich bin ein physischer Leib, das heißt, ich bin der Nachklang des Weltkonsonantismus. Und indem ich hier auf der Erde stehe, bildet sich durch mein Wesen ein Echo alles desjenigen, was die Tierkreisbilder sagen. Und das Leben dieses Echos ist mein physischer Leib. Und es bildet sich ein Echo alles desjenigen, was die Planetensphäre in ihren Umschwüngen sagt, und dieses Echo ist mein Ätherleib.
1. Physischer Leib: Echo des Tierkreises
2. Ätherleib: Echo der Planetenbewegung
3. Astralischer Leib: Erleben dieser Planetenbewegungen
4. Ich: Wahrnehmen des Echos des Tierkreises.
[ 17 ] Es ist ja nichts damit gesagt, wenn man sagt, der Mensch besteht aus physischem Leib und ätherischem Leib. Das ist nichts anderes als ein ganz dunkles, unbestimmtes Wort. Man würde sagen müssen, wenn man in der realen Sprache sprechen wollte, die von dem Geheimnisse des Kosmos her gelernt werden kann: Der Mensch besteht aus dem Echo des Fixsternhimmels, aus dem Echo der Planetenbewegungen, aus demjenigen, was das Echo der Planetenbewegungen erlebt, und aus dem, was erkennend erlebt das Echo des Fixsternhimmels. Dann würde man in der realen Sprache des Kosmos ausgedrückt haben, was man abstrakt mit den Worten ausdrückt: Der Mensch besteht aus physischem Leib, Ätherleib, astralischem Leib, Ich. Man bleibt ganz im Abstrakten, wenn man sagt: Der Mensch besteht erstens aus physischem Leib, zweitens aus Ätherleib, drittens aus Astralleib, viertens aus dem Ich. Man geht aber in die konkrete Sprache des Weltenalls, wenn man sagt: Der Mensch besteht aus dem Echo des Tierkreises, dem Echo der Planetenbewegungen, dem Erleben des Abdruckes dieser Planetenbewegungen als Denken, Fühlen und Wollen und in dem Wahrnehmen des Echos des Tierkreises. — Das erste ist Abstraktion, das zweite ist die Wirklichkeit.
[ 18 ] Wenn Sie «Ich» sagen, was ist denn das eigentlich? Nun denken Sie sich einmal, man hätte in einer schönen ästhetischen Ordnung Bäume gepflanzt. Man sieht jeden einzelnen Baum. Alle diese Bäume sind schließlich nur noch ein einziger Punkt, wenn man weit genug weggeht. Nehmen Sie alle Einzelheiten, alles das, was aus dem Tierkreis anklingt an Weltkonsonanten, und gehen Sie weit genug weg: alles, was da in der mannigfaltigsten Weise innerlich tonlich gestaltet ist, drängt sich Ihnen zusammen in dem einzigen Punkt «Ich». Es ist so, daß tatsächlich dasjenige, womit der Mensch sich selber benennt, eigentlich nur der Ausdruck von dem ist, was man wie in unermeßlicher Entfernung von seinem wirklichen Orte im Weltenall wahrnimmt. Es muß überall erst zurückgeganigen werden auf das, was in seinem Abglanz, in seinem Echo hier auf der Erde erscheint. So zerfließt, wenn man die Sache in ihrer Wirklichkeit sieht, vor dem höheren und dem innerlichen Erleben des Menschen alles das, aus dem sich der Mensch als ein Phänomen, eine bloße Erscheinung aufbaut. Schaut man einen Menschen an, lernt man ihn nach und nach in seiner Wahrheit erkennen, dann hört eigentlich der physische Leib auf, in der Weise vor einem zu stehen, wie er sonst dasteht; dann weitet sich der Blick und man kommt bis zum Fixsternhimmel. Und der Ätherleib hört auch auf, vor einem zu stehen. Es weitet sich der Blick, es weitet sich das Erleben, und man kommt zu der Wahrnehmung des planetarischen Lebens, denn es ist ja dieser menschliche Ätherleib nur ein Abglanz vom planetarischen Leben. Und indem ein Mensch vor Ihnen steht, steht eigentlich nichts anderes vor Ihnen als das Phänomen, die Erscheinung, das Abbild desjenigen, was im Planetenleben vor sich geht. Wir meinen den einzelnen Menschen vor uns zu haben; aber dieser einzelne Mensch ist ein Bild der ganzen Welt an einem bestimmten Orte. Wodurch unterscheidet sich denn im Grunde genommen ein Mensch Asiens von einem Menschen Amerikas? Dadurch, daß an zwei verschiedenen Punkten des Irdischen der Sternenhimmel sich abbildet, so wie man in den Perspektiven verschiedener Punkte verschiedene Bilder irgendeines äußeren Tatbestandes hat. Es ist schon so, daß einem, indem man den Menschen betrachtet, die Welt aufgeht, und daß man durch eine solche Betrachtung vor das große Geheimnis gestellt wird, inwiefern der Mensch nichts anderes ist als ein bildhafter Mikrokosmos der Realität des Makrokosmos.
[ 19 ] Worin besteht nun eigentlich das neuere Leben? Wenn wir von diesen neueren Leben zurückblicken auf das alte Leben der Menschheit in Urzeiten, so finden wir, daß in dem instinktiven Bewußtsein dieser Urzeiten noch das Erleben des Weltzusammenhanges des Menschen vorhanden war. Man kann es im Konkreten an dem Alphabet erleben. Wenn der Mensch die ganze Fülle des Göttlichen in einem Ursatze aussprechen wollte, so sprach er das Alphabet aus. Wenn er sein eigenes Geheimnis, wie er es in den Mysterien lernen konnte, aussprach, dann sprach er aus, wie er heruntergestiegen ist durch Saturn oder Jupiter in ihrer Konstellation zu Löwe oder Jungfrau, das heißt, wie er heruntergestiegen ist durch das A oder das I in ihrer Konstellation zu dem M oder zu dem L. Er sprach aus, was er da erlebt hat von der Sphärenmusik,und das war sein kosmischer Name. Und man war sich in älteren Zeiten durchaus instinktiv bewußt, daß der Mensch sich einen Namen mitbrachte durch seinen Herabstieg aus dem Kosmos auf die Erde.
[ 20 ] Das christliche Bewußtsein hat dann ja später eine Art abstrakten Nachklangs dieses ursprünglichen Bewußtseins geschaffen, indem man die einzelnen Tage geweiht hat durch das Andenken an Heilige, die aber vor dem richtigen Verständnis nichts anderes sein sollen als die Beleber des geistigen Kosmos. Und der Mensch, wenn er geboren wurde an einem bestimmten Tag des Jahres, sollte nach dem Kalender den Namen des betreffenden Heiligen bekommen, weil dadurch zum Ausdruck kommen sollte, nun auf eine mehr abstrakte Art, was in Urzeiten auf eine mehr konkrete Art zum Ausdruck gekommen war, dadurch, daß man aus den Mysterien heraus den kosmischen Namen des Menschen erfand nach dem, was er in dem Vokalisieren seines Wesens im Zusammenhange mit dem Konsonantieren des Tierkreises beim Herabstieg erlebte. Und das ganze Menschengeschlecht zusammen hatte dann viele Namen, aber der Zusammenklang dieser Namen wurde wiederum so vorgestellt, daß er sich einfügte in den allgemeinen umfassenden Namen.
[ 21 ] Was war also, von diesem Gesichtspunkte betrachtet, das Alphabet? Es war das, was die Himmel offenbarten durch ihre Fixsterne und die über diese Fixsterne sich hinüberbewegenden Planeten. Sprach man das Alphabet aus in der ursprünglichen instinktiven Weisheit der Menschen, dann sprach man eine Astronomie aus. Alphabet-Aussprechen und Astronomielehre war für diese alten Zeiten ein und dasselbe. Eine solche Weisheit wie die Astronomie wurde in jenen Zeiten nicht so vorgestellt, wie man sich heute irgendein Gebiet des gelehrten Wissens vorstellt, das man aus einzelnen Wahrnehmungen und Begriffen zusammengesetzt hat. Als eine Offenbarung stellte man es vor, die sich an die Oberfläche des menschlichen Erlebens drängte, entweder in dem Ursatze selbst oder in Teilen dieses Ursatzes. Es wurde also ein konkretes Erlebnis mit einem Teile der Urweisheit dargestellt. Und es liegt noch etwas von einem ganz dämmerhaften Bewußtsein dieses Tatbestandes darin, daß im Mittelalter diejenigen, welche in höhere Bildung eingeführt wurden, noch Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie zu lernen hatten. In diesem Aufstieg durch die einzelnen Gebiete des Lehrens liegt in einem noch etwas dämmerhaften Bewußtsein das, was eben in älteren Zeiten in instinktiver Klarheit vorhanden war. Grammatik ist heute etwas sehr Abstraktes geworden. Wenn man zurückgeht in die Zeiten, von denen die Geschichte allerdings nicht berichtet, die aber immerhin noch geschichtlich sind, so findet man, daß Grammatik nicht etwas so Abstraktes ist wie heute, sondern daß in der Grammatik der Mensch in die Geheimnisse der einzelnen Buchstaben eingeführt wird: er lernte, wie in den Buchstaben sich etwas ausdrückt von den Geheimnissen des Kosmos. Der einzelne Vokal wurde mit den einzelnen Planeten, der einzelne Konsonant mit dem einzelnen Tierkreisbilde zusammengebracht, und so lernte man im Buchstaben den Stern kennen. Und drang man weiter vor von der Grammatik zur Rhetorik, so war das ein Handhaben desjenigen, was im Menschen als die Tätigkeit des Astronomischen lebte. Und indem man aufstieg zur Dialektik, hatte man das Erfassen und das Bearbeiten im Gedanken desjenigen, was aus dem Astronomischen heraus im Menschen lebte. Und Arithmetik wurde nicht als die Abstraktion gelehrt, wie sie heute gelehrt wird, sondern als die Wesenheit, die sich in den Zahlengeheimnissen ausspricht. Die Zahl selber wurde anders angesehen, als sie heute angesehen wird. Ich will nur mit einer Kleinigkeit darauf hinweisen.
[ 22 ] Wie stellt man sich heute eins, zwei, drei vor? Nun, man denkt sich eine Erbse, dann eine andere dazu, dann sind es zwei; dann kommt eine andere dazu, dann sind es drei. Es ist ein Hinzufügen des einen zu dem andern, ein Anhäufen. So ist man nicht zu den Zahlen gegangen in älteren Zeiten. Da war die Einheit dasjenige, wovon man ausging. Und indem man die Einheit in zwei Glieder spaltete, hatte man die Zwei. Die Zwei war also nicht so, daß man zu der einen Einheit die andere hinzugefügt hat. Es war nicht ein Zusammenwerfen der Einheiten, sondern es war die Zwei in der Eins drinnen. Und die Drei war in einer andern Art in der Eins drinnen und die Vier wieder in einer andern Art. Die Einheit umfaßte alle Zahlen, die Einheit war am größten. Heute ist die Einheit am kleinsten. Heute ist alles nach Atomistik vorgestellt. Da ist die Einheit das eine Glied und dann kommt die Zwei dazu und alles ist atomistisch vorgestellt. Die ursprüngliche Vorstellung war das Organische. Da ist die Einheit das größte und die folgenden Zahlen sind immer etwas kleiner erschienen und sind in der Einheit alle enthalten. Da kommt man zu ganz anderen Geheimnissen der Zahlenwelt. Diese Geheimnisse der Zahlenwelt lassen erst ahnen, wie man es da nicht mit etwas zu tun hat, was bloß in dem menschlichen Hohlkopf drinnen lebt — ich sage das aus dem Grunde, weil ich öfter dargestellt habe, daß der Kopf des Menschen wirklich hohl ist, vom geistigen Gesichtspunkte angesehen —, sondern man kann dazu kommen, in den Zahlenverhältnissen die Verhältnisse der Objektivität der Welt wahrzunehmen. Wenn man nur immer eins zu eins hinzufügt, dann ist das natürlich etwas, was mit den Dingen gar nichts zu tun hat. Ich habe ein Stück Kreide. Wenn ich ein zweites Stück Kreide dazulege, so hat das nichts mit dem ersten zu tun. Da kümmert sich nicht eins ums andere. Wenn ich aber die Einheit voraussetze — jedes Ding ist eine Einheit — und jetzt zu den Zahlen, die in der Einheit enthalten sind, übergehe, da bekomme ich eine Zwei nicht auf eine gleichgültige Weise. Da muß ich das Stück schon zerbrechen. Da gehe ich schon auf die Realität ein.
[ 23 ] Und so war man, nachdem man sich zum Erfassen des Gedankens des Astronomischen aufgeschwungen hatte in der Dialektik, dann weiter in das Weltenall hinausgekommen mit der Arithmetik, und ebenso in einer ähnlichen Weise mit der Geometrie. Man bekam aus der Geometrie heraus eine Empfindung, daß das Geometrische, real gedacht, die Sphärenmusik ist. Das ist der Unterschied von dem, was heute ist, und dem, was einmal in der instinktiven Urweisheit vorhanden war. Heute haben wir die Musik. Der mathematische Physiker rechnet die Tonhöhen aus, zum Beispiel welche Tonhöhen in einer Melodie wirksam sind. Da ist der musikalische Mensch eigentlich genötigt, sein Musikalisches zu vergessen und ganz und gar in ein Abstraktes überzugehen, wenn er nicht vorher, wenn er ein ganz enthusiasmierter Musiker ist, vor dem Rechner davonläuft. Da wird der Mensch aus dem unmittelbar Erlebten in ein Abstraktes geführt, das aber mit dem Erleben sehr wenig zu tun hat. Es ist ja an sich interessant, wenn man gerade mathematische Anlagen hat, das Musikalische bis zum Akustischen hin zu verfolgen; aber für das musikalische Erleben hat man nicht viel davon. Daß heute einer Geometrie lernt, und im weiteren Verfolge allmählich beginnt, die Formen als musikalische Töne zu empfinden, also daß man zum Beispiel von der Klasse sieben zur Klasse acht aufsteigt, indem man die Geometrie ins Musikalische ausklingen läßt, davon steht meines Wissens nichts in den Lehrplänen. Aber das war der Sinn des einstmaligen Aufsteigens zum sechsten Teile dessen, was man zu lernen hatte: von der Geometrie zur Musik. Und dann ergab sich einem die Wirklichkeit, die ursprünglich zugrunde lag. Die Astronomie im Uhnterbewußten war dann dasjenige, was man bewußt als Letztes erlernte, als Astronomie, als Höchstes, als das siebente Glied des Triviums und Quadriviums, wie man sagt.
[ 24 ] Man muß die Geschichte der Menschheit nach dem betrachten, wie das Bewußtsein vorgeschritten ist, denn dadurch wird man ein Gefühl davon bekommen, daß das Bewußtsein wiederum zu diesen Dingen zurückgehen muß. Das wird ja gerade durch die anthroposophische Geisteswissenschaft versucht. Man braucht sich daher nicht zu verwundern, daß diejenigen, diegewöhnt sind, das Wissenschaftlicheso hinzunehmen, wie es heute gepflegt wird, an der «Geheimwissenschaft im Umriß» zum Beispiel, wie sie von mir geschrieben wurde, nichts Rechtes empfinden können. Aber es ist notwendig, daß in vollbewußter Art die Menschheit zurückkehrt zu dem, was die wahrhaftige Realität ist, und was eine Zeitlang in den Hintergrund treten mußte, damit der Mensch seine Freiheit voll entwickeln konnte. Der Mensch hätte immer stärker das Bewußtsein ausbilden können von seinem notwendigen Darinnenstehen in einem göttlichen Weltenall, wenn er nicht herausgeworfen worden wäre aus diesem Weltenall ins bloß Phänomenale, in die bloße Erscheinung, und zwar so stark, daß die ganze mannigfaltige Pracht und Herrlichkeit des Sternenhimmels sich zusammendrängt in das abstrakte Ich. Für das Erringen der Freiheit war das notwendig. Denn nur dadurch, daß der Mensch etwas, was alle Weltenräume ausfülkt, was alle Zeiten durchströmt, in dem einzigen Ich-Punkte ganz undeutlich zusammengedrängt hat, konnte er seine Freiheit entwickeln. Aber er würde sein Wesen verlieren, er würde nichts mehr wissen und haben von sich und nicht mehr aus sich heraus tätig sein und handeln können, wenn er nicht wiederum von dem einzigen Punkte des Ich aus eben die ganze Welt erobern würde, wenn er nicht wieder aufsteigen würde von dem Abstrakten zu dem Konkreten. Es ist schon wichtig, einzusehen, wie im Übergange vom griechischen zum lateinischen Wesen die Abstraktion die europäische Kultur erfaßt hat, wie das Urwort gerade dadurch verlorengegangen ist. Die lateinische Sprache ist lange Zeit die eigentliche höhere Bildungssprache gewesen. Es war etwas wie ein krampfhaftes Festhalten dessen, was diese lateinische Sprache eigentlich schon abgeworfen hatte. Dann blieb das, was in lateinischen Sprachzusammenhängen gesprochen war, nur noch als Gedanke zurück. Von dem Logos blieb die Logik, der abstrakte Gedanke.
[ 25 ] Es liegt schon in der Sehnsucht, die ein solcher Mensch wie Goethe nach Erkenntnis des griechischen Wesens hatte, etwas, das man so ausdrücken könnte: er wollte heraus aus der Abstraktion der neueren Zeit, aus der nüchternen Prosa des Romanismus und wollte vordringen zu der anderen Tochter der Urweltweisheit, zu dem, was vom Griechentum geblieben ist. Man muß so etwas empfinden, wenn man die intensive Sehnsucht Goethes nach dem Süden begreifen will. In den heutigen schulgemäßen Biographien steht allerdings nichts von diesen Sachen. Aber erst wenn in alles einzelne wiederum hineinklingt ein Bewußtsein davon, wie der Mensch ein Ausdruck des ganzen Kosmos ist, wird der Grund gelegt werden zu aufsteigenden Kräften, die die Menschheit eben notwendig hat, wenn die Zivilisation nicht in die Barbarei übergehen soll.
