Old and New Initiation Methods
Drama and Poetry in the Shift
of Consciousness in the Modern Era
GA 210
12 February 1922, Dornach
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Old and New Methods of Initiation, tr. Collis
5. Alte und neue Einweihungsmethoden II
Lecture VII
[ 1 ] Wenn man solche Auseinandersetzungen macht, wie sie gestern hier gepflogen worden sind, hat man natürlich nicht etwa immer im Sinne, daß darin eine Aufforderung zur Übung nach der Richtung liegen soll, auf die gedeutet wird in Hinsicht von Erlangung höherer übersinnlicher Erkenntnisse. Selbstverständlich liegt das auch darinnen, aber indem solche Dinge mitgeteilt werden, handelt es sich auch darum, daß sich eine Erkenntnis verbreitet von dem, was durch solche Übungen zu höherer Erkenntnis erlangt werden kann. Und wer nun erklärt, dies oder jenes ist möglich in bezug auf die Entwickelung des Menschen, der erklärt ja dadurch etwas über das Wesen des Menschen selbst. Hört man, daß ein Mensch, der eine Einweihung sucht, das Seelisch-Geistige loslösen kann von dem Physisch-Leiblichen entweder in der Art, wie ich es gestern dargestellt habe, wie es in den alten Mysterien geschehen ist, oder so, wie ich es, für die heutige Zeit geeignet, gleich nachher andeutungsweise darstellen will —, hört man, daß so etwas möglich ist, dann kann man eben wissen, daß das Seelisch-Geistige ein selbständiges Wesen ist, welches sein Dasein über das Leibliche hinaus hat. Man erlangt also aus den Mitteilungen, daß es höhere Erkenntnisse gibt, Erkenntnisse über die menschliche Wesenheit selbst, und das ist es, was zunächst wesentlich ist für die Verbreitung anthroposophischer Weistümer.
[ 1 ] Considerations such as those we embarked on yesterday are, of course, not necessarily set out for the purpose of inviting anyone to start practising what is needed for attaining super-sensible knowledge. To a certain extent this intention is, of course, also present. But the main reason is to make known what kind of higher knowledge can be attained by such means. A declaration stating that one thing or another is possible in man's development is, at the same time, a declaration about the intrinsic nature of the human being. It can be stated that the human being seeking initiation is capable of extricating his soul and spirit element from his physical body, either by the means described yesterday with reference to the ancient Mysteries, or by means suitable for today, which I am about to discuss briefly. A statement such as this shows that the element of soul and spirit is an independent entity which has its own existence over and above that of the body. So a discussion about higher knowledge is, at the same time, a revelation about the being of man; this is, in the first instance, what is important for the dissemination of anthroposophical wisdom.
[ 2 ] Ich habe gestern dargestellt, wie in den alten Mysterien das Körperliche behandelt worden ist, damit dieses Körperliche die Seele nach den beiden verschiedenen Richtungen hin freigeben konnte. Ich habe gesagt, die beiden wesentlichen Dinge, auf die es ankam in den alten Mysterien, waren: der Vergessenheitstrunk auf der einen Seite und das Hervorrufen von angstartigen, furchtartigen, schreckartigen Zuständen auf der andern Seite. Der Vergessenheitstrunk bewirkte ja allerdings, daß man die Erinnerung tilgte für alles, was zunächst aus dem gewöhnlichen Erdenleben in dem Gedächtnisse darinnen war. Aber dieses Negative war nicht die Hauptsache, sagte ich, sondern die Hauptsache war, daß das Gehirn während des Mysterien-Erkenntnisprozesses gewissermaßen wirklich leiblich verweicht wurde und daß dadurch das Geistige, das sonst aufgehalten wird, nicht aufgehalten wurde durch das Gehirn, daß es durchgelassen wurde und daß der Mensch dadurch gewahr wurde: Ja, ich habe ein ewiges SeelischGeistiges, das vor der Geburt beziehungsweise vor der Konzeption von mir vorhanden war.
[ 2 ] Yesterday I described how in the ancient Mysteries the bodily nature of man was treated so that it became able to free its soul nature in both directions. I said that the two main aspects of this in the ancient Mysteries were, on the one hand, the draught of forgetfulness, and, on the other hand, the occasioning of states of anxiety, fear, shock. The draught of forgetfulness, I said, wiped from memory everything pertaining to ordinary earthly life. But this negative effect was not the main point. The main point was that during the process of coming to Mystery knowledge the brain was actually made physically softer, as a result of which the spiritual element which is usually held off was no longer held off by the brain but allowed through, so that the pupil became aware of his soul and spirit element and knew that this had been in him even before birth, or rather, even before conception.
[ 3 ] Das andere ist, daß der übrige Organismus gewissermaßen erstarrte unter dem Einfluß der schreckhaften Tatsache. Wenn aber der Organismus erstarrt, dann saugt er nicht, wie das sonst der Fall ist, das Seelisch-Geistige auf, insofern sich dieses durch den Willen äußert. Es zieht sich das erstarrte Körperliche sozusagen einerseits zurück von dem Seelisch-Geistigen, und es wird andererseits das Seelisch-Geistige dem Menschen wahrnehmbar. Durch die Erweichung des Gehirnes wurde die Gedankenseite des Seelischen für die alten Mysterienschüler wahrnehmbar. Durch die Erstarrung des übrigen Organismus wurde die Willensseite wahrnehmbar. Und auf diese Weise bekam der Mensch durch die Einweihung eine Vorstellung von seinem SeelischGeistigen. Aber diese Vorstellung hatte einen durchaus traumhaften Charakter. Denn was war es denn eigentlich, was einerseits nach der Gedankenseite, andererseits nach der Willensseite frei wurde? Es war dasjenige, was aus geistig-seelischen Welten heruntersteigt und sich mit dem Physisch-Leiblichen des Menschen verbindet. Das wird erst durch den Besitz des Leibes fähig, sich der Sinne, sich des Verstandes zu bedienen, denn dazu ist der Leib notwendig. Ohne daß es sich des Leibes bedient, bleibt es traumhaft, bleibt es durchaus dumpf, dämmerig. So daß also der Mensch, indem er durch die geschilderten Vorgänge sein Seelisch-Geistiges losgelöst erhielt, dadurch eben ein Traumhaftes erhielt, allerdings ein Traumhaftes, in welchem in einer gewissen Weise durchaus ein gedankliches Element enthalten ist.
[ 3 ] The other aspect was the shock which caused the organism to become rigid. When the organism grows rigid it no longer absorbs the soul and spirit element in the way it usually does with regard to its expression in the will. On the one hand the rigid bodily organism withdraws from the element of soul and spirit, and on the other hand the element of soul and spirit becomes perceptible to the pupil. Through the softening of the brain the thought aspect of the soul became perceptible to the pupil of the ancient Mysteries, and through the rigidifying of the rest of the organism the will aspect became perceptible. In this way, initiation gave the pupil a perception, a picture of the element of soul and spirit within him. But this picture was dreamlike in character. For what was it that was freed on the one hand towards the thought aspect, and on the other hand towards the will aspect? It was that part which descends from realms of spirit and soul to unite with the physical, bodily nature of man. Only by taking possession of the body can it become capable of making use of the senses and of the intellect. It needs the body for these things. Without the use of the body these things remain dreamlike, they remain dull, twilit. So by receiving his detached soul and spirit element as a result of the processes described, the pupil received something dreamlike, which, however, also contained a thought element.
[ 4 ] Ich sagte schon gestern: Würde der Mensch dies heute wiederum ausführen oder noch so ausführen wie früher, so würde das einen krankhaften Zustand herbeiführen. Denn der Mensch ist im wesentlichen nach dem Mysterium von Golgatha in seiner Organisation so fortgeschritten, daß das intellektuelle Leben sich gegenüber den früheren, instinktiven Erkenntniszuständen verstärkt hat. Diese besondere Verstärkung des intellektuellen Lebens ist insbesondere seit dem 15. Jahrhundert über die Menschheit gekommen. Es ist außerordentlich bedeutsam, daß auch noch während des ganzen Mittelalters die Menschen gewußt haben, wenn sie zu höheren Erkenntnissen kommen wollen, wenn sie überhaupt ein in gewissem Sinne höheres menschliches Leben führen wollen, so ist dazu ein Loslösen des Seelischen von dem Leiblichen notwendig.
[ 4 ] As I said yesterday, if people were to follow these procedures today, the condition induced in consequence would be a pathological condition. For since the Mystery of Golgotha human beings have progressed in such a way that their intellect has become stronger by comparison with their earlier, more instinctive manner of knowing. This strengthening of intellectual life has come over mankind particularly since the fifteenth century. It is extremely significant that throughout the Middle Ages people still knew that in order to attain higher knowledge, or indeed to lead a higher kind of life, it was necessary to extricate the soul from the body.
[ 5 ] Wir hätten wahrscheinlich eine Dichtung innerhalb der deutschen Literatur über dieses mittelalterliche Wissen von dem Übersinnlichen, über dieses mittelalterliche Verhältnis zu dem Übersinnlichen, wenn Schiller dazugekommen wäre, sein von ihm projektiertes großes Drama «Die Malteser» auszuführen. Es ist eine außerordentlich interessante Erscheinung innerhalb des deutschen Geisteslebens, daß Schiller vorhatte gerade in den Jahren, in denen der Malteserorden durch Napoleon zugrunde gerichtet worden ist, ein Malteserdrama zu schreiben, nämlich die Belagerung der Insel Malta durch die Türken und die Verteidigung dieser Insel durch den Großmeister des Malteserordens, Lavalette. Schiller konnte offenbar dieses Drama nicht ausführen. Er hat dann den «Wallenstein» geschrieben, und die «Malteser» liegen lassen. Wir würden, wenn die «Malteser» von Schiller ausgeführt worden wären, ein Drama haben, aus dem deutlich ersichtlich wäre, wie in einem solchen Orden — und die Malteser sind noch aus den Vorgängen während der Kreuzzüge hervorgegangen —, der nach außen hin eigentlich auf humanitäre Handlungen, auf Gemeinwirksamkeit, auf Wohltätigkeitswirksamkeit und so weiter eingerichtet war, durchaus die Meinung herrschte, daß man so etwas nur vollführen könne, wenn man zu gleicher Zeit in einem gewissen Sinne zu einem höheren Leben aufsteigt.
[ 5 ] If Schiller had managed to write a great drama he had planned, Die Malteser (The Knights of Malta), German literature would probably have been all the richer for a work on this medieval knowledge about the super-sensible world, a work on the relationship of the Middle Ages to super-sensible matters. It is a most interesting aspect of German culture that, precisely in the years when Napoleon destroyed the Order of the Knights of Malta,1 Order of the Knights of Malta: In 1798 Napoleon seized and occupied Malta on his way to Egypt. Schiller was planning to write a drama about them, about the siege of Malta by the Turks and its defence by the grand master of the Order, de La Valette. Schiller was obviously prevented from writing this drama. He left it on one side and wrote Wallenstein (Wallenstein's Camp) instead. The Order of the Knights of Malta originated at the time of the Crusades. Schiller's drama would have shown clearly that the members of such an Order, which had the external task of working for the community and caring for the sick, considered that they could only do such work if they at the same time strove towards the attainment of a higher life.
[ 6 ] Man hatte in der Zeit, in welcher der Tempelherrenorden und der Johanniterorden — aus dem dann der Malteserorden geworden ist — gestiftet worden sind, ja, auch noch während des ganzen Mittelalters durchaus das Gefühl: Der Mensch muß sich verwandeln, bevor er in der richtigen Weise so etwas unternehmen kann. Es ist dieses ein Gefühl gegenüber dem Menschenwesen, das eigentlich in der neueren Zeit vollständig verlorengegangen ist, und das ist darauf zurückzuführen, daß eben der Intellekt des Menschen wesentlich intensiver, stärker geworden ist, so daß der neuere Mensch ganz und gar intellektuell ist, daß das Intellektuelle bei ihm ganz besonders vorliegt.
[ 6 ] At the time when the Order of the Knights Templar and the Order of the Knights Hospitaller of St John—which later became the Order of the Knights of Malta—were founded, and indeed throughout the Middle Ages, people had the certain feeling that human beings must first transform themselves before they can undertake such tasks in the right way. This is a feeling about the nature of the human being which has become entirely lost in more recent times. This can be put down to the fact that the human intellect has grown so much more intense and strong, with the result that modern man is totally intellectual because the intellectual aspect predominates entirely.
[ 7 ] In unserer Zeit ist wiederum eine starke Sehnsucht bei den Menschen vorhanden, das Intellektualistische zu überwinden. Was heute in der Literatur, namentlich im Journalismus hervortritt, spricht allerdings noch das Gegenteil aus, aber in den breiten Massen ist durchaus eine Sehnsucht vorhanden, das intellektualistische Element zu überwinden. Das zeigt sich insbesondere auch dadurch, daß nicht nur das Reden über Spirituelles heute in den weitesten Kreisen außerordentlich gut einschlägt, sondern daß auch so etwas, was — wie unsere Eurythmie — nicht aus Intellektuellem, sondern aus dem, was imaginativ dem Menschenwesen zugrunde liegt, hervorgeholt wird, wenn es auch noch nicht völlig verstanden wird, aber doch auf die weitesten Kreise heute schon einen Eindruck macht. Denn das hat sich ja bei den letzten Reisen, insbesondere aber bei der letzten Eurythmiereise gezeigt, daß die Eurythmie einen außerordentlich starken Eindruck auch auf diejenigen Kreise macht, die sie natürlich beim ersten Sehen, auf den ersten Anhub, nicht in ihrem tiefsten Wesen durchschauen können, die aber fühlen, daß da etwas ist, was aus tieferen Untergründen der menschlichen Natur herausgeholt worden ist, was mehr ist als das bloß Intellektualistische.
[ 7 ] Now, in our own time, there is once more a great longing amongst mankind to overcome the intellectual aspect. Though literature and, above all, journalism, still express the opposite, nevertheless amongst the broad masses of mankind there is a longing to overcome the intellectual element. One thing that shows this especially is the fact that talks about spiritual matters are extremely well received in the widest circles. Another thing, even though it is not yet fully understood, is the way our eurythmy impresses the widest circles—not intellectually, but in what comes from the imaginative foundation of human beings. This became very obvious during my more recent lecture tours and especially the recent eurythmy tour. Eurythmy makes a very strong impression, even in circles where it cannot be understood in its deepest sense when it is seen for the first time. Nevertheless, it is felt to be something which has been called up out of the profoundest foundations of human nature, something that is more than what comes out of the intellect.
[ 8 ] Nun, worauf beruht nun dieses Intellektualistische, das heute ganz besonders dem Menschen eigen ist? Ich möchte Ihnen das wiederum durch eine Art schematischer Zeichnung klarmachen [siehe S. 78, Tafel 6]. Ich sagte gestern: Wenn wir das menschliche Gehirn nehmen (weiß), so können wir uns vorstellen, daß durch dasjenige, was als der Vergessenheitstrunk aufgefaßt worden ist, eben das Geistig-Seelische, das sonst vor dem Gehirn Halt macht, das Gehirn durchdrang (rot), und daß gewissermaßen durch den alten Eingeweihten von innen herauf aufstieg das Geistig-Seelische durch das präparierte Gehirn. — Der Intellektualismus von heute beruht ja darauf, daß gegenüber dem älteren Menschen, sagen wir vor dem Mysterium von Golgatha, das Seelisch-Geistige beim heutigen Menschen innerlich stärker, intensiver geworden ist. Der ältere Mensch hat überhaupt nicht so viel Intellektualismus gehabt. Sein Seelisch-Geistiges prägte sich nicht zu solchen scharfen Gedankenlinien aus, wie das beim heutigen Menschen der Fall ist. Denn wenn man Intellektualist ist, so denkt man ja alles in geraden Linien. So dachte der ältere Mensch nicht. Der ältere Mensch dachte bildhafter, traumhafter, weicher, möchte ich sagen. Beim heutigen Menschen sind die Gedanken eckig, sind mit scharfen Konturen begabt. Aber dieser heutige Mensch könnte, trotzdem sein Seelisch-Geistiges stärker geworden ist als es in älteren Zeiten war, dennoch nicht vom Seelisch-Geistigen aus diese Gedanken fassen.
[ 8 ] Now what is this intellectual element which is so much a part of the human being today? Let me draw you another diagram. As I said yesterday, with regard to the human brain (white), we can imagine how, as a result of the draught of forgetfulness, the element of spirit and soul, which usually came to a halt before penetrating too far inwards, now penetrated the brain (red). In the pupil of the ancient Mysteries the element of spirit and soul then rose up through the brain which had been thus prepared. Compared with ancient times, let us say prior to the Mystery of Golgotha, today's intellectual faculties are as they are because the element of soul and spirit is inwardly much stronger and more intense. The people of ancient times were far less intellectual. Their soul and spirit element was not etched with such sharp lines of thought as is the case today. Intellectuals think in straight lines, which is not how people thought in more ancient times. In those days thoughts were more like pictures, they were dreamlike and softer. Now, thoughts are endowed with sharp edges, clear contours. Yet, even though the element of soul and spirit is much stronger than it used to be, human beings today are still nevertheless incapable of grasping these thoughts with their soul and spirit element.
[ 9 ] Verstehen wir uns recht, meine lieben Freunde. Der heutige Mensch hat schon gegenüber dem älteren ein gut Stück seelisch-geistiger Stärke. Er träumt nicht mehr so, wie der ältere Mensch geträumt hat, er strafft sich in seinen Gedanken. Dennoch würden diese Gedanken abgedämpft bleiben, wenn nur das Seelisch-Geistige beim modernen Menschen wirken müßte. Eigentlich kann jetzt der Mensch noch immer nicht von seiner Seele aus denken.
[ 9 ] Please do not misunderstand me, my dear friends. Human beings today are considerably stronger in their soul and spirit than were people of old. They dream less than did people of old, and their thoughts are firmer. But their thoughts would be just as dull today as they used to be, if the element of soul and spirit alone were at work in them. Even today, human beings cannot think out of their soul.
[ 10 ] Was dem Menschen die Kraft des Denkens abnimmt, das ist der Leib. Wenn wir zum Beispiel eine Sinneswahrnehmung haben, so haben wir sie allerdings mit dem Seelisch-Geistigen. Wenn wir sie dann aber denken wollen, diese Sinneswahrnehmung, dann muß uns der Leib helfen. Der Leib ist eigentlich der Denker. So daß also heute die Sache so ist: Die Sinneswahrnehmung wirkt auf den Menschen, das Seelisch-Geistige (rot oben) durchsetzt die Sinneswahrnehmung, aber der Leib wirkt wie ein Spiegel und wirft fortwährend die Gedankenstrahlen zurück (grüne Pfeile). Dadurch werden sie bewußt. Also der Leib ist das, was dem Menschen die Mühe des Denkens abnimmt, nicht aber die Mühe der Sinneswahrnehmungen. Und wenn nach dieser Gedankenseite hin der Mensch heute nach einer Einweihung streben will, dann muß er durch seine Übungen, die wir ja kennen aus «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und aus dem zweiten Teil der «Geheimwissenschaft im Umriß», das SeelischGeistige noch mehr verstärken; dann bringt er es allmählich dahin, dieses Seelisch-Geistige in sich so selbständig zu machen, daß es den Leib nicht mehr braucht.
[ 10 ] It is their body which relieves them of the power of thought. Sense perceptions are received by the element of soul and spirit. But to think these sense perceptions we need the help of our body. Our body is the thinker. So nowadays the following takes place: The sense perception works on the human being; the element of soul and spirit (red, top) penetrates and mingles with the sense perception; but the body acts like a mirror and keeps on throwing back the rays of thought (arrows). By this means they become conscious. So it is the body which relieves human beings of the effort of thinking, but it does not relieve them of the effort of perceiving with their senses. So today, if human beings want to strive for initiation with regard to the thought aspect, they must turn their exercises towards strengthening their element of soul and spirit even more. We know these exercises from Knowledge of the Higher Worlds and from the second part of Occult Science. Thus will they gradually make their soul and spirit element so independent that it no longer needs the body.


[ 11 ] Also verstehen wir uns richtig: Wenn heute im gewöhnlichen Leben gedacht wird, dann ist allerdings das Seelisch-Geistige tätig. Vor allen Dingen nimmt es die Sinneswahrnehmungen auf, aber es könnte nicht diejenigen Gedanken entwickeln, die heute entwickelt werden. Daher kommt der Leib und nimmt dem Menschen die Mühe des Denkens ab. Im gewöhnlichen Leben denkt man durchaus mit dem Leib, der Leib ist der Gedankenapparat. Wenn man die Übungen macht, von denen in den genannten Büchern die Rede ist, dann wird die Seele durch diese Übungen so stark, daß sie nicht mehr den Leib zum Denken braucht, daß sie selbst denkt. Und das ist im Grunde die erste Etappe der Entwickelung zum höheren Erkennen hin, daß das Seelisch-Geistige anfängt, den Leib für die höhere Erkenntnis als das eigentliche Denkorgan abzusetzen. Es muß nur immer wieder betont werden, daß der Mensch, indem er zur höheren Erkenntnis, also zur Imagination aufrückt, immer neben sich mit seinem gesunden Menschenverstand bleibt als einer, der sich selber kontrolliert, sich selber kritisiert. Also man bleibt daneben derselbe, der man sonst auch im gewöhnlichen Leben ist. Es entwickelt sich nur der zweite Mensch aus dem ersten Menschen heraus, der dann fähig ist, nicht mehr mit Hilfe des Leibes, sondern ohne die Hilfe des Leibes zu denken.
[ 11 ] So let us understand one another: When we think in ordinary life today, our element of soul and spirit does participate. Above all it takes in the sense perceptions. But it would be incapable by itself of developing the thoughts which are developed today. So the body comes along and relieves us of the effort of thinking. In ordinary life we think with our body, our body is our thinking apparatus. If we pursue the exercises described in the books mentioned, our soul will be strengthened to such an extent that it would no longer need the body for thinking but would itself be able to think. This is, basically, the first step on the path towards higher knowledge; it is the first step when the soul and spirit element begins to dismiss the body as the organ that does the thinking so far as higher knowledge is concerned. And it cannot be stressed often enough that a person who ascends to higher knowledge—that is, to Imagination—must remain at his own side with his ordinary good sense, keeping a watch on himself and being his own critic. In other words, he must remain the same person he always is in ordinary life. But out of the first person that second one develops, capable now of thinking without the help of the body, instead of with it.


[ 12 ] Also das, was sich als Geistig-Seelisches dem alten Mysterienschüler offenbarte, das kam aus dem Leibe heraus, drang durch das Gehirn durch und im Herausquillen gewissermaßen nahm es der Mensch wahr. Das aber, was der Mensch heute wahrnimmt als ein Eingeweihter, das ist verstärktes Denken, das nun ganz und gar nicht das Gehirn in Anspruch nimmt. Während also der alte Mensch das, was er als Geistig-Seelisches wahrnahm, aus seiner Organisation herauszog, nimmt der Mensch heute das Seelisch-Geistige nach der Gedankenseite hin so wahr, daß es in ihn hereindringt, wie Sinneswahrnehmungen in ihn hereindringen. Der Mensch, indem er diese erste Stufe der höheren Erkenntnis erklimmt, muß sich daran gewöhnen, zu sagen: Ich beginne, mich selber meinem ewigen Seelisch-Geistigen nach wahrzunehmen, denn das dringt durch mein Auge, das dringt überhaupt von außen in mich herein.
[ 12 ] The element of spirit and soul which revealed itself to the pupil of the ancient Mysteries came out of the body and penetrated through the brain, and as it oozed forth the pupil perceived it. Today what is perceived in initiation is a strengthened thinking which does not in any way make use of the brain. The pupil in ancient times drew what he saw in the way of spirit and soul out of his own bodily organization. Today the human being perceives the soul and spirit element, as far as thoughts are concerned, in such a way that they penetrate into him in the same way as sense perceptions penetrate into him. In taking this first upward step towards higher knowledge the human being must accustom himself to saying: I am beginning to perceive myself with regard to my eternal element of soul and spirit, for this comes in through my eyes, it comes in from outside in every way.
[ 13 ] Ich habe bei einem öffentlichen Vortrag im Basler Bernoullianum gesagt: Die Geisteswissenschaft in anthroposophischem Sinne muß das Sinneswahrnehmen als ihr Ideal betrachten. Man muß vom Sinneswahrnehmen weiterschreiten. Man darf nicht zurück zum traumhaften Erkennen gehen, sondern man muß zu einem klareren Erkennen schreiten, als es dieses Wahrnehmen ist. Daher muß unser eigenes Wesen an uns herankommen, wie die Farben und wie die Töne an die Sinne herankommen.
[ 13 ] In a public lecture2 See the lecture of 2 November 1921 in Rudolf Steiner, Anthroposophie und Wissenschaft, Dornach GA 75 (not yet published). in the Bernoulli Hall in Basel I said: Anthroposophical spiritual science has to regard perception through the senses as its ideal. We have to take our start from perceiving with our senses. We must not return to dreamlike perception, but have to go forward to even clearer perception than that of perceiving with our senses. Our own being must come towards us, just as colours and sounds come towards our senses.
[ 14 ] Sehen Sie, wenn der Mensch aus der geistig-seelischen Welt heruntersteigt zur physischen Verleiblichung, dann ist sein Seelisch-Geistiges so, daß es gewissermaßen für die seelisch-geistige Welt stirbt; indem der Mensch konzipiert wird, sich zur Geburt anschickt, stirbt er für die geistige Welt. Wenn der Mensch hier für die physische Welt stirbt, so wird er, indem er durch die Pforte des Todes geht, für die geistige Welt geboren. Das sind nur relative Begriffe. Stirbt man für die geistige Welt, wird man physisch geboren; stirbt man für die physische Welt, wird man geistig geboren. Tod in der physischen Welt bedeutet geistige Geburt; Geburt in der physischen Welt bedeutet geistigen Tod. Das sind, wie gesagt, ja nur relative Begriffe. Was da in der Seele auftritt, wenn sie hin zur Geburt schreitet, das ist in der Tat etwas, was in der geistigen Welt nicht weiter fortbestehen könnte, was in der geistigen Welt zerfallen würde und was zu einem Leiblichen hinläuft, damit es sich weiter erhalten kann.
[ 14 ] I showed two things in the last diagram. Both this (top) and this (bottom), the element of soul and spirit, are supposed to be one and the same thing. And they are one and the same, but seen from different sides. When a human being descends from the world of spirit and soul to physical incarnation, his element of soul and spirit, in a way, dies from the point of view of the soul and spirit world. When a human being is conceived and prepares to be born he dies as regards the spiritual world. And when he dies here in the physical world and goes through the portal of death he is born in the spiritual world. These concepts are relative. We die in respect of the spiritual world when we are born. And when we die in respect of the physical world we are born in the spirit. Death in the physical world signifies spiritual birth, birth in the physical world signifies spiritual death. Birth and death, then, are relative concepts. There is something which makes its appearance when the soul is on its way to birth, something that would not be capable of surviving in the spiritual world; it would disintegrate in the spiritual world, and so it streams towards a physical body in order to preserve itself.
[ 15 ] So daß man also, wenn man es nun schematisch zeichnen will, etwa so zeichnen müßte: Das Geistig-Seelische (rot von links) steigt aus der geistig-seelischen Welt herab. Es ist, man möchte sagen in einer Sackgasse angekommen; es kann jetzt nicht weiter, es muß sich mit physischer Materialität ausstatten (blau). Aber die physische Materialität wirkt eigentlich nur so, wie ich es jetzt eben beschrieben habe, vom Gehirn aus, nicht vom übrigen Menschen aus. Vom übrigen Menschen aus geht doch wieder das Geistig-Seelische, das sich gewissermaßen dadurch erholt, daß es vom Gehirn nicht durchgelassen wird, daß es im Gehirn eine Widerlage, eine Unterstützung hat. Dadurch wird es dem Geistig-Seelischen wiederum möglich, nun doch durch die übrige menschliche Organisation, also namentlich durch die Gliedmaßen-Stoffwechselorganisation, sich selber sich entgegenzustellen (rot rechts). Man könnte also sagen: Was ich hier blau gezeichnet habe, das ist die Kopforganisation. Hier ist dann die Gliedmaßen-Stoffwechselorganisation (gelb); die saugt zwar im normalen Zustande das Seelisch-Geistige auf, aber doch nur bis zu einem gewissen Grade. Schon indem wir von Kindheit aufwachsen, kommt eigentlich das Geistig-Seelische immer wieder zum Vorschein. In dem Momente, wo der Mensch konzipiert wird, und während er ein Embryo, ein Keim im Leibe der Mutter ist, wird gewissermaßen das ganze Geistig-Seelische, das aus der geistig-seelischen Welt herunterkommt, untergetaucht in das Materielle. Aber dadurch, daß es eine Stütze bekommen hat, dieses Geistig-Seelische, erholt es sich wiederum. Der Embryo hat die Form, die das schon äußerlich zeigt: zunächst die Kopforganisation, da findet das Geistig-Seelische eine Stütze (siehe Zeichnung). Dann setzt sich die übrige Organisation an; da quillt schon das Geistig-Seelische wiederum durch — das habe ich hier schematisch gezeichnet.
[ 15 ] In a diagram it can be depicted like this: The element of spirit and soul (red coming from the left) descends from the spirit and soul world. It arrives, you might say, in a cul-de-sac; it can go no further and is forced to equip itself with physical matter (blue). But the physical matter actually only works in the way I have described—from the brain, but not from the rest of the organism. As regards the rest of the organism the spirit and soul element does indeed travel onwards, having recovered through not being allowed to pass by the brain, through finding resistance and support in the brain. It is able, after all, to come to meet itself (red, right) throughout the rest of the organism, especially the system of limbs and metabolism. This blue part in the drawing is the head organism. Here (yellow) is the system of limbs and metabolism; under normal conditions it absorbs the element of soul and spirit, but only to a certain extent. As we grow up from childhood our spirit and soul element keeps making an appearance. At the moment of conception, and all through the embryonic stage in the mother's womb, the element of spirit and soul descending from the spiritual world is absorbed into matter. But because it finds a support it recovers again. Because of the shape of the embryo, at first that of the head, the element of spirit and soul finds a support (see drawing). Then the rest of the organism begins to grow, and once again the element of spirit and soul oozes through, as I have shown in the diagram.
[ 16 ] Indem wir nun als Kind heranwachsen, da wird immer wieder das Geistig-Seelische selbständig, beim Kinde noch nicht so stark, aber immer mehr und mehr wird das Geistig-Seelische selbständig. Ich habe ja, indem ich die Entwickelung des Kindes beschrieben habe, dies im einzelnen ausgeführt; auch wie dieses Geistig-Seelische dann bei den großen Übergangspunkten, beim Zahnwechsel und bei der Geschlechtsreife, immer selbständiger und selbständiger wird. So daß wir, indem wir als Mensch heranwachsen, immer mehr das LeiblichPhysische zurücktreten lassen und ein selbständiges Geistig-Seelisches bekommen. Dieses Selbständige ist beim heutigen Menschen intensiver als beim älteren Menschen. Aber es könnte doch nicht denken. Es braucht eben, wie ich sagte, den Leib zur Hilfe, wenn es denken will. Sonst bliebe gerade auch das, was dann an uns heranwächst, immer traumhaft.
[ 16 ] As we grow up through childhood our element of spirit and soul gradually becomes ever more independent. I have often described this in detail and also shown how at major points of transition, such as the change of teeth and puberty, the element of spirit and soul becomes increasingly independent. As we grow up our physical body recedes more and more as we attain an independent spirit and soul element. This independent element is more intense today than it was in ancient times. But it would still be incapable of thinking. As I have said, it needs the help of the body if it wants to think. If this were not there, whatever grew towards us would remain forever dreamlike.
[ 17 ] So kann man also sagen: Der ältere Eingeweihte suchte, das Gehirn durchlässig zu machen, so daß das frühere Geistig-Seelische, das da herunterstieg, für ihn noch durchquillen konnte, daß er also gewissermaßen das vorgeburtliche Leben noch wahrnahm durch das verweichte Gehirn. Der neuzeitliche Eingeweihte, der reflektiert nicht darauf, sondern der reflektiert auf das, was sich im Laufe des Lebens herausbildet. Das erweckt er zu einer höheren Intensität nach der Gedankenseite hin. Der ältere Eingweihte hätte das nicht gekonnt. Der hätte das, was sich beim Kinde in dumpfer Weise als das neue Geistig-Seelische entwickelt, was dann später durch die 'Todespforte geht, nicht so stark anfassen können. Er tötete daher gewissermaßen das Leibliche ab, er lähmte es herunter, damit das alte Geistig-Seelische herauskam, das früher war, bevor er konzipiert beziehungsweise empfangen worden war.
[ 17 ] Initiates in ancient times strove to make their brain porous, so that what was then the element of spirit and soul could ooze through as it descended; in a certain way they could still see their life before birth through their softened brain. Today initiates are not concerned with that; they are concerned with what evolves during the course of life. This awakens a higher intensity with regard to the thought aspect. Initiates in ancient times would not have been capable of this. They would have been unable to take such a firm hold of the new spirit and soul element that begins to develop in the child—to begin with in an unclear way, and which later passes through the portal of death. In a way they slew the physical aspect, they paralysed it, so that the element of spirit and soul could emerge that had existed before conception.
[ 18 ] Heute fassen wir dasjenige, was wir in schwacher Weise durch die Kindheit bis zum Erwachsensein entwickeln, stärker an, so daß wir also das, was sich seit der Geburt als das neue Geistig-Seelische entwickelt, erkraften, verstärken. Dadurch versuchen wir ein selbständiges Geistig-Seelisches gegenüber dem Leibe nach der Gedankenseite hin zu bekommen. Während also der alte Eingeweihte das vorgeburtliche Geistig-Seelische durch die Herabdämpfung des Leibes offenbar machte, versuchen wir offenbar zu machen, was sich nach der Geburt als Geistig-Seelisches immer mehr und mehr herausentwickelt; aber wir machen es nicht bis zu der Stärke offenbar, in der wir es gebrauchen, um selbständig die geistige Welt wahrzunehmen. Das ist der Unterschied.
[ 18 ] Today we take a firmer hold of what we develop—at first in a weak way—through childhood and into adulthood, strengthening and reinforcing the new element of spirit and soul that has been developing since birth. We endeavour to achieve independence of our spirit and soul element over against our physical body, as far as our thought life is concerned. The pupil in ancient times made manifest the element of spirit and soul belonging to him before birth by toning down his physical body. We today endeavour to make manifest that element of spirit and soul which develops more and more from birth onwards. But we do not make it manifest to a degree which would be necessary in order to be able to see independently into the spiritual world. This is the difference.
[ 19 ] Nach der Willensseite hin ist es so: Der alte Eingeweihte versuchte, wie gesagt, die Willensorganisation erstarrt zu machen. Dadurch wurde das Geistig-Seelische, das sonst durch die Willensorganisation aufgesogen wird, für ihn wiederum wahrnehmbar, also dasjenige, was da war vom Vorgeburtlichen. Wenn der Körper erstarrt ist, so saugt er eben nicht das Geistig-Seelische auf; dadurch wird es in seiner Selbständigkeit offenbar. Das machen wir wiederum nicht als moderne Eingeweihte, sondern da wird anders vorgegangen. Da wird nun wiederum der Wille verstärkt, indem die Kraft des Wollens in der Weise, wie ich das in den genannten Büchern dargestellt habe, umgewandelt wird. Es wäre ganz falsch, wenn durch Schocks, durch Angstzustände, durch Schreckzustände, wie beim alten Eingeweihten, kataleptische Zustände herbeigeführt würden. Das würde beim modernen Menschen mit seiner stark entwickelten Intellektualität ganz und gar ins pathologische Gebiet gehören. Das darf also nicht sein. Dagegen wird zum Beispiel durch Rückwärtsübungen — wo man gewissermaßen nicht vorwärts vorstellt, sondern, wie bei der Rückschau, die Tageserlebnisse von rückwärts nach vorn, vom Abend zum Morgen durchnimmt — oder auch durch andere Willensübungen der Wille umgewandelt in einer Weise, die ich etwa so charakterisieren kann: Betrachten Sie das menschliche Auge. Wie muß es denn gestaltet sein, damit wir sehen können? Wenn wir starkrank werden, macht sich die Materie des Auges selbständig geltend. Das Auge kleidet sich aus mit Materie, die dann undurchsichtig wird. Das Auge muß selbstlos sein, selbstlos in den Organismus eingefügt sein, wenn wir es zum richtigen Sehen brauchen wollen, es muß durchsichtig sein. Unser Organismus ist für den Willen durchaus nicht durchsichtig. Ich habe es Ihnen ja öfter dargestellt. Wir können einen Gedanken haben, sagen wir, daß wir den Arm, die Hand erheben wollen. Wir fassen den Gedanken: Ich will den Arm, die Hand erheben. — Aber was dann geschieht in unserem Organismus, indem dieser Gedanke hinüberschießt in den Organismus und die Ausführungen macht. Das ist ebenso in Dunkel gehüllt wie die Ereignisse, die zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen vor sich gehen. Wir sehen erst wiederum den erhobenen Arm, die erhobene Hand. Also wir haben wiederum eine Vorstellung. Anfangsvorstellung und Endvorstellung schließen sich zusammen; was in der Mitte drinnen liegt, das ist ein Schlafzustand. Der Wille entfaltet sich so im Unbewußten für den Menschen, wie sich die Ereignisse des Schlafes im Unbewußten entfalten. Wir können ganz gut sagen: In bezug auf das Durchschauen des Willens ist unser Organismus undurchsichtig für das gewöhnliche Bewußtsein, wie ein starkrankes Auge undurchsichtig wäre.
[ 19 ] As regards the will, the situation is as follows. The initiate in ancient times endeavoured to paralyse his will organization. This made it possible for him to perceive the element of spirit and soul he had from before his birth and which was normally absorbed by his will organization. If the body is rigid it does not absorb the element of spirit and soul, and so it is revealed independently. As modern initiates we do not do this; we do it differently. We strengthen our will by transforming the power of will in the manner described in the books already mentioned. It would be quite wrong to bring about a cataleptic condition by means of shocks or anxiety states as was the case in the ancient Mysteries. For modern man, with his highly-developed intellect, this would be something quite pathological. This must not be allowed to happen. Instead we use retrospective exercises—remembering backwards what has happened through the day—and also other will exercises to transform our will in a way which might be described as follows: Consider the human eye. What must be its constitution if we are to be able to see? A cataract comes about when the physical matter of the eye makes itself independent so that it dresses itself up in physical matter which is not transparent. The eye must be selfless, it must be selflessly incorporated in our organism if we are to use it for seeing; it must be transparent. Our organism is most certainly not transparent for our will. As I have often said, we can think that we want to raise our hand. We form the thought: I want to raise my hand. But what then happens in our organism as this thought slips over into it and performs the action—this is as obscure for us as are the events which take place between going to sleep and waking up. The next thing we see is our raised hand, another perception. We perceive something at the beginning and we perceive something at the end, but what lies in between is a state of sleep. Our will unfolds in the unconscious just as much as the events of sleep unfold in the unconscious. So we can rightly say that for ordinary consciousness our organism is as untransparent as regards perceiving how the will functions as is an eye afflicted with cataract.
[ 20 ] Selbstverständlich will ich nicht sagen, daß der menschliche Organismus deshalb krank sei. Er muß eben so undurchsichtig sein für das gewöhnliche praktische Leben. Das ist sein normaler Zustand. Aber für die höhere Erkenntnis kann er so nicht bleiben, da muß er durchsichtig werden, seelisch-geistig durchsichtig. Das geschieht eben durch die Willensübungen. Der Organismus wird so, daß wir ihn durchschauen können, daß wir also nicht mehr in ein Unbestimmtes hinunterschauen, wenn der Wille sich entfaltet, sondern er wird so selbstlos wie das Auge in seiner Substantualität selbstlos in den Organismus eingesetzt ist, damit wir die äußeren Gegenstände richtig sehen. Wie das Auge selbst durchsichtig ist, wird der Organismus geistig-seelisch durchsichtig, wird der ganze Organismus ein Sinnesorgan. Dadurch nehmen wir nach der Willensseite hin objektiv die geistigen Wesenheiten wahr, wie wir durch das äußere Auge die äußeren physischen Gegenstände wahrnehmen. Also die Willensübungen gehen bei uns nicht darauf aus, den Körper zu erstarren, damit das Geistig-Seelische frei werde, sondern sie gehen darauf aus, das Geistig-Seelische so zu entwickeln, daß es durch das Körperliche hindurchschauen kann. Das ist das Wesentliche. Man sieht in die geistige Welt nur hinein, wenn man durch sich selber hindurchschaut. So wie man die äußeren Gegenstände, die man sieht, durch das Auge nur sieht, indem man durch das Auge durchschaut, so sieht man in die geistige Welt nicht direkt hinein, sondern indem man durch sich selber durchschaut.
[ 20 ] Of course I do not mean that the human organism is ill because of this. For ordinary, everyday life it has to be untransparent. This is its normal condition. But it cannot remain so for higher knowledge; it has to become transparent, it must become transparent for soul and spirit. This is achieved by means of the will exercises. Our organism then becomes transparent. We then no longer look down into something indeterminate when our will works, for our organism becomes as selfless as the eye, which is set selflessly into our organism so that we may perceive external objects properly. Just as the eye is in itself transparent, so our organism becomes transparent with regard to the element of spirit and soul; our whole organism becomes a sense organ. Thus, with regard to the will, we perceive the spiritual beings as objectively as we perceive external physical objects through our external eyes. Our will exercises are not aimed at making our body rigid in order to free our element of spirit and soul. They are aimed at developing the element of soul and spirit to such an extent that it becomes capable of seeing through the physical body. This is the main point. We see into the spiritual world only if we look through ourselves. We see external objects with our eyes only by looking through our eyes. And we do not see into the spiritual world directly, but only by looking through ourselves.
[ 21 ] Das ist die andere Seite, die Entwickelung nach der Willensseite. Also die ganze Entwickelung beruht in der neueren Zeit darauf, daß man erstens das Denken erstarkt, so daß es unabhängig wird vom Gehirn, und zweitens, daß man den Willen so gestaltet, daß der ganze Mensch durchsichtig wird. Man kann nicht durch das Blitzblaue in die geistige Welt hineinschauen, ebensowenig wie man ohne das Auge in die Farbenwelt hineinschauen kann. Man muß durch sich durchschauen. Das aber geschieht durch die Willensübungen.
[ 21 ] This is the other side: development with regard to the will. The whole of evolution in recent times depends, firstly, on our developing our thinking to an extent which makes it independent of the brain, and secondly, on our developing our will to an extent that the whole human being becomes transparent. It is impossible to see into the spiritual world through a vacuum, just as it is impossible to see the world of colours without looking through the eye. We have to look through ourselves, and this is brought about by means of the will exercises.
[ 22 ] Da haben Sie jetzt für den modernen Menschen, was eben durch die Initiation ausgeführt werden kann. Es kann sowohl nach der Gedankenseite hin das Seelisch-Geistige unabhängig gemacht werden von dem Leiblichen als auch der Leib in seiner Materialität überwunden werden kann, indem er geistig-seelisch durchsichtig wird. Dadurch haben Sie das durch seine eigene Kraft selbständig gewordene Geistig-Seelische gegeben. Das ist der große Unterschied zwischen der alten und der neuen Einweihung. Die alte Einweihung veränderte den Leib, änderte ihn nach der Gehirnseite, nach der Seite des übrigen Organismus, und dadurch, daß der Leib verändert wurde, wurde das Seelisch-Geistige in einer dumpfen Weise wahrnehmbar. Die moderne Einweihung verändert das Geistig-Seelische, macht es in sich stärker nach der Gedankenseite und nach der Willensseite hin und macht es dadurch auf der einen Seite vom Gehirn unabhängig, auf der andern Seite so stark, daß es durchschaut durch den Organismus.
[ 22 ] This, then, is for modern man what can be carried out by initiation. On the one hand, with regard to thinking, the element of soul and spirit can be made independent of the body, and on the other hand the material nature of the body can be overcome so that it becomes transparent for spirit and soul. Thus the element of spirit and soul has become independent through its own strength. This is the great difference between ancient and modern initiation. Ancient initiation transformed the physical body—the brain on the one hand, and the rest of the organism on the other—and, because the body was transformed in this way, the element of soul and spirit became faintly perceptible. Modern initiation transforms the element of spirit and soul, strengthening it with regard to the thought aspect on the one hand, and the will aspect on the other; thus it becomes independent of the brain, and at the same time so strong that it can see through the rest of the organism.
[ 23 ] Das bedingt allerdings, daß der alte Eingeweihte dasjenige, was er wahrnehmen konnte, gewissermaßen gespensterhaft sah. Es trat, nachdem die entsprechenden Prozeduren abgelaufen waren, gespensterhaft das auf, was sich als das Wesenhafte der geistigen Welt offenbaren konnte. Man sah die geistige Welt, ich möchte sagen in ätherischen Gebilden. Und die große Sorge der Lehrer der alten Mysterien war die, daß die Schüler, trotzdem sie die Wahrnehmungen aus der geistigen Welt heraus gespensterartig sahen, lernten, von dem Gespensterartigen abzusehen. Immer wieder und wieder gingen die Ermahnungen der Lehrer der alten Mysterien dahin, den Schülern klarzumachen: Ihr seht etwas, was wie materiell aussieht, aber ihr müßt das wie Bilder anschauen. In dem, was ihr seht, in diesem Gespensterhaften, habt ihr nur die Bilder der geistigen Welt. Ihr müßt nicht glauben, daß ihr in dem, was ihr da gespensterartig um euch herum seht, die wahre Wirklichkeit habt — wie ja auch der Kreidestaub auf der Tafel, wenn ich etwas aufzeichne, nicht die Wirklichkeit ist, sondern dasjenige, was abgebildet wird. Natürlich sagte man das nicht mit solchen Worten, aber in modernerer Art könnte man es so ausdrücken. Das war die große Sorge der alten Mysterien, daß die Schüler nicht das für Wirklichkeit hielten, was sie da traumhaft gespenstig sahen, sondern daß sie es als Bilder hinnahmen.
[ 23 ] What the initiate saw in olden times appeared in ghostly form. Whatever beings of the spiritual world were able to reveal themselves when the procedure had been completed, appeared in a ghostly form. I could say that the spiritual world was seen in etheric shapes. The great anxiety of the teachers in the ancient Mysteries was that the pupils, despite the fact that what they saw of the spiritual world was ghostly, would learn to disregard this ghostly aspect. Ever and again they warned their pupils: What you are seeing appears to be material, but you must regard it as a picture; these ghostly things that you are seeing are only pictures of the spiritual world; you must not imagine that what you see around you in a ghostly form is actual reality. In a similar way, when I draw on the blackboard the chalk marks are not reality but only an image. Of course this expression was not used in olden times, but in modern terms it is a good way of putting it. It was the great concern of the teachers in the ancient Mysteries that their pupils should regard as pictures what they saw in a dreamlike, ghostly form.
[ 24 ] In der modernen Einweihung hat man eine andere Sorge. Da kommt man überhaupt nur zum Erkennen der höheren Welt, indem man durch die imaginative Erkenntnis schreitet. Da lebt man also in einer Welt von Bildern; da sind die Bilder von vornherein in ihrem Bildcharakter da. Also der Verwechslung ist man nicht ausgesetzt, man hat zunächst einen Bildcharakter. Aber daß man diese Bilder in der richtigen Weise beurteilen kann, daß man weiß, wie man diese Bilder auf die geistige Realität zu beziehen hat, das muß man dadurch erreichen, daß man das exakte Denken, das man sich angeeignet hat als moderner Mensch, nun auf die Bilderwelt anwendet, daß man wirklich in dieser Bilderwelt denkt, wie man denken gelernt hat in der gewöhnlichen physischen Welt. Jedes gedankenlose Anschauen ist für die moderne Initiation von Schaden. Es muß alles dasjenige, was man an gesundem Denken als moderner Mensch entwickelt hat, in die höhere Erkenntnis hineingetragen werden. So wie man sich in der gewöhnlichen physischen Welt orientieren kann, wenn man ordentlich denken kann, so kann man sich erst recht in der Welt des Geistes, in die man durch die moderne Initiation eintritt, nur dann orientieren, wenn man alles das, was man durch imaginative, inspirierte, intuitive Erkenntnis erlangt, in der richtigen Weise mit dem Denken zu durchsetzen vermag, das man sich hier in der physischen Welt angeeignet hat. Ich habe ja das in meiner «Theosophie», wie in meiner «Geheimwissenschaft» und auch in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» immer mit völliger Deutlichkeit ausgesprochen als ein Charakteristikum der modernen Einweihung.
[ 24 ] In modern initiation there must be anxiety on a different score. Here, knowledge of the higher worlds can only be achieved at all by means of Imagination. Here we have to live in a world of pictures; the pictures have a picture character from the start. There is no danger of mistaking them in their picture character for anything else. But we have to learn to assess them correctly. In order to know how to relate these pictures to the spiritual reality they represent, we have to apply to them the exact thought processes we have acquired as modern human beings. We really have to think within this world of pictures in the very way we have learnt to think in the ordinary physical world. Every thoughtless glance is damaging to modern initiation. All the healthy ways of thinking we have developed as modern human beings must be brought to bear on higher knowledge. Just as we can find our way about the ordinary physical world if we can think properly, so can we only find our way about in the world of the spirit—which we enter through modern initiation—if we are able to penetrate with the thinking we have gained here in the physical world into all the knowledge we attain through Imagination, Inspiration, Intuition. In my book Theosophy,3 Rudolf Steiner Theosophy, Anthroposophic Press, New York 1986. as well as in Occult Science and Knowledge of the Higher Worlds, I have always stated categorically that this is a characteristic of modern initiation.
[ 25 ] Deshalb ist es auch so notwendig, daß jeder, der in dem neueren Sinne in die höheren Welten eindringen will, wirklich exakt denken lernt und sich im exakten Denken übt. Das ist nämlich nicht so leicht, wie die Menschen sich es vorstellen. Ich will, um das, was ich eigentlich meine, verständlich zu machen, folgendes sagen: Denken wir einmal etwas ganz Prägnantes. Sagen wir, es würde diese verehrte Gesellschaft hier morgen dadurch überrascht werden — es ist ja selbstverständlich eine Hypothese — daß hier im Goetheanum, nun, sagen wir Lloyd George erscheint. Ich will eben einen extremen Fall anführen. Nun, wenn morgen hier Lloyd George erschiene, so würden Sie alle bestimmte Gedanken, bestimmte Empfindungen haben. Aber diese Gedanken, diese Empfindungen, die Sie haben würden, die würden nicht bloß dadurch entstehen, daß Sie von dem Augenblick, wo dieser Lloyd George erscheint, bis zu dem Augenblick, wo er wieder weggeht, alles das, was Sie sehen, verfolgen. Um das zu verfolgen, brauchten Sie ja gar nicht zu wissen, daß er Lloyd George ist. Sie würden dann an ihm nur wahrnehmen können, was man eben an einem Menschen, der einem ganz unbekannt ist, sehen kann. Ehe Sie nicht in die Lage kommen, von allem abzusehen, was Sie über irgend etwas, das Sie in solcher Weise wahrnehmen, von anderswoher schon wissen und empfinden, ehe Sie nicht bloß das rein verfolgen können, was Sie sehen, eher denken Sie nicht exakt. Sie denken erst dann exakt, wenn Sie imstande sind, falls morgen Lloyd George erscheint, hier nichts anderes über ihn zu denken und zu empfinden, als was der reine Eindruck hervorruft, von dem ersten Moment, wo Ihr Auge auf ihn aufmerksam wird, bis zu dem Moment, wo er Ihrem Auge wiederum entschwindet. Alles das, was Sie früher gewußt haben, müssen Sie ausschalten. Alles das, worüber Sie sich geärgert haben über ihn oder was Sie entzückt hat an ihm, müssen Sie ausschalten, und nur, was er Ihnen in der reinen Anschauung darbietet, das müssen Sie auffassen. Nur dadurch lernt man genau der Wirklichkeit gemäß denken.
[ 25 ] That is why it is so important that anyone who desires to enter into the higher worlds in a modern way should learn to think with exactitude and practise thinking with exactitude. This is not as easy as people suppose. To help you understand what I mean let me say the following: Think of something really startling: Suppose our present respected company were to be surprised tomorrow here in the Goetheanum by a visit from, say, Lloyd George4 David Lloyd George, 1863-1945. British Prime Minister from 1916 to 1922. of course this is only hypothetical, but I want to give an extreme example. If Lloyd George were to turn up here tomorrow you would all have certain thoughts and certain feelings. These thoughts and feelings would not be the result of simply observing all that went on from the moment of his appearance until the moment of his departure. In order to simply follow all this, you would not need to know that it was Lloyd George. If you did not know who it was, you would simply note whatever can be noted with regard to somebody who is entirely unknown to you. Until you learn to disregard everything you already know and feel from elsewhere about something you are observing, as long as you cannot simply follow what is going on without any of this, you are not thinking with exactitude. You would only be thinking with exactitude if you were capable—should Lloyd George really appear here tomorrow—of entertaining thoughts and feelings which applied solely to what actually went on from the moment you first noticed him to the moment when he disappeared from view. You would have to exclude every scrap of prior knowledge. You would have to exclude everything that had irritated you and everything that had pleased you about him and take in only whatever there was to take in at that moment. Only in this way is it possible to learn to think in accordance with reality.
[ 26 ] Denken Sie, wie weit die Menschheit davon entfernt ist, genau der Wirklichkeit gemäß zu denken! Lassen Sie irgend etwas in Ihrer Seele rege werden, so werden Sie sehen, wieviel Sie von den in der Seele lebenden, verborgenen, unbewußten, unterbewußten Empfindungen heraufsteigen lassen. Es ist die größte Schwierigkeit, sich auf das zu beschränken, was man bloß gesehen hat. Versuchen Sie, etwas zu lesen, wo irgend jemand etwas beschreibt, und fragen Sie sich: Beschreibt er bloß das, was er gesehen hat, oder ruft er nicht hunderte und hunderte von vorgefaßten Empfindungen und Gefühlen hervor, die da drinnen mitsprechen? — Und dennoch: Nur wenn man in der Lage ist, sich rein auf das zu beschränken, was man gesehen hat, dann ist man imstande, allmählich zu einem genauen Denken zu kommen.
[ 26 ] Just think how far human beings are from being able to think with exactitude as regards reality! Only let something stir in your soul and you will see what feelings, living hidden and unconscious in your soul, you allow to rise up. It is extremely difficult to confine oneself solely to what one has seen. Read a description of something and then ask: Is the writer merely describing what he saw or is he not also calling up hundreds and hundreds of prejudices, both in feeling and in thinking, which are bound up with it? Only if you are capable of restricting yourself solely to what you have seen will you be in a position gradually to attain to thinking with exactitude.
[ 27 ] Also es muß vor allen Dingen das durchgeführt werden, daß man alles, was einem, auch durch das Leben selbst, anerzogen ist, für gewisse Erscheinungen abstreifen kann und wirklich nur das verfolgt, was sich einem im Leben darbietet. Wenn Sie das bedenken und ein wenig meditieren über das, was ich jetzt gerade gesagt habe, dann bekommen Sie allmählich einen Begriff von dem, was man «exaktes Denken» nennt. Im gewöhnlichen Leben hat der Mensch eigentlich kaum Gelegenheit, in den heutigen Verhältnissen sich in einem exakten Denken anderswo zu üben als in der Geometrie, höchstens noch im Rechnen. Da beschränkt sich der Mensch auf das, was er sieht. Zu einer geometrischen Figur, zu einem Dreieck, bringt man nicht viel Vorurteile mit. Da sagt man sich: Das ist das Dreieck. Ich zeichne hier eine Parallele. Dieser Winkel ist gleich dem Winkel dort, jener gleich diesem, und der in der Mitte ist sich selbst gleich. Das ist dann ein gestreckter Winkel. Also sind die drei Winkel des Dreiecks auch gleich einem gestreckten Winkel. — Da schaue ich auf das, was ich vor mir habe. Da bringe ich nicht solche Kolosse von Vorurteilen mit, wie wenn Lloyd George morgen käme und ich es etwa schon im voraus wüßte. Natürlich will ich mit dem, was ich jetzt eben ausgesprochen habe, nur sagen, daß ein wirkliches exaktes, genaues Denken eine gute Vorbereitung für ein richtiges Anschauen der höheren geistigen Welten ist. Ein Denken, wobei man den Anfang des Gedankens genau in der Hand hat und wirklich jeden Schritt des Gedankens ganz genau überschauen kann, das ist notwendig, um in die höheren Welten hineinzukommen, ich meine, um verständig in die höheren Welten hineinzukommen. Vor allen Dingen ist eine ausgeprägte Gewissenhaftigkeit des Denkens notwendig, ein Sich-Rechenschaft-Geben über das, was man denkt. Und auch davon hält ja das gewöhnliche Leben zu sehr zurück. Die Menschen haben in den meisten Fällen kein Interesse daran, exakt zu denken, sondern sie haben vielmehr ein Interesse daran, so zu denken, daß ihnen der Gedanke gefällt, daß ihnen der Gedanke angenehm ist.
[ 27 ] It is necessary to lay aside everything we have been taught or have learned from life with regard to what we see, and follow solely what life presents to us. If you consider this and meditate on it a little you will gradually come to understand what I mean by thinking with exactitude. In ordinary life we have little opportunity under today's conditions to practise thinking with exactitude except in geometry or, over and above that, in mathematics. Here we really do restrict ourselves to what we see. We have not many prejudices about a geometric form, a triangle for instance. Here is a triangle. Let me draw a parallel line here. This angle equals that angle, and the other one is equal to this one, and the one in the middle equals itself. This is a straight angle, so all three angles of the triangle equal a straight angle. I am simply taking account of what I see before me, without applying the colossal prejudices I would bring to bear if Lloyd George were to arrive here tomorrow and I were to know about it in advance. In saying what I have just said, I was, of course, merely endeavouring to point out that thinking with absolute exactitude is a good preparation for seeing properly in the higher spiritual world. A kind of thinking in which you have firm control of the beginning of the thought, as well as a clear view of every step of thought along the way, is necessary in order to enter the higher worlds, that is, in order enter there with understanding. Above all a clearly-defined conscientiousness in thinking is necessary, a calling-oneself-to-account about one's thoughts. Ordinary life is very remiss in this, too. In most cases, people have no interest in thinking with exactitude; they prefer to think in a way in which they can enjoy the thought and feel comfortable with it.
[ 28 ] Nicht wahr, wenn man schließlich katholischer Priester ist und etwas von Anthroposophie hört, so ist einem der Gedanke, daß da etwas Richtiges sein kann in der Anthroposophie, doch furchtbar unangenehm. Also es kann gar nicht die Rede davon sein, daß man da ein exaktes Denken entfaltet. Da tritt man ja an die Sache heran mit allen möglichen Antezedenzien, allen möglichen Vorempfindungen und Vorurteilen, und man entscheidet sich dann nach diesen Vorurteilen. Im Leben wird ja das meiste nach diesen Vorurteilen entschieden. Bedenken Sie doch nur einmal, welch sonderbaren Eindruck es manchmal macht, wenn man einfach den Versuch macht, in vorurteilsloser Weise etwas zu charakterisieren. Wir leben hier im Goetheanum. Kein Mensch wird mir zutrauen, daß ich in geringerem Sinne ein Goethe-Verehrer bin als irgendein anderer, aber wie vieles habe ich gegen Goethe vorgebracht! Wie oftmals mache ich den Versuch, Goethe aus einer begrenzten Erscheinungsreihe heraus zu charakterisieren, die man überschauen kann, während zumeist, wenn über Goethe geredet wird, schon im Namen Goethe eine ganze Summe von Wertungen liegt. Damit, daß nur der Name Goethe ausgesprochen wird, ist schon etwas erregt in der Seele. Man kann nicht, wenn man an eine neue Erscheinung herantritt, vorurteilslos an diese Erscheinung herantreten, wenn man eben den ganzen Koloß von Vorurteilen mitbringt.
[ 28 ] For a Catholic priest, for instance, it is frightfully uncomfortable to entertain the thought that there might be something right about Anthroposophy. In such a case there can be no question of developing any exact thoughts. Instead, the matter is approached with all sorts of misconceptions and prejudices, and judgements are formed on the basis of these. Most things in life are decided on the basis of prejudices. Consider, for instance, what a strange impression is created sometimes when a simple attempt is made to describe something entirely objectively. Here we live in the Goetheanum. Nobody would consider me to be less of an admirer of Goethe than anyone else, and yet have I not said a good many things against Goethe? How often have I not attempted to describe Goethe from a narrow, overseeable point of view, whereas usually when Goethe is mentioned a whole host of prejudgements arises in response to his name alone. Merely to mention the name of Goethe sets up an excitement in the soul. It is impossible to approach any new phenomenon without prejudgement if one brings along a colossal collection of prejudices before even starting.
[ 29 ] Diese Dinge werden gewöhnlich nicht berücksichtigt, und daher sagt man sehr häufig: Ach, man kommt ja nicht weiter in dem Hereindringen in die geistigen Welten! — Ja, wenn die elementaren Dinge nicht berücksichtigt werden, so kann man eben natürlich nicht hineinkommen. Und die Leute betrachten es als eine Zumutung, wenn man an sie die Anforderung stellt, die elementarsten Dinge zu berücksichtigen.
[ 29 ] For the most part these things are not taken into account, and people therefore frequently say: Oh well, we can't get any further with our project of entering the spiritual worlds! Indeed, if elementary matters are not attended to first then, naturally enough, there is no way of entering those worlds. People just feel that unreasonable demands are being made of them if it is suggested that they take account of even the most elementary things.
[ 30 ] Ich stelle ein Bild vor Sie hin. In den neunziger Jahren war ich einmal in Jena; da hat nach seiner Entlassung Bismarck eine große Rede gehalten. Er ist im Gefolge von Haeckel und Bardeleben und andern Jenenser Professoren unter einem Baldachin erschienen. Nun denken Sie, die ganze kolossale Menge, die dazumal auf dem Marktplatz in Jena stand, die sollte, was Bismarck sagt, nur so verfolgen, wie sie es verfolgen würde bei einem Menschen, den sie jetzt erst kennenlernt! Nicht wahr, das ist undenkbar unter gewöhnlichen Verhältnissen. Und dennoch, für den, der wirklich in eine Art Einweihung hineinkommen will, ist es durchaus notwendig, daß er sich die Unbefangenheit entwickelt, alles das, was er sieht, auch wenn sich darüber noch so viel schon in seiner Seele festgelegt hat, immer wiederum wie etwas ganz Neues anzusehen, wie etwas sozusagen ihm vom Himmel Zugefallenes. Denn das ist ja das Eigentümliche der geistigen Welt, daß wir sie uns immer erst in jedem Augenblicke wieder neu erringen müssen, wenn wir sie haben wollen. Dazu müssen wir uns in der entsprechenden Weise eben vorbereiten.
[ 30 ] Here is an example: In the nineties5 On 16 February 1894 Ernst Haeckel celebrated his sixtieth birthday. Rudolf Steiner was one of the invited guests. Bismarck, much admired by Haeckel, was also present. He had been forced to resign his office in 1890. I happened to be in Jena when Bismarck gave a grand speech after his forced resignation. He appeared on the platform in the wake of Haeckel and Bardeleben and other Jena professors. Imagine the huge crowd in the market square in Jena. They were expected to follow Bismarck's speech as they would a speech made by someone they had previously never heard of! Such a thing is unthinkable under normal conditions. And yet for someone who really desires to undergo a kind of initiation it is certainly necessary to develop an impartiality which enables him to take everything he sees as something entirely new, however many prejudices his soul might previously have harboured in that respect. Everything must be treated as though it had arrived like a bolt from the blue. For it is a special characteristic of the spiritual world that we have to win it afresh at every moment if we desire to enter it. And to do this we have to prepare ourselves in a suitable way.
[ 31 ] Aber man kann doch sagen: Wenn man die allgemeinen Zivilisationserscheinungen beachtet, bewegt sich die Menschheit in einer solchen Linie. Nur kommt sie zunächst noch in schlechtem Aspekt zum Vorschein: in dem Bekämpfen jeder Autorität, in dem Bekämpfen jedes hergebrachten Urteiles und so weiter. Diese Dinge müssen nur alle veredelt werden. Aber die Menschheit bewegt sich in der Linie der Vorurteilslosigkeit, der Unvoreingenommenheit. Es kommt nur zunächst von seiner negativen, häßlichen Seite aus zum Vorschein. Man muß, wenn man die Entwickelung der Zivilisation richtig beurteilen will, wenn man sie für die Zukunft bewerten will, sie auch von der Seite betrachten, die ich eben jetzt angedeutet habe.
[ 31 ] It can be said that the general drift of civilization indicates that mankind is indeed headed in this direction. But for the moment this still appears in a light that is not all that pleasing, namely, in opposition to any kind of authority, and to any kind of received judgement, and so on. These things will have to be ennobled. But meanwhile mankind is indeed moving in the direction of impartiality and freedom from prejudice. But, for the moment, the more negative, the uglier sides of this are more prevalent. We must, therefore, judge the evolution of civilization with regard to the future in the very manner I have just been describing.
[ 32 ] Über diese Dinge werden wir dann, meine lieben Freunde, am nächsten Freitag um 8 Uhr weitersprechen.
[ 32 ] Not translated
