Alte und neue Einweihungsmethoden
Drama und Dichtung im Bewußtseins-Umschwung der Neuzeit
GA 210
12 Februar 1922, Dornach
5. Alte und neue Einweihungsmethoden II
[ 1 ] Wenn man solche Auseinandersetzungen macht, wie sie gestern hier gepflogen worden sind, hat man natürlich nicht etwa immer im Sinne, daß darin eine Aufforderung zur Übung nach der Richtung liegen soll, auf die gedeutet wird in Hinsicht von Erlangung höherer übersinnlicher Erkenntnisse. Selbstverständlich liegt das auch darinnen, aber indem solche Dinge mitgeteilt werden, handelt es sich auch darum, daß sich eine Erkenntnis verbreitet von dem, was durch solche Übungen zu höherer Erkenntnis erlangt werden kann. Und wer nun erklärt, dies oder jenes ist möglich in bezug auf die Entwickelung des Menschen, der erklärt ja dadurch etwas über das Wesen des Menschen selbst. Hört man, daß ein Mensch, der eine Einweihung sucht, das Seelisch-Geistige loslösen kann von dem Physisch-Leiblichen entweder in der Art, wie ich es gestern dargestellt habe, wie es in den alten Mysterien geschehen ist, oder so, wie ich es, für die heutige Zeit geeignet, gleich nachher andeutungsweise darstellen will —, hört man, daß so etwas möglich ist, dann kann man eben wissen, daß das Seelisch-Geistige ein selbständiges Wesen ist, welches sein Dasein über das Leibliche hinaus hat. Man erlangt also aus den Mitteilungen, daß es höhere Erkenntnisse gibt, Erkenntnisse über die menschliche Wesenheit selbst, und das ist es, was zunächst wesentlich ist für die Verbreitung anthroposophischer Weistümer.
[ 2 ] Ich habe gestern dargestellt, wie in den alten Mysterien das Körperliche behandelt worden ist, damit dieses Körperliche die Seele nach den beiden verschiedenen Richtungen hin freigeben konnte. Ich habe gesagt, die beiden wesentlichen Dinge, auf die es ankam in den alten Mysterien, waren: der Vergessenheitstrunk auf der einen Seite und das Hervorrufen von angstartigen, furchtartigen, schreckartigen Zuständen auf der andern Seite. Der Vergessenheitstrunk bewirkte ja allerdings, daß man die Erinnerung tilgte für alles, was zunächst aus dem gewöhnlichen Erdenleben in dem Gedächtnisse darinnen war. Aber dieses Negative war nicht die Hauptsache, sagte ich, sondern die Hauptsache war, daß das Gehirn während des Mysterien-Erkenntnisprozesses gewissermaßen wirklich leiblich verweicht wurde und daß dadurch das Geistige, das sonst aufgehalten wird, nicht aufgehalten wurde durch das Gehirn, daß es durchgelassen wurde und daß der Mensch dadurch gewahr wurde: Ja, ich habe ein ewiges SeelischGeistiges, das vor der Geburt beziehungsweise vor der Konzeption von mir vorhanden war.
[ 3 ] Das andere ist, daß der übrige Organismus gewissermaßen erstarrte unter dem Einfluß der schreckhaften Tatsache. Wenn aber der Organismus erstarrt, dann saugt er nicht, wie das sonst der Fall ist, das Seelisch-Geistige auf, insofern sich dieses durch den Willen äußert. Es zieht sich das erstarrte Körperliche sozusagen einerseits zurück von dem Seelisch-Geistigen, und es wird andererseits das Seelisch-Geistige dem Menschen wahrnehmbar. Durch die Erweichung des Gehirnes wurde die Gedankenseite des Seelischen für die alten Mysterienschüler wahrnehmbar. Durch die Erstarrung des übrigen Organismus wurde die Willensseite wahrnehmbar. Und auf diese Weise bekam der Mensch durch die Einweihung eine Vorstellung von seinem SeelischGeistigen. Aber diese Vorstellung hatte einen durchaus traumhaften Charakter. Denn was war es denn eigentlich, was einerseits nach der Gedankenseite, andererseits nach der Willensseite frei wurde? Es war dasjenige, was aus geistig-seelischen Welten heruntersteigt und sich mit dem Physisch-Leiblichen des Menschen verbindet. Das wird erst durch den Besitz des Leibes fähig, sich der Sinne, sich des Verstandes zu bedienen, denn dazu ist der Leib notwendig. Ohne daß es sich des Leibes bedient, bleibt es traumhaft, bleibt es durchaus dumpf, dämmerig. So daß also der Mensch, indem er durch die geschilderten Vorgänge sein Seelisch-Geistiges losgelöst erhielt, dadurch eben ein Traumhaftes erhielt, allerdings ein Traumhaftes, in welchem in einer gewissen Weise durchaus ein gedankliches Element enthalten ist.
[ 4 ] Ich sagte schon gestern: Würde der Mensch dies heute wiederum ausführen oder noch so ausführen wie früher, so würde das einen krankhaften Zustand herbeiführen. Denn der Mensch ist im wesentlichen nach dem Mysterium von Golgatha in seiner Organisation so fortgeschritten, daß das intellektuelle Leben sich gegenüber den früheren, instinktiven Erkenntniszuständen verstärkt hat. Diese besondere Verstärkung des intellektuellen Lebens ist insbesondere seit dem 15. Jahrhundert über die Menschheit gekommen. Es ist außerordentlich bedeutsam, daß auch noch während des ganzen Mittelalters die Menschen gewußt haben, wenn sie zu höheren Erkenntnissen kommen wollen, wenn sie überhaupt ein in gewissem Sinne höheres menschliches Leben führen wollen, so ist dazu ein Loslösen des Seelischen von dem Leiblichen notwendig.
[ 5 ] Wir hätten wahrscheinlich eine Dichtung innerhalb der deutschen Literatur über dieses mittelalterliche Wissen von dem Übersinnlichen, über dieses mittelalterliche Verhältnis zu dem Übersinnlichen, wenn Schiller dazugekommen wäre, sein von ihm projektiertes großes Drama «Die Malteser» auszuführen. Es ist eine außerordentlich interessante Erscheinung innerhalb des deutschen Geisteslebens, daß Schiller vorhatte gerade in den Jahren, in denen der Malteserorden durch Napoleon zugrunde gerichtet worden ist, ein Malteserdrama zu schreiben, nämlich die Belagerung der Insel Malta durch die Türken und die Verteidigung dieser Insel durch den Großmeister des Malteserordens, Lavalette. Schiller konnte offenbar dieses Drama nicht ausführen. Er hat dann den «Wallenstein» geschrieben, und die «Malteser» liegen lassen. Wir würden, wenn die «Malteser» von Schiller ausgeführt worden wären, ein Drama haben, aus dem deutlich ersichtlich wäre, wie in einem solchen Orden — und die Malteser sind noch aus den Vorgängen während der Kreuzzüge hervorgegangen —, der nach außen hin eigentlich auf humanitäre Handlungen, auf Gemeinwirksamkeit, auf Wohltätigkeitswirksamkeit und so weiter eingerichtet war, durchaus die Meinung herrschte, daß man so etwas nur vollführen könne, wenn man zu gleicher Zeit in einem gewissen Sinne zu einem höheren Leben aufsteigt.
[ 6 ] Man hatte in der Zeit, in welcher der Tempelherrenorden und der Johanniterorden — aus dem dann der Malteserorden geworden ist — gestiftet worden sind, ja, auch noch während des ganzen Mittelalters durchaus das Gefühl: Der Mensch muß sich verwandeln, bevor er in der richtigen Weise so etwas unternehmen kann. Es ist dieses ein Gefühl gegenüber dem Menschenwesen, das eigentlich in der neueren Zeit vollständig verlorengegangen ist, und das ist darauf zurückzuführen, daß eben der Intellekt des Menschen wesentlich intensiver, stärker geworden ist, so daß der neuere Mensch ganz und gar intellektuell ist, daß das Intellektuelle bei ihm ganz besonders vorliegt.
[ 7 ] In unserer Zeit ist wiederum eine starke Sehnsucht bei den Menschen vorhanden, das Intellektualistische zu überwinden. Was heute in der Literatur, namentlich im Journalismus hervortritt, spricht allerdings noch das Gegenteil aus, aber in den breiten Massen ist durchaus eine Sehnsucht vorhanden, das intellektualistische Element zu überwinden. Das zeigt sich insbesondere auch dadurch, daß nicht nur das Reden über Spirituelles heute in den weitesten Kreisen außerordentlich gut einschlägt, sondern daß auch so etwas, was — wie unsere Eurythmie — nicht aus Intellektuellem, sondern aus dem, was imaginativ dem Menschenwesen zugrunde liegt, hervorgeholt wird, wenn es auch noch nicht völlig verstanden wird, aber doch auf die weitesten Kreise heute schon einen Eindruck macht. Denn das hat sich ja bei den letzten Reisen, insbesondere aber bei der letzten Eurythmiereise gezeigt, daß die Eurythmie einen außerordentlich starken Eindruck auch auf diejenigen Kreise macht, die sie natürlich beim ersten Sehen, auf den ersten Anhub, nicht in ihrem tiefsten Wesen durchschauen können, die aber fühlen, daß da etwas ist, was aus tieferen Untergründen der menschlichen Natur herausgeholt worden ist, was mehr ist als das bloß Intellektualistische.
[ 8 ] Nun, worauf beruht nun dieses Intellektualistische, das heute ganz besonders dem Menschen eigen ist? Ich möchte Ihnen das wiederum durch eine Art schematischer Zeichnung klarmachen [siehe S. 78, Tafel 6]. Ich sagte gestern: Wenn wir das menschliche Gehirn nehmen (weiß), so können wir uns vorstellen, daß durch dasjenige, was als der Vergessenheitstrunk aufgefaßt worden ist, eben das Geistig-Seelische, das sonst vor dem Gehirn Halt macht, das Gehirn durchdrang (rot), und daß gewissermaßen durch den alten Eingeweihten von innen herauf aufstieg das Geistig-Seelische durch das präparierte Gehirn. — Der Intellektualismus von heute beruht ja darauf, daß gegenüber dem älteren Menschen, sagen wir vor dem Mysterium von Golgatha, das Seelisch-Geistige beim heutigen Menschen innerlich stärker, intensiver geworden ist. Der ältere Mensch hat überhaupt nicht so viel Intellektualismus gehabt. Sein Seelisch-Geistiges prägte sich nicht zu solchen scharfen Gedankenlinien aus, wie das beim heutigen Menschen der Fall ist. Denn wenn man Intellektualist ist, so denkt man ja alles in geraden Linien. So dachte der ältere Mensch nicht. Der ältere Mensch dachte bildhafter, traumhafter, weicher, möchte ich sagen. Beim heutigen Menschen sind die Gedanken eckig, sind mit scharfen Konturen begabt. Aber dieser heutige Mensch könnte, trotzdem sein Seelisch-Geistiges stärker geworden ist als es in älteren Zeiten war, dennoch nicht vom Seelisch-Geistigen aus diese Gedanken fassen.
[ 9 ] Verstehen wir uns recht, meine lieben Freunde. Der heutige Mensch hat schon gegenüber dem älteren ein gut Stück seelisch-geistiger Stärke. Er träumt nicht mehr so, wie der ältere Mensch geträumt hat, er strafft sich in seinen Gedanken. Dennoch würden diese Gedanken abgedämpft bleiben, wenn nur das Seelisch-Geistige beim modernen Menschen wirken müßte. Eigentlich kann jetzt der Mensch noch immer nicht von seiner Seele aus denken.
[ 10 ] Was dem Menschen die Kraft des Denkens abnimmt, das ist der Leib. Wenn wir zum Beispiel eine Sinneswahrnehmung haben, so haben wir sie allerdings mit dem Seelisch-Geistigen. Wenn wir sie dann aber denken wollen, diese Sinneswahrnehmung, dann muß uns der Leib helfen. Der Leib ist eigentlich der Denker. So daß also heute die Sache so ist: Die Sinneswahrnehmung wirkt auf den Menschen, das Seelisch-Geistige (rot oben) durchsetzt die Sinneswahrnehmung, aber der Leib wirkt wie ein Spiegel und wirft fortwährend die Gedankenstrahlen zurück (grüne Pfeile). Dadurch werden sie bewußt. Also der Leib ist das, was dem Menschen die Mühe des Denkens abnimmt, nicht aber die Mühe der Sinneswahrnehmungen. Und wenn nach dieser Gedankenseite hin der Mensch heute nach einer Einweihung streben will, dann muß er durch seine Übungen, die wir ja kennen aus «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und aus dem zweiten Teil der «Geheimwissenschaft im Umriß», das SeelischGeistige noch mehr verstärken; dann bringt er es allmählich dahin, dieses Seelisch-Geistige in sich so selbständig zu machen, daß es den Leib nicht mehr braucht.
[ 11 ] Also verstehen wir uns richtig: Wenn heute im gewöhnlichen Leben gedacht wird, dann ist allerdings das Seelisch-Geistige tätig. Vor allen Dingen nimmt es die Sinneswahrnehmungen auf, aber es könnte nicht diejenigen Gedanken entwickeln, die heute entwickelt werden. Daher kommt der Leib und nimmt dem Menschen die Mühe des Denkens ab. Im gewöhnlichen Leben denkt man durchaus mit dem Leib, der Leib ist der Gedankenapparat. Wenn man die Übungen macht, von denen in den genannten Büchern die Rede ist, dann wird die Seele durch diese Übungen so stark, daß sie nicht mehr den Leib zum Denken braucht, daß sie selbst denkt. Und das ist im Grunde die erste Etappe der Entwickelung zum höheren Erkennen hin, daß das Seelisch-Geistige anfängt, den Leib für die höhere Erkenntnis als das eigentliche Denkorgan abzusetzen. Es muß nur immer wieder betont werden, daß der Mensch, indem er zur höheren Erkenntnis, also zur Imagination aufrückt, immer neben sich mit seinem gesunden Menschenverstand bleibt als einer, der sich selber kontrolliert, sich selber kritisiert. Also man bleibt daneben derselbe, der man sonst auch im gewöhnlichen Leben ist. Es entwickelt sich nur der zweite Mensch aus dem ersten Menschen heraus, der dann fähig ist, nicht mehr mit Hilfe des Leibes, sondern ohne die Hilfe des Leibes zu denken.
[ 12 ] Also das, was sich als Geistig-Seelisches dem alten Mysterienschüler offenbarte, das kam aus dem Leibe heraus, drang durch das Gehirn durch und im Herausquillen gewissermaßen nahm es der Mensch wahr. Das aber, was der Mensch heute wahrnimmt als ein Eingeweihter, das ist verstärktes Denken, das nun ganz und gar nicht das Gehirn in Anspruch nimmt. Während also der alte Mensch das, was er als Geistig-Seelisches wahrnahm, aus seiner Organisation herauszog, nimmt der Mensch heute das Seelisch-Geistige nach der Gedankenseite hin so wahr, daß es in ihn hereindringt, wie Sinneswahrnehmungen in ihn hereindringen. Der Mensch, indem er diese erste Stufe der höheren Erkenntnis erklimmt, muß sich daran gewöhnen, zu sagen: Ich beginne, mich selber meinem ewigen Seelisch-Geistigen nach wahrzunehmen, denn das dringt durch mein Auge, das dringt überhaupt von außen in mich herein.
[ 13 ] Ich habe bei einem öffentlichen Vortrag im Basler Bernoullianum gesagt: Die Geisteswissenschaft in anthroposophischem Sinne muß das Sinneswahrnehmen als ihr Ideal betrachten. Man muß vom Sinneswahrnehmen weiterschreiten. Man darf nicht zurück zum traumhaften Erkennen gehen, sondern man muß zu einem klareren Erkennen schreiten, als es dieses Wahrnehmen ist. Daher muß unser eigenes Wesen an uns herankommen, wie die Farben und wie die Töne an die Sinne herankommen.
[ 14 ] Sehen Sie, wenn der Mensch aus der geistig-seelischen Welt heruntersteigt zur physischen Verleiblichung, dann ist sein Seelisch-Geistiges so, daß es gewissermaßen für die seelisch-geistige Welt stirbt; indem der Mensch konzipiert wird, sich zur Geburt anschickt, stirbt er für die geistige Welt. Wenn der Mensch hier für die physische Welt stirbt, so wird er, indem er durch die Pforte des Todes geht, für die geistige Welt geboren. Das sind nur relative Begriffe. Stirbt man für die geistige Welt, wird man physisch geboren; stirbt man für die physische Welt, wird man geistig geboren. Tod in der physischen Welt bedeutet geistige Geburt; Geburt in der physischen Welt bedeutet geistigen Tod. Das sind, wie gesagt, ja nur relative Begriffe. Was da in der Seele auftritt, wenn sie hin zur Geburt schreitet, das ist in der Tat etwas, was in der geistigen Welt nicht weiter fortbestehen könnte, was in der geistigen Welt zerfallen würde und was zu einem Leiblichen hinläuft, damit es sich weiter erhalten kann.
[ 15 ] So daß man also, wenn man es nun schematisch zeichnen will, etwa so zeichnen müßte: Das Geistig-Seelische (rot von links) steigt aus der geistig-seelischen Welt herab. Es ist, man möchte sagen in einer Sackgasse angekommen; es kann jetzt nicht weiter, es muß sich mit physischer Materialität ausstatten (blau). Aber die physische Materialität wirkt eigentlich nur so, wie ich es jetzt eben beschrieben habe, vom Gehirn aus, nicht vom übrigen Menschen aus. Vom übrigen Menschen aus geht doch wieder das Geistig-Seelische, das sich gewissermaßen dadurch erholt, daß es vom Gehirn nicht durchgelassen wird, daß es im Gehirn eine Widerlage, eine Unterstützung hat. Dadurch wird es dem Geistig-Seelischen wiederum möglich, nun doch durch die übrige menschliche Organisation, also namentlich durch die Gliedmaßen-Stoffwechselorganisation, sich selber sich entgegenzustellen (rot rechts). Man könnte also sagen: Was ich hier blau gezeichnet habe, das ist die Kopforganisation. Hier ist dann die Gliedmaßen-Stoffwechselorganisation (gelb); die saugt zwar im normalen Zustande das Seelisch-Geistige auf, aber doch nur bis zu einem gewissen Grade. Schon indem wir von Kindheit aufwachsen, kommt eigentlich das Geistig-Seelische immer wieder zum Vorschein. In dem Momente, wo der Mensch konzipiert wird, und während er ein Embryo, ein Keim im Leibe der Mutter ist, wird gewissermaßen das ganze Geistig-Seelische, das aus der geistig-seelischen Welt herunterkommt, untergetaucht in das Materielle. Aber dadurch, daß es eine Stütze bekommen hat, dieses Geistig-Seelische, erholt es sich wiederum. Der Embryo hat die Form, die das schon äußerlich zeigt: zunächst die Kopforganisation, da findet das Geistig-Seelische eine Stütze (siehe Zeichnung). Dann setzt sich die übrige Organisation an; da quillt schon das Geistig-Seelische wiederum durch — das habe ich hier schematisch gezeichnet.
[ 16 ] Indem wir nun als Kind heranwachsen, da wird immer wieder das Geistig-Seelische selbständig, beim Kinde noch nicht so stark, aber immer mehr und mehr wird das Geistig-Seelische selbständig. Ich habe ja, indem ich die Entwickelung des Kindes beschrieben habe, dies im einzelnen ausgeführt; auch wie dieses Geistig-Seelische dann bei den großen Übergangspunkten, beim Zahnwechsel und bei der Geschlechtsreife, immer selbständiger und selbständiger wird. So daß wir, indem wir als Mensch heranwachsen, immer mehr das LeiblichPhysische zurücktreten lassen und ein selbständiges Geistig-Seelisches bekommen. Dieses Selbständige ist beim heutigen Menschen intensiver als beim älteren Menschen. Aber es könnte doch nicht denken. Es braucht eben, wie ich sagte, den Leib zur Hilfe, wenn es denken will. Sonst bliebe gerade auch das, was dann an uns heranwächst, immer traumhaft.
[ 17 ] So kann man also sagen: Der ältere Eingeweihte suchte, das Gehirn durchlässig zu machen, so daß das frühere Geistig-Seelische, das da herunterstieg, für ihn noch durchquillen konnte, daß er also gewissermaßen das vorgeburtliche Leben noch wahrnahm durch das verweichte Gehirn. Der neuzeitliche Eingeweihte, der reflektiert nicht darauf, sondern der reflektiert auf das, was sich im Laufe des Lebens herausbildet. Das erweckt er zu einer höheren Intensität nach der Gedankenseite hin. Der ältere Eingweihte hätte das nicht gekonnt. Der hätte das, was sich beim Kinde in dumpfer Weise als das neue Geistig-Seelische entwickelt, was dann später durch die 'Todespforte geht, nicht so stark anfassen können. Er tötete daher gewissermaßen das Leibliche ab, er lähmte es herunter, damit das alte Geistig-Seelische herauskam, das früher war, bevor er konzipiert beziehungsweise empfangen worden war.
[ 18 ] Heute fassen wir dasjenige, was wir in schwacher Weise durch die Kindheit bis zum Erwachsensein entwickeln, stärker an, so daß wir also das, was sich seit der Geburt als das neue Geistig-Seelische entwickelt, erkraften, verstärken. Dadurch versuchen wir ein selbständiges Geistig-Seelisches gegenüber dem Leibe nach der Gedankenseite hin zu bekommen. Während also der alte Eingeweihte das vorgeburtliche Geistig-Seelische durch die Herabdämpfung des Leibes offenbar machte, versuchen wir offenbar zu machen, was sich nach der Geburt als Geistig-Seelisches immer mehr und mehr herausentwickelt; aber wir machen es nicht bis zu der Stärke offenbar, in der wir es gebrauchen, um selbständig die geistige Welt wahrzunehmen. Das ist der Unterschied.
[ 19 ] Nach der Willensseite hin ist es so: Der alte Eingeweihte versuchte, wie gesagt, die Willensorganisation erstarrt zu machen. Dadurch wurde das Geistig-Seelische, das sonst durch die Willensorganisation aufgesogen wird, für ihn wiederum wahrnehmbar, also dasjenige, was da war vom Vorgeburtlichen. Wenn der Körper erstarrt ist, so saugt er eben nicht das Geistig-Seelische auf; dadurch wird es in seiner Selbständigkeit offenbar. Das machen wir wiederum nicht als moderne Eingeweihte, sondern da wird anders vorgegangen. Da wird nun wiederum der Wille verstärkt, indem die Kraft des Wollens in der Weise, wie ich das in den genannten Büchern dargestellt habe, umgewandelt wird. Es wäre ganz falsch, wenn durch Schocks, durch Angstzustände, durch Schreckzustände, wie beim alten Eingeweihten, kataleptische Zustände herbeigeführt würden. Das würde beim modernen Menschen mit seiner stark entwickelten Intellektualität ganz und gar ins pathologische Gebiet gehören. Das darf also nicht sein. Dagegen wird zum Beispiel durch Rückwärtsübungen — wo man gewissermaßen nicht vorwärts vorstellt, sondern, wie bei der Rückschau, die Tageserlebnisse von rückwärts nach vorn, vom Abend zum Morgen durchnimmt — oder auch durch andere Willensübungen der Wille umgewandelt in einer Weise, die ich etwa so charakterisieren kann: Betrachten Sie das menschliche Auge. Wie muß es denn gestaltet sein, damit wir sehen können? Wenn wir starkrank werden, macht sich die Materie des Auges selbständig geltend. Das Auge kleidet sich aus mit Materie, die dann undurchsichtig wird. Das Auge muß selbstlos sein, selbstlos in den Organismus eingefügt sein, wenn wir es zum richtigen Sehen brauchen wollen, es muß durchsichtig sein. Unser Organismus ist für den Willen durchaus nicht durchsichtig. Ich habe es Ihnen ja öfter dargestellt. Wir können einen Gedanken haben, sagen wir, daß wir den Arm, die Hand erheben wollen. Wir fassen den Gedanken: Ich will den Arm, die Hand erheben. — Aber was dann geschieht in unserem Organismus, indem dieser Gedanke hinüberschießt in den Organismus und die Ausführungen macht. Das ist ebenso in Dunkel gehüllt wie die Ereignisse, die zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen vor sich gehen. Wir sehen erst wiederum den erhobenen Arm, die erhobene Hand. Also wir haben wiederum eine Vorstellung. Anfangsvorstellung und Endvorstellung schließen sich zusammen; was in der Mitte drinnen liegt, das ist ein Schlafzustand. Der Wille entfaltet sich so im Unbewußten für den Menschen, wie sich die Ereignisse des Schlafes im Unbewußten entfalten. Wir können ganz gut sagen: In bezug auf das Durchschauen des Willens ist unser Organismus undurchsichtig für das gewöhnliche Bewußtsein, wie ein starkrankes Auge undurchsichtig wäre.
[ 20 ] Selbstverständlich will ich nicht sagen, daß der menschliche Organismus deshalb krank sei. Er muß eben so undurchsichtig sein für das gewöhnliche praktische Leben. Das ist sein normaler Zustand. Aber für die höhere Erkenntnis kann er so nicht bleiben, da muß er durchsichtig werden, seelisch-geistig durchsichtig. Das geschieht eben durch die Willensübungen. Der Organismus wird so, daß wir ihn durchschauen können, daß wir also nicht mehr in ein Unbestimmtes hinunterschauen, wenn der Wille sich entfaltet, sondern er wird so selbstlos wie das Auge in seiner Substantualität selbstlos in den Organismus eingesetzt ist, damit wir die äußeren Gegenstände richtig sehen. Wie das Auge selbst durchsichtig ist, wird der Organismus geistig-seelisch durchsichtig, wird der ganze Organismus ein Sinnesorgan. Dadurch nehmen wir nach der Willensseite hin objektiv die geistigen Wesenheiten wahr, wie wir durch das äußere Auge die äußeren physischen Gegenstände wahrnehmen. Also die Willensübungen gehen bei uns nicht darauf aus, den Körper zu erstarren, damit das Geistig-Seelische frei werde, sondern sie gehen darauf aus, das Geistig-Seelische so zu entwickeln, daß es durch das Körperliche hindurchschauen kann. Das ist das Wesentliche. Man sieht in die geistige Welt nur hinein, wenn man durch sich selber hindurchschaut. So wie man die äußeren Gegenstände, die man sieht, durch das Auge nur sieht, indem man durch das Auge durchschaut, so sieht man in die geistige Welt nicht direkt hinein, sondern indem man durch sich selber durchschaut.
[ 21 ] Das ist die andere Seite, die Entwickelung nach der Willensseite. Also die ganze Entwickelung beruht in der neueren Zeit darauf, daß man erstens das Denken erstarkt, so daß es unabhängig wird vom Gehirn, und zweitens, daß man den Willen so gestaltet, daß der ganze Mensch durchsichtig wird. Man kann nicht durch das Blitzblaue in die geistige Welt hineinschauen, ebensowenig wie man ohne das Auge in die Farbenwelt hineinschauen kann. Man muß durch sich durchschauen. Das aber geschieht durch die Willensübungen.
[ 22 ] Da haben Sie jetzt für den modernen Menschen, was eben durch die Initiation ausgeführt werden kann. Es kann sowohl nach der Gedankenseite hin das Seelisch-Geistige unabhängig gemacht werden von dem Leiblichen als auch der Leib in seiner Materialität überwunden werden kann, indem er geistig-seelisch durchsichtig wird. Dadurch haben Sie das durch seine eigene Kraft selbständig gewordene Geistig-Seelische gegeben. Das ist der große Unterschied zwischen der alten und der neuen Einweihung. Die alte Einweihung veränderte den Leib, änderte ihn nach der Gehirnseite, nach der Seite des übrigen Organismus, und dadurch, daß der Leib verändert wurde, wurde das Seelisch-Geistige in einer dumpfen Weise wahrnehmbar. Die moderne Einweihung verändert das Geistig-Seelische, macht es in sich stärker nach der Gedankenseite und nach der Willensseite hin und macht es dadurch auf der einen Seite vom Gehirn unabhängig, auf der andern Seite so stark, daß es durchschaut durch den Organismus.
[ 23 ] Das bedingt allerdings, daß der alte Eingeweihte dasjenige, was er wahrnehmen konnte, gewissermaßen gespensterhaft sah. Es trat, nachdem die entsprechenden Prozeduren abgelaufen waren, gespensterhaft das auf, was sich als das Wesenhafte der geistigen Welt offenbaren konnte. Man sah die geistige Welt, ich möchte sagen in ätherischen Gebilden. Und die große Sorge der Lehrer der alten Mysterien war die, daß die Schüler, trotzdem sie die Wahrnehmungen aus der geistigen Welt heraus gespensterartig sahen, lernten, von dem Gespensterartigen abzusehen. Immer wieder und wieder gingen die Ermahnungen der Lehrer der alten Mysterien dahin, den Schülern klarzumachen: Ihr seht etwas, was wie materiell aussieht, aber ihr müßt das wie Bilder anschauen. In dem, was ihr seht, in diesem Gespensterhaften, habt ihr nur die Bilder der geistigen Welt. Ihr müßt nicht glauben, daß ihr in dem, was ihr da gespensterartig um euch herum seht, die wahre Wirklichkeit habt — wie ja auch der Kreidestaub auf der Tafel, wenn ich etwas aufzeichne, nicht die Wirklichkeit ist, sondern dasjenige, was abgebildet wird. Natürlich sagte man das nicht mit solchen Worten, aber in modernerer Art könnte man es so ausdrücken. Das war die große Sorge der alten Mysterien, daß die Schüler nicht das für Wirklichkeit hielten, was sie da traumhaft gespenstig sahen, sondern daß sie es als Bilder hinnahmen.
[ 24 ] In der modernen Einweihung hat man eine andere Sorge. Da kommt man überhaupt nur zum Erkennen der höheren Welt, indem man durch die imaginative Erkenntnis schreitet. Da lebt man also in einer Welt von Bildern; da sind die Bilder von vornherein in ihrem Bildcharakter da. Also der Verwechslung ist man nicht ausgesetzt, man hat zunächst einen Bildcharakter. Aber daß man diese Bilder in der richtigen Weise beurteilen kann, daß man weiß, wie man diese Bilder auf die geistige Realität zu beziehen hat, das muß man dadurch erreichen, daß man das exakte Denken, das man sich angeeignet hat als moderner Mensch, nun auf die Bilderwelt anwendet, daß man wirklich in dieser Bilderwelt denkt, wie man denken gelernt hat in der gewöhnlichen physischen Welt. Jedes gedankenlose Anschauen ist für die moderne Initiation von Schaden. Es muß alles dasjenige, was man an gesundem Denken als moderner Mensch entwickelt hat, in die höhere Erkenntnis hineingetragen werden. So wie man sich in der gewöhnlichen physischen Welt orientieren kann, wenn man ordentlich denken kann, so kann man sich erst recht in der Welt des Geistes, in die man durch die moderne Initiation eintritt, nur dann orientieren, wenn man alles das, was man durch imaginative, inspirierte, intuitive Erkenntnis erlangt, in der richtigen Weise mit dem Denken zu durchsetzen vermag, das man sich hier in der physischen Welt angeeignet hat. Ich habe ja das in meiner «Theosophie», wie in meiner «Geheimwissenschaft» und auch in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» immer mit völliger Deutlichkeit ausgesprochen als ein Charakteristikum der modernen Einweihung.
[ 25 ] Deshalb ist es auch so notwendig, daß jeder, der in dem neueren Sinne in die höheren Welten eindringen will, wirklich exakt denken lernt und sich im exakten Denken übt. Das ist nämlich nicht so leicht, wie die Menschen sich es vorstellen. Ich will, um das, was ich eigentlich meine, verständlich zu machen, folgendes sagen: Denken wir einmal etwas ganz Prägnantes. Sagen wir, es würde diese verehrte Gesellschaft hier morgen dadurch überrascht werden — es ist ja selbstverständlich eine Hypothese — daß hier im Goetheanum, nun, sagen wir Lloyd George erscheint. Ich will eben einen extremen Fall anführen. Nun, wenn morgen hier Lloyd George erschiene, so würden Sie alle bestimmte Gedanken, bestimmte Empfindungen haben. Aber diese Gedanken, diese Empfindungen, die Sie haben würden, die würden nicht bloß dadurch entstehen, daß Sie von dem Augenblick, wo dieser Lloyd George erscheint, bis zu dem Augenblick, wo er wieder weggeht, alles das, was Sie sehen, verfolgen. Um das zu verfolgen, brauchten Sie ja gar nicht zu wissen, daß er Lloyd George ist. Sie würden dann an ihm nur wahrnehmen können, was man eben an einem Menschen, der einem ganz unbekannt ist, sehen kann. Ehe Sie nicht in die Lage kommen, von allem abzusehen, was Sie über irgend etwas, das Sie in solcher Weise wahrnehmen, von anderswoher schon wissen und empfinden, ehe Sie nicht bloß das rein verfolgen können, was Sie sehen, eher denken Sie nicht exakt. Sie denken erst dann exakt, wenn Sie imstande sind, falls morgen Lloyd George erscheint, hier nichts anderes über ihn zu denken und zu empfinden, als was der reine Eindruck hervorruft, von dem ersten Moment, wo Ihr Auge auf ihn aufmerksam wird, bis zu dem Moment, wo er Ihrem Auge wiederum entschwindet. Alles das, was Sie früher gewußt haben, müssen Sie ausschalten. Alles das, worüber Sie sich geärgert haben über ihn oder was Sie entzückt hat an ihm, müssen Sie ausschalten, und nur, was er Ihnen in der reinen Anschauung darbietet, das müssen Sie auffassen. Nur dadurch lernt man genau der Wirklichkeit gemäß denken.
[ 26 ] Denken Sie, wie weit die Menschheit davon entfernt ist, genau der Wirklichkeit gemäß zu denken! Lassen Sie irgend etwas in Ihrer Seele rege werden, so werden Sie sehen, wieviel Sie von den in der Seele lebenden, verborgenen, unbewußten, unterbewußten Empfindungen heraufsteigen lassen. Es ist die größte Schwierigkeit, sich auf das zu beschränken, was man bloß gesehen hat. Versuchen Sie, etwas zu lesen, wo irgend jemand etwas beschreibt, und fragen Sie sich: Beschreibt er bloß das, was er gesehen hat, oder ruft er nicht hunderte und hunderte von vorgefaßten Empfindungen und Gefühlen hervor, die da drinnen mitsprechen? — Und dennoch: Nur wenn man in der Lage ist, sich rein auf das zu beschränken, was man gesehen hat, dann ist man imstande, allmählich zu einem genauen Denken zu kommen.
[ 27 ] Also es muß vor allen Dingen das durchgeführt werden, daß man alles, was einem, auch durch das Leben selbst, anerzogen ist, für gewisse Erscheinungen abstreifen kann und wirklich nur das verfolgt, was sich einem im Leben darbietet. Wenn Sie das bedenken und ein wenig meditieren über das, was ich jetzt gerade gesagt habe, dann bekommen Sie allmählich einen Begriff von dem, was man «exaktes Denken» nennt. Im gewöhnlichen Leben hat der Mensch eigentlich kaum Gelegenheit, in den heutigen Verhältnissen sich in einem exakten Denken anderswo zu üben als in der Geometrie, höchstens noch im Rechnen. Da beschränkt sich der Mensch auf das, was er sieht. Zu einer geometrischen Figur, zu einem Dreieck, bringt man nicht viel Vorurteile mit. Da sagt man sich: Das ist das Dreieck. Ich zeichne hier eine Parallele. Dieser Winkel ist gleich dem Winkel dort, jener gleich diesem, und der in der Mitte ist sich selbst gleich. Das ist dann ein gestreckter Winkel. Also sind die drei Winkel des Dreiecks auch gleich einem gestreckten Winkel. — Da schaue ich auf das, was ich vor mir habe. Da bringe ich nicht solche Kolosse von Vorurteilen mit, wie wenn Lloyd George morgen käme und ich es etwa schon im voraus wüßte. Natürlich will ich mit dem, was ich jetzt eben ausgesprochen habe, nur sagen, daß ein wirkliches exaktes, genaues Denken eine gute Vorbereitung für ein richtiges Anschauen der höheren geistigen Welten ist. Ein Denken, wobei man den Anfang des Gedankens genau in der Hand hat und wirklich jeden Schritt des Gedankens ganz genau überschauen kann, das ist notwendig, um in die höheren Welten hineinzukommen, ich meine, um verständig in die höheren Welten hineinzukommen. Vor allen Dingen ist eine ausgeprägte Gewissenhaftigkeit des Denkens notwendig, ein Sich-Rechenschaft-Geben über das, was man denkt. Und auch davon hält ja das gewöhnliche Leben zu sehr zurück. Die Menschen haben in den meisten Fällen kein Interesse daran, exakt zu denken, sondern sie haben vielmehr ein Interesse daran, so zu denken, daß ihnen der Gedanke gefällt, daß ihnen der Gedanke angenehm ist.
[ 28 ] Nicht wahr, wenn man schließlich katholischer Priester ist und etwas von Anthroposophie hört, so ist einem der Gedanke, daß da etwas Richtiges sein kann in der Anthroposophie, doch furchtbar unangenehm. Also es kann gar nicht die Rede davon sein, daß man da ein exaktes Denken entfaltet. Da tritt man ja an die Sache heran mit allen möglichen Antezedenzien, allen möglichen Vorempfindungen und Vorurteilen, und man entscheidet sich dann nach diesen Vorurteilen. Im Leben wird ja das meiste nach diesen Vorurteilen entschieden. Bedenken Sie doch nur einmal, welch sonderbaren Eindruck es manchmal macht, wenn man einfach den Versuch macht, in vorurteilsloser Weise etwas zu charakterisieren. Wir leben hier im Goetheanum. Kein Mensch wird mir zutrauen, daß ich in geringerem Sinne ein Goethe-Verehrer bin als irgendein anderer, aber wie vieles habe ich gegen Goethe vorgebracht! Wie oftmals mache ich den Versuch, Goethe aus einer begrenzten Erscheinungsreihe heraus zu charakterisieren, die man überschauen kann, während zumeist, wenn über Goethe geredet wird, schon im Namen Goethe eine ganze Summe von Wertungen liegt. Damit, daß nur der Name Goethe ausgesprochen wird, ist schon etwas erregt in der Seele. Man kann nicht, wenn man an eine neue Erscheinung herantritt, vorurteilslos an diese Erscheinung herantreten, wenn man eben den ganzen Koloß von Vorurteilen mitbringt.
[ 29 ] Diese Dinge werden gewöhnlich nicht berücksichtigt, und daher sagt man sehr häufig: Ach, man kommt ja nicht weiter in dem Hereindringen in die geistigen Welten! — Ja, wenn die elementaren Dinge nicht berücksichtigt werden, so kann man eben natürlich nicht hineinkommen. Und die Leute betrachten es als eine Zumutung, wenn man an sie die Anforderung stellt, die elementarsten Dinge zu berücksichtigen.
[ 30 ] Ich stelle ein Bild vor Sie hin. In den neunziger Jahren war ich einmal in Jena; da hat nach seiner Entlassung Bismarck eine große Rede gehalten. Er ist im Gefolge von Haeckel und Bardeleben und andern Jenenser Professoren unter einem Baldachin erschienen. Nun denken Sie, die ganze kolossale Menge, die dazumal auf dem Marktplatz in Jena stand, die sollte, was Bismarck sagt, nur so verfolgen, wie sie es verfolgen würde bei einem Menschen, den sie jetzt erst kennenlernt! Nicht wahr, das ist undenkbar unter gewöhnlichen Verhältnissen. Und dennoch, für den, der wirklich in eine Art Einweihung hineinkommen will, ist es durchaus notwendig, daß er sich die Unbefangenheit entwickelt, alles das, was er sieht, auch wenn sich darüber noch so viel schon in seiner Seele festgelegt hat, immer wiederum wie etwas ganz Neues anzusehen, wie etwas sozusagen ihm vom Himmel Zugefallenes. Denn das ist ja das Eigentümliche der geistigen Welt, daß wir sie uns immer erst in jedem Augenblicke wieder neu erringen müssen, wenn wir sie haben wollen. Dazu müssen wir uns in der entsprechenden Weise eben vorbereiten.
[ 31 ] Aber man kann doch sagen: Wenn man die allgemeinen Zivilisationserscheinungen beachtet, bewegt sich die Menschheit in einer solchen Linie. Nur kommt sie zunächst noch in schlechtem Aspekt zum Vorschein: in dem Bekämpfen jeder Autorität, in dem Bekämpfen jedes hergebrachten Urteiles und so weiter. Diese Dinge müssen nur alle veredelt werden. Aber die Menschheit bewegt sich in der Linie der Vorurteilslosigkeit, der Unvoreingenommenheit. Es kommt nur zunächst von seiner negativen, häßlichen Seite aus zum Vorschein. Man muß, wenn man die Entwickelung der Zivilisation richtig beurteilen will, wenn man sie für die Zukunft bewerten will, sie auch von der Seite betrachten, die ich eben jetzt angedeutet habe.
[ 32 ] Über diese Dinge werden wir dann, meine lieben Freunde, am nächsten Freitag um 8 Uhr weitersprechen.
