Old and New Initiation Methods
Drama and Poetry in the Shift
of Consciousness in the Modern Era
GA 210
12 February 1922, Dornach
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Old and New Initiation Methods, tr. SOL
5. Alte und neue Einweihungsmethoden II
5. Old and New Initiation Methods II
[ 1 ] Wenn man solche Auseinandersetzungen macht, wie sie gestern hier gepflogen worden sind, hat man natürlich nicht etwa immer im Sinne, daß darin eine Aufforderung zur Übung nach der Richtung liegen soll, auf die gedeutet wird in Hinsicht von Erlangung höherer übersinnlicher Erkenntnisse. Selbstverständlich liegt das auch darinnen, aber indem solche Dinge mitgeteilt werden, handelt es sich auch darum, daß sich eine Erkenntnis verbreitet von dem, was durch solche Übungen zu höherer Erkenntnis erlangt werden kann. Und wer nun erklärt, dies oder jenes ist möglich in bezug auf die Entwickelung des Menschen, der erklärt ja dadurch etwas über das Wesen des Menschen selbst. Hört man, daß ein Mensch, der eine Einweihung sucht, das Seelisch-Geistige loslösen kann von dem Physisch-Leiblichen entweder in der Art, wie ich es gestern dargestellt habe, wie es in den alten Mysterien geschehen ist, oder so, wie ich es, für die heutige Zeit geeignet, gleich nachher andeutungsweise darstellen will —, hört man, daß so etwas möglich ist, dann kann man eben wissen, daß das Seelisch-Geistige ein selbständiges Wesen ist, welches sein Dasein über das Leibliche hinaus hat. Man erlangt also aus den Mitteilungen, daß es höhere Erkenntnisse gibt, Erkenntnisse über die menschliche Wesenheit selbst, und das ist es, was zunächst wesentlich ist für die Verbreitung anthroposophischer Weistümer.
[ 1 ] When one engages in discussions such as those that took place here yesterday, one does not, of course, always intend for them to serve as an invitation to practice in the direction indicated with regard to attaining higher supersensible knowledge. Of course, that is also part of it, but when such things are communicated, the aim is also to spread an understanding of what can be attained through such exercises leading to higher knowledge. And whoever explains that this or that is possible with regard to human development is thereby explaining something about the very nature of the human being. When one hears that a person seeking initiation can detach the soul-spiritual from the physical-bodily—either in the manner I described yesterday, as it occurred in the ancient mysteries, or in the way I shall shortly outline in a suggestive manner, adapted to the present day— if one hears that such a thing is possible, then one can know that the soul-spiritual is an independent entity whose existence extends beyond the physical. One thus learns from these teachings that there are higher insights—insights into the human being itself—and that is what is essential, first and foremost, for the dissemination of anthroposophical wisdom.
[ 2 ] Ich habe gestern dargestellt, wie in den alten Mysterien das Körperliche behandelt worden ist, damit dieses Körperliche die Seele nach den beiden verschiedenen Richtungen hin freigeben konnte. Ich habe gesagt, die beiden wesentlichen Dinge, auf die es ankam in den alten Mysterien, waren: der Vergessenheitstrunk auf der einen Seite und das Hervorrufen von angstartigen, furchtartigen, schreckartigen Zuständen auf der andern Seite. Der Vergessenheitstrunk bewirkte ja allerdings, daß man die Erinnerung tilgte für alles, was zunächst aus dem gewöhnlichen Erdenleben in dem Gedächtnisse darinnen war. Aber dieses Negative war nicht die Hauptsache, sagte ich, sondern die Hauptsache war, daß das Gehirn während des Mysterien-Erkenntnisprozesses gewissermaßen wirklich leiblich verweicht wurde und daß dadurch das Geistige, das sonst aufgehalten wird, nicht aufgehalten wurde durch das Gehirn, daß es durchgelassen wurde und daß der Mensch dadurch gewahr wurde: Ja, ich habe ein ewiges SeelischGeistiges, das vor der Geburt beziehungsweise vor der Konzeption von mir vorhanden war.
[ 2 ] Yesterday I described how the physical aspect was treated in the ancient mysteries so that it could release the soul in both of these different directions. I said that the two essential elements that mattered in the ancient mysteries were: the drink of forgetfulness on the one hand, and the evocation of states of fear, dread, and terror on the other. The potion of forgetfulness did indeed have the effect of erasing the memory of everything that had initially been stored there from ordinary earthly life. But this negative aspect was not the main point, I said; rather, the main point was that during the process of gaining insight into the mysteries, the brain was, so to speak, physically softened, and that as a result, the spiritual—which is otherwise held back—was not held back by the brain, but was allowed to pass through, and that the person thereby became aware: Yes, I have an eternal soul-spiritual essence that existed before my birth, or rather before my conception.
[ 3 ] Das andere ist, daß der übrige Organismus gewissermaßen erstarrte unter dem Einfluß der schreckhaften Tatsache. Wenn aber der Organismus erstarrt, dann saugt er nicht, wie das sonst der Fall ist, das Seelisch-Geistige auf, insofern sich dieses durch den Willen äußert. Es zieht sich das erstarrte Körperliche sozusagen einerseits zurück von dem Seelisch-Geistigen, und es wird andererseits das Seelisch-Geistige dem Menschen wahrnehmbar. Durch die Erweichung des Gehirnes wurde die Gedankenseite des Seelischen für die alten Mysterienschüler wahrnehmbar. Durch die Erstarrung des übrigen Organismus wurde die Willensseite wahrnehmbar. Und auf diese Weise bekam der Mensch durch die Einweihung eine Vorstellung von seinem SeelischGeistigen. Aber diese Vorstellung hatte einen durchaus traumhaften Charakter. Denn was war es denn eigentlich, was einerseits nach der Gedankenseite, andererseits nach der Willensseite frei wurde? Es war dasjenige, was aus geistig-seelischen Welten heruntersteigt und sich mit dem Physisch-Leiblichen des Menschen verbindet. Das wird erst durch den Besitz des Leibes fähig, sich der Sinne, sich des Verstandes zu bedienen, denn dazu ist der Leib notwendig. Ohne daß es sich des Leibes bedient, bleibt es traumhaft, bleibt es durchaus dumpf, dämmerig. So daß also der Mensch, indem er durch die geschilderten Vorgänge sein Seelisch-Geistiges losgelöst erhielt, dadurch eben ein Traumhaftes erhielt, allerdings ein Traumhaftes, in welchem in einer gewissen Weise durchaus ein gedankliches Element enthalten ist.
[ 3 ] The other point is that the rest of the organism, so to speak, froze under the influence of this terrifying event. But when the organism becomes rigid, it does not, as is otherwise the case, absorb the soul-spiritual aspect insofar as this is expressed through the will. On the one hand, the rigid physical aspect withdraws, so to speak, from the soul-spiritual aspect, and on the other hand, the soul-spiritual aspect becomes perceptible to the human being. Through the softening of the brain, the thought aspect of the soul became perceptible to the ancient mystery students. Through the stiffening of the rest of the organism, the volitional aspect became perceptible. And in this way, through initiation, the human being gained a conception of his soul-spiritual nature. But this conception had a thoroughly dreamlike character. For what was it, after all, that became free—on the one hand, on the side of thought, and on the other, on the side of will? It was that which descends from the spiritual-soul worlds and unites with the physical-bodily aspect of the human being. Only through the possession of the body does it become capable of making use of the senses and the intellect, for the body is necessary for this. Without making use of the body, it remains dreamlike; it remains entirely dull and dim. Thus, by having his soul-spiritual nature detached through the processes described, the human being thereby receives something dreamlike—albeit a dreamlike quality that, in a certain sense, does contain a thought-element.
[ 4 ] Ich sagte schon gestern: Würde der Mensch dies heute wiederum ausführen oder noch so ausführen wie früher, so würde das einen krankhaften Zustand herbeiführen. Denn der Mensch ist im wesentlichen nach dem Mysterium von Golgatha in seiner Organisation so fortgeschritten, daß das intellektuelle Leben sich gegenüber den früheren, instinktiven Erkenntniszuständen verstärkt hat. Diese besondere Verstärkung des intellektuellen Lebens ist insbesondere seit dem 15. Jahrhundert über die Menschheit gekommen. Es ist außerordentlich bedeutsam, daß auch noch während des ganzen Mittelalters die Menschen gewußt haben, wenn sie zu höheren Erkenntnissen kommen wollen, wenn sie überhaupt ein in gewissem Sinne höheres menschliches Leben führen wollen, so ist dazu ein Loslösen des Seelischen von dem Leiblichen notwendig.
[ 4 ] As I said yesterday: If people were to do this again today, or to do it in the same way as in the past, it would lead to a pathological condition. For, following the Mystery of Golgotha, human beings have essentially advanced in their constitution to such an extent that intellectual life has become stronger in comparison to the earlier, instinctive states of cognition. This particular intensification of intellectual life has come over humanity especially since the 15th century. It is extraordinarily significant that even throughout the entire Middle Ages, people knew that if they wished to attain higher insights—if they wished at all to lead, in a certain sense, a higher human life—it was necessary to detach the soul from the body.
[ 5 ] Wir hätten wahrscheinlich eine Dichtung innerhalb der deutschen Literatur über dieses mittelalterliche Wissen von dem Übersinnlichen, über dieses mittelalterliche Verhältnis zu dem Übersinnlichen, wenn Schiller dazugekommen wäre, sein von ihm projektiertes großes Drama «Die Malteser» auszuführen. Es ist eine außerordentlich interessante Erscheinung innerhalb des deutschen Geisteslebens, daß Schiller vorhatte gerade in den Jahren, in denen der Malteserorden durch Napoleon zugrunde gerichtet worden ist, ein Malteserdrama zu schreiben, nämlich die Belagerung der Insel Malta durch die Türken und die Verteidigung dieser Insel durch den Großmeister des Malteserordens, Lavalette. Schiller konnte offenbar dieses Drama nicht ausführen. Er hat dann den «Wallenstein» geschrieben, und die «Malteser» liegen lassen. Wir würden, wenn die «Malteser» von Schiller ausgeführt worden wären, ein Drama haben, aus dem deutlich ersichtlich wäre, wie in einem solchen Orden — und die Malteser sind noch aus den Vorgängen während der Kreuzzüge hervorgegangen —, der nach außen hin eigentlich auf humanitäre Handlungen, auf Gemeinwirksamkeit, auf Wohltätigkeitswirksamkeit und so weiter eingerichtet war, durchaus die Meinung herrschte, daß man so etwas nur vollführen könne, wenn man zu gleicher Zeit in einem gewissen Sinne zu einem höheren Leben aufsteigt.
[ 5 ] We would likely have a work of poetry within German literature dealing with this medieval knowledge of the supernatural—and this medieval relationship to the supernatural—had Schiller been able to carry out his planned grand drama, Die Malteser. It is an extraordinarily interesting phenomenon in German intellectual life that Schiller planned to write a drama about the Order of Malta precisely during the years when the Order was being destroyed by Napoleon—namely, the siege of the island of Malta by the Turks and the defense of the island by the Grand Master of the Order of Malta, Lavalette. Schiller was apparently unable to bring this drama to fruition. He then wrote “Wallenstein” and set aside “The Maltese.” Had Schiller’s The Maltese been staged, we would have a drama that clearly illustrates how, in such an order—and the Maltese Order traces its origins to the events of the Crusades—which outwardly is actually oriented toward humanitarian actions, public service, charitable work, and so on—the prevailing view was that one could only carry out such deeds if, at the same time, one ascended, in a certain sense, to a higher life.
[ 6 ] Man hatte in der Zeit, in welcher der Tempelherrenorden und der Johanniterorden — aus dem dann der Malteserorden geworden ist — gestiftet worden sind, ja, auch noch während des ganzen Mittelalters durchaus das Gefühl: Der Mensch muß sich verwandeln, bevor er in der richtigen Weise so etwas unternehmen kann. Es ist dieses ein Gefühl gegenüber dem Menschenwesen, das eigentlich in der neueren Zeit vollständig verlorengegangen ist, und das ist darauf zurückzuführen, daß eben der Intellekt des Menschen wesentlich intensiver, stärker geworden ist, so daß der neuere Mensch ganz und gar intellektuell ist, daß das Intellektuelle bei ihm ganz besonders vorliegt.
[ 6 ] At the time when the Order of the Knights Templar and the Order of St. John—which later became the Order of Malta—were founded, and indeed throughout the entire Middle Ages, there was a strong sense that a person must undergo a transformation before he can undertake such a task in the proper way. It is this sense regarding the human being that has actually been completely lost in more recent times, and this is due to the fact that the human intellect has become significantly more intense and powerful, so that modern man is entirely intellectual, and the intellectual aspect is particularly prominent in him.
[ 7 ] In unserer Zeit ist wiederum eine starke Sehnsucht bei den Menschen vorhanden, das Intellektualistische zu überwinden. Was heute in der Literatur, namentlich im Journalismus hervortritt, spricht allerdings noch das Gegenteil aus, aber in den breiten Massen ist durchaus eine Sehnsucht vorhanden, das intellektualistische Element zu überwinden. Das zeigt sich insbesondere auch dadurch, daß nicht nur das Reden über Spirituelles heute in den weitesten Kreisen außerordentlich gut einschlägt, sondern daß auch so etwas, was — wie unsere Eurythmie — nicht aus Intellektuellem, sondern aus dem, was imaginativ dem Menschenwesen zugrunde liegt, hervorgeholt wird, wenn es auch noch nicht völlig verstanden wird, aber doch auf die weitesten Kreise heute schon einen Eindruck macht. Denn das hat sich ja bei den letzten Reisen, insbesondere aber bei der letzten Eurythmiereise gezeigt, daß die Eurythmie einen außerordentlich starken Eindruck auch auf diejenigen Kreise macht, die sie natürlich beim ersten Sehen, auf den ersten Anhub, nicht in ihrem tiefsten Wesen durchschauen können, die aber fühlen, daß da etwas ist, was aus tieferen Untergründen der menschlichen Natur herausgeholt worden ist, was mehr ist als das bloß Intellektualistische.
[ 7 ] In our time, there is once again a strong longing among people to overcome intellectualism. What stands out in literature today—particularly in journalism—still expresses the opposite, but among the broad masses there is definitely a longing to overcome the intellectualistic element. This is evident in particular from the fact that not only does talk of spiritual matters resonate exceptionally well in the widest circles today, but also that something like our eurythmy—which is drawn not from the intellectual but from what lies at the imaginative foundation of the human being—makes an impression on the widest circles today, even if it is not yet fully understood. For this has indeed become evident during the recent tours, but especially during the last eurythmy tour, that eurythmy makes an extraordinarily strong impression even on those circles who, of course, cannot fathom its deepest essence at first glance or upon the first movement, but who sense that there is something here that has been drawn from the deeper foundations of human nature—something that is more than mere intellectualism.
[ 8 ] Nun, worauf beruht nun dieses Intellektualistische, das heute ganz besonders dem Menschen eigen ist? Ich möchte Ihnen das wiederum durch eine Art schematischer Zeichnung klarmachen [siehe S. 78, Tafel 6]. Ich sagte gestern: Wenn wir das menschliche Gehirn nehmen (weiß), so können wir uns vorstellen, daß durch dasjenige, was als der Vergessenheitstrunk aufgefaßt worden ist, eben das Geistig-Seelische, das sonst vor dem Gehirn Halt macht, das Gehirn durchdrang (rot), und daß gewissermaßen durch den alten Eingeweihten von innen herauf aufstieg das Geistig-Seelische durch das präparierte Gehirn. — Der Intellektualismus von heute beruht ja darauf, daß gegenüber dem älteren Menschen, sagen wir vor dem Mysterium von Golgatha, das Seelisch-Geistige beim heutigen Menschen innerlich stärker, intensiver geworden ist. Der ältere Mensch hat überhaupt nicht so viel Intellektualismus gehabt. Sein Seelisch-Geistiges prägte sich nicht zu solchen scharfen Gedankenlinien aus, wie das beim heutigen Menschen der Fall ist. Denn wenn man Intellektualist ist, so denkt man ja alles in geraden Linien. So dachte der ältere Mensch nicht. Der ältere Mensch dachte bildhafter, traumhafter, weicher, möchte ich sagen. Beim heutigen Menschen sind die Gedanken eckig, sind mit scharfen Konturen begabt. Aber dieser heutige Mensch könnte, trotzdem sein Seelisch-Geistiges stärker geworden ist als es in älteren Zeiten war, dennoch nicht vom Seelisch-Geistigen aus diese Gedanken fassen.
[ 8 ] Well, what is the basis of this intellectualism that is so characteristic of human beings today? I would like to illustrate this to you once again with a kind of schematic diagram [see p. 78, Plate 6]. I said yesterday: If we take the human brain (white), we can imagine that through what has been understood as the “drink of forgetfulness,” the spiritual-soul aspect—which otherwise stops short of the brain—penetrated the brain (red), and that, in a sense, the spiritual-soul aspect rose up from within the ancient initiate through the prepared brain. — Today’s intellectualism is based on the fact that, compared to people of earlier times—let us say, before the Mystery of Golgotha—the spiritual-soul aspect has become stronger and more intense within modern human beings. People of the past did not possess nearly as much intellectualism. Their spiritual-soul aspect did not take shape in such sharp lines of thought as is the case with people today. For when one is an intellectualist, one thinks of everything in straight lines. People of the past did not think that way. They thought in a more pictorial, dreamlike, and softer way, I would say. In modern people, thoughts are angular, endowed with sharp contours. But even though the soul-spiritual aspect of modern people has become stronger than it was in earlier times, they are still unable to grasp these thoughts from the soul-spiritual realm.
[ 9 ] Verstehen wir uns recht, meine lieben Freunde. Der heutige Mensch hat schon gegenüber dem älteren ein gut Stück seelisch-geistiger Stärke. Er träumt nicht mehr so, wie der ältere Mensch geträumt hat, er strafft sich in seinen Gedanken. Dennoch würden diese Gedanken abgedämpft bleiben, wenn nur das Seelisch-Geistige beim modernen Menschen wirken müßte. Eigentlich kann jetzt der Mensch noch immer nicht von seiner Seele aus denken.
[ 9 ] Let us be clear, my dear friends. People today already possess a good deal more psychological and spiritual strength than people of the past. They no longer dream as people of the past did; they focus their thoughts more intently. Nevertheless, these thoughts would remain subdued if only the soul-spiritual aspect were to be at work in modern human beings. In fact, human beings still cannot think from their souls.
[ 10 ] Was dem Menschen die Kraft des Denkens abnimmt, das ist der Leib. Wenn wir zum Beispiel eine Sinneswahrnehmung haben, so haben wir sie allerdings mit dem Seelisch-Geistigen. Wenn wir sie dann aber denken wollen, diese Sinneswahrnehmung, dann muß uns der Leib helfen. Der Leib ist eigentlich der Denker. So daß also heute die Sache so ist: Die Sinneswahrnehmung wirkt auf den Menschen, das Seelisch-Geistige (rot oben) durchsetzt die Sinneswahrnehmung, aber der Leib wirkt wie ein Spiegel und wirft fortwährend die Gedankenstrahlen zurück (grüne Pfeile). Dadurch werden sie bewußt. Also der Leib ist das, was dem Menschen die Mühe des Denkens abnimmt, nicht aber die Mühe der Sinneswahrnehmungen. Und wenn nach dieser Gedankenseite hin der Mensch heute nach einer Einweihung streben will, dann muß er durch seine Übungen, die wir ja kennen aus «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und aus dem zweiten Teil der «Geheimwissenschaft im Umriß», das SeelischGeistige noch mehr verstärken; dann bringt er es allmählich dahin, dieses Seelisch-Geistige in sich so selbständig zu machen, daß es den Leib nicht mehr braucht.
[ 10 ] It is the body that robs human beings of the power of thought. When we have a sensory perception, for example, we do indeed experience it through the soul-spiritual. But when we then want to think about this sensory perception, the body must help us. The body is actually the thinker. So today the situation is this: Sensory perception acts upon the human being; the soul-spiritual (red above) permeates the sensory perception, but the body acts like a mirror and constantly reflects the rays of thought back (green arrows). Through this, they become conscious. So the body is what relieves the human being of the effort of thinking, but not of the effort of sensory perception. And if, from this mental perspective, a person today wishes to strive for initiation, then through the exercises we know from How to Attain Knowledge of the Higher Worlds and from the second part of Outline of Esoteric Science, strengthen the soul-spiritual aspect even further; then they will gradually succeed in making this soul-spiritual aspect within themselves so independent that it no longer needs the body.


[ 11 ] Also verstehen wir uns richtig: Wenn heute im gewöhnlichen Leben gedacht wird, dann ist allerdings das Seelisch-Geistige tätig. Vor allen Dingen nimmt es die Sinneswahrnehmungen auf, aber es könnte nicht diejenigen Gedanken entwickeln, die heute entwickelt werden. Daher kommt der Leib und nimmt dem Menschen die Mühe des Denkens ab. Im gewöhnlichen Leben denkt man durchaus mit dem Leib, der Leib ist der Gedankenapparat. Wenn man die Übungen macht, von denen in den genannten Büchern die Rede ist, dann wird die Seele durch diese Übungen so stark, daß sie nicht mehr den Leib zum Denken braucht, daß sie selbst denkt. Und das ist im Grunde die erste Etappe der Entwickelung zum höheren Erkennen hin, daß das Seelisch-Geistige anfängt, den Leib für die höhere Erkenntnis als das eigentliche Denkorgan abzusetzen. Es muß nur immer wieder betont werden, daß der Mensch, indem er zur höheren Erkenntnis, also zur Imagination aufrückt, immer neben sich mit seinem gesunden Menschenverstand bleibt als einer, der sich selber kontrolliert, sich selber kritisiert. Also man bleibt daneben derselbe, der man sonst auch im gewöhnlichen Leben ist. Es entwickelt sich nur der zweite Mensch aus dem ersten Menschen heraus, der dann fähig ist, nicht mehr mit Hilfe des Leibes, sondern ohne die Hilfe des Leibes zu denken.
[ 11 ] So let’s be clear: When we think in everyday life today, it is indeed the soul-spiritual that is at work. Above all, it takes in sensory perceptions, but it could not develop the kinds of thoughts that are developed today. That is why the body steps in and relieves the human being of the effort of thinking. In everyday life, people certainly think with the body; the body is the thinking apparatus. When one performs the exercises described in the books mentioned, the soul becomes so strong through these exercises that it no longer needs the body to think—it thinks on its own. And this is essentially the first stage of development toward higher knowledge: that the soul-spiritual begins to set aside the body as the actual organ of thought for higher knowledge. It must be emphasized again and again that as a person ascends to higher knowledge—that is, to imagination—they always remain true to themselves with their sound common sense, as one who controls and critiques themselves. So one remains, alongside this, the same person one is in ordinary life. It is only the second human being that develops out of the first, who is then capable of thinking no longer with the help of the body, but without the help of the body.


[ 12 ] Also das, was sich als Geistig-Seelisches dem alten Mysterienschüler offenbarte, das kam aus dem Leibe heraus, drang durch das Gehirn durch und im Herausquillen gewissermaßen nahm es der Mensch wahr. Das aber, was der Mensch heute wahrnimmt als ein Eingeweihter, das ist verstärktes Denken, das nun ganz und gar nicht das Gehirn in Anspruch nimmt. Während also der alte Mensch das, was er als Geistig-Seelisches wahrnahm, aus seiner Organisation herauszog, nimmt der Mensch heute das Seelisch-Geistige nach der Gedankenseite hin so wahr, daß es in ihn hereindringt, wie Sinneswahrnehmungen in ihn hereindringen. Der Mensch, indem er diese erste Stufe der höheren Erkenntnis erklimmt, muß sich daran gewöhnen, zu sagen: Ich beginne, mich selber meinem ewigen Seelisch-Geistigen nach wahrzunehmen, denn das dringt durch mein Auge, das dringt überhaupt von außen in mich herein.
[ 12 ] So what revealed itself to the ancient mystery student as spiritual-soul elements emerged from the body, passed through the brain, and, as it were, welled up—and the human being perceived it. But what a person perceives today as an initiate is intensified thinking, which does not involve the brain at all. So while the person of old drew what they perceived as the spiritual-soul aspect out of their own organism, the person today perceives the soul-spiritual aspect—on the level of thought—in such a way that it penetrates into them, just as sensory perceptions penetrate into them. As human beings ascend to this first stage of higher knowledge, they must accustom themselves to saying: I am beginning to perceive myself in terms of my eternal spiritual-soul aspect, for it penetrates through my eye; indeed, it penetrates into me from the outside.
[ 13 ] Ich habe bei einem öffentlichen Vortrag im Basler Bernoullianum gesagt: Die Geisteswissenschaft in anthroposophischem Sinne muß das Sinneswahrnehmen als ihr Ideal betrachten. Man muß vom Sinneswahrnehmen weiterschreiten. Man darf nicht zurück zum traumhaften Erkennen gehen, sondern man muß zu einem klareren Erkennen schreiten, als es dieses Wahrnehmen ist. Daher muß unser eigenes Wesen an uns herankommen, wie die Farben und wie die Töne an die Sinne herankommen.
[ 13 ] I said during a public lecture at the Bernoullianum in Basel: Spiritual science in the anthroposophical sense must regard sensory perception as its ideal. One must move beyond sensory perception. One must not go back to dreamlike cognition, but must advance to a clearer form of cognition than this perception itself. Therefore, our own being must approach us, just as colors and sounds approach the senses.
[ 14 ] Sehen Sie, wenn der Mensch aus der geistig-seelischen Welt heruntersteigt zur physischen Verleiblichung, dann ist sein Seelisch-Geistiges so, daß es gewissermaßen für die seelisch-geistige Welt stirbt; indem der Mensch konzipiert wird, sich zur Geburt anschickt, stirbt er für die geistige Welt. Wenn der Mensch hier für die physische Welt stirbt, so wird er, indem er durch die Pforte des Todes geht, für die geistige Welt geboren. Das sind nur relative Begriffe. Stirbt man für die geistige Welt, wird man physisch geboren; stirbt man für die physische Welt, wird man geistig geboren. Tod in der physischen Welt bedeutet geistige Geburt; Geburt in der physischen Welt bedeutet geistigen Tod. Das sind, wie gesagt, ja nur relative Begriffe. Was da in der Seele auftritt, wenn sie hin zur Geburt schreitet, das ist in der Tat etwas, was in der geistigen Welt nicht weiter fortbestehen könnte, was in der geistigen Welt zerfallen würde und was zu einem Leiblichen hinläuft, damit es sich weiter erhalten kann.
[ 14 ] You see, when a human being descends from the spiritual-soul world into physical embodiment, their spiritual-soul nature is such that it, so to speak, dies to the spiritual-soul world; as the human being is conceived and prepares for birth, he dies to the spiritual world. When the human being here dies to the physical world, he is, by passing through the gate of death, born into the spiritual world. These are only relative concepts. If one dies to the spiritual world, one is born physically; if one dies to the physical world, one is born spiritually. Death in the physical world means spiritual birth; birth in the physical world means spiritual death. As I said, these are, of course, only relative concepts. What occurs in the soul as it moves toward birth is, in fact, something that could not continue to exist in the spiritual world, something that would disintegrate in the spiritual world, and something that turns toward a physical body so that it may continue to exist.
[ 15 ] So daß man also, wenn man es nun schematisch zeichnen will, etwa so zeichnen müßte: Das Geistig-Seelische (rot von links) steigt aus der geistig-seelischen Welt herab. Es ist, man möchte sagen in einer Sackgasse angekommen; es kann jetzt nicht weiter, es muß sich mit physischer Materialität ausstatten (blau). Aber die physische Materialität wirkt eigentlich nur so, wie ich es jetzt eben beschrieben habe, vom Gehirn aus, nicht vom übrigen Menschen aus. Vom übrigen Menschen aus geht doch wieder das Geistig-Seelische, das sich gewissermaßen dadurch erholt, daß es vom Gehirn nicht durchgelassen wird, daß es im Gehirn eine Widerlage, eine Unterstützung hat. Dadurch wird es dem Geistig-Seelischen wiederum möglich, nun doch durch die übrige menschliche Organisation, also namentlich durch die Gliedmaßen-Stoffwechselorganisation, sich selber sich entgegenzustellen (rot rechts). Man könnte also sagen: Was ich hier blau gezeichnet habe, das ist die Kopforganisation. Hier ist dann die Gliedmaßen-Stoffwechselorganisation (gelb); die saugt zwar im normalen Zustande das Seelisch-Geistige auf, aber doch nur bis zu einem gewissen Grade. Schon indem wir von Kindheit aufwachsen, kommt eigentlich das Geistig-Seelische immer wieder zum Vorschein. In dem Momente, wo der Mensch konzipiert wird, und während er ein Embryo, ein Keim im Leibe der Mutter ist, wird gewissermaßen das ganze Geistig-Seelische, das aus der geistig-seelischen Welt herunterkommt, untergetaucht in das Materielle. Aber dadurch, daß es eine Stütze bekommen hat, dieses Geistig-Seelische, erholt es sich wiederum. Der Embryo hat die Form, die das schon äußerlich zeigt: zunächst die Kopforganisation, da findet das Geistig-Seelische eine Stütze (siehe Zeichnung). Dann setzt sich die übrige Organisation an; da quillt schon das Geistig-Seelische wiederum durch — das habe ich hier schematisch gezeichnet.
[ 15 ] So, if one were to draw this schematically, it would look something like this: The spiritual-soul aspect (red, from the left) descends from the spiritual-soul world. It has, one might say, reached a dead end; it cannot go any further now; it must equip itself with physical materiality (blue). But physical materiality actually operates only as I have just described—from the brain, not from the rest of the human being. From the rest of the human being, however, the spiritual-soul aspect flows out again; it recovers, so to speak, by not being allowed to pass through the brain, by having a counterbalance, a support, within the brain. This in turn enables the spiritual-soul aspect to oppose itself through the rest of the human organism—namely, through the limb-metabolic organization (red on the right). One could therefore say: What I have drawn here in blue is the head organization. Here, then, is the limb-metabolic organization (yellow); although it absorbs the soul-spiritual aspect in its normal state, it does so only to a certain degree. Even as we grow up from childhood, the soul-spiritual aspect actually comes to the fore again and again. At the moment a human being is conceived, and while he is an embryo, a seed within the mother’s womb, the entire spiritual-soul aspect—which descends from the spiritual-soul world—is, so to speak, submerged into the material realm. But because this spiritual-soul aspect has received a foundation, it recovers once again. The embryo has a form that already reveals this externally: first, the organization of the head, where the spiritual-psychic finds a foundation (see drawing). Then the rest of the organism develops; there, the spiritual-psychic already begins to well up again—I have drawn this schematically here.
[ 16 ] Indem wir nun als Kind heranwachsen, da wird immer wieder das Geistig-Seelische selbständig, beim Kinde noch nicht so stark, aber immer mehr und mehr wird das Geistig-Seelische selbständig. Ich habe ja, indem ich die Entwickelung des Kindes beschrieben habe, dies im einzelnen ausgeführt; auch wie dieses Geistig-Seelische dann bei den großen Übergangspunkten, beim Zahnwechsel und bei der Geschlechtsreife, immer selbständiger und selbständiger wird. So daß wir, indem wir als Mensch heranwachsen, immer mehr das LeiblichPhysische zurücktreten lassen und ein selbständiges Geistig-Seelisches bekommen. Dieses Selbständige ist beim heutigen Menschen intensiver als beim älteren Menschen. Aber es könnte doch nicht denken. Es braucht eben, wie ich sagte, den Leib zur Hilfe, wenn es denken will. Sonst bliebe gerade auch das, was dann an uns heranwächst, immer traumhaft.
[ 16 ] As we grow up as children, the spiritual-soul aspect becomes increasingly independent; it is not yet very strong in the child, but it becomes more and more independent. I have, in fact, described this in detail while outlining the child’s development; I have also explained how this spiritual-soul aspect becomes increasingly independent at the major transitional stages—such as the change of teeth and sexual maturity. Thus, as we grow up as human beings, we increasingly allow the physical-bodily aspect to recede and develop an independent spiritual-soul aspect. This independence is more intense in people today than in older generations. But it still cannot think on its own. As I said, it needs the body’s help if it is to think. Otherwise, precisely what is then developing within us would remain in a dreamlike state.
[ 17 ] So kann man also sagen: Der ältere Eingeweihte suchte, das Gehirn durchlässig zu machen, so daß das frühere Geistig-Seelische, das da herunterstieg, für ihn noch durchquillen konnte, daß er also gewissermaßen das vorgeburtliche Leben noch wahrnahm durch das verweichte Gehirn. Der neuzeitliche Eingeweihte, der reflektiert nicht darauf, sondern der reflektiert auf das, was sich im Laufe des Lebens herausbildet. Das erweckt er zu einer höheren Intensität nach der Gedankenseite hin. Der ältere Eingweihte hätte das nicht gekonnt. Der hätte das, was sich beim Kinde in dumpfer Weise als das neue Geistig-Seelische entwickelt, was dann später durch die 'Todespforte geht, nicht so stark anfassen können. Er tötete daher gewissermaßen das Leibliche ab, er lähmte es herunter, damit das alte Geistig-Seelische herauskam, das früher war, bevor er konzipiert beziehungsweise empfangen worden war.
[ 17 ] So one might say: The older initiate sought to make the brain permeable, so that the earlier spiritual-soul elements that descended could still flow through it, enabling him, as it were, to still perceive his prenatal life through the softened brain. The modern initiate, however, does not reflect on this; rather, he reflects on what develops in the course of life. He awakens this to a higher intensity on the level of thought. The older initiate would not have been able to do this. He would not have been able to grasp so strongly what develops in the child in a dull manner as the new spiritual-soul aspect—which later passes through the “gate of death.” He therefore, in a sense, killed off the physical aspect; he paralyzed it so that the old spiritual-soul aspect—which existed before the child was conceived or received—could emerge.
[ 18 ] Heute fassen wir dasjenige, was wir in schwacher Weise durch die Kindheit bis zum Erwachsensein entwickeln, stärker an, so daß wir also das, was sich seit der Geburt als das neue Geistig-Seelische entwickelt, erkraften, verstärken. Dadurch versuchen wir ein selbständiges Geistig-Seelisches gegenüber dem Leibe nach der Gedankenseite hin zu bekommen. Während also der alte Eingeweihte das vorgeburtliche Geistig-Seelische durch die Herabdämpfung des Leibes offenbar machte, versuchen wir offenbar zu machen, was sich nach der Geburt als Geistig-Seelisches immer mehr und mehr herausentwickelt; aber wir machen es nicht bis zu der Stärke offenbar, in der wir es gebrauchen, um selbständig die geistige Welt wahrzunehmen. Das ist der Unterschied.
[ 18 ] Today we grasp more firmly what we have been developing in a subtle way from childhood through adulthood, so that we can thus strengthen and reinforce what has been developing as the new spiritual-soul aspect since birth. In this way, we strive to establish an independent spiritual-soul aspect in relation to the body, oriented toward the realm of thought. So while the ancient initiate revealed the pre-birth spiritual-soul aspect by subduing the body, we seek to reveal what develops more and more as a spiritual-soul aspect after birth; but we do not reveal it to the degree of strength required to perceive the spiritual world independently. That is the difference.
[ 19 ] Nach der Willensseite hin ist es so: Der alte Eingeweihte versuchte, wie gesagt, die Willensorganisation erstarrt zu machen. Dadurch wurde das Geistig-Seelische, das sonst durch die Willensorganisation aufgesogen wird, für ihn wiederum wahrnehmbar, also dasjenige, was da war vom Vorgeburtlichen. Wenn der Körper erstarrt ist, so saugt er eben nicht das Geistig-Seelische auf; dadurch wird es in seiner Selbständigkeit offenbar. Das machen wir wiederum nicht als moderne Eingeweihte, sondern da wird anders vorgegangen. Da wird nun wiederum der Wille verstärkt, indem die Kraft des Wollens in der Weise, wie ich das in den genannten Büchern dargestellt habe, umgewandelt wird. Es wäre ganz falsch, wenn durch Schocks, durch Angstzustände, durch Schreckzustände, wie beim alten Eingeweihten, kataleptische Zustände herbeigeführt würden. Das würde beim modernen Menschen mit seiner stark entwickelten Intellektualität ganz und gar ins pathologische Gebiet gehören. Das darf also nicht sein. Dagegen wird zum Beispiel durch Rückwärtsübungen — wo man gewissermaßen nicht vorwärts vorstellt, sondern, wie bei der Rückschau, die Tageserlebnisse von rückwärts nach vorn, vom Abend zum Morgen durchnimmt — oder auch durch andere Willensübungen der Wille umgewandelt in einer Weise, die ich etwa so charakterisieren kann: Betrachten Sie das menschliche Auge. Wie muß es denn gestaltet sein, damit wir sehen können? Wenn wir starkrank werden, macht sich die Materie des Auges selbständig geltend. Das Auge kleidet sich aus mit Materie, die dann undurchsichtig wird. Das Auge muß selbstlos sein, selbstlos in den Organismus eingefügt sein, wenn wir es zum richtigen Sehen brauchen wollen, es muß durchsichtig sein. Unser Organismus ist für den Willen durchaus nicht durchsichtig. Ich habe es Ihnen ja öfter dargestellt. Wir können einen Gedanken haben, sagen wir, daß wir den Arm, die Hand erheben wollen. Wir fassen den Gedanken: Ich will den Arm, die Hand erheben. — Aber was dann geschieht in unserem Organismus, indem dieser Gedanke hinüberschießt in den Organismus und die Ausführungen macht. Das ist ebenso in Dunkel gehüllt wie die Ereignisse, die zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen vor sich gehen. Wir sehen erst wiederum den erhobenen Arm, die erhobene Hand. Also wir haben wiederum eine Vorstellung. Anfangsvorstellung und Endvorstellung schließen sich zusammen; was in der Mitte drinnen liegt, das ist ein Schlafzustand. Der Wille entfaltet sich so im Unbewußten für den Menschen, wie sich die Ereignisse des Schlafes im Unbewußten entfalten. Wir können ganz gut sagen: In bezug auf das Durchschauen des Willens ist unser Organismus undurchsichtig für das gewöhnliche Bewußtsein, wie ein starkrankes Auge undurchsichtig wäre.
[ 19 ] From the perspective of the will, the situation is as follows: As mentioned, the ancient initiate sought to make the will-organization rigid. As a result, the spiritual-soul aspect—which is otherwise absorbed by the will-organization—became perceptible to him once again; that is, what had existed from the pre-birth period. When the body is rigid, it does not absorb the spiritual-soul aspect; as a result, this aspect becomes manifest in its independence. We, as modern initiates, do not do this, however; instead, we proceed differently. Here, the will is strengthened by transforming the power of willing in the manner I have described in the aforementioned books. It would be entirely wrong to induce cataleptic states through shocks, states of anxiety, or states of fright, as was done with the ancient initiates. In modern human beings, with their highly developed intellectuality, this would fall entirely into the realm of pathology. So this must not happen. In contrast, for example, through “reverse exercises”—where one does not, so to speak, visualize forward, but rather, as in looking back, reviews the day’s experiences in reverse, from evening to morning—or through other exercises of the will, the will is transformed in a way that I can characterize roughly as follows: Consider the human eye. How must it be structured so that we can see? When we become seriously ill, the matter of the eye asserts itself independently. The eye cloaks itself in matter that then becomes opaque. The eye must be selfless, selflessly integrated into the organism, if we are to use it for proper vision; it must be transparent. Our organism is by no means transparent to the will. I have, after all, described this to you on several occasions. We can have a thought—let’s say we want to raise our arm or hand. We grasp the thought: “I want to raise my arm or hand.”—But what then happens in our organism as this thought shoots through it and carries out the action? This is just as shrouded in darkness as the events that take place between falling asleep and waking up. We only see, once again, the raised arm, the raised hand. So we have a mental image once more. The initial image and the final image are joined together; what lies in between is a state of sleep. The will unfolds in the unconscious for human beings in the same way that the events of sleep unfold in the unconscious. We can quite rightly say: With regard to perceiving the will, our organism is as opaque to ordinary consciousness as a severely diseased eye would be.
[ 20 ] Selbstverständlich will ich nicht sagen, daß der menschliche Organismus deshalb krank sei. Er muß eben so undurchsichtig sein für das gewöhnliche praktische Leben. Das ist sein normaler Zustand. Aber für die höhere Erkenntnis kann er so nicht bleiben, da muß er durchsichtig werden, seelisch-geistig durchsichtig. Das geschieht eben durch die Willensübungen. Der Organismus wird so, daß wir ihn durchschauen können, daß wir also nicht mehr in ein Unbestimmtes hinunterschauen, wenn der Wille sich entfaltet, sondern er wird so selbstlos wie das Auge in seiner Substantualität selbstlos in den Organismus eingesetzt ist, damit wir die äußeren Gegenstände richtig sehen. Wie das Auge selbst durchsichtig ist, wird der Organismus geistig-seelisch durchsichtig, wird der ganze Organismus ein Sinnesorgan. Dadurch nehmen wir nach der Willensseite hin objektiv die geistigen Wesenheiten wahr, wie wir durch das äußere Auge die äußeren physischen Gegenstände wahrnehmen. Also die Willensübungen gehen bei uns nicht darauf aus, den Körper zu erstarren, damit das Geistig-Seelische frei werde, sondern sie gehen darauf aus, das Geistig-Seelische so zu entwickeln, daß es durch das Körperliche hindurchschauen kann. Das ist das Wesentliche. Man sieht in die geistige Welt nur hinein, wenn man durch sich selber hindurchschaut. So wie man die äußeren Gegenstände, die man sieht, durch das Auge nur sieht, indem man durch das Auge durchschaut, so sieht man in die geistige Welt nicht direkt hinein, sondern indem man durch sich selber durchschaut.
[ 20 ] Of course, I do not mean to say that the human organism is therefore sick. It must simply remain opaque to ordinary practical life. That is its normal state. But for higher knowledge, it cannot remain that way; it must become transparent—psychically and spiritually transparent. This happens precisely through exercises of the will. The organism becomes such that we can see through it—so that when the will unfolds, we no longer look down into an indeterminate void—but rather, it becomes as selfless as the eye is selflessly embedded in the organism in its substantiality, so that we may see external objects correctly. Just as the eye itself is transparent, the organism becomes spiritually and psychologically transparent; the entire organism becomes a sense organ. Through this, we objectively perceive spiritual beings on the side of the will, just as we perceive external physical objects through the physical eye. Thus, our exercises of the will are not aimed at stiffening the body so that the spiritual-soul aspect may be set free, but rather at developing the spiritual-soul aspect in such a way that it can see through the physical body. That is the essential point. One can only see into the spiritual world by looking through oneself. Just as one sees external objects through the eye only by looking through the eye, so one does not see directly into the spiritual world, but by looking through oneself.
[ 21 ] Das ist die andere Seite, die Entwickelung nach der Willensseite. Also die ganze Entwickelung beruht in der neueren Zeit darauf, daß man erstens das Denken erstarkt, so daß es unabhängig wird vom Gehirn, und zweitens, daß man den Willen so gestaltet, daß der ganze Mensch durchsichtig wird. Man kann nicht durch das Blitzblaue in die geistige Welt hineinschauen, ebensowenig wie man ohne das Auge in die Farbenwelt hineinschauen kann. Man muß durch sich durchschauen. Das aber geschieht durch die Willensübungen.
[ 21 ] This is the other side—development from the perspective of the will. Thus, in modern times, the entire process of development is based, first, on strengthening thought so that it becomes independent of the brain, and second, on shaping the will in such a way that the whole human being becomes transparent. One cannot see into the spiritual world through the flash of blue, any more than one can see into the world of colors without the eye. One must see through oneself. But this is achieved through exercises of the will.
[ 22 ] Da haben Sie jetzt für den modernen Menschen, was eben durch die Initiation ausgeführt werden kann. Es kann sowohl nach der Gedankenseite hin das Seelisch-Geistige unabhängig gemacht werden von dem Leiblichen als auch der Leib in seiner Materialität überwunden werden kann, indem er geistig-seelisch durchsichtig wird. Dadurch haben Sie das durch seine eigene Kraft selbständig gewordene Geistig-Seelische gegeben. Das ist der große Unterschied zwischen der alten und der neuen Einweihung. Die alte Einweihung veränderte den Leib, änderte ihn nach der Gehirnseite, nach der Seite des übrigen Organismus, und dadurch, daß der Leib verändert wurde, wurde das Seelisch-Geistige in einer dumpfen Weise wahrnehmbar. Die moderne Einweihung verändert das Geistig-Seelische, macht es in sich stärker nach der Gedankenseite und nach der Willensseite hin und macht es dadurch auf der einen Seite vom Gehirn unabhängig, auf der andern Seite so stark, daß es durchschaut durch den Organismus.
[ 22 ] Here, then, is what can be achieved through initiation for modern human beings. Not only can the soul-spiritual aspect be made independent of the physical body on the level of thought, but the body itself, in its materiality, can be transcended by becoming spiritually and soulfully transparent. In this way, you have given the spiritual-soul aspect, which has become independent through its own power. This is the great difference between the old and the new initiation. The old initiation transformed the body, altering it on the level of the brain and the rest of the organism; and because the body was transformed, the spiritual-soul aspect became perceptible in a dull way. Modern initiation transforms the spiritual-soul aspect, strengthening it from within toward the realm of thought and the realm of will, thereby making it, on the one hand, independent of the brain, and on the other hand, so powerful that it shines through the organism.
[ 23 ] Das bedingt allerdings, daß der alte Eingeweihte dasjenige, was er wahrnehmen konnte, gewissermaßen gespensterhaft sah. Es trat, nachdem die entsprechenden Prozeduren abgelaufen waren, gespensterhaft das auf, was sich als das Wesenhafte der geistigen Welt offenbaren konnte. Man sah die geistige Welt, ich möchte sagen in ätherischen Gebilden. Und die große Sorge der Lehrer der alten Mysterien war die, daß die Schüler, trotzdem sie die Wahrnehmungen aus der geistigen Welt heraus gespensterartig sahen, lernten, von dem Gespensterartigen abzusehen. Immer wieder und wieder gingen die Ermahnungen der Lehrer der alten Mysterien dahin, den Schülern klarzumachen: Ihr seht etwas, was wie materiell aussieht, aber ihr müßt das wie Bilder anschauen. In dem, was ihr seht, in diesem Gespensterhaften, habt ihr nur die Bilder der geistigen Welt. Ihr müßt nicht glauben, daß ihr in dem, was ihr da gespensterartig um euch herum seht, die wahre Wirklichkeit habt — wie ja auch der Kreidestaub auf der Tafel, wenn ich etwas aufzeichne, nicht die Wirklichkeit ist, sondern dasjenige, was abgebildet wird. Natürlich sagte man das nicht mit solchen Worten, aber in modernerer Art könnte man es so ausdrücken. Das war die große Sorge der alten Mysterien, daß die Schüler nicht das für Wirklichkeit hielten, was sie da traumhaft gespenstig sahen, sondern daß sie es als Bilder hinnahmen.
[ 23 ] This does, however, imply that the ancient initiate saw what he was able to perceive in a sort of ghostly manner. Once the relevant procedures had been completed, that which could reveal itself as the essential nature of the spiritual world appeared in a ghostly form. One saw the spiritual world, I would say, in ethereal forms. And the great concern of the teachers of the ancient mysteries was that the students, even though they perceived the spiritual world as ghostly, would learn to look beyond the ghostly appearance. Time and again, the admonitions of the teachers of the ancient mysteries were directed toward making it clear to the students: You see something that looks material, but you must regard it as images. In what you see—in this ghostly appearance—you have only the images of the spiritual world. You must not believe that what you see around you in this ghostly form is true reality—just as the chalk dust on the blackboard, when I write something down, is not reality itself, but rather what is being depicted. Of course, this wasn’t expressed in exactly those words, but in more modern terms, one could put it that way. That was the great concern of the ancient mysteries: that the students would not mistake what they saw there—dreamlike and ghostly—for reality, but would accept it as images.
[ 24 ] In der modernen Einweihung hat man eine andere Sorge. Da kommt man überhaupt nur zum Erkennen der höheren Welt, indem man durch die imaginative Erkenntnis schreitet. Da lebt man also in einer Welt von Bildern; da sind die Bilder von vornherein in ihrem Bildcharakter da. Also der Verwechslung ist man nicht ausgesetzt, man hat zunächst einen Bildcharakter. Aber daß man diese Bilder in der richtigen Weise beurteilen kann, daß man weiß, wie man diese Bilder auf die geistige Realität zu beziehen hat, das muß man dadurch erreichen, daß man das exakte Denken, das man sich angeeignet hat als moderner Mensch, nun auf die Bilderwelt anwendet, daß man wirklich in dieser Bilderwelt denkt, wie man denken gelernt hat in der gewöhnlichen physischen Welt. Jedes gedankenlose Anschauen ist für die moderne Initiation von Schaden. Es muß alles dasjenige, was man an gesundem Denken als moderner Mensch entwickelt hat, in die höhere Erkenntnis hineingetragen werden. So wie man sich in der gewöhnlichen physischen Welt orientieren kann, wenn man ordentlich denken kann, so kann man sich erst recht in der Welt des Geistes, in die man durch die moderne Initiation eintritt, nur dann orientieren, wenn man alles das, was man durch imaginative, inspirierte, intuitive Erkenntnis erlangt, in der richtigen Weise mit dem Denken zu durchsetzen vermag, das man sich hier in der physischen Welt angeeignet hat. Ich habe ja das in meiner «Theosophie», wie in meiner «Geheimwissenschaft» und auch in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» immer mit völliger Deutlichkeit ausgesprochen als ein Charakteristikum der modernen Einweihung.
[ 24 ] In modern initiation, the concern is different. One can only come to know the higher world by proceeding through imaginative perception. There, one lives in a world of images; the images are present from the outset in their pictorial nature. Thus, one is not subject to confusion; one begins with a pictorial nature. But in order to judge these images correctly—to know how to relate them to spiritual reality—one must apply the precise thinking one has acquired as a modern human being to the world of images, thinking within this world of images just as one has learned to think in the ordinary physical world. Any thoughtless observation is detrimental to modern initiation. Everything one has developed in terms of sound thinking as a modern human being must be carried over into higher knowledge. Just as one can find one’s bearings in the ordinary physical world if one is able to think properly, so too can one find one’s bearings in the world of the spirit—into which one enters through modern initiation—only if one is able to integrate everything one gains through imaginative, inspired, and intuitive knowledge in the proper way with the thinking one has acquired here in the physical world. I have, after all, always expressed this with complete clarity in my Theosophy, as well as in my Occult Science and also in How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?, as a characteristic feature of modern initiation.
[ 25 ] Deshalb ist es auch so notwendig, daß jeder, der in dem neueren Sinne in die höheren Welten eindringen will, wirklich exakt denken lernt und sich im exakten Denken übt. Das ist nämlich nicht so leicht, wie die Menschen sich es vorstellen. Ich will, um das, was ich eigentlich meine, verständlich zu machen, folgendes sagen: Denken wir einmal etwas ganz Prägnantes. Sagen wir, es würde diese verehrte Gesellschaft hier morgen dadurch überrascht werden — es ist ja selbstverständlich eine Hypothese — daß hier im Goetheanum, nun, sagen wir Lloyd George erscheint. Ich will eben einen extremen Fall anführen. Nun, wenn morgen hier Lloyd George erschiene, so würden Sie alle bestimmte Gedanken, bestimmte Empfindungen haben. Aber diese Gedanken, diese Empfindungen, die Sie haben würden, die würden nicht bloß dadurch entstehen, daß Sie von dem Augenblick, wo dieser Lloyd George erscheint, bis zu dem Augenblick, wo er wieder weggeht, alles das, was Sie sehen, verfolgen. Um das zu verfolgen, brauchten Sie ja gar nicht zu wissen, daß er Lloyd George ist. Sie würden dann an ihm nur wahrnehmen können, was man eben an einem Menschen, der einem ganz unbekannt ist, sehen kann. Ehe Sie nicht in die Lage kommen, von allem abzusehen, was Sie über irgend etwas, das Sie in solcher Weise wahrnehmen, von anderswoher schon wissen und empfinden, ehe Sie nicht bloß das rein verfolgen können, was Sie sehen, eher denken Sie nicht exakt. Sie denken erst dann exakt, wenn Sie imstande sind, falls morgen Lloyd George erscheint, hier nichts anderes über ihn zu denken und zu empfinden, als was der reine Eindruck hervorruft, von dem ersten Moment, wo Ihr Auge auf ihn aufmerksam wird, bis zu dem Moment, wo er Ihrem Auge wiederum entschwindet. Alles das, was Sie früher gewußt haben, müssen Sie ausschalten. Alles das, worüber Sie sich geärgert haben über ihn oder was Sie entzückt hat an ihm, müssen Sie ausschalten, und nur, was er Ihnen in der reinen Anschauung darbietet, das müssen Sie auffassen. Nur dadurch lernt man genau der Wirklichkeit gemäß denken.
[ 25 ] That is why it is so essential that anyone who wishes to enter the higher worlds in the modern sense learn to think with true precision and practice precise thinking. For this is not as easy as people imagine. To make what I actually mean clear, let me say the following: Let’s consider a very concrete example. Suppose this esteemed audience were to be surprised tomorrow—this is, of course, merely a hypothetical scenario—by the appearance here at the Goetheanum of, say, Lloyd George. I simply want to cite an extreme case. Now, if Lloyd George were to appear here tomorrow, you would all have certain thoughts, certain feelings. But these thoughts, these feelings that you would have, would not arise merely from the fact that, from the moment Lloyd George appears until the moment he leaves, you follow everything you see. To follow that, you wouldn’t even need to know that he is Lloyd George. You would then be able to perceive in him only what one can see in a person who is completely unknown to you. Until you are able to set aside everything you already know and feel from elsewhere about anything you perceive in this way—until you can focus solely on what you see—you are not thinking precisely. You will think precisely only when you are able—if Lloyd George were to appear tomorrow—to think and feel nothing else about him here than what the pure impression evokes, from the very first moment your eye becomes aware of him until the moment he disappears from your sight again. You must set aside everything you knew about him before. You must set aside everything that annoyed you about him or delighted you in him, and you must grasp only what he presents to you in pure perception. Only in this way does one learn to think precisely in accordance with reality.
[ 26 ] Denken Sie, wie weit die Menschheit davon entfernt ist, genau der Wirklichkeit gemäß zu denken! Lassen Sie irgend etwas in Ihrer Seele rege werden, so werden Sie sehen, wieviel Sie von den in der Seele lebenden, verborgenen, unbewußten, unterbewußten Empfindungen heraufsteigen lassen. Es ist die größte Schwierigkeit, sich auf das zu beschränken, was man bloß gesehen hat. Versuchen Sie, etwas zu lesen, wo irgend jemand etwas beschreibt, und fragen Sie sich: Beschreibt er bloß das, was er gesehen hat, oder ruft er nicht hunderte und hunderte von vorgefaßten Empfindungen und Gefühlen hervor, die da drinnen mitsprechen? — Und dennoch: Nur wenn man in der Lage ist, sich rein auf das zu beschränken, was man gesehen hat, dann ist man imstande, allmählich zu einem genauen Denken zu kommen.
[ 26 ] Think how far humanity is from thinking in exact accordance with reality! Let anything stir within your soul, and you will see how much you allow to rise up from the hidden, unconscious, and subconscious feelings that dwell there. The greatest difficulty lies in limiting oneself to what one has merely seen. Try reading something in which someone describes something, and ask yourself: Is he merely describing what he has seen, or is he not evoking hundreds and hundreds of preconceived sensations and feelings that have a say in the matter? — And yet: Only when one is able to limit oneself purely to what one has seen is one capable of gradually arriving at precise thinking.
[ 27 ] Also es muß vor allen Dingen das durchgeführt werden, daß man alles, was einem, auch durch das Leben selbst, anerzogen ist, für gewisse Erscheinungen abstreifen kann und wirklich nur das verfolgt, was sich einem im Leben darbietet. Wenn Sie das bedenken und ein wenig meditieren über das, was ich jetzt gerade gesagt habe, dann bekommen Sie allmählich einen Begriff von dem, was man «exaktes Denken» nennt. Im gewöhnlichen Leben hat der Mensch eigentlich kaum Gelegenheit, in den heutigen Verhältnissen sich in einem exakten Denken anderswo zu üben als in der Geometrie, höchstens noch im Rechnen. Da beschränkt sich der Mensch auf das, was er sieht. Zu einer geometrischen Figur, zu einem Dreieck, bringt man nicht viel Vorurteile mit. Da sagt man sich: Das ist das Dreieck. Ich zeichne hier eine Parallele. Dieser Winkel ist gleich dem Winkel dort, jener gleich diesem, und der in der Mitte ist sich selbst gleich. Das ist dann ein gestreckter Winkel. Also sind die drei Winkel des Dreiecks auch gleich einem gestreckten Winkel. — Da schaue ich auf das, was ich vor mir habe. Da bringe ich nicht solche Kolosse von Vorurteilen mit, wie wenn Lloyd George morgen käme und ich es etwa schon im voraus wüßte. Natürlich will ich mit dem, was ich jetzt eben ausgesprochen habe, nur sagen, daß ein wirkliches exaktes, genaues Denken eine gute Vorbereitung für ein richtiges Anschauen der höheren geistigen Welten ist. Ein Denken, wobei man den Anfang des Gedankens genau in der Hand hat und wirklich jeden Schritt des Gedankens ganz genau überschauen kann, das ist notwendig, um in die höheren Welten hineinzukommen, ich meine, um verständig in die höheren Welten hineinzukommen. Vor allen Dingen ist eine ausgeprägte Gewissenhaftigkeit des Denkens notwendig, ein Sich-Rechenschaft-Geben über das, was man denkt. Und auch davon hält ja das gewöhnliche Leben zu sehr zurück. Die Menschen haben in den meisten Fällen kein Interesse daran, exakt zu denken, sondern sie haben vielmehr ein Interesse daran, so zu denken, daß ihnen der Gedanke gefällt, daß ihnen der Gedanke angenehm ist.
[ 27 ] So, above all, one must be able to shed everything that has been instilled in one—including through life itself—regarding certain phenomena, and truly pursue only what presents itself to one in life. If you reflect on this and meditate a little on what I have just said, you will gradually gain a sense of what is called “precise thinking.” In everyday life, under today’s circumstances, people actually have hardly any opportunity to practice precise thinking anywhere other than in geometry—or, at most, in arithmetic. There, people limit themselves to what they see. One doesn’t bring many preconceptions to a geometric figure, such as a triangle. One simply says to oneself: This is the triangle. I’ll draw a parallel line here. This angle is equal to that angle there, that one is equal to this one, and the one in the middle is equal to itself. That is then a straight angle. Thus, the three angles of the triangle are also equal to a straight angle. — I look at what is before me. I don’t bring such colossal preconceptions with me as I would if Lloyd George were to come tomorrow and I already knew it in advance. Of course, what I’ve just said is simply meant to illustrate that truly precise, exact thinking is good preparation for a correct perception of the higher spiritual worlds. A way of thinking in which one has the beginning of the thought firmly in hand and can truly survey every step of the thought with complete precision—that is necessary to enter the higher worlds; I mean, to enter the higher worlds with understanding. Above all, a pronounced conscientiousness in thinking is necessary—being accountable for what one thinks. And ordinary life, too, holds people back too much in this regard. In most cases, people have no interest in thinking precisely; rather, they are interested in thinking in such a way that the thought pleases them, that the thought is pleasant to them.
[ 28 ] Nicht wahr, wenn man schließlich katholischer Priester ist und etwas von Anthroposophie hört, so ist einem der Gedanke, daß da etwas Richtiges sein kann in der Anthroposophie, doch furchtbar unangenehm. Also es kann gar nicht die Rede davon sein, daß man da ein exaktes Denken entfaltet. Da tritt man ja an die Sache heran mit allen möglichen Antezedenzien, allen möglichen Vorempfindungen und Vorurteilen, und man entscheidet sich dann nach diesen Vorurteilen. Im Leben wird ja das meiste nach diesen Vorurteilen entschieden. Bedenken Sie doch nur einmal, welch sonderbaren Eindruck es manchmal macht, wenn man einfach den Versuch macht, in vorurteilsloser Weise etwas zu charakterisieren. Wir leben hier im Goetheanum. Kein Mensch wird mir zutrauen, daß ich in geringerem Sinne ein Goethe-Verehrer bin als irgendein anderer, aber wie vieles habe ich gegen Goethe vorgebracht! Wie oftmals mache ich den Versuch, Goethe aus einer begrenzten Erscheinungsreihe heraus zu charakterisieren, die man überschauen kann, während zumeist, wenn über Goethe geredet wird, schon im Namen Goethe eine ganze Summe von Wertungen liegt. Damit, daß nur der Name Goethe ausgesprochen wird, ist schon etwas erregt in der Seele. Man kann nicht, wenn man an eine neue Erscheinung herantritt, vorurteilslos an diese Erscheinung herantreten, wenn man eben den ganzen Koloß von Vorurteilen mitbringt.
[ 28 ] Isn’t it true that when you’re a Catholic priest and you hear about anthroposophy, the thought that there might be something true in anthroposophy is terribly uncomfortable? So there can be no question of developing precise thinking in this regard. After all, one approaches the matter with all sorts of prior experiences, all sorts of preconceptions and prejudices, and then makes a judgment based on those prejudices. In life, most things are decided based on these prejudices. Just consider for a moment what a strange impression it sometimes makes when one simply tries to characterize something in an unbiased way. We live here at the Goetheanum. No one would suspect that I am any less of a Goethe admirer than anyone else, yet how much have I argued against Goethe! How often do I attempt to characterize Goethe within a limited range of phenomena that one can grasp, whereas usually, when people speak of Goethe, the very name “Goethe” already carries a whole host of evaluations. The mere utterance of the name “Goethe” stirs something in the soul. When approaching a new phenomenon, one cannot approach it without prejudice if one brings along this entire colossus of preconceptions.
[ 29 ] Diese Dinge werden gewöhnlich nicht berücksichtigt, und daher sagt man sehr häufig: Ach, man kommt ja nicht weiter in dem Hereindringen in die geistigen Welten! — Ja, wenn die elementaren Dinge nicht berücksichtigt werden, so kann man eben natürlich nicht hineinkommen. Und die Leute betrachten es als eine Zumutung, wenn man an sie die Anforderung stellt, die elementarsten Dinge zu berücksichtigen.
[ 29 ] These things are usually not taken into account, and that is why people so often say: “Oh, we’re not getting anywhere in penetrating the spiritual worlds!” — Yes, if the most basic things are not taken into account, then of course one cannot enter them. And people consider it unreasonable when they are asked to take even the most basic things into account.
[ 30 ] Ich stelle ein Bild vor Sie hin. In den neunziger Jahren war ich einmal in Jena; da hat nach seiner Entlassung Bismarck eine große Rede gehalten. Er ist im Gefolge von Haeckel und Bardeleben und andern Jenenser Professoren unter einem Baldachin erschienen. Nun denken Sie, die ganze kolossale Menge, die dazumal auf dem Marktplatz in Jena stand, die sollte, was Bismarck sagt, nur so verfolgen, wie sie es verfolgen würde bei einem Menschen, den sie jetzt erst kennenlernt! Nicht wahr, das ist undenkbar unter gewöhnlichen Verhältnissen. Und dennoch, für den, der wirklich in eine Art Einweihung hineinkommen will, ist es durchaus notwendig, daß er sich die Unbefangenheit entwickelt, alles das, was er sieht, auch wenn sich darüber noch so viel schon in seiner Seele festgelegt hat, immer wiederum wie etwas ganz Neues anzusehen, wie etwas sozusagen ihm vom Himmel Zugefallenes. Denn das ist ja das Eigentümliche der geistigen Welt, daß wir sie uns immer erst in jedem Augenblicke wieder neu erringen müssen, wenn wir sie haben wollen. Dazu müssen wir uns in der entsprechenden Weise eben vorbereiten.
[ 30 ] Let me paint a picture for you. I was in Jena once in the 1890s; that was when Bismarck gave a major speech after his dismissal. He appeared under a canopy, accompanied by Haeckel, Bardeleben, and other professors from Jena. Now imagine: the entire colossal crowd that stood in Jena’s market square at the time was supposed to follow Bismarck’s words just as closely as they would follow someone they were only just getting to know! Isn’t that right? That’s unthinkable under ordinary circumstances. And yet, for anyone who truly wishes to enter into a kind of initiation, it is absolutely necessary to develop the open-mindedness to view everything they see—even if so much of it has already become fixed in their soul—as something entirely new, as something, so to speak, bestowed upon them from heaven. For that is, after all, the peculiarity of the spiritual world: that we must always win it anew at every moment if we wish to possess it. To do so, we must prepare ourselves in the appropriate manner.
[ 31 ] Aber man kann doch sagen: Wenn man die allgemeinen Zivilisationserscheinungen beachtet, bewegt sich die Menschheit in einer solchen Linie. Nur kommt sie zunächst noch in schlechtem Aspekt zum Vorschein: in dem Bekämpfen jeder Autorität, in dem Bekämpfen jedes hergebrachten Urteiles und so weiter. Diese Dinge müssen nur alle veredelt werden. Aber die Menschheit bewegt sich in der Linie der Vorurteilslosigkeit, der Unvoreingenommenheit. Es kommt nur zunächst von seiner negativen, häßlichen Seite aus zum Vorschein. Man muß, wenn man die Entwickelung der Zivilisation richtig beurteilen will, wenn man sie für die Zukunft bewerten will, sie auch von der Seite betrachten, die ich eben jetzt angedeutet habe.
[ 31 ] But one can certainly say: If one considers the general manifestations of civilization, humanity is moving in that direction. It’s just that, at first, this manifests in a negative light: in the rejection of all authority, in the rejection of all traditional judgments, and so on. All these things simply need to be refined. But humanity is moving in the direction of open-mindedness and impartiality. It simply manifests itself initially from its negative, ugly side. If one wants to correctly assess the development of civilization, if one wants to evaluate it for the future, one must also view it from the perspective I have just indicated.
[ 32 ] Über diese Dinge werden wir dann, meine lieben Freunde, am nächsten Freitag um 8 Uhr weitersprechen.
[ 32 ] We will continue discussing these matters, my dear friends, next Friday at 8 o'clock.
