Old and New Initiation Methods
Drama and Poetry in the Shift
of Consciousness in the Modern Era
GA 210
18 February 1922, Dornach
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Alte und neue Einweihungsmethoden
7. Der menschliche Organismus in seiner Dreigliedrigkeit und die wiederholten Erdenleben
7. Der menschliche Organismus in seiner Dreigliedrigkeit und die wiederholten Erdenleben
[ 1 ] Wenn wir uns erinnern an das gestern Gesagte, so tritt vor unsere Seele als das Wesentliche hin, daß aus geistig-seelischen Gebieten durch Konzeption und Geburt gewissermaßen heruntersteigt in die physisch-sinnliche Welt einerseits das, was innerlich noch lebendige Geistwelt hat, die sich dann abschattet, abdämpft zu der Gedankenwelt, die der Mensch dann in sich trägt; und andererseits das, was das Seelisch-Geistige durchzieht, und was ich im wesentlichen als einen Furchtzustand charakterisiert habe. Ich habe dann auseinandergesetzt, wie das noch in sich lebendige Geistige sich eben zu Gedankenhaftem metamorphosiert, aber gewissermaßen wie einen lebendigen Rest des vorgeburtlichen Lebens etwas in dieses Erdenleben hereinschickt, was im menschlichen Mitgefühl lebt, so daß wir im menschlichen Mitgefühl tatsächlich etwas haben, das die Lebendigkeit des Vorgeburtlichen in unserer Seele in sich enthält.
[ 1 ] Wenn wir uns erinnern an das gestern Gesagte, so tritt vor unsere Seele als das Wesentliche hin, daß aus geistig-seelischen Gebieten durch Konzeption und Geburt gewissermaßen heruntersteigt in die physisch-sinnliche Welt einerseits das, was innerlich noch lebendige Geistwelt hat, die sich dann abschattet, abdämpft zu der Gedankenwelt, die der Mensch dann in sich trägt; und andererseits das, was das Seelisch-Geistige durchzieht, und was ich im wesentlichen als einen Furchtzustand charakterisiert habe. Ich habe dann auseinandergesetzt, wie das noch in sich lebendige Geistige sich eben zu Gedankenhaftem metamorphosiert, aber gewissermaßen wie einen lebendigen Rest des vorgeburtlichen Lebens etwas in dieses Erdenleben hereinschickt, was im menschlichen Mitgefühl lebt, so daß wir im menschlichen Mitgefühl tatsächlich etwas haben, das die Lebendigkeit des Vorgeburtlichen in unserer Seele in sich enthält.
[ 2 ] Was dann diese Seele als Furchtgefühl durchzieht vor dem Herabsteigen in die physische Welt, das metamorphosiert sich auf der einen Seite als Selbstgefühl hier im irdischen Leben und dann als Wille. Was also in der menschlichen Seele gedankenhaft lebt, ist gegenüber dem Lebendigen in der Geistwelt vor der Geburt im Grunde genommen ein geistig-seelisch Totes. Wir erleben tatsächlich in unseren Gedanken oder wenigstens in der Kraft, die unser Denken durchzieht, gewissermaßen den Leichnam unseres geistig-seelischen Daseins, wie wir es zwischen dem Tode und einer neuen Geburt haben. Aber dieses heutige Erleben der gewissermaßen getöteten Seele während des physischen Erdenlebens war nicht immer in demselben Maße vorhanden. Je weiter wir zurückgehen in der Menschheitsentwickelung, desto mehr spielt das, was ich gestern als Mitgefühl bezeichnet habe Mitgefühl nicht nur mit den Menschen, sondern zum Beispiel auch mit der gesamten Natur —, noch eine gewisse Rolle hier im irdischen Leben. Solche abstrakte Erkenntnis, wie sie heute angestrebt wird, und mit Recht, wenigstens mit einem gewissen relativen Recht, war in der Menschheitsentwickelung nicht immer vorhanden. Eine solche abstrakte innerliche Bewußtheit kam im Grunde genommen im vollsten extremsten Sinne erst im 15. Jahrhundert, also mit dem Beginn des fünften nachatlantischen Zeitraumes herauf. Was da der Mensch erlebt in seinen Gedanken, das ist früher durchzogen gewesen von lebendigem Fühlen. In den alten Erkenntnissen, zum Beispiel der griechischen Welt, gab es diese abstrakten Begriffe, die wir heute haben, überhaupt nicht. Da waren alle Begriffe durchzogen von lebendigem Fühlen. Da empfand der Mensch die Welt, er dachte sie nicht bloß. Dieses Denken der Welt und die Beschränkung des Mitgefühls auf das, was im eigentlichen Sinne schließlich nur soziales Dasein ist, das kam eben erst mit dem Beginn des fünften nachatlantischen Zeitraumes herauf.
[ 2 ] Was dann diese Seele als Furchtgefühl durchzieht vor dem Herabsteigen in die physische Welt, das metamorphosiert sich auf der einen Seite als Selbstgefühl hier im irdischen Leben und dann als Wille. Was also in der menschlichen Seele gedankenhaft lebt, ist gegenüber dem Lebendigen in der Geistwelt vor der Geburt im Grunde genommen ein geistig-seelisch Totes. Wir erleben tatsächlich in unseren Gedanken oder wenigstens in der Kraft, die unser Denken durchzieht, gewissermaßen den Leichnam unseres geistig-seelischen Daseins, wie wir es zwischen dem Tode und einer neuen Geburt haben. Aber dieses heutige Erleben der gewissermaßen getöteten Seele während des physischen Erdenlebens war nicht immer in demselben Maße vorhanden. Je weiter wir zurückgehen in der Menschheitsentwickelung, desto mehr spielt das, was ich gestern als Mitgefühl bezeichnet habe Mitgefühl nicht nur mit den Menschen, sondern zum Beispiel auch mit der gesamten Natur —, noch eine gewisse Rolle hier im irdischen Leben. Solche abstrakte Erkenntnis, wie sie heute angestrebt wird, und mit Recht, wenigstens mit einem gewissen relativen Recht, war in der Menschheitsentwickelung nicht immer vorhanden. Eine solche abstrakte innerliche Bewußtheit kam im Grunde genommen im vollsten extremsten Sinne erst im 15. Jahrhundert, also mit dem Beginn des fünften nachatlantischen Zeitraumes herauf. Was da der Mensch erlebt in seinen Gedanken, das ist früher durchzogen gewesen von lebendigem Fühlen. In den alten Erkenntnissen, zum Beispiel der griechischen Welt, gab es diese abstrakten Begriffe, die wir heute haben, überhaupt nicht. Da waren alle Begriffe durchzogen von lebendigem Fühlen. Da empfand der Mensch die Welt, er dachte sie nicht bloß. Dieses Denken der Welt und die Beschränkung des Mitgefühls auf das, was im eigentlichen Sinne schließlich nur soziales Dasein ist, das kam eben erst mit dem Beginn des fünften nachatlantischen Zeitraumes herauf.
[ 3 ] Nun, wenn sich das Mitgefühl im irdischen Leben noch betätigen soll, wie es zum Beispiel im alten Indien so stark vorhanden war für die ganze Natur, wie es angestrebt wurde für alle Wesen der Natur, dann hat der Mensch eben noch ein starkes Erleben in sich von dem, was sich um ihn herum abspielt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. In dem Denken ist dieses Leben erstorben. Im Mitfühlen mit der uns umgebenden Welt ist durchaus ein Nacherleben unserer Wahrnehmungen während der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt vorhanden. Es spielte in dem Leben der Menschen in älteren Zeiten, wenn sie in die Natur hinaussahen, dieses Mitgefühl eine große Rolle, und dadurch sahen diese Menschen alles, was in der Natur war, jede Wolke, jeden Baum, jede Pflanze durchgeistigt. Wenn man bloß in Gedanken lebt, dann entgeistigt sich die Natur, weil eben der Gedanke der Leichnam des Geistig-Seelischen ist. Da sieht man die Natur eben als ein totes Gebilde, weil sie sich nur in toten Gedanken spiegeln kann. Daher das Verschwinden aller elementarischen Wesenheiten aus der Anschauung der Natur, als die neuere Zeit heraufrückte.
[ 3 ] Nun, wenn sich das Mitgefühl im irdischen Leben noch betätigen soll, wie es zum Beispiel im alten Indien so stark vorhanden war für die ganze Natur, wie es angestrebt wurde für alle Wesen der Natur, dann hat der Mensch eben noch ein starkes Erleben in sich von dem, was sich um ihn herum abspielt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. In dem Denken ist dieses Leben erstorben. Im Mitfühlen mit der uns umgebenden Welt ist durchaus ein Nacherleben unserer Wahrnehmungen während der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt vorhanden. Es spielte in dem Leben der Menschen in älteren Zeiten, wenn sie in die Natur hinaussahen, dieses Mitgefühl eine große Rolle, und dadurch sahen diese Menschen alles, was in der Natur war, jede Wolke, jeden Baum, jede Pflanze durchgeistigt. Wenn man bloß in Gedanken lebt, dann entgeistigt sich die Natur, weil eben der Gedanke der Leichnam des Geistig-Seelischen ist. Da sieht man die Natur eben als ein totes Gebilde, weil sie sich nur in toten Gedanken spiegeln kann. Daher das Verschwinden aller elementarischen Wesenheiten aus der Anschauung der Natur, als die neuere Zeit heraufrückte.
[ 4 ] Was ist es denn also, was der Mensch trotzdem in sich als eine gewisse Geistigkeit noch fühlt, als eine lebendige Geistigkeit, während er eigentlich in dem Denken doch nur ein totes Geistiges erleben sollte? Wenn man diese Frage beantworten will, dann muß man Rücksicht nehmen auf das, was ich mit Bezug auf die physische Menschheitsorganisation als den dreigliedrigen menschlichen Organismus angegeben habe. Da haben wir den Nerven-Sinnesorganismus, der im wesentlichen im Haupte lokalisiert ist. Wir wollen schematisch uns das einmal vor die Seele rücken [hier beginnt die Zeichnung zu Tafel 10]. Wir haben den rhythmischen Organismus im wesentlichen in den oberen Brustorganen lokalisiert, aber natürlich füllen beide Organismenglieder wiederum den ganzen Organismus aus. Und wir haben den Gliedmaßen-Stoffwechselorganismus, der im wesentlichen in den Gliedmaßen und in den unteren Teilen des Rumpfes lokalisiert ist.
[ 4 ] Was ist es denn also, was der Mensch trotzdem in sich als eine gewisse Geistigkeit noch fühlt, als eine lebendige Geistigkeit, während er eigentlich in dem Denken doch nur ein totes Geistiges erleben sollte? Wenn man diese Frage beantworten will, dann muß man Rücksicht nehmen auf das, was ich mit Bezug auf die physische Menschheitsorganisation als den dreigliedrigen menschlichen Organismus angegeben habe. Da haben wir den Nerven-Sinnesorganismus, der im wesentlichen im Haupte lokalisiert ist. Wir wollen schematisch uns das einmal vor die Seele rücken [hier beginnt die Zeichnung zu Tafel 10]. Wir haben den rhythmischen Organismus im wesentlichen in den oberen Brustorganen lokalisiert, aber natürlich füllen beide Organismenglieder wiederum den ganzen Organismus aus. Und wir haben den Gliedmaßen-Stoffwechselorganismus, der im wesentlichen in den Gliedmaßen und in den unteren Teilen des Rumpfes lokalisiert ist.
[ 5 ] Wenn wir auf diese physische Organisation des Menschen Rücksicht nehmen, dann können wir zuerst den Blick lenken auf die Hauptesorganisation, die also hauptsächlich, aber nicht einzig, der Träger des Nerven-Sinneslebens ist. Diese Hauptesorganisation ist im wesentlichen nur zu verstehen, wenn man sie bildhaft erfaßt, und zwar so, daß man weiß, daß sie im wesentlichen die metamorphosische Umbildung ist — nicht dem Stoff, aber der Form nach — des übrigen Menschen, namentlich des Gliedmaßen-Stoffwechselorganismus, von der vorigen Inkarnation, vom vorigen Erdenleben.
[ 5 ] Wenn wir auf diese physische Organisation des Menschen Rücksicht nehmen, dann können wir zuerst den Blick lenken auf die Hauptesorganisation, die also hauptsächlich, aber nicht einzig, der Träger des Nerven-Sinneslebens ist. Diese Hauptesorganisation ist im wesentlichen nur zu verstehen, wenn man sie bildhaft erfaßt, und zwar so, daß man weiß, daß sie im wesentlichen die metamorphosische Umbildung ist — nicht dem Stoff, aber der Form nach — des übrigen Menschen, namentlich des Gliedmaßen-Stoffwechselorganismus, von der vorigen Inkarnation, vom vorigen Erdenleben.
[ 6 ] Der Gliedmaßen-Stoffwechselorganismus vom vorigen Erdenleben, natürlich nicht in seinem Stoff, sondern in seiner Form, wird Kopforganisation in diesem, also dem folgenden Erdenleben. So daß man sagen kann: Hier im Haupte haben wir gewissermaßen ein Gehäuse zu sehen, das in seinem Bau sich herangebildet hat durch eine Umgestaltung des Gliedmaßen-Stoffwechselorganismus von der vorigen Inkarnation, und in diesem Haupte wohnen hauptsächlich die abstrakten Gedanken, also diejenigen Gedanken, die der Leichnam des seelisch-geistigen Lebens vor der Geburt sind (siehe Zeichnung, rot).
[ 6 ] Der Gliedmaßen-Stoffwechselorganismus vom vorigen Erdenleben, natürlich nicht in seinem Stoff, sondern in seiner Form, wird Kopforganisation in diesem, also dem folgenden Erdenleben. So daß man sagen kann: Hier im Haupte haben wir gewissermaßen ein Gehäuse zu sehen, das in seinem Bau sich herangebildet hat durch eine Umgestaltung des Gliedmaßen-Stoffwechselorganismus von der vorigen Inkarnation, und in diesem Haupte wohnen hauptsächlich die abstrakten Gedanken, also diejenigen Gedanken, die der Leichnam des seelisch-geistigen Lebens vor der Geburt sind (siehe Zeichnung, rot).
[ 7 ] Wir tragen also in unserem Haupte gewissermaßen die lebendigen Erinnerungen an unser voriges Erdenleben in uns und das macht, daß wir uns in diesem Erdenleben als ein Ich fühlen, als ein lebendiges Ich, denn dieses lebendige Ich ist gar nicht innerlich vorhanden. Innerlich sind die toten Gedanken da. Aber diese toten Gedanken wohnen in einem Gehäuse, das nur seiner Bildhaftigkeit nach zu verstehen ist, und in seiner Bildhaftigkeit die metamorphosische Umbildung des Gliedmaßen-Stoffwechselorganismus vom vorigen Erdenleben ist.
[ 7 ] Wir tragen also in unserem Haupte gewissermaßen die lebendigen Erinnerungen an unser voriges Erdenleben in uns und das macht, daß wir uns in diesem Erdenleben als ein Ich fühlen, als ein lebendiges Ich, denn dieses lebendige Ich ist gar nicht innerlich vorhanden. Innerlich sind die toten Gedanken da. Aber diese toten Gedanken wohnen in einem Gehäuse, das nur seiner Bildhaftigkeit nach zu verstehen ist, und in seiner Bildhaftigkeit die metamorphosische Umbildung des Gliedmaßen-Stoffwechselorganismus vom vorigen Erdenleben ist.


[ 8 ] Dasjenige, was nun schon belebter herüberkommt aus dem geistig-seelischen Leben, wenn die Seele heruntersteigt ins physische Erdenleben, das schlägt sogleich seinen Wohnsitz nicht im Kopfe, sondern im rhythmischen Organismus auf (rot). In diesem rhythmischen Organismus haben wir alles das in uns, was hereinspielt aus unserer Umgebung, die wir um uns gehabt haben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Und während in seinem Kopfe der Mensch etwas hat, das nur ein Bild seines vorigen Erdenlebens ist mit dem toten Gedankenorganismus, hat er in seiner rhythmischen, in seiner oberen Brustorganisation etwas viel Lebendigeres. Da spielt der Nachklang alles dessen hinein, was die Seele erlebt hat, als sie sich frei im GeistigSeelischen zwischen dem Tode und der Geburt bewegte. Indem wir atmen, indem wir unsere Blutzirkulation haben, vibriert in dieses Atmen, in diese Blutzirkulation dasjenige hinein, was Kräfte waren zwischen dem Tode und der Geburt. Und was wir als unsere geistig-seelische Wesenheit für diese irdische Inkarnation haben, das haben wir weder im Kopfe noch haben wir es in der Brust, sondern das haben wir, so sonderbar das für den heutigen Menschen klingt, in der Gliedmaßen-Stoffwechselorganisation. Unser gegenwärtiges ErdenIch haben wir in der Gliedmaßen-Stoffwechselorganisation (grün).
[ 8 ] Dasjenige, was nun schon belebter herüberkommt aus dem geistig-seelischen Leben, wenn die Seele heruntersteigt ins physische Erdenleben, das schlägt sogleich seinen Wohnsitz nicht im Kopfe, sondern im rhythmischen Organismus auf (rot). In diesem rhythmischen Organismus haben wir alles das in uns, was hereinspielt aus unserer Umgebung, die wir um uns gehabt haben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Und während in seinem Kopfe der Mensch etwas hat, das nur ein Bild seines vorigen Erdenlebens ist mit dem toten Gedankenorganismus, hat er in seiner rhythmischen, in seiner oberen Brustorganisation etwas viel Lebendigeres. Da spielt der Nachklang alles dessen hinein, was die Seele erlebt hat, als sie sich frei im GeistigSeelischen zwischen dem Tode und der Geburt bewegte. Indem wir atmen, indem wir unsere Blutzirkulation haben, vibriert in dieses Atmen, in diese Blutzirkulation dasjenige hinein, was Kräfte waren zwischen dem Tode und der Geburt. Und was wir als unsere geistig-seelische Wesenheit für diese irdische Inkarnation haben, das haben wir weder im Kopfe noch haben wir es in der Brust, sondern das haben wir, so sonderbar das für den heutigen Menschen klingt, in der Gliedmaßen-Stoffwechselorganisation. Unser gegenwärtiges ErdenIch haben wir in der Gliedmaßen-Stoffwechselorganisation (grün).
[ 9 ] Die toten Gedanken, die müssen Sie sich ja doch lebend denken; diese toten Gedanken leben — wenn ich mich jetzt bildlich ausdrücke, ist es natürlich nur approximativ gemeint — in den Windungen des Gehirns drinnen, und das Gehirn wiederum ist eine Umbildung des Organismus der vorigen Inkarnation. Dieses Leben, dieses Hausen der toten Gedanken im Kopfe, das nimmt dann der Eingeweihte wahr als eine Wirklichkeitserinnerung an die vorige Inkarnation. Es ist wirklich gerade so mit dieser Erinnerung an die vorige Inkarnation, wie wenn Sie in einem finsteren Zimmer sind und haben auf Ihrem Kleiderrechen Ihre verschiedenen Kleider aufgehängt, und Sie können durch das Befühlen wählen, wo Sie, sagen wir zum Beispiel Ihren Samtrock haben, und dabei geht Ihnen nun auf, wann Sie diesen Samtrock gekauft haben. So ist es, wenn da die toten Gedanken überall anstoßen. Erfühlen dasjenige, was in der Hauptesorganisation ist, das ist alles Erinnerung an das vorige Erdenleben.
[ 9 ] Die toten Gedanken, die müssen Sie sich ja doch lebend denken; diese toten Gedanken leben — wenn ich mich jetzt bildlich ausdrücke, ist es natürlich nur approximativ gemeint — in den Windungen des Gehirns drinnen, und das Gehirn wiederum ist eine Umbildung des Organismus der vorigen Inkarnation. Dieses Leben, dieses Hausen der toten Gedanken im Kopfe, das nimmt dann der Eingeweihte wahr als eine Wirklichkeitserinnerung an die vorige Inkarnation. Es ist wirklich gerade so mit dieser Erinnerung an die vorige Inkarnation, wie wenn Sie in einem finsteren Zimmer sind und haben auf Ihrem Kleiderrechen Ihre verschiedenen Kleider aufgehängt, und Sie können durch das Befühlen wählen, wo Sie, sagen wir zum Beispiel Ihren Samtrock haben, und dabei geht Ihnen nun auf, wann Sie diesen Samtrock gekauft haben. So ist es, wenn da die toten Gedanken überall anstoßen. Erfühlen dasjenige, was in der Hauptesorganisation ist, das ist alles Erinnerung an das vorige Erdenleben.
[ 10 ] Was im Brustorganismus erlebt wird, das ist Erinnerung an das Leben zwischen dem Tode und neuer Geburt, und dasjenige, was im Gliedmaßen-Stoffwechsel erlebt wird, das ist jetziges Erdenleben. Nur dadurch, daß der Gliedmaßen-Stoffwechselorganismus heraufwirkt in die Gedanken hinein, hat der Mensch in seinen Gedanken das Erlebnis des Ich. Aber das ist ein trügerisches Erlebnis. In den Gedanken selbst ist das Ich gar nicht enthalten. Es ist ebensowenig in den Gedanken enthalten, wie Sie hinter dem Spiegel stehen, wenn Sie sich in ihm spiegeln. Das Ich ist gar nicht drinnen in dem Gedankenleben. Da ist dadurch, daß sich das Gedankenleben nach dem Kopfe formt, die Erinnerung an das vorige Erdenleben enthalten. Also im Kopfe haben Sie eigentlich Ihren Menschen aus dem vorigen Erdenleben. In Ihrer Brust haben Sie den Menschen, wie er lebte zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und in Ihrem Gliedmaßen-Stoffwechselorganismus und namentlich in Ihren Finger- und Zehenspitzen haben Sie im Grunde genommen den Menschen, wie er hier auf der Erde ist. Und nur weil Sie im Gehirn miterleben Ihre Finger- und Zehenspitzen haben Sie auch durch Gedanken ein Bewußtsein von diesem Ich in Ihrem Erdenleben. So grotesk sind die Dinge in der Wirklichkeit gegenüber manchem, was sich der Mensch gewöhnlich heute vorstellt.
[ 10 ] Was im Brustorganismus erlebt wird, das ist Erinnerung an das Leben zwischen dem Tode und neuer Geburt, und dasjenige, was im Gliedmaßen-Stoffwechsel erlebt wird, das ist jetziges Erdenleben. Nur dadurch, daß der Gliedmaßen-Stoffwechselorganismus heraufwirkt in die Gedanken hinein, hat der Mensch in seinen Gedanken das Erlebnis des Ich. Aber das ist ein trügerisches Erlebnis. In den Gedanken selbst ist das Ich gar nicht enthalten. Es ist ebensowenig in den Gedanken enthalten, wie Sie hinter dem Spiegel stehen, wenn Sie sich in ihm spiegeln. Das Ich ist gar nicht drinnen in dem Gedankenleben. Da ist dadurch, daß sich das Gedankenleben nach dem Kopfe formt, die Erinnerung an das vorige Erdenleben enthalten. Also im Kopfe haben Sie eigentlich Ihren Menschen aus dem vorigen Erdenleben. In Ihrer Brust haben Sie den Menschen, wie er lebte zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und in Ihrem Gliedmaßen-Stoffwechselorganismus und namentlich in Ihren Finger- und Zehenspitzen haben Sie im Grunde genommen den Menschen, wie er hier auf der Erde ist. Und nur weil Sie im Gehirn miterleben Ihre Finger- und Zehenspitzen haben Sie auch durch Gedanken ein Bewußtsein von diesem Ich in Ihrem Erdenleben. So grotesk sind die Dinge in der Wirklichkeit gegenüber manchem, was sich der Mensch gewöhnlich heute vorstellt.
[ 11 ] So mit dem Kopfe vorzustellen, wie das heute geschieht, das trat eigentlich regulär erst ein mit dem Beginn des fünften nachatlantischen Zeitraumes, mit dem 15. Jahrhundert. Aber alle Dinge gehen in gewissem Sinne ahrimanisch voran, sie werden vorausgenommen. Das Luziferische ist das, was später eintritt, als es in der Entwickelung berechtigt ist; das Ahrimanische tritt früher ein. Und so haben wir die Möglichkeit, auf eine Erscheinung in der Geschichte hinzuweisen, wo in ganz entschiedener Weise etwas zu früh eintritt, was eigentlich regulär erst im 15. Jahrhundert hätte eintreten sollen. Da ist es dann auch eingetreten, aber es wurde eben schon vorausgenommen zur Zeit des Mysteriums von Golgatha. Und da können wir darauf hinweisen, wie die alttestamentlichen Vorstellungen, die ich Ihnen gestern etwas charakterisiert habe, durch den Zeitgenossen des Christus-Jesus, durch Philo von Alexandrien, ganz zu Allegorien gemacht worden sind.
[ 11 ] So mit dem Kopfe vorzustellen, wie das heute geschieht, das trat eigentlich regulär erst ein mit dem Beginn des fünften nachatlantischen Zeitraumes, mit dem 15. Jahrhundert. Aber alle Dinge gehen in gewissem Sinne ahrimanisch voran, sie werden vorausgenommen. Das Luziferische ist das, was später eintritt, als es in der Entwickelung berechtigt ist; das Ahrimanische tritt früher ein. Und so haben wir die Möglichkeit, auf eine Erscheinung in der Geschichte hinzuweisen, wo in ganz entschiedener Weise etwas zu früh eintritt, was eigentlich regulär erst im 15. Jahrhundert hätte eintreten sollen. Da ist es dann auch eingetreten, aber es wurde eben schon vorausgenommen zur Zeit des Mysteriums von Golgatha. Und da können wir darauf hinweisen, wie die alttestamentlichen Vorstellungen, die ich Ihnen gestern etwas charakterisiert habe, durch den Zeitgenossen des Christus-Jesus, durch Philo von Alexandrien, ganz zu Allegorien gemacht worden sind.
[ 12 ] Philo von Alexandrien faßt das ganze Alte Testament allegorisch auf, das heißt, er will das ganze Alte Testament, das in Form von Erlebnissen dargestellt wird, zu Gedankenbildern machen. Das ist sehr geistreich, und indem es zum erstenmal in der Menschheitsentwickelung auftritt, kann man auch von dieser Geistreichigkeit sprechen. Heute ist es weniger geistreich, wenn zum Beispiel Theosophen den «Hamlet» so erklären, daß die eine Figur Manas, die andere Buddhi ist und so weiter, wenn also die Sache ganz ins Allegorische gezerrt wird. Das ist natürlich ein Unsinn. Aber Philo von Alexandrien verwandelte gewissermaßen das ganze Testament in Gedankenbilder, in Allegorien. Diese Allegorien sind eben nichts anderes als die innere Offenbarung des ertöteten Seelenlebens, des gestorbenen und in der Gedankenkraft als Leichnam vorliegenden Seelenlebens. Die alttestamentliche Anschauung sah in ihrer Art noch zurück zu dem Leben vor der Geburt oder vor der Empfängnis, und aus dieser Anschauung stellte sie das Alte Testament her.
[ 12 ] Philo von Alexandrien faßt das ganze Alte Testament allegorisch auf, das heißt, er will das ganze Alte Testament, das in Form von Erlebnissen dargestellt wird, zu Gedankenbildern machen. Das ist sehr geistreich, und indem es zum erstenmal in der Menschheitsentwickelung auftritt, kann man auch von dieser Geistreichigkeit sprechen. Heute ist es weniger geistreich, wenn zum Beispiel Theosophen den «Hamlet» so erklären, daß die eine Figur Manas, die andere Buddhi ist und so weiter, wenn also die Sache ganz ins Allegorische gezerrt wird. Das ist natürlich ein Unsinn. Aber Philo von Alexandrien verwandelte gewissermaßen das ganze Testament in Gedankenbilder, in Allegorien. Diese Allegorien sind eben nichts anderes als die innere Offenbarung des ertöteten Seelenlebens, des gestorbenen und in der Gedankenkraft als Leichnam vorliegenden Seelenlebens. Die alttestamentliche Anschauung sah in ihrer Art noch zurück zu dem Leben vor der Geburt oder vor der Empfängnis, und aus dieser Anschauung stellte sie das Alte Testament her.
[ 13 ] Als man nicht mehr zurückschauen konnte, und Philo von Alexandrien konnte nicht zurückschauen, da wurde das alles zu den toten Gedankenbildern. Und so haben wir in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit diese zwei bedeutsamen Erscheinungen nebeneinander: die alttestamentliche Entwickelung gipfelte in Philo von Alexandrien zur Zeit des Mysteriums von Golgatha. Das ganze Alte Testament macht Philo von Alexandrien zu einer Welt von strohernen Allegorien. Und gleichzeitig damit erscheint in dem Mysterium von Golgatha die Offenbarung, daß nicht das tote Erlebnis im Menschen zum Übersinnlichen hinführen kann, sondern der ganze Mensch, der durch das Mysterium von Golgatha geht, mit dem göttlichen Wesen in sich.
[ 13 ] Als man nicht mehr zurückschauen konnte, und Philo von Alexandrien konnte nicht zurückschauen, da wurde das alles zu den toten Gedankenbildern. Und so haben wir in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit diese zwei bedeutsamen Erscheinungen nebeneinander: die alttestamentliche Entwickelung gipfelte in Philo von Alexandrien zur Zeit des Mysteriums von Golgatha. Das ganze Alte Testament macht Philo von Alexandrien zu einer Welt von strohernen Allegorien. Und gleichzeitig damit erscheint in dem Mysterium von Golgatha die Offenbarung, daß nicht das tote Erlebnis im Menschen zum Übersinnlichen hinführen kann, sondern der ganze Mensch, der durch das Mysterium von Golgatha geht, mit dem göttlichen Wesen in sich.
[ 14 ] Es sind das die zwei großen polarischen Gegensätze: Die abstrakte Welt, die in ahrimanischer Art vorausgenommen ist in Philo, und die Welt, die mit dem Christentum in die Menschheitsentwickelung einziehen soll. Man möchte sagen, von diesem Gesichtspunkte aus wird die ganze Welt zu einer Frage. Der Abstraktling — und Philo von Alexandrien ist vielleicht der genialste Abstraktling gewesen, weil er die spätere Abstraktheit ahrimaniisch vorausgenommen hat —, er will die Antwort für das Weltengeheimnis finden, indem er irgendwelche Gedanken faßt, die das Weltenrätsel lösen sollen. Dagegen ist das Mysterium von Golgatha der umfassende lebendige Protest. Niemals lösen Gedanken das Weltenrätsel, sondern diese Lösung bleibt lebendig. Der Mensch selber in seiner Totalität ist die Lösung des Weltenrätsels. Da erscheinen die Sonnen, die Sterne, die Wolken, die Flüsse, die Berge, die einzelnen Wesenheiten der verschiedenen Naturreiche, indem sie von außen sich offenbaren, als eine große Frage. Und der Mensch steht da, und in seiner ganzen Wesenheit ist er die Antwort.
[ 14 ] Es sind das die zwei großen polarischen Gegensätze: Die abstrakte Welt, die in ahrimanischer Art vorausgenommen ist in Philo, und die Welt, die mit dem Christentum in die Menschheitsentwickelung einziehen soll. Man möchte sagen, von diesem Gesichtspunkte aus wird die ganze Welt zu einer Frage. Der Abstraktling — und Philo von Alexandrien ist vielleicht der genialste Abstraktling gewesen, weil er die spätere Abstraktheit ahrimaniisch vorausgenommen hat —, er will die Antwort für das Weltengeheimnis finden, indem er irgendwelche Gedanken faßt, die das Weltenrätsel lösen sollen. Dagegen ist das Mysterium von Golgatha der umfassende lebendige Protest. Niemals lösen Gedanken das Weltenrätsel, sondern diese Lösung bleibt lebendig. Der Mensch selber in seiner Totalität ist die Lösung des Weltenrätsels. Da erscheinen die Sonnen, die Sterne, die Wolken, die Flüsse, die Berge, die einzelnen Wesenheiten der verschiedenen Naturreiche, indem sie von außen sich offenbaren, als eine große Frage. Und der Mensch steht da, und in seiner ganzen Wesenheit ist er die Antwort.
[ 15 ] Das ist auch ein Gesichtspunkt, von dem aus das Mysterium von Golgatha betrachtet werden kann. Man sucht nicht Gedanken in ihrer Totheit dem Weltenrätsel entgegenzustellen; man stellt dem ganzen Menschen entgegen das, was aus dem ganzen Menschen heraus erlebt werden kann.
[ 15 ] Das ist auch ein Gesichtspunkt, von dem aus das Mysterium von Golgatha betrachtet werden kann. Man sucht nicht Gedanken in ihrer Totheit dem Weltenrätsel entgegenzustellen; man stellt dem ganzen Menschen entgegen das, was aus dem ganzen Menschen heraus erlebt werden kann.
[ 16 ] Nur ganz langsam und allmählich konnte die Menschheit den Weg finden, um das zu verstehen. Und heute ist er ja noch nicht gefunden. Anthroposophie will diesen Weg eröffnen. Aber seitdem die Abstraktheit Platz gegriffen hat, hat man gewissermaßen sogar das Bewußtsein verloren, daß dieser Weg gesucht werden müsse. Bis dahin war ein Ringen darnach vorhanden, und das Ringen zeigt sich gerade am deutlichsten noch an dieser Wende vom vierten in den fünften nachatlantischen Zeitraum hinein. Indem sich das Christentum als eine äußere Erscheinung ausbreitet, ringen gerade die besten Geister darnach, dieses Christentum innerlich zu verstehen. Es ist im Grunde ein fortwährendes Ringen um den Sinn des Christentums, das bei den besten Geistern sich abspielt. Man wollte gewissermaßen lebendig das Weltenrätsel vor den Menschen hinstellen, das heißt den Menschen als solchen wirklich verstehen. Man hatte eben die beiden Strömungen von alten Zeiten her übernommen: Auf der einen Seite die heidnische Strömung, die im Grunde genommen eine Naturweisheit war, die in allen Naturwesen geistig-elementarische Wesenheiten, dämonische Wesenheiten sah, eben jene dämonischen Wesenheiten, von denen das Evangelium erzählt, indem es darauf hinweist, daß die Dämonen sich aufbäumten, als der Christus unter die Menschen trat, weil sie jetzt wußten, ihre Herrschaft ist dahin. Die Menschen haben den Christus nicht erkannt. Die Dämonen haben ihn erkannt. Sie wußten, jetzt wird er Besitz ergreifen von den Herzen, von den Seelen der Menschen; sie müssen sich zurückziehen. Aber sie spielten noch lange eine Rolle in den Gemütern und im Erkenntnisstreben der Menschen. Das heidnische Bewußtsein, das die dämonisch-elementarisch-geistige Natur in allen Naturwesen auf alte Art suchte, das spielte noch lange eine Rolle. Es war eben ein Ringen um jene Erkenntnisart, die überall in dem Irdischen nun auch dasjenige suchen sollte, was durch das Mysterium von Golgatha sich mit dem Erdenleben als die Substanz des Christus selber vereinigt hatte.
[ 16 ] Nur ganz langsam und allmählich konnte die Menschheit den Weg finden, um das zu verstehen. Und heute ist er ja noch nicht gefunden. Anthroposophie will diesen Weg eröffnen. Aber seitdem die Abstraktheit Platz gegriffen hat, hat man gewissermaßen sogar das Bewußtsein verloren, daß dieser Weg gesucht werden müsse. Bis dahin war ein Ringen darnach vorhanden, und das Ringen zeigt sich gerade am deutlichsten noch an dieser Wende vom vierten in den fünften nachatlantischen Zeitraum hinein. Indem sich das Christentum als eine äußere Erscheinung ausbreitet, ringen gerade die besten Geister darnach, dieses Christentum innerlich zu verstehen. Es ist im Grunde ein fortwährendes Ringen um den Sinn des Christentums, das bei den besten Geistern sich abspielt. Man wollte gewissermaßen lebendig das Weltenrätsel vor den Menschen hinstellen, das heißt den Menschen als solchen wirklich verstehen. Man hatte eben die beiden Strömungen von alten Zeiten her übernommen: Auf der einen Seite die heidnische Strömung, die im Grunde genommen eine Naturweisheit war, die in allen Naturwesen geistig-elementarische Wesenheiten, dämonische Wesenheiten sah, eben jene dämonischen Wesenheiten, von denen das Evangelium erzählt, indem es darauf hinweist, daß die Dämonen sich aufbäumten, als der Christus unter die Menschen trat, weil sie jetzt wußten, ihre Herrschaft ist dahin. Die Menschen haben den Christus nicht erkannt. Die Dämonen haben ihn erkannt. Sie wußten, jetzt wird er Besitz ergreifen von den Herzen, von den Seelen der Menschen; sie müssen sich zurückziehen. Aber sie spielten noch lange eine Rolle in den Gemütern und im Erkenntnisstreben der Menschen. Das heidnische Bewußtsein, das die dämonisch-elementarisch-geistige Natur in allen Naturwesen auf alte Art suchte, das spielte noch lange eine Rolle. Es war eben ein Ringen um jene Erkenntnisart, die überall in dem Irdischen nun auch dasjenige suchen sollte, was durch das Mysterium von Golgatha sich mit dem Erdenleben als die Substanz des Christus selber vereinigt hatte.
[ 17 ] Das war die eine Strömung, die heidnische Strömung, die eine Natur-Sophia war, die überall in der Natur das Geistige sah und daher auch auf den Menschen zurücksehen konnte, den sie zwar als ein Naturwesen ansah, aber dennoch als ein Geistiges, weil sie eben in allen Naturwesen auch ein Geistiges sah. Am reinsten, schönsten kommt das heraus in Griechenland und insbesondere wiederum in der griechischen Kunst, wo wir sehen, wie das Geistige als Schicksal das Menschenleben durchwebt, so wie die Naturgesetze die Naturerscheinungen durchweben. Und wenn wir auch manchmal schaudernd stehen vor dem, was sich in der griechischen Tragödie darbietet, so haben wir auf der andern Seite doch das Gefühl: Der Grieche empfand noch nicht bloß die abstrakten Naturgesetze, wie wir heute, sondern er empfand auch das Wirken von göttlich-geistiger Wesenheit in allen Pflanzen, in allen Steinen, in allen Tieren, und daher auch in dem Menschen selber, in dem sich die starre Notwendigkeit des Naturgesetzes zu dem Schicksal formte, wie es zum Beispiel im Ödipus-Drama zu finden ist. Wir haben da die innige Verwandtschaft des natürlich-geistigen Daseins mit dem menschlich-geistigen Dasein. Daher waltet in diesen Dramen noch nicht die Freiheit und auch noch nicht das menschliche Gewissen. Es waltet eine innere Notwendigkeit, ein Schicksalsmäßiges in dem Menschen, in ähnlicher Art, wie draußen die Naturgesetzmäßigkeit in der Natur waltet.
[ 17 ] Das war die eine Strömung, die heidnische Strömung, die eine Natur-Sophia war, die überall in der Natur das Geistige sah und daher auch auf den Menschen zurücksehen konnte, den sie zwar als ein Naturwesen ansah, aber dennoch als ein Geistiges, weil sie eben in allen Naturwesen auch ein Geistiges sah. Am reinsten, schönsten kommt das heraus in Griechenland und insbesondere wiederum in der griechischen Kunst, wo wir sehen, wie das Geistige als Schicksal das Menschenleben durchwebt, so wie die Naturgesetze die Naturerscheinungen durchweben. Und wenn wir auch manchmal schaudernd stehen vor dem, was sich in der griechischen Tragödie darbietet, so haben wir auf der andern Seite doch das Gefühl: Der Grieche empfand noch nicht bloß die abstrakten Naturgesetze, wie wir heute, sondern er empfand auch das Wirken von göttlich-geistiger Wesenheit in allen Pflanzen, in allen Steinen, in allen Tieren, und daher auch in dem Menschen selber, in dem sich die starre Notwendigkeit des Naturgesetzes zu dem Schicksal formte, wie es zum Beispiel im Ödipus-Drama zu finden ist. Wir haben da die innige Verwandtschaft des natürlich-geistigen Daseins mit dem menschlich-geistigen Dasein. Daher waltet in diesen Dramen noch nicht die Freiheit und auch noch nicht das menschliche Gewissen. Es waltet eine innere Notwendigkeit, ein Schicksalsmäßiges in dem Menschen, in ähnlicher Art, wie draußen die Naturgesetzmäßigkeit in der Natur waltet.
[ 18 ] Das ist die eine Strömung, die heraufkommt in die neuere Zeit. Die andere ist die alttestamentlich-jüdische Strömung. Sie hat keine Naturweisheit. Sie hat in bezug auf die Natur nur das Anschauen des sinnlich-physischen Daseins. Dafür ist aber diese alttestamentliche Anschauung hinaufgerichtet zu den Urquellen des Moralischen, die zwischen dem Tod und einer neuen Geburt liegen, zu jenen Urquellen, die aber jetzt nicht hinschauen auf das Naturhafte im Menschen. Für das Alte Testament gibt es keine Naturwissenschaft, sondern nur das Einhalten göttlicher Gebote. Die Dinge geschehen, im Sinne des Alten Testaments, nicht nach Naturgesetzen. Die Dinge geschehen, weil Jahve es will. Und so sehen wir, daß es aus dem Alten Testament heraus bildlos ertönt, in einem gewissen Sinne abstrakt, aber hinter diesen Abstraktionen steht bis auf Philo von Alexandrien, der nun alles zu Allegorien macht, der Herrscher Jahve, der diese Abstraktionen mit einer ins Übersinnliche hinauf idealisierten, allgemeinen Menschennatur durchdringt, der wie ein menschlicher Herrscher alles das durchdringt, was als Gebote von ihm herabklingt auf die Erde. Es ist in dieser alttestamentlichen Anschauung ein bloßes Hinschauen auf die moralische Welt, geradezu ein Sich-Scheuen davor, die Welt in ihrer äußeren Sinnlichkeit anzuschauen. Während die Heiden darauf bedacht waren, überall die göttlich-geistigen Wesenheiten zu sehen, ist der Judengott bloß der Eine. Der Jude ist Monotheist. Sein Gott, sein Jahve, ist der Eine, weil er sich nur auf das beziehen kann, was im Menschen als Einheitliches ist: Du sollst allein an einen Gott glauben; und diesen Gott sollst du nicht ausdrücken durch etwas Irdisches, nicht durch ein plastisches Bild, nicht einmal durch das Wort, das nur der Eingeweihte bei besonders festlichen Gelegenheiten aussprechen darf: Du sollst den Namen deines Gottes nicht unheilig aussprechen.
[ 18 ] Das ist die eine Strömung, die heraufkommt in die neuere Zeit. Die andere ist die alttestamentlich-jüdische Strömung. Sie hat keine Naturweisheit. Sie hat in bezug auf die Natur nur das Anschauen des sinnlich-physischen Daseins. Dafür ist aber diese alttestamentliche Anschauung hinaufgerichtet zu den Urquellen des Moralischen, die zwischen dem Tod und einer neuen Geburt liegen, zu jenen Urquellen, die aber jetzt nicht hinschauen auf das Naturhafte im Menschen. Für das Alte Testament gibt es keine Naturwissenschaft, sondern nur das Einhalten göttlicher Gebote. Die Dinge geschehen, im Sinne des Alten Testaments, nicht nach Naturgesetzen. Die Dinge geschehen, weil Jahve es will. Und so sehen wir, daß es aus dem Alten Testament heraus bildlos ertönt, in einem gewissen Sinne abstrakt, aber hinter diesen Abstraktionen steht bis auf Philo von Alexandrien, der nun alles zu Allegorien macht, der Herrscher Jahve, der diese Abstraktionen mit einer ins Übersinnliche hinauf idealisierten, allgemeinen Menschennatur durchdringt, der wie ein menschlicher Herrscher alles das durchdringt, was als Gebote von ihm herabklingt auf die Erde. Es ist in dieser alttestamentlichen Anschauung ein bloßes Hinschauen auf die moralische Welt, geradezu ein Sich-Scheuen davor, die Welt in ihrer äußeren Sinnlichkeit anzuschauen. Während die Heiden darauf bedacht waren, überall die göttlich-geistigen Wesenheiten zu sehen, ist der Judengott bloß der Eine. Der Jude ist Monotheist. Sein Gott, sein Jahve, ist der Eine, weil er sich nur auf das beziehen kann, was im Menschen als Einheitliches ist: Du sollst allein an einen Gott glauben; und diesen Gott sollst du nicht ausdrücken durch etwas Irdisches, nicht durch ein plastisches Bild, nicht einmal durch das Wort, das nur der Eingeweihte bei besonders festlichen Gelegenheiten aussprechen darf: Du sollst den Namen deines Gottes nicht unheilig aussprechen.
[ 19 ] Und so ist überall der Hinweis auf das Unanschauliche, auf das, was nicht durch die Natur zum Ausdrucke kommen kann, was nur gedacht werden kann. Aber im Alten Testament denkt man hinter diesen Gedanken noch die lebendige Jahve-Natur. Diese verschwindet in den Allegorien des Philo von Alexandrien.
[ 19 ] Und so ist überall der Hinweis auf das Unanschauliche, auf das, was nicht durch die Natur zum Ausdrucke kommen kann, was nur gedacht werden kann. Aber im Alten Testament denkt man hinter diesen Gedanken noch die lebendige Jahve-Natur. Diese verschwindet in den Allegorien des Philo von Alexandrien.
[ 20 ] Nun handelt es sich darum, in dem christlichen Ringen der ersten Jahrhunderte und bis ins 15., 16., 17. Jahrhundert herein den Zusammenklang zu finden zwischen dem, was man sehen kann als das Geistige in der äußeren Natur und dem, was als das Göttliche erlebt wird, wenn wir auf die eigene Moralität, auf das Seelische im Menschen schauen. Wenn man diese Sache theoretisch nimmt, so sieht sie einfach aus. In Wirklichkeit war das Suchen nach dem Zusammenklang zwischen dem Anschauen des Geistigen in der äußeren Natur und dem Hinauflenken der Seele zu dem Geistigen, aus dem der Christus Jesus heruntergestiegen ist, ein ungeheures Ringen. Und indem das Christentum von Asien herüberzieht und die griechische, die römische Welt ergreift, sehen wir in den späteren Jahrhunderten des Mittelalters dieses Ringen noch am stärksten auf jenem Boden Europas, der sich noch viel Ursprünglichkeit erhalten hatte. In Griechenland selbst war noch das alte heidnische Element, die Anschauung des Geistigen in allen Naturdingen so groß, daß das Christentum zwar durch das Griechentum durchgegangen ist, sogar viele Sprachformen durch das Griechische erhalten hat, aber nicht innerhalb des Griechischen Wurzel fassen konnte. Nur die Gnosis, die geistige Anschauung vom Christentum, hat in Griechenland noch Wurzel fassen können.
[ 20 ] Nun handelt es sich darum, in dem christlichen Ringen der ersten Jahrhunderte und bis ins 15., 16., 17. Jahrhundert herein den Zusammenklang zu finden zwischen dem, was man sehen kann als das Geistige in der äußeren Natur und dem, was als das Göttliche erlebt wird, wenn wir auf die eigene Moralität, auf das Seelische im Menschen schauen. Wenn man diese Sache theoretisch nimmt, so sieht sie einfach aus. In Wirklichkeit war das Suchen nach dem Zusammenklang zwischen dem Anschauen des Geistigen in der äußeren Natur und dem Hinauflenken der Seele zu dem Geistigen, aus dem der Christus Jesus heruntergestiegen ist, ein ungeheures Ringen. Und indem das Christentum von Asien herüberzieht und die griechische, die römische Welt ergreift, sehen wir in den späteren Jahrhunderten des Mittelalters dieses Ringen noch am stärksten auf jenem Boden Europas, der sich noch viel Ursprünglichkeit erhalten hatte. In Griechenland selbst war noch das alte heidnische Element, die Anschauung des Geistigen in allen Naturdingen so groß, daß das Christentum zwar durch das Griechentum durchgegangen ist, sogar viele Sprachformen durch das Griechische erhalten hat, aber nicht innerhalb des Griechischen Wurzel fassen konnte. Nur die Gnosis, die geistige Anschauung vom Christentum, hat in Griechenland noch Wurzel fassen können.
[ 21 ] Dann hatte das Christentum das prosaischste Element in der Weltentwickelung zu passieren: das Römertum, das ja in seiner Abstraktheit wiederum auch nur Abstraktes fassen konnte, gleichfalls das Spätere ahrimanisch vorausnehmend, das, was im Christentum lebendig ist. Aber ein wirklich lebendiges Ringen finden wir dann in Spanien, wo tatsächlich die Frage, aber nicht theoretisch, sondern als intensive Lebensfrage auftritt: Wie kann der Mensch, ohne daß er die Anschauung des Geistigen in den Naturdingen und Naturvorgängen verliert, den ganzen Menschen finden, der ihm durch den Christus Jesus vor die Augen der Seele gestellt ist? Wie kann der Mensch sich durchchristen? — Am lebendigsten tauchte sie gerade in Spanien auf, und wir sehen in Calderón einen Dichter, der dieses Ringen ganz besonders intensiv darzustellen wußte. In Calderón lebt, wenn ich so sagen darf, dramatisch dieses Ringen nach dem Durchchristerwerden des Menschen.
[ 21 ] Dann hatte das Christentum das prosaischste Element in der Weltentwickelung zu passieren: das Römertum, das ja in seiner Abstraktheit wiederum auch nur Abstraktes fassen konnte, gleichfalls das Spätere ahrimanisch vorausnehmend, das, was im Christentum lebendig ist. Aber ein wirklich lebendiges Ringen finden wir dann in Spanien, wo tatsächlich die Frage, aber nicht theoretisch, sondern als intensive Lebensfrage auftritt: Wie kann der Mensch, ohne daß er die Anschauung des Geistigen in den Naturdingen und Naturvorgängen verliert, den ganzen Menschen finden, der ihm durch den Christus Jesus vor die Augen der Seele gestellt ist? Wie kann der Mensch sich durchchristen? — Am lebendigsten tauchte sie gerade in Spanien auf, und wir sehen in Calderón einen Dichter, der dieses Ringen ganz besonders intensiv darzustellen wußte. In Calderón lebt, wenn ich so sagen darf, dramatisch dieses Ringen nach dem Durchchristerwerden des Menschen.
[ 22 ] Da sehen wir auf das charakteristischste Drama des Calderón hin, auf den «Cyprianus», der eine Art wundertätiger Magier ist, also ein Mensch zunächst, der in den Naturdingen und Naturvorgängen lebt, indem er jene Geistigkeit durchforschen will. Wenn Sie das Bild eines solchen Menschen nach seiner späteren Metamorphose, nach der Faust-Metamorphose nehmen, so haben Sie nicht die volle Lebendigkeit, mit der etwa bei Calderón Cyprianus auftritt. Denn dieses Drinnenstehen in dem Geiste der Natur bei Cyprianus hat noch volles Leben. Da ist noch eine volle Selbstverständlichkeit, während bei Faust alles schon in Zweifel gehüllt ist. Während Faust von Anfang an nicht mehr recht an das Finden des Geistigen in der Natur glaubt, ist der Cyprianus des Calderón durchaus noch eine mittelalterliche Figur. So, wie der heutige Physiker oder Chemiker in seinem Laboratorium von seinen Apparaten umgeben ist, der Physiker von den Geißlerschen Röhren und andern Apparaten, der Chemiker von seinen Retorten und von seinen Wärmeöfen und dergleichen, so ist Cyprianus für seine Seelenverfassung überall von dem umgeben, was als das Geistige aufleuchtet und aufquillt aus den Naturvorgängen und Naturwesenheiten.
[ 22 ] Da sehen wir auf das charakteristischste Drama des Calderón hin, auf den «Cyprianus», der eine Art wundertätiger Magier ist, also ein Mensch zunächst, der in den Naturdingen und Naturvorgängen lebt, indem er jene Geistigkeit durchforschen will. Wenn Sie das Bild eines solchen Menschen nach seiner späteren Metamorphose, nach der Faust-Metamorphose nehmen, so haben Sie nicht die volle Lebendigkeit, mit der etwa bei Calderón Cyprianus auftritt. Denn dieses Drinnenstehen in dem Geiste der Natur bei Cyprianus hat noch volles Leben. Da ist noch eine volle Selbstverständlichkeit, während bei Faust alles schon in Zweifel gehüllt ist. Während Faust von Anfang an nicht mehr recht an das Finden des Geistigen in der Natur glaubt, ist der Cyprianus des Calderón durchaus noch eine mittelalterliche Figur. So, wie der heutige Physiker oder Chemiker in seinem Laboratorium von seinen Apparaten umgeben ist, der Physiker von den Geißlerschen Röhren und andern Apparaten, der Chemiker von seinen Retorten und von seinen Wärmeöfen und dergleichen, so ist Cyprianus für seine Seelenverfassung überall von dem umgeben, was als das Geistige aufleuchtet und aufquillt aus den Naturvorgängen und Naturwesenheiten.
[ 23 ] Da tritt- und das ist charakteristisch — in das Leben dieses Cyprianus Justina ein. Hier haben wir den Hinweis auf etwas, was im Drama ganz menschlich dargestellt wird als ein weibliches Wesen, was wir aber doch, wenn wir es bloß als ein weibliches Wesen auffassen, eben nicht voll erfassen. Denn diese mittelalterlichen Dichter werden nicht richtig verstanden, wenn man so, wie das ihre neueren Erklärer tun, immer sagt: Da muß nur das ganz derb materiell Konkrete aufgefaßt werden; wir dürfen zum Beispiel bei der Beatrice des Dante an nichts anderes denken als an ein weiches, weibliches Wesen. — Oder aber die Erklärer gehen an dem Richtigen auch vorbei, indem sie wiederum alles allegorisieren, in eine geistige Sphäre hinaufheben. So weit voneinander, wie für die Köpfe der modernen Erklärer, waren eben damals die geistigen Bilder und die wirklichen Erdenwesen noch nicht. Und so dürfen wir, indem da in dem Calderón-Drarma Justina auftritt, wiederum an die die Welt durchziehende Gerechtigkeit denken, die eben nicht so etwas Abstraktes war wie das, was heute auch die Juristen nicht mehr haben, sondern was in ihrer Bibliothek steht und was sie herausnehmen in Form von einzelnen Bänden. Es wurde eben die Jurisprudenz auch als etwas Lebendiges empfunden.
[ 23 ] Da tritt- und das ist charakteristisch — in das Leben dieses Cyprianus Justina ein. Hier haben wir den Hinweis auf etwas, was im Drama ganz menschlich dargestellt wird als ein weibliches Wesen, was wir aber doch, wenn wir es bloß als ein weibliches Wesen auffassen, eben nicht voll erfassen. Denn diese mittelalterlichen Dichter werden nicht richtig verstanden, wenn man so, wie das ihre neueren Erklärer tun, immer sagt: Da muß nur das ganz derb materiell Konkrete aufgefaßt werden; wir dürfen zum Beispiel bei der Beatrice des Dante an nichts anderes denken als an ein weiches, weibliches Wesen. — Oder aber die Erklärer gehen an dem Richtigen auch vorbei, indem sie wiederum alles allegorisieren, in eine geistige Sphäre hinaufheben. So weit voneinander, wie für die Köpfe der modernen Erklärer, waren eben damals die geistigen Bilder und die wirklichen Erdenwesen noch nicht. Und so dürfen wir, indem da in dem Calderón-Drarma Justina auftritt, wiederum an die die Welt durchziehende Gerechtigkeit denken, die eben nicht so etwas Abstraktes war wie das, was heute auch die Juristen nicht mehr haben, sondern was in ihrer Bibliothek steht und was sie herausnehmen in Form von einzelnen Bänden. Es wurde eben die Jurisprudenz auch als etwas Lebendiges empfunden.
[ 24 ] So tritt Justina an Cyprianus heran. Und nun wird es natürlich wiederum schwierig für den modernen wissenschaftlichen Interpreten, der jetzt die Hymne verstehen soll, die Cyprianus auf Justina singt. Ja, die modernen Advokaten tun das nicht auf ihre Jurisprudenz, aber so jemand wie der Cyprianus empfand eben auch die Gerechtigkeit, die die Welt durchwebt und durchlebt als etwas, dem er Hymnen singen konnte. Es ist eben das geistige Leben anders geworden, das muß immer wieder betont werden. Aber Cyprianus ist zu gleicher Zeit auch Magier, der es mit den Geistwesen der Natur zu tun hat, jener Welt der Dämonen, unter der auch das mittelalterliche Wesen Satanas ist. Nun fühlt sich Cyprianus nicht fähig, wirklich an Justina heranzukommen. Da wendet er sich an den Satan, den Anführer dieser Naturdämonen. Der soll ihm Justina verschaffen.
[ 24 ] So tritt Justina an Cyprianus heran. Und nun wird es natürlich wiederum schwierig für den modernen wissenschaftlichen Interpreten, der jetzt die Hymne verstehen soll, die Cyprianus auf Justina singt. Ja, die modernen Advokaten tun das nicht auf ihre Jurisprudenz, aber so jemand wie der Cyprianus empfand eben auch die Gerechtigkeit, die die Welt durchwebt und durchlebt als etwas, dem er Hymnen singen konnte. Es ist eben das geistige Leben anders geworden, das muß immer wieder betont werden. Aber Cyprianus ist zu gleicher Zeit auch Magier, der es mit den Geistwesen der Natur zu tun hat, jener Welt der Dämonen, unter der auch das mittelalterliche Wesen Satanas ist. Nun fühlt sich Cyprianus nicht fähig, wirklich an Justina heranzukommen. Da wendet er sich an den Satan, den Anführer dieser Naturdämonen. Der soll ihm Justina verschaffen.
[ 25 ] Da haben Sie die ganze tiefe Tragik des christlichen Konfliktes; nämlich das, was an Cyprianus herantritt in Justina, das ist die Gerechtigkeit, die der christlichen Entwickelung angemessen ist. Sie soll an Cyprianus, den noch halb heidnischen Naturgelehrten, herangebracht werden. Das ist die Tragik: Er kann aus der Naturnotwendigkeit, die etwas Starres hat, nicht die christliche Gerechtigkeit finden. Aber er kann sich auch nur an den Anführer der Dämonen, an den Satanas wenden, daß der ihm Justina verschaffe.
[ 25 ] Da haben Sie die ganze tiefe Tragik des christlichen Konfliktes; nämlich das, was an Cyprianus herantritt in Justina, das ist die Gerechtigkeit, die der christlichen Entwickelung angemessen ist. Sie soll an Cyprianus, den noch halb heidnischen Naturgelehrten, herangebracht werden. Das ist die Tragik: Er kann aus der Naturnotwendigkeit, die etwas Starres hat, nicht die christliche Gerechtigkeit finden. Aber er kann sich auch nur an den Anführer der Dämonen, an den Satanas wenden, daß der ihm Justina verschaffe.
[ 26 ] Satanas macht sich heran an die Aufgabe. Die Menschen können schwer begreifen, weil natürlich Satanas ein sehr gescheites Wesen ist, daß er immer wieder an Aufgaben geht, an denen er schon so und so oft gescheitert ist. Aber das ist eben eine Tatsache. Wir mögen uns noch so gescheit dünken, wir können in dieser Weise nicht ein so gescheites Wesen wie Satanas kritisieren. Man müßte sich sagen, es muß doch etwas geben, was ein so gescheites Wesen immer wieder dazu bringt, das Glück aufs Neue zu versuchen, um die Menschen auf diese Weise zu verderben. Denn natürlich würde Verderbnis der Menschen eingetreten sein, wenn es Satan gelungen wäre, die christliche Gerechtigkeit — wenn ich mich so ausdrücken darf — herumzukriegen, um sie an Cyprianus heranzubringen. Also Satan macht sich daran, aber es gelingt ihm nicht. Die ganze Gesinnung Justinas widerstrebt dem Satanas; und sie entflieht dem Satan, und er behält ein Phantom von ihr zurück, ein Schattenbild.
[ 26 ] Satanas macht sich heran an die Aufgabe. Die Menschen können schwer begreifen, weil natürlich Satanas ein sehr gescheites Wesen ist, daß er immer wieder an Aufgaben geht, an denen er schon so und so oft gescheitert ist. Aber das ist eben eine Tatsache. Wir mögen uns noch so gescheit dünken, wir können in dieser Weise nicht ein so gescheites Wesen wie Satanas kritisieren. Man müßte sich sagen, es muß doch etwas geben, was ein so gescheites Wesen immer wieder dazu bringt, das Glück aufs Neue zu versuchen, um die Menschen auf diese Weise zu verderben. Denn natürlich würde Verderbnis der Menschen eingetreten sein, wenn es Satan gelungen wäre, die christliche Gerechtigkeit — wenn ich mich so ausdrücken darf — herumzukriegen, um sie an Cyprianus heranzubringen. Also Satan macht sich daran, aber es gelingt ihm nicht. Die ganze Gesinnung Justinas widerstrebt dem Satanas; und sie entflieht dem Satan, und er behält ein Phantom von ihr zurück, ein Schattenbild.
[ 27 ] Sie sehen, wie bei Calderón manches Motiv, das Sie dann im «Faust» wiederfinden, auftaucht, aber alles eben gewissermaßen in dieses urchristliche Ringen getaucht. Der Satan behält ein Schattenbild zurück, das bringt er dem Cyprianus. Cyprianus kann natürlich mit dem Phantom, mit dem Schattenbild nichts Rechtes anfangen. Es hat nicht Leben. Es hat nur ein Schattenbild der Gerechtigkeit in sich. Oh, es ist wunderbar ausgedrückt, wie das, was aus der alten Naturweisheit geworden ist und als neuere Naturwissenschaft auftritt, wenn es an so etwas herankommen will wie an das soziale Leben, an die Justina, wie es nicht das wirkliche Lebendige liefert, sondern nur Gedankenphantome. Wie es jetzt, weil die Menschheit mit dem fünften nachatlantischen Zeitraum zu der toten Gedankenwelt vorgedrungen ist, eben nur Phantome liefert, die Phantome der Gerechtigkeit, die Phantome der Liebe, die Phantome von allem — ich will nicht sagen im Leben, aber in der Theorie.
[ 27 ] Sie sehen, wie bei Calderón manches Motiv, das Sie dann im «Faust» wiederfinden, auftaucht, aber alles eben gewissermaßen in dieses urchristliche Ringen getaucht. Der Satan behält ein Schattenbild zurück, das bringt er dem Cyprianus. Cyprianus kann natürlich mit dem Phantom, mit dem Schattenbild nichts Rechtes anfangen. Es hat nicht Leben. Es hat nur ein Schattenbild der Gerechtigkeit in sich. Oh, es ist wunderbar ausgedrückt, wie das, was aus der alten Naturweisheit geworden ist und als neuere Naturwissenschaft auftritt, wenn es an so etwas herankommen will wie an das soziale Leben, an die Justina, wie es nicht das wirkliche Lebendige liefert, sondern nur Gedankenphantome. Wie es jetzt, weil die Menschheit mit dem fünften nachatlantischen Zeitraum zu der toten Gedankenwelt vorgedrungen ist, eben nur Phantome liefert, die Phantome der Gerechtigkeit, die Phantome der Liebe, die Phantome von allem — ich will nicht sagen im Leben, aber in der Theorie.
[ 28 ] Und über alledem wird Cyprianus verrückt. Justina, die wirkliche Justina, kommt mit ihrem Vater in die Gefangenschaft. Sie wird zum Tode verurteilt. Cyprianus hört das in seinem Wahnsinne und fordert für sich auch den Tod. Und eben auf dem Schafott finden sie sich. Über ihrem Sterben erscheint die Schlange und auf ihr reitend der Dämon, der Justina dem Cyprianus zuführen wollte, und erklärt, sie seien erlöst. Sie können aufsteigen in die himmlischen Welten: «Gerettet ist das edle Glied der Geisterwelt vom Bösen!»
[ 28 ] Und über alledem wird Cyprianus verrückt. Justina, die wirkliche Justina, kommt mit ihrem Vater in die Gefangenschaft. Sie wird zum Tode verurteilt. Cyprianus hört das in seinem Wahnsinne und fordert für sich auch den Tod. Und eben auf dem Schafott finden sie sich. Über ihrem Sterben erscheint die Schlange und auf ihr reitend der Dämon, der Justina dem Cyprianus zuführen wollte, und erklärt, sie seien erlöst. Sie können aufsteigen in die himmlischen Welten: «Gerettet ist das edle Glied der Geisterwelt vom Bösen!»
[ 29 ] Das ganze christliche Ringen des Mittelalters liegt darinnen. Der Mensch ist eingeschaltet zwischen dem, was er erleben kann vor der Geburt in der geistig-seelischen Welt und was er erleben soll, nachdem er durch die Pforte des Todes gegangen ist. Der Christus ist heruntergestiegen auf die Erde, weil nicht mehr gesehen werden konnte, was in früheren Zeiten noch im mittleren Menschen, im rhythmischen Menschen, gesehen worden ist, wovon ein Nachklang gesehen worden ist, als gerade dieser mittlere Mensch durch die Atmungsübungen des Jogasystems ausgebildet wurde, die also nicht eine Kopfausbildung waren, sondern eine Ausbildung des rhythmischen Menschen. Der Mensch kann den Christus in dieser Zeit nicht finden. Er strebt danach, ihn zu finden. Der Christus ist heruntergestiegen. Der Mensch soll, weil er ihn nicht mehr in der Erinnerung hat aus der Zeit, die er zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchlebt hat, er soll ihn hier finden.
[ 29 ] Das ganze christliche Ringen des Mittelalters liegt darinnen. Der Mensch ist eingeschaltet zwischen dem, was er erleben kann vor der Geburt in der geistig-seelischen Welt und was er erleben soll, nachdem er durch die Pforte des Todes gegangen ist. Der Christus ist heruntergestiegen auf die Erde, weil nicht mehr gesehen werden konnte, was in früheren Zeiten noch im mittleren Menschen, im rhythmischen Menschen, gesehen worden ist, wovon ein Nachklang gesehen worden ist, als gerade dieser mittlere Mensch durch die Atmungsübungen des Jogasystems ausgebildet wurde, die also nicht eine Kopfausbildung waren, sondern eine Ausbildung des rhythmischen Menschen. Der Mensch kann den Christus in dieser Zeit nicht finden. Er strebt danach, ihn zu finden. Der Christus ist heruntergestiegen. Der Mensch soll, weil er ihn nicht mehr in der Erinnerung hat aus der Zeit, die er zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchlebt hat, er soll ihn hier finden.
[ 30 ] Solche Dramen wie das Cyprianus-Drama des Calderón stellen das Ringen nach diesem Finden dar, und es stellt eben die Schwierigkeiten dar, die der Mensch hat, der nun wirklich in die geistige Welt wiederum zurückkommen soll, der den Zusammenklang mit der geistigen Welt erleben soll. Cyprianus ist noch befangen von dem, was an Dämonenhaftem aus der alten heidnischen Welt nachklingt. Er hat aber auch das Jüdisch-Althebräische noch nicht so weit überwunden, daß es ihm ein Gegenwärtig-Irdisches geworden ist. Jahve thront für ihn noch in überirdischen Welten, ist nicht durch den Kreuzestod herabgestiegen und hat sich noch nicht mit der Erde vereinigt. Cyprianus und Justina erleben ihr Zusammengehen mit der geistigen Welt, indem sie sterben und durch die Pforte des Todes gehen. So furchtbar ist dieses Ringen, um den Christus hereinzubekommen in die menschliche Natur in der Zeit zwischen Geburt und Tod. Und ein Bewußtsein davon ist vorhanden, daß das Mittelalter eben noch nicht reif ist, um ihn in dieser Weise hereinzubekommen.
[ 30 ] Solche Dramen wie das Cyprianus-Drama des Calderón stellen das Ringen nach diesem Finden dar, und es stellt eben die Schwierigkeiten dar, die der Mensch hat, der nun wirklich in die geistige Welt wiederum zurückkommen soll, der den Zusammenklang mit der geistigen Welt erleben soll. Cyprianus ist noch befangen von dem, was an Dämonenhaftem aus der alten heidnischen Welt nachklingt. Er hat aber auch das Jüdisch-Althebräische noch nicht so weit überwunden, daß es ihm ein Gegenwärtig-Irdisches geworden ist. Jahve thront für ihn noch in überirdischen Welten, ist nicht durch den Kreuzestod herabgestiegen und hat sich noch nicht mit der Erde vereinigt. Cyprianus und Justina erleben ihr Zusammengehen mit der geistigen Welt, indem sie sterben und durch die Pforte des Todes gehen. So furchtbar ist dieses Ringen, um den Christus hereinzubekommen in die menschliche Natur in der Zeit zwischen Geburt und Tod. Und ein Bewußtsein davon ist vorhanden, daß das Mittelalter eben noch nicht reif ist, um ihn in dieser Weise hereinzubekommen.
[ 31 ] In dem spanischen Cyprianus-Drama tritt uns das ganze Lebendige dieses Christus-Ringens viel deutlicher entgegen als in der Theologie dieses Mittelalters, die sich ja an abstrakte Begriffe halten wollte, und die in ihre abstrakten Begriffe das Mysterium von Golgatha einfangen wollte. In der dramatisch-tragischen Lebendigkeit des Calderón lebt dieses mittelalterliche Ringen nach dem Christus, das heißt, nach dem Durchchristetwerden der menschlichen Natur. Und wenn man dieses Calderón-Drama von dem Cyprianus mit dem späteren Faust-Drama vergleicht — es ist das charakteristisch genug —, dann sieht man, da tritt zuerst bei Lessing das Bewußtsein auf: Der Mensch muß im irdischen Leben den Christus finden können, denn der Christus ist durch das Mysterium von Golgatha gegangen und hat sich mit der irdischen Menschheit vereinigt. Nicht, daß das in klaren Ideen bei Lessing gelebt hat, aber ein deutliches Gefühl davon hat in Lessing gelebt. Und als er seinen «Faust» schreiben wollte — er hat ja nur ein kurzes Stückchen davon zu Papier bringen können —, endete er damit, daß den Dämonen, also denen, die noch den Cyprianus abhalten konnten, während des irdischen Lebens den Christus zu finden, zugerufen wird: «Ihr sollt nicht siegen!».
[ 31 ] In dem spanischen Cyprianus-Drama tritt uns das ganze Lebendige dieses Christus-Ringens viel deutlicher entgegen als in der Theologie dieses Mittelalters, die sich ja an abstrakte Begriffe halten wollte, und die in ihre abstrakten Begriffe das Mysterium von Golgatha einfangen wollte. In der dramatisch-tragischen Lebendigkeit des Calderón lebt dieses mittelalterliche Ringen nach dem Christus, das heißt, nach dem Durchchristetwerden der menschlichen Natur. Und wenn man dieses Calderón-Drama von dem Cyprianus mit dem späteren Faust-Drama vergleicht — es ist das charakteristisch genug —, dann sieht man, da tritt zuerst bei Lessing das Bewußtsein auf: Der Mensch muß im irdischen Leben den Christus finden können, denn der Christus ist durch das Mysterium von Golgatha gegangen und hat sich mit der irdischen Menschheit vereinigt. Nicht, daß das in klaren Ideen bei Lessing gelebt hat, aber ein deutliches Gefühl davon hat in Lessing gelebt. Und als er seinen «Faust» schreiben wollte — er hat ja nur ein kurzes Stückchen davon zu Papier bringen können —, endete er damit, daß den Dämonen, also denen, die noch den Cyprianus abhalten konnten, während des irdischen Lebens den Christus zu finden, zugerufen wird: «Ihr sollt nicht siegen!».
[ 32 ] Damit war zu gleicher Zeit das Thema für den späteren Goetheschen «Faust» gegeben; und im Grunde genommen ist es auch noch beim Goetheschen Faust äußerlich, wie der Mensch sich zum Christentum findet. Nehmen Sie den ganzen Goetheschen «Faust», nehmen Sie den ersten Teil: Da ist das Ringen. Nehmen Sie den zweiten Teil: Da soll zunächst durch die klassische Walpurgisnacht, durch das Helena-Drama, das Aufnehmen des Christentums erfahren werden an der griechischen Welt. Dann aber weiß Goethe: Der Mensch muß hier im Erdenleben den Anschluß finden an Christus. Er muß daher seinen dramatischen Helden hinführen zu dem Christentum. Allein, wie führt er ihn hin? Es ist ja nur ein theoretisches Bewußtsein, möchte ich sagen. Goethe war ein zu großer Dichter, als daß man das nicht bemerkt, daß es nur ein theoretisches Bewußtsein war. Denn zuletzt ist schließlich doch nur im letzten Akt das Aufsteigen im christlichen Sinne an das ganze Faust-Drama angeleimt. Es ist gewiß alles großartig, aber es ist nicht aus der inneren Natur des Faust herausgeholt, sondern Goethe hat das katholische Dogma genommen. Goethe hat den katholischen Kultus genommen und hat den fünften Akt an die andern angeleimt. Er wußte, es muß der Mensch zu der Durchchristetheit geführt werden. Im Grunde genommen ist es nur die ganze Gesinnung, die im zweiten Teile des «Faust» lebt, die dieses Durchdringen mit dem Christus darstellt. Denn bildhaft konnte es auch Goethe noch nicht geben, und eigentlich ist es auch erst nach dem Tode des Faust, wo der ganze christliche Aufstieg entfaltet wird.
[ 32 ] Damit war zu gleicher Zeit das Thema für den späteren Goetheschen «Faust» gegeben; und im Grunde genommen ist es auch noch beim Goetheschen Faust äußerlich, wie der Mensch sich zum Christentum findet. Nehmen Sie den ganzen Goetheschen «Faust», nehmen Sie den ersten Teil: Da ist das Ringen. Nehmen Sie den zweiten Teil: Da soll zunächst durch die klassische Walpurgisnacht, durch das Helena-Drama, das Aufnehmen des Christentums erfahren werden an der griechischen Welt. Dann aber weiß Goethe: Der Mensch muß hier im Erdenleben den Anschluß finden an Christus. Er muß daher seinen dramatischen Helden hinführen zu dem Christentum. Allein, wie führt er ihn hin? Es ist ja nur ein theoretisches Bewußtsein, möchte ich sagen. Goethe war ein zu großer Dichter, als daß man das nicht bemerkt, daß es nur ein theoretisches Bewußtsein war. Denn zuletzt ist schließlich doch nur im letzten Akt das Aufsteigen im christlichen Sinne an das ganze Faust-Drama angeleimt. Es ist gewiß alles großartig, aber es ist nicht aus der inneren Natur des Faust herausgeholt, sondern Goethe hat das katholische Dogma genommen. Goethe hat den katholischen Kultus genommen und hat den fünften Akt an die andern angeleimt. Er wußte, es muß der Mensch zu der Durchchristetheit geführt werden. Im Grunde genommen ist es nur die ganze Gesinnung, die im zweiten Teile des «Faust» lebt, die dieses Durchdringen mit dem Christus darstellt. Denn bildhaft konnte es auch Goethe noch nicht geben, und eigentlich ist es auch erst nach dem Tode des Faust, wo der ganze christliche Aufstieg entfaltet wird.
[ 33 ] Ich wollte das alles nur anführen, um Ihnen zu zeigen, wie vermessen es eigentlich ist, wenn man leichten Herzens von der Erringung des Bewußtseins vom Mysterium von Golgatha, des christlichen Bewußtseins, spricht. Denn diese Erringung des christlichen Bewußtseins stellt eben durchaus eine Aufgabe dar, um die so schwer gekämpft worden ist, wie wir es an solchen Beispielen sehen können, wie ich sie angeführt habe. Es ist heute an der Menschheit, diese geistigen Kräfte innerhalb der geschichtlichen Entwickelung der mittleren und der neueren Zeit zu suchen. Und nach der großen Katastrophe, die wir durchgemacht haben, sollte schon die Menschheit ein Bewußtsein davon bekommen, daß es darauf ankommt, diese geistigen Impulse wirklich ins Seelenauge zu fassen.
[ 33 ] Ich wollte das alles nur anführen, um Ihnen zu zeigen, wie vermessen es eigentlich ist, wenn man leichten Herzens von der Erringung des Bewußtseins vom Mysterium von Golgatha, des christlichen Bewußtseins, spricht. Denn diese Erringung des christlichen Bewußtseins stellt eben durchaus eine Aufgabe dar, um die so schwer gekämpft worden ist, wie wir es an solchen Beispielen sehen können, wie ich sie angeführt habe. Es ist heute an der Menschheit, diese geistigen Kräfte innerhalb der geschichtlichen Entwickelung der mittleren und der neueren Zeit zu suchen. Und nach der großen Katastrophe, die wir durchgemacht haben, sollte schon die Menschheit ein Bewußtsein davon bekommen, daß es darauf ankommt, diese geistigen Impulse wirklich ins Seelenauge zu fassen.
[ 34 ] Nun, davon wollen wir dann morgen weiterreden. Wir wollen uns wiederum um 8 Uhr hier zu der Fortsetzung dieser Betrachtung einfinden.
[ 34 ] Nun, davon wollen wir dann morgen weiterreden. Wir wollen uns wiederum um 8 Uhr hier zu der Fortsetzung dieser Betrachtung einfinden.
