Alte und neue Einweihungsmethoden
Drama und Dichtung im Bewußtseins-Umschwung der Neuzeit
GA 210
24 Februar 1922, Dornach
9. Shakespeare, Goethe und Schiller im Hinblick auf den geistigen Umschwung im 15. Jahrhundert
[ 1 ] Der Einschnitt zwischen dem vierten und fünften nachatlantischen Zeitraum, der in das 15. Jahrhundert hineinfällt und den ich als solchen oft bezeichnet habe, hat wirklich viel mehr in der Entwickelung der Menschheit zu bedeuten, als die äußere Geschichte auch heute noch gewöhnlich verzeichnet. Man ist sich nicht bewußt, welch ein gewaltiger Umschwung sich in aller Seelenverfassung der Menschen damals abgespielt hat. Man kann sagen, in das Bewußtsein gerade der besten Geister sind die Spuren dessen, was sich dazumal für die Menschheit vollzogen hat, tief eingegraben. Sie sind es noch lange gewesen und sind es noch heute. Daß sich so etwas Bedeutsames vollziehen kann, ohne daß es zunächst äußerlich stark bemerkt wird, davon liefert ja die Entstehung des Christentums selbst ein Beispiel.
[ 2 ] Bedenken Sie nur, daß dieses Christentum, das im Laufe von fast zwei Jahrtausenden so umgestaltend auf die zivilisierte Welt gewirkt hat, auch für die bedeutendsten Geister der damals maßgebenden römischen Kultur, nach einem Jahrhundert nach dem Mysterium von Golgatha eigentlich noch nicht berücksichtigt war. Wurde es doch damals angesehen wie ein kleines, unbedeutendes Ereignis drüben, an den Grenzen des Reiches, in Asien. Und man darf sagen, ebensowenig ist das, was um das erste Drittel des 15. Jahrhunderts herum sich abgespielt hat für die zivilisierte Welt, bemerkt worden innerhalb dessen, was man äußerlich-dokumentarisch geschichtlich verzeichnet hat. Aber es hat eben durchaus seine Spuren eingegraben in menschliches Streben, in menschliches Ringen.
[ 3 ] Wir haben bereits einiges davon auch in der letzten Zeit wiederum verzeichnet, zum Beispiel die Art, wie es sich in der Dichtung Calderóns in dem «Magus Cyprianus» abgespielt, wie gerade in Spanien dieser geistige Umschwung in der Menschheit aufgefaßt worden ist. Nun aber können wir sehen, wie an den verschiedensten Stellen der Menschheitsentwickelung, wenn auch die Sache nicht so gesagt wird, wie man sie heute aus der Anthroposophie heraus sagen muß, doch ein energischeres Empfinden dafür vorhanden ist, daß man gewissermaßen innerlich-seelisch sich klarwerden muß über diesen Umschwung, der sich da vollzogen hat. Und auch darauf habe ich schon hingedeutet, wie einer der Versuche, aus menschlichem Ringen heraus sich klarzuwerden über diesen Umschwung, der Goethesche «Faust» ist. Aber über diesen Goetheschen «Faust» wird vielleicht noch mehr Licht verbreitet werden, wenn man ihn in einen größeren Weltenzusammenhang hineinstellt. So wie Faust in der Goetheschen Dichtung als geistige Erscheinung zunächst isoliert vor uns dasteht, können wir ihn etwa in der folgenden Art charakterisieren:
[ 4 ] Goethe kommt zunächst in seinem jugendlichen Streben, das natürlich angeregt ist durch den Geisteszustand Europas, dazu, das menschliche Ringen innerhalb des auftauchenden Intellektualismus dramatisch darzustellen. Aus der Art von Bekanntschaft, die er mit der mittelalterlichen Faust-Gestalt, aus dem Volksschauspiel oder dergleichen gemacht hat, stellt sich ihm eben die Persönlichkeit des Faust als ein Repräsentant jener ringenden Persönlichkeiten vor die Seele, die in jenem Zeitalter lebten. Faust gehört allerdings dem 16. Jahrhundert an, nicht dem 15., aber man kann ja sagen, dieser Umschwung vollzog sich nicht in einem Jahre, auch nicht in einem Jahrhundert, sondern ist über die Jahrhunderte hin verteilt. Also Goethe trat die Faust-Gestalt entgegen wie eine Persönlichkeit, die in diesem ganzen Ringen drinnenlebt, aus einer früheren Zeit heraus in eine spätere Zeit hinein. Und man sieht eigentlich, wie Goethe die besondere Art dieses Ringens vom vierten in den fünften nachatlantischen Zeitraum hinüber ganz klar ist. Wir sehen, wie er seinen Faust zunächst als den Gelehrten auftreten läßt, der alle vier Fakultäten kennt, sie hat auf sich wirken lassen, der also in seine Seele die Impulse aufgenommen hat, die aus dem Intellektualismus, aus der intellektualistischen Wissenschaftlichkeit herauskommen, und der auch das menschlich Unbefriedigende des Stehenbleibens im einseitigen Intellektualismus empfindet. Faust wendet sich von diesem Intellektualismus ab, wie Sie wissen, und wendet sich in seiner Art der Magie zu. Man muß sich nur klarwerden, was das eigentlich heißt in diesem Falle. Was da Faust durchgemacht hat «an Philosophie, Juristerei, Medizin und leider auch Theologie», ist das, was man durchmachen kann an der intellektualisierten Wissenschaftlichkeit. Das läßt einen zunächst unbefriedigt. Es läßt einen unbefriedigt aus dem Grunde, weil jene Form der Abstraktheit, durch die diese Wissenschaftlichkeit spricht, eben nur einen Teil des Menschen, den Kopfteil, in Anspruch nimmt, wenn wir uns des Ausdruckes bedienen wollen, und den ganzen übrigen Menschen eigentlich unberücksichtigt läßt.
[ 5 ] Man braucht nur zu vergleichen, wie anders es war in einer vorhergehenden Zeit. Das wird eben gewöhnlich übersehen, daß es durchaus anders war in einer vorhergehenden Zeit. Da haben sich diejenigen Menschen, die zu der Erkenntnis des Lebens und der Welt vordringen wollten, nicht an die verstandesmäßigen Begriffe gewendet, sondern sie gingen alle darauf aus, hinter den sinnlichen Erscheinungen der Umwelt geistige Wirklichkeiten, geistige Wesenhaftigkeiten zu schauen. Das ist es, was eben so schwer verstanden wird, daß nach Erkenntnis ringende Persönlichkeiten etwa des 10., 11., 12. Jahrhunderts durchaus nicht nach bloßen begrifflichen Zusammenhängen gesucht haben, sondern daß sie nach geistiger, wesenhafter Realität gesucht haben, nach dem, was man schauen konnte hinter den sinnlichen Erscheinungen, nicht nach dem, was man bloß denken kann in den sinnlichen Erscheinungen.
[ 6 ] Aber darauf beruht eben dieser Übergang, daß gewissermaßen das, was man früher gesucht hatte, in die Sphäre des Aberglaubens gerückt wurde, daß man die Neigung verlor, nach solchen wirklichen geistigen Wesenheiten zu suchen und daß man für das einzig Mögliche, das wirklich Wissenschaftliche, die intellektualistischen Zusammenhänge hielt. Aber so sehr man auf der einen Seite sich logisch sagte: Nicht abergläubisch sind einzig und allein solche Begriffe, solche Ideen, die der Verstand an der sinnlichen Wirklichkeit ausprägt —, so wenig konnte sich der ganze Mensch, vor allem das menschliche Gemüt, befriedigen in dem, was es dann zuletzt an diesen Begriffen, an diesen Ideen hatte. Und so findet sich denn der Goethesche Faust in der Lage, eben unbefriedigt zu sein an dem Intellektualistischen und sich zurückzuwenden zu dem, was er noch von der Magie weiß.
[ 7 ] Diese Seelenstimmung war schon eine solche, die durchaus bei Goethe echt und ehrlich war. Auch Goethe hatte sich in den verschiedensten. Wissenschaften umgetan an der Universität in Leipzig. Und ehe er eine gewisse schauende Vertiefung dann in Straßburg bei Herder fand, versuchte er — eigentlich auch in der. Abkehr von dem Intellektualismus, der ihm in Leipzig entgegengetreten war — sich, zum Beispiel im Vereine mit Susanne von Klettenberg und durch das Studium von entsprechenden Werken, umzutun in demjenigen Gebiete, das er dann im «Faust» die Magie nennt. Es war durchaus der Goethesche Weg selber. Erst als Goethe dann bei seinem weiteren Studium in Straßburg Herder fand, stand eben ein Geist vor ihm, der selber dem Intellektualismus abgeneigt war. Herder war durchaus kein intellektueller Mensch — daher sein Anti-Kantianismus —, der dann Goethe in gewisser Weise, ohne die Magie, über dasjenige hinwegführte, was er aus einer wirklich faustischen Stimmung heraus vorher in Anlehnung an die alte Magie sich zu erringen versucht hatte.
[ 8 ] So hat Goethe eigentlich hingesehen auf diesen Faust des 16. Jahrhunderts — man könnte ebensogut sagen: auf den Gelehrten des 15. Jahrhunderts, der aus der Magie herauswächst, aber halb noch darinnensteht — indem er, Goethe, selbst sein tiefstes inneres Ringen darstellen wollte, wie es sich ihm ergab, weil die Spuren des Umschwunges von dem vierten in den fünften nachatlantischen Zeitraum durchaus in ihm noch nachwirkten.
[ 9 ] Es gehört wohl zu dem interessantesten Punkte der neueren Geistesentwickelung, daß Goethe, indem er sein eigenes Jugendringen zum Ausdruck bringen wollte, sich an den Professor des 15., des 16. Jahrhunderts wandte, um in dieser Gestalt sein eigenes inneres Seelenleben und Seelenerfahren dramatisch zu charakterisieren. Man mißversteht natürlich vollständig sowohl das, was in Goethe lebte, wie auch das, was im 15., 16. Jahrhundert als der große Umschwung vorhanden war, wenn man mit Du Bois-Reymond sagt, Goethe habe einen großen Fehler begangen, indem er seinen «Faust» so dargestellt hat, wie er ihn dargestellt hat; er hätte ihn ganz anders machen sollen. Faust hätte allerdings vielleicht unbefriedigt sein müssen von dem, was ihm das Traditionelle hätte geben können. Allein, wenn Goethe imstande gewesen wäre, den Faust ordentlich darzustellen, so würde Faust, nachdem er die ersten Szenen durchgemacht hat, nachher Gretchen ehrlich gemacht, geheiratet haben und ein wohlbestallter Professor geworden sein, der die Elektrisiermaschine und die Luftpumpe erfunden hätte. — Das ist die Anschauung, die Du BoisReymond hat, wie der Faust eigentlich hätte werden sollen.
[ 10 ] Nun, Goethe hat eben den Faust nicht so gemacht, und ich weiß nicht, ob er viel interessanter geworden wäre, wenn er so ausgestaltet zur Welt gekommen wäre, wie Du Bois-Reymond es gewollt hat. Aber jedenfalls, so wie der Goethesche Faust dasteht, ist er eine der interessantesten Erscheinungen der neueren Geistesgeschichte dadurch, daß eben Goethe sich gedrungen fühlte, den Professor des 15. und 16. Jahrhunderts als den Repräsentanten dessen hinzustellen, was in ihm, in Goethe selber, nachzitterte von jenem Umschwung von dem vierten in den fünften nachatlantischen Zeitraum hinüber.
[ 11 ] Wir wissen ja, daß der Faust des 16. Jahrhunderts — der also auch sagenhaft, nicht als der Mann, der die Elektrisiermaschine und die Luftpumpe erfindet, ausgestaltet war —, daß der sich auch der Magie zuwendet, aber’ wirklich zugrunde geht, dem Teufel verfällt, daß dieser Faust des 16. Jahrhunderts, schon von Lessing und auch von Goethe, nicht als der Faust des 18. Jahrhunderts anerkannt werden konnte. Vielmehr mußte gestrebt werden zu zeigen, wie nun, trotzdem wiederum zum Geistigen hingestrebt wird, der Mensch dennoch seinen Weg, wenn man das Wort gebrauchen darf, zur Erlösung hin finden soll. |
[ 12 ] So steht zunächst der Faust da als der Professor des 15., des 16. Jahrhunderts, den Goethe eigentlich wirklich gut zeichnet, denn so sind sie durchaus gewesen an den Universitäten dazumal, solche Persönlichkeiten. Natürlich, der Faust der Sage kommt da gar nicht in Betracht, der Faust der Sage war natürlich niemals dieser Professor, sondern mehr ein herumvagabundierender Zigeuner; aber Goethe zeichnet ja auch nicht diesen Faust der Sage, sondern er charakterisiert eben eine Professorengestalt. Und es ist durchaus so, daß wir sagen können: So wie Goethe seinen Faust charakterisiert hat — in der Tiefe der Seelenempfindungen ist er natürlich eine einzelne Gestalt, eine Ausnahme —, so wie er ihn hineingestellt hat in den geistigen Betrieb, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf: auf der einen Seite sich mit den intellektualistischen Wissenschaften befassend, aber doch nicht unbekannt mit einem gewissen Hinneigen zu Geistigkeiten, die schon zu Goethes Zeiten natürlich durchaus als Aberglaube bezeichnet wurden —, so ist dieser Faust durchaus der Typus eines, sagen wir Philosophieprofessors oder vielleicht auch eines Medizinprofessors des 14., 15. Jahrhunderts.
[ 13 ] Nun können wir aber auch diesen Goetheschen «Faust» mehr in einen größeren Weltenzusammenhang hineinstellen. Goethe selbst führt uns zwar den Famulus Faustens vor, und wir sehen da, welches Verhältnis besteht zwischen dem Professor und seinem Famulus. Wir sehen auch einen Schüler, können aber nicht eigentlich glauben, daß der Schüler nun ganz besonders tiefen Einfluß von seinem Professor Faust erhalten habe, das geht schon aus der Art hervor, wie er sich später entwickelt. Also im Goetheschen «Faust» selber sehen wir eigentlich wenig von der Wirkung des Faust, das heißt des seelenvertieften Professors des 14. und 15. Jahrhunderts, wie er etwa in Wittenberg gelehrt haben könnte. Aber man könnte doch sagen, es gibt einen Schüler dieses Faust, der uns tiefer hineinführen kann in diesen “ ganzen Weltenzusammenhang. Es gibt einen Schüler des Faust, der nun fast mit derselben Bedeutung in der Geistesgeschichte der Menschheit drinnensteht wie der Professor Faust selber — ich meine natürlich immer den Goetheschen Faust. Und dieser Schüler, das ist kein anderer als Hamlet.
[ 14 ] Hamlet kann tatsächlich angesehen werden als ein richtiger Schüler des Faust. Das Historische kommt dabei nicht in Betracht, ich meine immer das, was Goethe hingestellt hat als den Faust. Schon der ganze Fortgang des Faust bezeugt es ja, daß wir es zwar zu tun haben mit der Menschheitsauffassung des 18. Jahrhunderts, daß Goethe aber doch das Bestreben hat, seinen Faust zurückzudatieren. In einer gewissen Beziehung können wir eben durchaus sagen: Hamlet, der in Wittenberg studiert hat, und der sich eine gewisse Geistesverfassung aus diesem Studium mit nach Hause bringt, Hamlet, wie ihn Shakespeare hingestellt hat, ist in einer gewissen Weise anzusehen, allerdings weltgeistesgeschichtlich, als ein Schüler des Faust. In ihm haben wir vielleicht sogar etwas, was wir in viel treuerem Sinne eine Schülerschaft des Faust nennen können als das, was uns in der Goetheschen Dichtung selber als eine solche Schülerschaft des Faust entgegentritt.
[ 15 ] Bedenken Sie einmal den ganzen Charakter des Hamlet und stellen Sie es mit der Tatsache zusammen, daß er in Wittenberg studiert hat, wo er durchaus eine solche Gestalt wie den Faust als Professor gehört haben könnte, und nehmen Sie dann die Art und Weise, wie Hamlet zu seiner Aufgabe kommt: Der Geist seines Vaters erscheint ihm. Also er hat etwas zu tun mit der wirklichen geistigen Welt. Er ist zunächst hineingestellt in die wirkliche geistige Welt. Aber er hat in Wittenberg studiert, er hat in Wittenberg so gut studiert, daß er das menschliche Gehirn für ein Buch ansieht. Erinnern Sie sich an die Phrase des Hamlet, wo von dem Buch des Gehirns die Rede ist. Er hat so gut menschliche Wissenschaft studiert, daß er von dem Buch des Gehirns spricht, daß er sich sogar auf seine Schreibtafel aufschreibt, was er im Gedächtnis behalten will, fast wie wenn er den Spruch der späteren Faust-Dichtung im Auge hätte: «Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen.» Also Hamlet ist auf der einen Seite ein ganz trefflicher Schüler des Intellektualismus, wie er ihm in Wittenberg beigebracht worden ist, aber er steht auf der andern Seite in einem geistigen Zusammenhange darinnen, und beide Impulse wirken in seiner Seele. Und das ganze Hamlet-Drama steht eigentlich unter dem Einflusse dieser beiden Impulse. Hamlet, als Dichtung sowohl wie als Gestalt, steht unter dem Einfluß dieser Impulse, denn im Grunde genommen weiß der Dichter des «Hamlet» auch nicht recht, wie er die geistige Welt und die intellektualistische Seelenverfassung zusammenbringen soll. Dichtungen, die solche ‘wirklich im Leben tief wurzelnden Eigentümlichkeiten haben, die geben dann den Kommentatoren reichlich Gelegenheit zum Streiten. Daher werden über solche Dichtungen viele Bücher geschrieben, aus denen man allerdings nicht recht klug wird, aus dem einfachen Grunde, weil es auch gar nicht nötig ist, darüber klug zu werden. Man kann nämlich immerfort sehen, wie die Kommentatoren als wichtige Probleme behandeln: Sind die Geister im «Hamlet» bloß ein Bild oder haben sie eine objektive Bedeutung? Wie hat man das zu bewerten, daß nur Hamlet den Geist sieht, die andern Personen nicht, die gleichzeitig auf der Bühne sind?
[ 16 ] Denken Sie sich nur, was da alles außerordentlich Geistvolles und Interessantes darüber geschrieben worden ist! Nur trifft man damit selbstverständlich gar nicht das, was für den Dichter des «Hamlet» in Betracht kommt, denn für den kommt gerade in Betracht, daß er, der dem 16. und 17. Jahrhundert angehörte, über dieses Problem notwendigerweise, weil er lebensvoll schreiben mußte, so schreiben mußte, daß man die Art, wie er die Sache auffaßt, gar nicht in abstrakte Begriffe einfassen kann. Man sollte es in solchen Formen, wie es die Kommentatoren machen, lieber bleiben lassen; deshalb bezeichne ich es als unnötig. Denn da handelte es sich gerade um jenen Übergang, der herüberführte von der Zeit her, wo man sich noch klar war: Die geistigen Wesenheiten sind Realitäten wie ein Tisch oder Stuhl oder wie ein Hund oder eine Katze; denn das war so. Und dem Calderón, der noch auf dem alten Standpunkte stand, obwohl er sogar einer etwas späteren Epoche angehört als Shakespeare, Calderón wäre es gar nicht eingefallen, irgendwie auch nur anzudeuten, daß, was er als geistige Wesenheiten vorführt, irgendwie nur einen subjektiven Charakter haben könnte. Der stellt, weil er mit seiner ganzen Seele in der Anschauung drinnensteht, alles Geistige ebenso handfest hin wie Hunde und Katzen.
[ 17 ] Natürlich, bei Shakespeare kommt eben schon in Betracht, daß er mit seiner Seelenverfassung ganz in der Übergangszeit drinnensteht und daher sich gar nicht gedrungen fühlen kann, diese Frage als Dichter anders zu behandeln, als: Es kann so sein, und es kann so sein. — Die Grenze ist gar nicht so ganz sicher zwischen dem, ob nun die Geister subjektiv oder objektiv sind. Das ist ja ohnedies eine Frage, die für eine höhere Weltanschauung ebenso aufhört wie die deutlichen, für das Leben — nicht für die Astronomie — zu bestimmenden Grenzen zwischen Tag und Nacht. Diese Frage, ob das eine subjektiv, das andere objektiv ist, die hört dann auf, wenn man die Objektivität der menschlichen Innenwelt erkennt und die Subjektivität der Außenwelt. Aber gerade in diesem lebensvollen Verschweben hält Shakespeare das, was er im «Hamlet» und auch, sagen wir zum Beispiel in «Macbeth» darstellt. Wir sehen, daß also die Dichtungen — Shakespeares durchaus herausgeholt sind aus dem Übergang von dem vierten in den fünften nachatlantischen Zeitraum.
[ 18 ] Im «Hamlet» kommt das allerdings am bedeutendsten zum Ausdrucke. Hamlet hat vielleicht gerade in Wittenberg, wenn ich mich jetzt etwas, sagen wir unhistorisch, aber deshalb vielleicht nicht weniger wahr ausdrücken darf, diejenigen Semester studiert, wo Faust-Sie wissen jetzt, nach den Voraussetzungen, was ich damit meine — weniger über Magie und mehr über intellektualistische Wissenschaften gelesen hat. Also er ist vielleicht in Wittenberg gewesen, bevor Faust selber zu dem Geständnisse gekommen ist, daß er zehn Jahre kreuz und quer und grad und krumm seine Schüler an der Nase herumgeführt hat. Hamlet gehört vielleicht gerade zu denjenigen, die an der Nase herumgeführt worden sind; also sein Studium fällt vielleicht gerade in diese zehn Jahre hinein. Und nun, als er wiederum zurückkommt und das Ganze aufgenommen hat aus einer Seele heraus, die selber unsicher war denn man kann sich natürlich ganz klar sein darüber, daß Faust unsicher war in den zehn Jahren, wo er seine Schüler kreuz und quer und grad und krumm an der Nase herumgeführt hat —, nun steht er auf der einen Seite der Erfahrung der geistigen Welt gegenüber, demjenigen also, was geblieben ist aus der früheren Zeit und was für ihn noch vorhanden ist, und auf der andern Seite steht er jener menschlichen Anschauung gegenüber, die einfach das Geistige vertreibt. Denn gerade so, wie die Geister vor dem Lichte fliehen, so flieht die Anschauung der Geister vor dem Intellektualismus. Die geistige Anschauung kann den Intellektualismus nicht vertragen, und dann kommt die Seelenstimmung heraus, von der man etwa sagen kann: Der Mensch wird innerlich ganz herausgerissen aus dem geistigen Zusammenhang. Er wird von des Gedankens Blässe innerlich angekränkelt. Dann kommt eben eine solche Stimmung zustande, wie sie eigentlich als Seelenstimmung den ganzen Zeitraum charakterisiert vom 11. bis zum 15. Jahrhundert und in die folgenden Jahrhunderte noch hinein. Und Goethe, weil er für alles empfänglich war, ragte in diesen Zeitraum auch mit seiner Seelenverfassung noch hinein. Darüber muß man sich nur klar sein.
[ 19 ] Man nehme einmal das griechische Drama. Dieses griechische Drama ist ja gar nicht denkbar ohne die dahinterstehenden geistigen Mächte. Die bestimmen die Menschenschicksale. Der Mensch ist eingesponnen in das, was als Schicksale die geistigen Mächte flechten. Da wird das, was der Mensch eigentlich nur erleben könnte, wenn er die Schlafzustände bewußt erlebte, in das gewöhnliche Leben hereingetragen. Da wird hereingetragen in das gewöhnliche Leben, wie in den Willen das hereinkommt, was im Willen auch beim Tagwachen verschlafen wird. Das griechische Schicksal ist ein Hinblicken auf das, was sonst verschlafen wird. Der Grieche ist sich bewußt, daß, wenn er seinen Willen entfaltet, wenn er übergeht in die Handlung, daß dann nicht nur das Tagwachen wirkt mit den blassen Gedanken, sondern daß da, weil der ganze Mensch wirkt, auch das wirkt, was im Menschen pulsiert, wenn der Mensch schläft. Aus einer solchen Empfindung geht dann auch eine ganz bestimmte Stellung zu der Frage des Todes, zu der Frage der Unsterblichkeit hervor.
[ 20 ] Nun kommt der Zeitraum, der von mir eben bezeichnet worden ist, in dem der Mensch kein Bewußtsein mehr davon hat, daß in ihn während des Schlafes ein Geistiges hereinwirkt, das auch in den Willen hereinspielt. Es kommt der Zeitraum, wo der Mensch den Schlaf als das Seine, könnte man sagen, hinnimmt, wo er aber doch durch alte Tradition ein Bewußtsein davon hat: man hängt mit der geistigen Welt zusammen. Schon dämmern herauf die ganz abstrakten Begriffe: «Philosophie, Juristerei, Medizin und leider auch Theologie» in der modernen Gestalt. Das dämmert herauf, aber es spielt noch das frühere Anschauen herein. Das bewirkt einen Dämmerzustand. In diesem Dämmerzustand hat man allerdings gelebt, und im Grunde genommen sind solche Gestalten wie der Faust herausgeboren aus einem Dämmerzustande, aus einem Hineinblicken in die geistige Welt, das wie ein Um-sich-Blicken im Traume ist. Und man bedenke die Stimmung, die da steht hinter solchen Worten wie «Schlaf», «Traum» im «Hamlet». Man möchte sagen, indem Hamlet seine Monologe spricht, spricht er einfach auf empfindungsgemäße, natürlich nicht auf theoretische, sondern auf empfindungsgemäße Weise die Rätsel seines Zeitalters aus.
[ 21 ] Und so sehen wir, wie über die Jahrhunderte hinweg, aber im Zusammenhang der Geister, Shakespeare den Schüler darstellt, Goethe den Professor, aus dem einfachen Grunde, weil natürlich einige Jahrhunderte verflossen waren und man in der Goethe-Zeit mehr nach dem Quell zurückgehen mußte dessen, um was es sich da handelte. Aber wir werden da in einen Zusammenhang hineingeführt, der uns wirklich zeigt, wie im Bewußtsein der Menschen etwas lebt von der Art etwa, daß sich solche hervorragende Geister sagen: Ich muß zum Ausdrucke bringen, was da eigentlich als ein Übergangszustand in der Menschheitsentwickelung vorhanden ist.
[ 22 ] Nun ist das außerordentlich Interessante, diese Weltstellung, möchte ich sagen, weiter auszudehnen, weil ja eine Unsumme von ganz umfassenden Fragen und Lebens- und Weltenrätseln auftauchen. Es ist interessant, zum Beispiel zu sehen, wie man unter den Shakespeareschen Werken «Hamlet» als die reinste Darstellung einer Persönlichkeit hat, die den ganzen Dämmerzustand des Übergangs, namentlich in den Monologen, zum Ausdruck bringt. Man möchte sagen, wenn man den Hamlet verstanden hat vom 17. bis zum 18. Jahrhundert, dann hätte man fragen können: Ja, wo ist denn in der Seele des Hamlet das angeregt worden? — Man ist hingewiesen nach Wittenberg. Man ist hingewiesen nach der Faust-Quelle. Zu ganz ähnlichen Fragen kommt man dann, wenn man «Macbeth» betrachtet; aber schon ist es hereingezogen in das Menschliche, wenn man «Lear» betrachtet. Da wird die Frage nicht mehr so nahe herangerückt an das Erdgebiet nach dem Geistigen hin, darückt sie in den Menschen hinein, wird zum subjektiven Zustand, aber auch dafür zum Wahnsinn.
[ 23 ] Und dann könnte man die andern Shakespeareschen Dramen in Betracht ziehen und könnte sagen: Was der Dichter dieser Dramen hat lernen können an den Gestalten, wo er das Menschliche bis an das Geistige heranführt, das lebt dann fort in den Königsdramen, ohne daß er da noch dasselbe Thema in derselben Weise weiterverfolgt; aber die unbestimmten Kräfte wirken weiter. Nur daß man, wenn man nun die Shakespeareschen Dramen als Ganzes weiterverfolgt, eigentlich immer das Gefühl hat: sie gipfeln in dem Zeitalter der Königin Elisabeth. Shakespeare hat darstellen wollen, was aus unterbewußten, brodelnden Völkerkräften heraus zu der intellektualistischen Klarheit führt, die, seit dem Zeitalter der Elisabeth, von diesem Winkel der zivilisierten Welt ganz besonders ausgeht. Von diesem Gesichtspunkte aus erscheint die ganze Shakespearesche Dramenwelt wie eine Art, ich will nicht sagen Lustspiel, das befriedigend ausgeht, aber wenigstens wie ein Drama, das einen gewissen befriedigenden Schluß hat. Das heißt, er führt zu einer Welt, die sich dann weiterentwickelt, die dann, nachdem der Umschwung eine Zeitlang da war — Shakespeare führt ja seine Dramenwelt bis in seine eigene Gegenwart —, die Anschauung der unmittelbaren Gegenwart zurückläßt, die eben weiter geht als eine Welt, mit der man sich abfindet. Das ist ja das Merkwürdige, daß die Shakespearesche Dramenwelt bis zu der Shakespeareschen Gegenwart führt, mit der man sich dann abfindet, weil von da aus die Geschichte mit einem befriedigenden Verlauf, in den Intellektualismus verlaufend, eben weitergeht. Der Intellektualismus geht von jenem Winkel aus, von dem Shakespeare gedichtet hat, was er dargestellt hat, indem er es zu diesem Ende geführt hat.
[ 24 ] Die Fragen, die ich meine, die gehen einem dann auf, wenn man die Linien verfolgt herüber von dem Schüler Hamlet bis zu dem Professor Faust und nun fragt, wie es denn mit Goethe gestanden hat in der Zeit, in der er aus seinem Ringen heraus zu der Faust-Gestalt gekommen ist. Ja, sehen Sie, da hat Goethe auch den «Götz von Berlichingen» gedichtet. Im «Götz von Berlichingen», wiederum aus Volkstümlichem heraus, stehen einander gegenüber einerseits durchaus alte Mächte aus der vorintellektualistischen Zeit, das alte deutsche Kaisertum, das ja durchaus nicht verglichen werden darf mit dem, was später deutsches Kaisertum geworden ist, die Ritter, die Bauern, dasjenige also, was aus einer vorintellektualistischen Zeit durchaus nicht von des Gedankens Blässe angekränkelt ist — was sich nicht nur so wenig auf den Kopf beschränkt, daß es auch die Hände braucht, sondern sogar eine eiserne Hand gebraucht. Es wird zurückgegangen zu etwas, was einmal gelebt hat in der neueren Zivilisation, was aber gewissermaßen seinem ganzen Wesen nach noch im vierten nachatlantischen Zeitraum wurzelt. Und dem steht andererseits gegenüber, etwa in der Gestalt Weislingens, nun das andere, was dann heraufkommt: Die intellektualistische Zeit, die innig zusammenhängt mit dem deutschen Fürstentum, das dann die späteren Zustände in Mitteleuropa bis zu der heutigen Katastrophe herbeigeführt hart.
[ 25 ] Man sieht, wie Goethe im «Götz von Berlichingen» eigentlich anstürmt gegen dieses Fürstentum, wie er zurückschaut auf die Zeiten, in denen der Intellektualismus noch nicht da war, wie er Partei nimmt für das Alte, wie er sich auflehnt gegen das, was gerade in Mitteleuropa an die Stelle dieses Alten getreten ist. Man möchte sagen: Es ist so, wie wenn Goethe im «Götz von Berlichingen» sagen wollte, der Intellektualismus hat auch Mitteleuropa ergriffen. Aber hier erscheint er nicht als etwas, was nichts Berechtigtes hat. Goethe wäre es gar nicht eingefallen, Shakespeare zu negieren. Wir wissen, wie Goethe sich zu Shakespeare im positiven Sinne verhalten hat. Ihm wäre es nicht eingefallen, etwa Shakespeare deshalb zu tadeln, weil er zuletzt zu einem Ende geführt hat, das bleiben konnte. Im Gegenteil, das war Goethe außerordentlich sympathisch.
[ 26 ] Aber wiederum: Die Art und Weise, wie dann der Intellektualismus sich gerade in Goethes Umgebung ausgebildet hat, veranlaßt Goethe dazu, daß er dieses Bestehende, Daseiende eigentlich als etwas Unberechtigtes hinstellt, daß er da seinerseits das, was in der Französischen Revolution als das Politische zum Ausdrucke gekommen ist, geistig anfaßte. Goethe ist in «Götz von Berlichingen» der geistige Revolutionär, der das Geistige negiert, so wie die Französische Revolution das Politische negiert hat. Aber nun wendet sich Goethe in einem gewissen Sinne zurück zu dem, was da war, das er ja gewiß nicht in der alten Gestalt wiederum erneuert wünschen kann. Aber er will, daß es eine andere Entwickelung nehme. Es ist außerordentlich interessant, diese Stimmung in Goethe zu beachten, wie er wirklich sich auflehnt gegen das, was sich an die Stelle der «Götz»-Welt gesetzt hat.
[ 27 ] So ist es außerordentlich interessant, daß Shakespeare so tief erfaßt worden ist von Lessing, von Goethe, daß sie geradezu in Anlehnung an Shakespeare gesucht haben, was sie aus ihrer geistig-revolutionären Stimmung heraus finden wollten, während da, wo sich der Intellektualismus ganz besonders tief eingegraben hat aus den Vorbedingungen heraus, zum Beispiel bei Voltaire, dieser Intellektualismus auf Shakespeare in der wüstesten Weise losschlägt. Voltaire hat bekanntlich Shakespeare einen besoffenen Wilden genannt, Diese Dinge müssen alle durchaus berücksichtigt werden.
[ 28 ] Nun, stellen Sie, um die große Frage zu verstehen, die da auftaucht und die insbesondere zur Charakteristik vom Umschwung des vierten zum fünften nachatlantischen Zeitraume von so großer Bedeutung ist, stellen Sie zu dem etwas anderes hinzu. Stellen Sie hinzu, wie eigentümlich nun Schiller eingegriffen hat in diese geistige Revolution, die bei Goethe auf Goethesche Art im «Götz von Berlichingen» zum Ausdrucke kommt. Schiller hat zunächst im engst umrissenen Kreise das kennengelernt, wogegen er sich aufzulehnen hatte, als aus dem einseitigsten, krankhaftesten Intellektualismus herauskommend. Da es dazumal noch keine Waldorfschule gab, die sich auch gegen den einseitigen Intellektualismus auflehnt und Schiller nicht in Württemberg auf die Waldorfschule geschickt werden konnte, wurde er auf die Karlsschule geschickt. Und alles, was Schiller nun in seiner Jugend als Protest entwickelt, ist im Grunde genommen aus dem Protest gegen die Pädagogik der Karlsschule geboren. Es hat im Grunde genommen ein wirkliches produktives Arbeiten gegen diese Pädagogik, die heute die Weltpädagogik ist — trotzdem Schiller seine «Räuber» dagegen geschrieben hat —, es hat ein wirkliches positives Arbeiten dagegen nicht gegeben, bis zu der Begründung der Waldorfschule.
[ 29 ] Nun, wie stellt sich Schiller, der ja später an die Seite Goethes gestellt war, in diese ganze Umgebung hinein? Er dichtet seine «Räuber». In Spiegelberg und in den andern Gestalten erkennen wir ganz deutlich, wenn wir nur solche Dinge zu beurteilen wissen, daß er seine Mitschüler gezeichnet hat. Karl Moor konnte er natürlich nicht gerade aus seinen Mitschülern heraus gewinnen, aber er schilderte in . Karl Moor den Mitschüler so, daß er eigentlich all das, was nun aus der genialen Erfassung der neueren Zeit herauskommt, in ahrimanischer Gestalt in Karl Moor hinstellte*. Und wer diese Dinge zu beurteilen vermag, der sieht überall, wie Schiller zwar nun nicht mehr geistige Wesenheiten äußerlich darstellt, wie sie noch im «Hamlet», in «Macbeth» auftreten, sondern wie Schiller das ahrimanische Prinzip in Karl Moor wirksam sein läßt. Und dem steht gegenüber das luziferische Prinzip in Franz Moor. Und in Franz Moor sehen wir einfach einen Repräsentanten dessen, wogegen Schiller sich nun auflehnte. Wiederum ist es dieselbe Welt, gegen die Goethe sich im «Götz von Berlichingen» auflehnt, nur tut Schiller es auf eine andere Weise. Das lehrt ja später «Kabale und Liebe».
[ 30 ] So sehen wir, daß hier, in Mitteleuropa, diese Geister, Goethe und Schiller, nicht so zeichnen wie Shakespeare. Sie lassen die Geschehnisse nicht einlaufen in etwas, was dann bleiben kann, sondern sie stellen etwas dar, was da war, aber nach ihrer Ansicht eine ganz andere Entwickelung hätte nehmen sollen. Also das, was sie eigentlich wollen, ist nicht da, und das, was auf dem physischen Plane da ist, gegen das lehnen sie sich zunächst in einer geistigen Revolution auf. So daß wir hier ein merkwürdiges Ineinanderspielen haben von dem, was auf dem physischen Plane da ist, und dem, was in diesen Geistern lebt.
[ 31 ] Wenn ich das in einem etwas gewagten Bilde graphisch darstellen sollte, was da eigentlich ist, so möchte ich es so zeichnen: Wir haben bei Shakespeare das Bild so, daß die Geschehnisse durchaus erdenmäßig weiterlaufen (siehe Zeichnung, blau), daß das, was er aus der früheren Zeit, in der noch das Geistige gewirkt hat, heraufnimmt, [daß das] weiterwirkt (rot), und daß es überläuft in eine Gegenwart, die dann eben die Tatsache des weltgeschichtlichen Verlaufs bildet.
[ 32 ] Wir gewahren dann, wenn wir bei Goethe und bei Schiller nehmen, was sie an Ahnungen einer alten Zeit haben [siehe Zeichnung S. 162] (rot), einer Zeit, wo noch die geistige Welt mächtig war, im vierten nachatlantischen Zeitraum, daß sie das heraufführen bloß in ihren Intentionen, in ihre Geistigkeit, während sie das, was sich auf der Erde abspielt (blau), im Kampfe damit auffassen. Ich möchte sagen, da haben wir das eine in das andere hineinspielend auf dem Umwege durch den menschlichen Geisteskampf. Und das ist durchaus der Grund, warum hier dann in Mitteleuropa der Übergang gefunden wurde zu dem reinen Menschheitsproblem. So daß — und das werde ich noch weiter ausführen können in den folgenden Betrachtungen tatsächlich in der besonderen Auffassung des Menschen als eines Wesens, das im sozialen Zusammenhange drinnensteht, durch die Goethe-Schiller-Zeit ein mächtiger Umschwung geschieht.
[ 33 ] Sehen wir jetzt nach dem Osten hinüber, nach dem Osten Europas. Ja, in derselben Weise können Sie überhaupt nicht nach dem Osten hinüberschauen. Wer bloß die äußeren Tatsachen schildert und kein Verständnis hat für das, was in den Seelen Goethes, Schillers und natürlich vieler anderer lebte, der wird zwar die äußeren Tatsachen schildern, aber nicht das, was da hineinspielt aus einer geistigen Welt, die immerhin vorhanden ist, die aber nur in den Köpfen der Menschen vorhanden ist. In Frankreich wird revolutionär auf dem politischen Boden, auf dem physischen Plane der Kampf vollzogen. In Deutschland geht er nicht bis zu dem physischen Plane herunter, aber durch die Menschenseelen geht er noch hindurch, in den Menschenseelen zittert er. Aber diese ganze Betrachtung läßt sich nicht ausdehnen nach dem Osten, denn im Osten ist die Sache anders. Da kommt man nämlich, wenn man das nun weiterverfolgen will, erst mit der Anthroposophie der Sache nahe, denn da ist, was in den Seelen Goethes und Schillers, also immerhin schon auf der Erde, wenn auch durch Erdenseelen wirbelt, das ist noch erst in der höheren Welt vorhanden, und es kommt überhaupt nicht unten auf der Erde zum Ausdrucke.
[ 34 ] Wenn Sie das, was sich zwischen Goethes und Schillers Geist in der physischen Welt abspielt, nach Rußland hinüber verfolgen wollen, dann müssen Sie schon etwa so schildern, wie man die Schlachten schilderte in der Attila-Zeit, wo sich etwas über den Köpfen der Menschen in den Lufträumen oben abspielte, wo die Geister miteinander ihre Schlachten ausführten.
[ 35 ] Was Sie in Mitteleuropa ausgeführt finden durch Goethe und Schiller — bei Schiller, indem er die «Räuber», bei Goethe, indem er den «Götz von Berlichingen» schreibt —, das finden Sie im Osten noch als geistige Tatsache, über dem physischen Plan in der geistigen Welt sich abspielend. Wollen Sie da die Paralleltaten für das Schreiben der «Räuber», des «Götz» suchen, dann müssen Sie es bei den Geistern in der übersinnlichen Welt suchen; Sie können sie nicht auf dem physischen Plane suchen. So daß man für diesen Osten es dann so darstellen könnte: Wie Wolken, über dem physischen Plane sich abspielend, haben wir das, was die Sache erst verständlich macht, und unten, ganz unberührt davon das, was verzeichnet werden kann äußerlich auf dem physischen Plane.
[ 36 ] Und man kann sagen: Man weiß also, wie sich ein westlicher Mensch, der ein Schüler des Faust geworden war, verhalten hat, verhalten konnte, denn man hat den Hamlet. Den russischen Faust könnte man nicht haben. Oder doch — ? Ja, vor dem geistigen Blick könnte man ihn haben, wenn man sich vorstellen würde: Während Faust in Wittenberg lehrt und Hamlet ihm zuhört, der sich ja alles aufschreibt — selbst das, was ihm der Geist sagt und daß es Schurken gibt in Dänemark und so weiter, also alles das, was das Buch des Gehirns braucht —, da würde auch eine Engelwesenheit ihm zuhören. — Ich meine immer den Goetheschen Faust, keine historischen Tatsachen, aber das, was wahrer als die Geschichtsdarstellung ist. Man bedenke, was Shakespeare aus der Gestalt gemacht hat, die er dem Saxo Grammatikus entnommen hat, wo die Sache ganz anders ist, wo auch kein Anhaltspunkt dafür ist, wie Shakespeare wirklich den Schüler des Faust gestaltet hat. — Also: Während Hamlet auf der Schulbank gesessen hat, Faust auf dem Katheder gestanden hat, hätte hinten ein Engel zugehört und wäre dann nach Osten geflogen. Dort hätte dieser Engel dann seinerseits dasjenige entwickelt, was sich parallel den Taten des Hamlet im Westen hätte abspielen können. Ich glaube nicht, daß man zu einem wirklich eindringenden Verständnis kommt, wenn man bloß die äußeren Tatsachen beachtet und nicht die tiefgehenden Eindrücke, die diese äußeren Tatsachen gerade auf die bedeutendsten Persönlichkeiten der Zeit gemacht haben, namentlich wenn es sich um etwas so Einschneidendes handelt wie den Umschwung vom vierten in den fünften nachatlantischen Zeitraum. Morgen wollen wir dann davon reden.
