Alte und neue Einweihungsmethoden
Drama und Dichtung im Bewußtseins-Umschwung der Neuzeit
GA 210
19 Februar 1922, Dornach
8. Die Angliederung des Menschen an den Kosmos
[ 1 ] Wir haben in diesen Betrachtungen noch einmal darauf hingewiesen, wie in dem letzten Kulturzeitraum, den wir in der Menschheitsentwickelung zu verzeichnen haben — in dem fünften nachatlantischen Zeitraum — die hauptsächlichste Kraft, von der das menschliche Seelenleben beherrscht ist, die intellektuelle Kraft ist, die Verstandeskraft, die in Gedanken lebt. Und wir haben nun hinzufügen müssen, daß die Kraft der Gedanken eigentlich darstellt den Leichnam des geistig-seelischen Lebens, wie es vor der Geburt war. Immer stärker und stärker emanzipierte sich in gewissem Sinne diese Gedankenkraft von den andern Kräften der Menschenwesenheit in der neueren Zeit, und das wurde stark gefühlt von denjenigen Geistern, welche zu einem vollen Verständnisse des christlichen Impulses kommen wollten.
[ 2 ] Das habe ich gestern versucht darzustellen an dem Beispiel des Calderónschen Cyprianus. Wir haben da das Ringen auf der einen Seite aus den alten Vorstellungen einer durchseelten Natur heraus, aber zu gleicher Zeit ein starkes Gefühl von der Ohnmacht, in die der Mensch eigentlich hineinkommt, wenn er sich von der alten Anschauung entfernt und nun gezwungen ist, bei bloßen Gedanken seine Zuflucht zu suchen. Gerade bei Cyprianus sehen wir, wie er, um sich Justinas zu bemächtigen — deren Bedeutung ich gestern versuchte darzulegen —, bei dem Satan seine Zuflucht sucht, wie er aber gerade infolge des hauptsächlichsten neueren Seelenprinzips von diesem Satan nur das Phantom der Justina bekommen kann.
[ 3 ] Alle diese Dinge weisen eben stark darauf hin, wie das Gefühl der nach dem Geistigen strebenden Menschen in diesem neuesten Zeitraum der Menschheitsentwickelung war, wie sie das Tote des bloßen Gedankenlebens fühlten, und wie sie zu gleicher Zeit fühlten, daß in die Lebendigkeit der Christus-Auffassung nicht hineinzukommen sei mit diesem bloßen Gedankenleben. Nun habe ich schon gestern darauf hingedeutet, daß gewissermaßen eine weitere Phase desselben Problems, das uns bei dem Calderónschen Cyprianus entgegentritt, dann im Goetheschen «Faust» vor uns steht. In Goethe hat man ja eine menschliche Persönlichkeit zu sehen, welche hineingestellt ist in das Zivilisationsleben des 18. Jahrhunderts — das im Grunde genommen viel internationaler war als alles spätere Zivilisationsleben — und welche stark, wirklich recht stark das Intellektualistische, das Verstandesmäßige empfindet. Man kann schon sagen: Goethe hat sich in seiner Jugend in den verschiedensten Wissenschaften so herumgerrieben, wie er das an seinem Faust darstellt. Denn Goethe suchte eben nicht das in dem Leben, das sich ihm als Intellektualistisches darbot, was aus einer gewissen menschlichen Gewohnheit heraus die meisten suchen, sondern er suchte eine wirkliche Verbindung mit derjenigen Welt, welcher der Mensch mit seiner ewigen Natur angehört. Man kann sagen, Goethe suchte wirkliche Erkenntnis. Diese konnte er durch die einzelnen Wissenschaften, die sich ihm darboten, eben nicht finden. Goethe kam vielleicht zunächst auf eine äußerliche Weise an die Faust-Gestalt heran. Aber jedenfalls hat er durch seine besondere Veranlagung in dieser Faust-Gestalt dasjenige gefühlt, was diesen ringenden Menschen darstellt, von dem wir gestern gesprochen haben. Und er identifizierte sich in einem gewissen Sinne mit diesem ringenden Menschen.
[ 4 ] Goethes Arbeit am «Faust» erscheint einem in drei Etappen. Die erste Etappe führt zurück in eine frühe Jugendzeit Goethes, in der er eben ganz empfunden hat das Unbefriedigende seiner Universitätsstudien, aus denen er heraus wollte zu einer wirklichen Verbindung der Seele mit dem vollen geistigen Leben. Da stellte er die FaustGestalt, die ihm entgegengetreten war aus dem «Puppenspiel», aus dem heraus man noch sehr wohl den ringenden Menschen erkennen kann, eben als den strebenden Menschen dar, der heraus will aus dem bloßen Verstandesmäßigen zu einem vollmenschlichen Erfassen des kosmischen Ursprungs des Menschen. Und so steht denn in der ersten Gestalt, die Goethe seinem «Faust» gegeben hat, Faust neben den andern einzelnen Figuren einfach als der strebende Mensch da. Dann ging Goethe durch diejenigen Entwickelungsstadien seines Lebens hindurch, die er zunächst durchgemacht hat, indem er sich in die noch im Süden vorhandene Kunst vertiefte, in der er gewissermaßen eine höhere Ausgestaltung des Wesens der Natur sah. Goethe suchte fortschreitend den Geist innerhalb der Natur. Er konnte ihn in dem Geistesleben nicht finden, das sich ihm zunächst dargeboten hatte. Eine tiefe Sehnsucht führte ihn zu dem, was er als die Reste der griechischen Kunst im Süden ansah. Da glaubte er in der Art und Weise, wie aus der griechischen Weltanschauung heraus die Naturgeheimnisse in den künstlerischen Gestaltungen verfolgt worden sind, die Geistigkeit der Natur zu erkennen.
[ 5 ] Dann, möchte ich sagen, machte das Ganze, was er da in Italien absolviert hatte, in seiner eigenen Seele eine Verwandlung durch. Wir sehen diese Verwandlung sich ausleben in der intimen Gestaltung, die er dem «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» gegeben hat, wo er aus gewissen traditionellen Begriffen über Schönheit, über Weisheit, über Tugend und Kraft seinen Tempel formte mit den vier Königen.
[ 6 ] Wir sehen, wie dann aus dieser Vorstellungswelt heraus, angeeifert durch Schiller, Goethe am Ende des 18. Jahrhunderts zurückkehrt zu seinem «Faust». Und dieses zweite Stadium seiner «Faust»-Arbeit drückt sich ja insbesondere dadurch aus, daß er den «Prolog im Himmel» hingestellt hat, jene wunderschöne Dichtung, die mit den Worten beginnt: «Die Sonne tönt nach alter Weise in Brudersphären Wettgesang.» Da steht dann, so wie Goethe jetzt die Faust-Dichtung umfassen will, Faust nicht mehr als eine einzelne Person da, die es nur mit sich selber zu tun hat; da steht gewissermaßen der Kosmos mit den auf- und absteigenden Weltenkräften, und hineingestellt in diesen Kosmos der Mensch, um den die guten und die bösen Mächte ringen. Da ist Faust in den ganzen Kosmos hineingestellt. Goethe hat gewissermaßen das Problem, das für ihn zunächst bloß ein Menschheitsproblem war, zum Weltenproblem ausgedehnt.
[ 7 ] Und eine dritte Phase tritt dann ein, als Goethe in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts daran geht, den «Faust» zu vollenden. Da sind wieder ganz andere Gedankenformen in seiner Seele vorhanden als am Ende des 18. Jahrhunderts, da er den «Prolog im Himmel» dichtete und alte Naturvorstellungen, vergeistigte Naturvorstellungen damals zu Hilfe genommen hatte, um das Faust-Problem zu einem kosmischen Problem zu machen. In den zwanziger Jahren, als er am zweiten Teile «Faust» zu Ende arbeitet, da will Goethe dann wiederum aus der menschlichen Seele heraus alles gewinnen, gewissermaßen wiederum das Seelenwesen zum Allwesen erweitern.
[ 8 ] Wir sehen, wie er dramatisch — selbstverständlich kann er das nur in äußeren Gestaltungen machen —, wie er aber innere Wege der Seele darstellt in der klassischen Walpurgisnacht, in dem Wieder-Auflebenlassen der Helena-Szene, die allerdings schon früher, aber nur als Episode, entstanden war, und wie er dann das innere Erleben, das zu gleicher Zeit ein kosmisches Erleben in der Seele ist, wenn dieses Erleben geistig wird, wie er das in dem großen Schlußtableau des «Faust» zu Ende zu führen versucht. Da mündet «Faust» allerdings ein in das christliche Element. Allein, ich habe schon gestern gesagt, dieses christliche Element entwickelt sich ja nicht aus der Seele des Faust heraus, sondern es ist gewissermaßen angeleimt. Goethe hat sich in die Form des katholischen Kultus vertieft und leimt dieses christianisierende Element an den «Faust» an, so daß zwischen dem Ringen des Faust und diesem Einmünden in das durchchristete Weltentableau doch nur ein äußerer Zusammenhang ist. Selbstverständlich setzt das den «Faust» nicht herunter, aber es ist doch so, daß man sagen muß: Goethe, der im tiefsten Sinne des Wortes gerungen hat, darzustellen, wie im irdischen Leben selber die Geistigkeit gefunden werden sollte, ihm ist es eigentlich nicht gelungen, dieses Finden der Geistigkeit im irdischen Leben irgendwie darzustellen. Er hätte dazu kommen müssen, das Mysterium von Golgatha in seinem Vollsinne zu begreifen, zu begreifen, wie wirklich aus kosmischen Weiten heruntergestiegen ist die Christus-Wesenheit in den Jesus von Nazareth, sich verbunden hat mit der Erde, so daß, wenn man seither den Erdgeist sucht, der im Tatensturm auf und ab wallt, eigentlich der Christus-Impuls im Erdenweben gefunden werden müßte.
[ 9 ] Man möchte sagen, daß Goethe niemals den Erdengeist, der im Tatensturm, im Zeitenweben auf und ab wallt, in Zusammenhang bringen konnte mit dem Christus-Impuls. Das ist in gewissem Sinne etwas, was wir als eine Art Iragik empfinden, die aber selbstverständlich dadurch gegeben ist, daß in jener Zeit menschlicher Entwickelung, in der Goethe stand, eben durchaus noch nicht die Bedingungen da waren, um das Mysterium von Golgatha in seinem Vollsinne zu empfinden. Und dieses Mysterium von Golgatha kann eigentlich in seinem Vollsinne nur empfunden werden, wenn die Menschen das, was sie im fünften nachatlantischen Zeitraum als die toten Gedanken haben, wiederum zu beleben verstehen. Heute spricht noch sehr viel Vorurteil und Vorempfindung und auch Vorwille gegen das Lebendigmachen der Gedankenwelt. Aber die Menschheit muß dieses Problem lösen: Die Gedankenwelt, die, wenn der Mensch konzipiert beziehungsweise geboren wird, als der Leichnam des Geistig-Seelischen in die menschliche Natur eintritt, diese Gedankenwelt wiederum zu beleben, diesen Leichnam der Gedanken, der Vorstellungen, zu einem Lebendigen zu machen. Das kann aber nur geschehen, wenn die Gedanken umgewandelt werden zunächst in Imaginationen, und wenn dann die Imaginationen zu Inspirationen und Intuitionen erhöht werden. Denn was gebraucht wird, ist volle Menschenerkenntnis. Nicht eher wird das, was ich gestern vor Sie hinstellte, in seinem Vollsinne begriffen werden: daß die Welt, wie sie um uns herum ist, eine große Frage, und der Mensch selbst die Antwort ist, was im tiefsten Sinne eben mit dem Mysterium von Golgatha hat gegeben werden sollen. Nicht eher wird das begriffen werden, als bis der Mensch wiederum begriffen werden kann.
[ 10 ] Setzen wir noch einmal rein schematisch diesen dreigliedrigen Menschen vor uns hin: Den Kopfmenschen oder Nerven-Sinnesmenschen in dem gestern wiederum besprochenen Sinne; den rhythmischen Menschen, den Brustmenschen und den Stoffwechsel-Gliedmaßenmenschen.
[ 11 ] Indem man heute den Menschen betrachtet, nimmt man ihn so, wie er einem als äußerliche Gestaltung entgegentritt. Wer heute im Seziersaal den Menschen auf den Seziertisch legt, der hat nicht ein tiefes Gefühl davon, indem er zum Beispiel den Kopf des Menschen untersucht, daß er etwas ganz anderes vor sich hat als wenn er, sagen wir einen Finger untersucht. Der Muskel des Fingers wird in derselben Weise beurteilt wie der Muskel des Kopfes. Aber man muß wissen, daß der Kopf des Menschen im wesentlichen eine metamorphosische Umgestaltung des Gliedmaßen-Stoffwechselorganismus von der vorigen Inkarnation ist, daß der Kopf also in bezug auf seine Entwickelung etwas ganz anderes ist als der heutige Gliedmaßenmensch.
[ 12 ] Nun, wenn man sich einmal durchgerungen hat zu einer inneren Anschauung des dreigliedrigen Menschen, dann wird man auch wiederum zu einer Anschauung kommen können über das, was aus dem Kosmos heraus mit diesem dreigliedrigen Menschen zusammenhängt. Wir sind eigentlich als äußere menschliche Wesenheit nur durch unsere Kopforganisation dem Festen oder Irdischen einverleibt. Wir wären niemals ein Wesen, das als Festes, als Irdisches anzusprechen wäre, wenn wir nicht unsere Kopforganisation hätten, die aber ein Nachklang ist der Gliedmaßenorganisation von der vorigen Inkarnation. Daß wir auch feste Bestandteile in den Gliedmaßen, in den Händen, in den Füßen haben, das ist eine Ausstrahlung des Kopfes. Der Kopf ist dasjenige, was uns zum Festen macht. Alles, was fest in uns ist, was irdisch ist, das geht in seinem Kraftverhältnis vom Kopfe aus.
[ 13 ] Wir können sagen: Im Kopfe liegt das Feste, die Erde, in uns (siehe Zeichnung $. 130). Und alles das, was sonst fest in uns ist, das strahlt über den Menschen vom Kopfe hin. Im Kopfe liegt vorzugsweise der Ursprung der Knochen, der festen Knochenbildung. Aber in diesem Kopfe sehen wir auch schon.den Übergang zum Flüssigen. Alles das, was feste Bestandteile des Gehirnes sind, ist eingebettet im Gehirnwasser, und im Kopfe findet ein fortwährendes Durcheinandervibrieren der festen Gehirnbestandteile mit dem Gehirnwasser statt, das dann durch den Rückenmarkskanal mit dem übrigen Körper zusammenhängt. So daß wir sagen können: Wenn wir den Nerven-Sinnesmenschen in Betracht ziehen, ist da der Übergang von dem Irdischen (blau) zu dem Wässerigen, zu dem Flüssigen. Wir dürfen also sagen, der Nerven-Sinnesmensch lebt in dem erdig-wässerigen Elemente. Und eigentlich besteht unser Gehirn also, dem Organismus nach, in diesem Korrespondieren des Festen mit dem Flüssigen.
[ 14 ] Gehen wir dann über zu dem Brustorganismus, zu dem rhythmischen Organismus, so lebt dieser rhythmische Organismus in einem Tafel 11.
[ 15 ] Wechselverhältnis zwischen dem Flüssigen und dem Luftförmigen (gelb). Sie sehen daher das Flüssige mit dem Luftförmigen in Berührung treten durch die Lunge. Sie sehen das rhythmische Leben als ein Durcheinanderweben des Flüssigen mit dem Luftförmigen, des Wassers mit der Luft. So daß ich sagen kann: Der rhythmische Mensch lebt im wässerig-luftförmigen Elemente.
[ 16 ] Und der Stoffwechsel-Gliedmaßenmensch, der lebt dann auf dem Übergang von dem luftförmigen Element in das Wärmeelement, in das feurige Element (rot). Er ist ein fortwährendes Auflösen des Luftförmigen in das Wärmeelement, in das feurige Element, das dann den ganzen Menschen durchsetzt als seine Körperwärme. In Wahrheit ist das, was im Stoffwechsel geschieht und was durch unsere Bewegungen geschieht, ein Herauforganisieren des luftförmigen Elementes, des gasförmigen Elementes in das Wärmeelement, in das feurige Element. Indem wir herumgehen, verbrennen wir fortwährend die luftförmig gewordenen Elemente unserer Nahrungsstoffe, und auch wenn wir nicht herumgehen im gewöhnlichen Leben des Menschen, geschieht es fortwährend, daß, indem die Nahrungsmittel bis zum Luftförmigen getrieben sind, sie verbrennen und in das Wärmeelement übergehen. So daß ich sagen kann, der Gliedmaßen-Stoffwechselmensch lebt im luftförmig-feurigen Elemente.
Nerven-Sinnesmensch: erdig-wässeriges Element
Rhythmischer Mensch: wässerig-luftförmig
Gliedmaßen-Stoffwechselmensch: luftförmig-feurig.
[ 17 ] Dann geht es hinauf ins Ätherische, ins Lichtförmige, in die Ätherbestandteile des Menschen, in den ätherischen Leib. Wenn der Mensch durch seinen Stoffwechsel-Gliedmaßenorganismus alles in die Wärme übergeführt hat, dann geht es in den Ätherleib hinauf. Da schließt sich der Mensch zusammen mit dem Äther, der die ganze Welt ausfüllt, da gliedert er sich an den Kosmos an.
[ 18 ] Solche Vorstellungen, wie ich sie Ihnen hier schematisch entwickle, sie lassen sich durchaus, wenn der Mensch innerlich plastisch-musikalischen Sinn hat, ins Künstlerische, ins Poetische umgestalten. Und man könnte bei einer solchen Dichtung wie der Faust-Dichtung durchaus das, was man weiß, auch im künstlerischen Gestalten zum Ausdrucke bringen, wie gewisse kosmische Geheimnisse, sagen wir im siebenten Bilde meines ersten Mysteriums zur Darstellung gekommen sind. Da kommt man zu der Möglichkeit, den Menschen wiederum im Anschlusse an den Kosmos zu schauen. Aber dann darf man eben nicht das, was einem der Verstand über die äußere Natur gibt, auf den Menschen anwenden. Dann muß man sich klar sein: Studierst du die äußere Natur und dann den menschlichen Kopf geradeso wie die äußere Natur, dann studierst du etwas, was gar nicht herein gehört in diese äußere jetzige Natur, sondern was von der vorigen Inkarnation kommt. Das studierst du so, wie wenn es aus dem jetzigen Momente heraus entstanden wäre, aber es ist nicht aus dem jetzigen Momente heraus entstanden. Es könnte auch niemals aus einem jetzigen Momente heraus entstehen, denn aus den Naturkräften, die da sind, könnte niemals ein menschliches Haupt entstehen. Daher darf das menschliche Haupt nicht studiert werden nach gegenständlicher Erkenntnis, wie sie der Verstand gibt, sondern nach imaginativer Erkenntnis. Also, das menschliche Haupt wird man nicht früher erkennen, als bis man es nach imaginativer Erkenntnis studiert.
[ 19 ] Beim rhythmischen Menschen, da geht schon alles hinein ins Bewegte. Da haben Sie es mit dem flüssigen und dem luftförmigen Elemente zu tun. Der rhythmische Mensch ist ein Anfang zwischen dem wässerigen und dem luftförmigen Elemente. Da wogt alles. Und die äußeren festen Bestandteile in unserer Brust sind nur das, was der Kopf hineinstrahlt in dieses Wogen. Wollen wir also den rhythmischen Menschen studieren, so müssen wir sagen, in diesem rhythmischen Menschen wogen ineinander wässeriges Element und luftförmiges Element (siehe Zeichnung, grün, gelb). Und da hinein sendet dann das Haupt, der Kopf die Möglichkeit, daß feste Bestandteile, wie sie in der Lunge und so weiter sind, da drinnen vorhanden sein können (weiß). Dieses Wogen, das die wirkliche Gestaltung des rhythmischen Menschen ist, das läßt sich nur durch Inspiration studieren. So daß der rhythmische Mensch nur durch Inspiration studiert werden kann.
[ 20 ] Und der Gliedmaßen-Stoffwechselmensch — das ist das fortwährende Brennen der Luft in uns. Sie stehen darinnen, Sie fühlen sich in Ihrer Wärme als Mensch, aber das ist eine sehr dunkle Vorstellung. Im Ernste kann man das nur studieren durch Intuition, wo die Seele im Objekte darinnen steht. Nur Intuition kann zum Stoffwechsel-Gliedmaßenmenschen führen.
[ 21 ] Der Mensch wird immer ein Unbekanntes bleiben, wenn er nicht mit Imagination, Inspiration und Intuition studiert wird. Er wird immer dastehen vor dem Menschen als diese äußerliche Gestalt, die er für das heutige populäre und auch für das heutige wissenschaftliche Vorstellen ist. Dabei darf es nicht bleiben. Der Mensch muß wieder erkannt werden. Wenn Sie den Menschen nur in seinen festen Bestandteilen studieren, wenn Sie nur die Zeichnungen nehmen, die heute in den Anatomiebüchern stehen, dann studieren Sie es schon ohnedies nicht richtig, weil Sie es imaginativ studieren sollten, weil alle diese Zeichnungen, die man von den festen Bestandteilen des menschlichen Organismus macht, als Bilder vom vorigen Erdenleben genommen werden sollten. Schon das ist das erste. Aber was dann im feineren Menschen in den flüssigen Bestandteilen lebt, das kann erst durch Inspiration, und das andere, das Luft- und Wärmeförmige, erst durch Intuition studiert werden. Das sind die Dinge, die ins europäische Bewußtsein hineinkommen müssen, die in die ganze moderne Zivilisation hineinkommen müssen. Ohne daß wir dieses in die ganze moderne Zivilisation hineinbringen, kommen wir eben durchaus mit dieser Zivilisation nicht zu einem Aufbau, sondern nur zu einem Abbau.
[ 22 ] Wer Goethe versteht, wer versteht, was er in seinem «Faust» wollte, der fühlt schon, daß er eigentlich, ich möchte sagen durch ein gewisses Tor durch wollte. Überall ringt er mit der Frage: Wie steht es eigentlich mit diesem Menschen? — Als ganz junger Mensch hat Goethe angefangen, die menschliche Gestalt zu studieren. Lesen Sie seine Abhandlung vom Zwischenknochen und auch das, was ich darüber in meinen Ausgaben von den Naturwissenschaftlichen Schriften Goethes geschrieben habe; überall will er an den Menschen heran. Er versucht es zuerst auf anatomisch-physiologische Weise; dann versucht er es in den neunziger Jahren auf mehr moralische Weise durch Vorstellungen, die wir dann in dem «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» finden. Und dann will er den Menschen, wie er in der Welt drinnensteht, schildern im «Faust». Er möchte durch ein Tor hindurch, um einzusehen, wie dieser Mensch in der Welt drinnensteht. Aber er hat nicht die Elemente dazu, er kann es nicht.
[ 23 ] Als Calderón seinen «Cyprianus» schrieb, da war das Ringen noch auf einer vorhergehenden Stufe. Da sehen wir, wie Justina sich dem Satan entreißt, wie dann Cyprianus wahnsinnig wird, wie sie sich im Tode finden, wie in dem Momente, als sie auf dem Schafott endigen, ihre Erlösung geschieht: Oben erscheint die Schlange mit dem darauf reitenden Dämon, der selber verkündigen muß, sie seien erlöst.
[ 24 ] Da sehen wir, wie in der Zeit, in der Calderón seinen «Cyprianus» geschrieben hat, deutlich gesagt werden soll: Hier im Erdenleben findet ihr das Göttlich-Geistige nicht. Ihr müßt erst sterben, ihr müßt erst durch den Tod gehen, dann findet ihr das Göttlich-Geistige, jene Erlösung, die ihr durch den Christus finden könnt. Da ist man noch weit davon entfernt, das Mysterium von Golgatha zu verstehen, durch das doch der Christus auf die Erde niedergestiegen ist; dort müßte er also auch zu finden sein. Es ist noch zuviel Heidnisches, zuviel Jüdisches in den Vorstellungen des Calderón, um das christliche Empfinden schon voll zu haben.
[ 25 ] Dann ist natürlich wiederum einige Zeit vergangen, bis Goethe an seinem «Faust» arbeitete. Goethe fühlt schon die Notwendigkeit: Faust muß hier auf der Erde seine Erlösung finden können. Goethe hätte die Frage so stellen müssen: Wie findet Faust die Bewahrheitung der Paulinischen Worte: «Nicht ich, sondern der Christus in mir»? Goethe hätte dazu kommen müssen, seinen Faust nicht nur sagen zu lassen: «Auf freiem Grund mit freiem Volk zu stehen», sondern: Auf freiem Grund, mit dem Christus in der Seele, den Menschen im Erdenleben zum Geiste führend. — So etwa müßte Goethe seinen Faust sagen lassen. Goethe ist natürlich ehrlich; er sagt es nicht, weil er es noch nicht voll erfaßt hat. Aber Goethe strebt nach diesem Erfassen. Goethe strebt nach etwas, was eigentlich erst erfüllt werden kann, wenn man sagt: Erkenne den Menschen durch Imagination, Inspiration, Intuition. — Daß das so ist, gibt demjenigen, der sich Goethe naht, das Gefühl, daß in Goethes Ringen, in Goethes Streben eigentlich viel mehr ist, als sich dann irgendwie ausgelebt hat, als dann in die moderne Zivilisation übergegangen ist. Man kann vielleicht Goethe nur erkennen, wenn man es so macht, wie ich es in meinen Jugendschriften gemacht habe, wo ich versuchte, dasjenige darzustellen, was gewissermaßen unbewußt als eine Weltanschauung in Goethe lebte. Aber es ist ja im Grunde genommen so gewesen, daß in der Gegenwart doch die Menschheit diesem Suchen wenig Verständnis entgegenbringt.
[ 26 ] Wenn ich auf dieses ganze Verhältnis hinschaue innerhalb der modernen Zivilisation, dann muß ich mich immer wieder erinnern an meinen alten Lehrer und Freund Karl Julius Schröer. Und namentlich daran, wie Schröer selber, als er in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts am «Faust» und an den andern Goetheschen Dramen arbeitete, Kommentare, Einleitungen gab, wie er eigentlich gar nicht darauf bedacht war, in streng umrissenen Begriffen über Goethe zu reden, sondern mehr in allgemeinen Vorstellungen, wie er aber versuchte, begreiflich zu machen, daß dasjenige, was als Tiefstes in Goethe lebte, doch hinein muß in die moderne Kultur. Schröer hat, als der fünfzigste Todestag Goethes war, 1882, eine Rede gehalten: «Die kommende Anschauung über Goethe.» Schröer lebte in dem Traum, daß dazumal schon die Zeit gekommen wäre, die Goethe zu einer Art von Auferstehung verhelfen würde. Und dann schrieb er einen kurzen Aufsatz in der «Neuen freien Presse», der wiederum abgedruckt ist in dem Büchelchen «Goethe und die Liebe», das jetzt unter andern Schröerschen Schriften von unserem Kommenden-Tag-Verlag erworben worden ist, so daß die Restexemplare dort zu haben sind und nach einiger Zeit wohl auch Neuauflagen werden besorgt werden können. Dieser Aufsatz «Goethe nach 50 Jahren» ist ein kurzer Auszug aus jenem Vortrag, den ich dazumal gehört habe. Er enthält manches von dem, was dazumal in Schröers Gefühlen lebte: Daß Goethe in die Zeitzivilisation hinein müsse. Und dann, als Schröer das Büchelchen schrieb «Goethe und die Liebe», da hatte er in den Anmerkungen zu zeigen versucht, wie man Goethe lebendig machen solle, denn Goethe lebendig machen, heißt ja in gewissem Sinne, die abstrakte Gedankenwelt selber lebendig machen. Ich habe in der letzten Nummer des «Goetheanum» hingewiesen auf eine solche Stelle, die wunderschön ist und die in dem Büchelchen «Goethe und die Liebe» steht. Da sagt Schröer: «Schiller erkannte ihn [Goethe nämlich]: Ist der intuitive Geist genialisch und sucht in dem Empirischen den Charakter der Notwendigkeit auf, so wird er zwar immer nur Individuen, aber mit dem Charakter der Gattung erzeugen. Goethe steht mit seiner intuitiven Methode, mit der er im vergänglichen Individuum die unvergängliche Idee, den Urtypus sieht, nicht so vereinzelt da, als man vielleicht annehmen möchte.»
[ 27 ] Gerade als Schröer dazumal, 1882, diese Stelle schrieb, war ich bei ihm; das heißt, während er an dem Büchelchen schrieb, kam ich öfter zu ihm, und er war dazumal ganz voll von einem Eindruck, den er bekommen hatte. Dieser Eindruck rührte davon her, daß er irgendwo wahrgenommen hatte, wie einer jener damals noch vorhandenen älteren Ärzte-Oppolzer war es nämlich, der Wiener Kliniker Oppolzer eine gewisse unbestimmte Intuition hatte bei der Diagnose. Wenn Oppolzer ans Krankenbett trat, dann machte er nicht die Differentialuntersuchungen, wie man sie sonst macht, sondern der Typus des Kranken machte auf ihn einen gewissen Eindruck, und aus dem Typus des Kranken heraus empfand er nun auch etwas von dem Typus der Krankheit. Das machte auf Schröer einen starken Eindruck, und aus diesem Eindruck heraus schrieb er dann die Stelle, die dieses Phänomen bei Oppolzer nur zur Erläuterung benützte. Er schrieb: «In der Heilkunst preist man an großen Diagnostikern am Krankenbette den Tiefblick, mit dem sie den Habitus, den individuellen Typus des Kranken und daraus dann die Krankheit erkennen. Nicht ihr chemikalisches oder anatomisches Wissen steht ihnen dabei zur Seite, sondern die Intuition in das Lebewesen als Ganzes. Sie sind schöpferische Geister, die die Sonne sehen, weil ihr Auge sonnenhaft ist. Andere sehen sie eben nicht. Folgt ein solcher Diagnostiker der intuitiven Methode Goethes unbewußt, Goethe hat sie mit Bewußtsein in die Wissenschaft eingeführt. Sie führte ihn zu Ergebnissen, die nicht mehr bestritten werden, nur die Methode ist noch nicht allseitig erkannt.»
[ 28 ] Das schrieb Schröer aus diesem Aperçu mit der Oppolzerschen Intuition am Krankenbett heraus, schon damals hindeutend darauf, daß also die einzelnen Wissenschaften, zum Beispiel die Heilkunde, von der Methode, die wiederum mit dem Geiste arbeitet, befruchtet werden müssen.
[ 29 ] Es hat etwas Tragisches, wenn ich zurückschaue, wie in Schröer einer der letzten von denjenigen Menschen vorhanden war, die noch etwas empfanden von dem Tiefsten in Goethe. Denn während Schröer dazumal, im Beginn der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, geglaubt hat, daß ein Wiederaufleben Goethes stattfinden müsse, hat man ja Goethe nachher erst recht eingesargt, erst richtig begraben. Man könnte auch sagen: Das richtige Grab Goethes, das ist für Mitrteleuropa gewesen die Goethe-Gesellschaft, und auf englisch heißt sie Goethe-Society, denn sie wurde dort auch als ein Ableger begründet. Das war die Grabstätte des lebenden Goethe. Aber die Notwendigkeit besteht doch, dieses lebendige Element, das in Goethe lebte, wiederum in unsere Zivilisation hineinzubringen. Karl Julius Schröers Trieb war ein guter; er konnte sich nur dazumal nicht erfüllen, weil die Zeit weiterging in der Anbetung des Toten. «Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben, sucht erst den Geist herauszutreiben.»
[ 30 ] Das ist, was eben die Devise wurde, und heute ist in manchen sehr weiten Kreisen diese Devise bis zum Haß gegen alles Vernehmen vom Geistigen gegeben — wie Sie ja aus der Aufnahme der Anthroposophie bei vielen Menschen ersehen können.
[ 31 ] Die Zivilisation, aus der Sie selber alle noch herausgewachsen sind, braucht durchaus dieses Element einer Wiederbelebung. Und es ist nur merkwürdig, wie heute vieles geredet wird zum Beispiel über den Goetheschen «Faust» — der ja nur ein neues Moment in jenem Ringen nach dem Geist darstellt, das wir im Calderónschen «Cyprianus» gestern gesehen haben —, wie aber nicht gesehen wird, daß es Aufgabe der Gegenwart ist, zur vollen Lebendigkeit dasjenige herauszustellen, was Goethe eigentlich hat leben lassen, unbestimmt andeutend, gefühls- und empfindungsmäßig, aber nicht in geistiger Anschauung, in seinem «Faust», insbesondere im zweiten Teil. Wir müßten auf diese Erscheinungen in ganz intensiver Weise unsere Aufmerksamkeit richten, denn wir haben es da wirklich nicht bloß mit einer Weltanschauungsangelegenheit zu tun, wir haben es schon mit einer allgemeinen Zivilisationsangelegenheit zu tun. Dafür gibt es viele Symptome der Gegenwart. Diese Symptome müssen nur im richtigen Lichte gesehen werden.
[ 32 ] Da ist eine Schrift erschienen, welche «Die drei Krisen» heißt, von Ruedorffer, eine Schrift, die einen, wenn man sie liest, ich möchte sagen auf jeder Seite sticht. Denn der, der sie geschrieben hat, ist eine Persönlichkeit, die selber im diplomatisch-politischen Leben Europas in ganz wichtigen Stellungen mitgewirkt hat, vor dem Kriege und in den Krieg hinein. Der Mann sucht sich jetzt, nachdem er alle möglichen Wege dieses europäischen Lebens kennengelernt hat — eben von Auslugen aus, von denen aus man es genauer kennenlernen kann als die meisten Menschen —, er sucht sich jetzt klarzuwerden darüber, was eigentlich ist. Ich brauche Ihnen nur ein paar Stellen vorzulesen aus der Schrift eines Menschen, der durchaus ein Realist, nicht ein Idealist sein will, der sich einen gewissen trockenen Blick angeeignet hat innerhalb seiner diplomatischen Laufbahn und bei dem es, trotzdem er solche Stellen niedergeschrieben hat, wie ich sie Ihnen vorlesen werde, doch so ist, daß man sagen kann: Der Zopf, der hängt ihm hinten. Er ist trotzdem geblieben, was man heute insbesondere liebt, der bürgerliche Philister.
[ 33 ] Er spricht von drei Dingen in dieser seiner Schrift. Er spricht erstens davon, wie die Staaten und Völker Europas kein Verhältnis mehr zueinander haben. Dann spricht er davon, wie die einzelnen regierenden Kreise, die Führer innerhalb der einzelnen Völkerschaften, wiederum zum Volke selbst kein Verhältnis haben. Und drittens spricht er davon, wie namentlich diejenigen Menschen, die heute in radikaler Art eine neue Zeit herausarbeiten und begründen wollen, erst recht kein Verhältnis zur Realität haben.
[ 34 ] Also ein Mensch, der mitgearbeitet hat, wie gesagt, an den Zuständen, die heute geworden sind, der schreibt etwa so: «Diese Erkrankung des staatlichen Organismus entreißt der Vernunft die Führung, überantwortet die Entschließungen des Staats mannigfachen unsachlichen Nebeneinflüssen und Nebenrücksichten. Sie beschränkt die Bewegungsfreiheit, zersplittert den staatlichen Willen und hat überdies zumeist noch eine gefährliche Labilität der Regierungen im Gefolge. Die Zeit des ungebärdigen Nationalismus vor dem Kriege, der Krieg selbst, der europäische Zustand nach dem Kriege haben ungeheure Anforderungen an die Vernunft der Staaten, ihre Ruhe und Bewegungsfreiheit gestellt. Daß mit den Aufgaben das Vermögen nicht wuchs, sondern abnahm, hat die Katastrophe vollendet. Die Krise des Staates und die Krise der Weltorganisation haben in steter Wechselwirkung einander befördert und eine jede die destruktiven Wirkungen der anderen vermehrt.» So spricht nicht irgendein Idealist, nicht irgendein künstlerischer Mensch, der bloß zugeschaut hat, sondern einer, der mitgetan hat. Er sagt zum Beispiel: «Wenn die Demokratie bestehen soll, muß sie ehrlich und mutig genug sein, zu sagen, was ist, auch wenn sie gegen sich selbst zu zeugen scheint. Europa steht vor dem Untergang.»
[ 35 ] Daß wir vor dem Untergange Europas stehen, das sagen heute nicht bloß die pessimistisch angehauchten Idealisten, sondern das sagen insbesondere diejenigen, die in der Praxis drinnengestanden haben. Jemand, der, wie gesagt, darinnengestanden hat und mitgetan hat, schreibt heute eben den Satz hin: «Europa steht vor dem Untergang. Da ist keine Zeit, daß ein jeder aus parteitaktischen Gründen seine Fehler verbirgt, statt sie zu bessern. Nur zu diesem Behufe, nicht als laudator temporis acti unterstreiche ich, daß die Demokratie sich selbst zerstören muß und wird, wenn sie nicht den Staat aus dieser Verstrickung von Nebeneinflüssen und Nebenrücksichten befreien kann. Das vorkriegerische Europa ist zusammengebrochen, weil alle kontinentalen Staaten, und zwar die Monarchien ebenso wie die Demokratien und am meisten das autokratische Rußland, teils freiwillig und unbewußst, teils unwillig und gezwungen sich der Demagogie unterworfen haben, unfähig, in der selbstgeschaffenen Verirrung der Geister das Vernünftige zu erkennen und das etwa doch Erkannte frei und entschieden zu tun. Die Oberschichten der alten Staatsordnung Europas, im vergangenen Jahrhundert freilich Träger der europäischen Bildung und reich an Persönlichkeiten von staatsmännischem Geist und Welterfahrung, wären nicht so leicht aus dem Sattel und als morsch und verbraucht beiseite geworfen worden, wenn sie, mit den Problemen und Aufgaben der verwandelten Zeit mitgewachsen, nicht des staatsmännischen Geistes verlustig gegangen wären und eine andere Tradition als die der äußerlichsten diplomatischen Routine bewahrt hätten. Wenn die Monarchen den Anspruch erheben, Staatsmänner besser und sachlicher auszuwählen als Parlamente, dann müssen sie und ihre Höfe Mittelpunkt und Höhepunkt der Bildung, Einsicht und Kenntnis sein. Das aber war lange vor dem Kriege vorbei. Aber die Anklage gegen die Fehler der Monarchie entbindet die Demokratie nicht, die Ursachen ihrer eigenen Unzulänglichkeit zu erkennen und alles zu tun, um sie zu beheben. Ehe Europa gesunden, ehe versucht werden kann, seine heillose Desorganisation durch einen haltbareren politischen Bau zu ersetzen, müssen die einzelnen Länder ihre inneren Dinge dergestalt ordnen, daß ihre Regierungen zu sachlich freier Arbeit auf lange Sicht befähigt werden. Sonst erlahmt der beste Wille und die größte Begabung, tausendfach umstrickt, in dem allerorten gleichen Verhängnis.» Ich würde Ihnen das alles nicht vorlesen, wenn es von einem Idealisten herrührte, wenn es nicht von jemandem herrührte, der da glauben muß, ganz im Realen drinnenzustehen, weil er eben mitgetan hat.
[ 36 ] «Es ist ein Schauspiel von tiefer TIragik, wie jeder Versuch einer bessernden Handlung, jedes Wort der Umkehr sich in den Netzen dieses Verhängnisses fängt und, hundertfach umstrickt, schließlich wirkungslos zu Boden fällt; wie das europäische Bürgertum, gedankenlos an dem Zeitirrtum des steten Fortschritts der Menschheit hangend oder die gewohnte Bahn jammernd weitertrottend, nicht sieht und sehen will, daß es von der aufgespeicherten Arbeit früherer Jahre zehrt und kaum fähig ist, die Schäden der jetzigen Weltordnung zu erkennen, geschweige denn, aus sich heraus eine neue zu gebären; wie auf der anderen Seite die Arbeiterschaft, sich in nahezu allen Ländern radikalisierend, von der Unhaltbarkeit des gegenwärtigen Zustandes überzeugt, sich Heilbringer einer neuen Ordnung glaubt, in Wirklichkeit aber in diesem Glauben nur unbewußtes Werkzeug der Zerstörung und des Untergangs, auch des eigenen, ist. Die neuen Parasiten der wirtschaftlichen Desorganisation, der klagende Reichtum von gestern, der zum Proletarier herabsinkende Kleinbürger, der gläubige Arbeiter, der eine neue Welt zu begründen wähnt, sie alle scheint dasselbe Verhängnis zu umschlingen, sie alle scheinen Erblindete, die ihre eigenen Gräber schaufeln.» Das steht nicht in dem Buch eines Idealisten, das steht eben heute in dem Buch eines [Menschen], der mitgearbeitet hat! «Aber der ganze Aspekt des heutigen politischen Wesens, die neueren Friedensschlüsse der Entente, der polnische Vormarsch in die Ukraine, die Blindheit oder Hilflosigkeit der Entente gegenüber der deutsch-österreichischen Entwicklung, zeigt dem nun einmal auf Realitäten angewiesenen Politiker, daß die ideale Forderung einer paneuropäischen, konstruktiven Revision der Pariser Friedensschlüsse zwar gestellt, die dringendste Warnung erschütternd begründet, Forderung und Warnung aber nur unbeachtet verhallen können und die Dinge im alten Sinne zwangsläufig weiterrollen dem Abgrund zu.»
[ 37 ] Das ganze Buch ist geschrieben, um zu beweisen, daß Europa vor dem Abgrunde steht, daß wir daran sind, das Grab der europäischen Zivilisation zu schaufeln. Aber das alles möchte ich Ihnen nur als eine Introduktion sagen zu dem, was ich nun eigentlich für notwendig halte zu sagen. Das ist nämlich etwas anderes. Wir haben da einen Menschen vor uns, der in den entscheidenden Büros selber gesessen hat, der da sieht, daß Europa am Abgrunde steht, und der einfach sagt — das geht aus dieser ganzen Schrift hervor: Wenn nichts anderes geschieht, als was die Fortsetzung der alten Impulse ist, dann geht die Zivilisation unter; unbedingt geht sie unter. Es muß etwas Neues kommen.
[ 38 ] Nun, ich suche nun, wo in einer solchen Schrift auf das Neue hingedeutet worden ist. Ja, ich finde es auf Seite 67, da stehen drei Zeilen: «Nur eine Sinnesänderung der Welt, eine Willensänderung der beteiligten Hauptmächte kann einen obersten Rat der europäischen Vernunft entstehen lassen.»
[ 39 ] Ja, Sie sehen, vor dieser Entscheidung stehen die Menschen. Sie weisen darauf hin, nur wenn überall eine Sinnesänderung entsteht, wenn etwas ganz Neues kommt, dann gibt es noch eine Rettung. Das ganze Buch ist geschrieben zu dem Zwecke, um zu zeigen, daß es sonst keine Rettung gibt. Es ist viel Richtiges daran. Die Wahrheit ist nämlich, daß es für die zusammenbrechende Zivilisation aus nichts weiter heraus eine Rettung gibt als aus dem Geistesleben, das aus den wirklichen geistigen Quellen geschöpft wird. Es gibt keine andere Rettung, sonst geht eben die moderne Zivilisation, insofern sie von Europa aus bis nach Amerika begründet worden ist, ihrem Untergange entgegen. In dem, was verfault, muß gesehen werden die wichtigste Zeiterscheinung der Gegenwart. Und es hilft nichts, Kompromisse zu schließen mit dem Verfaulenden, sondern es hilft allein, auf dasjenige zu sehen, was auch über dem Grabe gedeihen kann, weil es eben stärker ist als der Tod. Das ist das Geistesleben. Aber für das, was da notwendig ist, haben solche Leute zunächst nur die ganz abstrakte Hindeutung: Es muß eben eine allgemeine internationale Sinnesänderung entstehen. — Hören sie irgendwo etwas von wirklichem Aufblühen von geistigem Leben, dann ist es «unbrauchbare Mystik». Dann kommen sie und sagen: Ja, in solchen sinkenden Zeiten des Unterganges, da machen sich alle möglichen Okkultismen und Mystiken geltend, und da muß man sich hüten davor.
[ 40 ] Und so schaufeln an dem Grabe der heutigen Zivilisation am meisten diejenigen, die sogar einsehen, daß dieses Schaufeln geschieht. Es ist nicht anders möglich, zu diesen Dingen Stellung zu nehmen, als indem man sie mit vollem Ernst einsieht, indem man sich mit vollem Ernst wirklich versenkt in die Wahrheit, daß ein neues Geistesleben notwendig ist und daß dieses neue Geistesleben wirklich gesucht werden muß, so daß endlich die Möglichkeit gefunden werde, innerhalb des irdischen Lebens den Christus zu finden, ihn so zu finden, wie er ist seit dem Mysterium von Golgatha. Denn er ist heruntergestiegen, um sich mit den Erdenverhältnissen zu verbinden.
[ 41 ] Den stärksten Kampf gegen diese eigentlich christliche Wahrheit führt heute zum Beispiel eine gewisse Sorte von Theologie, die gerade dann sich aufbäumt, wenn man von dem kosmischen Christus spricht. So daß immer wieder und wieder darauf aufmerksam gemacht werden muß, daß auch schon in den Zeiten, in denen zum Beispiel Schröer auf Goethe hingewiesen hat zur Wiederbelebung der Zivilisation, schon dazumal das Buch von dem Basler Professor, dem Freunde Nietzsches, erschienen ist über die Christlichkeit der neueren Theologie — er meinte die christliche Theologie. Und Overbeck meinte dazumal, daß gerade die Theologie das Unchristlichste ist und suchte das als Historiker der Theologie zu beweisen. Damals war also in Basel die historisch-theologische Lehrkanzel mit einem Professor besetzt, der den Beweis führte: Die Theologie ist unchristlich!
[ 42 ] Die Menschheit hat in die Katastrophe hineintreiben müssen, weil sie die einzelnen Rufe, die da waren, die allerdings noch sehr an Unklarheit litten, nicht aufgenommen hat. Heute hat die Menschheit keine Zeit mehr, zu warten. Heute muß die Menschheit wissen, daß solche Darstellungen wie die von Ruedorffer durchaus wahr sind, daß es durchaus notwendig ist, einzusehen, wie durch die Fortsetzung der alten Impulse alles zusammensinkt. Dann gibt es nur eines: Sich an dasjenige zu wenden, was auch aus Gräbern wachsen kann, nämlich das Geistig-Lebendige.
[ 43 ] Und das ist es, worauf immer wieder und wiederum aufmerksam gemacht werden muß, gerade in unserem Zusammenhange, meine lieben Freunde. Davon werden wir dann am nächsten Freitag um 8 Uhr weiterreden.
