Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Human Questions and Cosmic Answers
GA 213

16 July 1922, Dornach

Translate the original German text into any language:

Versions Available:

Menschenfragen und Weltenantworten
  1. Human Questions and Cosmic Answers, tr. SOL

Elfter Vortrag

Elfter Vortrag

[ 1 ] Ich mußte während der letzten Betrachtung wiederholt darauf aufmerksam machen, wie in der Blütezeit des Mittelalters innerhalb der europäischen Zivilisation zwei Geistesströmungen durch die besten Seelen gehen, jene beiden Geistesströmungen, die ich gestern genauer charakterisierte als die Offenbarungserkenntnis und die Vernunfterkenntnis innerhalb der Scholastik. Nun mußten wir ja betonen, daß die Offenbarungserkenntnis in dem Sinne, wie sie innerhalb der Scholastik auftritt, durchaus nicht irgend etwas mystisch oder abstrakt Unbestimmtes ist, sondern daß sie ein Erkenntnisinhalt ist, der in scharf konturierten, scharf geformten Begriffen auftritt. Nur daß man diesen Begriffen nicht zugesteht, daß sie unmittelbar in menschlicher Erkenntnis gefunden werden können, sondern darauf aufmerksam macht, daß sie von jedem einzelnen, der in ihren Besitz gelangen soll, aus der Überlieferung der Kirchen genommen werden müssen, die eben in ihren Überlieferungen und in ihrem kontinuierlichen Fortbestand das Recht haben, solchen Erkenntnisinhalt gewissermaßen aufzubewahren.

[ 1 ] Ich mußte während der letzten Betrachtung wiederholt darauf aufmerksam machen, wie in der Blütezeit des Mittelalters innerhalb der europäischen Zivilisation zwei Geistesströmungen durch die besten Seelen gehen, jene beiden Geistesströmungen, die ich gestern genauer charakterisierte als die Offenbarungserkenntnis und die Vernunfterkenntnis innerhalb der Scholastik. Nun mußten wir ja betonen, daß die Offenbarungserkenntnis in dem Sinne, wie sie innerhalb der Scholastik auftritt, durchaus nicht irgend etwas mystisch oder abstrakt Unbestimmtes ist, sondern daß sie ein Erkenntnisinhalt ist, der in scharf konturierten, scharf geformten Begriffen auftritt. Nur daß man diesen Begriffen nicht zugesteht, daß sie unmittelbar in menschlicher Erkenntnis gefunden werden können, sondern darauf aufmerksam macht, daß sie von jedem einzelnen, der in ihren Besitz gelangen soll, aus der Überlieferung der Kirchen genommen werden müssen, die eben in ihren Überlieferungen und in ihrem kontinuierlichen Fortbestand das Recht haben, solchen Erkenntnisinhalt gewissermaßen aufzubewahren.

[ 2 ] Der zweite Erkenntnisinhalt war dem menschlichen Forschen, dem menschlichen Streben freigegeben; aber es mußten diejenigen, die nun wirklich innerhalb der wahren scholastischen Richtung drinnenstanden, anerkennen, daß mit diesem Vernunfterkenntnis-Inhalt keinerlei Erkenntnis aus der übersinnlichen Welt erlangt werden kann.

[ 2 ] Der zweite Erkenntnisinhalt war dem menschlichen Forschen, dem menschlichen Streben freigegeben; aber es mußten diejenigen, die nun wirklich innerhalb der wahren scholastischen Richtung drinnenstanden, anerkennen, daß mit diesem Vernunfterkenntnis-Inhalt keinerlei Erkenntnis aus der übersinnlichen Welt erlangt werden kann.

[ 3 ] Damit ist also in der geistigen Blüte des Mittelalters zugegeben, daß gewissermaßen dasjenige historisch erhalten werden mußte an Erkenntnis, was den Menschen für die damalige Gegenwart nicht mehr zugänglich war. Ich habe aber auch schon angedeutet, daß es nicht immer so war. Wenn wir weiter zurückgehen, das Mittelalter hindurch bis in die ersten christlichen Jahrhunderte, dann finden wit, daß dieser besondere Charakter der Offenbarungserkenntnis nicht schon in gleich scharfer Weise betont wird, wie das im späteren Mittelalter der Fall war. Und wenn man etwa einem Griechen, sagen wir der athenischen Philosophenschule, so etwas vorgehalten hätte wie eine Trennung der Erkenntnis nach einer bloßen Vernunfterkenntnis und einer nur durch Offenbarung gegebenen Erkenntnis — die Offenbarung in dem Sinne genommen, wie sie im Mittelalter genommen worden ist —, so würde der griechische Philosoph das eben gar nicht verstanden haben. Er hätte keinen Begriff damit verbinden können, daß, wenn einmal durch außerweltliche Macht dem Menschen ein Erkenntnisinhalt über das Übersinnliche mitgeteilt worden ist, der dann bleiben sollte, er nicht neuerdings wiederum mitgeteilt werden könnte. Der Grieche verstand, daß man nicht durch die gewöhnliche Erkenntnismethode zu dem höheren geistigen Inhalte kommen könne; allein er verstand es so, daß man von den Erkenntnisfähigkeiten, die man nun einmal als Mensch hat, durch geistige Schulung, durch den Weg der Initiation aufsteigen kann zu höheren Erkenntnisfähigkeiten. Dann tritt man eben in diejenige Welt ein, in der man zu schauen vermag, was für das Übersinnliche die Wahrheit, die Erkenntnis ist.

[ 3 ] Damit ist also in der geistigen Blüte des Mittelalters zugegeben, daß gewissermaßen dasjenige historisch erhalten werden mußte an Erkenntnis, was den Menschen für die damalige Gegenwart nicht mehr zugänglich war. Ich habe aber auch schon angedeutet, daß es nicht immer so war. Wenn wir weiter zurückgehen, das Mittelalter hindurch bis in die ersten christlichen Jahrhunderte, dann finden wit, daß dieser besondere Charakter der Offenbarungserkenntnis nicht schon in gleich scharfer Weise betont wird, wie das im späteren Mittelalter der Fall war. Und wenn man etwa einem Griechen, sagen wir der athenischen Philosophenschule, so etwas vorgehalten hätte wie eine Trennung der Erkenntnis nach einer bloßen Vernunfterkenntnis und einer nur durch Offenbarung gegebenen Erkenntnis — die Offenbarung in dem Sinne genommen, wie sie im Mittelalter genommen worden ist —, so würde der griechische Philosoph das eben gar nicht verstanden haben. Er hätte keinen Begriff damit verbinden können, daß, wenn einmal durch außerweltliche Macht dem Menschen ein Erkenntnisinhalt über das Übersinnliche mitgeteilt worden ist, der dann bleiben sollte, er nicht neuerdings wiederum mitgeteilt werden könnte. Der Grieche verstand, daß man nicht durch die gewöhnliche Erkenntnismethode zu dem höheren geistigen Inhalte kommen könne; allein er verstand es so, daß man von den Erkenntnisfähigkeiten, die man nun einmal als Mensch hat, durch geistige Schulung, durch den Weg der Initiation aufsteigen kann zu höheren Erkenntnisfähigkeiten. Dann tritt man eben in diejenige Welt ein, in der man zu schauen vermag, was für das Übersinnliche die Wahrheit, die Erkenntnis ist.

[ 4 ] Und gerade mit Bezug auf diese Sache ist für das ganze abendländische Zivilisationsleben eine Wendung eingetreten zwischen dem, was in den Jahrhunderten vorhanden war, in denen die griechische Philosophie in Plato, in Aristoteles noch geblüht hat, und dem, was dann aufgetreten ist etwa am Ende des 4. nachchristlichen Jahrhunderts. Ich habe ja die eine Seite dieser Sache schon öfter betont. Ich habe betont: Das Ereignis von Golgatha ist in einer Zeit geschehen, in welcher noch viel von alter Initiationsweisheit, alter Initiationserkenntnis vorhanden war. Und wahrhaftig, genügend viele Leute haben die alte Initiationsweisheit angewendet, um aus ihrer Initiation heraus das Golgatha-Ereignis mit den Mitteln der übersinnlichen Erkenntnis zu begreifen. Initiierte bemühten sich, alles, was sie zusammentragen konnten an Initiationserkenntnis, aufzuwenden, um zu verstehen, wie eine solche Wesenheit wie der Christus, der vor der Zeit des Golgatha-Mysteriums nicht mit der irdischen Entwickelung vereinigt war, sich mit einem irdischen Leib verbindet und nun mit der menschlichen Entwickelung vereinigt bleibt. Was das für ein Wesen ist, wie diese Wesenheit sich verhalten hat, bevor sie heruntergestiegen ist in das Irdische, alles das waren Fragen, zu deren Beantwortung man höchste Initiationsfähigkeiten auch zur Zeit des Mysteriums von Golgatha anwendete.

[ 4 ] Und gerade mit Bezug auf diese Sache ist für das ganze abendländische Zivilisationsleben eine Wendung eingetreten zwischen dem, was in den Jahrhunderten vorhanden war, in denen die griechische Philosophie in Plato, in Aristoteles noch geblüht hat, und dem, was dann aufgetreten ist etwa am Ende des 4. nachchristlichen Jahrhunderts. Ich habe ja die eine Seite dieser Sache schon öfter betont. Ich habe betont: Das Ereignis von Golgatha ist in einer Zeit geschehen, in welcher noch viel von alter Initiationsweisheit, alter Initiationserkenntnis vorhanden war. Und wahrhaftig, genügend viele Leute haben die alte Initiationsweisheit angewendet, um aus ihrer Initiation heraus das Golgatha-Ereignis mit den Mitteln der übersinnlichen Erkenntnis zu begreifen. Initiierte bemühten sich, alles, was sie zusammentragen konnten an Initiationserkenntnis, aufzuwenden, um zu verstehen, wie eine solche Wesenheit wie der Christus, der vor der Zeit des Golgatha-Mysteriums nicht mit der irdischen Entwickelung vereinigt war, sich mit einem irdischen Leib verbindet und nun mit der menschlichen Entwickelung vereinigt bleibt. Was das für ein Wesen ist, wie diese Wesenheit sich verhalten hat, bevor sie heruntergestiegen ist in das Irdische, alles das waren Fragen, zu deren Beantwortung man höchste Initiationsfähigkeiten auch zur Zeit des Mysteriums von Golgatha anwendete.

[ 5 ] Nun aber sehen wir, daß die alte Initiationsweisheit, die in Vorderasien, in Nordafrika, auch innerhalb der hellenischen Kultur durchaus vorhanden war und sich auch nach Italien herüber, sogar weiter noch nach Europa herein erstreckte, daß diese Initiationsweisheit vom 5. nachchristlichen Jahrhundert an überhaupt immer weniger und weniger verstanden wird. Man redete dann von einzelnen Namen so, daß man die Träger dieser Namen innerhalb der christlichen Zivilisation des Abendlandes als ziemlich verächtliche Persönlichkeiten hinstellte, mindestens als Persönlichkeiten, mit denen sich ein richtiger Christ nicht befassen sollte. Man bestrebte sich aber auch, möglichst die Spuren alles früheren Wissens von dem, was eigentlich in solchen Persönlichkeiten war, zu verwischen.

[ 5 ] Nun aber sehen wir, daß die alte Initiationsweisheit, die in Vorderasien, in Nordafrika, auch innerhalb der hellenischen Kultur durchaus vorhanden war und sich auch nach Italien herüber, sogar weiter noch nach Europa herein erstreckte, daß diese Initiationsweisheit vom 5. nachchristlichen Jahrhundert an überhaupt immer weniger und weniger verstanden wird. Man redete dann von einzelnen Namen so, daß man die Träger dieser Namen innerhalb der christlichen Zivilisation des Abendlandes als ziemlich verächtliche Persönlichkeiten hinstellte, mindestens als Persönlichkeiten, mit denen sich ein richtiger Christ nicht befassen sollte. Man bestrebte sich aber auch, möglichst die Spuren alles früheren Wissens von dem, was eigentlich in solchen Persönlichkeiten war, zu verwischen.

[ 6 ] Es ist merkwürdig, daß eine Persönlichkeit wie Franz Brentano aus seiner mittelalterlichen Tradition heraus für seine eigene Seele noch durchaus den Haß gegen alles das erbte, was damals in Persönlichkeiten wie zum Beispiel PJozin lebte, von dem ja auch außerordentlich wenig gewußt wurde, der aber als ein Philosoph angesehen wurde, mit dem sich ein richtiger christlicher Bekenner nicht befassen sollte. Brentano teilte diesen Haß auf Plotin. Er hat ihn auf sich vererben lassen. Er hat eine Abhandlung geschrieben: «Was für ein Philosoph manchmal Epoche macht», und er meinte damit Plotin, den Philosophen des 3. nachchristlichen Jahrhunderts, der in jenen Geistesströmungen drinnen stand, die eigentlich mit dem 4. Jahrhundert dann vollständig versiegten und an die man in der späteren christlichen Entwickelung keine Erinnerung bewahren wollte.

[ 6 ] Es ist merkwürdig, daß eine Persönlichkeit wie Franz Brentano aus seiner mittelalterlichen Tradition heraus für seine eigene Seele noch durchaus den Haß gegen alles das erbte, was damals in Persönlichkeiten wie zum Beispiel PJozin lebte, von dem ja auch außerordentlich wenig gewußt wurde, der aber als ein Philosoph angesehen wurde, mit dem sich ein richtiger christlicher Bekenner nicht befassen sollte. Brentano teilte diesen Haß auf Plotin. Er hat ihn auf sich vererben lassen. Er hat eine Abhandlung geschrieben: «Was für ein Philosoph manchmal Epoche macht», und er meinte damit Plotin, den Philosophen des 3. nachchristlichen Jahrhunderts, der in jenen Geistesströmungen drinnen stand, die eigentlich mit dem 4. Jahrhundert dann vollständig versiegten und an die man in der späteren christlichen Entwickelung keine Erinnerung bewahren wollte.

[ 7 ] Was in den gebräuchlichen Geschichtsphilosophien über sehr hervorragende Geister jener Zeit der ersten christlichen Jahrhunderte gesagt wird, das ist ja zumeist nicht etwa nur das Notdürftigste, sondern es ist so, daß nicht im geringsten eine zusammenhängende Vorstellung über diese Geister daraus gewonnen werden kann. Es ist ja natürlich, daß es auch in der Gegenwart noch große Schwierigkeiten bereitet, sich über die drei oder vier ersten christlichen Jahrhunderte eine ordentliche Vorstellung zu machen. So zum Beispiel über die Art und Weise, wie das, was bei Plato und Aristoteles vorhanden war, fortgewirkt hat, und was ja ohnedies schon in einem gewissen Sinne entfremdet war der tieferen Weisheit der Mysterien, in deren Besitz aber solche Persönlichkeiten, wie ich sie meine, in den ersten drei bis vier christlichen Jahrhunderten noch waren. Es ist ja heute eigentlich kaum eine ordentliche Plato-Erkenntnis in den gebräuchlichen Geschichten der Philosophie vorhanden. Wenn Sie sich dafür interessieren, so schlagen Sie sich doch zum Beispiel das Kapitel über Plato in der Geschichte der griechischen Philosophie von Paul Deussen auf, wo Deussen davon spricht, wie eigentlich Plato über die Idee des Guten im Verhältnisse zu den anderen Ideen gedacht hat. Da können Sie Sätze finden wie diesen: Plato nahm einen persönlichen Gott nicht an, sonst wären die Ideen, die er annahm, ja nicht durch sich selbständig gewesen; Plato konnte einen wesenhaften Gott nicht anerkennen, weil die Ideen selbständig sind. — Allerdings, sagt Deussen, setzt Plato wiederum die Idee des Guten über die anderen Ideen. Allein | das soll nicht heißen, daß die Idee des Guten als irgend etwas wesenhaft Selbständiges über den anderen Ideen stehe; denn, was die Idee des Guten ausdrücke, das sei nur eine gewisse Familienähnlichkeit, die in allen Ideen vorhanden sei.

[ 7 ] Was in den gebräuchlichen Geschichtsphilosophien über sehr hervorragende Geister jener Zeit der ersten christlichen Jahrhunderte gesagt wird, das ist ja zumeist nicht etwa nur das Notdürftigste, sondern es ist so, daß nicht im geringsten eine zusammenhängende Vorstellung über diese Geister daraus gewonnen werden kann. Es ist ja natürlich, daß es auch in der Gegenwart noch große Schwierigkeiten bereitet, sich über die drei oder vier ersten christlichen Jahrhunderte eine ordentliche Vorstellung zu machen. So zum Beispiel über die Art und Weise, wie das, was bei Plato und Aristoteles vorhanden war, fortgewirkt hat, und was ja ohnedies schon in einem gewissen Sinne entfremdet war der tieferen Weisheit der Mysterien, in deren Besitz aber solche Persönlichkeiten, wie ich sie meine, in den ersten drei bis vier christlichen Jahrhunderten noch waren. Es ist ja heute eigentlich kaum eine ordentliche Plato-Erkenntnis in den gebräuchlichen Geschichten der Philosophie vorhanden. Wenn Sie sich dafür interessieren, so schlagen Sie sich doch zum Beispiel das Kapitel über Plato in der Geschichte der griechischen Philosophie von Paul Deussen auf, wo Deussen davon spricht, wie eigentlich Plato über die Idee des Guten im Verhältnisse zu den anderen Ideen gedacht hat. Da können Sie Sätze finden wie diesen: Plato nahm einen persönlichen Gott nicht an, sonst wären die Ideen, die er annahm, ja nicht durch sich selbständig gewesen; Plato konnte einen wesenhaften Gott nicht anerkennen, weil die Ideen selbständig sind. — Allerdings, sagt Deussen, setzt Plato wiederum die Idee des Guten über die anderen Ideen. Allein | das soll nicht heißen, daß die Idee des Guten als irgend etwas wesenhaft Selbständiges über den anderen Ideen stehe; denn, was die Idee des Guten ausdrücke, das sei nur eine gewisse Familienähnlichkeit, die in allen Ideen vorhanden sei.

[ 8 ] Bitte, setzen Sie sich jetzt einmal ordentlich auf Ihre Stühle und schauen Sie sich Deussens Logik, diese Logik eines hervorragenden Philosophen der Gegenwart, genauer an. Da hat Plato die Ideen. Die sind selbständig. Jetzt hat Plato auch noch die Idee des Guten. Die darf aber nicht irgend etwas sein, was die anderen Ideen dirigiert, sondern die Ideen haben untereinander eine Familienähnlichkeit. Durch die Idee des Guten wird nur die Familienähnlichkeit ausgedrückt. Ja aber, woher kommen denn Familienähnlichkeiten? Wenn irgendwo eine Familienähnlichkeit ist, so kommt sie doch von der Abstammung von einem Übergeordneten mindestens, wenn man den Ausdruck gebrauchen wollte. Die Idee des Guten, die weist auf eine Familienähnlichkeit; also müßte man ja erst recht an den Stammvater herankommen!

[ 8 ] Bitte, setzen Sie sich jetzt einmal ordentlich auf Ihre Stühle und schauen Sie sich Deussens Logik, diese Logik eines hervorragenden Philosophen der Gegenwart, genauer an. Da hat Plato die Ideen. Die sind selbständig. Jetzt hat Plato auch noch die Idee des Guten. Die darf aber nicht irgend etwas sein, was die anderen Ideen dirigiert, sondern die Ideen haben untereinander eine Familienähnlichkeit. Durch die Idee des Guten wird nur die Familienähnlichkeit ausgedrückt. Ja aber, woher kommen denn Familienähnlichkeiten? Wenn irgendwo eine Familienähnlichkeit ist, so kommt sie doch von der Abstammung von einem Übergeordneten mindestens, wenn man den Ausdruck gebrauchen wollte. Die Idee des Guten, die weist auf eine Familienähnlichkeit; also müßte man ja erst recht an den Stammvater herankommen!

[ 9 ] Ja, das steht in hervorragenden Philosophiegeschichten der Gegenwart! Die Menschen, die so etwas schreiben, werden Autoritäten in der Gegenwart. Die Leute lernen das und merken nicht, daß es der reine Unsinn ist. Man kann natürlich jemandem, der solch einen Unsinn redet über die griechische Philosophie, auch nicht zutrauen, daß er sehr viel über die indische Weisheit zu sagen hat. Aber dennoch, wenn Sie heute irgendwo etwas Autoritatives über die indische Weisheit suchen, so wird auf Paul Deussen gedeutet. Die Dinge sind schon schlimm.

[ 9 ] Ja, das steht in hervorragenden Philosophiegeschichten der Gegenwart! Die Menschen, die so etwas schreiben, werden Autoritäten in der Gegenwart. Die Leute lernen das und merken nicht, daß es der reine Unsinn ist. Man kann natürlich jemandem, der solch einen Unsinn redet über die griechische Philosophie, auch nicht zutrauen, daß er sehr viel über die indische Weisheit zu sagen hat. Aber dennoch, wenn Sie heute irgendwo etwas Autoritatives über die indische Weisheit suchen, so wird auf Paul Deussen gedeutet. Die Dinge sind schon schlimm.

[ 10 ] Ich wollte damit nur sagen, daß gegenwärtig auch für das Auffassen der Platonischen Philosophie selbst nicht viel Sinn vorhanden ist. Der gegenwärtige Intellektualismus ist eben dazu sehr wenig imstande. Daher kann auch so etwas nicht verstanden werden, was immerhin wenigstens noch zu den Überlieferungen gehört. Das ist, daß Plotin, der neuplatonische Philosoph — so nennt man ihn ja immer —, ein Schüler war des Ammonius Sakkas, der im Beginne des 3. nachchristlichen Jahrhunderts gelebt hat, aber nichts geschrieben, sondern nur einzelne Schüler unterrichtet hat. Geschrieben haben die hervorragendsten Geister gerade dieser Zeit überhaupt nichts, weil sie der Meinung waren, daß der Weisheitsinhalt als ein Lebendiges da sein müsse, daß er nicht übertragen werden könne durch die Schrift von dem einen auf den anderen, daß er nur von Mensch zu Mensch im unmittelbaren persönlichen Verkehr übertragen werden müsse. Nun wird von Ammonius Sakkas noch eines erzählt, dessen Bedeutung den Leuten wiederum nicht klar wird. Es wird erzählt, daß er sich bemühte, gegenüber den schrecklichen Streitereien der Anhänger des Aristoteles und der Anhänger Platos Einigkeit zu erzielen, indem er zeigte, wie eigentlich Plato und Aristoteles durchaus in Harmonie miteinander stehen.

[ 10 ] Ich wollte damit nur sagen, daß gegenwärtig auch für das Auffassen der Platonischen Philosophie selbst nicht viel Sinn vorhanden ist. Der gegenwärtige Intellektualismus ist eben dazu sehr wenig imstande. Daher kann auch so etwas nicht verstanden werden, was immerhin wenigstens noch zu den Überlieferungen gehört. Das ist, daß Plotin, der neuplatonische Philosoph — so nennt man ihn ja immer —, ein Schüler war des Ammonius Sakkas, der im Beginne des 3. nachchristlichen Jahrhunderts gelebt hat, aber nichts geschrieben, sondern nur einzelne Schüler unterrichtet hat. Geschrieben haben die hervorragendsten Geister gerade dieser Zeit überhaupt nichts, weil sie der Meinung waren, daß der Weisheitsinhalt als ein Lebendiges da sein müsse, daß er nicht übertragen werden könne durch die Schrift von dem einen auf den anderen, daß er nur von Mensch zu Mensch im unmittelbaren persönlichen Verkehr übertragen werden müsse. Nun wird von Ammonius Sakkas noch eines erzählt, dessen Bedeutung den Leuten wiederum nicht klar wird. Es wird erzählt, daß er sich bemühte, gegenüber den schrecklichen Streitereien der Anhänger des Aristoteles und der Anhänger Platos Einigkeit zu erzielen, indem er zeigte, wie eigentlich Plato und Aristoteles durchaus in Harmonie miteinander stehen.

[ 11 ] Ich möchte Ihnen einmal nur in wenigen Strichen charakterisieren, wie dieser Sakkas etwa über Plato und Aristoteles gesprochen haben könnte. Er charakterisierte seinerseits: Plato gehörte noch demjenigen Zeitalter an, in welchem viele Menschen ihren unmittelbaren Seelenweg hinauf in die geistige Welt fanden, mit anderen Worten, in welchem die Menschen das Initiationsprinzip noch gut kannten. Aber in älteren Zeiten, so mag etwa Ammonius Sakkas gesagt haben, war das logisch-abstrakte Denken gar nicht entwickelt. Davon sind nur die ersten Spuren jetzt vorhanden — ich meine «jetzt» im Beginne des 3, nachchristlichen Jahrhunderts. Gedanken, von Menschen ausgebildet, gab es eigentlich auch noch zu Platos Zeiten nicht. Aber während ältere Initiierte alles das, was sie den Menschen zu geben hatten, nur in Bildern, in Imaginationen gaben, war Plato einer der ersten, welcher die Imaginationen umwandelte in abstrakte Begriffe. Wenn man sich den mächtigen Bildinhalt vorstellt (rot), zu dem auch Plato den Menschen hinaufschauen lassen wollte, so war es durchaus so, daß sich für ältere Zeiten dieser Bildinhalt eben bloß in Imaginationen ausdrückte (orange), aber für Plato schon in Begriffen (weiß). Aber diese Begriffe strömten gewissermaßen aus dem göttlich-geistigen Inhalt herunter (Pfeile). Plato sagte: Die unterste Offenbarung, gewissermaßen die verdünnteste Offenbarung des göttlich-geistigen Inhaltes, sind die Ideen, Aristoteles hatte nicht mehr eine so intensive Möglichkeit, sich zu diesem geistigen Inhalt hinaufzuheben. Daher hatte er gewissermaßen nur das, was unterhalb des Bildinhaltes war, er hatte nur den Ideengehalt. Aber den konnte er noch als einen geoffenbarten auffassen. Es ist kein Unterschied zwischen Plato und Aristoteles, so sagte etwa Sakkas, als allein der, daß Plato höher hinaufschaute in die geistige Welt, und Aristoteles weniger hoch hinaufschaute in die geistige Welt.

[ 11 ] Ich möchte Ihnen einmal nur in wenigen Strichen charakterisieren, wie dieser Sakkas etwa über Plato und Aristoteles gesprochen haben könnte. Er charakterisierte seinerseits: Plato gehörte noch demjenigen Zeitalter an, in welchem viele Menschen ihren unmittelbaren Seelenweg hinauf in die geistige Welt fanden, mit anderen Worten, in welchem die Menschen das Initiationsprinzip noch gut kannten. Aber in älteren Zeiten, so mag etwa Ammonius Sakkas gesagt haben, war das logisch-abstrakte Denken gar nicht entwickelt. Davon sind nur die ersten Spuren jetzt vorhanden — ich meine «jetzt» im Beginne des 3, nachchristlichen Jahrhunderts. Gedanken, von Menschen ausgebildet, gab es eigentlich auch noch zu Platos Zeiten nicht. Aber während ältere Initiierte alles das, was sie den Menschen zu geben hatten, nur in Bildern, in Imaginationen gaben, war Plato einer der ersten, welcher die Imaginationen umwandelte in abstrakte Begriffe. Wenn man sich den mächtigen Bildinhalt vorstellt (rot), zu dem auch Plato den Menschen hinaufschauen lassen wollte, so war es durchaus so, daß sich für ältere Zeiten dieser Bildinhalt eben bloß in Imaginationen ausdrückte (orange), aber für Plato schon in Begriffen (weiß). Aber diese Begriffe strömten gewissermaßen aus dem göttlich-geistigen Inhalt herunter (Pfeile). Plato sagte: Die unterste Offenbarung, gewissermaßen die verdünnteste Offenbarung des göttlich-geistigen Inhaltes, sind die Ideen, Aristoteles hatte nicht mehr eine so intensive Möglichkeit, sich zu diesem geistigen Inhalt hinaufzuheben. Daher hatte er gewissermaßen nur das, was unterhalb des Bildinhaltes war, er hatte nur den Ideengehalt. Aber den konnte er noch als einen geoffenbarten auffassen. Es ist kein Unterschied zwischen Plato und Aristoteles, so sagte etwa Sakkas, als allein der, daß Plato höher hinaufschaute in die geistige Welt, und Aristoteles weniger hoch hinaufschaute in die geistige Welt.

[ 12 ] Damit glaubte Ammonius Sakkas die Streitigkeiten hinwegzufegen, die unter den Anhängern des Aristoteles und des Plato vorhanden waren. Und wenn sich auch der Weisheitsgehalt schon unter Plato und Aristoteles dem intellektualistischen Auffassen näherte, so waren immerhin in jenen alten Zeiten noch Möglichkeiten vorhanden, daß der eine oder der andere Mensch auch wirklich in persönlicher Erfahrung sehr weit in die Region des geistigen Schauens hinaufkam. Und so muß man sich schon vorstellen, daß solche Menschen, wie Ammonius Sakkas und sein Schüler Plotin, in der Tat noch voll von inneren unmittelbaren Geist-Erlebnissen waren und vor allen Dingen solche Geist-Erlebnisse hatten, daß bei ihnen die Anschauung über die geistige Welt einen vollkonkreten Inhalt hatte. Man hätte natürlich solchen Menschen nicht von einer äußeren Natur sprechen können, wie man es heute tut. Solche Menschen haben in ihren Schulen von einer geistigen Welt gesprochen, und die Natur unten, die heute vielen als das Ein und Alles gilt, war nur der unterste bildliche Ausdruck für das, was ihnen als geistige Welt bewußt war. Wie solche Menschen sprachen, davon kann man eine Vorstellung geben, wenn man einen der Nachfolger des Sakkas betrachtet, der noch tiefe Einsichten hatte und diese in das 4. Jahrhundert hinübertrug: Jamblichos.

[ 12 ] Damit glaubte Ammonius Sakkas die Streitigkeiten hinwegzufegen, die unter den Anhängern des Aristoteles und des Plato vorhanden waren. Und wenn sich auch der Weisheitsgehalt schon unter Plato und Aristoteles dem intellektualistischen Auffassen näherte, so waren immerhin in jenen alten Zeiten noch Möglichkeiten vorhanden, daß der eine oder der andere Mensch auch wirklich in persönlicher Erfahrung sehr weit in die Region des geistigen Schauens hinaufkam. Und so muß man sich schon vorstellen, daß solche Menschen, wie Ammonius Sakkas und sein Schüler Plotin, in der Tat noch voll von inneren unmittelbaren Geist-Erlebnissen waren und vor allen Dingen solche Geist-Erlebnisse hatten, daß bei ihnen die Anschauung über die geistige Welt einen vollkonkreten Inhalt hatte. Man hätte natürlich solchen Menschen nicht von einer äußeren Natur sprechen können, wie man es heute tut. Solche Menschen haben in ihren Schulen von einer geistigen Welt gesprochen, und die Natur unten, die heute vielen als das Ein und Alles gilt, war nur der unterste bildliche Ausdruck für das, was ihnen als geistige Welt bewußt war. Wie solche Menschen sprachen, davon kann man eine Vorstellung geben, wenn man einen der Nachfolger des Sakkas betrachtet, der noch tiefe Einsichten hatte und diese in das 4. Jahrhundert hinübertrug: Jamblichos.

[ 13 ] Stellen wir einmal das Weltbild des Jamblichos vor unsere Seele. Er hat etwa in der folgenden Weise zu seinen Schülern gesprochen. Er sagte: Will man die Welt verstehen, so darf man nicht auf den Raum schauen, denn im Raume ist nur der äußere Ausdruck der geistigen Welt vorhanden. Man darf auch nicht auf die Zeit schauen, denn in der Zeit spielt sich bloß die Illusion von dem ab, was wirklicher, wahrer Welteninhalt ist. Man muß aufschauen zu denjenigen Mächten in der geistigen Welt, welche die Zeit und den Zusammenhang der Zeit mit dem Raum gestalten. Man schaue hinaus in das ganze Weltenall. Alljährlich wiederholt sich der Kreisgang, der sich sichtbarlich äußerlich in der Sonne ausdrückt. Aber diese Sonne kreist durch den Tierkreis, durch die 12 Sternbilder. Das soll man nicht nur anglotzen. Denn in dem wirken und weben 360 himmlische Mächte, und sie sind es, die alles das bewirken, was im Laufe eines Jahres an Sonnenwirksamkeit ausgeht für die ganze den Menschen zugängliche Welt, und sie wiederholen den Zyklus in jedem Jahre. Wenn sie allein regierten, so würde das Jahr 360 Tage haben —, so etwa hatte Jamblichos seinen Schülern gesagt. Aber da bleiben 5 Tage übrig. Diese 5 Tage sind von 72 unterhimmlischen Mächten, den Planetengeistern, dirigiert. Ich zeichne dieses Fünfeck in den Kreis, weil ja 72 zu 360 sich verhält wie 1 zu 5. Die 5 übrigbleibenden Weltentage des Jahres, in denen also gewissermaßen die 360 himmlischen Mächte eine leere Zeit lassen würden, die werden dirigiert von den 72 unterhimmlischen Mächten. Nun wissen Sie ja, daß das Jahr nicht bloß 365 Tage, sondern noch einige Stunden mehr hat; für diese Stunden sind nach Jamblichos 42 irdische Mächte da.

[ 13 ] Stellen wir einmal das Weltbild des Jamblichos vor unsere Seele. Er hat etwa in der folgenden Weise zu seinen Schülern gesprochen. Er sagte: Will man die Welt verstehen, so darf man nicht auf den Raum schauen, denn im Raume ist nur der äußere Ausdruck der geistigen Welt vorhanden. Man darf auch nicht auf die Zeit schauen, denn in der Zeit spielt sich bloß die Illusion von dem ab, was wirklicher, wahrer Welteninhalt ist. Man muß aufschauen zu denjenigen Mächten in der geistigen Welt, welche die Zeit und den Zusammenhang der Zeit mit dem Raum gestalten. Man schaue hinaus in das ganze Weltenall. Alljährlich wiederholt sich der Kreisgang, der sich sichtbarlich äußerlich in der Sonne ausdrückt. Aber diese Sonne kreist durch den Tierkreis, durch die 12 Sternbilder. Das soll man nicht nur anglotzen. Denn in dem wirken und weben 360 himmlische Mächte, und sie sind es, die alles das bewirken, was im Laufe eines Jahres an Sonnenwirksamkeit ausgeht für die ganze den Menschen zugängliche Welt, und sie wiederholen den Zyklus in jedem Jahre. Wenn sie allein regierten, so würde das Jahr 360 Tage haben —, so etwa hatte Jamblichos seinen Schülern gesagt. Aber da bleiben 5 Tage übrig. Diese 5 Tage sind von 72 unterhimmlischen Mächten, den Planetengeistern, dirigiert. Ich zeichne dieses Fünfeck in den Kreis, weil ja 72 zu 360 sich verhält wie 1 zu 5. Die 5 übrigbleibenden Weltentage des Jahres, in denen also gewissermaßen die 360 himmlischen Mächte eine leere Zeit lassen würden, die werden dirigiert von den 72 unterhimmlischen Mächten. Nun wissen Sie ja, daß das Jahr nicht bloß 365 Tage, sondern noch einige Stunden mehr hat; für diese Stunden sind nach Jamblichos 42 irdische Mächte da.

[ 14 ] Weiter sagte Jamblichos zu seinen Schülern: Die 360 himmlischen Mächte hängen zusammen mit allem, was menschliche Hauptesorganisation ist. Die 72 unterhimmlischen Mächte hängen zusammen mit allem, was Brustorganisation, Atmungs- und Herzorganisation ist, und die 42 irdischen Mächte hängen zusammen mit all dem, was im Menschen die rein irdische Organisation der Verdauung, des Stoflwechsels und so weiter ist.

[ 14 ] Weiter sagte Jamblichos zu seinen Schülern: Die 360 himmlischen Mächte hängen zusammen mit allem, was menschliche Hauptesorganisation ist. Die 72 unterhimmlischen Mächte hängen zusammen mit allem, was Brustorganisation, Atmungs- und Herzorganisation ist, und die 42 irdischen Mächte hängen zusammen mit all dem, was im Menschen die rein irdische Organisation der Verdauung, des Stoflwechsels und so weiter ist.

[ 15 ] So wurde der Mensch hineingestellt in ein geistiges System, in ein geistiges Weltsystem. Heute beginnen wir unsere Physiologien damit, daß wir auseinandergesetzt bekommen, wieviel der Mensch an Kohlenstoff, an Wasserstoff, Stickstoff, Schwefel, Phosphor, Kalk und so weiter aufnimmt. Wir setzen den Menschen in Beziehung zu dem, was leblose Natur ist. Jamblichos würde in seinen Schulen den Menschen dargestellt haben, wie er zu den 42 irdischen, zu den 72 zwischenhimmlischen oder planetarischen und zu den 360 himmlischen Mächten steht. Wie heute der Mensch dargestellt wird als etwas, was aus den Stoffen der Erde zusammengesetzt ist, so wurde der Mensch dazumal dargestellt als etwas, was herunterfließt aus den Kräften, aus den Agenzien des geistigen Weltenalls. Man kann nur sagen, es war eine ungeheure, eine hohe Weisheit, welche damals in diesen Schulen vertreten worden ist. Man kann begreifen, daß Plotin, der erst im achtundzwanzigsten Lebensjahre dazu gekommen ist, ein Zuhörer des Ammonius Sakkas zu werden, sich wie in einer anderen Welt fühlte, weil er fähig war, etwas von dieser Weisheit aufzunehmen. Und diese Weisheit wurde noch an vielen Stätten in den ersten vier Jahrhunderten nach dem Mysterium von Golgatha gepflegt. Mit dieser Weisheit versuchte man auch zu verstehen, wie der Christus heruntergekommen war zum Jesus von Nazareth. Man versuchte zu verstehen, wie der Christus sich in diese ganze mächtige Welt geistiger Hierarchien, in dieses geistige Weltengebäude hineinstellt.

[ 15 ] So wurde der Mensch hineingestellt in ein geistiges System, in ein geistiges Weltsystem. Heute beginnen wir unsere Physiologien damit, daß wir auseinandergesetzt bekommen, wieviel der Mensch an Kohlenstoff, an Wasserstoff, Stickstoff, Schwefel, Phosphor, Kalk und so weiter aufnimmt. Wir setzen den Menschen in Beziehung zu dem, was leblose Natur ist. Jamblichos würde in seinen Schulen den Menschen dargestellt haben, wie er zu den 42 irdischen, zu den 72 zwischenhimmlischen oder planetarischen und zu den 360 himmlischen Mächten steht. Wie heute der Mensch dargestellt wird als etwas, was aus den Stoffen der Erde zusammengesetzt ist, so wurde der Mensch dazumal dargestellt als etwas, was herunterfließt aus den Kräften, aus den Agenzien des geistigen Weltenalls. Man kann nur sagen, es war eine ungeheure, eine hohe Weisheit, welche damals in diesen Schulen vertreten worden ist. Man kann begreifen, daß Plotin, der erst im achtundzwanzigsten Lebensjahre dazu gekommen ist, ein Zuhörer des Ammonius Sakkas zu werden, sich wie in einer anderen Welt fühlte, weil er fähig war, etwas von dieser Weisheit aufzunehmen. Und diese Weisheit wurde noch an vielen Stätten in den ersten vier Jahrhunderten nach dem Mysterium von Golgatha gepflegt. Mit dieser Weisheit versuchte man auch zu verstehen, wie der Christus heruntergekommen war zum Jesus von Nazareth. Man versuchte zu verstehen, wie der Christus sich in diese ganze mächtige Welt geistiger Hierarchien, in dieses geistige Weltengebäude hineinstellt.

[ 16 ] Und nun will ich noch ein Kapitel der Jamblichos-Weisheit, die er in seinen Schulen vortrug, behandeln. Er sagte: Da sind also 360 himmlische Mächte, da sind 72 planetarische Mächte und 42 irdische Mächte. Da sind also im ganzen 474 göttliche Wesenheiten der verschiedensten Rangordnungen. Ihr könnt nun, so sagte Jamblichos zu seinen Schülern, nachschauen im fernsten Osten, da werdet ihr sehen, daß es dort Völker gibt, die euch ihre Götternamen nennen. Dann geht ihr zu den Ägyptern, die nennen euch wiederum ihre Götternamen, zu anderen Völkern, auch diese nennen euch ihre Götternamen. Dann geht ihr zu den Phöniziern, dann zu den Hellenen, wiederum findet ihr Götternamen. Und geht ihr hinüber zu den Römern, wieder findet ihr Götternamen. Wenn ihr die 474 Götternamen nehmt, so sind alle diese verschiedenen Götter der verschiedenen Völker darinnen: Zeus, Apollo, auch Baal, Amon, der ägyptische Gott, alle Götter gehören zu diesen 474. Daß die Völker verschiedene Götter haben, das liegt nur daran, daß das eine Volk sich von den 474 Göttern 12 oder 17 herausgenommen hat, das andere 20 oder 25, das andere Volk 3, 4 und so weiter. Aber wenn man diese verschiedenen Gottheiten der verschiedenen Völker richtig versteht, dann bekommt man 473 heraus. Und der höchste, der vornehmste, derjenige, der in einer bestimmten Zeit zur Erde niedergekommen ist, das ist der Christus.

[ 16 ] Und nun will ich noch ein Kapitel der Jamblichos-Weisheit, die er in seinen Schulen vortrug, behandeln. Er sagte: Da sind also 360 himmlische Mächte, da sind 72 planetarische Mächte und 42 irdische Mächte. Da sind also im ganzen 474 göttliche Wesenheiten der verschiedensten Rangordnungen. Ihr könnt nun, so sagte Jamblichos zu seinen Schülern, nachschauen im fernsten Osten, da werdet ihr sehen, daß es dort Völker gibt, die euch ihre Götternamen nennen. Dann geht ihr zu den Ägyptern, die nennen euch wiederum ihre Götternamen, zu anderen Völkern, auch diese nennen euch ihre Götternamen. Dann geht ihr zu den Phöniziern, dann zu den Hellenen, wiederum findet ihr Götternamen. Und geht ihr hinüber zu den Römern, wieder findet ihr Götternamen. Wenn ihr die 474 Götternamen nehmt, so sind alle diese verschiedenen Götter der verschiedenen Völker darinnen: Zeus, Apollo, auch Baal, Amon, der ägyptische Gott, alle Götter gehören zu diesen 474. Daß die Völker verschiedene Götter haben, das liegt nur daran, daß das eine Volk sich von den 474 Göttern 12 oder 17 herausgenommen hat, das andere 20 oder 25, das andere Volk 3, 4 und so weiter. Aber wenn man diese verschiedenen Gottheiten der verschiedenen Völker richtig versteht, dann bekommt man 473 heraus. Und der höchste, der vornehmste, derjenige, der in einer bestimmten Zeit zur Erde niedergekommen ist, das ist der Christus.

[ 17 ] Es war gerade in dieser Weisheit eine tiefe Tendenz, Frieden zu stiften unter den verschiedensten Religionen, aber nicht aus einem unbestimmten Gefühl heraus, sondern indem man erkennen wollte, wie eben für den, der aus dem Weltengebäude heraus die 474 Götter wirklich kennenlernte, die verschiedenen Gottheiten der verschiedenen Völker sich einreihten in ein großes System, und man hat den ganzen Götterolymp aller Völker der alten Zeit so verstehen wollen, daß das alles in dem Christentum gipfelte. Gekrönt werden sollte dieses Gebäude davon, daß eben verstanden werden sollte, wie der Christus im Jesus von Nazareth seinen Platz zu seiner Erdenwirksamkeit gefunden hatte.

[ 17 ] Es war gerade in dieser Weisheit eine tiefe Tendenz, Frieden zu stiften unter den verschiedensten Religionen, aber nicht aus einem unbestimmten Gefühl heraus, sondern indem man erkennen wollte, wie eben für den, der aus dem Weltengebäude heraus die 474 Götter wirklich kennenlernte, die verschiedenen Gottheiten der verschiedenen Völker sich einreihten in ein großes System, und man hat den ganzen Götterolymp aller Völker der alten Zeit so verstehen wollen, daß das alles in dem Christentum gipfelte. Gekrönt werden sollte dieses Gebäude davon, daß eben verstanden werden sollte, wie der Christus im Jesus von Nazareth seinen Platz zu seiner Erdenwirksamkeit gefunden hatte.

[ 18 ] Wenn man so hineinschaut in jene allerdings heute nicht mehr gültige Geisteswissenschaft — denn heute müssen wir auf eine andere Weise Geisteswissenschaft betreiben —, dann bekommt man eine ungeheure Achtung vor dem, was da gelehrt worden ist über das übersinnliche Weltenall, über den übersinnlichen Kosmos. Aber abhängig machte man die Erkenntnis dieses Weltenalls davon, daß immer die Weisheit übertragen werden sollte durch unmittelbare Schülerschaft gegenüber den älteren Eingeweihten; daß die Weisheit nur demjenigen übertragen werden sollte, den man zuerst in bezug auf seine Erkenntnisfähigkeiten wirklich bis zu der entsprechenden Stufe vorbereitet hatte, auf der er die Wesenheit des einen oder des anderen Gottes begreifen mußte.

[ 18 ] Wenn man so hineinschaut in jene allerdings heute nicht mehr gültige Geisteswissenschaft — denn heute müssen wir auf eine andere Weise Geisteswissenschaft betreiben —, dann bekommt man eine ungeheure Achtung vor dem, was da gelehrt worden ist über das übersinnliche Weltenall, über den übersinnlichen Kosmos. Aber abhängig machte man die Erkenntnis dieses Weltenalls davon, daß immer die Weisheit übertragen werden sollte durch unmittelbare Schülerschaft gegenüber den älteren Eingeweihten; daß die Weisheit nur demjenigen übertragen werden sollte, den man zuerst in bezug auf seine Erkenntnisfähigkeiten wirklich bis zu der entsprechenden Stufe vorbereitet hatte, auf der er die Wesenheit des einen oder des anderen Gottes begreifen mußte.

[ 19 ] Man kann sagen: Überall, in Griechenland, in Ägypten, in Vorderasien wurde das innerhalb derjenigen Kreise, auf die es ankam mit Bezug auf die geistige Kultur, so angesehen, nicht aber innerhalb der römischen Welt. Diese römische Welt hatte ja allerdings auch noch Überreste jener alten Weisheit. Plotin selber lehrte lange Zeit in Italien, innerhalb der alten römischen Welt. Aber in die alte römische Welt war ein abstrakter Geist eingezogen, ein Geist, der nicht mehr im früheren Sinne den Wert der menschlichen Persönlichkeit verstehen konnte, den Wert des Wesenhaften überhaupt. Der Geist des Begrifflichen war eingezogen im Römertum, der Geist der Abstraktion; zwar noch nicht so wie in der späteren Zeit, aber weil er erst in seinen elementaren Formen war, wurde er, ich möchte sagen, um so energischer festgehalten.

[ 19 ] Man kann sagen: Überall, in Griechenland, in Ägypten, in Vorderasien wurde das innerhalb derjenigen Kreise, auf die es ankam mit Bezug auf die geistige Kultur, so angesehen, nicht aber innerhalb der römischen Welt. Diese römische Welt hatte ja allerdings auch noch Überreste jener alten Weisheit. Plotin selber lehrte lange Zeit in Italien, innerhalb der alten römischen Welt. Aber in die alte römische Welt war ein abstrakter Geist eingezogen, ein Geist, der nicht mehr im früheren Sinne den Wert der menschlichen Persönlichkeit verstehen konnte, den Wert des Wesenhaften überhaupt. Der Geist des Begrifflichen war eingezogen im Römertum, der Geist der Abstraktion; zwar noch nicht so wie in der späteren Zeit, aber weil er erst in seinen elementaren Formen war, wurde er, ich möchte sagen, um so energischer festgehalten.

[ 20 ] Und so sehen wir denn, als das 4. nachchristliche Jahrhundert beginnt, auf dem Boden von Italien eine Art von Schule, welche den Kampf gegen das alte Initiationsprinzip aufnimmt, welche überhaupt den Kampf aufnimmt gegen das Präparieren des einzelnen Menschen zur Initiation hin. Eine Schule sehen wir entstehen, welche alles das sammelt und sorgfältig registriert, was von den alten Initiationen überliefert ist. Diese Schule, die aus dem 3. in das 4. Jahrhundert noch herüberwächst, geht darauf aus, das römische Wesen selber zu verewigen, an die Stelle des unmittelbaren individuellen Strebens jedes einzelnen Menschen die historische Tradition zu setzen. Und in dieses römische Prinzip wächst nun das Christentum hinein. Verwischt werden sollte gerade von dieser Schule, die am Ausgangspunkte jenes Christentums steht, das erst etwa im 4. nachchristlichen Jahrhundert beginnt, verwischt werden sollte namentlich alles, was man innerhalb der alten Initiation immerhin noch hat finden können über das Wohnen des Christus in der Persönlichkeit des Jesus.

[ 20 ] Und so sehen wir denn, als das 4. nachchristliche Jahrhundert beginnt, auf dem Boden von Italien eine Art von Schule, welche den Kampf gegen das alte Initiationsprinzip aufnimmt, welche überhaupt den Kampf aufnimmt gegen das Präparieren des einzelnen Menschen zur Initiation hin. Eine Schule sehen wir entstehen, welche alles das sammelt und sorgfältig registriert, was von den alten Initiationen überliefert ist. Diese Schule, die aus dem 3. in das 4. Jahrhundert noch herüberwächst, geht darauf aus, das römische Wesen selber zu verewigen, an die Stelle des unmittelbaren individuellen Strebens jedes einzelnen Menschen die historische Tradition zu setzen. Und in dieses römische Prinzip wächst nun das Christentum hinein. Verwischt werden sollte gerade von dieser Schule, die am Ausgangspunkte jenes Christentums steht, das erst etwa im 4. nachchristlichen Jahrhundert beginnt, verwischt werden sollte namentlich alles, was man innerhalb der alten Initiation immerhin noch hat finden können über das Wohnen des Christus in der Persönlichkeit des Jesus.

[ 21 ] In dieser römischen Schule hatte man den Grundsatz: So etwas, wie es Ammonius Sakkas gelehrt hat, wie es Jamblichos gelehrt hat, darf nicht auf die Nachwelt kommen. — Geradeso wie man dazumal im breitesten Umfange darangegangen ist, die alten Tempel zu zerstören, die alten Altäre auszumerzen, zu vernichten, was vom alten Heidentum übriggeblieben war, so ging man in einer gewissen Weise geistig daran, alles, was die Auffindungsprinzipien der höheren Welt waren, auszulöschen. Und so setzte man, um ein Beispiel herauszugreifen, an die Stelle dessen, was man noch von Jamblichos und Ammonius Sakkas gewußt hatte: daß der einzelne Mensch sich hinaufentwickeln kann, um zu begreifen, wie der Christus im Leibe des Jesus Platz nimmt —, an die Stelle dessen setzte man das Dogma von der einen göttlichen Natur oder den zwei Naturen in der Persönlichkeit des Christus. Das Dogma sollte voll bewahrt werden, und die Einsicht, die Einsichtsmöglichkeit sollte verschüttet werden. Innerhalb des alten Rom ging die Umwandlung der alten Weisheitswege in die Dogmatik vor sich. Und man bemühte sich, alle Nachrichten, alles, was an das Alte erinnerte, möglichst zu zerstören, so daß von solchen Leuten wie Ammonius Sakkas, wie Jamblichos, nur die Namen geblieben sind. Von zahlreichen anderen, die als Weisheitslehrer in den südlichen Gegenden Europas waren, sind nicht einmal die Namen geblieben. So wie all die Altäre gestürzt worden sind, wie all die Tempel ausgerottet, bis auf den Boden verbrannt worden sind, so ist auch alte Weisheit ausgetilgt worden, so daß die Menschen heute nicht einmal ahnen, was in den ersten vier Jahrhunderten nach dem Mysterium von Golgatha noch im Süden Europas an Weisheit gelebt hat.

[ 21 ] In dieser römischen Schule hatte man den Grundsatz: So etwas, wie es Ammonius Sakkas gelehrt hat, wie es Jamblichos gelehrt hat, darf nicht auf die Nachwelt kommen. — Geradeso wie man dazumal im breitesten Umfange darangegangen ist, die alten Tempel zu zerstören, die alten Altäre auszumerzen, zu vernichten, was vom alten Heidentum übriggeblieben war, so ging man in einer gewissen Weise geistig daran, alles, was die Auffindungsprinzipien der höheren Welt waren, auszulöschen. Und so setzte man, um ein Beispiel herauszugreifen, an die Stelle dessen, was man noch von Jamblichos und Ammonius Sakkas gewußt hatte: daß der einzelne Mensch sich hinaufentwickeln kann, um zu begreifen, wie der Christus im Leibe des Jesus Platz nimmt —, an die Stelle dessen setzte man das Dogma von der einen göttlichen Natur oder den zwei Naturen in der Persönlichkeit des Christus. Das Dogma sollte voll bewahrt werden, und die Einsicht, die Einsichtsmöglichkeit sollte verschüttet werden. Innerhalb des alten Rom ging die Umwandlung der alten Weisheitswege in die Dogmatik vor sich. Und man bemühte sich, alle Nachrichten, alles, was an das Alte erinnerte, möglichst zu zerstören, so daß von solchen Leuten wie Ammonius Sakkas, wie Jamblichos, nur die Namen geblieben sind. Von zahlreichen anderen, die als Weisheitslehrer in den südlichen Gegenden Europas waren, sind nicht einmal die Namen geblieben. So wie all die Altäre gestürzt worden sind, wie all die Tempel ausgerottet, bis auf den Boden verbrannt worden sind, so ist auch alte Weisheit ausgetilgt worden, so daß die Menschen heute nicht einmal ahnen, was in den ersten vier Jahrhunderten nach dem Mysterium von Golgatha noch im Süden Europas an Weisheit gelebt hat.

[ 22 ] Von dem aber, was da vorgegangen ist, erreichte die Kunde doch immerhin auch die anderen Menschen, die sich für solche Dinge interessierten, die da sahen, wie allerdings in rasendem Tempo das alte Römertum zugrunde ging, wie das Christentum sich ausbreitete. Aber nachdem man das, was, ich möchte sagen, an glorreichem Empfang dem Mysterium von Golgatha bereitet worden war, ausgelöscht hatte, konnte man ja die Vereinigung des Christus mit dem Jesus nur noch in einem Dogma sehen, das dann durch die Konzilien mehr oder weniger abstrakt aus romanisch-römischem Geist heraus festgelegt worden ist. Ausgelöscht wurde die lebendige Weisheit, und die Abstraktion, die dann als Offenbarungsinhalt weiterwirkte, trat an ihre Stelle.

[ 22 ] Von dem aber, was da vorgegangen ist, erreichte die Kunde doch immerhin auch die anderen Menschen, die sich für solche Dinge interessierten, die da sahen, wie allerdings in rasendem Tempo das alte Römertum zugrunde ging, wie das Christentum sich ausbreitete. Aber nachdem man das, was, ich möchte sagen, an glorreichem Empfang dem Mysterium von Golgatha bereitet worden war, ausgelöscht hatte, konnte man ja die Vereinigung des Christus mit dem Jesus nur noch in einem Dogma sehen, das dann durch die Konzilien mehr oder weniger abstrakt aus romanisch-römischem Geist heraus festgelegt worden ist. Ausgelöscht wurde die lebendige Weisheit, und die Abstraktion, die dann als Offenbarungsinhalt weiterwirkte, trat an ihre Stelle.

[ 23 ] Die Geschichte von diesen Dingen ist ja wie ausgelöscht, aber dazumal, in den ersten christlichen Jahrhunderten, gab es zahlreiche Menschen, die sagten: Ja, es leben solche Eingeweihte, wie Jamblichos einer war. Das sind diejenigen, die von dem wirklichen Christentum erzählten. Für die ist der Christus der «Christus». Aber was haben die Römer immer mehr und mehr gemacht? Die Römer haben aus dem Christentum gemacht, was man nur «Die Galiläer» nennen kann. Das war eine Zeitlang, als das 3., 4. Jahrhundert begann, ein Ausdruck, der gebraucht wurde, um ein großes Mißverständnis zuzudecken. Als das Christentum immer weniger und weniger verstanden wurde, sprach man immer mehr und mehr von den Galiläern; immer weniger wußte man von dem Christus, immer mehr gab man auf die menschliche Persönlichkeit des «Galiläers».

[ 23 ] Die Geschichte von diesen Dingen ist ja wie ausgelöscht, aber dazumal, in den ersten christlichen Jahrhunderten, gab es zahlreiche Menschen, die sagten: Ja, es leben solche Eingeweihte, wie Jamblichos einer war. Das sind diejenigen, die von dem wirklichen Christentum erzählten. Für die ist der Christus der «Christus». Aber was haben die Römer immer mehr und mehr gemacht? Die Römer haben aus dem Christentum gemacht, was man nur «Die Galiläer» nennen kann. Das war eine Zeitlang, als das 3., 4. Jahrhundert begann, ein Ausdruck, der gebraucht wurde, um ein großes Mißverständnis zuzudecken. Als das Christentum immer weniger und weniger verstanden wurde, sprach man immer mehr und mehr von den Galiläern; immer weniger wußte man von dem Christus, immer mehr gab man auf die menschliche Persönlichkeit des «Galiläers».

[ 24 ] Aus diesem geistigen Milieu heraus ist dann Julianas, der sogenannte Apostat, erwachsen, der noch vieles von Schülern des Jamblichos aufgenommen hat, der noch etwas davon wußte, daß ein geistiges Weltenall da ist, das herunterreicht bis in die einzelnen Naturdinge hinein. Von den Schülern des Jamblichos hat Julianus der Apostat noch gehört, wie bis in das einzelne Tier, in die einzelne Pflanze hinein die Kräfte wirken von den 360 himmlischen Mächten, den 72 Zwischenmächten, den planetarischen Mächten, den 42 irdischen Mächten. Man verstand in der damaligen Zeit noch so etwas, wie es sich wunderbar ausdrückt in einer Legende, die in bezug auf die Persönlichkeit des Plotin erzählt wird und die eine tiefe Bedeutung hat. Diese Legende lautet: Es gab schon viele, welche nicht mehr glauben wollten, daß jemand mit dem göttlichen Geist inspiriert sein könnte, und die sagten, daß jemand, der selber behauptet, er wisse etwas von der göttlich-geistigen Welt, von einem Dämon besessen sei. Deshalb wurde Plotin vor den ägyptischen Isistempel geschleppt, wo sich entscheiden sollte, welcher Dämon den Plotin von sich besessen gemacht hätte. Und als die ägyptischen Priester kamen, die noch eine Kenntnis von diesen Dingen hatten, und, vor dem Isisaltar, mit all den Kultushandlungen, die dazumal möglich waren, den Plotin prüften, siehe, da kam statt eines Dämons die Gottheit selbst zum Vorschein! — Es gab also in jenen Zeiten immerhin noch die Möglichkeit, wenigstens zuzugeben, daß man prüfen könne, ob irgend jemand in sich den guten Gott oder einen Dämon trüge.

[ 24 ] Aus diesem geistigen Milieu heraus ist dann Julianas, der sogenannte Apostat, erwachsen, der noch vieles von Schülern des Jamblichos aufgenommen hat, der noch etwas davon wußte, daß ein geistiges Weltenall da ist, das herunterreicht bis in die einzelnen Naturdinge hinein. Von den Schülern des Jamblichos hat Julianus der Apostat noch gehört, wie bis in das einzelne Tier, in die einzelne Pflanze hinein die Kräfte wirken von den 360 himmlischen Mächten, den 72 Zwischenmächten, den planetarischen Mächten, den 42 irdischen Mächten. Man verstand in der damaligen Zeit noch so etwas, wie es sich wunderbar ausdrückt in einer Legende, die in bezug auf die Persönlichkeit des Plotin erzählt wird und die eine tiefe Bedeutung hat. Diese Legende lautet: Es gab schon viele, welche nicht mehr glauben wollten, daß jemand mit dem göttlichen Geist inspiriert sein könnte, und die sagten, daß jemand, der selber behauptet, er wisse etwas von der göttlich-geistigen Welt, von einem Dämon besessen sei. Deshalb wurde Plotin vor den ägyptischen Isistempel geschleppt, wo sich entscheiden sollte, welcher Dämon den Plotin von sich besessen gemacht hätte. Und als die ägyptischen Priester kamen, die noch eine Kenntnis von diesen Dingen hatten, und, vor dem Isisaltar, mit all den Kultushandlungen, die dazumal möglich waren, den Plotin prüften, siehe, da kam statt eines Dämons die Gottheit selbst zum Vorschein! — Es gab also in jenen Zeiten immerhin noch die Möglichkeit, wenigstens zuzugeben, daß man prüfen könne, ob irgend jemand in sich den guten Gott oder einen Dämon trüge.

[ 25 ] Von solchen Dingen hörte Julian der Apostat noch. Aber auf der anderen Seite klang in seinen Ohren auch noch so etwas wie jene Schrift, die viel in den ersten christlichen Jahrhunderten im Römerreich herumging und die man eine Predigt des Apostels Petrus nannte, die aber eine Fälschung war. In dieser Schrift wurde gesagt: Seht hin auf die gottlosen Hellenen, die sehen in jedem einzelnen Naturwesen ein Göttlich-Geistiges. Das ist gottlos, das dürft ihr nicht! Ihr dürft in der Natur, in dem Tier, in der Pflanze nicht irgend etwas Göttlich-Geistiges sehen, ihr dürft euch nicht erniedrigen zu dem Glauben, daß im Sonnengang oder im Mondengange irgend etwas Göttliches enthalten sei. — So klang es an Julianus den Apostaten heran, von der einen und von der anderen Seite her. Und er faßte eine tiefe Liebe zu dem Hellenentum. Er wurde zu der tragischen Persönlichkeit, welche in dem Sinne des Jamblichos über das Christentum reden wollte.

[ 25 ] Von solchen Dingen hörte Julian der Apostat noch. Aber auf der anderen Seite klang in seinen Ohren auch noch so etwas wie jene Schrift, die viel in den ersten christlichen Jahrhunderten im Römerreich herumging und die man eine Predigt des Apostels Petrus nannte, die aber eine Fälschung war. In dieser Schrift wurde gesagt: Seht hin auf die gottlosen Hellenen, die sehen in jedem einzelnen Naturwesen ein Göttlich-Geistiges. Das ist gottlos, das dürft ihr nicht! Ihr dürft in der Natur, in dem Tier, in der Pflanze nicht irgend etwas Göttlich-Geistiges sehen, ihr dürft euch nicht erniedrigen zu dem Glauben, daß im Sonnengang oder im Mondengange irgend etwas Göttliches enthalten sei. — So klang es an Julianus den Apostaten heran, von der einen und von der anderen Seite her. Und er faßte eine tiefe Liebe zu dem Hellenentum. Er wurde zu der tragischen Persönlichkeit, welche in dem Sinne des Jamblichos über das Christentum reden wollte.

[ 26 ] Es ist gar nicht auszudenken, was etwa in Europa geschehen wäre, wenn nicht das Römertum, sondern das Christentum Julians des Apostaten gesiegt hätte, wenn gesiegt hätte sein Wille, die Initiationsschulen wiederum aufzubauen, so daß die Menschen selber hätten Einsicht nehmen können, wie der Christus in dem Jesus gewohnt hat und wie der Christus zu den anderen Volksgöttern stand. Julian Apostata wollte nicht die heidnischen Tempel zerstören. Er wollte sogar den Tempel zu Jerusalem, den Judentempel wieder herstellen. Er wollte die heidnischen Tempel wieder herstellen, und er nahm sich auch der Christen an. Nur eben Wahrheit wollte er haben. Er wurde vor allen Dingen durch jene Schule des alten Rom gestört, von der ich gesprochen habe, die das alte Initiationsprinzip auslöschen wollte und auch in Wirklichkeit ausgelöscht hat und die bloß die Traditionen, die registrierten alten Initiationsweisheiten an deren Stelle setzen wollte.

[ 26 ] Es ist gar nicht auszudenken, was etwa in Europa geschehen wäre, wenn nicht das Römertum, sondern das Christentum Julians des Apostaten gesiegt hätte, wenn gesiegt hätte sein Wille, die Initiationsschulen wiederum aufzubauen, so daß die Menschen selber hätten Einsicht nehmen können, wie der Christus in dem Jesus gewohnt hat und wie der Christus zu den anderen Volksgöttern stand. Julian Apostata wollte nicht die heidnischen Tempel zerstören. Er wollte sogar den Tempel zu Jerusalem, den Judentempel wieder herstellen. Er wollte die heidnischen Tempel wieder herstellen, und er nahm sich auch der Christen an. Nur eben Wahrheit wollte er haben. Er wurde vor allen Dingen durch jene Schule des alten Rom gestört, von der ich gesprochen habe, die das alte Initiationsprinzip auslöschen wollte und auch in Wirklichkeit ausgelöscht hat und die bloß die Traditionen, die registrierten alten Initiationsweisheiten an deren Stelle setzen wollte.

[ 27 ] Und man wußte es ja einzurichten, daß Julian im richtigen Momente von einer persischen Lanze getroffen wurde. Dazumal fiel das Wort, das seither niemals, auch nicht von Ibsen verstanden worden ist, das aber aus der damaligen Tradition heraus verstanden werden kann: Leider nicht der Christus, der Galiläer hat gesiegt! — Denn in diesem Todes-, in diesem Sterbemomente stand vor Julian Apostatas prophetischem Blick die Aussicht, daß nun immer mehr und mehr die Anschauung von dem göttlichen Christus schwinden werde, und der «Galiläer», der nur aus dem Galiläerstamm heraus stammende Mensch, allmählich wie ein Gott verehrt werden wird. Die ganze Entwickelung, die dann immer weiter heraufkam, bis in der neueren Zeit, im 19. Jahrhundert, die Theologie den Christus in dem Jesus vollständig verloren hatte, sie sah, mit einem ungeheuren Seherblick dazumal, in seinem dreißigsten Lebensjahre, Julian der Apostat voraus. Apostat war er in bezug auf das, was eigentlich erst kam. Der Apostat war eigentlich ein Apostel in bezug auf das, was ein Erfassen des Mysteriums von Golgatha im Geiste war und wieder werden muß.

[ 27 ] Und man wußte es ja einzurichten, daß Julian im richtigen Momente von einer persischen Lanze getroffen wurde. Dazumal fiel das Wort, das seither niemals, auch nicht von Ibsen verstanden worden ist, das aber aus der damaligen Tradition heraus verstanden werden kann: Leider nicht der Christus, der Galiläer hat gesiegt! — Denn in diesem Todes-, in diesem Sterbemomente stand vor Julian Apostatas prophetischem Blick die Aussicht, daß nun immer mehr und mehr die Anschauung von dem göttlichen Christus schwinden werde, und der «Galiläer», der nur aus dem Galiläerstamm heraus stammende Mensch, allmählich wie ein Gott verehrt werden wird. Die ganze Entwickelung, die dann immer weiter heraufkam, bis in der neueren Zeit, im 19. Jahrhundert, die Theologie den Christus in dem Jesus vollständig verloren hatte, sie sah, mit einem ungeheuren Seherblick dazumal, in seinem dreißigsten Lebensjahre, Julian der Apostat voraus. Apostat war er in bezug auf das, was eigentlich erst kam. Der Apostat war eigentlich ein Apostel in bezug auf das, was ein Erfassen des Mysteriums von Golgatha im Geiste war und wieder werden muß.

[ 28 ] Neuere geologische Schichten bedecken immer die alten, und man muß erst durch die neueren Schichten hindurch, wenn man zu den alten hinunterkommen will. Man möchte vielleicht nicht glauben, wie dick die Schichten sind, die historisch abgelagert sind im Menschenwerden. Denn, was sich da vom 4. Jahrhundert ab unter dem Einfluß des Romanismus als Schichten gelegt hat über die ersten Auffassungen des Mysteriums von Golgatha, das ist sehr dick. Aber wir müssen wiederum die Möglichkeit finden, durch ursprüngliche Geisteserkenntnisse diese Schichten zu durchdringen, um auch das Altehrwürdige, das als Geistiges ebenso hinweggefegt worden ist wie die alten heidnischen Altäre, wiederzufinden.

[ 28 ] Neuere geologische Schichten bedecken immer die alten, und man muß erst durch die neueren Schichten hindurch, wenn man zu den alten hinunterkommen will. Man möchte vielleicht nicht glauben, wie dick die Schichten sind, die historisch abgelagert sind im Menschenwerden. Denn, was sich da vom 4. Jahrhundert ab unter dem Einfluß des Romanismus als Schichten gelegt hat über die ersten Auffassungen des Mysteriums von Golgatha, das ist sehr dick. Aber wir müssen wiederum die Möglichkeit finden, durch ursprüngliche Geisteserkenntnisse diese Schichten zu durchdringen, um auch das Altehrwürdige, das als Geistiges ebenso hinweggefegt worden ist wie die alten heidnischen Altäre, wiederzufinden.

[ 29 ] Die ägyptischen Priester haben noch konstatiert, daß Plotin nicht einen Teufel, einen Dämon, sondern einen Gott in sich trug. Im europäischen Westen konstatierte man aber, daß er jedenfalls einen Dämon in sich hatte. Lesen Sie die Dinge nach bis herauf zu der Rede von Brentano «Was für ein Philosoph manchmal Epoche macht», dann werden Sie finden: Die ägyptischen Tempelpriester konstatierten, daß in dem Plotin, in dem Philosophen des 3. nachchristlichen Jahrhunderts, nicht ein Dämon, sondern ein Gott lebte; Brentano konstatierte, daß nicht ein Gott, sondern ein Dämon in ihm lebte.

[ 29 ] Die ägyptischen Priester haben noch konstatiert, daß Plotin nicht einen Teufel, einen Dämon, sondern einen Gott in sich trug. Im europäischen Westen konstatierte man aber, daß er jedenfalls einen Dämon in sich hatte. Lesen Sie die Dinge nach bis herauf zu der Rede von Brentano «Was für ein Philosoph manchmal Epoche macht», dann werden Sie finden: Die ägyptischen Tempelpriester konstatierten, daß in dem Plotin, in dem Philosophen des 3. nachchristlichen Jahrhunderts, nicht ein Dämon, sondern ein Gott lebte; Brentano konstatierte, daß nicht ein Gott, sondern ein Dämon in ihm lebte.

[ 30 ] Und das ist es, was nun auch geschah im 19. Jahrhundert: daß die Götter für Dämonen und die Dämonen für Götter angesehen wurden, daß man nicht mehr unterscheiden konnte im Weltenall zwischen Göttern und Dämonen. Das aber lebt dann in dem Chaos unserer Zivilisation weiter.

[ 30 ] Und das ist es, was nun auch geschah im 19. Jahrhundert: daß die Götter für Dämonen und die Dämonen für Götter angesehen wurden, daß man nicht mehr unterscheiden konnte im Weltenall zwischen Göttern und Dämonen. Das aber lebt dann in dem Chaos unserer Zivilisation weiter.

[ 31 ] Ja, es macht schon nachdenklich, wenn man diese Dinge sachgemäß ins Auge faßt. Ich wollte Ihnen nur ein Kapitel Geschichte heute vortragen, ganz objektiv, denn selbstverständlich mußte alles sein, was geschichtlich geworden ist. Aber auch das muß wiederum sein, daß, wenn es notwendig war, daß die Menschen ein gewisses Zeitalter hindurch über gewisse Dinge unaufgeklärt blieben, sie dann nachträglich wiederum aufgeklärt werden und diese Aufklärung auch wirklich entgegennehmen.

[ 31 ] Ja, es macht schon nachdenklich, wenn man diese Dinge sachgemäß ins Auge faßt. Ich wollte Ihnen nur ein Kapitel Geschichte heute vortragen, ganz objektiv, denn selbstverständlich mußte alles sein, was geschichtlich geworden ist. Aber auch das muß wiederum sein, daß, wenn es notwendig war, daß die Menschen ein gewisses Zeitalter hindurch über gewisse Dinge unaufgeklärt blieben, sie dann nachträglich wiederum aufgeklärt werden und diese Aufklärung auch wirklich entgegennehmen.