Human Questions and Cosmic Answers
GA 213
15 July 1922, Dornach
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Menschenfragen und Weltenantworten
Zehnter Vortrag
Zehnter Vortrag
[ 1 ] Es ist ja immerhin etwas, das berücksichtigt werden sollte, daß vor einiger Zeit von den Gegnern der auf dem Wiener anthroposophischen Kongreß vorgebrachten Dinge eine Versammlung einberufen worden ist, in welcher von den verschiedensten Rednern aus dem materialistischen Sinn der Gegenwart heraus gesprochen wurde, und daß zum Schluß ein besonders materialistisch gesinnter Arzt die verschiedenen Reden in ein Schlagwort zusammenfaßte, das eine Art Devise darstellen sollte für die Gegner anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft, in das Schlagwort: Kampf gegen den Geist. — Es ist eben tatsächlich so, daß es heute Menschen gibt, welche den Kampf gegen den Geist als eine wirkliche Devise anschauen.
[ 1 ] Es ist ja immerhin etwas, das berücksichtigt werden sollte, daß vor einiger Zeit von den Gegnern der auf dem Wiener anthroposophischen Kongreß vorgebrachten Dinge eine Versammlung einberufen worden ist, in welcher von den verschiedensten Rednern aus dem materialistischen Sinn der Gegenwart heraus gesprochen wurde, und daß zum Schluß ein besonders materialistisch gesinnter Arzt die verschiedenen Reden in ein Schlagwort zusammenfaßte, das eine Art Devise darstellen sollte für die Gegner anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft, in das Schlagwort: Kampf gegen den Geist. — Es ist eben tatsächlich so, daß es heute Menschen gibt, welche den Kampf gegen den Geist als eine wirkliche Devise anschauen.
[ 2 ] Wenn solch ein Wort ertönt, so wird man doch immer wieder daran erinnert, wie viele Menschen, gutgeartete, gutmeinende Menschen, es in der Gegenwart gibt, die gegenüber dem, was in der zivilisierten Welt waltet, eigentlich in einer Art von Schlafzustand befangen sind, die nicht vernehmen wollen, wohin die Dinge steuern. Man hält Dinge, die von allergrößter Bedeutung sind, für unbedeutende Zeiterscheinungen, für die Meinung von dem einen oder anderen, während es in der Tat so ist, daß sich heute ein im wirklichen Fortgang der menschheitlichen Entwickelung vorhandenes Streben deutlich geltend macht. Und eigentlich müßten alle diejenigen, welche ein Verständnis für eine solche Sache aufbringen können, auch in der intensivsten Weise mit ihrem Herzen dabei sein, um es wirklich aufzubringen.
[ 2 ] Wenn solch ein Wort ertönt, so wird man doch immer wieder daran erinnert, wie viele Menschen, gutgeartete, gutmeinende Menschen, es in der Gegenwart gibt, die gegenüber dem, was in der zivilisierten Welt waltet, eigentlich in einer Art von Schlafzustand befangen sind, die nicht vernehmen wollen, wohin die Dinge steuern. Man hält Dinge, die von allergrößter Bedeutung sind, für unbedeutende Zeiterscheinungen, für die Meinung von dem einen oder anderen, während es in der Tat so ist, daß sich heute ein im wirklichen Fortgang der menschheitlichen Entwickelung vorhandenes Streben deutlich geltend macht. Und eigentlich müßten alle diejenigen, welche ein Verständnis für eine solche Sache aufbringen können, auch in der intensivsten Weise mit ihrem Herzen dabei sein, um es wirklich aufzubringen.
[ 3 ] Ich habe nun in Anknüpfung an zwei Persönlichkeiten zu zeigen versucht, wie gerade tiefere Naturen in die neueren Geistesströmungen hineingestellt waren. Ich habe diese zwei Persönlichkeiten kontrastiert, Franz Brentano und Nietzsche, um an ihnen zu zeigen, wie von den verschiedensten Seiten her Menschen, die zunächst durchaus nach dem Geistigen hin orientiert sind, gewissermaßen in der zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Denkungsart untergehen. Wenn man Persönlichkeiten, denen das, was ich angedeutet habe, Schicksal ist, ins Auge faßt, dann kann man vielleicht doch noch tiefer ergriffen werden, als wenn solche Dinge nur inabstrakter Charakteristik vorgebracht werden.
[ 3 ] Ich habe nun in Anknüpfung an zwei Persönlichkeiten zu zeigen versucht, wie gerade tiefere Naturen in die neueren Geistesströmungen hineingestellt waren. Ich habe diese zwei Persönlichkeiten kontrastiert, Franz Brentano und Nietzsche, um an ihnen zu zeigen, wie von den verschiedensten Seiten her Menschen, die zunächst durchaus nach dem Geistigen hin orientiert sind, gewissermaßen in der zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Denkungsart untergehen. Wenn man Persönlichkeiten, denen das, was ich angedeutet habe, Schicksal ist, ins Auge faßt, dann kann man vielleicht doch noch tiefer ergriffen werden, als wenn solche Dinge nur inabstrakter Charakteristik vorgebracht werden.
[ 4 ] Bei Brentano wollte ich anschaulich machen, wie eine Persönlichkeit, die in einer ganz aus dem Katholizismus heraus gestalteten Erziehung aufgewachsen ist, sich auf der einen Seite lebenslänglich bewahrt hat, was das katholische Christentum an Hinneigung zur geistigen Welt in ihre Seele verpflanzt hatte. Gerade in Franz Brentano, der 1838 geboren ist, also gerade in die Zeit hinein gelebt hat, in welcher die naturwissenschaftliche Denkungsweise des 19. Jahrhunderts alles Forschen und Geiststreben der Menschen überflutete, gerade in einer solchen Persönlichkeit zeigt sich, was fortlebt aus sehr alten Weltanschauungsströmungen.
[ 4 ] Bei Brentano wollte ich anschaulich machen, wie eine Persönlichkeit, die in einer ganz aus dem Katholizismus heraus gestalteten Erziehung aufgewachsen ist, sich auf der einen Seite lebenslänglich bewahrt hat, was das katholische Christentum an Hinneigung zur geistigen Welt in ihre Seele verpflanzt hatte. Gerade in Franz Brentano, der 1838 geboren ist, also gerade in die Zeit hinein gelebt hat, in welcher die naturwissenschaftliche Denkungsweise des 19. Jahrhunderts alles Forschen und Geiststreben der Menschen überflutete, gerade in einer solchen Persönlichkeit zeigt sich, was fortlebt aus sehr alten Weltanschauungsströmungen.
[ 5 ] Wenn wir den jungen Brentano ansehen, der in den fünfziger, sechziger Jahren in katholischen Priesterseminarien studierte, so finden wir, wie seine Seele sich mit zweierlei erfüllte, das ihn zunächst in einer sicheren Weise leitete. Das eine ist die katholische Offenbarungslehre, zu der er in einer solchen Stellung stand, wie eben die Theologen der katholischen Kirche seit der Zeit des Mittelalters standen. Die katholische Offenbarung über alles Geistige wird traditionell aufgenommen. Man findet sich hinein in eine Art von durch Gnade dem Menschen zuteil gewordenen Erkenntnis von den übersinnlichen Welten. Damit verband sich dann für Brentano das andere Element, durch das er zunächst verstehen wollte, was er so durch die katholische Offenbarungslehre empfangen hatte. Das war die aristotelische Philosophie, jene Philosophie, welche also noch im alten Griechenland ausgebildet worden ist. Und bis in die Mitte der sechziger Jahre, vielleicht noch etwas länger, lebte in Brentano ein Seelenleben, welches sich ganz im Sinne eines mittelalterlichen Scholastikers sagte: Man muß das, was der Mensch von übersinnlichen Welten wissen soll, so entgegennehmen, wie die Kirche es offenbart, und man kann das Denken zum Forschen über Natur und Leben anwenden nach der Anleitung des größten Lehrers für dieses Forschen, nach der Anleitung des griechischen Philosophen Aristoteles.
[ 5 ] Wenn wir den jungen Brentano ansehen, der in den fünfziger, sechziger Jahren in katholischen Priesterseminarien studierte, so finden wir, wie seine Seele sich mit zweierlei erfüllte, das ihn zunächst in einer sicheren Weise leitete. Das eine ist die katholische Offenbarungslehre, zu der er in einer solchen Stellung stand, wie eben die Theologen der katholischen Kirche seit der Zeit des Mittelalters standen. Die katholische Offenbarung über alles Geistige wird traditionell aufgenommen. Man findet sich hinein in eine Art von durch Gnade dem Menschen zuteil gewordenen Erkenntnis von den übersinnlichen Welten. Damit verband sich dann für Brentano das andere Element, durch das er zunächst verstehen wollte, was er so durch die katholische Offenbarungslehre empfangen hatte. Das war die aristotelische Philosophie, jene Philosophie, welche also noch im alten Griechenland ausgebildet worden ist. Und bis in die Mitte der sechziger Jahre, vielleicht noch etwas länger, lebte in Brentano ein Seelenleben, welches sich ganz im Sinne eines mittelalterlichen Scholastikers sagte: Man muß das, was der Mensch von übersinnlichen Welten wissen soll, so entgegennehmen, wie die Kirche es offenbart, und man kann das Denken zum Forschen über Natur und Leben anwenden nach der Anleitung des größten Lehrers für dieses Forschen, nach der Anleitung des griechischen Philosophen Aristoteles.
[ 6 ] Diese zwei Dinge, Aristotelismus und katholische Offenbarungserkenntnis, haben ja die mittelalterlichen Scholastiker in ihrem Seelenleben miteinander verbunden, haben sie als vereinbar angesehen. Das lebte in Franz Brentano fort. Er wurde nur erschüttert in einer solchen Anschauung durch das, was ihm als die naturwissenschaftliche Methode dann entgegentrat, so stark erschüttert, daß er, als er seine Privatdozentur in Würzburg antrat, als eine Hauptthese den Satz aufstellte, es müsse in aller Philosophie so verfahren werden wie in der Naturwissenschaft. Und er wollte dann eine Psychologie, eine Seelenlehre begründen, in der das Seelenleben so betrachtet wird, wie die Naturwissenschaft die äußeren Naturerscheinungen betrachtet.
[ 6 ] Diese zwei Dinge, Aristotelismus und katholische Offenbarungserkenntnis, haben ja die mittelalterlichen Scholastiker in ihrem Seelenleben miteinander verbunden, haben sie als vereinbar angesehen. Das lebte in Franz Brentano fort. Er wurde nur erschüttert in einer solchen Anschauung durch das, was ihm als die naturwissenschaftliche Methode dann entgegentrat, so stark erschüttert, daß er, als er seine Privatdozentur in Würzburg antrat, als eine Hauptthese den Satz aufstellte, es müsse in aller Philosophie so verfahren werden wie in der Naturwissenschaft. Und er wollte dann eine Psychologie, eine Seelenlehre begründen, in der das Seelenleben so betrachtet wird, wie die Naturwissenschaft die äußeren Naturerscheinungen betrachtet.
[ 7 ] Man kann also schon sagen: Ein ganz radikaler Umschwung ist bei diesem Menschen eingetreten. Er wollte die Offenbarungserkenntnis und die nur auf das Irdische beschränkte Vernunfterkenntnis ineinanderfügen, also die Forderung: Wissenschaft kann nur sein, was nach dem Muster der naturwissenschaftlichen Methodik gebildet ist. Man sollte sich gefühlsmäßig so recht vor die Seele stellen, was ein solcher radikaler Umschwung eigentlich bedeutet.
[ 7 ] Man kann also schon sagen: Ein ganz radikaler Umschwung ist bei diesem Menschen eingetreten. Er wollte die Offenbarungserkenntnis und die nur auf das Irdische beschränkte Vernunfterkenntnis ineinanderfügen, also die Forderung: Wissenschaft kann nur sein, was nach dem Muster der naturwissenschaftlichen Methodik gebildet ist. Man sollte sich gefühlsmäßig so recht vor die Seele stellen, was ein solcher radikaler Umschwung eigentlich bedeutet.
[ 8 ] Worauf ich nun zunächst Ihren Sinn lenken möchte, das ist, daß bis zu diesem Umschwung noch die mittelalterliche scholastische Anschauung in eine außerordentliche Persönlichkeit hereinscheint. Die wirkt fort, wie sie ja heute in vielen Zeitgenossen, die in ehrlicher Art im Katholizismus stehen, fortwirkt, wie sie im Grunde genommen, wenn auch in einer etwas anderen Form, in vielen ehrlichen Bekennern der evangelischen Bekenntnisse vorhanden ist. Wenn ich Nietzsche angeführt habe, so war es aus dem Grunde, weil ja Nietzsche allerdings nicht in seiner Seele ein Fortleben der mittelalterlichen Scholastik hatte, aber etwas anderes lebte in seiner Seele fort, nämlich das, was dann während der Renaissance wie eine Art Reaktion auf die Scholastik zutage getreten ist. Nietzsche hatte eine Art griechischer Kunstweisheit, die die Grundlage bildete für seine ganze Weltauffassung. Er hatte sie so, wie sie etwa die Renaissancemenschen hatten. Aber diese Renaissancemenschen hatten keineswegs schon den Drang und die Neigung, das Geistige in seiner Realität nicht anzuerkennen. Sie verspürten, sie fühlten noch die Realität des Geistigen. So daß auch in Nietzsche etwas aus uralter Zeit herüberlebte in seiner Seele. Und auch er, wie ich Ihnen gestern gesagt habe, mußte in die naturwissenschaftliche Anschauung des 19. Jahrhunderts untertauchen und verlor vollständig, was seine Seele mit einer geistigen Welt verband.
[ 8 ] Worauf ich nun zunächst Ihren Sinn lenken möchte, das ist, daß bis zu diesem Umschwung noch die mittelalterliche scholastische Anschauung in eine außerordentliche Persönlichkeit hereinscheint. Die wirkt fort, wie sie ja heute in vielen Zeitgenossen, die in ehrlicher Art im Katholizismus stehen, fortwirkt, wie sie im Grunde genommen, wenn auch in einer etwas anderen Form, in vielen ehrlichen Bekennern der evangelischen Bekenntnisse vorhanden ist. Wenn ich Nietzsche angeführt habe, so war es aus dem Grunde, weil ja Nietzsche allerdings nicht in seiner Seele ein Fortleben der mittelalterlichen Scholastik hatte, aber etwas anderes lebte in seiner Seele fort, nämlich das, was dann während der Renaissance wie eine Art Reaktion auf die Scholastik zutage getreten ist. Nietzsche hatte eine Art griechischer Kunstweisheit, die die Grundlage bildete für seine ganze Weltauffassung. Er hatte sie so, wie sie etwa die Renaissancemenschen hatten. Aber diese Renaissancemenschen hatten keineswegs schon den Drang und die Neigung, das Geistige in seiner Realität nicht anzuerkennen. Sie verspürten, sie fühlten noch die Realität des Geistigen. So daß auch in Nietzsche etwas aus uralter Zeit herüberlebte in seiner Seele. Und auch er, wie ich Ihnen gestern gesagt habe, mußte in die naturwissenschaftliche Anschauung des 19. Jahrhunderts untertauchen und verlor vollständig, was seine Seele mit einer geistigen Welt verband.
[ 9 ] In dem, was damit angedeutet wird, liegen ungeheuer bedeutende Rätselfragen für den wirklichen Wahrheitssucher der Gegenwart. Nehmen wir einmal die zwei in das Seelenleben hereindringenden Geistesströmungen, wie sie in der mittelalterlichen Scholastik liegen. Veranschaulichen wir uns einmal, was da eigentlich vorliegt. Ich möchte es auf folgende Weise tun. Wir haben innerhalb der mittelalterlichen Scholastik eine Anzahl von, sagen wir, Lehrsätzen über die übersinnliche Welt, zum Beispiel über die Trinität der geistigen Urwesenheit, über die Inkarnation des Christus in dem Leib des Jesus von Nazareth, also eine ganze Reihe von Lehrsätzen, von denen gesagt werden muß, daß sie sich nicht auf die sinnliche, sondern auf die übersinnliche Welt beziehen, die in sehr alten Zeiten einmal von Menschen gefunden worden sind, die damals Initiierte, Eingeweihte waren. Denn man darf sich natürlich nicht vorstellen, daß so etwas wie der Lehrsatz von der Trinität oder der Inkarnation einfach von irgend jemand erfunden worden ist, um die Menschen zu betrügen. Diese Lehrsätze sind vielmehr die Ergebnisse von Erfahrungen, von Erlebnissen einstiger Eingeweihter. Daß man sie als eine übernatürliche Offenbarung ansah, das ist erst eine spätere Anschauung. Solche Lehrsätze sind ursprünglich auf dem Wege der Einweihung gefunden worden. Man gab später nur nicht mehr zu, daß man eine solche Einweihung durchmachen kann und selber zum Beispiel zu der Anschauung der Trinität kommen könnte.
[ 9 ] In dem, was damit angedeutet wird, liegen ungeheuer bedeutende Rätselfragen für den wirklichen Wahrheitssucher der Gegenwart. Nehmen wir einmal die zwei in das Seelenleben hereindringenden Geistesströmungen, wie sie in der mittelalterlichen Scholastik liegen. Veranschaulichen wir uns einmal, was da eigentlich vorliegt. Ich möchte es auf folgende Weise tun. Wir haben innerhalb der mittelalterlichen Scholastik eine Anzahl von, sagen wir, Lehrsätzen über die übersinnliche Welt, zum Beispiel über die Trinität der geistigen Urwesenheit, über die Inkarnation des Christus in dem Leib des Jesus von Nazareth, also eine ganze Reihe von Lehrsätzen, von denen gesagt werden muß, daß sie sich nicht auf die sinnliche, sondern auf die übersinnliche Welt beziehen, die in sehr alten Zeiten einmal von Menschen gefunden worden sind, die damals Initiierte, Eingeweihte waren. Denn man darf sich natürlich nicht vorstellen, daß so etwas wie der Lehrsatz von der Trinität oder der Inkarnation einfach von irgend jemand erfunden worden ist, um die Menschen zu betrügen. Diese Lehrsätze sind vielmehr die Ergebnisse von Erfahrungen, von Erlebnissen einstiger Eingeweihter. Daß man sie als eine übernatürliche Offenbarung ansah, das ist erst eine spätere Anschauung. Solche Lehrsätze sind ursprünglich auf dem Wege der Einweihung gefunden worden. Man gab später nur nicht mehr zu, daß man eine solche Einweihung durchmachen kann und selber zum Beispiel zu der Anschauung der Trinität kommen könnte.
[ 10 ] Dogma wird ja etwas erst dadurch, daß man seinen Erkenntnisursprung nicht mehr hat. Wenn jemand ein Eingeweihter ist und die Trinität schaut, so ist sie für ihn kein Dogma, sondern eine Erfahrung. Wenn irgendwo behauptet wird, man könne so etwas nicht schauen, sondern es werde geoffenbart und müsse dann geglaubt werden, dann ist es ein Dogma. Die Verachtung der Dogmen als solcher ist natürlich nicht berechtigt, sondern bloß eine gewisse Stellung der Menschen zu den Dogmen, das ist es, was anfechtbar ist. Wenn man die Dogmen, die einen tiefen geistigen Gehalt haben, zurückverfolgen kann bis zu derjenigen Form, in der sie einmal ein Initiierter ausgesprochen hat, dann hören sie auf, Dogmen zu sein. Aber diesen Weg, den der Mensch durchzumachen hat, um hinzukommen zu dem Orte, wo man die Dinge schaut, machte man eben im Mittelalter nicht mehr. Man hatte alte Lehrsätze, die einmal Initiationsweisheit waren. Sie waren Dogmen geworden. Man sollte sie jetzt bloß glauben. Man sollte sie als Offenbarungserkenntnis hinnehmen. Das war also die eine Strömung, die Offenbarungserkenntnis. Die andere Strömung war nun die Vernunfterkenntnis, das, worüber sich ja der mittelalterliche Scholastiker unterrichten ließ im Sinne der aristotelischen Lehre. Aber man dachte darüber so: Man kann durch diese Vernunfterkenntnis die Natur bis zu einem gewissen Grade erforschen. Man kann auch logische Schlüsse aus dieser Naturerkenntnis ziehen, zum Beispiel den Schluß, daß es einen Gott geben müsse. Die Trinität kann man nicht finden, aber man kann den Vernunftschluß finden, daß es einen Gott geben müsse, daß die Welt einen Anfang genommen hat. Das war dann Vernunfterkenntnis.
[ 10 ] Dogma wird ja etwas erst dadurch, daß man seinen Erkenntnisursprung nicht mehr hat. Wenn jemand ein Eingeweihter ist und die Trinität schaut, so ist sie für ihn kein Dogma, sondern eine Erfahrung. Wenn irgendwo behauptet wird, man könne so etwas nicht schauen, sondern es werde geoffenbart und müsse dann geglaubt werden, dann ist es ein Dogma. Die Verachtung der Dogmen als solcher ist natürlich nicht berechtigt, sondern bloß eine gewisse Stellung der Menschen zu den Dogmen, das ist es, was anfechtbar ist. Wenn man die Dogmen, die einen tiefen geistigen Gehalt haben, zurückverfolgen kann bis zu derjenigen Form, in der sie einmal ein Initiierter ausgesprochen hat, dann hören sie auf, Dogmen zu sein. Aber diesen Weg, den der Mensch durchzumachen hat, um hinzukommen zu dem Orte, wo man die Dinge schaut, machte man eben im Mittelalter nicht mehr. Man hatte alte Lehrsätze, die einmal Initiationsweisheit waren. Sie waren Dogmen geworden. Man sollte sie jetzt bloß glauben. Man sollte sie als Offenbarungserkenntnis hinnehmen. Das war also die eine Strömung, die Offenbarungserkenntnis. Die andere Strömung war nun die Vernunfterkenntnis, das, worüber sich ja der mittelalterliche Scholastiker unterrichten ließ im Sinne der aristotelischen Lehre. Aber man dachte darüber so: Man kann durch diese Vernunfterkenntnis die Natur bis zu einem gewissen Grade erforschen. Man kann auch logische Schlüsse aus dieser Naturerkenntnis ziehen, zum Beispiel den Schluß, daß es einen Gott geben müsse. Die Trinität kann man nicht finden, aber man kann den Vernunftschluß finden, daß es einen Gott geben müsse, daß die Welt einen Anfang genommen hat. Das war dann Vernunfterkenntnis.
[ 11 ] Es gab durchaus solche Schlüsse, die der mittelalterliche Scholastiker der Vernunfterkenntnis zugestand, die bis an das Übersinnliche herantippte; nur gab man die Anschauung des Übersinnlichen nicht zu. Aber Vernunftschlüsse gab man zu, durch die man zwar nicht die wirklichen Erkenntnisse der Offenbarung verstehen könne, aber durch die man doch herantippen kann an so etwas wie das Dasein Gottes oder den Anfang des Weltendaseins. Präambula fidei nannte man diese Wahrheiten, die durch die Vernunft gefunden werden konnten, und die dann eine Grundlage bilden konnten, um durchzudtingen zu dem, was durch keine Vernunft erkundet werden konnte, sondern was der Inhalt der Offenbarung sein sollte.
[ 11 ] Es gab durchaus solche Schlüsse, die der mittelalterliche Scholastiker der Vernunfterkenntnis zugestand, die bis an das Übersinnliche herantippte; nur gab man die Anschauung des Übersinnlichen nicht zu. Aber Vernunftschlüsse gab man zu, durch die man zwar nicht die wirklichen Erkenntnisse der Offenbarung verstehen könne, aber durch die man doch herantippen kann an so etwas wie das Dasein Gottes oder den Anfang des Weltendaseins. Präambula fidei nannte man diese Wahrheiten, die durch die Vernunft gefunden werden konnten, und die dann eine Grundlage bilden konnten, um durchzudtingen zu dem, was durch keine Vernunft erkundet werden konnte, sondern was der Inhalt der Offenbarung sein sollte.
[ 12 ] Nun versetzen wir uns, nachdem wir diese beiden Geistesströmungen, Erkenntnisströmungen nebeneinandergestellt haben, in das Gemüt eines Menschen, der sie in seiner eigenen Seele nebeneinanderstellte. In der Zeit, in der die Scholastik geblüht hat — ich habe das seit vielen Jahren oftmals ausgesprochen —, war das, was da in einem Scholastiker lebte, durchaus nicht jenes Schlimme, von dem heute unverständige Leute erzählen, sondern es war zu einer bestimmten Zeit der mittelalterlichen Entwickelung einfach das, was durch die Entwickelung der Menschheit das Gebotene war. Man konnte in einer gewissen Zeit keine andere Anschauung haben. Heute sind die Dinge natürlich überholt. Heute müssen andere Wege zur Erkenntnis und zur menschlichen Seelenbetätigung gefunden werden, als sie in der Scholastik zuhause waren. Aber deshalb sollte man sich doch bemühen, mit Verständnis auch in diese Scholastik einzudringen. Und das kann man nur, wenn man sich jetzt frägt: Wie stand in der Seele eines ehrlichen Scholastikers die Offenbarungserkenntnis neben der auf die Naturerscheinungen und auf einseitige Vernunftschlüsse aus den Naturerscheinungen gerichteten Vernunfterkenntnis? Wie standen diese beiden Dinge nebeneinander?
[ 12 ] Nun versetzen wir uns, nachdem wir diese beiden Geistesströmungen, Erkenntnisströmungen nebeneinandergestellt haben, in das Gemüt eines Menschen, der sie in seiner eigenen Seele nebeneinanderstellte. In der Zeit, in der die Scholastik geblüht hat — ich habe das seit vielen Jahren oftmals ausgesprochen —, war das, was da in einem Scholastiker lebte, durchaus nicht jenes Schlimme, von dem heute unverständige Leute erzählen, sondern es war zu einer bestimmten Zeit der mittelalterlichen Entwickelung einfach das, was durch die Entwickelung der Menschheit das Gebotene war. Man konnte in einer gewissen Zeit keine andere Anschauung haben. Heute sind die Dinge natürlich überholt. Heute müssen andere Wege zur Erkenntnis und zur menschlichen Seelenbetätigung gefunden werden, als sie in der Scholastik zuhause waren. Aber deshalb sollte man sich doch bemühen, mit Verständnis auch in diese Scholastik einzudringen. Und das kann man nur, wenn man sich jetzt frägt: Wie stand in der Seele eines ehrlichen Scholastikers die Offenbarungserkenntnis neben der auf die Naturerscheinungen und auf einseitige Vernunftschlüsse aus den Naturerscheinungen gerichteten Vernunfterkenntnis? Wie standen diese beiden Dinge nebeneinander?
[ 13 ] Was wollte eigentlich solch ein Scholastiker und mit ihm ja alle seine Gläubigen, alle, die in ehrlicher Weise im Katholizismus drinnen standen, wenn er sich in diejenige Seelenstimmung versetzte, die nach der Offenbarung hin ging, wenn er sagte: Was die Dogmen geben, darf man nicht anschauen, das Anschauen ist nicht möglich; man muß es als eine Offenbarung hinnehmen? Der Scholastiker versuchte eine gewisse Seelenstimmung gegenüber der übersinnlichen Welt hervorzurufen. Er war völlig durchdrungen davon, daß diese übersinnliche Welt vorhanden ist und in einer innigen Beziehung steht zu dem, was im Menschen als Seele lebt. Aber im Menschen suchte er keinen Erkenntnisweg, um zu dem, was da als übersinnliche Welt in einer innigen Beziehung zum Menschen steht, unmittelbar durch die eigene Persönlichkeit zu kommen.
[ 13 ] Was wollte eigentlich solch ein Scholastiker und mit ihm ja alle seine Gläubigen, alle, die in ehrlicher Weise im Katholizismus drinnen standen, wenn er sich in diejenige Seelenstimmung versetzte, die nach der Offenbarung hin ging, wenn er sagte: Was die Dogmen geben, darf man nicht anschauen, das Anschauen ist nicht möglich; man muß es als eine Offenbarung hinnehmen? Der Scholastiker versuchte eine gewisse Seelenstimmung gegenüber der übersinnlichen Welt hervorzurufen. Er war völlig durchdrungen davon, daß diese übersinnliche Welt vorhanden ist und in einer innigen Beziehung steht zu dem, was im Menschen als Seele lebt. Aber im Menschen suchte er keinen Erkenntnisweg, um zu dem, was da als übersinnliche Welt in einer innigen Beziehung zum Menschen steht, unmittelbar durch die eigene Persönlichkeit zu kommen.
[ 14 ] Vergegenwärtigen Sie sich diese Stimmung. Es war die Stimmung gegenüber einem, ich möchte sagen, bekannten Unbekannten, gegenüber einem unbekannten Bekannten, gegenüber einem solchen, das man anbeten und verehren soll, dem man aber doch scheu gegenüberstehen soll, so daß man gewissermaßen nicht zu ihm die Augen aufschlägt.
[ 14 ] Vergegenwärtigen Sie sich diese Stimmung. Es war die Stimmung gegenüber einem, ich möchte sagen, bekannten Unbekannten, gegenüber einem unbekannten Bekannten, gegenüber einem solchen, das man anbeten und verehren soll, dem man aber doch scheu gegenüberstehen soll, so daß man gewissermaßen nicht zu ihm die Augen aufschlägt.
[ 15 ] Daneben stand die Vernunfterkenntnis. Die scholastische Vernunft war eine außerordentlich scharfsinnige, etwas, was später nicht wieder erreicht worden ist. Man möchte wünschen — ich habe es auch hier öfter ausgesprochen —, daß die Leute, die heute Naturwissenschaft oder überhaupt Wissenschaft treiben, nur wirklich so scharf denken lernen möchten, wie die Scholastiker haben denken können. Es war eine Vernunfterkenntnis, die sich nur selber versagte, über gewisse Grenzen hinauszugehen: Offenbarungserkenntnis auf der einen, Vernunfterkenntnis auf der anderen Seite. Aber wenn wir nun einmal die Offenbarungserkenntnis und die Vernunfterkenntnis der Scholastiker mit ähnlichen Gebilden von heute konsequent vergleichen, dann zeigt sich da ein großer Unterschied.
[ 15 ] Daneben stand die Vernunfterkenntnis. Die scholastische Vernunft war eine außerordentlich scharfsinnige, etwas, was später nicht wieder erreicht worden ist. Man möchte wünschen — ich habe es auch hier öfter ausgesprochen —, daß die Leute, die heute Naturwissenschaft oder überhaupt Wissenschaft treiben, nur wirklich so scharf denken lernen möchten, wie die Scholastiker haben denken können. Es war eine Vernunfterkenntnis, die sich nur selber versagte, über gewisse Grenzen hinauszugehen: Offenbarungserkenntnis auf der einen, Vernunfterkenntnis auf der anderen Seite. Aber wenn wir nun einmal die Offenbarungserkenntnis und die Vernunfterkenntnis der Scholastiker mit ähnlichen Gebilden von heute konsequent vergleichen, dann zeigt sich da ein großer Unterschied.
[ 16 ] Der Scholastiker sagte zu sich selber: Du darfst mit deiner Erkenntnis in das Gebiet nicht eindringen, aus dem du nur Offenbarungen haben sollst. Du darfst nicht etwa in ein Schauen der Trinität, in ein Schauen der Inkarnation eindringen. — Aber in der Offenbarung, die er durch seine Kirche empfing, waren doch Ideen von der Trinität, Ideen von der Inkarnation gegeben. Sie wurden beschrieben. Man sagte sich: das Erkennen dringt nicht vor bis zu diesen Dingen, aber denken kann man sie, wenn man sich eben die Gedanken über diese Dinge im Sinne dessen macht, was geoffenbart ist. Sie können von den mittelalterlichen Scholastikern nicht sagen, sie hätten ein bloßes dunkles mystisches Gefühl von dem Übersinnlichen gehabt. Das war es nicht. Es war schon ein in plastischen Ideen ausgebildetes Denken, das den Inhalt der Offenbarung umfaßte. Man dachte über die Trinität, man dachte über die Inkarnation. Aber man dachte eben nicht so, wie die Gedanken sind, zu denen man selber kommt, sondern wie man Gedanken denkt, die einem geoffenbart werden.
[ 16 ] Der Scholastiker sagte zu sich selber: Du darfst mit deiner Erkenntnis in das Gebiet nicht eindringen, aus dem du nur Offenbarungen haben sollst. Du darfst nicht etwa in ein Schauen der Trinität, in ein Schauen der Inkarnation eindringen. — Aber in der Offenbarung, die er durch seine Kirche empfing, waren doch Ideen von der Trinität, Ideen von der Inkarnation gegeben. Sie wurden beschrieben. Man sagte sich: das Erkennen dringt nicht vor bis zu diesen Dingen, aber denken kann man sie, wenn man sich eben die Gedanken über diese Dinge im Sinne dessen macht, was geoffenbart ist. Sie können von den mittelalterlichen Scholastikern nicht sagen, sie hätten ein bloßes dunkles mystisches Gefühl von dem Übersinnlichen gehabt. Das war es nicht. Es war schon ein in plastischen Ideen ausgebildetes Denken, das den Inhalt der Offenbarung umfaßte. Man dachte über die Trinität, man dachte über die Inkarnation. Aber man dachte eben nicht so, wie die Gedanken sind, zu denen man selber kommt, sondern wie man Gedanken denkt, die einem geoffenbart werden.
[ 17 ] Sehen Sie, auch das entspricht noch einem gewissen Faktum der höheren Erkenntnis. Es gibt ja heute noch immer Leute, welche gewisse atavistisch-hellseherische Anschauungen, wie man es nennen kann, welche traumhafte Imaginationen haben. Es gibt durchaus Menschen, die können sich zum Beispiel in solchen atavistisch-hellseherischen Imaginationen bis zu der Anschauung der atlantischen Vorgänge erheben. Das gibt es noch heute. Glauben Sie nur ja nicht, daß in dem, was solche Menschen als hellseherische Imaginationen haben, keine Gedanken leben. Solche Hellseher haben oftmals viel plastischere Gedanken als unsere sonderbaren Logiker, die aus der heutigen Schulung heraus das Denken lernen. Manchmal möchte man über die Logik derjenigen, die aus der heutigen Schulung heraus das Denken lernen, verzweifeln, während man über die Logik, die sich einfach atavistisch-hellseherisch offenbart, nicht zu verzweifeln braucht; denn die ist oft eine sehr streng entwickelte.
[ 17 ] Sehen Sie, auch das entspricht noch einem gewissen Faktum der höheren Erkenntnis. Es gibt ja heute noch immer Leute, welche gewisse atavistisch-hellseherische Anschauungen, wie man es nennen kann, welche traumhafte Imaginationen haben. Es gibt durchaus Menschen, die können sich zum Beispiel in solchen atavistisch-hellseherischen Imaginationen bis zu der Anschauung der atlantischen Vorgänge erheben. Das gibt es noch heute. Glauben Sie nur ja nicht, daß in dem, was solche Menschen als hellseherische Imaginationen haben, keine Gedanken leben. Solche Hellseher haben oftmals viel plastischere Gedanken als unsere sonderbaren Logiker, die aus der heutigen Schulung heraus das Denken lernen. Manchmal möchte man über die Logik derjenigen, die aus der heutigen Schulung heraus das Denken lernen, verzweifeln, während man über die Logik, die sich einfach atavistisch-hellseherisch offenbart, nicht zu verzweifeln braucht; denn die ist oft eine sehr streng entwickelte.
[ 18 ] Man kann also heute noch immer nachweisen, wie in dem, was übersinnlich wirklich geoffenbart ist für das menschliche Anschauen, schon Denken drinnen lebt. So auch in der mittelalterlichen Scholastik. Das ist ja erst eine Anschauung der neueren Zeit, daß man mit der Erkenntnis auch die Gedanken ausmerzen soll aus dem Oftenbarungsinhalte, so daß der Glaube heute nicht nur die Erkenntnis, sondern auch das Denken aus seinem Inhalt herausdestillieren will. Das haben die mittelalterlichen Scholastiker nicht gemacht. Die haben zwar die Erkenntnis herausdestilliert, nicht aber das Denken. Wenn Sie daher die Dogmatik der mittelalterlichen Scholastik nehmen, so herrscht darin ein sehr stark ausgebildetes Denksystem.
[ 18 ] Man kann also heute noch immer nachweisen, wie in dem, was übersinnlich wirklich geoffenbart ist für das menschliche Anschauen, schon Denken drinnen lebt. So auch in der mittelalterlichen Scholastik. Das ist ja erst eine Anschauung der neueren Zeit, daß man mit der Erkenntnis auch die Gedanken ausmerzen soll aus dem Oftenbarungsinhalte, so daß der Glaube heute nicht nur die Erkenntnis, sondern auch das Denken aus seinem Inhalt herausdestillieren will. Das haben die mittelalterlichen Scholastiker nicht gemacht. Die haben zwar die Erkenntnis herausdestilliert, nicht aber das Denken. Wenn Sie daher die Dogmatik der mittelalterlichen Scholastik nehmen, so herrscht darin ein sehr stark ausgebildetes Denksystem.
[ 19 ] Das lebte weiter in einem solchen Menschen wie Franz Brentano. Daher konnte er denken. Er konnte Gedanken fassen. Das sieht man selbst in den Rudimenten seiner Seelenkunde, in der er es nur bis zum ersten Band gebracht hat. Da sieht man es noch, daß er eine gewisse innere Plastik der Gedankenbildung hat, wenn er sich auch fortwährend in einer furchtbaren Weise selber auf die Füße tritt und dadurch nicht vorwärtskommt. Sobald er irgendeinen Gedanken über ein Seelengebilde hat — und er hat solche —, so verbietet er es sich gleich, über die Dinge zu denken. Dieses Verbieten ist heute ja etwas Außerordentliches. Ich habe Ihnen erzählt, wie ein außerordentlich geistvoller Mann, der das bedeutende Buch «Das Ganze der Philosophie und ihr Ende» geschrieben hat, mir in Wien selber vor kurzem sagte: «Ich habe meine Gedanken über das, was hinter den bloßen Vorkommnissen als die Urfaktoren steht.» Aber wissenschaftlich verbietet er sich, diese Gedanken zu haben. Man könnte sich ganz gut denken, hypothetisch natürlich, daß ein naturwissenschaftlich geschulter Mensch heute durch ein Wunder plötzlich hellsichtig würde, und daß er die Hellsichtigkeit bei sich selbst in der schlimmsten Weise bekämpfen würde. Das könnte man sich hypothetisch ganz gut denken, weil die Autorität des am Äußerlichen festhaltenden Erkennens eine ungeheure ist. Das war also das eine, was in der Seele des mittelalterlichen Scholastikers lebte: ein konkret gestalteter Offenbarungsinhalt. Auf der anderen Seite stand eine Vernunfterkenntnis, die auf die Natur ging, die aber auch noch nicht so war, wie unsere heutige Naturerkenntnis. Schlagen Sie, um sich das zu erhärten, nur einmal ein naturgeschichtliches Buch, zum Beispiel von Albertus Magnus auf; da werden Sie Naturobjekte, wie sie heute beschrieben werden, wohl auch finden — sie sind allerdings anders beschrieben, als man sie heute beschreibt —, aber neben dem finden Sie noch allerlei Elementar- und Geistwesen. Da lebt in der Natur noch Geist, und es ist nicht so, daß man nur den ganz trockenen sinnlichen Augenschein als Naturgeschichte und Naturwissenschaft beschreibt. Diese zwei Dinge leben also nebeneinander, ein Offenbarungsinhalt, demgegenüber man sich die Erkenntnis verbietet, den man aber doch denkt, so daß der menschliche Geist ihn immer noch in seinen Gedanken erlangt, und ein Vernunfterkenntnis-Inhalt, der aber noch Geist hat, der jedoch auch noch etwas hat, was man anschauen muß, wenn man es in seiner Wirklichkeit vor sich haben will.
[ 19 ] Das lebte weiter in einem solchen Menschen wie Franz Brentano. Daher konnte er denken. Er konnte Gedanken fassen. Das sieht man selbst in den Rudimenten seiner Seelenkunde, in der er es nur bis zum ersten Band gebracht hat. Da sieht man es noch, daß er eine gewisse innere Plastik der Gedankenbildung hat, wenn er sich auch fortwährend in einer furchtbaren Weise selber auf die Füße tritt und dadurch nicht vorwärtskommt. Sobald er irgendeinen Gedanken über ein Seelengebilde hat — und er hat solche —, so verbietet er es sich gleich, über die Dinge zu denken. Dieses Verbieten ist heute ja etwas Außerordentliches. Ich habe Ihnen erzählt, wie ein außerordentlich geistvoller Mann, der das bedeutende Buch «Das Ganze der Philosophie und ihr Ende» geschrieben hat, mir in Wien selber vor kurzem sagte: «Ich habe meine Gedanken über das, was hinter den bloßen Vorkommnissen als die Urfaktoren steht.» Aber wissenschaftlich verbietet er sich, diese Gedanken zu haben. Man könnte sich ganz gut denken, hypothetisch natürlich, daß ein naturwissenschaftlich geschulter Mensch heute durch ein Wunder plötzlich hellsichtig würde, und daß er die Hellsichtigkeit bei sich selbst in der schlimmsten Weise bekämpfen würde. Das könnte man sich hypothetisch ganz gut denken, weil die Autorität des am Äußerlichen festhaltenden Erkennens eine ungeheure ist. Das war also das eine, was in der Seele des mittelalterlichen Scholastikers lebte: ein konkret gestalteter Offenbarungsinhalt. Auf der anderen Seite stand eine Vernunfterkenntnis, die auf die Natur ging, die aber auch noch nicht so war, wie unsere heutige Naturerkenntnis. Schlagen Sie, um sich das zu erhärten, nur einmal ein naturgeschichtliches Buch, zum Beispiel von Albertus Magnus auf; da werden Sie Naturobjekte, wie sie heute beschrieben werden, wohl auch finden — sie sind allerdings anders beschrieben, als man sie heute beschreibt —, aber neben dem finden Sie noch allerlei Elementar- und Geistwesen. Da lebt in der Natur noch Geist, und es ist nicht so, daß man nur den ganz trockenen sinnlichen Augenschein als Naturgeschichte und Naturwissenschaft beschreibt. Diese zwei Dinge leben also nebeneinander, ein Offenbarungsinhalt, demgegenüber man sich die Erkenntnis verbietet, den man aber doch denkt, so daß der menschliche Geist ihn immer noch in seinen Gedanken erlangt, und ein Vernunfterkenntnis-Inhalt, der aber noch Geist hat, der jedoch auch noch etwas hat, was man anschauen muß, wenn man es in seiner Wirklichkeit vor sich haben will.




[ 20 ] Die Naturerkenntnis hat sich durchaus aus der mittelalterlichen Scholastik herausentwickelt. Der eine Ast der Scholastik, die Vernunfterkenntnis, hat sich fortentwickelt und wurde zu der modernen Naturanschauung. Aber was ist dadurch geschehen? Stellen Sie sich die Naturerkenntnis-Gedanken eines Scholastikers recht lebhaft vor. Da sind noch geistige Inhalte drinnen. Wovor schützen denn diese geistigen Inhalte den scholastischen Naturforscher des Mittelalters?
[ 20 ] Die Naturerkenntnis hat sich durchaus aus der mittelalterlichen Scholastik herausentwickelt. Der eine Ast der Scholastik, die Vernunfterkenntnis, hat sich fortentwickelt und wurde zu der modernen Naturanschauung. Aber was ist dadurch geschehen? Stellen Sie sich die Naturerkenntnis-Gedanken eines Scholastikers recht lebhaft vor. Da sind noch geistige Inhalte drinnen. Wovor schützen denn diese geistigen Inhalte den scholastischen Naturforscher des Mittelalters?


[ 21 ] Vielleicht darf ich das schematisch so darstellen. Nehmen Sie an, dies hier war solch ein mittelalterlicher Scholastiker mit seiner Sehnsucht nach Offenbarungserkenntnis nach oben, Sehnsucht nach Naturerkenntnis nach unten. Aber er hat in der Naturerkenntnis Geistiges. Ich lasse da etwas Rot durchgehen. Er hat in den Offenbarungserkenntnissen das Denken drinnen. Da lasse ich etwas Gelb durchgehen. Wohin will denn eigentlich diese Vernunfterkenntnis? Sie will ja hinaus zu den Objekten, zu den Gegenständen um uns herum. Die Gedanken, die man sich macht, die wollen bei den Gegenständen einschnappen. Sie werden nicht irgendeine Pflanze erkennen wollen, sich einen Begriff machen wollen von der Pflanze, ohne daß Sie darauf rechnen: der Begriff schnappt da ein, er will einschnappen. Aber beim Scholastiker hindert ihn der geistige Inhalt, der noch seine Vernunfterkenntnis durchsetzt, so recht da unten einzuschnappen. Das schnappt nicht vollständig ein, das wird gewissermaßen etwas zurückgeworfen. In was schnappt es nicht hinein? Wenn nämlich die heutige intellektualistische Vernunfterkenntnis in die äußere Natur einschnappt, wenn sie voll einschnappt, so schnappt sie nämlich voll in das Ahrimanische ein. Was bedeutet also die Geistigkeit des mittelalterlichen Scholastikers in bezug auf seine Vernunfterkenntnis? Daß er im Grunde genommen wie an etwas, was so ein bißchen brennt, mit dieser Vernunfterkenntnis heran will. Aber er spürt das Brennen und zuckt immer wieder zurück: Natur ist Sünde! — Er hütet sich vor Ahriman! Das hat nun aber die weitere Entwickelung gebracht: Sie hat im 19. Jahrhundert alles Geistige hinausgeworfen aus der Vernunfterkenntnis, und damit schnappte die Vernunfterkenntnis in das Ahrimanische ein.
[ 21 ] Vielleicht darf ich das schematisch so darstellen. Nehmen Sie an, dies hier war solch ein mittelalterlicher Scholastiker mit seiner Sehnsucht nach Offenbarungserkenntnis nach oben, Sehnsucht nach Naturerkenntnis nach unten. Aber er hat in der Naturerkenntnis Geistiges. Ich lasse da etwas Rot durchgehen. Er hat in den Offenbarungserkenntnissen das Denken drinnen. Da lasse ich etwas Gelb durchgehen. Wohin will denn eigentlich diese Vernunfterkenntnis? Sie will ja hinaus zu den Objekten, zu den Gegenständen um uns herum. Die Gedanken, die man sich macht, die wollen bei den Gegenständen einschnappen. Sie werden nicht irgendeine Pflanze erkennen wollen, sich einen Begriff machen wollen von der Pflanze, ohne daß Sie darauf rechnen: der Begriff schnappt da ein, er will einschnappen. Aber beim Scholastiker hindert ihn der geistige Inhalt, der noch seine Vernunfterkenntnis durchsetzt, so recht da unten einzuschnappen. Das schnappt nicht vollständig ein, das wird gewissermaßen etwas zurückgeworfen. In was schnappt es nicht hinein? Wenn nämlich die heutige intellektualistische Vernunfterkenntnis in die äußere Natur einschnappt, wenn sie voll einschnappt, so schnappt sie nämlich voll in das Ahrimanische ein. Was bedeutet also die Geistigkeit des mittelalterlichen Scholastikers in bezug auf seine Vernunfterkenntnis? Daß er im Grunde genommen wie an etwas, was so ein bißchen brennt, mit dieser Vernunfterkenntnis heran will. Aber er spürt das Brennen und zuckt immer wieder zurück: Natur ist Sünde! — Er hütet sich vor Ahriman! Das hat nun aber die weitere Entwickelung gebracht: Sie hat im 19. Jahrhundert alles Geistige hinausgeworfen aus der Vernunfterkenntnis, und damit schnappte die Vernunfterkenntnis in das Ahrimanische ein.
[ 22 ] Und was sagt denn diese in das äußere Ahrimanische eingeschnappte Vernunfterkenntnis? Sie sagt: Die Welt besteht aus Atomen, Atombewegung wird aller wissenschaftlichen Erkenntnis zugrunde gelegt. Sie erklärt die Wärme, das Licht für Atombewegungen, sie erklärt alles in der Außenwelt für Atombewegungen, denn das befriedigt unser Kausalitätsbedürfnis.
[ 22 ] Und was sagt denn diese in das äußere Ahrimanische eingeschnappte Vernunfterkenntnis? Sie sagt: Die Welt besteht aus Atomen, Atombewegung wird aller wissenschaftlichen Erkenntnis zugrunde gelegt. Sie erklärt die Wärme, das Licht für Atombewegungen, sie erklärt alles in der Außenwelt für Atombewegungen, denn das befriedigt unser Kausalitätsbedürfnis.


[ 23 ] 1872 hielt Da Bois-Reymond in Leipzig seine berühmte Rede über die Grenzen der Naturerkenntnis. Es ist die Rede, in der die Vernunfterkenntnis der Scholastik so weit vorgedrungen ist, daß alles Geistige herausgeworfen wurde; und mit der Devise «Ignorabimus» sollte der Geist des Menschen in das Ahrimanische einschnappen. Und Du Bois-Reymond schildert sehr anschaulich, wie ein Menschenkopf, der nun eine Übersicht hat über alles das, was da an Atomen im Weltenall wirbelt, nicht Grün und nicht Blau, überhaupt keine Farben sieht, sondern nur überall Atombewegungen wahrnimmt. Er spürt keine Wärme, aber überall, wo Wärme ist, fühlt er jene Bewegung, von der ich Ihnen vor acht Tagen hier gesprochen habe. Er suggeriert sich alles ab, was da an Farben, an Wärmezuständen, an Ton und so weiter ist. Er füllt seinen Kopf mit einer Erkenntnis der Welt an, die nur aus Atomen besteht. Stellen Sie sich einmal vor: Die ganze Welt stellt ein solcher Kopf vor als aus Atomen bestehend. Er hat im Kopfe: Schon in dem Momente, wo Cäsar den Rubikon überschritten hat, da gab es in unserem Kosmos diese bestimmte Konstellation von Atomen. Jetzt braucht er nur die Differentialgleichung aufstellen zu können, und so, indem er weiterrechnet, findet er die nächste Konstellation, wieder die nächste und so weiter. Er kann die fernste Zukunft berechnen. Das nannte Du Bois-Reymond, weil es auch ein Ideal von Laplace war, den Laplaceschen Kopf. Da hätten wir also, 1872, einen Intellekt geschildert, der universell die Welt begreift, der da begreift, alles ist Atombewegung, und man braucht bloß die Differentialgleichungen zu kennen und sie dann zu integrieren, und man bekommt die Weltenformel.
[ 23 ] 1872 hielt Da Bois-Reymond in Leipzig seine berühmte Rede über die Grenzen der Naturerkenntnis. Es ist die Rede, in der die Vernunfterkenntnis der Scholastik so weit vorgedrungen ist, daß alles Geistige herausgeworfen wurde; und mit der Devise «Ignorabimus» sollte der Geist des Menschen in das Ahrimanische einschnappen. Und Du Bois-Reymond schildert sehr anschaulich, wie ein Menschenkopf, der nun eine Übersicht hat über alles das, was da an Atomen im Weltenall wirbelt, nicht Grün und nicht Blau, überhaupt keine Farben sieht, sondern nur überall Atombewegungen wahrnimmt. Er spürt keine Wärme, aber überall, wo Wärme ist, fühlt er jene Bewegung, von der ich Ihnen vor acht Tagen hier gesprochen habe. Er suggeriert sich alles ab, was da an Farben, an Wärmezuständen, an Ton und so weiter ist. Er füllt seinen Kopf mit einer Erkenntnis der Welt an, die nur aus Atomen besteht. Stellen Sie sich einmal vor: Die ganze Welt stellt ein solcher Kopf vor als aus Atomen bestehend. Er hat im Kopfe: Schon in dem Momente, wo Cäsar den Rubikon überschritten hat, da gab es in unserem Kosmos diese bestimmte Konstellation von Atomen. Jetzt braucht er nur die Differentialgleichung aufstellen zu können, und so, indem er weiterrechnet, findet er die nächste Konstellation, wieder die nächste und so weiter. Er kann die fernste Zukunft berechnen. Das nannte Du Bois-Reymond, weil es auch ein Ideal von Laplace war, den Laplaceschen Kopf. Da hätten wir also, 1872, einen Intellekt geschildert, der universell die Welt begreift, der da begreift, alles ist Atombewegung, und man braucht bloß die Differentialgleichungen zu kennen und sie dann zu integrieren, und man bekommt die Weltenformel.


[ 24 ] Was hat man dadurch aber eigentlich erreicht? Man hat dadurch erreicht, daß man so denken gelernt hat, wie Ahriman denken kann, wie das ahrimanische Ideal des Denkens ist. Die ganze Bedeutung von dem, was in der Zeit geschieht, lernt man erst erkennen, wenn man weiß, was es eigentlich ist. Man wird die Ignorabimusrede hinstellen in der Geschichte der neueren Geistesentwickelung, aber man wird das, was sie wert ist, was sie für eine Bedeutung hat, erst erkennen, wenn man in die Lage kommt, zu zeigen, daß da wirklich der eine Ast der scholastischen Geistesströmung in das Ahrimanische eingeschnappt hat. Sehen Sie, der Scholastiker hielt gewissermaßen seine Erkenntnis in der Schwebe. Sie kam nicht so ganz an das heran, was da draußen ist. Er zog sich stets mit seinem Erkennen vor Ahriman zurück. Dadurch hatte er es ja so notwendig, wirklich scharfsinnige Begriffe auszubilden; denn scharfsinnige Begriffe müssen noch durch menschliche Tüchtigkeit ausgebildet werden. Experimente machen, nun, da braucht man die menschliche Tüchtigkeit nur, um die Apparate zusammenzustellen und so weiter, aber ein so scharfsinniges Denken, wie es die Scholastik gehabt hat, gehört nicht dazu.
[ 24 ] Was hat man dadurch aber eigentlich erreicht? Man hat dadurch erreicht, daß man so denken gelernt hat, wie Ahriman denken kann, wie das ahrimanische Ideal des Denkens ist. Die ganze Bedeutung von dem, was in der Zeit geschieht, lernt man erst erkennen, wenn man weiß, was es eigentlich ist. Man wird die Ignorabimusrede hinstellen in der Geschichte der neueren Geistesentwickelung, aber man wird das, was sie wert ist, was sie für eine Bedeutung hat, erst erkennen, wenn man in die Lage kommt, zu zeigen, daß da wirklich der eine Ast der scholastischen Geistesströmung in das Ahrimanische eingeschnappt hat. Sehen Sie, der Scholastiker hielt gewissermaßen seine Erkenntnis in der Schwebe. Sie kam nicht so ganz an das heran, was da draußen ist. Er zog sich stets mit seinem Erkennen vor Ahriman zurück. Dadurch hatte er es ja so notwendig, wirklich scharfsinnige Begriffe auszubilden; denn scharfsinnige Begriffe müssen noch durch menschliche Tüchtigkeit ausgebildet werden. Experimente machen, nun, da braucht man die menschliche Tüchtigkeit nur, um die Apparate zusammenzustellen und so weiter, aber ein so scharfsinniges Denken, wie es die Scholastik gehabt hat, gehört nicht dazu.
[ 25 ] Das bedeutete einen ganz wichtigen Wendepunkt, als man einmal eingeschnappt war in das Ahrimanische. Denn das, was Sie draußen sehen als die sinnlichen Erscheinungen der Welt, als Ihre sinnliche Umgebung, das ist ja nur so lange da, als die Erde da ist. Das geht mit unserem Erdenplaneten zugrunde. Was fortlebt, das sind die Gedanken, die draußen einschnappen. Wenn so etwas gedacht wird wie das, was im Laplaceschen Denken liegt, oder was Du Bois-Reymond als ein Ideal des naturwissenschaftlichen Denkens hingestellt hat, so bedeutet das nicht bloß, daß es gedacht wird, sondern das sind Realgedanken, die draußen einschnappen. Und wenn alles, was wir mit unseren Sinnen überblicken auf der Erde, zugrunde gegangen ist, diese Gedanken können fortleben, wenn sie nicht vorher ausgetilgt werden. Daher ist durchaus die Gefahr vorhanden, daß, wenn so etwas allgemeine Denkweise wird, unsere Erde sich in einen solchen Planeten verwandelt, wie er den Vorstellungen der Materialisten entspricht. Der Materialismus ist nur so lange eine bloße Lehre, als er nicht Realität gewinnt. Aber darnach streben die ahrimanischen Mächte, daß die Gedanken des Materialismus so stark und verbreitet werden, daß das, was zunächst von der Erde übrigbleibt, die Atome sind.
[ 25 ] Das bedeutete einen ganz wichtigen Wendepunkt, als man einmal eingeschnappt war in das Ahrimanische. Denn das, was Sie draußen sehen als die sinnlichen Erscheinungen der Welt, als Ihre sinnliche Umgebung, das ist ja nur so lange da, als die Erde da ist. Das geht mit unserem Erdenplaneten zugrunde. Was fortlebt, das sind die Gedanken, die draußen einschnappen. Wenn so etwas gedacht wird wie das, was im Laplaceschen Denken liegt, oder was Du Bois-Reymond als ein Ideal des naturwissenschaftlichen Denkens hingestellt hat, so bedeutet das nicht bloß, daß es gedacht wird, sondern das sind Realgedanken, die draußen einschnappen. Und wenn alles, was wir mit unseren Sinnen überblicken auf der Erde, zugrunde gegangen ist, diese Gedanken können fortleben, wenn sie nicht vorher ausgetilgt werden. Daher ist durchaus die Gefahr vorhanden, daß, wenn so etwas allgemeine Denkweise wird, unsere Erde sich in einen solchen Planeten verwandelt, wie er den Vorstellungen der Materialisten entspricht. Der Materialismus ist nur so lange eine bloße Lehre, als er nicht Realität gewinnt. Aber darnach streben die ahrimanischen Mächte, daß die Gedanken des Materialismus so stark und verbreitet werden, daß das, was zunächst von der Erde übrigbleibt, die Atome sind.
[ 26 ] Wenn wir heute sagen, wir müssen alles aus Atomen erklären, so ist das ein Irrtum. Wenn aber alle Menschen anfangen zu denken, es müsse alles aus Atomen erklärt werden, wenn alle Menschen sich Laplacesche Köpfe aufsetzen, dann wird die Erde wirklich so, daß sie aus Atomen besteht. Nicht von Urzeit an ist dies richtig, daß die Erde aus Atomen und ihren Bestandteilen besteht, aber die Menschheit kann das bewirken. Das ist das Wesentliche. Der Mensch ist nicht bloß daraufhin veranlagt, falsche Ansichten zu haben, sondern die falschen Gedanken schaffen falsche Realitäten; wenn die falschen Gedanken allgemein werden, dann entstehen Realitäten.
[ 26 ] Wenn wir heute sagen, wir müssen alles aus Atomen erklären, so ist das ein Irrtum. Wenn aber alle Menschen anfangen zu denken, es müsse alles aus Atomen erklärt werden, wenn alle Menschen sich Laplacesche Köpfe aufsetzen, dann wird die Erde wirklich so, daß sie aus Atomen besteht. Nicht von Urzeit an ist dies richtig, daß die Erde aus Atomen und ihren Bestandteilen besteht, aber die Menschheit kann das bewirken. Das ist das Wesentliche. Der Mensch ist nicht bloß daraufhin veranlagt, falsche Ansichten zu haben, sondern die falschen Gedanken schaffen falsche Realitäten; wenn die falschen Gedanken allgemein werden, dann entstehen Realitäten.
[ 27 ] Diese ahrimanische Gefahr hat sich heute schon gezeigt. Die andere Gefahr in der Offenbarungserkenntnis, die suchte der mittelalterliche Scholastiker zu vermeiden, indem er die Offenbarungserkenntnis noch im Gedankenkleide hatte. Konkrete Gedanken waren es, die den Offenbarungsinhalt erfaßten. Die Dogmen wurden allmählich so wenig durchdacht, daß die Menschen dazu kamen, sie überhaupt im allgemeinen fallenzulassen. Man soll ja Unverstandenes fallenlassen, das ist auf der einen Seite voll berechtigt, und wenn die Menschen nicht mehr die Dogmen bis zum Schauen verfolgen können, so ist es selbstverständlich, daß sie sie fallenlassen. Wozu kommen sie aber dann? Dann kommen sie zu den allerabstraktesten Gedanken einer Abhängigkeit von irgendeinem ganz unbestimmten Ewigen oder Unendlichen. Dann werden nicht mehr Gedanken plastisch ausgebildet, die den Offenbarungsinhalt in sich tragen, sondern dann wird nur irgendeine Abhängigkeit von irgendeinem Unendlichen dunkel mystisch gefühlt. Dann verschwindet der Gedankeninhalt. Dieser Weg ist in der neueren Zeit auch gemacht worden. Er ist der, der zum Luziferischen hinführt. Und ebenso sicher, wie der Weg der Vernunfterkenntnis in der neueren Zeit zum Ahrimanischen geführt hat, ebenso sicher kann der andere Weg ins Luziferische hineinführen.
[ 27 ] Diese ahrimanische Gefahr hat sich heute schon gezeigt. Die andere Gefahr in der Offenbarungserkenntnis, die suchte der mittelalterliche Scholastiker zu vermeiden, indem er die Offenbarungserkenntnis noch im Gedankenkleide hatte. Konkrete Gedanken waren es, die den Offenbarungsinhalt erfaßten. Die Dogmen wurden allmählich so wenig durchdacht, daß die Menschen dazu kamen, sie überhaupt im allgemeinen fallenzulassen. Man soll ja Unverstandenes fallenlassen, das ist auf der einen Seite voll berechtigt, und wenn die Menschen nicht mehr die Dogmen bis zum Schauen verfolgen können, so ist es selbstverständlich, daß sie sie fallenlassen. Wozu kommen sie aber dann? Dann kommen sie zu den allerabstraktesten Gedanken einer Abhängigkeit von irgendeinem ganz unbestimmten Ewigen oder Unendlichen. Dann werden nicht mehr Gedanken plastisch ausgebildet, die den Offenbarungsinhalt in sich tragen, sondern dann wird nur irgendeine Abhängigkeit von irgendeinem Unendlichen dunkel mystisch gefühlt. Dann verschwindet der Gedankeninhalt. Dieser Weg ist in der neueren Zeit auch gemacht worden. Er ist der, der zum Luziferischen hinführt. Und ebenso sicher, wie der Weg der Vernunfterkenntnis in der neueren Zeit zum Ahrimanischen geführt hat, ebenso sicher kann der andere Weg ins Luziferische hineinführen.
[ 28 ] Und nun sehen Sie sich noch einmal in dem Sinne, wie ich es geschildert habe, solch einen Geist wie Franz Brentano an. Franz Brentano kommt ganz mit dieser Stimmung an die Natur heran: Nur ja nicht Ahriman berühren! — und an die übersinnliche Welt: Nur ja nicht Luzifer berühren! — Also nur ja nicht atomistisch werden, nur ja nicht Mystiker werden, mit dieser Stimmung kommt er an die Naturwissenschaft heran, die eine so mächtige Autorität ist, daß er sich ihr unterwirft. Er schildert die Seelenerscheinungen im Sinne der naturwissenschaftlichen Methode. Wäre er von einem oberflächlicheren Ausgangspunkt hergekommen, wie etwa viele von den heutigen Psychologen, dann hätte er eben eine ahrimanische Seelenlehre geschrieben, so eine Psychologie, eine «Seelenlehre ohne Seele». Das konnte er nicht. Daher ließ er den Versuch nach dem ersten Bande sein, schrieb die folgenden Bände — vier hätten es werden sollen — nicht mehr, weil etwas in ihm steckte, was ihn gar nicht den Gedanken fassen ließ, ganz ins nur Ahrimanische hineinzusausen.
[ 28 ] Und nun sehen Sie sich noch einmal in dem Sinne, wie ich es geschildert habe, solch einen Geist wie Franz Brentano an. Franz Brentano kommt ganz mit dieser Stimmung an die Natur heran: Nur ja nicht Ahriman berühren! — und an die übersinnliche Welt: Nur ja nicht Luzifer berühren! — Also nur ja nicht atomistisch werden, nur ja nicht Mystiker werden, mit dieser Stimmung kommt er an die Naturwissenschaft heran, die eine so mächtige Autorität ist, daß er sich ihr unterwirft. Er schildert die Seelenerscheinungen im Sinne der naturwissenschaftlichen Methode. Wäre er von einem oberflächlicheren Ausgangspunkt hergekommen, wie etwa viele von den heutigen Psychologen, dann hätte er eben eine ahrimanische Seelenlehre geschrieben, so eine Psychologie, eine «Seelenlehre ohne Seele». Das konnte er nicht. Daher ließ er den Versuch nach dem ersten Bande sein, schrieb die folgenden Bände — vier hätten es werden sollen — nicht mehr, weil etwas in ihm steckte, was ihn gar nicht den Gedanken fassen ließ, ganz ins nur Ahrimanische hineinzusausen.
[ 29 ] Und nehmen Sie Nietzsche. Nietzsche wurde ebenso von der Naturwissenschaft ergriffen. Aber wie nahm er die Naturwissenschaft auf? Er kümmerte sich eigentlich nicht viel um die einzelnen Methoden, sondern er sah nur die naturwissenschaftliche Denkungsweise im allgemeinen an. Er sagte sich: Alles Seelische ist im Physiologischen begründet, ist ein «Menschliches, allzu Menschliches». Was eigentlich göttlich-geistige Ideale sein sollten, ist eine Äußerung, eine Offenbarung des Menschlichen, des Allzumenschlichen. Er lehnte gerade diejenige Art der Erkenntnis ab, die bei Brentano zu finden ist: Vernunfterkenntnis. Er ließ den Willen rege werden in sich. Und, wie ich schon gestern sagte, er zermürbte die Ideale, er zermürbte das Geistige. Das ist die andere Erscheinung, wo eine Persönlichkeit gewissermaßen bis an das Ahrimanische herankommt, aber an das Ahrimanische anschlägt. Statt einzuschnappen, schlägt er an. Er möchte auch den Atomismus ausbilden, aber er schlägt an wie gegen eine Wand.
[ 29 ] Und nehmen Sie Nietzsche. Nietzsche wurde ebenso von der Naturwissenschaft ergriffen. Aber wie nahm er die Naturwissenschaft auf? Er kümmerte sich eigentlich nicht viel um die einzelnen Methoden, sondern er sah nur die naturwissenschaftliche Denkungsweise im allgemeinen an. Er sagte sich: Alles Seelische ist im Physiologischen begründet, ist ein «Menschliches, allzu Menschliches». Was eigentlich göttlich-geistige Ideale sein sollten, ist eine Äußerung, eine Offenbarung des Menschlichen, des Allzumenschlichen. Er lehnte gerade diejenige Art der Erkenntnis ab, die bei Brentano zu finden ist: Vernunfterkenntnis. Er ließ den Willen rege werden in sich. Und, wie ich schon gestern sagte, er zermürbte die Ideale, er zermürbte das Geistige. Das ist die andere Erscheinung, wo eine Persönlichkeit gewissermaßen bis an das Ahrimanische herankommt, aber an das Ahrimanische anschlägt. Statt einzuschnappen, schlägt er an. Er möchte auch den Atomismus ausbilden, aber er schlägt an wie gegen eine Wand.
[ 30 ] Und so sehen wir, wie solche Geister im 19. Jahrhundert ihre besondere Seelenstimmung ausbilden, weil sie so unendlich nahe an das herankommen, was als ahrimanische Mächte in unsere Erkenntnis hereinspielt. Das ist das Schicksal solcher Geister im 19. Jahrhundert, daß sie an Ahriman so unglaublich nahe herankommen. Und dann kommen sie entweder in die Lage wie Brentano, daß sie sich gerade an der Grenze scheu zurückziehen und überhaupt nicht weitergehen mit ihrer Erkenntnis, oder daß sie anfangen herumzuschlagen wie Nietzsche. Aber es ist die ahrimanische Macht, die ihre Wogen gerade im 19. Jahrhundert an die Erkenntnis herangebracht hat, was dann herüberwirkt in das 20. Jahrhundert. Und das soll man einsehen. Und die originellen Geister, die im 19. Jahrhundert diese noch halbvermummte Begegnung mit Ahriman persönlich erlebten, hatten das als ein tragisches Schicksal hinter sich stehen. Aber die Schüler, die bekamen nun schon die zubereiteten Gedanken. Diese Gedanken leben in ihnen. Da hat schon die ahrimanische Macht die Gedanken ausgebildet. Die ersten originellen Geister zuckten zurück; die Schüler bekamen die unvollständigen ahrimanischen Gedanken. Die wirken jetzt in ihnen: «Kampf gegen den Geist», gegen den Geist, der eben die Erde nicht den ahrimanischen Mächten übergeben will, Haß gegen den Geist, Kampf gegen den Geist!
[ 30 ] Und so sehen wir, wie solche Geister im 19. Jahrhundert ihre besondere Seelenstimmung ausbilden, weil sie so unendlich nahe an das herankommen, was als ahrimanische Mächte in unsere Erkenntnis hereinspielt. Das ist das Schicksal solcher Geister im 19. Jahrhundert, daß sie an Ahriman so unglaublich nahe herankommen. Und dann kommen sie entweder in die Lage wie Brentano, daß sie sich gerade an der Grenze scheu zurückziehen und überhaupt nicht weitergehen mit ihrer Erkenntnis, oder daß sie anfangen herumzuschlagen wie Nietzsche. Aber es ist die ahrimanische Macht, die ihre Wogen gerade im 19. Jahrhundert an die Erkenntnis herangebracht hat, was dann herüberwirkt in das 20. Jahrhundert. Und das soll man einsehen. Und die originellen Geister, die im 19. Jahrhundert diese noch halbvermummte Begegnung mit Ahriman persönlich erlebten, hatten das als ein tragisches Schicksal hinter sich stehen. Aber die Schüler, die bekamen nun schon die zubereiteten Gedanken. Diese Gedanken leben in ihnen. Da hat schon die ahrimanische Macht die Gedanken ausgebildet. Die ersten originellen Geister zuckten zurück; die Schüler bekamen die unvollständigen ahrimanischen Gedanken. Die wirken jetzt in ihnen: «Kampf gegen den Geist», gegen den Geist, der eben die Erde nicht den ahrimanischen Mächten übergeben will, Haß gegen den Geist, Kampf gegen den Geist!
[ 31 ] Das muß man heute als einen wirklichen Zusammenhang überblicken. Das lebt heute als eine Zeitstimmung, als eine Seelenverfassung. Sie muß man verstehen, damit man wirklich darauf kommt, wie notwendig es ist, eine wirkliche spirituelle Weltanschauung geltend zu machen, in all den verschiedenen Kulturformen, in denen sich eine solche Weltanschauung ausleben muß.
[ 31 ] Das muß man heute als einen wirklichen Zusammenhang überblicken. Das lebt heute als eine Zeitstimmung, als eine Seelenverfassung. Sie muß man verstehen, damit man wirklich darauf kommt, wie notwendig es ist, eine wirkliche spirituelle Weltanschauung geltend zu machen, in all den verschiedenen Kulturformen, in denen sich eine solche Weltanschauung ausleben muß.
