Menschenfragen und Weltenantworten
GA 213
30 Juni 1921, Dornach
Dritter Vortrag
[ 1 ] Mit ein paar Worten darf ich noch einmal hinweisen auf die Ausführungen, die ich am letzten Sonntag hier gemacht habe. Sie berührten das Verhältnis des Menschen zur Welt insofern, als darauf aufmerksam gemacht wurde, wie dasjenige, was menschliche Willensentfaltung ist, seinen Weg hinausfindet in die Weiten der Welt, entgegen der Lichtrichtung, die von der Sonne aus zur Erde strömt. So daß man sagen kann, daß dem Lichte entgegen von der Erdenmenschheit etwas in den Weltenraum hinausströmt, das Willensentfaltung ist. Dagegen kommt gewissermaßen mit den Wellen des Mondenlichtes herein auf die Erde dasjenige, was Gedankenhaftes ist. Wir konnten dann des weiteren dazu übergehen, zu zeigen, wie dasjenige, was vom Menschen mit der Auflösung des physischen Leibes sich verbreitert, einen willensartigen Charakter trägt, und eben dem Lichte entgegen hinaus in das Weltenall strömt, und wie dann der Mensch wiederum zurückkommt zum irdischen Dasein auf den Strömen des Gedankenelementes mit den Lichtlinien und überhaupt mit alledem, was vom Monde ausgeht.
[ 2 ] Nun muß natürlich sowohl für diese Anschauung bezüglich des Willenselementes und des Lichtelementes, des Gedankenelementes und des Mondenscheinelementes, wie auch für die Ausführungen, die ich heute weiter in diesem Stile machen möchte, ins Auge gefaßt werden, daß wenn man über diese Dinge spricht und sich gewissermaßen des Weltengebäudes als einer Veranschaulichung bedient, damit eben nur eine Veranschaulichung gemeint ist. Denn man sollte nicht denken, daß in alledem, was da ausgeführt wird, unmittelbar die physische Sonne und der physische Mond etwas anderes zu tun haben, als daß sie gewissermaßen Zeichen für das sind, was geistig geschieht. Das wirkliche Verhältnis kann etwa in der folgenden Weise dargestellt werden.
[ 3 ] Ich möchte diese Darstellung geschichtlich formulieren. Man könnte sie auch anders formulieren. Ich möchte Ihnen verständlich machen, was eigentlich mit solchen Ausführungen, wie ich sie jetzt mache, im genaueren gemeint ist. Sie wissen ja, daß das sich mehr an das. Materielle haltende Denken den Ursprung unseres Weltensystems in einer Art Urnebel sieht, das heißt, man kommt mit dem rein an das Materielle gebundenen Denken dazu, sich vorzustellen, daß unser Kosmos, so wie wir ihn überschauen, daß unser Sonnensystem hervorgegangen ist aus einer Art Urnebel (weiß), der sich dann geballt und zusammengezogen hat zu demjenigen, was eben das Sonnensystem darstellt.
[ 4 ] Nun ist es Ihnen ja wohl von vorneherein klar, nach allem, was Sie auf dem Boden der Anthroposophie gehört haben, daß dies nicht eine restlose Darstellung des Vorganges sein kann. Wie sehr man diese materielle Ausdeutung des Weltgeschehens auch modifiziert, sie mit Kräften durchsetzt und dergleichen: dasjenige, was wirklich ist, kann damit nicht erschöpft sein, aus dem Grunde nicht, weil ja aus allem, was so ein Kant-Laplacescher oder ein anderer Urnebel enthält, und was er nach den Gesetzen der Gas- oder Luftmechanik aus sich heraus entwickeln kann, niemals dasjenige sich bilden könnte, was auf der Erde als Tier- und Menschenseelen, ja nicht einmal was als Pflanzen-Wachstumskräfte lebt. Wit haben es, wenn wir eine solche Ausdeutung vollziehen, eben zu tun mit einer Abstraktion, wenn diese Abstraktion auch eine materialistische Abstraktion ist. Es muß klar sein, daß dem, was da von dem materialistischen Denken als Urnebelmasse gedacht ist, schon innewohnt ein Geistiges (s. Zeichnung S. 49 links, rot), und daß diese Urnebelmasse nur der äußere materielle Ausdruck eines Geistigen ist. Also es muß, wenn die Vorstellung eine vollständige ist, darinnen das Weben und Wesen von Geistigem gedacht werden. So daß wir, wenn wir auf diesen Kant-Laplaceschen Urnebel hinschauen, ihn ergänzen müssen dadurch, daß wir ihn als den Leib ansehen eines Geistig-Seelischen, eines Geistig-Seelischen allerdings, das nicht jene Einheitsnatur ist, wie der Mensch sie hat, sondern das mannigfaltig, vielgestaltig ist, aber das eben doch ein Geistig-Seelisches ist.
[ 5 ] Die bloß materialistische Denkbetrachtung, die bloß materialistische Hypothesenbildung kommt ja nicht weiter zurück als zu diesem Urnebel. Nun stellen wir uns einmal vor, nicht wir, sondern andere Wesen, Wesen der Zukunft würden sich einmal aus einem solchen materialistischen Denken heraus Vorstellungen machen über die Entstehung des Weltensystems, in welchem sie sind oder sein werden. Es hängt gar nichts davon ab, ob das, was ich jetzt darstelle, eine Wirklichkeit darstellt, es soll nur zur Verdeutlichung eines Gedankens dienen. Wir nehmen also an, es würde Wesen in einer fernen Zukunft geben, die einen solchen Kant-Laplaceschen Urnebel an dem Ausgangspunkt der Weltenentstehung sehen. Wohin würde er in dem Zeitenlaufe fallen? Es müßte doch, wenn solche Zukunftswesen zurückschauen, angenommen werden, damit der Gedanke richtig verdeutlicht werden kann, unsere Erde, das heißt unser Sonnensystem, wäre längst zugrunde gegangen, der Raum wäre gewissermaßen frei geworden, und in diesem frei gewordenen Raume würde dann angenommen werden müssen das Kant-Laplacesche Urnebelsystem einer zukünftigen Welt. Denn solange unser Sonnensystem da ist, könnte ja in ihrem Raum dieser Kant-Laplacesche Urnebel selbstverständlich nicht angenommen werden. Ich will das Beispiel so gestalten, daß die Wesen, die dann eine solche materialistische Zukunftstheorie ausbilden, ihren Kant-Laplaceschen Urnebel an die Stelle unseres Weltensystems hinsetzen. Nach dem, was wir eben gesagt haben, müßte aber auch in diesem Kant-Laplaceschen Zukunftsnebel Geistig-Seelisches enthalten sein. Er müßte nur die körperliche Ausgestaltung eines kosmischen Geistig-Seelischen sein. Woher würde dieses Geistig-Seelische kommen? Was würde es mit diesem Geistig-Seelischen für eine Bewandtnis haben? Ich will schematisch zeichnen.
[ 6 ] Das hier (siehe Zeichnung links) wäre das Geistig-Seelisch-Physische unseres Kant-Laplaceschen Urnebels; und da wäre in einem Zukunftsmomente der Kant-Laplacesche Urnebel jener Zukunftswesen, von denen ich eben gesprochen habe (rechts). In diesem KantLaplaceschen Urnebel müßte nun auch wiederum ein Geistig-Seelisches enthalten sein (rot). Woher würde denn das kommen? Nun, wenn dieser Kant-Laplacesche Urnebel (rechts) gewissermaßen an der Stelle wäre, wo unser Sonnensystem gestanden hat, dann würde er sich gebildet haben; er würde ein kosmisches Geistig-Seelisches umkleidet haben. Aber dieses kosmische Geistig-Seelische wäre dasjenige, was übriggeblieben ist von dem Sonnensystem, in dem wir gelebt haben. Wir würden also unser Sonnensystem, wie wir es jetzt haben, zu Ende leben. Das würde zerstäuben im Weltenraum. Übrigbleiben würde das Geistig-Seelische, und das würde sich verkörpern in einem neuen Kant-Laplaceschen Urnebel. Mit anderen Worten: Was ich hier geschildert habe (Zeichnung S. 49 rechts), würde die Jupiterentwickelung darstellen. Aber innerhalb dieser Jupiterentwickelung würde sich als Geistig-Seelisches dasjenige finden, was bereitet worden ist während des Erdendaseins der Menschheit. Und ebenso muß man eigentlich von dem Kant-Laplaceschen Urnebel der Erde wiederum weiter zurückgehen zu dem Geistig-Seelischen, das er enthält. Und das ist von den Wesenheiten des Mondendaseins bereitet worden.
[ 7 ] Wenn Sie also hinausschauen, das gegenwärtige Sonnensystem anschauen, so ist das gewissermaßen die äußere Körperlichkeit desjenigen, was vom Mondendasein verschwunden ist oder sich vom Mondendasein verwandelt hat zu dem Erdendasein. Und wiederum, was wir heute hinaussenden in unseren Weltenraum, das bereitet das Jupiterdasein vor. Wir haben also, indem wir das äußere Sonnensystem anschauen, eigentlich immer etwas, was das Werk einer früheren Daseinsstufe ist.
[ 8 ] Rede ich also von dem Licht, das zu uns strömt von der physischen Sonne, so rede ich von etwas, was aus der Vergangenheit herüberkommt. Und rede ich von den Willensströmungen, die diesem Lichte entgegenströmen, dann rede ich von etwas, was Zukunft bereitet. So daß also gewissermaßen das Uhrwerk, das kosmische — ich nenne es so, um eine Art Ausdrucksform zu haben für das, was geistig geschieht —, vom Monde bereitet worden ist, und dasjenige, was ich als Geistiges schildere, das ist schon die Grundlage für das, was sich zum Jupiterdasein hinüberlebt. Sie dürfen also nicht sagen, daß die heutige Sonne, so wie wir sie mit den Augen draußen im Weltenraum sehen, den menschlichen Willen anzieht. Diese physische Sonne ist eben nur das Symbolum für jenes Sonnenhafte, dem der menschliche Wille zuströmt. Und ebenso ist der physische Mond nur das physische Zeichen für das Mondenhafte, das in Gedankenströmungen sich fortwährend in das Erdendasein hereinergießt.
[ 9 ] Diese Gedanken müssen Sie schon haben, wenn Sie in der richtigen Weise verstehen wollen, was es bedeutet, wenn ich nun auch in den folgenden Ausführungen von kosmischen Zusammenhängen sprechen werde, die als Bilder wiedergeben, was als Geistiges sich abspielt durch die Erdenmenschheit. Und da muß zu dem schon das letzte Mal Ausgeführten noch das Folgende hinzugefügt werden. Wenn wir unser gesamtes Sonnensystem nehmen, so haben wir, von der Erde aus betrachtet, die Sonne, wir haben als äußere Planeten Mars, Jupiter, Saturn und so weiter — die anderen sind von geringer Bedeutung —, und wit haben näher zur Erde als zur Sonne Mond, Venus, Merkur (siehe Zeichnung). Nun halten wir uns einmal an das, was ich gesagt habe, daß von der Menschheit der Erde nach dem Weltenraum hinaus das willenhafte Element der Sonne zuströmt, und daß auch die Seele nach der Auflösung des Leibes (rot) durch dieses Willenselement sich in den Kosmos hinausbewegt. Da trifft gewissermaßen unser willenhaftes Element zuerst auf das Sonnendasein, auf die Sonnensphäre.
[ 10 ] Sie wissen nun, dasjenige, was auf diese Weise als eine Tatsache hingestellt werden muß, es ist ja gefunden worden, wie ich Ihnen das letzte Mal ausgeführt habe, durch die Erfahrungen der alten Eingeweihten. Die haben ihre Rätselfragen den Willensströmungen übergeben, der Sonne entgegengeschickt, und haben dann die Antworten vom Monde wiederum in Gedankenform zurückbekommen (blau), so daß einfach das, was ich hier darstelle, in dieser Form, wie ich es Ihnen eben jetzt gesagt habe, als Tatsache vorhanden ist. Und wir müssen wiederum, wenn wir das Weitere einsehen wollen, auf die Erfahrungen der alten Mysterien zurückgehen.
[ 11 ] Nehmen Sie noch einmal diese Tatsache: Der Initiierte der alten Mysterien sendet seine Rätselfragen hinaus. Er übergibt sie jener Strömung, die den Sonnenstrahlen entgegengeht, wartet, und bekommt nach einiger Zeit vom Monde her seine Antworten. Er redet in dieser Beziehung mit dem Kosmos.
[ 12 ] Nun hat aber der alte Initiierte durch diesen Vorgang nur ganz bestimmte Antworten erhalten, und das waren die Antworten, die sich bezogen auf den Bau des Weltenalls als solchen. Also, was in der alten primitiveren Wissenschaft, die aber eine hohe Weisheit, wenn auch eine träumerische, war, enthalten war, das wurde auf eine solche Weise zustande gebracht, daß man den Sonnenstrahlen in entgegengesetzter Richtung die Fragen übergab und dann die Antworten empfing. Da empfing man die Antworten auf jene Fragen, die den Bau des Weltenalls, die die Kräfte betrafen, die im Weltenall wirken und so weiter. Kurz, man bekam alles das, was sich auf physikalische Anschauung, auf astronomische Anschauung, auf die Sphärenmusik und so weiter bezog, und was innerhalb dieser Gebiete verzeichnet wurde in den alten Wissenschaften.
[ 13 ] Nun aber sandten diese alten Initiierten auch andere Fragen in das Weltenall hinaus. Sie kannten zum Beispiel auch die Kunst, hinauszusenden Fragen bis zum Mars, bis zur Marssphäre (siehe Zeichnung). Sie übergaben in der Zeit, wo der Mars am Himmel stand, den Strahlungen in entgegengesetzter Richtung ihre Fragen. Nun erwarteten sie die Antworten nicht vom Monde, sondern wenn sie zum Mars ihre Fragen schickten, dann erwarteten sie die Antworten, wenn die Venus in der Weise stand, daß sie gewissermaßen den Mars anschaute; aber das Wichtige ist: Sie erwarteten die Antworten auf die Fragen, die sie zum Mars hinaufschickten, von der Venus. Und weiter, die Fragen, die sie hinaufschickten zum Jupiter, die erwarteten sie vom Merkur beantwortet. Die Fragen, die sie zum Saturn schickten, die schickten sie gewissermaßen ganz in die Weiten des Weltenalls hinaus, und für diese erwarteten sie die Antworten nur vom Fixsternhimmel oder von dem, was ihnen in jenen alten Zeiten der Repräsentant des Fixsternhimmels war, vom Tierkreis selber.
[ 14 ] Aber was war denn in jenen Fragen enthalten, welche die alten Initiierten in dieser Weise in das Weltenall hinaussandten und wofür sie dann die Antworten erwarteten? Das waren jetzt nicht die abstrakt-wissenschaftlichen Wahrheiten, welche vom Bau des Weltenalls handelten, wie ich Ihnen das eben angedeutet habe, sondern es waren diejenigen Fragen, welche diese alten Initiierten direkt an göttlich-geistige Wesenheiten richten wollten.
[ 15 ] So richteten sie an den Mars die Fragen, die sie an die Engelwesen zu stellen hatten, und erwarteten die Antworten von der Venus aus. So richteten sie an den Jupiter die Fragen an die Erzengelwesen und erwarteten die Antworten vom Merkur aus; und so richteten sie an den Saturn die Fragen, die gewonnen werden sollten von den Urkräften, von den Archai, und erwarteten von dem Tierkreise die Antworten.
[ 16 ] Also während gewissermaßen mit dem Kosmos unmittelbar in einer mehr abstrakten Form, ich möchte sagen in einer unpersönlichen Form gesprochen wurde, wurde diejenige Sprache, die ich eben jetzt charakterisiere, in der Weise geführt, daß man dabei das Bewußtsein haben konnte: Man redet mit wirklichen geistig-göttlichen Wesenheiten und man bekommt deren individuelle Aussagen. Also von dem Chor der Engel, von dem Chor der Erzengel, von dem Chor der Archai bekam man gewissermaßen die Willensentschließungen auf diese Weise. Dasjenige, was man abwickelte als einen Diskurs zwischen Sonne, Mond und dem Initiierten, das war auf das Äußere des Kosmos gerichtet. Was man mit den anderen Planeten abmachte und mit dem Tierkreis, das war auf die geistigen Bewohner des Kosmos gerichtet.
[ 17 ] Man weiß also, daß es Tatsache ist, daß eine Wechselwirkung des Menschen mit dem Kosmos, und zwar nicht nur mit seinem äußeren Bau, sondern auch mit den Bewohnern des Kosmos fortwährend vorhanden ist. Die alten Eingeweihten wußten, daß wenn sie zum Beispiel zum Mars hinaus ihre Kräfte richteten, es dann nicht etwa genügte, daß sie bloße Rätselgedanken-Fragen hegten und sie hinaussandten in das Weltenall. Solche Rätselgedanken-Fragen gingen nur bis zur Sonne, und für solche Rätselgedanken-Fragen kamen auch nur von dem Monde Antworten zurück. Wollten die alten Eingeweihten nach dem Mars Fragen richten, so konnten sie das nicht mit dem bloßen Denken machen, sondern das mußten sie so machen, daß sie in einer bestimmten Weise Formeln bildeten, Rezitative, Mantren bildeten, die auch wirklich ausgesprochen werden konnten. Die wurden dann hinausgesandt, und die bildeten dasjenige, was die Marskräfte so in Bewegung setzte, daß die Antworten wiederum für eine Artinneren Hörens von der Venus aus zurückkamen. Wollte man den Jupiter fragen, so genügte auch das nicht mehr, sondern da mußten gewisse kultische Opferhandlungen vollzogen werden von einer ganz bestimmten Form. Und was da als die, sagen wir, Weltgedanken-Form von diesen kultischen Opferhandlungen hinausströmte in das Weltenall, das kam dann wiederum in gewissen Zeichen, welche die alten Eingeweihten zu deuten verstanden, von der Venus zurück. Ließen sie sich von der Venus inspirieren, so konnten sie, wenn zum Jupiter hinausgesandt wurde, diese Zeichen deuten; ließen sie sich vom Merkur inspirieren, so konnten sie auch da die entsprechenden Zeichen deuten. Es waren dies Zeichen von der verschiedensten Art. Man sah in ihnen überhaupt nichts, wenn man nicht eben gerade merkurinspiriert war. War man merkur-inspiriert, so wußte man: Wenn das oder jenes Ereignis einem begegnet, so ist es diese oder jene Antwort auf eine durch eine kultische Handlung gestellte Frage.
[ 18 ] So bekamen Naturereignisse und auch Geschichtsereignisse, die sonst für den Menschen nichts anderes sind als eben Naturvorgänge und Geschichtsvorgänge, einen gewissen Inhalt; sie konnten gewissermaßen gelesen werden. Was an den Saturn als Frage gestellt wurde, das war ganz besonders schwierig, denn das konnte nur durch langwierige menschliche Handlungen selber als Frage gestellt werden. Das wurde in der Regel in den alten Mysterien so gemacht, daß die Mysterienlehrer eine gewisse Mission ihren Schülern gaben, eine Mission, die in der Verwendung des Lebens dieser Schüler zu diesem oder jenem Tatinhalt bestand. Und in dem, was dann oftmals durch viele Jahre hindurch solche Schüler zu verrichten hatten, bestanden die Anfragen an das Saturndasein. Und die Antworten kamen dann vom Tierkreise zurück.
[ 19 ] Es war wirklich ein Hineingewobensein in den ganzen Kosmos, was sich da abspielte in jenen Gebets-, Meditations-, kultischen Diensten und anderen Verrichtungen, die durch die alten Mysterien von den Eingeweihten und ihren Schülern gepflegt wurden. Da war auch nichts, was nur in kurzer Zeit etwa sich abspielte; sondern da war alles dasjenige, was sich im Laufe der Jahre in solchen Mysterien abspielte, fortlaufende Erkenntnishandlung oder auch Handlung zur Herbeiführung der für das menschliche Handeln richtigen Impulse.
[ 20 ] Durch das Hineinschauen in diese Verhältnisse bekommt man auch eine Anschauung, wie die Kräfte, die man in solchem Sinne als Sonnen-, Mars-, Jupiter-, Saturn-, Monden-, Venus- und Merkurkräfte bezeichnen kann, auf den Menschen wirken, was sie für den Menschen für eine Bedeutung haben. Die Sonnenkräfte haben ja für den Menschen die Bedeutung — Sie können das entnehmen aus dem, was ich bisher ausgeführt habe —, daß sie gewissermaßen sein Willensartiges an die Sonne heranziehen, daß sie ihn selbst, wenn er gestorben ist, in den Weltenraum hinaus und durch den Weltenraum in die geistige Welt führen. Die Mondenkräfte haben die Eigentümlichkeit, daß sie die Organisation in den Menschen hineinbringen, die das Denken, das Sinnen möglich macht; aber sie sind auch diejenigen Kräfte, die den Menschen wiederum hereintragen, wenn er, aus der geistigen Welt ankommend, durch die Äthersphäre hindurch seinen Weg finden muß zur irdischen Verkörperung.
[ 21 ] In einer ähnlichen Weise können wir von den anderen Kräften, denen wir ihre Namen geben nach den Weltenkörpern, die sie repräsentieren, in bezug auf ihre Wirkung auf den Menschen sprechen. Nehmen wir zum Beispiel die Merkurkräfte. Diese Merkurkräfte sind ja nicht etwa bloß konzentriert in dem Weltenkörper Merkur. Sie erfüllen den ganzen uns zugänglichen Raum, und der physische Merkurkörper ist bloß die im Mineralischen konzentrierte Ausgestaltung dessen, was da als Merkurkräfte vorhanden ist. Stellen Sie sich vor, wir hätten unser ganzes Sonnensystem mit den Merkurkräften angefüllt (gelb). Die gehen durch alle Körper des Sonnensystems durch, natürlich auch durch uns Menschen, nur da, wo am Himmel der Merkur ist, da sind sie physisch-mineralisch konzentriert, so daß man sie da sieht (gelber Punkt). Aber sie sind überall.
[ 22 ] Nehmen Sie die Venuskräfte, so sind diese Venuskräfte wiederum überall (rot). Sie sind nur an einer bestimmten Stelle, wo man die Venus sieht, mineralisch-physisch konzentriert (roter Punkt). Und so ist es mit allen diesen Kräften. Sie sind, wenn man die Wirklichkeit nimmt, so, daß man sagen muß: Venus, Merkur, Mars und so weiter stecken ineinander, nur ihre mineralischen Konzentrationen sind auf verschiedene Orte verteilt.
[ 23 ] Wenn man allmählich sich eine Anschauung erwirbt davon, wie der Merkur antwortet auf den Jupiter, dadurch, daß man ihn also erkennen lernt, dann gewinnt man auch eine Erkenntnis davon, was nun für den Menschen auch im Unbewußten diese Merkurkräfte für eine Bedeutung haben. Wir müssen ja, um ein einfaches Beispiel zu nehmen, wenn wir gehen wollen, gewisse Kräfte haben, durch die wir unsere Knochen und Muskeln durchdringen vom Geiste aus. Wir müssen da hinein in das Physische; wir müssen in das Feste unseres Körpers, in all das, was feste Bestandteile unseres Körpers sind, mit unserem Geistig-Seelischen hinein. Daß wir das können, das bewirken die Merkurkräfte.
[ 24 ] Wir können also sagen:
[ 25 ] Erstens: Die Merkurkräfte haben die Wirkung, daß der Mensch Besitz ergreifen kann vom Festen seines Körpers. Wir würden fortwährend außerhalb des Festen unseres Körpers sein, wenn es in der Welt keine Merkurkräfte gäbe.
[ 26 ] Zweitens: Die Venuskräfte bewirken, daß der Mensch Besitz ergreifen kann von dem Flüssigen seines Körpers. Sie wissen ja, daß Sie zu neunzig Prozent eine Wassersäule sind. Sie würden also fortwährend außerhalb dieser Wassersäule herumgehen müssen als Geist, Sie könnten nicht Besitz ergreifen von dieser Wassersäule, wenn nicht die Venuskräfte in der Welt wären.
[ 27 ] Drittens: Die Mondenkräfte lassen den Menschen Besitz ergreifen von seinem luftförmigen Inhalt.
[ 28 ] Diese Dinge, die kann man wissen, wenn man Kosmologie studiert. Nun kann aber das Studium weitergehen, und solche Studien haben die alten Initiierten angestellt, trotzdem sie nur ein primitives Wissen, eine Art träumerischen Hellsehens gehabt haben. Sagen wir zum Beispiel, sie haben aus ihren kosmologischen Studien gefunden: Die Venuskräfte bewirken, daß der Mensch Besitz ergreifen kann von alledem, was in ihm flüssig ist. Nun haben sie probiert; sie haben gewartet, bis bei irgendeinem Menschen der Fall eingetreten ist, daß er schlecht Besitz ergreifen konnte von seinem Flüssigen. Dann treten bestimmte Krankheiten auf. Eine ganz bestimmte Krankheitsform tritt zum Beispiel dann auf, wenn der Mensch nur für ein Organ nicht richtig Besitz ergreifen kann von seinem Flüssigkeitsmenschen. Nun haben diese alten Eingeweihten probiert: Was muß man da für ein Heilmittel verwenden? Wenn der Mensch nicht richtig eingeschaltet war in die Venuskräfte, wenn also die Besitzergreifung von dem Flüssigen im Menschen nicht richtig funktioniert hat, dann sahen sie, daß sie Kupfer verwenden mußten als Heilmittel. Indem sie fanden, daß das Kupfer so wirkt, daß es das Seelisch-Geistige wieder Besitz ergreifen läßt vom Körper, daß es also ganz ähnlich wirkt wie sonst die Venuskräfte, fanden sie, daß im metallischen Kupfer dieselben Kräfte stecken wie in der Venussphäre. Dadurch haben sie das Metall Kupfer in Zusammenhang gebracht mit der Venus.
[ 29 ] Oder wenn es sich darum gehandelt hat, daß eine Krankheit aufgetreten ist, weil der Mensch nicht richtig Besitz ergreifen konnte von seinen festen Bestandteilen, dann fanden sie, daß sie Merkur oder Quecksilber anwenden mußten. Und so haben sie die Parallelisierung der Metalle mit den Planeten gefunden. Heute werden in den gangbaren Darstellungen gewöhnlich diese Dinge parallelisiert, aber kein Mensch frägt sich: Warum entspricht der Venus das Kupfer? — und so weiter. Das führt auf vollberechtigte Forschung zurück.
[ 30 ] Wenn also aus wirklicher Erkenntnis heraus der Mensch von dem Kupfer als einem Heilmittel spricht, so hat er diese Erkenntnis aus dem Zusammenhange des Menschen mit dem Weltenall. Wenn man zum Beispiel davon sprechen soll, ob irgendein Metall, das in einer Pflanze vorkommt, nach dieser oder jener Richtung ein Heilmittel ist, dann hat man die ganze Beziehung auch dieser Pflanze zum Kosmos ins Auge zu fassen. Und aus der Beziehung der Pflanze zum Kosmos und wiederum aus der Beziehung des Kosmos zum Menschen gewinnt man dann die Anschauung, wie das Heilmittel wirken kann.
[ 31 ] Man kann ganz gut begreifen, daß heute eine gewisse Abneigung vorhanden ist, diese Dinge zuzugeben. Denn heute ist das Bestreben vorhanden, auf eine allerdings etwas anfechtbare Art in vier, fünf Jahren alles zu lernen, was man als Heiler braucht. Weil man aber das nicht kann, sondern weil man immer weiterlernen muß und man eigentlich nach diesen vier, fünf Jahren fertig sein will und nicht zugeben will, daß man noch viel mehr lernen muß, deshalb bilden sich eben diese Abneigungen gegen etwas, bei dem man kein Ende sieht. Aber die Welt hat eben kein Ende, nicht nur extensiv, sondern auch intensiv nicht, wie man sich das gewöhnlich vorstellt.
[ 32 ] Bei den Marskräften handelt es sich darum, daß sie uns nicht etwa Besitz ergreifen lassen, sondern daß sie uns behüten vor demjenigen, was die Äther-Wärmekräfte, das Wärmeelement in der Welt ist.
[ 33 ] Also viertens die Marskräfte: Sie bewahren uns vor dem Verfließen in dem Wärmeelemente. Würden die Marskräfte nicht in der richtigen Weise da sein, so würde der Mensch in der Wärme ausfließen. Er würde immerfort das Bestreben haben, zu zerfließen in dem Wärmeelement. Die Marskräfte halten ihn gegenüber dem Wärmeelemente zusammen. Es ist das sogar das Wichtigste im Menschen, denn weil er in sich mehr Wärme hat, als in seiner Umgebung vorhanden ist, ist er fortwährend in der Gefahr, im Wärmeelemente auszufließen. Das ist das Allerwichtigste. Daher müssen die Marskräfte geradezu im Menschen konzentriert sein. Und das geschieht dutch das Eisen, das der Mensch im Blute hat. Das Eisen enthält Kräfte, die mit den Marskräften gleich sind und die den Menschen zusammenhalten gegenüber dem Zerfließen in der Wärme.
[ 34 ] Die anderen, die Jupiter- und Saturnkräfte, hat er nicht in dieser materiellen Weise in sich. Sie sind auch in ihm vorhanden, nur in einer anderen Form, nicht unmittelbar nachweisbar. Allein man sollte glauben — davon will ich dann morgen reden —, daß gewisse neuere Forschungen die Menschen schon gerade mit Bezug auf diese Dinge auch aus der äußeren Naturwissenschaft heraus bedenklich machen könnten.
[ 35 ] Fünftens die Jupiterkräfte: Sie bewahren den Menschen vor dem Verfließen in dem Lichtelemente, also in dem Lichtäther. Der Mensch würde eine Lichtwolke werden, die sich immerfort verbreitet, wenn nicht die Jupiterkräfte in der entsprechenden Weise da wären.
[ 36 ] Sechstens die Saturnkräfte: Sie bewahren den Menschen davor, in dem chemischen Äther zu zerfließen. Diese Saturnkräfte, die in den Menschen hineinwirken, sind wirklich Kräfte, die eigentlich in gewissem Sinne mit dem Innersten der Menschennatur zusammenhängen. Man spricht ja eher in übertragenem Sinne, wenn man zum Beispiel von einem säuerlichen oder von einem süßlichen Menschen spricht. Aber die Dinge sind nicht bloß im übertragenen Sinne so, sondern ob irgendein Mensch säuerlich wirkt moralisch-physisch, das hängt schon ein bißchen mit seiner chemischen Zusammensetzung zusammen. Und an dieser chemischen Zusammensetzung haben die Saturnkräfte ihren Anteil. Wie der Saturn in einem Menschen wirkt, davon hängt es ab, wie er aus dem Organismus heraus sich auslebt. So daß in der Tat der Melancholiker dadurch Melancholiker ist, daß er ganz besonders sich hineinsetzt in seine chemische Zusammensetzung, in all dasjenige, was da gekocht wird in der Leber, in der Galle und schon im Magen; das Melancholische beruht also auf diesem Sich-Hineinsetzen in die chemische Zusammensetzung. Und das wiederum beruht darauf, daß die Saturnkräfte bei einem solchen Menschen eben ganz besonders stark entwickelt sind.
[ 37 ] Und so können wir sagen, daß der Mensch allerdings innerhalb seiner Haut konzentriert erscheint, daß aber das eigentlich nur ein Schein ist, daß in Wahrheit der Mensch dem ganzen Kosmos angehört und daß man auch auf die Einzelheiten hinweisen kann, wie der Kosmos an der menschlichen Gestaltung seinen Anteil hat.
[ 38 ] Sie sehen, die sonnennahen Planeten haben es mehr zu tun mit demjenigen, was im Menschen physische Elemente sind: das Feste, das Flüssige, das Luftförmige. Die sonnenfernen Planeten, die haben es mehr zu tun mit dem, was im Menschen Ätherelemente sind. Die Sonne selbst trennt beides voneinander. Merkur-, Venus-, Mondenkräfte bringen den Menschen heran an das Feste, Flüssige und Luftförmige. Mars-, Jupiter-, Saturnkräfte bewahren ihn davor, daß er in das Warme, in das Lichtvolle, in das Chemisch-Wirksame ausfließt. Sie sehen, es sind polarische Wirkungen. Und zwischenhinein, damit die beiden nicht durcheinander wirken, stellt sich das sonnenhafte Element. Würden die Marskräfte ohne weiteres wirken können — die Marskräfte würden ja zum Beispiel ohne weiteres auf die Mondenkräfte wirken können —, würden sich nicht die Sonnenkräfte mitten hineinstellen, so daß da gleichsam eine Scheidewand ist, die sie nicht einfach zusammenkommen läßt, so würden die Marskräfte, die den Menschen im Wärmeelement verselbständigen, ihn wohl bewahren vor dem Verfließen im Wärmeelement; aber was sich da verselbständigte, müßte sogleich von der Luft Besitz ergreifen, und der Mensch würde ein Luftgespenst werden. Daß das beides getrennt vor sich gehen kann, daß der Mensch sowohl von seinem luftförmig-organisch Gestalteten Besitz ergreifen kann, aber auf der anderen Seite auch wiederum im Wärmeelement selbständig leben kann, dazu müssen die beiden voneinander getrennt sein. Und da ist das Sonnenhafte dazwischen.
[ 39 ] Auch das war schon den alten Initiierten gut bekannt. Wenn zum Beispiel ein Mensch dadurch eine bestimmte Krankheitserscheinung hat, daß die Marskräfte zu stark wirken, so daß sie gewissermaßen das Sonnenelement durchbrechen und der Mensch dann zu stark in seinem luftförmigen Elemente lebt, weil er alsdann von dem besser Besitz ergreifen kann, dann muß man die beiden trennen. Und dazu muß man Aurum verwenden. Damit nicht die Marskräfte und die Mondenkräfte ineinander schwimmen, muß man die Sonnenkräfte verstärken. So kam man zu der medizinischen Wirkung des Aurum, was den Organismus wiederum harmonisiert, so daß dasjenige, was nicht zusammenfließen darf, auch wirklich nicht zusammenfließt.
[ 40 ] Aus alledem wird Ihnen durchaus ersichtlich sein, daß Welterkenntnis nicht ohne Menschenerkenntnis und Menschenerkenntnis nicht ohne Welterkenntnis möglich ist, insbesondere auf demjenigen Gebiete nicht, wo es sich zum Beispiel um das Anwenden der Wissenschaft in der Heilkunst handelt.
