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The Secret of the Trinity
GA 214

9 August 1922, Dornach

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Siebenter Vortrag

Seventh Lecture

[ 1 ] Der Schriftsteller, von dem ich das letzte Mal hier gesprochen habe, sollte eigentlich gerade denen, die sich zur anthroposophischen Bewegung zählen, außerordentlich viel zu denken geben. Denn wir sehen in Oswald Spengler eine Persönlichkeit, welche außerordentlich viel von dem wissenschaftlich beherrscht, was heute beherrscht werden kann. Man kann geradezu sagen: Die verschiedenen Gedanken, welche im Laufe der letzten Jahrhunderte das Eigentum der zivilisierten Menschheit geworden sind, werden von Spengler durchaus beherrscht. Man kann ihn geradezu wie jemanden betrachten, der eine ganze Reihe von Wissenschaften oder wenigstens von Gedanken aus den Wissenschaften aufgenommen hat.

[ 1 ] The writer I spoke of here last time should actually give those who identify with the anthroposophical movement a great deal to think about. For we see in Oswald Spengler a figure who has mastered an extraordinary amount of what can be mastered scientifically today. One might even say: Spengler has thoroughly mastered the various ideas that have become the property of civilized humanity over the course of the last few centuries. One might even regard him as someone who has absorbed an entire range of sciences—or at least ideas drawn from the sciences.

[ 2 ] Die Gedankenkombinationen, die er zustande bringt, sind zuweilen blendend. Er ist in höchstem Maße das, was man in Mitteleuropa — nicht in Frankreich, aber in Mitteleuropa — einen geistreichen Menschen nennen kann. Für westlich-französische Geistreichigkeit ist allerdings das, was Oswald Spengler an Gedanken bringt, zu schwer und zu dicht. Aber wie gesagt, im mitteleuropäischen Sinne kann er durchaus als ein geistreicher Denker gelten. Man kann ihn kaum irgendwie einen eleganten Denker im besten Sinne des Wortes nennen, denn die Einkleidung seiner Gedanken hat durchaus — trotz aller Geistreichigkeit — etwas arg Pedantisches. Und man kann sogar an den verschiedenen Stellen sehen, wie aus den Satzmaschen dieses geistreichen Mannes ein Philisterauge stark hervorlugt. Jedenfalls aber ist in den Gedanken selber etwas Grobes.

[ 2 ] The combinations of ideas he produces are at times dazzling. He is, to the highest degree, what one might call—not in France, but in Central Europe—a witty person. For Western French wit, however, Oswald Spengler’s ideas are too heavy and too dense. But as I said, in the Central European sense, he can certainly be considered a witty thinker. One can hardly call him an elegant thinker in the best sense of the word, for the way he frames his thoughts has—despite all his wit—a decidedly pedantic quality. And one can even see in various places how a philistine’s eye peeks out sharply from the fabric of this witty man’s sentences. In any case, however, there is something coarse in the thoughts themselves.

[ 3 ] Nun, das sind mehr, möchte ich sagen, ästhetische Betrachtungen der Gedanken. Das Wichtige ist aber dieses, daß da eine Persönlichkeit vor uns steht, die nun schon einmal Gedanken, und zwar Zeitgemäße Gedanken hat, die aber eigentlich von dem gesamten Denken nichts hält. Denn Oswald Spengler hält ja für das wirkliche Geschehen in der Welt nicht dasjenige, was aus dem Denken kommt, für maßgebend, sondern er hält die mehr instinktiven Lebensimpulse für das Maßgebende. So daß eigentlich bei ihm das Denken immer wie etwas Luxuriöses, möchte man sagen, über dem Leben schwebt, so daß bei ihm die Denker solche Leute sind, die über das Leben nachsinnen; aber aus dem, was in ihrem Ersonnenen ist, kann ins Leben nichts einfließen. — Das Leben ist eben schon da, wenn die Denker kommen, um ihre Gedanken über das Leben zu haben.

[ 3 ] Well, I would say these are more like aesthetic reflections on ideas. But the important thing is this: we have before us a personality who does indeed have thoughts—and contemporary ones at that—but who actually thinks very little of thought as a whole. For Oswald Spengler does not consider what arises from thought to be decisive for what actually happens in the world; rather, he regards the more instinctive impulses of life as decisive. So, for him, thinking always hovers above life—one might say—like a luxury; thus, for him, thinkers are people who reflect on life; but nothing from what they ponder can flow into life. — Life is already there when the thinkers come to have their thoughts about life.

[ 4 ] Und es ist dabei durchaus so, daß man sagen muß: In dem weltgeschichtlichen Augenblicke, in dem einmal ein Denker die besondere Form der Gedanken der Gegenwart mit einiger Universalität beherrscht, in diesem selben Augenblicke empfindet dieser Denker eigentlich die Gedanken als steril, als unfruchtbar. Er wendet sich an etwas anderes als an diese unfruchtbaren Gedanken; er wendet sich an dasjenige, was im instinktiven Leben sprudelt, und er sieht von dem Gesichtspunkte aus, der sich ihm auf diese Weise ergibt, nun die gegenwärtige Zivilisation.

[ 4 ] And it is certainly the case that one must say: At that moment in world history when a thinker has mastered the particular form of contemporary thought with a certain universality, at that very moment this thinker actually perceives these thoughts as sterile, as barren. He turns to something other than these barren thoughts; he turns to that which bubbles up in instinctive life, and from the perspective that this affords him, he now views contemporary civilization.

[ 5 ] Er sieht sie eigentlich so, daß er sagt: Was diese gegenwärtige Zivilisation hervorgebracht hat, ist überall auf dem Wege, unterzugehen. Man könne nur hoffen, daß einmal wiederum aus dem, was Spengler «das Blut» nennt, etwas Instinktives herauftaucht, das alles dasjenige, was gegenwärtige Zivilisation ist, nicht mitmacht, sogar kurz und klein schlägt und eine ausgebreitete, nur aus dem Instinktiven hervorgehende Macht an die Stelle setzt.

[ 5 ] He actually sees it this way: What this present civilization has produced is on the verge of collapse everywhere. One can only hope that someday something instinctive will emerge once again from what Spengler calls “the blood”—something that does not go along with everything that constitutes contemporary civilization, but rather smashes it to pieces and replaces it with a widespread power arising solely from the instinctive.

[ 6 ] Oswald Spengler sieht, wie die Menschen der neueren Zivilisation allmählich zu Sklaven des maschinellen Lebens geworden sind. Er sieht aber nicht, wie innerhalb dieses Maschinenlebens, der Technik überhaupt, weil sie im Grunde genommen dem Geistigen gegenüber leer ist, gerade durch Reaktion das Erlebnis der menschlichen Freiheit kommen kann. Von dem hat er keine Ahnung. Und warum hat er von dem keine Ahnung?

[ 6 ] Oswald Spengler sees how people in modern civilization have gradually become slaves to a life dominated by machines. But he fails to see how, within this machine-dominated life—and within technology itself, since it is essentially devoid of anything spiritual—the experience of human freedom can emerge precisely as a reaction to it. He has no idea about that. And why does he have no idea about this?

[ 7 ] Ja, sehen Sie, ich habe das letzte Mal, ich möchte sagen, mehr spaßhaft darauf hingedeutet, daß ja Spengler sagt: Der Staatsmann, der Praktiker, der Kaufmann und so weiter, sie alle handeln aus anderen Impulsen heraus als aus demjenigen, was im Denken erobert werden kann. — Spaßhaft sagte ich: Oswald Spengler scheint niemals beachtet zu haben, daß es auch Beichtväter gibt und ähnliche Beziehungen. — Oswald Spengler hat auch nicht im ordentlichen Sinne etwas anderes beobachtet, von dem das Verhältnis zum Beichtvater nur eine weltgeschichtlich dekadente Seitensache darstellt.

[ 7 ] Yes, you see, last time I alluded to this—I’d say, more in jest—that Spengler does indeed say: The statesman, the practitioner, the merchant, and so on—they all act on impulses other than those that can be grasped by thought. — I said, half-jokingly: Oswald Spengler seems never to have considered that there are also confessors and similar relationships. — Nor has Oswald Spengler, strictly speaking, observed anything else in which the relationship with the confessor represents merely a decadent, world-historical side issue.

[ 8 ] Wenn wir zurückgehen in der Menschheitsentwickelung, finden wir überall, wie die sogenannten Tatmenschen, diejenigen Menschen, die äußerlich in der Welt etwas zu tun haben, wie diese sich wenden, sei es in späteren Zeiten an die Orakel, sei es in früheren Zeiten an das, was innerhalb der Mysterien als die Ratschlüsse der geistigen Welt erkannt werden kann. Man braucht nur die ältere ägyptische Kultur ins Auge zu fassen, wie da diejenigen, die in den Mysterien die Ratschlüsse der geistigen Welt erkundeten, übertrugen das, was sie auf geistige Art fanden, auf diejenigen, die nun 'Tatmenschen werden wollten und sollten. So daß gerade dann, wenn man zurückgeht in der Menschheitsentwickelung, man darauf kommt, wie aus der geistigen Welt heraus — nicht aus dem Blute, denn diese ganze Theorie des Blutes ist ja so mystisch-nebulos wie nur irgend etwas —, wie also nicht aus einem dunklen Untergrunde des Blutes heraus, sondern wie aus dem Geiste heraus geschöpft wurden die Impulse, die dann in die irdischen Taten eingingen.

[ 8 ] If we look back at the development of humanity, we find everywhere how the so-called “people of action”—those who are outwardly engaged in the world—turn, whether in later times to the oracles or, in earlier times, to what can be recognized within the mysteries as the counsel of the spiritual world. One need only consider ancient Egyptian culture to see how those who explored the counsel of the spiritual world within the mysteries conveyed what they discovered in a spiritual manner to those who now “wanted to and were meant to become people of action.” So that precisely when one looks back at human development, one comes to realize how, from the spiritual world—not from the blood, for this whole theory of blood is as mystical and nebulous as anything—how, then, not from some dark depths of the blood, but from the spirit itself, the impulses were drawn that then entered into earthly deeds.

[ 9 ] In gewissem Sinne waren dann die sogenannten Tatmenschen eben die Werkzeuge für die großen geistigen Schöpfungen, deren Richtungen man erkannte innerhalb der geistigen Forschung der Mysterien. Und ich möchte sagen, Nachklänge der Mysterien, die sehen wir ja überall in der griechischen Geschichte, in der römischen Geschichte spielen; wir sehen sie aber auch durchaus noch spielen die erste Zeit des Mittelalters hindurch.

[ 9 ] In a certain sense, then, the so-called “people of action” were simply the instruments for the great spiritual creations, the directions of which were recognized within the spiritual research of the Mysteries. And I would like to say that we see echoes of the Mysteries everywhere in Greek history and in Roman history; but we also see them continuing to play a role well into the early Middle Ages.

[ 10 ] Ich habe Sie aufmerksarn gemacht, wie man zum Beispiel die Lohengrin-Sage doch nur versteht, wenn man sie zurückzuverfolgen weiß von der äußeren physischen Welt in die Gralsburg des früheren oder eigentlich mittleren Mittelalters hinein.

[ 10 ] I have pointed out to you, for example, that the Lohengrin legend can only be understood if one knows how to trace it back from the external physical world into the Grail castle of the early—or, more accurately, the high—Middle Ages.

[ 11 ] Es ist also eine vollständige Verkennung des wirklichen Ganges der Menschheitsentwickelung, wenn Oswald Spengler glaubt, daß irgendwie aus dem Blute herauswachsen die weltgeschichtlichen Ereignisse, und daß dabei dasjenige, was in den Menschen doch hereinkommt durch den Gedanken, eben nichts zu tun habe.

[ 11 ] It is therefore a complete misunderstanding of the true course of human development when Oswald Spengler believes that world-historical events somehow spring from the blood, and that what does enter into human beings through thought has nothing to do with it.

[ 12 ] Wenn wir in die älteren Zeiten zurückgehen, so finden wir ja, daß die Menschen in einem hohen Grade abhängig sind von der Erforschung der geistigen Welt, wenn sie etwas tun wollen. Es müssen dann, wenn man das so ausdrücken darf, die Absichten der Götter erforscht werden. Und dieses Abhängigkeitsverhältnis der Menschen zu den Göttern, auf das wir hinschauen, das machte für ältere Zeiten die Menschen unfrei. Die Gedanken der Menschen waren durchaus darauf gerichtet, daß sie gewissermaßen wie Gefäße behandelt wurden, in welche die Götter ihre Substanzen, die geistigen Substanzen hineingossen, unter deren Einflüssen die Menschen handelten.

[ 12 ] If we go back to earlier times, we find that people were highly dependent on exploring the spiritual world whenever they wanted to do something. In other words—if I may put it that way—the intentions of the gods had to be explored. And this relationship of dependence between human beings and the gods—which we are examining—is what made people unfree in earlier times. People’s thoughts were entirely focused on the idea that they were, so to speak, treated like vessels into which the gods poured their substances—spiritual substances—and under whose influence people acted.

[ 13 ] Damit die Menschen frei werden konnten, mußte dieses Hineingießen der Substanzen in die menschlichen Gedanken von seiten der Götter aufhören. Die menschlichen Gedanken wurden dadurch immer mehr und mehr zu Bildern. Die älteren Gedanken der Menschheit waren viel, viel mehr Realitäten. Und was Oswald Spengler dem Blute zuschreibt, sind eben die Realitäten, die in den Gedanken der älteren Menschheit steckten, jene Substanzen, die noch das Mittelalter hindurch eben durch die Menschen wirkten.

[ 13 ] In order for human beings to become free, this pouring of substances into human thoughts by the gods had to cease. As a result, human thoughts increasingly became mere images. The thoughts of humanity in earlier times were much, much more like realities. And what Oswald Spengler attributes to blood are precisely those realities that were embedded in the thoughts of earlier humanity—those substances that continued to work through people even throughout the Middle Ages.

[ 14 ] Dann kam die neuere Zeit herauf. Die Gedanken der Menschen verloren ihren göttlichen, ihren substantiellen Inhalt. Die Gedanken der Menschen wurden bloß abstrakte Gedankenbilder. Aber nur diese sind nicht drängend und zwängend. Nur durch ein Leben in solchen Gedankenbildern kann der Mensch frei werden.

[ 14 ] Then the modern era dawned. People’s thoughts lost their divine, their substantial content. People’s thoughts became merely abstract mental images. But these alone are not compelling or constraining. Only by living within such mental images can a person become free.

[ 15 ] Nun hat der Mensch durch die neueren Jahrhunderte hindurch, bis ins 20. Jahrhundert herein, in sich selber kaum etwas anderes gefunden als die organische Anlage dazu, solche Gedankenbilder auszugestalten. Es war das die Erziehung der Menschheit zur Freiheit. Der Mensch hatte keine, wie es in der alten Zeit noch der Fall war, atavistischen Imaginationen oder Inspirationen. Er hatte nur Gedankenbilder. In diesen Gedankenbildern konnte er immer mehr und mehr frei werden, weil Bilder nicht zwingen können. Hat man in Bildern die sittlichen Impulse, so sind diese sittlichen Impulse nicht mehr zwingend, wie sie waren, als sie in der alten Gedankensubstanz lagen. Sie wirkten: damals eben wie Naturkräfte auf den Menschen. Die neueren Gedankenbilder wirken nicht mehr wie Naturkräfte. Man mußte sie daher, damit sie überhaupt einen Inhalt haben, entweder anfüllen auf der einen Seite mit demjenigen, was die Naturerkenntnis durch die bloße sinnliche Beobachtung weiß. Daher bekam man eine sinnliche Beobachtungswissenschaft, welche die Gedanken von außen anfüllte; von innen wollten sie sich aber immer weniger und weniger mit etwas anfüllen. So daß die Menschen da greifen mußten, wenn sie überhaupt noch angefüllte Gedanken haben wollten, zu den alten Traditionen, wie es entweder der Fall war in den traditionell gewordenen Religionsbekenntnissen, oder in den traditionell gewordenen, verschieden gearteten Geheimgesellschaften, wie sie ja über die ganze Erde hin blühten. Die große Masse der Menschen wurde zusammengefaßt in den verschiedensten Religionsbekenntnissen, wo man vor diesen Menschen etwas vorbrachte, dessen Inhalt aus älteren Zeiten stammte, wo noch den Gedanken ein Inhalt eben gegeben worden war. Oder aber man entfaltete — kultushaft oder auch anders — in Geheimgesellschaften wiederum dasjenige, was mehr oder weniger aus alten Zeiten durch Tradition stammte. Man füllte von außen die Gedanken mit sinnlichem Beobachtungsinhalt an. Man füllte sie von innen an mit den alten, dogmatisch traditionell gewordenen Impulsen.

[ 15 ] Throughout the more recent centuries, right up into the 20th century, human beings have found within themselves little else but the innate capacity to give form to such mental images. This was humanity’s education in freedom. Human beings no longer had, as was still the case in ancient times, atavistic imaginations or inspirations. They had only mental images. In these mental images, human beings could become increasingly free, because images cannot compel. If moral impulses are present in images, these moral impulses are no longer compelling, as they were when they were embedded in the ancient substance of thought. Back then, they acted upon human beings just like natural forces. The newer mental images no longer act like natural forces. Therefore, in order for them to have any content at all, one had to fill them, on the one hand, with what the knowledge of nature knows through mere sensory observation. This led to a science of sensory observation that filled the thoughts from the outside; from within, however, they were less and less inclined to be filled with anything. Consequently, if people wanted to have thoughts that were still filled with content at all, they had to turn to the old traditions—as was the case either in the religious creeds that had become traditional, or in the various types of secret societies that had become traditional, which flourished all over the world. The vast majority of people were drawn into the most diverse religious denominations, where they were presented with something whose content originated in earlier times, when thoughts had still been given substance. Or else, in secret societies—whether in the form of rituals or otherwise—people once again cultivated that which, to a greater or lesser extent, had been handed down from ancient times through tradition. Thoughts were filled from the outside with content derived from sensory observation. They were filled from the inside with the old impulses that had become dogmatic traditions.

[ 16 ] Das mußte auch vom 16. Jahrhundert bis herauf ins letzte Drittel des 19. Jahrhunderts durchaus geschehen, denn da wirkte im menschlichen Zusammenarbeiten über die ganze zivilisierte Welt hin noch dasjenige geistige Prinzip, das man, wenn man einen alten Namen verwenden will, das Prinzip des Erzengels Gabriel nennen kann; desjenigen Wesens also — es ist nur eine Terminologie, ich will auf eine geistige Macht hindeuten —, das, allerdings in der modernen Zivilisation unbewußt, in die Menschenseelen hineinwirkte. Die Menschen hatten innerlich selbst keinen Inhalt. Sie nahmen nur einen traditionellen Inhalt für ihr geistig-seelisches Leben auf. Aber das bewirkte, daß die Menschen gar nicht hätten fühlen können dieses Dabeisein bei diesem geistigen Inhalte.

[ 16 ] This must certainly have been the case from the 16th century up through the last third of the 19th century, for at that time the spiritual principle—which, if one wishes to use an ancient name, might be called the principle of the Archangel Gabriel—was still at work in human cooperation throughout the entire civilized world; that is, the being—it is merely a term; I wish to point to a spiritual power—which, albeit unconsciously in modern civilization, worked within human souls. People themselves had no inner content. They merely absorbed traditional content for their spiritual and soul life. But this meant that people could not have felt this sense of being present within this spiritual content.

[ 17 ] Der erste, der dieses Nichtdabeisein bei dem geistigen Inhalte fühlte, aber es nicht dazu bringen konnte, eine neue Geistigkeit zu erleben, war eigentlich Friedrich Nietzsche. Daher ging im Grunde genommen für den geistig-seelischen Inhalt ihm jeder Impuls verloren. Und er suchte dann nach möglichst unbestimmten Impulsen, nach Machtimpulsen und dergleichen.

[ 17 ] The first person to sense this detachment from spiritual content, yet who was unable to use it to experience a new spirituality, was actually Friedrich Nietzsche. Consequently, he essentially lost all sense of spiritual and emotional connection. And so he sought out impulses that were as vague as possible—impulses of power and the like.

[ 18 ] Die Menschen brauchen nämlich nicht bloß einen geistigen Inhalt, den sie nun in abstrakte Gedanken fassen, sondern sie brauchen die innerliche Durchwärmung, die bei diesem geistigen Inhalte eintreten kann. Diese innerliche Durchwärmung ist etwas außerordentlich Wichtiges.

[ 17 ] The first person to sense this detachment from spiritual content, yet who was unable to use it to experience a new spirituality, was actually Friedrich Nietzsche. Consequently, he essentially lost all sense of spiritual and emotional connection. And so he sought out impulses that were as vague as possible—impulses of power and the like.

[ 19 ] Diese innerliche Durchwärmung wurde für die große Masse eben durch die verschiedenen Kultus- und ähnlichen Handlungen, die innerhalb der Bekenntnisse ausgeübt wurden, bewirkt. In den Freimaurergemeinschaften oder anderen Geheimgesellschaften der neueren Zeit wurde denn auch diese Wärme in die Seelen hineinergossen.

[ 17 ] The first person to sense this detachment from spiritual content, yet who was unable to use it to experience a new spirituality, was actually Friedrich Nietzsche. Consequently, he essentially lost all sense of spiritual and emotional connection. And so he sought out impulses that were as vague as possible—impulses of power and the like.

[ 20 ] Das war in dieser Gabriel-Zeit aus dem Grunde möglich, weil eigentlich überall auf der Erde die elementarischen Wesen, die noch aus dem Mittelalter geblieben waren, vorhanden waren. Nur war es, je mehr das 19. Jahrhundert heraufkam, und schon ganz im 20. Jahrhundert, diesen elementarischen Wesen, die in allen Naturerscheinungen drinnen waren, immer unmöglicher geworden, gewissermaßen im sozialen menschlichen Leben Parasiten zu sein. Es war da vieles, was im Unbewußten dem entgegenwirkte, gerade in der neuesten Zeit.

[ 20 ] This was possible during the Gabriel era because, in fact, the elemental beings that had remained from the Middle Ages were present everywhere on Earth. However, as the 19th century progressed—and especially well into the 20th century—it became increasingly impossible for these elemental beings, who were present in all natural phenomena, to act as parasites, so to speak, in human social life. There were many factors at work in the unconscious that counteracted this, particularly in recent times.

[ 21 ] Sehen Sie, wenn da in solchen Geheimgesellschaften nach alter Tradition — es ist ja unglaublich, wie «alt» und «geheiligt» alle diese Kulte der Geheimgesellschaften sein sollen —, wenn da im Sinne alter Tradition Kulte veranstaltet wurden, oder Lehren gegeben wurden, wenn man da dasjenige entwickelte, was so heraufgetragen war als ein nicht mehr verstandener Nachklang der alten Mysterien, so war das gewissen elementarischen Wesen gerade recht. Denn indem die Menschen allerlei verrichteten, sagen wir, indem sie vor irgendeiner Messe saßen, die zelebriert wurde, und nichts mehr davon verstanden, so hatten die Menschen ja etwas ungeheuer Weisheitsvolles vor sich: sie waren dabei, verstanden zwar nichts, aber ihr Verstehen wäre möglich gewesen. Da kamen dann diese Elementarwesen, und wenn die Menschen nicht dachten über eine Messe, da dachten diese Elementarwesen dann mit dem menschlichen Verstand, den die Menschen nicht anwendeten. Die Menschen hatten immer mehr und mehr den freien Verstand ausgebildet, aber sie brauchten ihn nicht. Sie setzten sich lieber hin und ließen sich durch Tradition etwas vormachen. Sie dachten nicht, die Menschen. Es ist ja heute noch immer so, obwohl heute durchaus die Verhältnisse ganz anders werden, daß die gegenwärtigen Menschen ungeheuer viel denken könnten, wenn sie sich ihres Verstandes bedienen wollten. Aber sie mögen es nicht, sie tun es nicht, sie sind einem scharfen Denken abgeneigt. Sie sagen gern: Ah, da muß man sich anstrengen, das ist abstrakt, das ist etwas, wo man innerlich arbeiten muß!

[ 21 ] You see, if in such secret societies, according to ancient tradition—it’s unbelievable just how “old” and “sacred” all these cults of the secret societies are supposed to be—if, in the spirit of ancient tradition, cults were held there, or teachings were imparted, if what was developed there was presented as a no longer understood echo of the ancient mysteries, then that suited certain elemental beings just fine. For while people were engaged in all sorts of activities—let’s say, while they sat before some Mass being celebrated and no longer understood anything about it—they actually had something immensely wise before them: they were there, though they understood nothing, yet their understanding would have been possible. Then these elemental beings would come, and when people were not thinking about a Mass, these elemental beings would think using the human intellect that people were not applying. People had developed their free intellect more and more, but they did not need it. They preferred to sit back and let tradition lead them astray. They did not think, these people. It is still the case today—even though conditions are certainly becoming quite different—that people today could think an immense amount if they were willing to make use of their intellect. But they do not like it, they do not do it; they are averse to sharp thinking. They like to say: “Ah, that requires effort; it’s abstract; it’s something that requires inner work!”

[ 22 ] Wenn die Menschen das Denken liebten, würden sie nicht so gerne sich heute in alle möglichen Kinovorstellungen und dergleichen hineinbegeben, denn dabei kann man nicht und braucht man nicht zu denken, da rollt alles ab. Das ganz kleine Bisselchen, das man noch denken sollte, das wird auf große Tafeln aufgeschrieben und kann abgelesen werden. Das ist so, daß sich langsam und allmählich im Laufe der neueren Zeit diese Nichtsympathie mit dem innerlich aktiven Denken herausgebildet hat. Die Menschen haben sich fast ganz das Denken abgewöhnt. Wenn irgendwo ein Vortrag gehalten wird, der keine Lichtbilder hat und wo man etwas denken sollte, da ziehen es doch die Leute mehr oder weniger vor, ein wenig zu schlafen. Sie gehen ja vielleicht noch hin, aber sie schlafen, weil das aktive Denken eben nicht dasjenige ist, das heute sich einer außerordentlichen Beliebtheit erfreut.

[ 22 ] If people loved thinking, they wouldn’t be so eager to immerse themselves in all kinds of movies and the like these days, because in those situations you can’t—and don’t need to—think; everything just unfolds before your eyes. That tiny bit one is still supposed to think is written on large screens and can be read off. The fact is that, slowly and gradually over the course of recent times, this aversion to active inner thinking has developed. People have almost completely weaned themselves off thinking. When a lecture is given somewhere that doesn’t use slides and where one is supposed to think a bit, people more or less prefer to doze off a little. They might still go, but they fall asleep because active thinking is simply not something that enjoys extraordinary popularity today.

[ 23 ] Und gerade diesem Nichtdenkenwollen durch Jahrhunderte hindurch, paßte sich eben an das Mannigfaltigste, was in diesen oder jenen Geheimgesellschaften geübt wurde. Und solche Elementarwesen, die noch da waren, die noch mit dem Menschen verkehrten in der ersten Hälfte des Mittelalters, wo man sogar noch Laboratoriumsversuche anstellte, alchimistische Versuche, bei denen in ganz bewußter Weise die Menschen daran dachten, wie da geistige Wesen mitwirkten, diese geistigen Wesen waren dageblieben, überall waren sie da.

[ 23 ] And it was precisely this refusal to think, which persisted for centuries, that adapted to the most diverse practices carried out in various secret societies. And such elemental beings, who were still there, who still interacted with human beings in the first half of the Middle Ages—when people were even conducting laboratory experiments, alchemical experiments, in which they quite consciously contemplated how spiritual beings were involved—these spiritual beings had remained; they were everywhere.

[ 24 ] Und warum sollten sie nicht die gute Gelegenheit benutzen! Die Menschen bekamen allmählich in der neuesten Zivilisation ein Gehirn, das gut denken konnte, aber nicht denken wollte. So kamen diese Elementarwesen heran, und sie dachten sich: Wenn die Menschen selber ihr Gehirn nicht benutzen, können wir es benutzen. Und in denjenigen Geheimgesellschaften, die nur Traditionelles liebten, immer nur Altes und Altes an die Oberfläche brachten, da war es so, daß diese Elementarwesen herankamen und die menschlichen Gehirne zum Denken benutzten. So ist außerordentlich viel an Gehirnsubstanz seit dem 16. Jahrhundert benutzt worden von Elementarwesen.

[ 24 ] And why shouldn’t they take advantage of this golden opportunity! In modern civilization, people gradually developed brains that were capable of thinking well but were unwilling to do so. So these elemental beings stepped in, and they reasoned: If people themselves won’t use their brains, we can use them. And in those secret societies that loved only tradition, always bringing only the old and the ancient to the surface, it was the case that these elemental beings approached and used human brains for thinking. Thus, an extraordinary amount of brain matter has been used by elemental beings since the 16th century.

[ 25 ] Es ist ja ohne Zutun der Menschen in der Menschheitsentwickelung viel hereingekommen, auch an guten Einfällen, namentlich an guten Einfällen, die sich bezogen haben auf das menschliche Zusammenleben.

[ 25 ] After all, much has come about in the course of human development without human intervention, including good ideas—particularly those related to human coexistence.

[ 26 ] Wenn Sie bei Menschen nachsehen, welche in dieser Zeit ein bißchen sich über die Zivilisation aufklären wollten, so werden Sie finden, für diese Menschen wurde das eine große Frage: Ja, was wirkt denn da eigentlich von Mensch zu Mensch? Die Menschen sollten ja denken, aber sie denken nicht. Was wirkt denn da von Mensch zu Mensch?

[ 26 ] If you look at people who, during this period, wanted to learn a little more about civilization, you will find that this became a major question for them: Yes, what actually influences one person to another? People are supposed to think, but they don’t. What influences one person to another?

[ 27 ] Das war zum Beispiel eine große Frage für Goethe. Und aus dieser Stimmung heraus hat er seinen «Wilhelm Meister» geschrieben. Da werden Sie überall hingeführt auf allerlei dunkle Gesellschaftszusammenhänge, die dem Menschen unbewußt bleiben, die da aber walten, die von dem einen oder anderen halb bewußt aufgefangen, weitergetragen werden. Es werden allerlei Fäden gewoben. Goethe versucht, solche Fäden zu finden. Nach solchen Fäden suchte er. Und insofern er sie finden konnte, hat er sie gerade zur Darstellung bringen wollen in der Romankomposition seines «Wilhelm Meister».

[ 27 ] That, for example, was a major question for Goethe. And it was out of this mood that he wrote his *Wilhelm Meister*. There, you are led everywhere to all sorts of obscure social connections that remain unconscious to people, yet which are at work there, and which are picked up and carried forward, half-consciously, by one person or another. All sorts of threads are woven together. Goethe attempts to find such threads. He sought out such threads. And to the extent that he was able to find them, he sought to bring them to life in the narrative structure of his *Wilhelm Meister*.

[ 28 ] Aber das war etwas, was dann im ganzen 19. Jahrhundert in Mitteleuropa spielte. Wenn heute irgendwie die Menschen noch eine Neigung hätten, länger bei einem Buche zu verweilen als zwischen zwei Mahlzeiten — nun, das ist figürlich gesprochen, denn die meisten, die schlafen ein zwischen zwei Mahlzeiten, wenn sie ein Drittel gelesen haben; dann lesen sie das nächste Drittel zwischen den zwei nächsten Mahlzeiten, und das übernächste Drittel zwischen den übernächsten zwei Mahlzeiten, und dadurch, nicht wahr, verzettelt sich das ein wenig — aber es wäre den Menschen doch gut, wenn selbst diejenigen Romane und Novellen, die man zwischen zwei Mahlzeiten oder zwischen zwei Bahnstationen lesen kann, sie zum Nachdenken anregten. Man kann das der heutigen Zeit ja nicht zumuten, aber wenn Sie nachsehen würden, wie zum Beispiel Gutzkow in seinem Buch «Der Zauberer von Rom» und in seinem «Die Ritter vom Geiste» solche Zusammenhänge gesucht hat, wenn Sie die außerordentlich sozialen Verkettungen nehmen, wie sie George Sand in ihren Romanen gesucht hat, so werden Sie überall bemerken können, wie im 19. Jahrhundert solche Fäden spielen, die von unbestimmten Mächten herkommen und in das Unbewußte hineinspielen; daß die Autoren diese verfolgen, und daß sie, wie zum Beispiel George Sand, darin in der verschiedensten Weise durchaus auf der richtigen Spur dabei sind.

[ 28 ] But that was something that played out throughout the 19th century in Central Europe. If people today still had any inclination to spend more time with a book than the time between two meals—well, that’s speaking figuratively, because most of them fall asleep between two meals once they’ve read a third of it; then they read the next third between the next two meals, and the third after that between the following two meals, and that, you see, makes things a bit scattered—but it would be good for people if even those novels and short stories that can be read between two meals or between two train stations were to inspire them to reflect. One can’t really expect that of the present day, but if you were to look at how, for example, Gutzkow sought such connections in his book *The Magician of Rome* and in his *The Knights of the Spirit*, and if you consider the extraordinarily social interconnections that George Sand sought in her novels, you will be able to see everywhere how, in the 19th century, such threads at work—threads that stem from indefinable forces and play into the unconscious; that authors trace these, and that they—such as George Sand, for example—are, in a wide variety of ways, very much on the right track.

[ 29 ] Aber im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde das allmählich so, daß nun erstens diese elementarischen Wesen, die mit dem menschlichen Gehirn dachten und dann, indem sie sich der menschlichen Gemüter bemächtigten und die sozialen Zusammenhänge im 19. Jahrhundert bewirkten, diese Fäden eigentlich spannen, daß diese Wesen nun endlich genug hatten. Sie hatten ihre welthistorische Aufgabe, man möchte besser sagen, ihr welthistorisches Bedürfnis befriedigt. Und namentlich kam da etwas anderes, was sie hinderte, diese Art Parasitentätigkeit fortzusetzen. Diese ging sogar außerordentlich gut so gegen das Ende des 18. Jahrhunderts, dann vorzüglich im 19. Jahrhundert; aber immer weniger und weniger kamen dann diese elementarischen Wesen zu ihrem eigentlichen Rechte. Und zwar aus dem Grunde, weil immer mehr und mehr Seelen herunterstiegen von der geistigen Welt auf den physischen Plan mit großen Erwartungen in bezug auf das Erdenleben.

[ 29 ] But in the last third of the 19th century, things gradually came to pass such that, first of all, these elemental beings—who thought with the human brain and then, by taking control of human minds and shaping the social structures of the 19th century, actually pulled the strings—had finally had enough. They had fulfilled their world-historical task—or, one might better say, their world-historical need. And, in particular, something else arose that prevented them from continuing this kind of parasitic activity. This had gone exceptionally well toward the end of the 18th century, and then especially in the 19th century; but these elemental beings were then able to exercise their true authority less and less. And this was because more and more souls were descending from the spiritual world onto the physical plane with great expectations regarding life on Earth.

[ 30 ] Nicht wahr, wenn die Menschen, nachdem sie kleine Kinder gewesen sind und geschrieen und gezappelt haben, in der neueren Zeit nun eben notdürftig erzogen worden sind, dann sind sie sich allerdings nicht bewußt geworden, daß sie mit außerordentlich großen Erwartungen ausgerüstet waren, bevor sie heruntergestiegen sind. Aber das hat doch in den Emotionen, in der ganzen Seelenverfassung weitergelebt und lebt auch noch heute weiter. Eigentlich steigen die Menschenseelen mit außerordentlich starken Erwartungen in die physische Welt herunter. Und daher kommen ja auch die Enttäuschungen, die das Unbewußte in der Seele der Kinder schon seit längerer Zeit erlebt, weil diese Erwartungen nun doch nicht befriedigt werden.

[ 30 ] Isn’t it true that when people—after having been small children who cried and fidgeted—have been raised only superficially in more recent times, they have indeed failed to realize that they were endowed with extraordinarily high expectations before they descended into this world? But this has lived on in their emotions, in their entire state of mind, and continues to live on even today. In fact, human souls descend into the physical world with extraordinarily strong expectations. And that is precisely where the disappointments come from—the ones the unconscious in children’s souls has been experiencing for quite some time, because these expectations are, after all, not being fulfilled.

[ 31 ] Auserlesene Geister, die besonders kräftige Erwartungsimpulse hatten, ehe sie herunterstiegen auf den physischen Plan, das waren zum Beispiel diejenigen, die dann diesen physischen Plan sich betrachtet und gesehen haben, daß diese Erwartungen da nicht befriedigt werden, und so haben sie Utopien geschrieben, wie es sein sollte, wie man es machen könnte.

[ 31 ] Exquisite spirits who had particularly strong impulses of expectation before they descended to the physical plane—these were, for example, those who then observed this physical plane and saw that these expectations would not be fulfilled there, and so they wrote utopian works describing how things should be and how they could be achieved.

[ 32 ] Und es wäre außerordentlich interessant zu studieren, wie eigentlich, mit Bezug auf das Hereintreten durch die Geburt ins physische Dasein, die Seelen der großen Utopisten, und auch der kleineren und der mehr oder weniger Querköpfigen, die da allerlei ausgedacht haben, was nicht einmal eine Utopie genannt werden kann, aber außerordentlich viel guten Willen verrät, den Menschen auf Erden ein Paradies zu gestalten, wie diese Seelen, die da herunterstiegen aus den geistigen Welten, eigentlich beschaffen waren mit Rücksicht auf ihren Eintritt auf den physischen Erdenplan.

[ 32 ] And it would be extraordinarily interesting to study how, with regard to their entry into physical existence through birth, the souls of the great utopians—as well as those of the lesser ones and the more or less eccentric ones who have devised all sorts of things that cannot even be called utopias— but which reveal an extraordinary amount of good will to create a paradise for people on Earth—how these souls, who descended from the spiritual worlds, were actually constituted with regard to their entry onto the physical plane of Earth.

[ 33 ] Dieses erwartungsvolle Heruntersteigen, das macht aber den Wesen, die nun das Gehirn solcher erwartungsvollen Menschen benützen sollen, Pein. Da gedeiht ihnen dann das Benützen des Gehirns nicht, wenn die Menschen mit solchen Erwartungen herunterkommen. Bis ins 18. Jahrhundert sind die Menschen noch mit viel geringeren Erwartungen heruntergestiegen. Da ging es gut mit der Benutzung des Gehirns von seiten anderer, nicht menschlicher Wesenheiten. Aber gerade als das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts kam, da wurde es den Wesenheiten, die nun dieses menschliche Gehirn benutzen sollten, außerordentlich heiß bei den Menschen, die mit den Erwartungen heruntergekommen sind. Diese Erwartungen, die führten zu unterbewußten Emotionen, und das verspürten dann diese geistigen Wesen, wenn sie die menschlichen Gehirne benutzen wollten. Daher tun sie es eben nicht mehr. Und es ist nun so, daß im weitesten Umfang sich immer mehr und mehr eine gewisse Stimmung verbreitet unter der modernen Zivilisationsmenschheit, das ist diese, daß die Menschen Gedanken haben, aber diese Gedanken unterdrücken. Das Gehirn ist allmählich ruiniert worden, insbesondere bei den höheren Ständen, durch Unterdrücken der Gedanken. Andere, nicht menschliche Wesen, die sich dieser Gedanken bemächtigten, die kommen nicht mehr.

[ 33 ] This descent filled with expectation, however, causes distress to the beings who are now supposed to use the brains of such expectant people. They are then unable to make good use of the brain when people descend with such expectations. Up until the 18th century, people still descended with much lower expectations. At that time, the use of the brain by other, non-human beings went well. But just as the last third of the 19th century began, things became extremely difficult for the beings who were now supposed to use these human brains, particularly among the people who had descended with such expectations. These expectations led to subconscious emotions, and the spiritual beings sensed this when they tried to use the human brains. That is why they no longer do so. And it is now the case that, on a very broad scale, a certain mood is spreading more and more among the people of modern civilization—namely, that people have thoughts but suppress them. The brain has gradually been ruined, especially among the upper classes, through the suppression of thoughts. Other, non-human beings who used to take possession of these thoughts no longer come.

[ 34 ] Und jetzt, jetzt haben zwar die Menschen Gedanken, aber sie wissen nichts damit anzufangen. Und der bedeutendste Repräsentant dieser Art von Menschen, die mit ihren Gedanken nichts anzufangen wissen, das ist Oswald Spengler. Er unterscheidet sich von den anderen dadurch, daß die anderen — ja, wie soll man das im Grunde genommen ausdrücken, um nicht gar zu stark Anstoß zu erregen, wenn, wie es Ja doch immer geschieht, diese Dinge dann wiederum draußen erzählt werden —, da muß man vielleicht sagen: Also die anderen, die vernegligieren schon ganz ihr Gehirn in den früheren Lebensjahren, so daß dieses Gehirn dann geeignet ist, die Gedanken in sich verschwinden zu lassen; Spengler unterscheidet sich wohl dadurch von den anderen, daß er das Gehirn frischer erhalten hat, so daß es nicht so öde ist, daß er nicht immer nur in sich versinkt, nicht immer nur sich mit sich selbst beschäftigt.

[ 34 ] And now, although people have thoughts, they don’t know what to do with them. And the most prominent representative of this type of person—those who don’t know what to do with their thoughts—is Oswald Spengler. He differs from the others in that the others—well, how should one put this, really, so as not to cause too much offense when, as always happens, these things are then recounted to outsiders—perhaps one must say: Well, the others completely neglect their brains in their early years, so that this brain is then capable of letting thoughts vanish within itself; Spengler differs from the others in that he has kept his brain fresher, so that it is not so barren, so that he does not always sink into himself, does not always concern himself only with himself.

[ 35 ] Nicht wahr, es ist ja ein großer Teil der Menschheit heute innerlich — wenn ich mich eines mitteleuropäischen Ausdruckes bedienen möchte, den vielleicht viele nicht verstehen — versulzt. Sulze das ist etwas, das man beim Schweineschlachten aus den verschiedenen Ergebnissen des Schweineschlachtens, die zu nichts anderem zu gebrauchen sind, macht, und auch mit den geleeartigen Bestandteilen vermischt, die nicht zu anderem zu gebrauchen sind, was nicht einmal zum Wurstmachen gebraucht werden kann, das verwendet man dann zur Sulze, nicht wahr. Und ich möchte sagen: Unter den mannigfachen verwirrenden Einflüssen der Erziehung wird nun das Gehirn bei den meisten Menschen so versulzt. Sie können ja nichts dafür, die Menschen. Man redet ja da durchaus nicht im anklagenden Sinne, sondern vielleicht eher sogar in einem entschuldigenden Sinne, und in dem Sinne, daß man sehr viel Mitleid hat mit den versulzten Gehirnen.

[ 35 ] Isn’t it true that a large part of humanity today is, inwardly—if I may use a Central European expression that many may not understand—“versulzt”? Aspic is something made from the various byproducts of pig slaughter—which are good for nothing else—and mixed with the gelatinous components that can’t be used for anything else, not even for making sausage; that’s what’s used for aspic, isn’t it? And I’d like to say: Under the manifold, confusing influences of education, most people’s brains are now becoming “jellied.” It’s not their fault, of course. I’m certainly not speaking in an accusatory sense here, but perhaps even in an apologetic sense—and in the sense that one feels a great deal of pity for these “jellied” brains.

[ 36 ] Also ich meine, wenn die Menschen dann so sind, daß sie nur den einen Gedanken haben: sie wissen nicht, was sie mit sich anfangen sollen, sie sind wie in sich selber zusammengematscht, zusammengedrückt und zusammengesulzt, nicht wahr, dann können diese Gedanken sich so hübsch in diese Gehirnunterwelten und von diesen Gehirnunterwelten dann weiter in die unteren Regionen der menschlichen Organisation versenken und so weiter.

[ 36 ] Well, I mean, if people are like that—if they have only one thought: they don’t know what to do with themselves; they’re all tangled up, compressed, and muddled within themselves, aren’t they?—then these thoughts can sink so nicely into these subterranean realms of the brain, and from there on into the lower regions of the human organism, and so on.

[ 37 ] Aber das ist nun bei solchen Menschen wie Oswald Spengler wiederum nicht der Fall. Die können die Gedanken ausbilden. Und dadurch ist Spengler ein geistreicher Mann, er hat die Gedanken. Aber diese Gedanken, die der Mensch haben kann, die werden erst etwas, wenn sie einen geistigen Inhalt bekommen. Dazu braucht man einen geistigen Inhalt. Man braucht den Inhalt, den Anthroposophie geben will; sonst hat man Gedanken, aber man weiß nichts damit anzufangen. Es ist mit den Spenglerschen Gedanken wirklich so — ja, fast möchte ich sagen, ein unmögliches Bild kommt einem — wie bei einem Mann, der gelegentlich einer zukünftigen Verheiratung mit einer Dame sich alle möglichen wunderschönen Gewänder, nicht für sich, sondern für die Dame angeschafft hat, und nun entläuft sie ihm vor der Verheiratung, und er hat nun alle diese Gewänder, aber er hat niemanden, der sie anziehen soll!

[ 37 ] But that is not the case with people like Oswald Spengler. They are capable of developing ideas. And that is why Spengler is a man of intellect; he has the ideas. But these ideas that a person can have only become meaningful when they are given spiritual content. For that, one needs spiritual content. One needs the content that anthroposophy seeks to provide; otherwise, one has thoughts but doesn’t know what to do with them. This is truly the case with Spengler’s thoughts—yes, I’m almost tempted to say—an impossible image comes to mind—it’s like a man who, in anticipation of a future marriage to a lady, has purchased all sorts of beautiful garments, not for himself but for her, and now she runs away from him before the wedding, and he’s left with all these garments but no one to wear them!

[ 38 ] Und so sehen Sie: Was an wunderschönen Gedanken da ist; sie sind ja alle nach dem modernsten wissenschaftlichen Kleiderschnitt zugeschnitten, diese Spenglerschen Gedanken, aber es fehlt die Dame, welche die Kleider anziehen sollte. Der alte Capella, der hatte doch wenigstens noch, wie ich vor einigen Wochen sagte, die etwas dürr gewordene Rhetorik, Grammatik und Dialektik. Nicht wahr, die waren dann nicht mehr so üppig wie die Musen des Homer oder die Musen des Pindar, aber es waren immerhin noch die ganzen sieben freien Künste, die dann das Mittelalter hindurch figurierten; man hatte noch jemanden, dem man die Kleider anziehen konnte.

[ 38 ] And so you see: there are all these wonderful ideas—Spengler’s ideas, after all, are all tailored according to the most modern scientific cut—but the lady who is supposed to wear the clothes is missing. Old Capella, at least, as I said a few weeks ago, still had rhetoric, grammar, and dialectic—albeit somewhat leaner versions. True, they were no longer as lavish as the Muses of Homer or the Muses of Pindar, but they were, after all, still the full seven liberal arts that played a role throughout the Middle Ages; there was still someone to whom one could dress them.

[ 39 ] Aber nun ist die Zeit herangekommen — ich möchte das, was da heraufgekommen ist, schon weil es etwas Bedeutendes ist, den «Spenglerismmus» nennen —, die Zeit, in der sozusagen Kleider zustande gekommen sind, aber nun fehlen wirklich alle die Wesen, denen man diese wunderschönen Gedankenkleider anziehen soll, und so, nicht wahr, ist die Dame nicht da! Die Muse kommt nicht, die Kleider sind da. Und so erklärt man eben, man könne nichts anfangen mit der ganzen Kleiderstube der modernen Gedanken. Das Denken ist gar nicht dazu da, daß es ins Leben irgendwie eingreifen soll.

[ 39 ] But now the time has come—I would like to call what has emerged “Spenglerism,” if only because it is something significant—the time when, so to speak, the garments have been created, but now all the beings to whom these beautiful garments of thought are to be dressed are truly missing, and so, isn’t that right, the lady isn’t there! The muse does not come; the garments are there. And so one simply explains that one cannot make anything of the entire wardrobe of modern thought. Thinking is not at all meant to intervene in life in any way.

[ 40 ] Es fehlt eben nur das Substantielle, dasjenige, was aus der geistigen Welt kommen sollte. Das fehlt eben. Und so erklärt man: Ach was, das ist doch alles Unsinn, diese Kleider sind doch nur da, daß sie angeschaut werden. Hängen wir sie also lieber auf Kleiderständer und warten wir ab, wie aus der mystischen Unbestimmtheit heraus nun eine dralle Bauerndirne kommt — die nun wiederum keine schönen Kleider braucht, die wird aus dem Ursprünglichen heraus eben dasjenige sein, was man erwarten kann.

[ 40 ] The only thing missing is the substance—that which should come from the spiritual world. That is precisely what is missing. And so people say: “Oh, come on, that’s all nonsense; these clothes are only there to be looked at.” So let’s just hang them on coat racks and wait to see how, out of this mystical uncertainty, a buxom peasant girl emerges—who, in turn, doesn’t need beautiful clothes; she will simply be, from her very essence, exactly what one would expect.

[ 41 ] So geht es nun dem Spenglerismus: Er erwartet aus dem Unbestimmten, Undefinierten, Undifferenzierten Impulse, die keine Gedankenkleider brauchen, und die ganzen Gedankenkleider, die hängt er auf Holzständern auf, daß sie da sind zum Anschauen höchstens; denn wenn sie auch nicht einmal zum Anschauen wären, so könnte man nicht begreifen, warum Oswald Spengler schon zwei so dicke Bücher schreibt, die ja ganz unnötig sind. Denn, was soll man anfangen mit zwei dicken Büchern, nicht wahr, wenn das Denken nicht mehr sein soll? Spengler gibt nur keinen Anlaß dazu, sentimental zu werden, sonst würde man manches drollig finden. Da muß der Cäsar kommen! Aber der moderne Cäsar ist derjenige, der nun möglichst viel Geld geschafft hat und alle möglichen Ingenieure, die aus dem Geiste heraus die Sklaven der Technik geworden sind, zusammenfaßt — und nun auf dem blutgetragenen Geld oder auf dem geldgetragenen Blut, den modernen Cäsarismus begründet. Das Denken, das hat dabei gar keine Bedeutung, das Denken sitzt so hinten und beschäftigt sich mit allerlei Gedanken.

[ 41 ] This is the state of Spenglerism today: He expects impulses from the indeterminate, the undefined, the undifferentiated—impulses that need no conceptual garments—and he hangs all those conceptual garments on wooden stands so that they are there merely to be looked at; for even if they weren’t there to be looked at, one still couldn’t understand why Oswald Spengler has already written two such thick books, which are, after all, completely unnecessary. After all, what is one to do with two thick books, isn’t that right, if thinking is no longer to be? Spengler simply gives no cause to become sentimental; otherwise, one might find some things rather amusing. That’s where Caesar must come in! But the modern Caesar is the one who has now amassed as much money as possible and brings together all manner of engineers—who, through their very spirit, have become slaves to technology—and now establishes modern Caesarism upon money stained with blood or blood sustained by money. Thinking has no significance at all in this; thinking sits way in the background and preoccupies itself with all sorts of thoughts.

[ 42 ] Aber nicht wahr, nun schreibt der gute Mann zwei dicke Bücher, in denen ja ganz schöne Gedanken drinnen sind. Doch die sind ja absolut unnötig. Man kann nach dieser Sache gar nichts damit anfangen. Es wäre ja viel vernünftiger, wenn er dieses sämtliche Papier dafür verwendet hätte, um, sagen wir, auszudenken ein Rezept, nach dem die günstigsten Blutmischungen zustande kommen könnten in der Welt, oder dergleichen. Das wäre ja das, was man nach seiner Ansicht tun sollte.

[ 42 ] But isn’t it true that this good man is now writing two thick books that contain some really nice ideas? Yet they’re absolutely unnecessary. You can’t do anything with them after all this. It would have been much more sensible if he had used all that paper to, say, devise a formula for producing the most favorable blood mixtures in the world, or something like that. That would be exactly what, in his view, one should be doing.

[ 43 ] Es stimmt gar nicht, was man tun sollte, mit dem, was er in seinen Büchern vertritt, überein. Die Bücher sind so, wenn man sie liest, daß man das Gefühl hat: Nun, der Mann, der weiß etwas zu sagen, weiß, wie der Untergang des Abendlandes ist, denn er hat diese ganze Untergangsstimmung rein aufgefressen; er ist ganz selber erfüllt davon. Man könnte ja, wenn man den Untergang des Abendlandes beschleunigen wollte, nichts Besseres tun, als den Oswald Spengler zum Oberhauptmann, ja, zu dem Anführer zu machen für diesen Untergang. Denn er versteht das alles, er selber ist durchaus innerlich geistig von diesem Kaliber. Und so ist er außerordentlich repräsentativ für seine Zeit. Er findet, daß diese ganze moderne Zivilisation zugrunde geht. Nun ja, wenn es alle so machen wie er, so geht sie sicher zugrunde. Also muß es auch wahr sein, was er schreibt. Ich finde eben, es hat eine ungeheure innere Wahrheit.

[ 43 ] What one is supposed to do doesn’t match at all with what he advocates in his books. When you read the books, you get the feeling that: Well, this man really knows how to speak; he knows what the Decline of the West is like, because he has completely absorbed this whole atmosphere of decline—he is entirely imbued with it himself. If one wanted to hasten the Decline of the West, one could do nothing better than make Oswald Spengler the captain—indeed, the leader—of this decline. For he understands all of this; he himself is, inwardly and intellectually, of this very caliber. And so he is extraordinarily representative of his time. He believes that this entire modern civilization is going to ruin. Well, if everyone acted like him, it would certainly go to ruin. So what he writes must also be true. I simply find that it possesses an immense inner truth.

[ 44 ] So stehen die Sachen. Und es müßte eigentlich derjenige, der auf dem Boden der Anthroposophie steht, aufhorchen gerade auf einen solchen Geist wie Oswald Spengler. Denn das Ernstnehmen des Geistigen, das Ernstnehmen des spirituellen Lebens, das ist ja gerade dasjenige, was Anthroposophie will. Es kommt in der Anthroposophie wahrhaftig nicht darauf an, ob diese oder jene Dogmen genommen werden, sondern es kommt darauf an, daß dieses geistige Leben, dieses substantielle geistige Leben wirklich ernst, ganz ernst genommen werde, und daß das den Menschen aufweckt.

[ 44 ] That is how things stand. And anyone grounded in anthroposophy should actually take particular notice of a thinker like Oswald Spengler. For taking the spiritual seriously—taking spiritual life seriously—is precisely what anthroposophy aims to do. In anthroposophy, it truly does not matter whether this or that dogma is accepted; what matters is that this spiritual life—this substantial spiritual life—be taken seriously, very seriously indeed, and that this awaken people.

[ 45 ] Es ist sehr interessant, sehen Sie, Oswald Spengler sagt: Beim Denken, da ist der Mensch wach — das kann er nun nicht leugnen —, aber das eigentlich Wirksame, das kommt aus dem Schlaf, und das ist in den Pflanzen enthalten und in dem Pflanzlichen im Menschen enthalten. Was da im Menschen als Pflanzliches drinnen ist, das bringt er eigentlich lebendig hervor: das Schlafen, das ist das Lebendige. Das Wachen, das bringt die Gedanken hervor; aber mit dem Wachsein sind nur innere Spannungen gegeben.

[ 45 ] It is very interesting, you see; Oswald Spengler says: When thinking, a person is awake—he cannot deny that—but what is truly effective comes from sleep, and this is contained in plants and in the plant-like aspect within the human being. What is present within the human being as the plant-like aspect is actually what brings life forth: sleep—that is the living force. Waking brings forth thoughts; but waking merely gives rise to inner tensions.

[ 46 ] Ja, so ist es wirklich dahin gekommen, daß einer der geistreichsten Menschen der Gegenwart so etwa andeutet: Was ich tue, das muß in mir gepflanzt werden, während ich schlafe, und aufwachen brauche ich ja eigentlich gar nicht. Das ist ein Luxus, daß ich aufwache, das ist ein völliger Luxus. Ich müßte eigentlich nur herumgehen und dasjenige, was mir im Schlafe einfällt, eben auch schlafend verrichten. Traumwandeln müßte ich eigentlich. Es ist Luxus, daß, während ich da herumgehe traumwandelnd, da noch ein Kopf oben sitzt, der sich fortwährend in diesen Luxus einläßt, über das ganze Ding zu denken. Wozu das? Wozu wach sein?

[ 46 ] Yes, that is really how it has come to this: one of the most brilliant minds of our time suggests something like this: What I do must be planted within me while I sleep, and I don’t really need to wake up at all. It is a luxury that I wake up; it is a complete luxury. I should really just walk around and carry out, while still asleep, whatever comes to mind in my sleep. I should really be sleepwalking. It is a luxury that, while I walk around sleepwalking, there is still a mind up there that continually indulges in this luxury of thinking about the whole thing. What’s the point of that? Why be awake?

[ 47 ] Aber es ist das eine Stimmung. Und Spengler, der bringt im Grunde genommen recht scharf diese Stimmung zum Ausdruck: Der moderne Mensch liebt nicht dieses Wachsein! Ja, es kommen da allerlei solche Bilder! Man möchte sagen: Wenn im Beginne der Anthroposophischen Gesellschaft so vor Jahren ein Vortrag gehalten wurde, da gab es immer in den vorderen Reihen Leute, welche sogar äußerlich das Schlafen so ein bißchen markierten, damit richtige Teilnahme da auch sichtbar würde im Auditorium, richtig hingegebene Teilnehmer sichtbar würden. Das Schlafen, das ist schon etwas, was außerordentlich beliebt ist, nicht wahr. Nun, die meisten machen das aber still ab; bei den Gelegenheiten, die ich erwähnt habe, waren in dieser Beziehung die Leute artig. Wenn nicht gerade eigentümliche Töne des Schnarchens erklingen, sind die Leute dann artig, nicht wahr, also wenigstens ruhig. Aber der Spengler, der ist ein merkwürdiger Mensch: der poltert über dasjenige, worüber die anderen ruhig sind. Die anderen, die schlafen; der Spengler aber sagt: Man muß schlafen, man darf gar nicht wach sein. — Und sein ganzes Wissen, das benützt er nun dazu, eine ganz adäquate Rede für das Schlafen zu halten. Und so ist dasjenige, wozu es also gekommen ist, das: daß ein außerordentlich geistreicher Mensch der Gegenwart eigentlich eine adäquate Rede für das Schlafen hält!

[ 47 ] But it is a certain mood. And Spengler, for his part, expresses this mood quite sharply: Modern man does not love this state of wakefulness! Yes, all sorts of images like that come to mind! One might say: When a lecture was given in the early days of the Anthroposophical Society, years ago, there were always people in the front rows who would even make a slight show of sleeping, so that genuine participation would be visible in the auditorium, so that truly devoted participants would be visible. Sleeping—that’s something that’s extraordinarily popular, isn’t it? Well, most people do it quietly, though; on the occasions I mentioned, people were well-behaved in that regard. Unless peculiar snoring sounds are heard, people are well-behaved then, aren’t they—at least quiet. But Spengler—he’s a strange fellow: he rants about the very thing others remain quiet about. The others are sleeping; but the tinsmith says: “One must sleep; one mustn’t stay awake at all.” — And he now uses all his knowledge to deliver a perfectly appropriate speech in favor of sleep. And so what has come to pass is this: that an extraordinarily witty man of our time is actually delivering a perfectly appropriate speech in favor of sleep!

[ 48 ] Aber das ist etwas, wo man aufpassen muß. Man braucht nicht zu poltern, wie der Spengler, aber man sollte sich dieses anschauen und dann darauf kommen, wie es notwendig ist, daß das Wachen verstanden werde, dieses immer mehr und mehr Aufwachen, was gerade durch so etwas, wie die spirituellen Impulse der Anthroposophie, gegeben werden soll.

[ 48 ] But this is something one has to be careful about. There’s no need to rant like Spengler, but one should examine this and then come to realize how necessary it is to understand this awakening—this ever-increasing awakening—which is to be brought about precisely through something like the spiritual impulses of anthroposophy.

[ 49 ] Es ist notwendig — immer wieder und wiederum muß es betont werden —, daß das Wachen, das wirkliche, innerlichste seelische Wachen allmählich geliebt werde. Deshalb wird eigentlich dieses Dornach als so unsympathisch empfunden, weil es zum Wachen anregen will, nicht zum Schlafen, und weil es das Wachen ganz ernst nehmen möchte, wirklich in alles Wachheit hineingießen möchte, Wachheit in die Kunst, Wachheit in das soziale Leben, Wachheit vor allen Dingen in das Erkenntnisleben, Wachheit in die ganze Lebenspraxis, in alles dasjenige, dem überhaupt das menschliche Leben zugeneigt ist.

[ 49 ] It is necessary—and this must be emphasized again and again—that wakefulness, true, innermost spiritual wakefulness, gradually be cherished. That is why Dornach is actually perceived as so unappealing: because it seeks to inspire wakefulness, not sleep, and because it wants to take wakefulness very seriously, to truly infuse everything with wakefulness—wakefulness in art, wakefulness in social life, wakefulness above all in the life of knowledge, wakefulness in the entire practice of life, in everything to which human life is generally inclined.

[ 50 ] Und, sehen Sie, es ist ja schon wirklich notwendig, daß ab und zu auf solche Dinge aufmerksam gemacht wird. Denn wenigstens in solchen Momenten, wie diesem jetzt, in dem wir wiederum zusammen sind, um auf eine kleine Weile diese Vorträge zu unterbrechen bis zur Zurückkunft von dem Oxforder Kursus, bei solchen Gelegenheiten muß schon, wie so oft, hingewiesen werden darauf, daß gerade unter uns eine gewisse Neigung für dieses Wachsein Platz greifen muß, ein Aufnehmen desjenigen, was in der Anthroposophie da ist, um es nach dem Wachsein des Menschen hin zu orientieren. Denn das brauchen wir auf allen unseren Gebieten: wirkliches Wachsein.

[ 50 ] And, you see, it really is necessary to draw attention to such things from time to time. For at least in moments like this one, when we are together again to take a brief break from these lectures until our return from the Oxford course, on such occasions, as so often, it must be pointed out that, especially among us, a certain inclination toward this wakefulness must take root—an assimilation of what exists in anthroposophy in order to orient it toward human wakefulness. For that is what we need in all our fields: true wakefulness.

[ 51 ] Und Wachsein ist nicht ohne Emsigkeit und Fleiß zu erreichen. Wenn nicht ein Interesse für dieses Wachsein, das Anthroposophie eigentlich will, Platz greift, so werden wir vielleicht noch weitere Kongresse veranstalten, ja, vielleicht sehr schön weiter nachtwandeln, aber wir werden nicht eigentlich aufwachen, sondern wir werden mit den anderen schlafenden Menschen der gegenwärtigen Zivilisation weiterschlafen. Und wir werden nicht einmal solche bedeutungsvolle Symptome, die auftreten, im richtigen Sinne fassen wie diesen Polterer für den Schlafzustand in der menschlichen Entwickelung, diesen Oswald Spengler, denn er ist der Polterer für das Schlafen. Er ist derjenige, der eigentlich immer ableugnet, daß er selber wacht, aber er schreit so für dieses Schlafen. Es ist ein so unruhiger Schlaf. Er wälzt sich so furchtbar herum und macht solchen Spektakel aus dem Schlafe. Er redet immer aus dem Schlafe, und sehr schön sogar, aber es ist doch nicht das Richtige, aus dem Schlafe zu reden. Die Menschheit muß erwachen.

[ 51 ] And wakefulness cannot be achieved without diligence and hard work. If an interest in this state of wakefulness—which anthroposophy actually seeks—does not take root, then we may well organize further conferences, indeed, perhaps continue our nighttime wanderings quite pleasantly, but we will not truly awaken; rather, we will continue to sleep alongside the other sleeping people of our present civilization. And we will not even grasp such significant symptoms that arise in the proper sense—such as this champion of the sleeping state in human development, this Oswald Spengler—for he is the champion of sleep. He is the one who actually always denies that he himself is awake, yet he cries out so passionately for this sleep. It is such a restless sleep. He tosses and turns so terribly and makes such a spectacle out of sleep. He always speaks from within his sleep—and very eloquently, at that—but it is still not right to speak from within one’s sleep. Humanity must awaken.

[ 52 ] Und das gerade könnte man von Spengler lernen, daß die Menschheit erwachen muß; sonst — sonst geht es immer weiter, sonst werden immer mehr und mehr Leute auftreten, die eigentlich aus dem Schlafe heraus reden, und Wunderschönes aus dem Schlafe heraus reden. Aber es wird damit nichts für eine Weiterentwickelung der Menschheit zustande kommen. Es würde nur das zustande kommen, daß wir unsere abendländische Kultur mit ihrem amerikanischen Anhang weiter und weiter entwickeln, immer mehr und mehr hinein in diese Lazarettanstalten, in denen die Menschen nicht mehr aufstehen wollen, sondern immer schlafen wollen, und in denen sie aus dem Schlafe heraus reden, wunderschöne Reden halten, die dann bewundert werden von anderen; aber die Bewunderung ist dann auch nur ein Schlafen. Dasjenige, was bewundert, schläft, und dasjenige, was bewundert wird, schläft.

[ 52 ] And that, precisely, is what we could learn from Spengler: that humanity must awaken; otherwise—otherwise things will just keep going on and on, and more and more people will emerge who are essentially speaking from a state of slumber, uttering wonderful things from that slumber. But this will not lead to any further development of humanity. The only result would be that we continue to develop our Western culture—with its American offshoot—further and further, deeper and deeper into these infirmaries where people no longer want to get up but only want to sleep, and where they speak from within their sleep, delivering beautiful speeches that are then admired by others; but that admiration, too, is merely a form of sleep. That which admires is asleep, and that which is admired is asleep.

[ 53 ] Also ist es durchaus notwendig, daß wir uns dieser Notwendigkeit des Aufwachens bewußt werden. Innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft müßte das wirklich wie eine Art intimstes Programm gefaßt werden: Wir wollen aufwachen! Dann werden wir die Menschen, viele Menschen, ganz anders herumgehen sehen, auch unter den Anthroposophen, wenn sie ganz, ganz wach sein wollten, wach und frisch. Man kann das sein, denn Anthroposophie kann frisch machen. Fühlen Sie nur, wie Anthroposophie frisch machen kann, und wie sie gar nicht geeignet ist, daß man da so sich wälzt auf dem Lager und aus dem Schlafe heraus redet, sondern wie man, wenn man Anthroposophie in ihrem Wesen sozusagen faßt, frisch werden kann, frisch auf allen Gebieten, auf dem Gebiete von Kunst, Religion und Wissenschaft, auf dem Gebiete der gesamten Lebenspraxis.

[ 53 ] So it is absolutely necessary that we become aware of this need to wake up. Within the Anthroposophical Society, this really ought to be adopted as a kind of most intimate program: We want to wake up! Then we will see people—many people—going about their business in a completely different way, even among the anthroposophists, if they were to be fully, fully awake—awake and refreshed. It is possible to be that way, because anthroposophy can refresh us. Just feel how anthroposophy can refresh us, and how it is not at all suited to people just rolling around in bed and speaking from a state of sleep, but rather how, when we grasp anthroposophy in its essence, so to speak, we can become refreshed—refreshed in all areas: in the realms of art, religion, and science, and in the realm of our entire way of life.

[ 54 ] Versuchen Sie darüber nachzudenken, während der Zeit gerade, während der wir nicht zusammen sind, wie man nun Beratungen pflegen kann über ein vernünftiges Wachwerden, über eine Überwindung des Spenglerismus. Spengeln sie etwas Besseres zusammen, als dieser Spengler zu spengeln in der Lage ist, und spengeln Sie etwas, was in die Zukunft hineinwirken k.inn, während Spengler doch nur den Untergang des Abendlandes mit seiner Spenglerei zustande bringt.

[ 54 ] Try to think about how, during this very time when we are not together, we can now engage in discussions about a sensible awakening, about overcoming Spenglerism. Come up with something better than what Spengler is capable of, and create something that can have an impact on the future, whereas Spengler, with his Spenglerism, only brings about the decline of the West.