The Secret of the Trinity
GA 214
6 August 1922, Dornach
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The Secret of the Trinity, tr. SOL
Sechster Vortrag
Sixth Lecture
[ 1 ] Als vor einiger Zeit der erste Band von Spenglers «Der Untergang des Abendlandes» erschien, da konnte man in dieser literarischen Erscheinung etwas sehen, was den Willen in sich barg, eindringlicher sich zu beschäftigen mit den elementaren Verfalls- und Niedergangserscheinungen in unserer Zeit. Man konnte sehen, wie jemand in vielem, das in unserer gegenwärtigen Zeit im gesamten Abendlande wirkt, ein Gefühl dafür entwickelt, daß diese Impulse eigentlich nach und nach führen müssen zu einem völligen Chaoswerden der abendländischen Zivilisation mit ihrem amerikanischen Anhange; und daß jemand, der ein Gefühl dafür entwickelte, auch sehr kenntnisreich mit Beherrschung vieler wissenschaftlicher Ideen eine Art von Beurteilungen dieser Erscheinungen abzugeben sich bemühte.
[ 1 ] When the first volume of Spengler’s *The Decline of the West* was published some time ago, one could see in this literary work something that embodied a determination to engage more deeply with the fundamental signs of decay and decline in our time. One could see how, in many of the forces at work throughout the Western world today, someone had developed a sense that these impulses must, in fact, gradually lead to the complete collapse of Western civilization, along with its American offshoot; and that someone who had developed this sense was also striving, with great knowledge and a command of many scientific ideas, to offer a kind of assessment of these phenomena.
[ 2 ] Man sah ja allerdings, daß Oswald Spengler das Niedergehende sieht. Man konnte auch dazumal schon finden, wie er, weil er in seinem ganzen Denken in diesem Niedergehen selber drinnensteckte, gerade deshalb auch eine Empfindung für alles Niedergehende hatte, und daß er, weil er, ich möchte sagen, in seiner eigenen Seelenverfassung die Dekadenz fühlte, sich nichts mehr versprach — das konnte man begreifen — von alledem, was aus der Massenzivilisation noch hervorgehen kann. Er glaubte, das Abendland werde eben einer gewissen Art von Cäsarismus verfallen, einer gewissen Art von Machtentfaltung einzelner, welche anstelle der differenzierten, vielfach gegliederten Kulturen und Zivilisationen ein einfaches Brutales setzen werden.
[ 2 ] It was clear, however, that Oswald Spengler perceived the decline. One could also see even back then that, precisely because he was himself immersed in this decline throughout his entire way of thinking, he had a keen sense of everything that was in decline; and that, because he—I would say—felt decadence in his own state of mind, he no longer held out any hope—and this was understandable—for anything that might still emerge from mass civilization. He believed that the West would simply succumb to a certain kind of Caesarism, a certain kind of assertion of power by individuals who would replace the differentiated, multifaceted cultures and civilizations with something simple and brutal.
[ 3 ] Man konnte sehen, daß ein Mann wie Spengler nicht die geringste Empfindung dafür hatte, daß aus dem Willen der Menschheit heraus eine Rettung für diese Kultur und Zivilisation des Abendlandes kommen kann, wenn dieser Wille dahin geht, gegenüber alldem, was in den Niedergang mit voller Wucht hineinsegelt, geltend zu machen, was immerhin, wenn der Mensch heute will, aus dem Inneren des Menschen als eine neue Kraft hervorgeholt werden kann. Für solch eine neue Kraft, die natürlich eine geistige Kraft sein muß, die beruhen muß auf einem Herausarbeiten aus einem Spirituellen, hatte Oswald Spengler nicht die allergeringste Empfindung.
[ 3 ] It was clear that a man like Spengler had not the slightest inkling that salvation for this Western culture and civilization could come from the will of humanity—if that will were directed toward asserting, in the face of everything that is hurtling headlong into decline, what, after all, if people today so desire, can be drawn forth from within the human being as a new force. Oswald Spengler had not the slightest inkling of such a new force, which must, of course, be a spiritual force, one that must be derived from the spiritual realm.
[ 4 ] So konnte man sehen, wie ein sehr kenntnisreicher, geistreicher Mensch, der so gute Aperçus prägen kann aus einem gewissen eindringlichen Sehen, eigentlich zu gar nichts anderem kommen kann als zu einer gewissen Hoffnung auf eine brutale Machtentfaltung, die abseits liegt von allem Geistigen, die abseits liegt von allem innerlichen Menschheitsstreben, die nur beruht auf einer Entfaltung eben der äußeren brutalen Kraft.
[ 4 ] Thus one could see how a very knowledgeable, witty person—capable of formulating such insightful observations based on a certain penetrating vision—could actually arrive at nothing other than a certain hope for a brutal display of power, one that lies apart from all that is spiritual, apart from all inner human striving, and is based solely on the unfolding of precisely that external, brutal force.
[ 5 ] Dennoch konnte man, als der erste Band erschienen war, wenigstens eine gewisse Achtung haben vor der — ich muß das Wort noch einmal gebrauchen — eindringlichen Geistigkeit, abstrakten, intellektualistischen Geistigkeit gegenüber dem Stumpfen, das den treibenden Gewalten der Geschichte so gar nicht gewachsen ist und das heute so vielfach gerade im Literarischen den Ton angibt.
[ 5 ] Nevertheless, when the first volume was published, one could at least have a certain respect for the—I must use the word once more—vivid spirituality, an abstract, intellectual spirituality, as opposed to the dullness that is so utterly ill-equipped to cope with the driving forces of history and that today so often sets the tone, particularly in literature.
[ 6 ] Nun ist vor kurzer Zeit der zweite Band Oswald Spenglers erschienen, und der zeigt nun allerdings in einer viel stärkeren Weise alles dasjenige, was in einem Menschen der Gegenwart lebt, der nun selber mit einer gewissen Brutalität alles wirklich Geistige zurückstößt, was als Weltanschauung und Lebensauffassung entstehen kann.
[ 6 ] Oswald Spengler’s second volume was published recently, and it indeed illustrates, in a much more powerful way, everything that is alive in a person of the present day—a person who, with a certain brutality, rejects everything truly spiritual that might emerge as a worldview or outlook on life.
[ 7 ] Geistreich ist ja auch dieser zweite Band. Aber trotz dieser geistreichen Aperçus, die darinnen sind, zeigt er eigentlich nichts anderes als eine furchtbare Sterilität eines bis zum Exzeß abstrakten und intellektualistischen Denkens. Die Sache ist deshalb so außerordentlich bemerkenswert, weil man daraus sieht, zu welch einer besonderen Geistesformung eine immerhin bedeutende Persönlichkeit der Gegenwart kommt.
[ 7 ] This second volume is certainly witty as well. But despite the witty insights it contains, it actually reveals nothing other than the appalling sterility of a way of thinking that is abstract and intellectualistic to the extreme. This is so extraordinarily remarkable because it reveals the unique intellectual formation of a figure who is, after all, a significant contemporary personality.
[ 8 ] Es ist in diesem Buche, in diesem zweiten Band von Spenglers «Untergang des Abendlandes», vor allen Dingen schon der Anfang und das Ende außerordentlich interessant. Aber traurig interessant ist dieser Anfang und das Ende; sie charakterisieren eigentlich die ganze Seelenverfassung dieses Menschen. Man braucht vom Anfange an nur ein paar Sätze zu lesen, um sogleich drinnenzustehen in der Seelensituation Oswald Spenglers ebenso wie in der Seelensituation vieler Menschen der Gegenwart.
[ 8 ] In this book—the second volume of Spengler’s *The Decline of the West*—the beginning and the end, above all, are extraordinarily interesting. But this beginning and this end are interesting in a sad way; they actually characterize the entire state of mind of this man. One need only read a few sentences from the beginning to immediately grasp the state of mind of Oswald Spengler, as well as that of many people today.
[ 9 ] Das, was darüber zu sagen ist, hat nicht bloß eine deutsch-literarische Bedeutung, sondern eine durchaus internationale Bedeutung. Spengler beginnt mit dem folgenden Satze: «Betrachte die Blumen am Abend, wenn in der sinkenden Sonne eine nach der andern sich schließt: etwas Unheimliches dringt dann auf dich ein, ein Gefühl von rätselhafter Angst vor diesem blinden, traumhaften, der Erde verbundenen Dasein. Der stumme Wald, die schweigenden Wiesen, jener Busch und diese Ranke regen sich nicht. Der Wind ist es, der mit ihnen spielt. Nur die kleine Mücke ist frei. Sie tanzt noch im Abendlichte; sie bewegt sich, wohin sie will» und so weiter.
[ 9 ] What can be said about this has not merely a significance within German literature, but a thoroughly international significance. Spengler begins with the following sentence: “Observe the flowers in the evening, when, in the setting sun, one after another they close: something eerie then comes over you, a feeling of mysterious dread toward this blind, dreamlike existence bound to the earth. The silent forest, the silent meadows, that bush and this vine do not stir. It is the wind that plays with them. Only the little mosquito is free. It still dances in the evening light; it moves wherever it pleases,” and so on.
[ 10 ] Der Ausgangspunkt von den Blumen, von den Pflanzen — nun, ich fand mich immer wieder und wieder genötigt, wenn ich auf dasjenige hinweisen wollte, was gerade dem Denken der Gegenwart seine Signatur gibt, anzufangen von jener Art des Begreifens, die der Mensch zuwendet heute der leblosen, der mineralischen, der unorganischen Natur. Vielleicht werden sich manche von Ihnen erinnern, wie ich immer wieder und wieder gebraucht habe, um das Streben des heutigen Denkens nach Durchsichtigkeit des Anschauens zu charakterisieren, das Beispiel von dem Stoß zweier elastischer Kugeln, bei denen man aus dem gegebenen Zustand der einen Kugel durchsichtig rechnerisch den Zustand der anderen Kugel ableiten kann.
[ 10 ] Starting with flowers and plants—well, time and again, whenever I wanted to point out what specifically characterizes contemporary thought, I found myself compelled to begin with the kind of understanding that people today apply to inanimate, mineral, and inorganic nature. Perhaps some of you will recall how, time and again, I have used the example of the collision of two elastic spheres—in which the state of one sphere can be mathematically deduced from the given state of the other—to characterize contemporary thought’s quest for transparency in perception.
[ 11 ] Es kann natürlich jemand von Oswald Spenglerischem Seelenkaliber sagen: Man durchschaut ja mit dem gewöhnlichen Denken auch nicht, wie die Elastizitätskraft da drinnen wirkt, wie da drinnen die Zusammenhänge im tieferen Sinne sind. Ja, derjenige, der so denkt, weiß eben nicht, worauf es bei der Durchsichtigkeit des Denkensgegenwärtig ankommt. Denn ein solcher Einwand wäre nicht mehr wert und auch nicht weniger wert als der, den jemand machte, wenn ich sage: Ich verstehe einen Satz, der auf Papier niedergeschrieben ist — und er antwortet mir: Du verstehst ihn doch nicht, denn du hast nicht untersucht die Beschaffenheit der Tinte, mit der der Satz aufgeschrieben ist! — Es kommt eben immer darauf an, daß man das herausfindet, um was es sich handelt. Bei dem Überblicken der unorganischen Natur handelt es sich nicht um dasjenige, was man eventuell als Kraftimpulse dahinter noch finden kann, wie es hinter dem Aufgeschriebenen sich auch nicht um die Tinte handeln kann, sondern um das, was man durchsichtig in seinem Gedankenprozesse drinnen hat.
[ 11 ] Of course, someone of Oswald Spengler’s intellectual caliber might say: “After all, ordinary thinking doesn’t allow us to see how the force of elasticity works in there, or what the deeper connections are.” Yes, anyone who thinks that way simply does not know what is essential to the clarity of thought in the present moment. For such an objection would be worth no more—and no less—than the one someone might raise if I were to say, “I understand a sentence written down on paper,” and they were to reply, “You don’t really understand it, because you haven’t examined the nature of the ink with which the sentence was written!” — It always comes down to finding out what the matter actually is. When surveying inorganic nature, the point is not whatever force impulses one might still find behind it—just as, behind what is written down, the point cannot be the ink itself—but rather what one has clearly present within one’s thought processes.
[ 12 ] Das ist dasjenige, was sich die Menschheit seit der Galilei-Kopernikus-Zeit errungen hat als eine bestimmte Art des Denkens, die erstens darstellt, daß man mit ihr nur die leblose, die unorganische Natur begreifen kann, daß man auf der anderen Seite aber, indem man sich diesem Denken zunächst als dem einfachsten und primitivsten reinen Denken hingibt, in ihr zuerst entfalten kann die Freiheit der menschlichen Seele, die Freiheit des Menschen überhaupt. Erst wer die Natur des gegenständlichen Denkens mit seiner Durchsichtigkeit, wie sie in der leblosen Natur waltet, durchschaut, kann dann aufsteigen zu den anderen Prozessen des Denkens und Anschauens, zu demjenigen, was das Denken durchsetzt mit Anschauen: mit Imagination, mit Inspiration, mit Intuition.
[ 12 ] This is what humanity has achieved since the time of Galileo and Copernicus as a specific mode of thought, which, on the one hand, demonstrates that it can be used only to comprehend lifeless, inorganic nature; yet, on the other hand, by first devoting oneself to this mode of thought as the simplest and most primitive form of pure thought, one can thereby first unfold within it the freedom of the human soul, the freedom of the human being in general. Only those who see through the nature of concrete thinking—with its transparency, as it prevails in inanimate nature—can then ascend to the other processes of thinking and perception, to that which permeates thinking with perception: imagination, inspiration, and intuition.
[ 13 ] Es ist also die erste Aufgabe desjenigen, der heute im intimsten Sinne mitreden will in bezug auf die äußere Konfiguration unseres Kulturlebens, daß er merkt, worauf eigentlich die Kraft gerade des heutigen Denkens beruht.
[ 13 ] It is therefore the primary task of anyone who today wishes to have a say—in the most intimate sense—regarding the external structure of our cultural life to recognize what actually constitutes the source of strength of contemporary thought.
[ 14 ] Und derjenige, der so diese Kraft des heutigen Denkens verspürt hat, weiß, wie dieses Denken in der Maschine wirkt, wie dieses Denken uns die moderne Technik heraufgebracht hat, in der wir aus diesem Denken heraus äußere, unorganische leblose Zusammenhänge konstruieren, die alles an Durchsichtigkeit haben, was sie zum Behuf der äußeren Betätigung des Menschen haben sollen.
[ 14 ] And anyone who has thus sensed the power of contemporary thought knows how this way of thinking operates within the machine, how this way of thinking has brought us modern technology, in which—based on this way of thinking—we construct external, inorganic, lifeless systems that possess precisely the degree of transparency required for human activity.
[ 15 ] Erst wer das versteht, rückt dann weiter ein in die Erkenntnis, daß in dem Augenblicke, wo wir die Pflanzen überschauen, wir mit diesem zunächst in seiner Abstraktion ergriffenen Denken in die reine Wuselei hineinkommen. Wer dieses kristallisch durchsichtige Denken für die mineralische Welt allein in seiner Abstraktheit haben will, nicht bloß als Durchgangspunkt für die Entwickelung der Freiheit des Menschen, sondern wer nun allein im Denken, mit diesem Denken seine Blicke auf die Pflanzenwelt richtet, der hat in der Pflanzenwelt ein Nebuloses, Dunkles, Mystisches vor sich, das er nicht durchblicken kann. Denn in dem Augenblicke, wo wir zur Pflanzenwelt hinaufschauen, müssen wir uns klar sein, daß hier, wenigstens in dem Grade, wie das Goethe gewollt hat mit seiner Urpflanze und mit dem Prinzip, durch das er die Urpflanze metamorphosiert durch alle Pflanzenformen hindurch — wenigstens in diesem Goetheschen Sinne muß einer, der aufrückt von einem Erkennen der wirklichen Kräfte des im Unorganischen waltenden Denkens, in der Pflanzenwelt verspüren, daß sie dunkel und mystisch im schlechtesten Sinne unserer Zeit bleibt, wenn man nicht aufrückt zu einer imaginativen Betrachtung — wenigstens eben in dem Sinne, in dem Goethe seine botanischen Anschauungen begründet hat.
[ 15 ] Only when one understands this does one proceed to the realization that, the moment we survey the plants, we enter into pure confusion with this thinking, which is initially grasped in its abstraction. Anyone who wishes to apply this crystal-clear thinking to the mineral world alone in its abstract form—not merely as a stepping stone for the development of human freedom—but who now directs his gaze toward the plant world solely through this mode of thinking, will find before him in the plant world something nebulous, dark, and mystical that he cannot penetrate. For the moment we look up toward the plant world, we must be clear that here—at least to the extent that Goethe intended with his “primordial plant” and with the principle through which he metamorphoses the primordial plant through all plant forms — at least in this Goethean sense, anyone who has advanced from an understanding of the real forces of the thinking that reigns in the inorganic must sense, in the plant world, that it remains dark and mystical in the worst sense of our time, unless one advances to an imaginative contemplation—at least precisely in the sense in which Goethe founded his botanical views.
[ 16 ] Wenn jemand wie Oswald Spengler die imaginative Erkenntnis abweist und dennoch beginnt mit der Pflanzenwelt, sie zu schildern beginnt, dann kommt er nicht zu irgend etwas, das Klarheit und Kraft gibt, dann kommt er zu einer Gedankenwuselei, zur Mystik im allerschlimmsten Sinne des Wortes, nämlich zur materialistischen Mystik. Und wenn man das vom Anfange sagen muß, so ist gerade durch diesen Anfang wiederum das Ende dieses Buches charakterisiert.
[ 16 ] When someone like Oswald Spengler rejects imaginative insight and yet begins to describe the plant world, he does not arrive at anything that provides clarity and strength; instead, he arrives at a jumble of thoughts, at mysticism in the very worst sense of the word—namely, materialistic mysticism. And if one must say this from the very beginning, it is precisely this beginning that, in turn, characterizes the end of this book.
[ 17 ] Das Ende dieses Buches handelt von der Maschine, von demjenigen, das der neueren Zivilisation gerade die Signatur gegeben hat, der Maschine, die auf der anderen Seite dem Menschen gegenübersteht als dasjenige, was allerdings als Ding zunächst seiner Natur fremd ist, an dem er aber gerade das durchsichtige Denken entwickelt hat.
[ 17 ] The conclusion of this book deals with the machine—the very thing that has left its mark on modern civilization—the machine that stands opposite humanity as an object that, while initially alien to human nature, has nevertheless served as the very basis for the development of transparent thinking.
[ 18 ] Ich habe vor einiger Zeit — unmittelbar nach dem Erscheinen von Oswald Spenglers Buch — unter dem Eindruck der Wirkung, die Spenglers Buch gemacht hat, an der Technischen Hochschule in Stuttgart einen Vortrag gehalten über Anthroposophie und die technischen Wissenschaften, um da zu zeigen, wie gerade im Untertauchen in die Technik der Mensch diejenige Konfiguration seines Seelenlebens entwickelt, die ihn dann frei macht. So daß er dadurch, daß er in der maschinellen Welt alle Geistigkeit ausgelöscht erlebt, den Antrieb erhält — gerade innerhalb der maschinellen Welt —, durch inneres Aufraffen die Geistigkeit aus seinem Inneren zu holen; so daß derjenige, der heute das Darinnenstehen der Maschine in unserer ganzen Zivilisation begreift, sich eben sagen muß: Diese Maschine mit ihrer impertinenten Durchsichtigkeit, mit ihrer brutalen, schauderhaften, dämonischen Geistlosigkeit, zwingt den Menschen, wenn er sich nur selber versteht, aus seinem Inneren herauszuholen diejenigen Keime von Spiritualität, die in ihm sind. Durch den Gegensatz zwingt die Maschine den Menschen, spirituelles Leben zu entwickeln.
[ 18 ] Some time ago—immediately after the publication of Oswald Spengler’s book—and under the impression of the impact Spengler’s book had made, I gave a lecture at the Technical University in Stuttgart on anthroposophy and the technical sciences, in order to show how, precisely by immersing themselves in technology, human beings develop the very configuration of their inner life that then sets them free. So that, by experiencing all spirituality as having been extinguished in the machine-driven world, human beings gain the impetus—precisely within that machine-driven world—to draw spirituality from within themselves through an inner effort; so that anyone who today understands the pervasive presence of the machine in our entire civilization must say to themselves: This machine, with its impertinent transparency, with its brutal, horrifying, demonic spiritlessness, compels human beings—if they only understand themselves—to draw from within themselves those seeds of spirituality that lie within them. Through this contrast, the machine compels human beings to develop a spiritual life.
[ 19 ] Dasjenige, was ich damals habe sagen wollen, ist allerdings, wie ich aus den Nachwirkungen habe sehen können, von niemandem verstanden worden.
[ 19 ] What I had intended to say at the time, however, was—as I could see from the aftermath—not understood by anyone.
[ 20 ] Spengler stellt am Schlusse seines Werkes eine Betrachtung an über die Maschine. Nun, das, was Sie da lesen über die Maschine, das klingt zuletzt aus in einer Art Verherrlichung der Furcht vor der Maschine. Dasjenige, was über die Maschine gesagt wird, ist geradezu etwas, was man empfinden kann als den Gipfelpunkt des Aberglaubens des modernen Menschen gegenüber der Maschine, die er dämonisch empfindet, wie gewisse Menschen abergläubischer Art die Dämonen empfinden. Er schildert die Erfinder der Maschine; er schildert, wie nach und nach die Maschine heraufgekommen ist, wie nach und nach die Maschine die Zivilisation ergriffen hat. Er schildert die Menschen, in deren Zeitalter die Maschine eingetreten ist: «Aber für sie alle bestand auch die eigentlich faustische Gefahr, daß der Teufel seine Hand im Spiele hatte, um sie im Geist auf jenen Berg zu führen, wo er ihnen alle Macht der Erde versprach. Das bedeutet der Traum jener seltsamen Dominikaner wie Petrus Peregrinus vom perpetuum mobile, mit dem Gott seine Allmacht entrissen gewesen wäre. Sie erlagen diesem Ehrgeiz immer wieder; sie zwangen der Gottheit ihr Geheimnis ab, um selber Gott zu sein.»
[ 20 ] At the end of his work, Spengler offers a reflection on the machine. Well, what you read there about the machine ultimately comes across as a kind of glorification of the fear of the machine. What is said about the machine is, in fact, something that can be perceived as the pinnacle of modern man’s superstition toward the machine, which he perceives as demonic, just as certain superstitious people perceive demons. He describes the inventors of the machine; he describes how, little by little, the machine has emerged, how, little by little, the machine has taken hold of civilization. He describes the people in whose era the machine made its entrance: “But for all of them, there was also the truly Faustian danger that the devil had a hand in the matter, leading them in spirit up that mountain where he promised them all the power on earth. This is the meaning of the dream of those strange Dominicans, such as Petrus Peregrinus, of the perpetual motion machine, through which God’s omnipotence would have been wrested from him. They succumbed to this ambition time and again; they wrested the secret from the deity in order to be God themselves.”
[ 21 ] Also Oswald Spengler faßt die Sache so auf, daß, weil der Mensch dazu gekommen ist, die Maschine zu dirigieren, er gerade durch dieses Dirigieren sich einbilden lernen kann, ein Gott zu sein, weil der Gott der Maschine des Weltenalls nach seiner Meinung die Maschine dirigiert. Wie sollte der Mensch nicht zum Gotte sich erhoben fühlen, wenn er nun einen Mikrokosmos dirigiert!
[ 21 ] Oswald Spengler interprets the matter as follows: because humans have come to control machines, it is precisely through this control that they can learn to imagine themselves as gods, since, in his view, the god of the universe controls the machine. How could humans not feel elevated to the status of gods when they now control a microcosm!
[ 22 ] «Sie belauschten die Gesetze des kosmischen Taktes, um sie zu vergewaltigen, und sie schufen so die /dee der Maschine als eines kleinen Kosmos, der nur noch dem Willen des Menschen gehorcht. Aber damit überschritten sie jene feine Grenze, wo für die anbetende Frömmigkeit der andern die Sünde begann, und daran gingen sie zugrunde, von Bacon bis Giordano Bruno. Die Maschine ist des Teufels: so hat der echte Glaube immer wieder empfunden.»
[ 22 ] “They eavesdropped on the laws of the cosmic rhythm in order to violate them, and thus created the /dee of the machine as a small cosmos that obeys only the will of man. But in doing so, they crossed that fine line where, for the devout piety of others, sin began—and that is what led to their downfall, from Bacon to Giordano Bruno. The machine is the devil’s: this is what true faith has always felt.”
[ 23 ] Nun, selbstverständlich meint er es an dieser Stelle bloß ironisch. Aber daß er es nicht bloß ironisch meint, das sieht man dann, wenn er in seiner geistreichen Art Worte gebraucht, die etwas altertümlich klingen. Das zeigt die folgende Stelle: «Dann aber folgt zugleich mit dem Rationalismus die Erfindung der Dampfmaschine, die alles umstürzt und das Wirtschaftsbild von Grund aus verwandelt. Bis dahin hatte die Natur Dienste geleistet, jetzt wird sie als Sklavin ins Joch gespannt und ihre Arbeit wie zum Hohn nach Pferdekräften bemessen. Man ging von der Muskelkraft des Negers, die in organisierten Betrieben angesetzt wurde, zu den organischen Reserven der Erdrinde über, wo die Lebenskraft von Jahrtausenden als Kohle aufgespeichert liegt und richtet heute den Blick auf die anorganische Natur, deren Wasserkräfte schon zur Unterstützung der Kohle herangezogen sind. Mit den Millionen und Milliarden Pferdekräften steigt die Bevölkerungszahl in einem Grade, wie keine andre Kultur es je für möglich gehalten hätte. Dieses Wachstum ist ein Produkt der Maschine, die bedient und gelenkt sein will und dafür die Kräfte jedes einzelnen verhundertfacht. Um der Maschine willen wird das Menschenleben kostbar. Arbeit wird das große Wort des ethischen Nachdenkens. Es verliert im 18. Jahrhundert in allen Sprachen seine geringschätzige Bedeutung. Die Maschine arbeitet und zwingt den Menschen zur Mitarbeit. Die ganze Kultur ist in einen Grad von Tätigkeit geraten, unter dem die Erde bebt.»
[ 23 ] Well, of course he’s just being ironic here. But you can see that he doesn’t mean it merely ironically when, in his witty way, he uses words that sound somewhat archaic. The following passage illustrates this: “But then, along with rationalism, comes the invention of the steam engine, which turns everything upside down and transforms the economic landscape from the ground up. Until then, nature had rendered services; now it is yoked as a slave, and its work is measured—as if in mockery—in horsepower. We moved from the muscular power of Black people, which was harnessed in organized enterprises, to the organic reserves of the Earth’s crust, where the life force of millennia lies stored as coal, and today we turn our gaze to inorganic nature, whose hydropower is already being harnessed to support coal. With millions and billions of horsepower, the population is growing at a rate no other culture would ever have deemed possible. This growth is a product of the machine, which demands to be operated and controlled and, in return, multiplies the strength of each individual a hundredfold. For the sake of the machine, human life becomes precious. Work becomes the central concept of ethical reflection. In the 18th century, it loses its derogatory connotation in all languages. The machine works and compels humans to cooperate. The entire civilization has reached a level of activity that makes the earth tremble.”
[ 24 ] «Was sich nun im Laufe eines Jahrhunderts entfaltet, ist ein Schauspiel von solcher Größe, daß den Menschen einer künftigen Kultur mit andrer Seele und andern Leidenschaften das Gefühl überkommen muß, als sei damals die Natur ins Wanken geraten. Auch sonst ist die Politik über Städte und Völker hinweggeschritten; menschliche Wirtschaft hat tief in die Schicksale der Tier- und Pflanzenwelt eingegriffen, aber das rührt nur an das Leben und verwischt sich wieder. Diese Technik aber wird die Spur ihrer Tage hinterlassen, wenn alles andere verschollen und versunken ist. Diese faustische Leidenschaft hat das Bild der Erdoberfläche verändert.»
[ 24 ] “What has now unfolded over the course of a century is a spectacle of such magnitude that people of a future culture, with a different spirit and different passions, must be overcome by the feeling that nature itself was thrown into turmoil at that time. In other respects, too, politics has swept across cities and peoples; human economic activity has deeply intervened in the destinies of the animal and plant worlds, but that merely touches upon life and then fades away again. This technology, however, will leave behind the mark of its days when everything else has vanished and sunk into oblivion. This Faustian passion has altered the face of the Earth’s surface.”
[ 25 ] «Und diese Maschinen werden in ihrer Gestalt immer mehr entmenschlicht, immer asketischer, mystischer, esoterischer. Sie umspinnen die Erde mit einem unendlichen Gewebe feiner Kräfte, Ströme und Spannungen. Ihr Körper wird immer geistiger, immer verschwiegener. Diese Räder, Walzen und Hebel reden nicht mehr. Alles was entscheidend ist, zieht sich ins Innere zurück. Man hat die Maschine als teuflisch empfunden, und mit Recht. Sie bedeutet in den Augen eines Gläubigen die Absetzung Gottes. Sie liefert die heilige Kausalität dem Menschen aus, und sie wird schweigend, unwiderstehlich, mit einer Art von vorausschauender Allwissenheit von ihm in Bewegung gesetzt.»
[ 25 ] “And these machines are becoming increasingly dehumanized in their form—ever more ascetic, mystical, and esoteric. They envelop the earth in an infinite web of subtle forces, currents, and tensions. Their body is becoming ever more spiritual, ever more secretive. These wheels, rollers, and levers no longer speak. Everything that is crucial retreats into the interior. The machine has been perceived as diabolical, and rightly so. In the eyes of a believer, it signifies the dethronement of God. It delivers sacred causality into the hands of man, and it is set in motion by him silently, irresistibly, with a kind of prescient omniscience.”
[ 26 ] «Niemals hat sich der Mikrokosmos dem Makrokosmos überlegener gefühlt. Hier gibt es kleine Lebewesen, die durch ihre geistige Kraft das Unlebendige von sich abhängig gemacht haben. Nichts erscheint diesem Triumph zu gleichen, der nur einer Kultur geglückt ist und vielleicht nur für eine kleine Zahl von Jahrhunderten.»
[ 26 ] “Never has the microcosm felt superior to the macrocosm. Here there are small living beings who, through their spiritual power, have made the inanimate dependent on themselves. Nothing seems to match this triumph, which only one culture has achieved—and perhaps only for a few centuries.”
[ 27 ] «Aber gerade damit ist der faustische Mensch zum Sklaven seiner Schöpfung geworden.»
[ 27 ] “But it is precisely through this that the Faustian man has become a slave to his own creation.”
[ 28 ] Wir sehen, es taucht hier die völlige Ratlosigkeit des Denkers gegenüber der Maschine auf. Nichts ahnt dieser Denker davon, wie die Maschine dieses alles nicht ist, was irgendwie mystisch sein könnte, vor demjenigen, der gerade das Unlebendige in seiner mystikfreien Art erfaßt.
[ 28 ] We see here the thinker’s utter bewilderment in the face of the machine. This thinker has no inkling of how the machine is not at all that which might in any way be mystical to the one who grasps the inanimate in its non-mystical way.
[ 29 ] Und so sehen wir, daß Oswald Spengler mit einer verwuselten Darstellung des Pflanzlichen beginnt, weil er eigentlich doch über die Art und den Charakter der gegenwärtigen Erkenntnis, die innig zusammenhängt mit der Entwickelung des maschinellen Lebens, gar keinen Begriff hat, weil ihm das Denken nur eine Abstraktion bleibt, und er deshalb auch die Funktion des Denkens im Maschinellen nicht verspüren kann. Das Denken wird da ganz und gar zum wesenlosen Bilde, damit der Mensch im maschinellen Zeitalter um so mehr zum Wesenhaften werden könne, seine Seele, seinen Geist durch den Widerstand gegen das Maschinelle aus sich selber hervorrufen könne. Das ist die menschliche Bedeutung, das ist die Weltentwickelungsbedeutung des maschinellen Lebens!
[ 29 ] And so we see that Oswald Spengler begins with a muddled description of the plant world because he actually has no concept whatsoever of the nature and character of contemporary knowledge—which is intimately connected with the development of machine-based life—since thinking remains for him merely an abstraction, and he is therefore unable to perceive the function of thinking within the machine-based realm. Thinking becomes there an entirely insubstantial image, so that in the machine age, human beings may all the more become essential beings, able to bring forth their soul and spirit from within themselves through resistance to the machine. That is the human significance, that is the significance of machine life for the development of the world!
[ 30 ] Derjenige, der, indem er mit einer metaphysischen Klarheit beginnen will, mit einer verwuselten Darstellung des Pflanzlichen beginnt, der tut das aus dem Grunde, weil er in dieser Stimmung gegen die Maschine ist.
[ 30 ] Anyone who, in an attempt to begin with metaphysical clarity, starts with a muddled description of the plant world does so because, in that frame of mind, he is opposed to the machine.
[ 31 ] Also Oswald Spengler hat die Funktion des neueren Denkens nur in seiner Abstraktheit begriffen, und er macht sich an das, was ihm dunkel bleibt, an das Pflanzenhafte.
[ 31 ] Thus, Oswald Spengler understood the function of modern thought only in its abstract nature, and he turns to that which remains obscure to him—the vegetative.
[ 32 ] Nun, wenn man das Mineralische, das Pflanzliche, das Tierische, das Menschliche nimmt, so charakterisiert sich für die Gegenwart das Menschliche dadurch, daß wir seit der Mitte des 15. Jahrhunderts ganz zum mineralisch-durchsichtigen Denken vorgeschritten sind. So daß, wenn wir den Menschen der heutigen Zeit anschauen, wie er in seinem Inneren ist als Anschauer der Außenwelt, wir sagen müssen: Er hat als Menschliches gerade heute die Anschauung des Mineralischen entwikkelt. Dann muß man aber die Bedeutung dieses mineralischen Denkens so charakterisieren, wie ich das eben jetzt gemacht habe.
[ 32 ] Now, if we consider the mineral, the plant, the animal, and the human realms, the human realm is characterized in the present by the fact that, since the middle of the 15th century, we have progressed entirely toward mineral-transparent thinking. So that when we look at the people of today—at what they are like inwardly as observers of the external world—we must say: As human beings, they have developed, precisely today, a perception of the mineral realm. But then one must characterize the significance of this mineral thinking in the way I have just done.
[ 33 ] Wenn aber jemand nichts vom Wesen des Mineralischen weiß, dann kommt er, wenn er beim Pflanzlichen anfängt, bloß bis zum Tierischen. Denn das Tierische trägt das Pflanzliche in derselben Form in sich, wie wir heute das Mineralische. Das ist das Charakteristische bei Oswald Spengler, daß er beim Pflanzlichen anfängt und in seinen Begriffen überhaupt nicht über das Tierische hinauskommt, den Menschen nur auffaßt, insofern der Mensch ein Tier ist, und daß ihm eigentlich das Denken, das in Wirklichkeit in seiner eigentlichen Bedeutung erst seit dem 14. Jahrhundert begriffen werden kann — das so begriffen werden kann, wie ich es jetzt dargestellt habe —, als etwas außerordentlich Unverständliches erscheint. Daher läßt er es, soweit als er es nur kann, hinunterkollern in das Tierische. So daß wir zum Beispiel ihn aufsuchen sehen, wie er gleich dem Tier auch ein Sinneswahrnehmen hat, wie dann dieses Sinneswahrnehmen im Tiere schon zu einer Art von Urteil wird. Und so versucht er, das Denken nur als etwas wie eine Steigerung des tierischen Wahrnehmungslebens hinzustellen.
[ 33 ] But if someone knows nothing about the nature of the mineral realm, then, when he begins with the plant realm, he will only reach as far as the animal realm. For the animal realm contains the plant realm within itself in the same form as we today contain the mineral realm. This is what is characteristic of Oswald Spengler: that he begins with the plant realm and, in his concepts, does not go beyond the animal realm at all, conceiving of human beings only insofar as human beings are animals, and that thinking—which, in reality, can only be understood in its true meaning since the 14th century—that is, understood as I have just described it—appears to him as something extraordinarily incomprehensible. Therefore, he reduces it, as far as he possibly can, to the animal realm. So that, for example, we see him examining how, just like an animal, humans also have sensory perception, and how this sensory perception in animals already becomes a kind of judgment. And so he attempts to present thinking merely as something like an intensification of the animal life of perception.
[ 34 ] Im Grunde genommen hat keiner in so radikaler Weise wie gerade Oswald Spengler gezeigt, daß der Mensch heute mit dem abstrakten Denken überhaupt nur bis zu der außermenschlichen Welt kommt, die menschliche Welt nicht mehr begreift! Und das eigentlich Charakteristische des Menschen: daß der Mensch denken kann, das empfindet Oswald Spengler eigentlich nur als so eine Art Beigabe, die unerklärlich und im Grunde genommen eigentlich überflüssig ist für den Menschen. Denn im Grunde genommen ist — nach Spengler — dieses Denken doch etwas höchst Überflüssiges im Menschen: «Das vom Empfinden abgezogene Verstehen heißt Denken. Das Denken hat für immer einen Zwiespalt in das menschliche Wachsein getragen. Es hat von früh an Verstand und Sinnlichkeit als hohe und niedere Seelenkraft gewertet. Es hat den verhängnisvollen Gegensatz geschaffen zwischen der Lichtwelt des Auges, die als Scheinwelt und Sinnentrug bezeichnet wird, und einer im wörtlichen Sinne vor-gestellten Welt, in der die Begriffe mit ihrer nie abzustreifenden leisen Lichtbetonung ihr Wesen treiben.»
[ 34 ] Essentially, no one has demonstrated as radically as Oswald Spengler that, through abstract thought, humans today can only reach as far as the non-human world—and can no longer comprehend the human world! And what is actually characteristic of human beings—that humans can think—Oswald Spengler regards as nothing more than a sort of afterthought, one that is inexplicable and, fundamentally, superfluous to human beings. For, according to Spengler, this thinking is, at its core, something highly superfluous in human beings: “Understanding abstracted from feeling is called thinking.” Thinking has forever introduced a dichotomy into human consciousness. From the very beginning, it has regarded reason and sensuality as higher and lower powers of the soul. It has created the fateful opposition between the world of light perceived by the eye—which is described as an illusory world and a deception of the senses—and a world that is, in the literal sense, “pre-presented,” in which concepts, with their ever-present, subtle emphasis on light, carry out their essence.”
[ 35 ] Nun, indem Spengler diese Dinge auseinandersetzt, entwickelt er eine außerordentlich kuriose Idee: nämlich die, daß im Grunde genommen die ganze geistige Zivilisation des Menschen vom Auge abhängt, eigentlich nur von der Lichtwelt abgezogen ist, und die Begriffe sind eigentlich nur etwas verfeinerte, etwas destillierte Anschauungen im Lichte, die durch das Auge vermittelt werden. Oswald Spengler hat eben keine Ahnung davon, daß das Denken, wenn es rein wirkt, nicht etwa bloß die Lichtwelt des Auges in sich aufnimmt, sondern daß das Denken diese Lichtwelt des Auges zusammenbringt mit dem ganzen Menschen. Es ist etwas durchaus anderes, ob wir an eine Entität denken, die mit der Wahrnehmung des Auges zusammenhängt, oder ob wir von Vorstellungen sprechen. Spengler redet auch vom Vorstellen, aber gerade damit will er den Beweis liefern, daß das Denken eigentlich nur so eine Art Hirntraum und verfeinerte Lichtwelt in dem Menschen ist.
[ 35 ] Now, in examining these matters, Spengler develops an extraordinarily curious idea: namely, that, fundamentally, the entire intellectual civilization of humankind depends on the eye—in fact, it is derived solely from the world of light—and that concepts are, in essence, merely somewhat refined, somewhat distilled perceptions in the light, mediated through the eye. Oswald Spengler simply has no idea that thinking, when it operates purely, does not merely take in the world of light perceived by the eye, but rather that thinking brings this world of light together with the whole human being. It is an entirely different matter whether we are thinking of an entity connected to the eye’s perception or whether we are speaking of concepts. Spengler also speaks of “imagining,” but it is precisely through this that he seeks to prove that thinking is actually nothing more than a kind of mental dream and a refined world of light within the human being.
[ 36 ] Nun möchte ich einmal wissen, ob man mit irgendeinem zwar nicht abstrakten Denken, aber gesunden Menschenverstand das Wort «stellen», wenn es richtig erlebt wird, jemals zusammenbringen kann mit irgend etwas, was der Lichtwelt angehört! — «Stellen» tut man sich mit seinen Beinen; man nimmt den ganzen Menschen dazu. Wenn einer sagt: «vorstellen», so verbindet er dynamisch das Lichtding mit demjenigen, was er in sich erlebt als Dynamisches, als Kraftwirkung, als etwas, was hineintaucht in die Wirklichkeit. Mit dem realistischen Denken tauchen wir durchaus in die Wirklichkeit hinein. Sehen Sie sich die wichtigsten Gedanken an — abgesehen von den mathematischen — überall führen sie, die Gedanken, zu so etwas hin, woraus Sie ersehen können, daß wir in den Gedanken nicht bloß einen Licht-, Luftorganismus haben, sondern auch dasjenige, was der Mensch als seelisches Erlebnis hat, indem er es vom Lichte beleuchtet sein läßt und zugleich auf die Erde beide Beine stellt.
[ 36 ] Now I would like to know whether, using not abstract thinking but common sense, one can ever associate the word “stand”—when it is truly experienced—with anything that belongs to the world of light! — One “stands” on one’s legs; one uses one’s whole being to do so. When someone says “imagine,” they dynamically connect the concept of light with what they experience within themselves as dynamic, as a force at work, as something that plunges into reality. Through realistic thinking, we do indeed plunge into reality. Consider the most important thoughts—apart from mathematical ones—everywhere these thoughts lead to something from which you can see that in our thoughts we have not merely a light- and air-based organism, but also that which a human being experiences as a soul experience, by allowing it to be illuminated by the light while at the same time standing with both feet firmly on the earth.
[ 37 ] Daher ist alles das, was hier Oswald Spengler entwickelt über diese ins Denken umgewandelte Lichtwelt, im Grunde genommen nichts als ein außerordentlich geistreiches Geschwätz! Das ist dasjenige, was durchaus einmal ausgesprochen werden muß: die Einleitung zu diesem zweiten Bande ist geistreiches Geschwätz. Dieses geistreiche Geschwätz erhebt sich dann zu solchen Behauptungen, wie: «Diese Verarmung des Sinnlichen bedeutet zugleich eine unermeßliche Vertiefung. Menschliches Wachsein ist nicht mehr die bloße Spannung zwischen Leib und Umwelt. Es heißt jetzt: Leben in einer rings geschlossenen Lichtwelt. Der Leib bewegt sich im gesehenen Raume. Das Tiefenerlebnis ist ein gewaltiges Eindringen in sichtbare Fernen von einer Lichtmitte aus: es ist jener Punkt, den wir Ich nennen. «Ich» ist ein Lichtbegriff.»
[ 37 ] Therefore, everything Oswald Spengler develops here about this world of light transformed into thought is, at the end of the day, nothing but extraordinarily witty drivel! This is precisely what must be stated once and for all: the introduction to this second volume is witty drivel. This witty drivel then rises to assertions such as: “This impoverishment of the sensory realm simultaneously signifies an immeasurable deepening. Human wakefulness is no longer merely the tension between the body and the environment. It now means: life in a world of light that is closed in on itself. The body moves within visible space. The experience of depth is a powerful penetration into visible distances from a center of light: it is that point we call the “I.” “I” is a concept of light.”
[ 38 ] Derjenige, der behauptet, das Ich sei ein Lichtbegriff, der hat keine Ahnung davon, wie innig das Ich-Erlebnis verknüpft ist zum Beispiel mit dem Schwere-Erlebnis im menschlichen Organismus, der hat überhaupt keine Ahnung von der erlebten Mechanik, die schon im menschlichen Organismus auftreten kann! Dann aber, wenn sie auftritt, bewußt, dann ist auch der Sprung gemacht von dem abstrakten Denken zu dem konkreten, realen Denken, das in die Wirklichkeit hineinführt.
[ 38 ] Anyone who claims that the “I” is a concept of light has no idea how intimately the experience of the “I” is linked, for example, to the experience of heaviness in the human organism; such a person has absolutely no understanding of the mechanics of experience that can already occur within the human organism! But when it does occur—consciously—then the leap is made from abstract thinking to concrete, real thinking that leads into reality.
[ 39 ] Man möchte sagen: Oswald Spengler ist so richtig ein Beispiel dafür, daß das abstrakte Denken «luftig» geworden ist, sogar «lichtig» geworden ist und den ganzen Menschen wegträgt von der Wirklichkeit, so daß er da draußen irgendwo im Lichte herumtaumelt und nun keine Ahnung davon hat, daß es auch zum Beispiel eine Schwere gibt, daß es auch etwas gibt, was erlebt werden kann, nicht bloß angeschaut. Der Anschauerstandpunkt zum Beispiel des John Stuart Mill ist hier bis zum Extrem gebracht. Deshalb ist das Buch außerordentlich charakteristisch für unsere Zeit.
[ 39 ] One might say: Oswald Spengler is a prime example of how abstract thought has become “airy,” even “light,” and carries the whole person away from reality, so that he stumbles around out there somewhere in the light and now has no idea that there is also, for example, a heaviness, that there is also something that can be experienced, not merely observed. The observational standpoint of John Stuart Mill, for example, is taken to its extreme here. That is why the book is extraordinarily characteristic of our time.
[ 40 ] Ein Satz. auf Seite 13 scheint ungeheuer geistreich zu sein, aber im Grunde genommen ist er «windig-lichtig»: «Man bildet Vorstellungen über Vorstellungen und gelangt endlich zu einer Gedankenarchitektur großen Stils, deren Bauten in voller Deutlichkeit gleichsam in einem inneren Lichte daliegen.»
[ 40 ] A sentence on page 13 seems incredibly witty, but when you get right down to it, it’s “flimsy and insubstantial”: “One forms ideas about ideas and finally arrives at a grand architectural structure of thought, whose buildings lie in full clarity, as it were, in an inner light.”
[ 41 ] So geht denn Oswald Spengler aus von dem Phrasenhaften. Das Pflanzliche findet er «schlafend»; das stellt zunächst die Welt dar, die da um uns herum richtig schläft. Er findet, daß die Welt «wach» wird im Tierreiche, daß das Tier in sich eine Art Mikrokosmos entwickelt. Er kommt über das Tier nicht herauf; er entwickelt nur die Beziehung zwischen dem Pflanzlichen und dem Tierischen, findet das Pflanzliche in dem Schlafen, das Tierische in dem Wachsein.
[ 41 ] Oswald Spengler thus begins with the clichéd. He finds the plant realm to be “asleep”; this initially represents the world that is truly asleep all around us. He finds that the world “awakens” in the animal kingdom, that the animal develops a kind of microcosm within itself. He does not go beyond the animal realm; he merely explores the relationship between the plant and animal realms, finding the plant realm in sleep and the animal realm in wakefulness.
| Schlafen: | Mineralisches Pflanzliches |
| Wachen: | Tierisches Menschliches |
| Sleep: | Mineral Plant-based |
| Wakefulness: | Animal-based Human-based |


[ 42 ] Aber alles dasjenige, was geschieht in der Welt, geschieht eigentlich unter dem Einfluß desjenigen, was schläft. Das Tier — damit für Oswald Spengler auch der Mensch — hat das Schlafen in sich. Das hat er auch. Aber alles dasjenige, was Bedeutung hat für die Welt, geht aus dem Schlafen hervor, denn das Schlafen hat die Bewegung in sich. Das Wachsein hat nur Spannungen in sich, Spannungen, die allerlei Diskrepanzen im Inneren erzeugen, aber eben nur Spannungen, die gewissermaßen als ein etwas Äußerliches zu dem Weltenall hinzukommen. Im Grunde genommen ist eine selbständige Wirklichkeit diejenige, die aus dem Schlafen kommt.
[ 42 ] But everything that happens in the world actually happens under the influence of that which sleeps. The animal—and, for Oswald Spengler, this includes humans as well—has sleep within it. It does indeed. But everything that has significance for the world arises from sleep, for sleep contains movement within itself. Waking contains only tensions—tensions that generate all manner of internal discrepancies—but they are merely tensions that, in a sense, are added to the universe as something external. Fundamentally, an independent reality is that which arises from sleep.
[ 43 ] Und in dieser Suppe schwimmen allerlei solche mehr oder weniger überflüssigen oder schmackhaften und unschmackhaften Fettaugen das ist das Tierische. Aber die Suppe könnte auch ohne diese Fettaugen bestehen. Nur bringen diese Fettaugen etwas in die Wirklichkeit hinein. Im Schlaf, da findet man nicht das Wo und Wie darinnen, da findet man nur das Wann und Warum. So daß wir auch beim Menschen, der ja als Tier noch das Pflanzliche in sich enthält — welche Rolle das Mineralische im Menschlichen spielt, davon hat Oswald Spengler keine Ahnung —, so daß wir beim Menschen folgendes finden: Insofern er pflanzlich ist, lebt er in der Zeit; er stellt sich hinein in das Wann und in das Warum, indem das Frühere das Warum des Späteren ist. Das ist das Kausale. Und indem der Mensch so in der Geschichte weiterlebt, lebt er eigentlich in der Geschichte das Pflanzliche aus. Das Tierische, und damit auch das Menschliche, das nach dem Wo und Wie frägt: das sind eben die Fettaugen; die kommen dazu. Das ist ja ganz interessant für die inneren Spannungen; aber sie haben nicht eigentlich etwas zu tun mit demjenigen, was in der Welt wirklich geschieht. So daß man sagen kann: durch die Weltenzusammenhänge ist der Welt eingepflanzt das Wann und Warum für die Zeitenfolge.
[ 43 ] And floating in this soup are all sorts of such fat globules—more or less superfluous, or tasty and unpalatable—that is, the animal aspect. But the soup could also exist without these fat globules. It’s just that these fat globules bring something into reality. In sleep, one does not find the “where” and “how” within it; one finds only the “when” and “why.” So that even in the case of human beings—who, as animals, still contain the plant element within themselves (Oswald Spengler has no idea what role the mineral element plays in the human)—we find the following: Insofar as they are plant-like, they live in time; he places himself within the “when” and the “why,” in that what came before is the “why” of what comes later. That is the causal aspect. And as human beings continue to live in this way within history, they are actually living out the plant-like aspect within history. The animal aspect—and with it the human aspect—which asks about the “where” and the “how”: these are simply the fat globules; they are added on. This is, of course, quite interesting in terms of inner tensions; but they do not actually have anything to do with what really happens in the world. So one can say: through the interconnections of the world, the “when” and the “why” of the sequence of times are implanted in the world.
[ 44 ] Und in dieser fortströmenden Suppe, da schwimmen eben die Fettaugen mit ihrem Wo und Wie. Und wenn der Mensch — ein solches Fettauge — da schwimmt, so geht das Wo und Wie eigentlich nur ihn an und seine inneren Spannungen, sein Wachsein. Dasjenige, was er als geschichtliches Wesen tut, das kommt aus dem Schlaf.
[ 44 ] And in this flowing soup, the fat globules float, each with its own where and how. And when a human being—such a fat globule—floats there, the where and how actually concern only him and his inner tensions, his wakefulness. What he does as a historical being comes from sleep.
[ 45 ] Früher hat man als eine Art Religionsphantasie gesagt: Den Seinen gibt's der Herr im Schlafe. — Dem Spenglerschen Menschen gibt es die Natur im Schlafe! So ist das Denken einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der Gegenwart, das aber, um sich ja nicht über sich selber klar zu werden, zuerst in das Pflanzliche hinein verstrudelt, um aus dieser Strudelei nicht wiederum weiter herauszukommen als bis zum Tierischen, in das auch das Menschliche hineingestrudelt wird.
[ 45 ] In the past, people used to say—as a kind of religious fantasy—that the Lord gives one what is theirs in their sleep. — For Spengler’s conception of man, nature is bestowed in sleep! Such is the thinking of one of the most significant figures of our time, who—in order to avoid gaining clarity about himself—first gets swept into the plant realm, only to find that this whirlpool carries him no further than the animal realm, into which the human realm, too, is swept.
[ 46 ] Nun könnte man glauben, diese Strudelei vermeide in ihrer Geistreichigkeit die ärgsten Fehler, die das Denken in der Vergangenheit gemacht hat; sie sei sich also irgendwie treu darinnen. Wenn schon das Pflanzensein auch über die Geschichte der Menschheit ausgegossen werden soll, so bleibe sie beim Pflanzensein. Aber es ließe sich doch nicht gut mit dem Menschen des Pflanzenreiches eine geschichtliche Betrachtung anstellen. Nun, Oswald Spengler stellt, sogar sehr geistreich, geschichtliche Betrachtungen an über dasjenige, was die Menschheit in ihrer Entwickelung im Schlafe pflanzlich macht. Aber damit er doch über dieses Schlafen der Menschheit etwas zu sagen hat, bedient er sich der schlechtesten Art des Denkens, deren man sich nur bedienen kann: nämlich des Anthropomorphismus, alles in künstlicher Weise zu verzerren, überall das Menschliche hineinzuphantasieren. Er redet daher, schon auf Seite 9, von der Pflanze, die kein Wachsein hat, weil er an ihr erfahren will, wie er nun Geschichte schreiben soll, und nun auch eine Beschreibung dessen liefern soll, was aus dem Schlafe heraus die Menschen tun.
[ 46 ] Now, one might believe that this whirlwind of thought, in its ingenuity, avoids the worst mistakes that thinking has made in the past; that it is, in a sense, true to itself in this regard. If plant-like existence is to be applied to the history of humanity as well, then let it remain plant-like. But it would not be appropriate to conduct a historical analysis based on the human being of the plant kingdom. Now, Oswald Spengler—indeed, quite ingeniously—conducts historical analyses of what, in its development, renders humanity plant-like in its slumber. But in order to have something to say about this “sleep” of humanity, he resorts to the worst kind of thinking one could possibly employ: namely, anthropomorphism—artificially distorting everything and projecting human traits onto everything. Thus, as early as page 9, he speaks of the plant, which has no wakefulness, because he wants to use it to learn how he should now write history and also provide a description of what people do while in a state of sleep.
[ 47 ] Aber nun lese man die ersten Sätze auf Seite 9:
[ 47 ] But now read the first few sentences on page 9:
[ 48 ] «Eine Pflanze führt ein Dasein ohne Wachsein.» Gut.
[ 48 ] “A plant exists without being awake.” Good.
[ 49 ] «Im Schlaf werden alle Wesen zu Pflanzen», meint er. Also der Mensch ebenso wie die Tiere! Schön. —
[ 49 ] “In sleep, all beings become plants,” he says. So humans as well as animals! Nice. —
[ 50 ] «die Spannung zur Umwelt ist erloschen, der Takt des Lebens geht weiter.»
[ 50 ] “The tension with the environment has subsided; the rhythm of life goes on.”
[ 51 ] Und jetzt kommt ein kapitaler Satz:
[ 51 ] And now here's a great sentence:
[ 52 ] «Eine Pflanze kennt nur die Beziehung zum Wann und Warum.»
[ 52 ] “A plant knows only its relationship to when and why.”
[ 53 ] Nun fängt die Pflanze an, nicht nur zu träumen, sondern zu «kennen» in ihrem seligen Schlaf. Man steht also etwa vor der Vermutung: Dieser Schlaf, der sich da als Geschichte fortströmend verbreiten soll in der menschlichen Entwickelung, der könnte nun auch eigentlich anfangen zu wachen. Denn mit demselben Rechte könnte dann Oswald Spengler eine Geschichte schreiben, wie er der Pflanze ein Kennen von Wann und Warum andichtet. Ja, dieses Schlafeswesen der Pflanze hat sogar höchst interessante Eigenschaften:
[ 53 ] Now the plant begins not only to dream, but also to “know” in its blissful sleep. One is thus faced with the following conjecture: This sleep, which is supposed to spread as a narrative throughout human development, could in fact begin to awaken. For by the same token, Oswald Spengler could then write a history in which he attributes to the plant an awareness of when and why. Indeed, this sleeping nature of the plant even possesses highly interesting characteristics:
[ 54 ] «Das Drängen der ersten grünen Spitzen aus der Wintererde, das Schwellen der Knospen, die ganze Gewalt des Blühens, Duftens, Leuchtens, Reifens: das alles ist Wunsch nach der Erfüllung eines Schicksals und eine beständige sehnsüchtige Frage nach dem Wann.»
[ 54 ] “The pushing of the first green shoots through the winter soil, the swelling of the buds, the full force of blooming, fragrance, radiance, and ripening: all of this is a longing for the fulfillment of a destiny and a constant, yearning question of ‘when.’”
[ 55 ] Ja, man kann sehr leicht die Geschichte als Pflanzenleben schildern, wenn man sich erst durch Anthropomorphismen dazu vorbereitet!
[ 55 ] Yes, it’s very easy to describe history as the life of a plant once you’ve prepared yourself for it through anthropomorphism!
[ 56 ] Und weil das alles so ist, so sagt Oswald Spengler weiter: «Das Wo kann für ein pflanzenhaftes Dasein keinen Sinn haben. Es ist die Frage, mit welcher der erwachende Mensch sich täglich wieder auf seine Welt besinnt. Denn nur der Pulsschlag des Daseins dauert durch alle Geschlechter an. Das Wachsein beginnt für jeden Mikrokosmos von neuem: das ist der Unterschied von Zeugung und Geburt. Das eine ist Bürgschaft der Dauer, die andere ist ein Anfang. Und deshalb wird eine Pflanze erzeugt, aber nicht geboren. Sie ist da, aber kein Erwachen, kein erster Tag spannt eine Sinnenwelt um sie aus.»
[ 56 ] And because all this is so, Oswald Spengler goes on to say: “The ‘where’ can have no meaning for a plant-like existence. It is the question with which the awakening human being reflects daily on his world. For only the pulse of existence endures through all generations. Waking begins anew for every microcosm: that is the difference between conception and birth. The one is a guarantee of permanence; the other is a beginning. And that is why a plant is conceived but not born. It is there, but there is no awakening; no first day unfolds a world of the senses around it.”
[ 57 ] Man muß wirklich, wenn man die Spenglerschen Gedanken nachdenken will, wie ein Stehaufmännchen zuerst auf den Kopf sich stellen und dann umspringen, um dasjenige, was im menschlichen Sinn gerade gedacht ist, wieder umzudenken! Aber sehen Sie, dadurch, daß sich Oswald Spengler eine solche Metaphysik, eine solche Philosophie zurechtlegt, kommt er nun dazu, zu sagen: Dieses Schlafende im Menschen, das, was im Menschen wie eine Pflanze ist, das macht Geschichte. Was ist das im Menschen? Das Blut, das Blut, das durch die Geschlechter rinnt.
[ 57 ] If one wants to reflect on Spengler’s ideas, one really must, like a roly-poly toy, first stand on one’s head and then flip over in order to rethink what is currently being thought in the human sense! But you see, by devising such a metaphysics, such a philosophy for himself, Oswald Spengler now comes to say: This dormant force within man—that which is like a plant within him—is what makes history. What is this within man? The blood, the blood that flows through the generations.
[ 58 ] Nun, so bereitet sich Oswald Spengler eine Methode vor, um sagen zu können: Die wichtigsten Ereignisse, die in der Menschengeschichte sich entwickeln, die geschehen durch das Blut. Dazu muß er allerdings noch einige Gedankenbocksprünge machen: «Insofern ist Wachsein gleichbedeutend mit «Feststellen», ob es sich nun um das Tasten eines Infusors oder um menschliches Denken vom höchsten Range handelt.»
[ 58 ] Well, this is how Oswald Spengler develops a method that allows him to say: The most important events that unfold in human history are brought about by blood. To do so, however, he must still make a few intellectual leaps: “In this respect, wakefulness is synonymous with ‘determining,’ whether it involves the tactile sensations of an infusor or human thought of the highest order.”
[ 59 ] Ja, wenn man so abstrakt denkt, dann findet man eben den Unterschied nicht heraus zwischen dem Tasten eines Infusors und dem Denken eines Menschen von allerhöchstem Range! Und dann kommt man zu allerlei außerordentlich merkwürdigen Behauptungen; zu dem, daß eigentlich dieses Denken eine Beigabe des gesamten Menschenlebens ist: Aus dem Blut herauf geschehen die Taten, aus dem Blut herauf werde Geschichte gemacht. Und wenn dann auch noch einige da sind, die über das nachdenken, so ist es eben ein abstraktes Nachdenken und hat mit dem Geschehen nicht das geringste zu tun: «Daß wir nicht nur leben, sondern um «das Leben» wissen, ist das Ergebnis jener Betrachtung unseres leibhaften Wesens im Licht. Aber das Tier kennt nur das Leben, nicht den Tod.»
[ 59 ] Yes, if one thinks in such abstract terms, then one simply cannot discern the difference between the tactile sensations of an infusor and the thinking of a human being of the very highest order! And then one arrives at all sorts of extraordinarily strange assertions—namely, that this thinking is actually an adjunct to human life as a whole: deeds arise from the blood, and history is made from the blood. And even if there are some who reflect on this, it is merely abstract reflection and has not the slightest connection to what is actually happening: “That we not only live but are aware of ‘life’ is the result of that contemplation of our corporeal being in the light. But the animal knows only life, not death.”
[ 60 ] Und so führt er aus, daß eigentlich dasjenige, worauf es ankommt, aus dem Dunkeln, Finstern, aus dem Pflanzenhaften, aus dem Blute hervorkommen muß, und daß alle diejenigen Menschen, die etwas in der Geschichte gemacht haben, nun ja nicht irgend etwas aus einer Idee, aus einem Denken heraus gemacht haben, sondern die Gedanken, auch die Gedanken der Denker, die gehen nur so nebenher. Über dasjenige, was das Denken leistet, hat Oswald Spengler nicht genug herabwürdigende Worte.
[ 60 ] And so he explains that what really matters must emerge from the darkness, from the plant-like, from the blood, and that all those people who have accomplished something in history have not, well, created anything out of an idea or out of thought, but rather that thoughts—even the thoughts of thinkers—merely accompany the process. Oswald Spengler cannot find enough disparaging words to describe what thinking accomplishes.
[ 61 ] Und dann stellt er dagegen alle diejenigen, die wirklich handeln, weil sie das Denken Denken sein lassen, das Denken das Geschäft der anderen sein lassen: «Es gibt geborene Schicksalsmenschen und Kausalitätsmenschen. Der eigentlich lebendige Mensch, der Bauer und Krieger, der Staatsmann, Heerführer, Weltmann, Kaufmann, jeder, der reich werden, befehlen, herrschen, kämpfen, wagen will, der Organisator und Unternehmer, der Abenteurer, Fechter und Spieler, ist durch eine ganze Welt von dem «geistigen» Menschen» — «geistigen» setzt Spengler in Anführungszeichen — «getrennt, dem Heiligen, Priester, Gelehrten, Idealisten und Ideologen, mag dieser nun durch die Gewalt seines Denkens oder den Mangel an Blut dazu bestimmt sein. Dasein und Wachsein, Takt und Spannung, Triebe und Begriffe, die Organe des Kreislaufs und die des Tastens — es wird selten einen Menschen von Rang geben, bei dem nicht unbedingt die eine Seite die andre an Bedeutung überragt.»
[ 61 ] And then he contrasts them with all those who truly act because they let thinking be thinking, and let thinking be the business of others: “There are those born to be people of fate and those born to be people of causality.” The truly living person—the farmer and warrior, the statesman, military leader, man of the world, merchant, anyone who wants to become rich, command, rule, fight, or take risks—the organizer and entrepreneur, the adventurer, fencer, and gambler—is separated by a whole world from the ‘intellectual’ person” — Spengler puts “intellectual” in quotation marks — “separated by a whole world from the holy, the priest, the scholar, the idealist, and the ideologue, whether the latter is destined for this by the power of his thought or by a lack of blood. Existence and wakefulness, rhythm and tension, instincts and concepts, the organs of circulation and those of touch—there will rarely be a person of standing in whom one side does not necessarily outweigh the other in importance.”
[ 62 ] «...der Tätige ist ein ganzer Mensch: im Betrachtenden möchte ein einzelnes Organ ohne und gegen den Leib wirken.»
[ 62 ] “...the active person is a whole human being: in the contemplative person, a single organ seeks to act independently of and in opposition to the body.”
[ 63 ] «Denn nur der Handelnde, der Mensch des Schicksals» — also derjenige, den die Gedanken nichts angehen — «lebt letzten Endes in der wirklichen Welt, der Welt der politischen, kriegerischen und wirtschaftlichen Entscheidungen, in der Begriffe und Systeme nicht mitzählen. Hier ist ein guter Hieb mehr wert als ein guter Schluß und es liegt Sinn in der Verachtung, mit welcher der Soldat und Staatsmann zu allen Zeiten auf die Tintenkleckser und Bücherwürmer herabgesehen hat, die der Meinung waren, daß die Weltgeschichte um des Geistes, der Wissenschaft oder gar der Kunst willen da sei.»
[ 63 ] “For only the man of action, the man of destiny”—that is, the one unconcerned with abstract ideas—“ultimately lives in the real world, the world of political, military, and economic decisions, where concepts and systems count for nothing. Here, a good blow is worth more than a good conclusion, and there is wisdom in the contempt with which the soldier and statesman have, throughout the ages, looked down upon the ink-stainers and bookworms who believed that world history existed for the sake of the intellect, science, or even art.”
[ 64 ] Das ist deutlich gesprochen! Aber auch so deutlich, daß man erkennt, wer es gesprochen hat: daß es doch nun schließlich ein «Tintenkleckser und Bücherwurm» geschrieben hat, der sich nur aufspielt zu Händen anderer. Und ein «Tintenkleckser und Bücherwurm» muß es schon sein, der da schreibt: «Es gibt geborene Schicksalsmenschen und Kausalitätsmenschen. Der eigentlich lebendige Mensch, der Bauer und Krieger, der Staatsmann, Heerführer, Weltmann, Kaufmann, jeder, der reich werden, befehlen, herrschen, kämpfen, wagen will, der Organisator und Unternehmer, der Abenteurer, Fechter und Spieler, ist durch eine ganze Welt von dem «geistigen» Menschen getrennt, dem Heiligen, Priester, Gelehrten, Idealisten und Ideologen.» Als ob es niemals Beichtstühle gegeben hätte und Beichtväter gegeben hätte! Ja, es gibt sogar noch andere Wesen, bei denen alle diese Sorten von Menschen sich die Gedanken holen. Man hat sogar schon in der Gesellschaft von all solchen Leute, die da angeführt werden, Staatsmänner, Heerführer, Weltmänner, Kaufleute, Fechter, Spieler und so weiter sogar schon Wahrsagerinnen und Kartenschlägerinnen gefunden! So daß also durchaus die Welt, durch die der Staatsmann, der Politiker und so weiter getrennt sein soll von dem «geistigen» Menschen, eine so ungeheure Weite nicht hat in der Wirklichkeit. Derjenige, der das Leben betrachten kann, der wird eben finden, daß so etwas hingeschrieben wird mit Ausschluß jeder Lebensbetrachtung. Und Oswald Spengler, der ein geistreicher Mann und eine bedeutende Persönlichkeit ist, macht es gründlich. Nachdem er gesagt hat, daß im Reich des wirklichen Geschehens ein Hieb mehr wert ist als ein logischer Schluß, da fährt er fort also: «Hier ist ein guter Hieb mehr wert als ein guter Schluß und es liegt Sinn in der Verachtung, mit welcher der Soldat und Staatsmann zu allen Zeiten auf die Tintenkleckser und Bücherwürmer herabgesehen hat, die der Meinung waren, daß die Weltgeschichte um des Geistes, der Wissenschaft oder gar der Kunst willen da sei. Sprechen wir es unzweideutig aus: das vom Empfinden freigewordene Verstehen ist nur eine Seite des Lebens und nicht die entscheidende. In einer Geschichte des abendländischen Denkens darf der Name Napoleon fehlen, in der wirklichen Geschichte aber ist Archimedes mit all seinen wissenschaftlichen Entdeckungen vielleicht weniger wirksam gewesen als jener Soldat, der ihn bei der Erstürmung von Syrakus erschlug.»
[ 64 ] That’s clearly stated! But so clear, in fact, that one can tell who said it: that it was, after all, written by a “pen-pusher and bookworm” who is merely putting on airs for the sake of others. And it must indeed be a “pen-pusher and bookworm” who writes: “There are people born of fate and people born of causality.” The truly living person—the farmer and warrior, the statesman, military leader, man of the world, merchant, anyone who wants to become rich, command, rule, fight, or take risks—the organizer and entrepreneur, the adventurer, fencer, and gambler—is separated by an entire world from the ‘intellectual’ person: the saint, priest, scholar, idealist, and ideologue.” As if confessionals had never existed and confessors had never existed! Yes, there are even other beings from whom all these kinds of people draw their ideas. In the company of all such people mentioned there—statesmen, military leaders, men of the world, merchants, fencers, gamblers, and so on—one has even found fortune-tellers and card readers! So the world through which the statesman, the politician, and so on are supposed to be separated from the “spiritual” person is, in reality, not nearly as vast as that. Anyone who can observe life will find that such things are written without any consideration of life itself. And Oswald Spengler, who is a witty man and a significant figure, takes this to the extreme. After stating that in the realm of real events, a blow is worth more than a logical conclusion, he continues as follows: “Here, a good blow is worth more than a good conclusion, and there is wisdom in the contempt with which the soldier and statesman have, in all ages, looked down upon the ink-stain writers and bookworms who believed that world history existed for the sake of the mind, science, or even art. Let us state it unequivocally: understanding freed from feeling is only one aspect of life, and not the decisive one. In a history of Western thought, the name Napoleon may be omitted; but in real history, Archimedes, with all his scientific discoveries, was perhaps less influential than that soldier who killed him during the storming of Syracuse.”
[ 65 ] Nun, wenn dem Archimedes ein Ziegelstein auf den Kopf gefallen wäre, dann wäre nach dieser Theorie dieser Ziegelstein mehr wert als all dasjenige, was von Archimedes ausgegangen war, im Sinne der wirklichen, der logischen Geschichte! Aber so schreibt heute nicht etwa der gewöhnlichste Journalist, so schreibt einer der gescheitesten Menschen der Gegenwart. Das ist gerade das Bedeutsame, daß so etwas einer der gescheitesten Menschen der Gegenwart schreibt.
[ 65 ] Well, if a brick had fallen on Archimedes’ head, then according to this theory, that brick would be worth more than everything that came from Archimedes—in the sense of real, logical history! But this isn’t something written by just any run-of-the-mill journalist today—it’s written by one of the most intelligent people of our time. That is precisely what is so significant: that something like this is written by one of the most intelligent people of our time.
[ 66 ] Und nun, was ist also eigentlich das Wirksame? Das Denken, das schwimmt so obenauf. Was ist das Wirksame? Das Blur.
[ 66 ] And now, what, then, is actually the active force? Thought, which floats on the surface. What is the active force? The blur.
[ 67 ] Einer, der vom geistigen Gesichtspunkte aus über das Blut redet, wissenschaftlich redet, der wird zunächst die Frage stellen, wie das Blut entsteht, wie das Blut mit der Nahrung zusammenhängt, die der Mensch aufnimmt. In den Gedärmen ist das Blut noch nicht vorhanden; das Blut wird erst im Menschen selber geschaffen. Das Herunterrinnen des Blutes durch die Geschlechter — nun, wenn irgendeine schlechte mystische Vorstellung gebildet werden kann, so ist es diese. Alles dasjenige, was jemals nebulose Mystiker, wenigstens einigermaßen, wenn auch verschwimmend, deutlich von innerem Seelenleben gesagt haben, ist nicht so schlechte Mystik gewesen als diese Spenglersche Mystik des Blutes. Es wird auf etwas hingewiesen, wo überhaupt jede Möglichkeit aufhört, nicht nur in dem Sinne, daß man nicht darüber denken kann — das würde ja bei Oswald Spengler nichts machen, weil man ja eigentlich nicht zu denken braucht, es ist ja eigentlich nur Lebensluxus —, das würde also nichts machen; aber man sollte, wenn man noch ein vernünftiger Mensch oder selbst nur ein vernünftiges höheres Tier sein will, aufhören zu reden von so etwas, woran man so wenig heran kann wie an das Blur.
[ 67 ] Someone who speaks about blood from a spiritual perspective—that is, scientifically—will first ask how blood is formed and how it relates to the food a person consumes. Blood is not yet present in the intestines; it is created only within the human being. The idea of blood flowing down through the sexes—well, if any false mystical notion can be conceived, this is it. Everything that nebulous mystics have ever said—at least to some extent, even if vaguely—about the inner life of the soul has not been as bad a form of mysticism as this Spenglerian mysticism of blood. It points to something where all possibility ceases altogether—not merely in the sense that one cannot think about it—which wouldn’t matter in Oswald Spengler’s case, since one doesn’t actually need to think; it’s really just a luxury of life—so that wouldn’t matter; but if one wishes to remain a rational human being—or even just a rational higher animal—one should stop talking about something one can approach as little as one can approach a blur.
[ 68 ] Von diesem Gesichtspunkte aus ist es dann allerdings möglich, eine Geschichtsbetrachtung zu inaugurieren mit dem folgenden Satze: «Alle großen Ereignisse der Geschichte werden durch solche Wesen kosmischer Art getragen, durch Völker, Parteien, Heere, Klassen, während die Geschichte des Geistes in losen Gemeinschaften und Kreisen, Schulen, Bildungsschichten, Richtungen, «-ismen> verläuft. Und hier ist es wieder eine Schicksalsfrage, ob solche Mengen in dem entscheidenden Augenblick ihrer höchsten Wirkungskraft einen Führer finden oder blind vorw.irts getrieben werden, ob die Führer des Zufalls Menschen von hohem Range oder gänzlich bedeutungslose Persönlichkeiten sind, die von der Woge der Ereignisse an die Spitze gehoben werden wie Pompejus oder Robespierre. Es kennzeichnet den Staatsmann, daß er all diese Massenseelen, die sich im Strome der Zeit bilden und auflösen, in ihrer Stärke und Dauer, Richtung und Absicht mit vollkommener Sicherheit durchschaut, aber trotzdem ist es auch hier eine Frage des Zufalls, ob er sie beherrschen kann oder von ihnen mitgerissen wird.»
[ 68 ] From this perspective, however, it is indeed possible to begin a historical analysis with the following sentence: “All great events in history are driven by such cosmic entities—by peoples, parties, armies, and classes—while the history of the spirit unfolds in loose communities and circles, schools, educational strata, movements, and ‘-isms.’ And here again it is a matter of fate whether such masses, at the decisive moment of their greatest potency, find a leader or are driven blindly forward; whether the leaders of chance are men of high rank or entirely insignificant figures who are swept to the forefront by the tide of events, like Pompey or Robespierre. It is the hallmark of a statesman that he perceives with complete certainty the strength, duration, direction, and intent of all these mass psychologies—which form and dissolve in the flow of time—yet even here it is a matter of chance whether he can master them or is swept away by them.”
[ 69 ] Damit inauguriert man dann eine Geschichtsbetrachtung, welche Sieger sein läßt über alles dasjenige, was durch den Geist in das geschichtliche Werden hineinkommt: das Blut!
[ 69 ] This then inaugurates a view of history in which blood triumphs over everything that enters the historical process through the spirit!
[ 70 ] Nun: «Eine Macht läßt sich nur durch eine andere stürzen, nicht durch ein Prinzip, und es gibt dem Geld gegenüber keine andere» — als das Blut, meint er —. «Das Geld wird nur vom Blut überwältigt und aufgehoben. Das Leben ist das erste und letzte, das kosmische Dahinströmen in mikrokosmischer Form. Es ist die Tatsache innerhalb der Welt als Geschichte. Vor dem unwiderstehlichen Takt der Geschlechterfolgen schwindet zuletzt alles hin, was das Wachsein in seinen Geisteswelten aufgebaut hat. Es handelt sich in der Geschichte um das Leben und immer nur um das Leben, die Rasse, den Triumph des Willens zur Macht, und nicht um den Sieg von Wahrheiten, Erfindungen oder Geld. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht: Sie hat immer dem stärkeren, volleren, seiner selbstgewisseren Leben Recht gegeben, Recht nämlich auf das Dasein, gleichviel ob es vor dem Wachsein recht war, und sie hat immer die Wahrheit und Gerechtigkeit der Macht, der Rasse geopfert und die Menschen und Völker zum Tode verurteilt, denen die Wahrheit wichtiger war als Taten, und Gerechtigkeit wesentlicher als Macht. So schließt das Schauspiel einer hohen Kultur, diese ganze wundervolle Welt von Gottheiten, Künsten, Gedanken, Schlachten, Städten, wieder mit den Urtatsachen des ewigen Blutes, das mit den ewig kreisenden kosmischen Fluten ein und dasselbe ist. Das helle, gestaltenreiche Wachsein taucht wieder in den schweigenden Dienst des Daseins hinab, wie es die chinesische und römische Kaiserzeit lehren; die Zeit siegt über den Raum, und die Zeit ist es, deren unerbittlicher Gang den flüchtigen Zufall Kultur auf diesem Planeten in den Zufall Mensch einbettet, eine Form, in welcher der Zufall Leben eine Zeitlang dahinströmt, während in der Lichtwelt unserer Augen sich dahinter die strömenden Horizonte der Erdgeschichte und Sternengeschichte auftun.»
[ 70 ] Now: “A power can only be overthrown by another power, not by a principle, and there is no other power to stand against money”—except blood, he means—“Money is overcome and abolished only by blood. Life is the first and last, the cosmic flow in microcosmic form. It is the fact within the world as history. In the face of the irresistible rhythm of the succession of generations, everything that wakefulness has built up in its spiritual worlds ultimately fades away. History is about life and always only about life, the race, the triumph of the will to power, and not about the victory of truths, inventions, or money. World history is the Last Judgment: it has always vindicated the stronger, fuller, more self-assured life—namely, its right to existence, regardless of whether it was right in the eyes of waking consciousness—and it has always sacrificed truth and justice to power and race, condemning to death those people and nations for whom truth was more important than deeds, and justice more essential than power. Thus the spectacle of a high culture—this entire marvelous world of deities, arts, thoughts, battles, and cities—closes once more with the primordial facts of eternal blood, which is one and the same as the eternally circulating cosmic tides. The bright, image-rich waking life plunges back into the silent service of existence, as the Chinese and Roman imperial eras teach; time triumphs over space, and it is time whose inexorable course embeds the fleeting chance of culture on this planet into the chance of humanity—a form in which the chance of life flows for a time, while behind it, in the world of light perceived by our eyes, the flowing horizons of Earth’s history and the history of the stars open up.”
[ 71 ] «Für uns aber, die ein Schicksal in diese Kultur und diesen Augenblick ihres Werdens gestellt hat, in welchem das Geld seine letzten Siege feiert und sein Erbe, der Cäsarismus, leise und unaufhaltsam naht, ist damit in einem engumschriebenen Kreise die Richtung des Wollens und Müssens gegeben, ohne das es sich nicht zu leben lohnt.»
[ 71 ] “But for us, whom fate has placed within this culture and at this moment in its development—in which money is celebrating its final victories and its legacy, Caesarism, is approaching quietly and inexorably—the direction of our will and our duty is thus defined within a narrowly delineated circle, without which life is not worth living.”
[ 72 ] So weist Oswald Spengler auf den kommenden Cäsarismus hin, auf dasjenige, was vor dem völligen Untergange der Kulturen des Abendlandes eben heraufziehen wird, und in das sich die heutige Kultur verwandeln wird.
[ 72 ] Oswald Spengler thus points to the coming Caesarism—that which will emerge just before the complete downfall of Western civilizations, and into which today’s culture will transform.
[ 73 ] Ich habe vor Sie das heute hingestellt aus dem Grunde, weil ja der wache Mensch — Oswald Spengler kommt zwar nichts auf den wachen Menschen an! —, aber weil ja doch der wache Mensch, auch selbst wenn er Anthroposoph ist, etwas hinschauen soll auf dasjenige, was wirklich geschieht. Und so wollte ich von diesem Gesichtspunkte aus gerade auf ein Zeitproblem Sie hinweisen. Aber es wäre ein schlechter Abschluß, wenn ich Ihnen über dieses Zeitproblem nur dieses sagen würde. Daher werde ich, bevor wir eine längere Pause haben müssen, am nächsten Mittwoch noch einmal vor meiner Oxforder Reise einen Vortrag halten.
[ 73 ] I have presented this to you today for the reason that the alert person—though, of course, Oswald Spengler doesn’t care about the alert person!—but because the alert person, even if he or she is an anthroposophist, should still take a closer look at what is actually happening. And so, from this perspective, I wanted to draw your attention specifically to a problem of our time. But it would be a poor conclusion if I were to say only this much about this problem of our time. Therefore, before we have to take a longer break, I will give another lecture next Wednesday before my trip to Oxford.

