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Das Geheimnis der Trinität
GA 214

6 August 1922, Dornach

Sechster Vortrag

[ 1 ] Als vor einiger Zeit der erste Band von Spenglers «Der Untergang des Abendlandes» erschien, da konnte man in dieser literarischen Erscheinung etwas sehen, was den Willen in sich barg, eindringlicher sich zu beschäftigen mit den elementaren Verfalls- und Niedergangserscheinungen in unserer Zeit. Man konnte sehen, wie jemand in vielem, das in unserer gegenwärtigen Zeit im gesamten Abendlande wirkt, ein Gefühl dafür entwickelt, daß diese Impulse eigentlich nach und nach führen müssen zu einem völligen Chaoswerden der abendländischen Zivilisation mit ihrem amerikanischen Anhange; und daß jemand, der ein Gefühl dafür entwickelte, auch sehr kenntnisreich mit Beherrschung vieler wissenschaftlicher Ideen eine Art von Beurteilungen dieser Erscheinungen abzugeben sich bemühte.

[ 2 ] Man sah ja allerdings, daß Oswald Spengler das Niedergehende sieht. Man konnte auch dazumal schon finden, wie er, weil er in seinem ganzen Denken in diesem Niedergehen selber drinnensteckte, gerade deshalb auch eine Empfindung für alles Niedergehende hatte, und daß er, weil er, ich möchte sagen, in seiner eigenen Seelenverfassung die Dekadenz fühlte, sich nichts mehr versprach — das konnte man begreifen — von alledem, was aus der Massenzivilisation noch hervorgehen kann. Er glaubte, das Abendland werde eben einer gewissen Art von Cäsarismus verfallen, einer gewissen Art von Machtentfaltung einzelner, welche anstelle der differenzierten, vielfach gegliederten Kulturen und Zivilisationen ein einfaches Brutales setzen werden.

[ 3 ] Man konnte sehen, daß ein Mann wie Spengler nicht die geringste Empfindung dafür hatte, daß aus dem Willen der Menschheit heraus eine Rettung für diese Kultur und Zivilisation des Abendlandes kommen kann, wenn dieser Wille dahin geht, gegenüber alldem, was in den Niedergang mit voller Wucht hineinsegelt, geltend zu machen, was immerhin, wenn der Mensch heute will, aus dem Inneren des Menschen als eine neue Kraft hervorgeholt werden kann. Für solch eine neue Kraft, die natürlich eine geistige Kraft sein muß, die beruhen muß auf einem Herausarbeiten aus einem Spirituellen, hatte Oswald Spengler nicht die allergeringste Empfindung.

[ 4 ] So konnte man sehen, wie ein sehr kenntnisreicher, geistreicher Mensch, der so gute Aperçus prägen kann aus einem gewissen eindringlichen Sehen, eigentlich zu gar nichts anderem kommen kann als zu einer gewissen Hoffnung auf eine brutale Machtentfaltung, die abseits liegt von allem Geistigen, die abseits liegt von allem innerlichen Menschheitsstreben, die nur beruht auf einer Entfaltung eben der äußeren brutalen Kraft.

[ 5 ] Dennoch konnte man, als der erste Band erschienen war, wenigstens eine gewisse Achtung haben vor der — ich muß das Wort noch einmal gebrauchen — eindringlichen Geistigkeit, abstrakten, intellektualistischen Geistigkeit gegenüber dem Stumpfen, das den treibenden Gewalten der Geschichte so gar nicht gewachsen ist und das heute so vielfach gerade im Literarischen den Ton angibt.

[ 6 ] Nun ist vor kurzer Zeit der zweite Band Oswald Spenglers erschienen, und der zeigt nun allerdings in einer viel stärkeren Weise alles dasjenige, was in einem Menschen der Gegenwart lebt, der nun selber mit einer gewissen Brutalität alles wirklich Geistige zurückstößt, was als Weltanschauung und Lebensauffassung entstehen kann.

[ 7 ] Geistreich ist ja auch dieser zweite Band. Aber trotz dieser geistreichen Aperçus, die darinnen sind, zeigt er eigentlich nichts anderes als eine furchtbare Sterilität eines bis zum Exzeß abstrakten und intellektualistischen Denkens. Die Sache ist deshalb so außerordentlich bemerkenswert, weil man daraus sieht, zu welch einer besonderen Geistesformung eine immerhin bedeutende Persönlichkeit der Gegenwart kommt.

[ 8 ] Es ist in diesem Buche, in diesem zweiten Band von Spenglers «Untergang des Abendlandes», vor allen Dingen schon der Anfang und das Ende außerordentlich interessant. Aber traurig interessant ist dieser Anfang und das Ende; sie charakterisieren eigentlich die ganze Seelenverfassung dieses Menschen. Man braucht vom Anfange an nur ein paar Sätze zu lesen, um sogleich drinnenzustehen in der Seelensituation Oswald Spenglers ebenso wie in der Seelensituation vieler Menschen der Gegenwart.

[ 9 ] Das, was darüber zu sagen ist, hat nicht bloß eine deutsch-literarische Bedeutung, sondern eine durchaus internationale Bedeutung. Spengler beginnt mit dem folgenden Satze: «Betrachte die Blumen am Abend, wenn in der sinkenden Sonne eine nach der andern sich schließt: etwas Unheimliches dringt dann auf dich ein, ein Gefühl von rätselhafter Angst vor diesem blinden, traumhaften, der Erde verbundenen Dasein. Der stumme Wald, die schweigenden Wiesen, jener Busch und diese Ranke regen sich nicht. Der Wind ist es, der mit ihnen spielt. Nur die kleine Mücke ist frei. Sie tanzt noch im Abendlichte; sie bewegt sich, wohin sie will» und so weiter.

[ 10 ] Der Ausgangspunkt von den Blumen, von den Pflanzen — nun, ich fand mich immer wieder und wieder genötigt, wenn ich auf dasjenige hinweisen wollte, was gerade dem Denken der Gegenwart seine Signatur gibt, anzufangen von jener Art des Begreifens, die der Mensch zuwendet heute der leblosen, der mineralischen, der unorganischen Natur. Vielleicht werden sich manche von Ihnen erinnern, wie ich immer wieder und wieder gebraucht habe, um das Streben des heutigen Denkens nach Durchsichtigkeit des Anschauens zu charakterisieren, das Beispiel von dem Stoß zweier elastischer Kugeln, bei denen man aus dem gegebenen Zustand der einen Kugel durchsichtig rechnerisch den Zustand der anderen Kugel ableiten kann.

[ 11 ] Es kann natürlich jemand von Oswald Spenglerischem Seelenkaliber sagen: Man durchschaut ja mit dem gewöhnlichen Denken auch nicht, wie die Elastizitätskraft da drinnen wirkt, wie da drinnen die Zusammenhänge im tieferen Sinne sind. Ja, derjenige, der so denkt, weiß eben nicht, worauf es bei der Durchsichtigkeit des Denkensgegenwärtig ankommt. Denn ein solcher Einwand wäre nicht mehr wert und auch nicht weniger wert als der, den jemand machte, wenn ich sage: Ich verstehe einen Satz, der auf Papier niedergeschrieben ist — und er antwortet mir: Du verstehst ihn doch nicht, denn du hast nicht untersucht die Beschaffenheit der Tinte, mit der der Satz aufgeschrieben ist! — Es kommt eben immer darauf an, daß man das herausfindet, um was es sich handelt. Bei dem Überblicken der unorganischen Natur handelt es sich nicht um dasjenige, was man eventuell als Kraftimpulse dahinter noch finden kann, wie es hinter dem Aufgeschriebenen sich auch nicht um die Tinte handeln kann, sondern um das, was man durchsichtig in seinem Gedankenprozesse drinnen hat.

[ 12 ] Das ist dasjenige, was sich die Menschheit seit der Galilei-Kopernikus-Zeit errungen hat als eine bestimmte Art des Denkens, die erstens darstellt, daß man mit ihr nur die leblose, die unorganische Natur begreifen kann, daß man auf der anderen Seite aber, indem man sich diesem Denken zunächst als dem einfachsten und primitivsten reinen Denken hingibt, in ihr zuerst entfalten kann die Freiheit der menschlichen Seele, die Freiheit des Menschen überhaupt. Erst wer die Natur des gegenständlichen Denkens mit seiner Durchsichtigkeit, wie sie in der leblosen Natur waltet, durchschaut, kann dann aufsteigen zu den anderen Prozessen des Denkens und Anschauens, zu demjenigen, was das Denken durchsetzt mit Anschauen: mit Imagination, mit Inspiration, mit Intuition.

[ 13 ] Es ist also die erste Aufgabe desjenigen, der heute im intimsten Sinne mitreden will in bezug auf die äußere Konfiguration unseres Kulturlebens, daß er merkt, worauf eigentlich die Kraft gerade des heutigen Denkens beruht.

[ 14 ] Und derjenige, der so diese Kraft des heutigen Denkens verspürt hat, weiß, wie dieses Denken in der Maschine wirkt, wie dieses Denken uns die moderne Technik heraufgebracht hat, in der wir aus diesem Denken heraus äußere, unorganische leblose Zusammenhänge konstruieren, die alles an Durchsichtigkeit haben, was sie zum Behuf der äußeren Betätigung des Menschen haben sollen.

[ 15 ] Erst wer das versteht, rückt dann weiter ein in die Erkenntnis, daß in dem Augenblicke, wo wir die Pflanzen überschauen, wir mit diesem zunächst in seiner Abstraktion ergriffenen Denken in die reine Wuselei hineinkommen. Wer dieses kristallisch durchsichtige Denken für die mineralische Welt allein in seiner Abstraktheit haben will, nicht bloß als Durchgangspunkt für die Entwickelung der Freiheit des Menschen, sondern wer nun allein im Denken, mit diesem Denken seine Blicke auf die Pflanzenwelt richtet, der hat in der Pflanzenwelt ein Nebuloses, Dunkles, Mystisches vor sich, das er nicht durchblicken kann. Denn in dem Augenblicke, wo wir zur Pflanzenwelt hinaufschauen, müssen wir uns klar sein, daß hier, wenigstens in dem Grade, wie das Goethe gewollt hat mit seiner Urpflanze und mit dem Prinzip, durch das er die Urpflanze metamorphosiert durch alle Pflanzenformen hindurch — wenigstens in diesem Goetheschen Sinne muß einer, der aufrückt von einem Erkennen der wirklichen Kräfte des im Unorganischen waltenden Denkens, in der Pflanzenwelt verspüren, daß sie dunkel und mystisch im schlechtesten Sinne unserer Zeit bleibt, wenn man nicht aufrückt zu einer imaginativen Betrachtung — wenigstens eben in dem Sinne, in dem Goethe seine botanischen Anschauungen begründet hat.

[ 16 ] Wenn jemand wie Oswald Spengler die imaginative Erkenntnis abweist und dennoch beginnt mit der Pflanzenwelt, sie zu schildern beginnt, dann kommt er nicht zu irgend etwas, das Klarheit und Kraft gibt, dann kommt er zu einer Gedankenwuselei, zur Mystik im allerschlimmsten Sinne des Wortes, nämlich zur materialistischen Mystik. Und wenn man das vom Anfange sagen muß, so ist gerade durch diesen Anfang wiederum das Ende dieses Buches charakterisiert.

[ 17 ] Das Ende dieses Buches handelt von der Maschine, von demjenigen, das der neueren Zivilisation gerade die Signatur gegeben hat, der Maschine, die auf der anderen Seite dem Menschen gegenübersteht als dasjenige, was allerdings als Ding zunächst seiner Natur fremd ist, an dem er aber gerade das durchsichtige Denken entwickelt hat.

[ 18 ] Ich habe vor einiger Zeit — unmittelbar nach dem Erscheinen von Oswald Spenglers Buch — unter dem Eindruck der Wirkung, die Spenglers Buch gemacht hat, an der Technischen Hochschule in Stuttgart einen Vortrag gehalten über Anthroposophie und die technischen Wissenschaften, um da zu zeigen, wie gerade im Untertauchen in die Technik der Mensch diejenige Konfiguration seines Seelenlebens entwickelt, die ihn dann frei macht. So daß er dadurch, daß er in der maschinellen Welt alle Geistigkeit ausgelöscht erlebt, den Antrieb erhält — gerade innerhalb der maschinellen Welt —, durch inneres Aufraffen die Geistigkeit aus seinem Inneren zu holen; so daß derjenige, der heute das Darinnenstehen der Maschine in unserer ganzen Zivilisation begreift, sich eben sagen muß: Diese Maschine mit ihrer impertinenten Durchsichtigkeit, mit ihrer brutalen, schauderhaften, dämonischen Geistlosigkeit, zwingt den Menschen, wenn er sich nur selber versteht, aus seinem Inneren herauszuholen diejenigen Keime von Spiritualität, die in ihm sind. Durch den Gegensatz zwingt die Maschine den Menschen, spirituelles Leben zu entwickeln.

[ 19 ] Dasjenige, was ich damals habe sagen wollen, ist allerdings, wie ich aus den Nachwirkungen habe sehen können, von niemandem verstanden worden.

[ 20 ] Spengler stellt am Schlusse seines Werkes eine Betrachtung an über die Maschine. Nun, das, was Sie da lesen über die Maschine, das klingt zuletzt aus in einer Art Verherrlichung der Furcht vor der Maschine. Dasjenige, was über die Maschine gesagt wird, ist geradezu etwas, was man empfinden kann als den Gipfelpunkt des Aberglaubens des modernen Menschen gegenüber der Maschine, die er dämonisch empfindet, wie gewisse Menschen abergläubischer Art die Dämonen empfinden. Er schildert die Erfinder der Maschine; er schildert, wie nach und nach die Maschine heraufgekommen ist, wie nach und nach die Maschine die Zivilisation ergriffen hat. Er schildert die Menschen, in deren Zeitalter die Maschine eingetreten ist: «Aber für sie alle bestand auch die eigentlich faustische Gefahr, daß der Teufel seine Hand im Spiele hatte, um sie im Geist auf jenen Berg zu führen, wo er ihnen alle Macht der Erde versprach. Das bedeutet der Traum jener seltsamen Dominikaner wie Petrus Peregrinus vom perpetuum mobile, mit dem Gott seine Allmacht entrissen gewesen wäre. Sie erlagen diesem Ehrgeiz immer wieder; sie zwangen der Gottheit ihr Geheimnis ab, um selber Gott zu sein.»

[ 21 ] Also Oswald Spengler faßt die Sache so auf, daß, weil der Mensch dazu gekommen ist, die Maschine zu dirigieren, er gerade durch dieses Dirigieren sich einbilden lernen kann, ein Gott zu sein, weil der Gott der Maschine des Weltenalls nach seiner Meinung die Maschine dirigiert. Wie sollte der Mensch nicht zum Gotte sich erhoben fühlen, wenn er nun einen Mikrokosmos dirigiert!

[ 22 ] «Sie belauschten die Gesetze des kosmischen Taktes, um sie zu vergewaltigen, und sie schufen so die /dee der Maschine als eines kleinen Kosmos, der nur noch dem Willen des Menschen gehorcht. Aber damit überschritten sie jene feine Grenze, wo für die anbetende Frömmigkeit der andern die Sünde begann, und daran gingen sie zugrunde, von Bacon bis Giordano Bruno. Die Maschine ist des Teufels: so hat der echte Glaube immer wieder empfunden.»

[ 23 ] Nun, selbstverständlich meint er es an dieser Stelle bloß ironisch. Aber daß er es nicht bloß ironisch meint, das sieht man dann, wenn er in seiner geistreichen Art Worte gebraucht, die etwas altertümlich klingen. Das zeigt die folgende Stelle: «Dann aber folgt zugleich mit dem Rationalismus die Erfindung der Dampfmaschine, die alles umstürzt und das Wirtschaftsbild von Grund aus verwandelt. Bis dahin hatte die Natur Dienste geleistet, jetzt wird sie als Sklavin ins Joch gespannt und ihre Arbeit wie zum Hohn nach Pferdekräften bemessen. Man ging von der Muskelkraft des Negers, die in organisierten Betrieben angesetzt wurde, zu den organischen Reserven der Erdrinde über, wo die Lebenskraft von Jahrtausenden als Kohle aufgespeichert liegt und richtet heute den Blick auf die anorganische Natur, deren Wasserkräfte schon zur Unterstützung der Kohle herangezogen sind. Mit den Millionen und Milliarden Pferdekräften steigt die Bevölkerungszahl in einem Grade, wie keine andre Kultur es je für möglich gehalten hätte. Dieses Wachstum ist ein Produkt der Maschine, die bedient und gelenkt sein will und dafür die Kräfte jedes einzelnen verhundertfacht. Um der Maschine willen wird das Menschenleben kostbar. Arbeit wird das große Wort des ethischen Nachdenkens. Es verliert im 18. Jahrhundert in allen Sprachen seine geringschätzige Bedeutung. Die Maschine arbeitet und zwingt den Menschen zur Mitarbeit. Die ganze Kultur ist in einen Grad von Tätigkeit geraten, unter dem die Erde bebt.»

[ 24 ] «Was sich nun im Laufe eines Jahrhunderts entfaltet, ist ein Schauspiel von solcher Größe, daß den Menschen einer künftigen Kultur mit andrer Seele und andern Leidenschaften das Gefühl überkommen muß, als sei damals die Natur ins Wanken geraten. Auch sonst ist die Politik über Städte und Völker hinweggeschritten; menschliche Wirtschaft hat tief in die Schicksale der Tier- und Pflanzenwelt eingegriffen, aber das rührt nur an das Leben und verwischt sich wieder. Diese Technik aber wird die Spur ihrer Tage hinterlassen, wenn alles andere verschollen und versunken ist. Diese faustische Leidenschaft hat das Bild der Erdoberfläche verändert.»

[ 25 ] «Und diese Maschinen werden in ihrer Gestalt immer mehr entmenschlicht, immer asketischer, mystischer, esoterischer. Sie umspinnen die Erde mit einem unendlichen Gewebe feiner Kräfte, Ströme und Spannungen. Ihr Körper wird immer geistiger, immer verschwiegener. Diese Räder, Walzen und Hebel reden nicht mehr. Alles was entscheidend ist, zieht sich ins Innere zurück. Man hat die Maschine als teuflisch empfunden, und mit Recht. Sie bedeutet in den Augen eines Gläubigen die Absetzung Gottes. Sie liefert die heilige Kausalität dem Menschen aus, und sie wird schweigend, unwiderstehlich, mit einer Art von vorausschauender Allwissenheit von ihm in Bewegung gesetzt.»

[ 26 ] «Niemals hat sich der Mikrokosmos dem Makrokosmos überlegener gefühlt. Hier gibt es kleine Lebewesen, die durch ihre geistige Kraft das Unlebendige von sich abhängig gemacht haben. Nichts erscheint diesem Triumph zu gleichen, der nur einer Kultur geglückt ist und vielleicht nur für eine kleine Zahl von Jahrhunderten.»

[ 27 ] «Aber gerade damit ist der faustische Mensch zum Sklaven seiner Schöpfung geworden.»

[ 28 ] Wir sehen, es taucht hier die völlige Ratlosigkeit des Denkers gegenüber der Maschine auf. Nichts ahnt dieser Denker davon, wie die Maschine dieses alles nicht ist, was irgendwie mystisch sein könnte, vor demjenigen, der gerade das Unlebendige in seiner mystikfreien Art erfaßt.

[ 29 ] Und so sehen wir, daß Oswald Spengler mit einer verwuselten Darstellung des Pflanzlichen beginnt, weil er eigentlich doch über die Art und den Charakter der gegenwärtigen Erkenntnis, die innig zusammenhängt mit der Entwickelung des maschinellen Lebens, gar keinen Begriff hat, weil ihm das Denken nur eine Abstraktion bleibt, und er deshalb auch die Funktion des Denkens im Maschinellen nicht verspüren kann. Das Denken wird da ganz und gar zum wesenlosen Bilde, damit der Mensch im maschinellen Zeitalter um so mehr zum Wesenhaften werden könne, seine Seele, seinen Geist durch den Widerstand gegen das Maschinelle aus sich selber hervorrufen könne. Das ist die menschliche Bedeutung, das ist die Weltentwickelungsbedeutung des maschinellen Lebens!

[ 30 ] Derjenige, der, indem er mit einer metaphysischen Klarheit beginnen will, mit einer verwuselten Darstellung des Pflanzlichen beginnt, der tut das aus dem Grunde, weil er in dieser Stimmung gegen die Maschine ist.

[ 31 ] Also Oswald Spengler hat die Funktion des neueren Denkens nur in seiner Abstraktheit begriffen, und er macht sich an das, was ihm dunkel bleibt, an das Pflanzenhafte.

[ 32 ] Nun, wenn man das Mineralische, das Pflanzliche, das Tierische, das Menschliche nimmt, so charakterisiert sich für die Gegenwart das Menschliche dadurch, daß wir seit der Mitte des 15. Jahrhunderts ganz zum mineralisch-durchsichtigen Denken vorgeschritten sind. So daß, wenn wir den Menschen der heutigen Zeit anschauen, wie er in seinem Inneren ist als Anschauer der Außenwelt, wir sagen müssen: Er hat als Menschliches gerade heute die Anschauung des Mineralischen entwikkelt. Dann muß man aber die Bedeutung dieses mineralischen Denkens so charakterisieren, wie ich das eben jetzt gemacht habe.

[ 33 ] Wenn aber jemand nichts vom Wesen des Mineralischen weiß, dann kommt er, wenn er beim Pflanzlichen anfängt, bloß bis zum Tierischen. Denn das Tierische trägt das Pflanzliche in derselben Form in sich, wie wir heute das Mineralische. Das ist das Charakteristische bei Oswald Spengler, daß er beim Pflanzlichen anfängt und in seinen Begriffen überhaupt nicht über das Tierische hinauskommt, den Menschen nur auffaßt, insofern der Mensch ein Tier ist, und daß ihm eigentlich das Denken, das in Wirklichkeit in seiner eigentlichen Bedeutung erst seit dem 14. Jahrhundert begriffen werden kann — das so begriffen werden kann, wie ich es jetzt dargestellt habe —, als etwas außerordentlich Unverständliches erscheint. Daher läßt er es, soweit als er es nur kann, hinunterkollern in das Tierische. So daß wir zum Beispiel ihn aufsuchen sehen, wie er gleich dem Tier auch ein Sinneswahrnehmen hat, wie dann dieses Sinneswahrnehmen im Tiere schon zu einer Art von Urteil wird. Und so versucht er, das Denken nur als etwas wie eine Steigerung des tierischen Wahrnehmungslebens hinzustellen.

[ 34 ] Im Grunde genommen hat keiner in so radikaler Weise wie gerade Oswald Spengler gezeigt, daß der Mensch heute mit dem abstrakten Denken überhaupt nur bis zu der außermenschlichen Welt kommt, die menschliche Welt nicht mehr begreift! Und das eigentlich Charakteristische des Menschen: daß der Mensch denken kann, das empfindet Oswald Spengler eigentlich nur als so eine Art Beigabe, die unerklärlich und im Grunde genommen eigentlich überflüssig ist für den Menschen. Denn im Grunde genommen ist — nach Spengler — dieses Denken doch etwas höchst Überflüssiges im Menschen: «Das vom Empfinden abgezogene Verstehen heißt Denken. Das Denken hat für immer einen Zwiespalt in das menschliche Wachsein getragen. Es hat von früh an Verstand und Sinnlichkeit als hohe und niedere Seelenkraft gewertet. Es hat den verhängnisvollen Gegensatz geschaffen zwischen der Lichtwelt des Auges, die als Scheinwelt und Sinnentrug bezeichnet wird, und einer im wörtlichen Sinne vor-gestellten Welt, in der die Begriffe mit ihrer nie abzustreifenden leisen Lichtbetonung ihr Wesen treiben.»

[ 35 ] Nun, indem Spengler diese Dinge auseinandersetzt, entwickelt er eine außerordentlich kuriose Idee: nämlich die, daß im Grunde genommen die ganze geistige Zivilisation des Menschen vom Auge abhängt, eigentlich nur von der Lichtwelt abgezogen ist, und die Begriffe sind eigentlich nur etwas verfeinerte, etwas destillierte Anschauungen im Lichte, die durch das Auge vermittelt werden. Oswald Spengler hat eben keine Ahnung davon, daß das Denken, wenn es rein wirkt, nicht etwa bloß die Lichtwelt des Auges in sich aufnimmt, sondern daß das Denken diese Lichtwelt des Auges zusammenbringt mit dem ganzen Menschen. Es ist etwas durchaus anderes, ob wir an eine Entität denken, die mit der Wahrnehmung des Auges zusammenhängt, oder ob wir von Vorstellungen sprechen. Spengler redet auch vom Vorstellen, aber gerade damit will er den Beweis liefern, daß das Denken eigentlich nur so eine Art Hirntraum und verfeinerte Lichtwelt in dem Menschen ist.

[ 36 ] Nun möchte ich einmal wissen, ob man mit irgendeinem zwar nicht abstrakten Denken, aber gesunden Menschenverstand das Wort «stellen», wenn es richtig erlebt wird, jemals zusammenbringen kann mit irgend etwas, was der Lichtwelt angehört! — «Stellen» tut man sich mit seinen Beinen; man nimmt den ganzen Menschen dazu. Wenn einer sagt: «vorstellen», so verbindet er dynamisch das Lichtding mit demjenigen, was er in sich erlebt als Dynamisches, als Kraftwirkung, als etwas, was hineintaucht in die Wirklichkeit. Mit dem realistischen Denken tauchen wir durchaus in die Wirklichkeit hinein. Sehen Sie sich die wichtigsten Gedanken an — abgesehen von den mathematischen — überall führen sie, die Gedanken, zu so etwas hin, woraus Sie ersehen können, daß wir in den Gedanken nicht bloß einen Licht-, Luftorganismus haben, sondern auch dasjenige, was der Mensch als seelisches Erlebnis hat, indem er es vom Lichte beleuchtet sein läßt und zugleich auf die Erde beide Beine stellt.

[ 37 ] Daher ist alles das, was hier Oswald Spengler entwickelt über diese ins Denken umgewandelte Lichtwelt, im Grunde genommen nichts als ein außerordentlich geistreiches Geschwätz! Das ist dasjenige, was durchaus einmal ausgesprochen werden muß: die Einleitung zu diesem zweiten Bande ist geistreiches Geschwätz. Dieses geistreiche Geschwätz erhebt sich dann zu solchen Behauptungen, wie: «Diese Verarmung des Sinnlichen bedeutet zugleich eine unermeßliche Vertiefung. Menschliches Wachsein ist nicht mehr die bloße Spannung zwischen Leib und Umwelt. Es heißt jetzt: Leben in einer rings geschlossenen Lichtwelt. Der Leib bewegt sich im gesehenen Raume. Das Tiefenerlebnis ist ein gewaltiges Eindringen in sichtbare Fernen von einer Lichtmitte aus: es ist jener Punkt, den wir Ich nennen. «Ich» ist ein Lichtbegriff.»

[ 38 ] Derjenige, der behauptet, das Ich sei ein Lichtbegriff, der hat keine Ahnung davon, wie innig das Ich-Erlebnis verknüpft ist zum Beispiel mit dem Schwere-Erlebnis im menschlichen Organismus, der hat überhaupt keine Ahnung von der erlebten Mechanik, die schon im menschlichen Organismus auftreten kann! Dann aber, wenn sie auftritt, bewußt, dann ist auch der Sprung gemacht von dem abstrakten Denken zu dem konkreten, realen Denken, das in die Wirklichkeit hineinführt.

[ 39 ] Man möchte sagen: Oswald Spengler ist so richtig ein Beispiel dafür, daß das abstrakte Denken «luftig» geworden ist, sogar «lichtig» geworden ist und den ganzen Menschen wegträgt von der Wirklichkeit, so daß er da draußen irgendwo im Lichte herumtaumelt und nun keine Ahnung davon hat, daß es auch zum Beispiel eine Schwere gibt, daß es auch etwas gibt, was erlebt werden kann, nicht bloß angeschaut. Der Anschauerstandpunkt zum Beispiel des John Stuart Mill ist hier bis zum Extrem gebracht. Deshalb ist das Buch außerordentlich charakteristisch für unsere Zeit.

[ 40 ] Ein Satz. auf Seite 13 scheint ungeheuer geistreich zu sein, aber im Grunde genommen ist er «windig-lichtig»: «Man bildet Vorstellungen über Vorstellungen und gelangt endlich zu einer Gedankenarchitektur großen Stils, deren Bauten in voller Deutlichkeit gleichsam in einem inneren Lichte daliegen.»

[ 41 ] So geht denn Oswald Spengler aus von dem Phrasenhaften. Das Pflanzliche findet er «schlafend»; das stellt zunächst die Welt dar, die da um uns herum richtig schläft. Er findet, daß die Welt «wach» wird im Tierreiche, daß das Tier in sich eine Art Mikrokosmos entwickelt. Er kommt über das Tier nicht herauf; er entwickelt nur die Beziehung zwischen dem Pflanzlichen und dem Tierischen, findet das Pflanzliche in dem Schlafen, das Tierische in dem Wachsein.

Schlafen: Mineralisches
Pflanzliches
Wachen: Tierisches
Menschliches

[ 42 ] Aber alles dasjenige, was geschieht in der Welt, geschieht eigentlich unter dem Einfluß desjenigen, was schläft. Das Tier — damit für Oswald Spengler auch der Mensch — hat das Schlafen in sich. Das hat er auch. Aber alles dasjenige, was Bedeutung hat für die Welt, geht aus dem Schlafen hervor, denn das Schlafen hat die Bewegung in sich. Das Wachsein hat nur Spannungen in sich, Spannungen, die allerlei Diskrepanzen im Inneren erzeugen, aber eben nur Spannungen, die gewissermaßen als ein etwas Äußerliches zu dem Weltenall hinzukommen. Im Grunde genommen ist eine selbständige Wirklichkeit diejenige, die aus dem Schlafen kommt.

[ 43 ] Und in dieser Suppe schwimmen allerlei solche mehr oder weniger überflüssigen oder schmackhaften und unschmackhaften Fettaugen das ist das Tierische. Aber die Suppe könnte auch ohne diese Fettaugen bestehen. Nur bringen diese Fettaugen etwas in die Wirklichkeit hinein. Im Schlaf, da findet man nicht das Wo und Wie darinnen, da findet man nur das Wann und Warum. So daß wir auch beim Menschen, der ja als Tier noch das Pflanzliche in sich enthält — welche Rolle das Mineralische im Menschlichen spielt, davon hat Oswald Spengler keine Ahnung —, so daß wir beim Menschen folgendes finden: Insofern er pflanzlich ist, lebt er in der Zeit; er stellt sich hinein in das Wann und in das Warum, indem das Frühere das Warum des Späteren ist. Das ist das Kausale. Und indem der Mensch so in der Geschichte weiterlebt, lebt er eigentlich in der Geschichte das Pflanzliche aus. Das Tierische, und damit auch das Menschliche, das nach dem Wo und Wie frägt: das sind eben die Fettaugen; die kommen dazu. Das ist ja ganz interessant für die inneren Spannungen; aber sie haben nicht eigentlich etwas zu tun mit demjenigen, was in der Welt wirklich geschieht. So daß man sagen kann: durch die Weltenzusammenhänge ist der Welt eingepflanzt das Wann und Warum für die Zeitenfolge.

[ 44 ] Und in dieser fortströmenden Suppe, da schwimmen eben die Fettaugen mit ihrem Wo und Wie. Und wenn der Mensch — ein solches Fettauge — da schwimmt, so geht das Wo und Wie eigentlich nur ihn an und seine inneren Spannungen, sein Wachsein. Dasjenige, was er als geschichtliches Wesen tut, das kommt aus dem Schlaf.

[ 45 ] Früher hat man als eine Art Religionsphantasie gesagt: Den Seinen gibt's der Herr im Schlafe. — Dem Spenglerschen Menschen gibt es die Natur im Schlafe! So ist das Denken einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der Gegenwart, das aber, um sich ja nicht über sich selber klar zu werden, zuerst in das Pflanzliche hinein verstrudelt, um aus dieser Strudelei nicht wiederum weiter herauszukommen als bis zum Tierischen, in das auch das Menschliche hineingestrudelt wird.

[ 46 ] Nun könnte man glauben, diese Strudelei vermeide in ihrer Geistreichigkeit die ärgsten Fehler, die das Denken in der Vergangenheit gemacht hat; sie sei sich also irgendwie treu darinnen. Wenn schon das Pflanzensein auch über die Geschichte der Menschheit ausgegossen werden soll, so bleibe sie beim Pflanzensein. Aber es ließe sich doch nicht gut mit dem Menschen des Pflanzenreiches eine geschichtliche Betrachtung anstellen. Nun, Oswald Spengler stellt, sogar sehr geistreich, geschichtliche Betrachtungen an über dasjenige, was die Menschheit in ihrer Entwickelung im Schlafe pflanzlich macht. Aber damit er doch über dieses Schlafen der Menschheit etwas zu sagen hat, bedient er sich der schlechtesten Art des Denkens, deren man sich nur bedienen kann: nämlich des Anthropomorphismus, alles in künstlicher Weise zu verzerren, überall das Menschliche hineinzuphantasieren. Er redet daher, schon auf Seite 9, von der Pflanze, die kein Wachsein hat, weil er an ihr erfahren will, wie er nun Geschichte schreiben soll, und nun auch eine Beschreibung dessen liefern soll, was aus dem Schlafe heraus die Menschen tun.

[ 47 ] Aber nun lese man die ersten Sätze auf Seite 9:

[ 48 ] «Eine Pflanze führt ein Dasein ohne Wachsein.» Gut.

[ 49 ] «Im Schlaf werden alle Wesen zu Pflanzen», meint er. Also der Mensch ebenso wie die Tiere! Schön. —

[ 50 ] «die Spannung zur Umwelt ist erloschen, der Takt des Lebens geht weiter.»

[ 51 ] Und jetzt kommt ein kapitaler Satz:

[ 52 ] «Eine Pflanze kennt nur die Beziehung zum Wann und Warum.»

[ 53 ] Nun fängt die Pflanze an, nicht nur zu träumen, sondern zu «kennen» in ihrem seligen Schlaf. Man steht also etwa vor der Vermutung: Dieser Schlaf, der sich da als Geschichte fortströmend verbreiten soll in der menschlichen Entwickelung, der könnte nun auch eigentlich anfangen zu wachen. Denn mit demselben Rechte könnte dann Oswald Spengler eine Geschichte schreiben, wie er der Pflanze ein Kennen von Wann und Warum andichtet. Ja, dieses Schlafeswesen der Pflanze hat sogar höchst interessante Eigenschaften:

[ 54 ] «Das Drängen der ersten grünen Spitzen aus der Wintererde, das Schwellen der Knospen, die ganze Gewalt des Blühens, Duftens, Leuchtens, Reifens: das alles ist Wunsch nach der Erfüllung eines Schicksals und eine beständige sehnsüchtige Frage nach dem Wann.»

[ 55 ] Ja, man kann sehr leicht die Geschichte als Pflanzenleben schildern, wenn man sich erst durch Anthropomorphismen dazu vorbereitet!

[ 56 ] Und weil das alles so ist, so sagt Oswald Spengler weiter: «Das Wo kann für ein pflanzenhaftes Dasein keinen Sinn haben. Es ist die Frage, mit welcher der erwachende Mensch sich täglich wieder auf seine Welt besinnt. Denn nur der Pulsschlag des Daseins dauert durch alle Geschlechter an. Das Wachsein beginnt für jeden Mikrokosmos von neuem: das ist der Unterschied von Zeugung und Geburt. Das eine ist Bürgschaft der Dauer, die andere ist ein Anfang. Und deshalb wird eine Pflanze erzeugt, aber nicht geboren. Sie ist da, aber kein Erwachen, kein erster Tag spannt eine Sinnenwelt um sie aus.»

[ 57 ] Man muß wirklich, wenn man die Spenglerschen Gedanken nachdenken will, wie ein Stehaufmännchen zuerst auf den Kopf sich stellen und dann umspringen, um dasjenige, was im menschlichen Sinn gerade gedacht ist, wieder umzudenken! Aber sehen Sie, dadurch, daß sich Oswald Spengler eine solche Metaphysik, eine solche Philosophie zurechtlegt, kommt er nun dazu, zu sagen: Dieses Schlafende im Menschen, das, was im Menschen wie eine Pflanze ist, das macht Geschichte. Was ist das im Menschen? Das Blut, das Blut, das durch die Geschlechter rinnt.

[ 58 ] Nun, so bereitet sich Oswald Spengler eine Methode vor, um sagen zu können: Die wichtigsten Ereignisse, die in der Menschengeschichte sich entwickeln, die geschehen durch das Blut. Dazu muß er allerdings noch einige Gedankenbocksprünge machen: «Insofern ist Wachsein gleichbedeutend mit «Feststellen», ob es sich nun um das Tasten eines Infusors oder um menschliches Denken vom höchsten Range handelt.»

[ 59 ] Ja, wenn man so abstrakt denkt, dann findet man eben den Unterschied nicht heraus zwischen dem Tasten eines Infusors und dem Denken eines Menschen von allerhöchstem Range! Und dann kommt man zu allerlei außerordentlich merkwürdigen Behauptungen; zu dem, daß eigentlich dieses Denken eine Beigabe des gesamten Menschenlebens ist: Aus dem Blut herauf geschehen die Taten, aus dem Blut herauf werde Geschichte gemacht. Und wenn dann auch noch einige da sind, die über das nachdenken, so ist es eben ein abstraktes Nachdenken und hat mit dem Geschehen nicht das geringste zu tun: «Daß wir nicht nur leben, sondern um «das Leben» wissen, ist das Ergebnis jener Betrachtung unseres leibhaften Wesens im Licht. Aber das Tier kennt nur das Leben, nicht den Tod.»

[ 60 ] Und so führt er aus, daß eigentlich dasjenige, worauf es ankommt, aus dem Dunkeln, Finstern, aus dem Pflanzenhaften, aus dem Blute hervorkommen muß, und daß alle diejenigen Menschen, die etwas in der Geschichte gemacht haben, nun ja nicht irgend etwas aus einer Idee, aus einem Denken heraus gemacht haben, sondern die Gedanken, auch die Gedanken der Denker, die gehen nur so nebenher. Über dasjenige, was das Denken leistet, hat Oswald Spengler nicht genug herabwürdigende Worte.

[ 61 ] Und dann stellt er dagegen alle diejenigen, die wirklich handeln, weil sie das Denken Denken sein lassen, das Denken das Geschäft der anderen sein lassen: «Es gibt geborene Schicksalsmenschen und Kausalitätsmenschen. Der eigentlich lebendige Mensch, der Bauer und Krieger, der Staatsmann, Heerführer, Weltmann, Kaufmann, jeder, der reich werden, befehlen, herrschen, kämpfen, wagen will, der Organisator und Unternehmer, der Abenteurer, Fechter und Spieler, ist durch eine ganze Welt von dem «geistigen» Menschen» — «geistigen» setzt Spengler in Anführungszeichen — «getrennt, dem Heiligen, Priester, Gelehrten, Idealisten und Ideologen, mag dieser nun durch die Gewalt seines Denkens oder den Mangel an Blut dazu bestimmt sein. Dasein und Wachsein, Takt und Spannung, Triebe und Begriffe, die Organe des Kreislaufs und die des Tastens — es wird selten einen Menschen von Rang geben, bei dem nicht unbedingt die eine Seite die andre an Bedeutung überragt.»

[ 62 ] «...der Tätige ist ein ganzer Mensch: im Betrachtenden möchte ein einzelnes Organ ohne und gegen den Leib wirken.»

[ 63 ] «Denn nur der Handelnde, der Mensch des Schicksals» — also derjenige, den die Gedanken nichts angehen — «lebt letzten Endes in der wirklichen Welt, der Welt der politischen, kriegerischen und wirtschaftlichen Entscheidungen, in der Begriffe und Systeme nicht mitzählen. Hier ist ein guter Hieb mehr wert als ein guter Schluß und es liegt Sinn in der Verachtung, mit welcher der Soldat und Staatsmann zu allen Zeiten auf die Tintenkleckser und Bücherwürmer herabgesehen hat, die der Meinung waren, daß die Weltgeschichte um des Geistes, der Wissenschaft oder gar der Kunst willen da sei.»

[ 64 ] Das ist deutlich gesprochen! Aber auch so deutlich, daß man erkennt, wer es gesprochen hat: daß es doch nun schließlich ein «Tintenkleckser und Bücherwurm» geschrieben hat, der sich nur aufspielt zu Händen anderer. Und ein «Tintenkleckser und Bücherwurm» muß es schon sein, der da schreibt: «Es gibt geborene Schicksalsmenschen und Kausalitätsmenschen. Der eigentlich lebendige Mensch, der Bauer und Krieger, der Staatsmann, Heerführer, Weltmann, Kaufmann, jeder, der reich werden, befehlen, herrschen, kämpfen, wagen will, der Organisator und Unternehmer, der Abenteurer, Fechter und Spieler, ist durch eine ganze Welt von dem «geistigen» Menschen getrennt, dem Heiligen, Priester, Gelehrten, Idealisten und Ideologen.» Als ob es niemals Beichtstühle gegeben hätte und Beichtväter gegeben hätte! Ja, es gibt sogar noch andere Wesen, bei denen alle diese Sorten von Menschen sich die Gedanken holen. Man hat sogar schon in der Gesellschaft von all solchen Leute, die da angeführt werden, Staatsmänner, Heerführer, Weltmänner, Kaufleute, Fechter, Spieler und so weiter sogar schon Wahrsagerinnen und Kartenschlägerinnen gefunden! So daß also durchaus die Welt, durch die der Staatsmann, der Politiker und so weiter getrennt sein soll von dem «geistigen» Menschen, eine so ungeheure Weite nicht hat in der Wirklichkeit. Derjenige, der das Leben betrachten kann, der wird eben finden, daß so etwas hingeschrieben wird mit Ausschluß jeder Lebensbetrachtung. Und Oswald Spengler, der ein geistreicher Mann und eine bedeutende Persönlichkeit ist, macht es gründlich. Nachdem er gesagt hat, daß im Reich des wirklichen Geschehens ein Hieb mehr wert ist als ein logischer Schluß, da fährt er fort also: «Hier ist ein guter Hieb mehr wert als ein guter Schluß und es liegt Sinn in der Verachtung, mit welcher der Soldat und Staatsmann zu allen Zeiten auf die Tintenkleckser und Bücherwürmer herabgesehen hat, die der Meinung waren, daß die Weltgeschichte um des Geistes, der Wissenschaft oder gar der Kunst willen da sei. Sprechen wir es unzweideutig aus: das vom Empfinden freigewordene Verstehen ist nur eine Seite des Lebens und nicht die entscheidende. In einer Geschichte des abendländischen Denkens darf der Name Napoleon fehlen, in der wirklichen Geschichte aber ist Archimedes mit all seinen wissenschaftlichen Entdeckungen vielleicht weniger wirksam gewesen als jener Soldat, der ihn bei der Erstürmung von Syrakus erschlug.»

[ 65 ] Nun, wenn dem Archimedes ein Ziegelstein auf den Kopf gefallen wäre, dann wäre nach dieser Theorie dieser Ziegelstein mehr wert als all dasjenige, was von Archimedes ausgegangen war, im Sinne der wirklichen, der logischen Geschichte! Aber so schreibt heute nicht etwa der gewöhnlichste Journalist, so schreibt einer der gescheitesten Menschen der Gegenwart. Das ist gerade das Bedeutsame, daß so etwas einer der gescheitesten Menschen der Gegenwart schreibt.

[ 66 ] Und nun, was ist also eigentlich das Wirksame? Das Denken, das schwimmt so obenauf. Was ist das Wirksame? Das Blur.

[ 67 ] Einer, der vom geistigen Gesichtspunkte aus über das Blut redet, wissenschaftlich redet, der wird zunächst die Frage stellen, wie das Blut entsteht, wie das Blut mit der Nahrung zusammenhängt, die der Mensch aufnimmt. In den Gedärmen ist das Blut noch nicht vorhanden; das Blut wird erst im Menschen selber geschaffen. Das Herunterrinnen des Blutes durch die Geschlechter — nun, wenn irgendeine schlechte mystische Vorstellung gebildet werden kann, so ist es diese. Alles dasjenige, was jemals nebulose Mystiker, wenigstens einigermaßen, wenn auch verschwimmend, deutlich von innerem Seelenleben gesagt haben, ist nicht so schlechte Mystik gewesen als diese Spenglersche Mystik des Blutes. Es wird auf etwas hingewiesen, wo überhaupt jede Möglichkeit aufhört, nicht nur in dem Sinne, daß man nicht darüber denken kann — das würde ja bei Oswald Spengler nichts machen, weil man ja eigentlich nicht zu denken braucht, es ist ja eigentlich nur Lebensluxus —, das würde also nichts machen; aber man sollte, wenn man noch ein vernünftiger Mensch oder selbst nur ein vernünftiges höheres Tier sein will, aufhören zu reden von so etwas, woran man so wenig heran kann wie an das Blur.

[ 68 ] Von diesem Gesichtspunkte aus ist es dann allerdings möglich, eine Geschichtsbetrachtung zu inaugurieren mit dem folgenden Satze: «Alle großen Ereignisse der Geschichte werden durch solche Wesen kosmischer Art getragen, durch Völker, Parteien, Heere, Klassen, während die Geschichte des Geistes in losen Gemeinschaften und Kreisen, Schulen, Bildungsschichten, Richtungen, «-ismen> verläuft. Und hier ist es wieder eine Schicksalsfrage, ob solche Mengen in dem entscheidenden Augenblick ihrer höchsten Wirkungskraft einen Führer finden oder blind vorw.irts getrieben werden, ob die Führer des Zufalls Menschen von hohem Range oder gänzlich bedeutungslose Persönlichkeiten sind, die von der Woge der Ereignisse an die Spitze gehoben werden wie Pompejus oder Robespierre. Es kennzeichnet den Staatsmann, daß er all diese Massenseelen, die sich im Strome der Zeit bilden und auflösen, in ihrer Stärke und Dauer, Richtung und Absicht mit vollkommener Sicherheit durchschaut, aber trotzdem ist es auch hier eine Frage des Zufalls, ob er sie beherrschen kann oder von ihnen mitgerissen wird.»

[ 69 ] Damit inauguriert man dann eine Geschichtsbetrachtung, welche Sieger sein läßt über alles dasjenige, was durch den Geist in das geschichtliche Werden hineinkommt: das Blut!

[ 70 ] Nun: «Eine Macht läßt sich nur durch eine andere stürzen, nicht durch ein Prinzip, und es gibt dem Geld gegenüber keine andere» — als das Blut, meint er —. «Das Geld wird nur vom Blut überwältigt und aufgehoben. Das Leben ist das erste und letzte, das kosmische Dahinströmen in mikrokosmischer Form. Es ist die Tatsache innerhalb der Welt als Geschichte. Vor dem unwiderstehlichen Takt der Geschlechterfolgen schwindet zuletzt alles hin, was das Wachsein in seinen Geisteswelten aufgebaut hat. Es handelt sich in der Geschichte um das Leben und immer nur um das Leben, die Rasse, den Triumph des Willens zur Macht, und nicht um den Sieg von Wahrheiten, Erfindungen oder Geld. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht: Sie hat immer dem stärkeren, volleren, seiner selbstgewisseren Leben Recht gegeben, Recht nämlich auf das Dasein, gleichviel ob es vor dem Wachsein recht war, und sie hat immer die Wahrheit und Gerechtigkeit der Macht, der Rasse geopfert und die Menschen und Völker zum Tode verurteilt, denen die Wahrheit wichtiger war als Taten, und Gerechtigkeit wesentlicher als Macht. So schließt das Schauspiel einer hohen Kultur, diese ganze wundervolle Welt von Gottheiten, Künsten, Gedanken, Schlachten, Städten, wieder mit den Urtatsachen des ewigen Blutes, das mit den ewig kreisenden kosmischen Fluten ein und dasselbe ist. Das helle, gestaltenreiche Wachsein taucht wieder in den schweigenden Dienst des Daseins hinab, wie es die chinesische und römische Kaiserzeit lehren; die Zeit siegt über den Raum, und die Zeit ist es, deren unerbittlicher Gang den flüchtigen Zufall Kultur auf diesem Planeten in den Zufall Mensch einbettet, eine Form, in welcher der Zufall Leben eine Zeitlang dahinströmt, während in der Lichtwelt unserer Augen sich dahinter die strömenden Horizonte der Erdgeschichte und Sternengeschichte auftun.»

[ 71 ] «Für uns aber, die ein Schicksal in diese Kultur und diesen Augenblick ihres Werdens gestellt hat, in welchem das Geld seine letzten Siege feiert und sein Erbe, der Cäsarismus, leise und unaufhaltsam naht, ist damit in einem engumschriebenen Kreise die Richtung des Wollens und Müssens gegeben, ohne das es sich nicht zu leben lohnt.»

[ 72 ] So weist Oswald Spengler auf den kommenden Cäsarismus hin, auf dasjenige, was vor dem völligen Untergange der Kulturen des Abendlandes eben heraufziehen wird, und in das sich die heutige Kultur verwandeln wird.

[ 73 ] Ich habe vor Sie das heute hingestellt aus dem Grunde, weil ja der wache Mensch — Oswald Spengler kommt zwar nichts auf den wachen Menschen an! —, aber weil ja doch der wache Mensch, auch selbst wenn er Anthroposoph ist, etwas hinschauen soll auf dasjenige, was wirklich geschieht. Und so wollte ich von diesem Gesichtspunkte aus gerade auf ein Zeitproblem Sie hinweisen. Aber es wäre ein schlechter Abschluß, wenn ich Ihnen über dieses Zeitproblem nur dieses sagen würde. Daher werde ich, bevor wir eine längere Pause haben müssen, am nächsten Mittwoch noch einmal vor meiner Oxforder Reise einen Vortrag halten.