Das Geheimnis der Trinität
GA 214
9 August 1922, Dornach
Siebenter Vortrag
[ 1 ] Der Schriftsteller, von dem ich das letzte Mal hier gesprochen habe, sollte eigentlich gerade denen, die sich zur anthroposophischen Bewegung zählen, außerordentlich viel zu denken geben. Denn wir sehen in Oswald Spengler eine Persönlichkeit, welche außerordentlich viel von dem wissenschaftlich beherrscht, was heute beherrscht werden kann. Man kann geradezu sagen: Die verschiedenen Gedanken, welche im Laufe der letzten Jahrhunderte das Eigentum der zivilisierten Menschheit geworden sind, werden von Spengler durchaus beherrscht. Man kann ihn geradezu wie jemanden betrachten, der eine ganze Reihe von Wissenschaften oder wenigstens von Gedanken aus den Wissenschaften aufgenommen hat.
[ 2 ] Die Gedankenkombinationen, die er zustande bringt, sind zuweilen blendend. Er ist in höchstem Maße das, was man in Mitteleuropa — nicht in Frankreich, aber in Mitteleuropa — einen geistreichen Menschen nennen kann. Für westlich-französische Geistreichigkeit ist allerdings das, was Oswald Spengler an Gedanken bringt, zu schwer und zu dicht. Aber wie gesagt, im mitteleuropäischen Sinne kann er durchaus als ein geistreicher Denker gelten. Man kann ihn kaum irgendwie einen eleganten Denker im besten Sinne des Wortes nennen, denn die Einkleidung seiner Gedanken hat durchaus — trotz aller Geistreichigkeit — etwas arg Pedantisches. Und man kann sogar an den verschiedenen Stellen sehen, wie aus den Satzmaschen dieses geistreichen Mannes ein Philisterauge stark hervorlugt. Jedenfalls aber ist in den Gedanken selber etwas Grobes.
[ 3 ] Nun, das sind mehr, möchte ich sagen, ästhetische Betrachtungen der Gedanken. Das Wichtige ist aber dieses, daß da eine Persönlichkeit vor uns steht, die nun schon einmal Gedanken, und zwar Zeitgemäße Gedanken hat, die aber eigentlich von dem gesamten Denken nichts hält. Denn Oswald Spengler hält ja für das wirkliche Geschehen in der Welt nicht dasjenige, was aus dem Denken kommt, für maßgebend, sondern er hält die mehr instinktiven Lebensimpulse für das Maßgebende. So daß eigentlich bei ihm das Denken immer wie etwas Luxuriöses, möchte man sagen, über dem Leben schwebt, so daß bei ihm die Denker solche Leute sind, die über das Leben nachsinnen; aber aus dem, was in ihrem Ersonnenen ist, kann ins Leben nichts einfließen. — Das Leben ist eben schon da, wenn die Denker kommen, um ihre Gedanken über das Leben zu haben.
[ 4 ] Und es ist dabei durchaus so, daß man sagen muß: In dem weltgeschichtlichen Augenblicke, in dem einmal ein Denker die besondere Form der Gedanken der Gegenwart mit einiger Universalität beherrscht, in diesem selben Augenblicke empfindet dieser Denker eigentlich die Gedanken als steril, als unfruchtbar. Er wendet sich an etwas anderes als an diese unfruchtbaren Gedanken; er wendet sich an dasjenige, was im instinktiven Leben sprudelt, und er sieht von dem Gesichtspunkte aus, der sich ihm auf diese Weise ergibt, nun die gegenwärtige Zivilisation.
[ 5 ] Er sieht sie eigentlich so, daß er sagt: Was diese gegenwärtige Zivilisation hervorgebracht hat, ist überall auf dem Wege, unterzugehen. Man könne nur hoffen, daß einmal wiederum aus dem, was Spengler «das Blut» nennt, etwas Instinktives herauftaucht, das alles dasjenige, was gegenwärtige Zivilisation ist, nicht mitmacht, sogar kurz und klein schlägt und eine ausgebreitete, nur aus dem Instinktiven hervorgehende Macht an die Stelle setzt.
[ 6 ] Oswald Spengler sieht, wie die Menschen der neueren Zivilisation allmählich zu Sklaven des maschinellen Lebens geworden sind. Er sieht aber nicht, wie innerhalb dieses Maschinenlebens, der Technik überhaupt, weil sie im Grunde genommen dem Geistigen gegenüber leer ist, gerade durch Reaktion das Erlebnis der menschlichen Freiheit kommen kann. Von dem hat er keine Ahnung. Und warum hat er von dem keine Ahnung?
[ 7 ] Ja, sehen Sie, ich habe das letzte Mal, ich möchte sagen, mehr spaßhaft darauf hingedeutet, daß ja Spengler sagt: Der Staatsmann, der Praktiker, der Kaufmann und so weiter, sie alle handeln aus anderen Impulsen heraus als aus demjenigen, was im Denken erobert werden kann. — Spaßhaft sagte ich: Oswald Spengler scheint niemals beachtet zu haben, daß es auch Beichtväter gibt und ähnliche Beziehungen. — Oswald Spengler hat auch nicht im ordentlichen Sinne etwas anderes beobachtet, von dem das Verhältnis zum Beichtvater nur eine weltgeschichtlich dekadente Seitensache darstellt.
[ 8 ] Wenn wir zurückgehen in der Menschheitsentwickelung, finden wir überall, wie die sogenannten Tatmenschen, diejenigen Menschen, die äußerlich in der Welt etwas zu tun haben, wie diese sich wenden, sei es in späteren Zeiten an die Orakel, sei es in früheren Zeiten an das, was innerhalb der Mysterien als die Ratschlüsse der geistigen Welt erkannt werden kann. Man braucht nur die ältere ägyptische Kultur ins Auge zu fassen, wie da diejenigen, die in den Mysterien die Ratschlüsse der geistigen Welt erkundeten, übertrugen das, was sie auf geistige Art fanden, auf diejenigen, die nun 'Tatmenschen werden wollten und sollten. So daß gerade dann, wenn man zurückgeht in der Menschheitsentwickelung, man darauf kommt, wie aus der geistigen Welt heraus — nicht aus dem Blute, denn diese ganze Theorie des Blutes ist ja so mystisch-nebulos wie nur irgend etwas —, wie also nicht aus einem dunklen Untergrunde des Blutes heraus, sondern wie aus dem Geiste heraus geschöpft wurden die Impulse, die dann in die irdischen Taten eingingen.
[ 9 ] In gewissem Sinne waren dann die sogenannten Tatmenschen eben die Werkzeuge für die großen geistigen Schöpfungen, deren Richtungen man erkannte innerhalb der geistigen Forschung der Mysterien. Und ich möchte sagen, Nachklänge der Mysterien, die sehen wir ja überall in der griechischen Geschichte, in der römischen Geschichte spielen; wir sehen sie aber auch durchaus noch spielen die erste Zeit des Mittelalters hindurch.
[ 10 ] Ich habe Sie aufmerksarn gemacht, wie man zum Beispiel die Lohengrin-Sage doch nur versteht, wenn man sie zurückzuverfolgen weiß von der äußeren physischen Welt in die Gralsburg des früheren oder eigentlich mittleren Mittelalters hinein.
[ 11 ] Es ist also eine vollständige Verkennung des wirklichen Ganges der Menschheitsentwickelung, wenn Oswald Spengler glaubt, daß irgendwie aus dem Blute herauswachsen die weltgeschichtlichen Ereignisse, und daß dabei dasjenige, was in den Menschen doch hereinkommt durch den Gedanken, eben nichts zu tun habe.
[ 12 ] Wenn wir in die älteren Zeiten zurückgehen, so finden wir ja, daß die Menschen in einem hohen Grade abhängig sind von der Erforschung der geistigen Welt, wenn sie etwas tun wollen. Es müssen dann, wenn man das so ausdrücken darf, die Absichten der Götter erforscht werden. Und dieses Abhängigkeitsverhältnis der Menschen zu den Göttern, auf das wir hinschauen, das machte für ältere Zeiten die Menschen unfrei. Die Gedanken der Menschen waren durchaus darauf gerichtet, daß sie gewissermaßen wie Gefäße behandelt wurden, in welche die Götter ihre Substanzen, die geistigen Substanzen hineingossen, unter deren Einflüssen die Menschen handelten.
[ 13 ] Damit die Menschen frei werden konnten, mußte dieses Hineingießen der Substanzen in die menschlichen Gedanken von seiten der Götter aufhören. Die menschlichen Gedanken wurden dadurch immer mehr und mehr zu Bildern. Die älteren Gedanken der Menschheit waren viel, viel mehr Realitäten. Und was Oswald Spengler dem Blute zuschreibt, sind eben die Realitäten, die in den Gedanken der älteren Menschheit steckten, jene Substanzen, die noch das Mittelalter hindurch eben durch die Menschen wirkten.
[ 14 ] Dann kam die neuere Zeit herauf. Die Gedanken der Menschen verloren ihren göttlichen, ihren substantiellen Inhalt. Die Gedanken der Menschen wurden bloß abstrakte Gedankenbilder. Aber nur diese sind nicht drängend und zwängend. Nur durch ein Leben in solchen Gedankenbildern kann der Mensch frei werden.
[ 15 ] Nun hat der Mensch durch die neueren Jahrhunderte hindurch, bis ins 20. Jahrhundert herein, in sich selber kaum etwas anderes gefunden als die organische Anlage dazu, solche Gedankenbilder auszugestalten. Es war das die Erziehung der Menschheit zur Freiheit. Der Mensch hatte keine, wie es in der alten Zeit noch der Fall war, atavistischen Imaginationen oder Inspirationen. Er hatte nur Gedankenbilder. In diesen Gedankenbildern konnte er immer mehr und mehr frei werden, weil Bilder nicht zwingen können. Hat man in Bildern die sittlichen Impulse, so sind diese sittlichen Impulse nicht mehr zwingend, wie sie waren, als sie in der alten Gedankensubstanz lagen. Sie wirkten: damals eben wie Naturkräfte auf den Menschen. Die neueren Gedankenbilder wirken nicht mehr wie Naturkräfte. Man mußte sie daher, damit sie überhaupt einen Inhalt haben, entweder anfüllen auf der einen Seite mit demjenigen, was die Naturerkenntnis durch die bloße sinnliche Beobachtung weiß. Daher bekam man eine sinnliche Beobachtungswissenschaft, welche die Gedanken von außen anfüllte; von innen wollten sie sich aber immer weniger und weniger mit etwas anfüllen. So daß die Menschen da greifen mußten, wenn sie überhaupt noch angefüllte Gedanken haben wollten, zu den alten Traditionen, wie es entweder der Fall war in den traditionell gewordenen Religionsbekenntnissen, oder in den traditionell gewordenen, verschieden gearteten Geheimgesellschaften, wie sie ja über die ganze Erde hin blühten. Die große Masse der Menschen wurde zusammengefaßt in den verschiedensten Religionsbekenntnissen, wo man vor diesen Menschen etwas vorbrachte, dessen Inhalt aus älteren Zeiten stammte, wo noch den Gedanken ein Inhalt eben gegeben worden war. Oder aber man entfaltete — kultushaft oder auch anders — in Geheimgesellschaften wiederum dasjenige, was mehr oder weniger aus alten Zeiten durch Tradition stammte. Man füllte von außen die Gedanken mit sinnlichem Beobachtungsinhalt an. Man füllte sie von innen an mit den alten, dogmatisch traditionell gewordenen Impulsen.
[ 16 ] Das mußte auch vom 16. Jahrhundert bis herauf ins letzte Drittel des 19. Jahrhunderts durchaus geschehen, denn da wirkte im menschlichen Zusammenarbeiten über die ganze zivilisierte Welt hin noch dasjenige geistige Prinzip, das man, wenn man einen alten Namen verwenden will, das Prinzip des Erzengels Gabriel nennen kann; desjenigen Wesens also — es ist nur eine Terminologie, ich will auf eine geistige Macht hindeuten —, das, allerdings in der modernen Zivilisation unbewußt, in die Menschenseelen hineinwirkte. Die Menschen hatten innerlich selbst keinen Inhalt. Sie nahmen nur einen traditionellen Inhalt für ihr geistig-seelisches Leben auf. Aber das bewirkte, daß die Menschen gar nicht hätten fühlen können dieses Dabeisein bei diesem geistigen Inhalte.
[ 17 ] Der erste, der dieses Nichtdabeisein bei dem geistigen Inhalte fühlte, aber es nicht dazu bringen konnte, eine neue Geistigkeit zu erleben, war eigentlich Friedrich Nietzsche. Daher ging im Grunde genommen für den geistig-seelischen Inhalt ihm jeder Impuls verloren. Und er suchte dann nach möglichst unbestimmten Impulsen, nach Machtimpulsen und dergleichen.
[ 18 ] Die Menschen brauchen nämlich nicht bloß einen geistigen Inhalt, den sie nun in abstrakte Gedanken fassen, sondern sie brauchen die innerliche Durchwärmung, die bei diesem geistigen Inhalte eintreten kann. Diese innerliche Durchwärmung ist etwas außerordentlich Wichtiges.
[ 19 ] Diese innerliche Durchwärmung wurde für die große Masse eben durch die verschiedenen Kultus- und ähnlichen Handlungen, die innerhalb der Bekenntnisse ausgeübt wurden, bewirkt. In den Freimaurergemeinschaften oder anderen Geheimgesellschaften der neueren Zeit wurde denn auch diese Wärme in die Seelen hineinergossen.
[ 20 ] Das war in dieser Gabriel-Zeit aus dem Grunde möglich, weil eigentlich überall auf der Erde die elementarischen Wesen, die noch aus dem Mittelalter geblieben waren, vorhanden waren. Nur war es, je mehr das 19. Jahrhundert heraufkam, und schon ganz im 20. Jahrhundert, diesen elementarischen Wesen, die in allen Naturerscheinungen drinnen waren, immer unmöglicher geworden, gewissermaßen im sozialen menschlichen Leben Parasiten zu sein. Es war da vieles, was im Unbewußten dem entgegenwirkte, gerade in der neuesten Zeit.
[ 21 ] Sehen Sie, wenn da in solchen Geheimgesellschaften nach alter Tradition — es ist ja unglaublich, wie «alt» und «geheiligt» alle diese Kulte der Geheimgesellschaften sein sollen —, wenn da im Sinne alter Tradition Kulte veranstaltet wurden, oder Lehren gegeben wurden, wenn man da dasjenige entwickelte, was so heraufgetragen war als ein nicht mehr verstandener Nachklang der alten Mysterien, so war das gewissen elementarischen Wesen gerade recht. Denn indem die Menschen allerlei verrichteten, sagen wir, indem sie vor irgendeiner Messe saßen, die zelebriert wurde, und nichts mehr davon verstanden, so hatten die Menschen ja etwas ungeheuer Weisheitsvolles vor sich: sie waren dabei, verstanden zwar nichts, aber ihr Verstehen wäre möglich gewesen. Da kamen dann diese Elementarwesen, und wenn die Menschen nicht dachten über eine Messe, da dachten diese Elementarwesen dann mit dem menschlichen Verstand, den die Menschen nicht anwendeten. Die Menschen hatten immer mehr und mehr den freien Verstand ausgebildet, aber sie brauchten ihn nicht. Sie setzten sich lieber hin und ließen sich durch Tradition etwas vormachen. Sie dachten nicht, die Menschen. Es ist ja heute noch immer so, obwohl heute durchaus die Verhältnisse ganz anders werden, daß die gegenwärtigen Menschen ungeheuer viel denken könnten, wenn sie sich ihres Verstandes bedienen wollten. Aber sie mögen es nicht, sie tun es nicht, sie sind einem scharfen Denken abgeneigt. Sie sagen gern: Ah, da muß man sich anstrengen, das ist abstrakt, das ist etwas, wo man innerlich arbeiten muß!
[ 22 ] Wenn die Menschen das Denken liebten, würden sie nicht so gerne sich heute in alle möglichen Kinovorstellungen und dergleichen hineinbegeben, denn dabei kann man nicht und braucht man nicht zu denken, da rollt alles ab. Das ganz kleine Bisselchen, das man noch denken sollte, das wird auf große Tafeln aufgeschrieben und kann abgelesen werden. Das ist so, daß sich langsam und allmählich im Laufe der neueren Zeit diese Nichtsympathie mit dem innerlich aktiven Denken herausgebildet hat. Die Menschen haben sich fast ganz das Denken abgewöhnt. Wenn irgendwo ein Vortrag gehalten wird, der keine Lichtbilder hat und wo man etwas denken sollte, da ziehen es doch die Leute mehr oder weniger vor, ein wenig zu schlafen. Sie gehen ja vielleicht noch hin, aber sie schlafen, weil das aktive Denken eben nicht dasjenige ist, das heute sich einer außerordentlichen Beliebtheit erfreut.
[ 23 ] Und gerade diesem Nichtdenkenwollen durch Jahrhunderte hindurch, paßte sich eben an das Mannigfaltigste, was in diesen oder jenen Geheimgesellschaften geübt wurde. Und solche Elementarwesen, die noch da waren, die noch mit dem Menschen verkehrten in der ersten Hälfte des Mittelalters, wo man sogar noch Laboratoriumsversuche anstellte, alchimistische Versuche, bei denen in ganz bewußter Weise die Menschen daran dachten, wie da geistige Wesen mitwirkten, diese geistigen Wesen waren dageblieben, überall waren sie da.
[ 24 ] Und warum sollten sie nicht die gute Gelegenheit benutzen! Die Menschen bekamen allmählich in der neuesten Zivilisation ein Gehirn, das gut denken konnte, aber nicht denken wollte. So kamen diese Elementarwesen heran, und sie dachten sich: Wenn die Menschen selber ihr Gehirn nicht benutzen, können wir es benutzen. Und in denjenigen Geheimgesellschaften, die nur Traditionelles liebten, immer nur Altes und Altes an die Oberfläche brachten, da war es so, daß diese Elementarwesen herankamen und die menschlichen Gehirne zum Denken benutzten. So ist außerordentlich viel an Gehirnsubstanz seit dem 16. Jahrhundert benutzt worden von Elementarwesen.
[ 25 ] Es ist ja ohne Zutun der Menschen in der Menschheitsentwickelung viel hereingekommen, auch an guten Einfällen, namentlich an guten Einfällen, die sich bezogen haben auf das menschliche Zusammenleben.
[ 26 ] Wenn Sie bei Menschen nachsehen, welche in dieser Zeit ein bißchen sich über die Zivilisation aufklären wollten, so werden Sie finden, für diese Menschen wurde das eine große Frage: Ja, was wirkt denn da eigentlich von Mensch zu Mensch? Die Menschen sollten ja denken, aber sie denken nicht. Was wirkt denn da von Mensch zu Mensch?
[ 27 ] Das war zum Beispiel eine große Frage für Goethe. Und aus dieser Stimmung heraus hat er seinen «Wilhelm Meister» geschrieben. Da werden Sie überall hingeführt auf allerlei dunkle Gesellschaftszusammenhänge, die dem Menschen unbewußt bleiben, die da aber walten, die von dem einen oder anderen halb bewußt aufgefangen, weitergetragen werden. Es werden allerlei Fäden gewoben. Goethe versucht, solche Fäden zu finden. Nach solchen Fäden suchte er. Und insofern er sie finden konnte, hat er sie gerade zur Darstellung bringen wollen in der Romankomposition seines «Wilhelm Meister».
[ 28 ] Aber das war etwas, was dann im ganzen 19. Jahrhundert in Mitteleuropa spielte. Wenn heute irgendwie die Menschen noch eine Neigung hätten, länger bei einem Buche zu verweilen als zwischen zwei Mahlzeiten — nun, das ist figürlich gesprochen, denn die meisten, die schlafen ein zwischen zwei Mahlzeiten, wenn sie ein Drittel gelesen haben; dann lesen sie das nächste Drittel zwischen den zwei nächsten Mahlzeiten, und das übernächste Drittel zwischen den übernächsten zwei Mahlzeiten, und dadurch, nicht wahr, verzettelt sich das ein wenig — aber es wäre den Menschen doch gut, wenn selbst diejenigen Romane und Novellen, die man zwischen zwei Mahlzeiten oder zwischen zwei Bahnstationen lesen kann, sie zum Nachdenken anregten. Man kann das der heutigen Zeit ja nicht zumuten, aber wenn Sie nachsehen würden, wie zum Beispiel Gutzkow in seinem Buch «Der Zauberer von Rom» und in seinem «Die Ritter vom Geiste» solche Zusammenhänge gesucht hat, wenn Sie die außerordentlich sozialen Verkettungen nehmen, wie sie George Sand in ihren Romanen gesucht hat, so werden Sie überall bemerken können, wie im 19. Jahrhundert solche Fäden spielen, die von unbestimmten Mächten herkommen und in das Unbewußte hineinspielen; daß die Autoren diese verfolgen, und daß sie, wie zum Beispiel George Sand, darin in der verschiedensten Weise durchaus auf der richtigen Spur dabei sind.
[ 29 ] Aber im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde das allmählich so, daß nun erstens diese elementarischen Wesen, die mit dem menschlichen Gehirn dachten und dann, indem sie sich der menschlichen Gemüter bemächtigten und die sozialen Zusammenhänge im 19. Jahrhundert bewirkten, diese Fäden eigentlich spannen, daß diese Wesen nun endlich genug hatten. Sie hatten ihre welthistorische Aufgabe, man möchte besser sagen, ihr welthistorisches Bedürfnis befriedigt. Und namentlich kam da etwas anderes, was sie hinderte, diese Art Parasitentätigkeit fortzusetzen. Diese ging sogar außerordentlich gut so gegen das Ende des 18. Jahrhunderts, dann vorzüglich im 19. Jahrhundert; aber immer weniger und weniger kamen dann diese elementarischen Wesen zu ihrem eigentlichen Rechte. Und zwar aus dem Grunde, weil immer mehr und mehr Seelen herunterstiegen von der geistigen Welt auf den physischen Plan mit großen Erwartungen in bezug auf das Erdenleben.
[ 30 ] Nicht wahr, wenn die Menschen, nachdem sie kleine Kinder gewesen sind und geschrieen und gezappelt haben, in der neueren Zeit nun eben notdürftig erzogen worden sind, dann sind sie sich allerdings nicht bewußt geworden, daß sie mit außerordentlich großen Erwartungen ausgerüstet waren, bevor sie heruntergestiegen sind. Aber das hat doch in den Emotionen, in der ganzen Seelenverfassung weitergelebt und lebt auch noch heute weiter. Eigentlich steigen die Menschenseelen mit außerordentlich starken Erwartungen in die physische Welt herunter. Und daher kommen ja auch die Enttäuschungen, die das Unbewußte in der Seele der Kinder schon seit längerer Zeit erlebt, weil diese Erwartungen nun doch nicht befriedigt werden.
[ 31 ] Auserlesene Geister, die besonders kräftige Erwartungsimpulse hatten, ehe sie herunterstiegen auf den physischen Plan, das waren zum Beispiel diejenigen, die dann diesen physischen Plan sich betrachtet und gesehen haben, daß diese Erwartungen da nicht befriedigt werden, und so haben sie Utopien geschrieben, wie es sein sollte, wie man es machen könnte.
[ 32 ] Und es wäre außerordentlich interessant zu studieren, wie eigentlich, mit Bezug auf das Hereintreten durch die Geburt ins physische Dasein, die Seelen der großen Utopisten, und auch der kleineren und der mehr oder weniger Querköpfigen, die da allerlei ausgedacht haben, was nicht einmal eine Utopie genannt werden kann, aber außerordentlich viel guten Willen verrät, den Menschen auf Erden ein Paradies zu gestalten, wie diese Seelen, die da herunterstiegen aus den geistigen Welten, eigentlich beschaffen waren mit Rücksicht auf ihren Eintritt auf den physischen Erdenplan.
[ 33 ] Dieses erwartungsvolle Heruntersteigen, das macht aber den Wesen, die nun das Gehirn solcher erwartungsvollen Menschen benützen sollen, Pein. Da gedeiht ihnen dann das Benützen des Gehirns nicht, wenn die Menschen mit solchen Erwartungen herunterkommen. Bis ins 18. Jahrhundert sind die Menschen noch mit viel geringeren Erwartungen heruntergestiegen. Da ging es gut mit der Benutzung des Gehirns von seiten anderer, nicht menschlicher Wesenheiten. Aber gerade als das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts kam, da wurde es den Wesenheiten, die nun dieses menschliche Gehirn benutzen sollten, außerordentlich heiß bei den Menschen, die mit den Erwartungen heruntergekommen sind. Diese Erwartungen, die führten zu unterbewußten Emotionen, und das verspürten dann diese geistigen Wesen, wenn sie die menschlichen Gehirne benutzen wollten. Daher tun sie es eben nicht mehr. Und es ist nun so, daß im weitesten Umfang sich immer mehr und mehr eine gewisse Stimmung verbreitet unter der modernen Zivilisationsmenschheit, das ist diese, daß die Menschen Gedanken haben, aber diese Gedanken unterdrücken. Das Gehirn ist allmählich ruiniert worden, insbesondere bei den höheren Ständen, durch Unterdrücken der Gedanken. Andere, nicht menschliche Wesen, die sich dieser Gedanken bemächtigten, die kommen nicht mehr.
[ 34 ] Und jetzt, jetzt haben zwar die Menschen Gedanken, aber sie wissen nichts damit anzufangen. Und der bedeutendste Repräsentant dieser Art von Menschen, die mit ihren Gedanken nichts anzufangen wissen, das ist Oswald Spengler. Er unterscheidet sich von den anderen dadurch, daß die anderen — ja, wie soll man das im Grunde genommen ausdrücken, um nicht gar zu stark Anstoß zu erregen, wenn, wie es Ja doch immer geschieht, diese Dinge dann wiederum draußen erzählt werden —, da muß man vielleicht sagen: Also die anderen, die vernegligieren schon ganz ihr Gehirn in den früheren Lebensjahren, so daß dieses Gehirn dann geeignet ist, die Gedanken in sich verschwinden zu lassen; Spengler unterscheidet sich wohl dadurch von den anderen, daß er das Gehirn frischer erhalten hat, so daß es nicht so öde ist, daß er nicht immer nur in sich versinkt, nicht immer nur sich mit sich selbst beschäftigt.
[ 35 ] Nicht wahr, es ist ja ein großer Teil der Menschheit heute innerlich — wenn ich mich eines mitteleuropäischen Ausdruckes bedienen möchte, den vielleicht viele nicht verstehen — versulzt. Sulze das ist etwas, das man beim Schweineschlachten aus den verschiedenen Ergebnissen des Schweineschlachtens, die zu nichts anderem zu gebrauchen sind, macht, und auch mit den geleeartigen Bestandteilen vermischt, die nicht zu anderem zu gebrauchen sind, was nicht einmal zum Wurstmachen gebraucht werden kann, das verwendet man dann zur Sulze, nicht wahr. Und ich möchte sagen: Unter den mannigfachen verwirrenden Einflüssen der Erziehung wird nun das Gehirn bei den meisten Menschen so versulzt. Sie können ja nichts dafür, die Menschen. Man redet ja da durchaus nicht im anklagenden Sinne, sondern vielleicht eher sogar in einem entschuldigenden Sinne, und in dem Sinne, daß man sehr viel Mitleid hat mit den versulzten Gehirnen.
[ 36 ] Also ich meine, wenn die Menschen dann so sind, daß sie nur den einen Gedanken haben: sie wissen nicht, was sie mit sich anfangen sollen, sie sind wie in sich selber zusammengematscht, zusammengedrückt und zusammengesulzt, nicht wahr, dann können diese Gedanken sich so hübsch in diese Gehirnunterwelten und von diesen Gehirnunterwelten dann weiter in die unteren Regionen der menschlichen Organisation versenken und so weiter.
[ 37 ] Aber das ist nun bei solchen Menschen wie Oswald Spengler wiederum nicht der Fall. Die können die Gedanken ausbilden. Und dadurch ist Spengler ein geistreicher Mann, er hat die Gedanken. Aber diese Gedanken, die der Mensch haben kann, die werden erst etwas, wenn sie einen geistigen Inhalt bekommen. Dazu braucht man einen geistigen Inhalt. Man braucht den Inhalt, den Anthroposophie geben will; sonst hat man Gedanken, aber man weiß nichts damit anzufangen. Es ist mit den Spenglerschen Gedanken wirklich so — ja, fast möchte ich sagen, ein unmögliches Bild kommt einem — wie bei einem Mann, der gelegentlich einer zukünftigen Verheiratung mit einer Dame sich alle möglichen wunderschönen Gewänder, nicht für sich, sondern für die Dame angeschafft hat, und nun entläuft sie ihm vor der Verheiratung, und er hat nun alle diese Gewänder, aber er hat niemanden, der sie anziehen soll!
[ 38 ] Und so sehen Sie: Was an wunderschönen Gedanken da ist; sie sind ja alle nach dem modernsten wissenschaftlichen Kleiderschnitt zugeschnitten, diese Spenglerschen Gedanken, aber es fehlt die Dame, welche die Kleider anziehen sollte. Der alte Capella, der hatte doch wenigstens noch, wie ich vor einigen Wochen sagte, die etwas dürr gewordene Rhetorik, Grammatik und Dialektik. Nicht wahr, die waren dann nicht mehr so üppig wie die Musen des Homer oder die Musen des Pindar, aber es waren immerhin noch die ganzen sieben freien Künste, die dann das Mittelalter hindurch figurierten; man hatte noch jemanden, dem man die Kleider anziehen konnte.
[ 39 ] Aber nun ist die Zeit herangekommen — ich möchte das, was da heraufgekommen ist, schon weil es etwas Bedeutendes ist, den «Spenglerismmus» nennen —, die Zeit, in der sozusagen Kleider zustande gekommen sind, aber nun fehlen wirklich alle die Wesen, denen man diese wunderschönen Gedankenkleider anziehen soll, und so, nicht wahr, ist die Dame nicht da! Die Muse kommt nicht, die Kleider sind da. Und so erklärt man eben, man könne nichts anfangen mit der ganzen Kleiderstube der modernen Gedanken. Das Denken ist gar nicht dazu da, daß es ins Leben irgendwie eingreifen soll.
[ 40 ] Es fehlt eben nur das Substantielle, dasjenige, was aus der geistigen Welt kommen sollte. Das fehlt eben. Und so erklärt man: Ach was, das ist doch alles Unsinn, diese Kleider sind doch nur da, daß sie angeschaut werden. Hängen wir sie also lieber auf Kleiderständer und warten wir ab, wie aus der mystischen Unbestimmtheit heraus nun eine dralle Bauerndirne kommt — die nun wiederum keine schönen Kleider braucht, die wird aus dem Ursprünglichen heraus eben dasjenige sein, was man erwarten kann.
[ 41 ] So geht es nun dem Spenglerismus: Er erwartet aus dem Unbestimmten, Undefinierten, Undifferenzierten Impulse, die keine Gedankenkleider brauchen, und die ganzen Gedankenkleider, die hängt er auf Holzständern auf, daß sie da sind zum Anschauen höchstens; denn wenn sie auch nicht einmal zum Anschauen wären, so könnte man nicht begreifen, warum Oswald Spengler schon zwei so dicke Bücher schreibt, die ja ganz unnötig sind. Denn, was soll man anfangen mit zwei dicken Büchern, nicht wahr, wenn das Denken nicht mehr sein soll? Spengler gibt nur keinen Anlaß dazu, sentimental zu werden, sonst würde man manches drollig finden. Da muß der Cäsar kommen! Aber der moderne Cäsar ist derjenige, der nun möglichst viel Geld geschafft hat und alle möglichen Ingenieure, die aus dem Geiste heraus die Sklaven der Technik geworden sind, zusammenfaßt — und nun auf dem blutgetragenen Geld oder auf dem geldgetragenen Blut, den modernen Cäsarismus begründet. Das Denken, das hat dabei gar keine Bedeutung, das Denken sitzt so hinten und beschäftigt sich mit allerlei Gedanken.
[ 42 ] Aber nicht wahr, nun schreibt der gute Mann zwei dicke Bücher, in denen ja ganz schöne Gedanken drinnen sind. Doch die sind ja absolut unnötig. Man kann nach dieser Sache gar nichts damit anfangen. Es wäre ja viel vernünftiger, wenn er dieses sämtliche Papier dafür verwendet hätte, um, sagen wir, auszudenken ein Rezept, nach dem die günstigsten Blutmischungen zustande kommen könnten in der Welt, oder dergleichen. Das wäre ja das, was man nach seiner Ansicht tun sollte.
[ 43 ] Es stimmt gar nicht, was man tun sollte, mit dem, was er in seinen Büchern vertritt, überein. Die Bücher sind so, wenn man sie liest, daß man das Gefühl hat: Nun, der Mann, der weiß etwas zu sagen, weiß, wie der Untergang des Abendlandes ist, denn er hat diese ganze Untergangsstimmung rein aufgefressen; er ist ganz selber erfüllt davon. Man könnte ja, wenn man den Untergang des Abendlandes beschleunigen wollte, nichts Besseres tun, als den Oswald Spengler zum Oberhauptmann, ja, zu dem Anführer zu machen für diesen Untergang. Denn er versteht das alles, er selber ist durchaus innerlich geistig von diesem Kaliber. Und so ist er außerordentlich repräsentativ für seine Zeit. Er findet, daß diese ganze moderne Zivilisation zugrunde geht. Nun ja, wenn es alle so machen wie er, so geht sie sicher zugrunde. Also muß es auch wahr sein, was er schreibt. Ich finde eben, es hat eine ungeheure innere Wahrheit.
[ 44 ] So stehen die Sachen. Und es müßte eigentlich derjenige, der auf dem Boden der Anthroposophie steht, aufhorchen gerade auf einen solchen Geist wie Oswald Spengler. Denn das Ernstnehmen des Geistigen, das Ernstnehmen des spirituellen Lebens, das ist ja gerade dasjenige, was Anthroposophie will. Es kommt in der Anthroposophie wahrhaftig nicht darauf an, ob diese oder jene Dogmen genommen werden, sondern es kommt darauf an, daß dieses geistige Leben, dieses substantielle geistige Leben wirklich ernst, ganz ernst genommen werde, und daß das den Menschen aufweckt.
[ 45 ] Es ist sehr interessant, sehen Sie, Oswald Spengler sagt: Beim Denken, da ist der Mensch wach — das kann er nun nicht leugnen —, aber das eigentlich Wirksame, das kommt aus dem Schlaf, und das ist in den Pflanzen enthalten und in dem Pflanzlichen im Menschen enthalten. Was da im Menschen als Pflanzliches drinnen ist, das bringt er eigentlich lebendig hervor: das Schlafen, das ist das Lebendige. Das Wachen, das bringt die Gedanken hervor; aber mit dem Wachsein sind nur innere Spannungen gegeben.
[ 46 ] Ja, so ist es wirklich dahin gekommen, daß einer der geistreichsten Menschen der Gegenwart so etwa andeutet: Was ich tue, das muß in mir gepflanzt werden, während ich schlafe, und aufwachen brauche ich ja eigentlich gar nicht. Das ist ein Luxus, daß ich aufwache, das ist ein völliger Luxus. Ich müßte eigentlich nur herumgehen und dasjenige, was mir im Schlafe einfällt, eben auch schlafend verrichten. Traumwandeln müßte ich eigentlich. Es ist Luxus, daß, während ich da herumgehe traumwandelnd, da noch ein Kopf oben sitzt, der sich fortwährend in diesen Luxus einläßt, über das ganze Ding zu denken. Wozu das? Wozu wach sein?
[ 47 ] Aber es ist das eine Stimmung. Und Spengler, der bringt im Grunde genommen recht scharf diese Stimmung zum Ausdruck: Der moderne Mensch liebt nicht dieses Wachsein! Ja, es kommen da allerlei solche Bilder! Man möchte sagen: Wenn im Beginne der Anthroposophischen Gesellschaft so vor Jahren ein Vortrag gehalten wurde, da gab es immer in den vorderen Reihen Leute, welche sogar äußerlich das Schlafen so ein bißchen markierten, damit richtige Teilnahme da auch sichtbar würde im Auditorium, richtig hingegebene Teilnehmer sichtbar würden. Das Schlafen, das ist schon etwas, was außerordentlich beliebt ist, nicht wahr. Nun, die meisten machen das aber still ab; bei den Gelegenheiten, die ich erwähnt habe, waren in dieser Beziehung die Leute artig. Wenn nicht gerade eigentümliche Töne des Schnarchens erklingen, sind die Leute dann artig, nicht wahr, also wenigstens ruhig. Aber der Spengler, der ist ein merkwürdiger Mensch: der poltert über dasjenige, worüber die anderen ruhig sind. Die anderen, die schlafen; der Spengler aber sagt: Man muß schlafen, man darf gar nicht wach sein. — Und sein ganzes Wissen, das benützt er nun dazu, eine ganz adäquate Rede für das Schlafen zu halten. Und so ist dasjenige, wozu es also gekommen ist, das: daß ein außerordentlich geistreicher Mensch der Gegenwart eigentlich eine adäquate Rede für das Schlafen hält!
[ 48 ] Aber das ist etwas, wo man aufpassen muß. Man braucht nicht zu poltern, wie der Spengler, aber man sollte sich dieses anschauen und dann darauf kommen, wie es notwendig ist, daß das Wachen verstanden werde, dieses immer mehr und mehr Aufwachen, was gerade durch so etwas, wie die spirituellen Impulse der Anthroposophie, gegeben werden soll.
[ 49 ] Es ist notwendig — immer wieder und wiederum muß es betont werden —, daß das Wachen, das wirkliche, innerlichste seelische Wachen allmählich geliebt werde. Deshalb wird eigentlich dieses Dornach als so unsympathisch empfunden, weil es zum Wachen anregen will, nicht zum Schlafen, und weil es das Wachen ganz ernst nehmen möchte, wirklich in alles Wachheit hineingießen möchte, Wachheit in die Kunst, Wachheit in das soziale Leben, Wachheit vor allen Dingen in das Erkenntnisleben, Wachheit in die ganze Lebenspraxis, in alles dasjenige, dem überhaupt das menschliche Leben zugeneigt ist.
[ 50 ] Und, sehen Sie, es ist ja schon wirklich notwendig, daß ab und zu auf solche Dinge aufmerksam gemacht wird. Denn wenigstens in solchen Momenten, wie diesem jetzt, in dem wir wiederum zusammen sind, um auf eine kleine Weile diese Vorträge zu unterbrechen bis zur Zurückkunft von dem Oxforder Kursus, bei solchen Gelegenheiten muß schon, wie so oft, hingewiesen werden darauf, daß gerade unter uns eine gewisse Neigung für dieses Wachsein Platz greifen muß, ein Aufnehmen desjenigen, was in der Anthroposophie da ist, um es nach dem Wachsein des Menschen hin zu orientieren. Denn das brauchen wir auf allen unseren Gebieten: wirkliches Wachsein.
[ 51 ] Und Wachsein ist nicht ohne Emsigkeit und Fleiß zu erreichen. Wenn nicht ein Interesse für dieses Wachsein, das Anthroposophie eigentlich will, Platz greift, so werden wir vielleicht noch weitere Kongresse veranstalten, ja, vielleicht sehr schön weiter nachtwandeln, aber wir werden nicht eigentlich aufwachen, sondern wir werden mit den anderen schlafenden Menschen der gegenwärtigen Zivilisation weiterschlafen. Und wir werden nicht einmal solche bedeutungsvolle Symptome, die auftreten, im richtigen Sinne fassen wie diesen Polterer für den Schlafzustand in der menschlichen Entwickelung, diesen Oswald Spengler, denn er ist der Polterer für das Schlafen. Er ist derjenige, der eigentlich immer ableugnet, daß er selber wacht, aber er schreit so für dieses Schlafen. Es ist ein so unruhiger Schlaf. Er wälzt sich so furchtbar herum und macht solchen Spektakel aus dem Schlafe. Er redet immer aus dem Schlafe, und sehr schön sogar, aber es ist doch nicht das Richtige, aus dem Schlafe zu reden. Die Menschheit muß erwachen.
[ 52 ] Und das gerade könnte man von Spengler lernen, daß die Menschheit erwachen muß; sonst — sonst geht es immer weiter, sonst werden immer mehr und mehr Leute auftreten, die eigentlich aus dem Schlafe heraus reden, und Wunderschönes aus dem Schlafe heraus reden. Aber es wird damit nichts für eine Weiterentwickelung der Menschheit zustande kommen. Es würde nur das zustande kommen, daß wir unsere abendländische Kultur mit ihrem amerikanischen Anhang weiter und weiter entwickeln, immer mehr und mehr hinein in diese Lazarettanstalten, in denen die Menschen nicht mehr aufstehen wollen, sondern immer schlafen wollen, und in denen sie aus dem Schlafe heraus reden, wunderschöne Reden halten, die dann bewundert werden von anderen; aber die Bewunderung ist dann auch nur ein Schlafen. Dasjenige, was bewundert, schläft, und dasjenige, was bewundert wird, schläft.
[ 53 ] Also ist es durchaus notwendig, daß wir uns dieser Notwendigkeit des Aufwachens bewußt werden. Innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft müßte das wirklich wie eine Art intimstes Programm gefaßt werden: Wir wollen aufwachen! Dann werden wir die Menschen, viele Menschen, ganz anders herumgehen sehen, auch unter den Anthroposophen, wenn sie ganz, ganz wach sein wollten, wach und frisch. Man kann das sein, denn Anthroposophie kann frisch machen. Fühlen Sie nur, wie Anthroposophie frisch machen kann, und wie sie gar nicht geeignet ist, daß man da so sich wälzt auf dem Lager und aus dem Schlafe heraus redet, sondern wie man, wenn man Anthroposophie in ihrem Wesen sozusagen faßt, frisch werden kann, frisch auf allen Gebieten, auf dem Gebiete von Kunst, Religion und Wissenschaft, auf dem Gebiete der gesamten Lebenspraxis.
[ 54 ] Versuchen Sie darüber nachzudenken, während der Zeit gerade, während der wir nicht zusammen sind, wie man nun Beratungen pflegen kann über ein vernünftiges Wachwerden, über eine Überwindung des Spenglerismus. Spengeln sie etwas Besseres zusammen, als dieser Spengler zu spengeln in der Lage ist, und spengeln Sie etwas, was in die Zukunft hineinwirken k.inn, während Spengler doch nur den Untergang des Abendlandes mit seiner Spenglerei zustande bringt.
