Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Das Geheimnis der Trinität
GA 214

27 August 1922, Dornach

Zehnter Vortrag

[ 1 ] Die Menschheit muß wieder dazu kommen können, mit allen Kräften, die in der Seele des Menschen leben, das Mysterium von Golgatha zu begreifen, nicht bloß so zu begreifen, wie das aus der heutigen Zivilisation heraus möglich ist, sondern so, daß das ganze menschliche Wesen verbunden werden kann mit dem Mysterium von Golgatha. Das aber wird der Menschheit erst dann möglich sein, wenn sie von dem Gesichtspunkt einer spirituellen Erkenntnis aus sich wiederum nähern kann dem Mysterium von Golgatha. Keine intellektualistische Erkenntnis ist in Wirklichkeit imstande, das Christentum mit seinem vollen Impuls in der Welt geltend zu machen, denn jede intellektualistische Erkenntnis ergreift bloß das menschliche Denken. Und wir müssen dann, wenn wir eine Erkenntnis haben, die bloß zu dem Denken spricht, unsere Willensimpulse — und das sind die wichtigsten Impulse innerhalb des wahren Christentums — aus unseren Instinkten heraus suchen; wir können sie nicht aus der Welt heraus empfinden, in der sie wirklich vorhanden sind, aus der spirituellen Welt. Es wird in der gegenwärtigen Zeit nicht anders möglich sein, als den Blick wiederum hinzuwenden auf die große Menschheitsfrage: Inwiefern ist das Mysterium von Golgatha der Sinn der ganzen Erdenentwickelung?

[ 2 ] Man möchte das, was damit ausgesprochen werden soll, am liebsten in ein Bild bringen, in ein vielleicht etwas paradoxes Bild. Wenn irgendein Wesen von einem anderen Planeten auf die Erde herunterkäme, würde dieses Wesen wahrscheinlich, weil es nicht ein Mensch im Erdensinne sein könnte, alles auf der Erde recht unverständlich finden; aber es ist meine tiefste Überzeugung, geschöpft aus der Erkenntnis der Erdenevolution heraus, daß ein solches Wesen, auch wenn es vom Mars oder Jupiter käme, tief ergriffen würde von dem Bilde Leonardo da Vincis, dem «Heiligen Abendmahl». Denn es würde ein solches Wesen in diesem Bilde etwas finden, was ihm sagt: Ein tieferer Sinn ist mit der Erde und ihrer Entwickelung verbunden. — Und von diesem Sinne aus, der umfaßt das Mysterium von Golgatha, würde ein Wesen aus einer ganz anderen Welt die Erde mit ihren sonstigen Erscheinungen verstehen können.

[ 3 ] Wir Menschen der Gegenwart wissen gar nicht, wie sehr wir in die intellektualistische Abstraktion hineingekommen sind. Daher können wir uns nicht mehr hineinfinden in die Seelen der Menschen, die eine Weile gelebt haben vor dem Mysterium von Golgatha. Diese Menschenseelen waren ganz anders als die heutigen Menschenseelen. Man stellt sich ja die Geschichte der Menschheit viel zu ähnlich denjenigen Vorgängen vor, die heute geschehen. Aber die Seelen der Menschen haben eine bedeutsame Entwickelung durchgemacht, und sie waren in den Zeiten vor dem Mysterium von Golgatha so, daß alle Menschen, selbst diejenigen, die nur primitive Bildung in ihrer Seele hatten, in sich selber etwas erblickten, was seelische Wesenheit war, was man nennen kann Erinnerung an die Zeit, welche die Menschenseele durchlebt, bevor sie in einen irdischen Leib, in einen irdischen Körper herabsteigt. So wie wir uns heute im gewöhnlichen Leben an das erinnern, was wir etwa seit unserem dritten, vierten, fünften Jahre erlebt haben, so hatte die alte Menschenseele eine Erinnerung an ihr vorgeburtliches Leben in der geistig-seelischen Welt. Der Mensch war sich in gewissem Sinne durchsichtig in seelischer Beziehung, er wußte: Ich bin eine Seele, und ich war eine Seele, bevor ich auf die Erde heruntergestiegen bin. Und er wußte auch, namentlich in älteren Zeiten, gewisse Einzelheiten seines geistig-seelischen Lebens vor seinem Niederstieg auf die Erde. Er erlebte sich selber in Weltenbildern. Er sah hinauf zu den Sternen, und er sah die Sterne nicht bloß in der abstrakten Konfiguration, wie wir heute die Sterne sehen, er sah sie in traumhaften Imaginationen. Er sah die ganze Welt durchsetzt von traumhaften Imaginationen, und er konnte sich sagen: Das ist der letzte Schein jener geistigen Welt, aus der ich heruntergestiegen bin, und indem ich als Seele aus dieser geistigen Welt heruntergestiegen bin, bin ich eingekehrt in einen menschlichen Leib. — Und niemals verband sich dieser Mensch der älteren Zeiten so intensiv mit seinem menschlichen Leibe, daß er nicht ein Erlebnis von dem Seelischen gehabt hätte.

[ 4 ] Was erlebte dieser Mensch der älteren Zeit? Er erlebte das, daß er sich sagen konnte: Da war ich, bevor ich auf die Erde heruntergestiegen war, in einer Welt, in welcher die Sonne nicht bloß ein lichtverbreitender Himmelskörper ist, in welcher die Sonne der Versammlungsort höherer geistiger Hierarchien ist. Ich lebte nicht in einem physischen, sondern in einem geistigen Raume, in einer Welt, in welcher nicht die Sonne bloß Licht verbreitet, sondern strahlende Weisheit aussendet. Ich lebte in einer Welt, in welcher die Sterne Wesenhaftigkeiten sind, die ihren Willen geltend machen. Aus dieser Welt bin ich herausgestiegen. — Und mit einer solchen Empfindung verbanden sich für diesen Menschen der älteren Zeit zwei Erlebnisse: das Erlebnis der Natur und das Erlebnis der Sünde.

[ 5 ] Dieses Erlebnis der Sünde, der moderne Mensch hat es nicht mehr, weil Sünde für ihn nur in der Welt des abstrakten Daseins lebt, weil Sünde für ihn nur eine Übertragung ist, etwas, was er als Moralisches nicht in Vereinigung bringt mit den Naturnotwendigkeiten. Für den alten Menschen gab es diese zwei Strömungen im Weltendasein nicht: Naturnotwendigkeit auf der einen Seite, moralische Notwendigkeit auf der anderen Seite. Alle moralische Notwendigkeit war für ihn auch eine Naturnotwendigkeit; alle Naturnotwendigkeit war auch eine moralische Notwendigkeit.

[ 6 ] So konnte sich der Mensch sagen: Ich mußte heruntersteigen aus der göttlich-geistigen Welt. Aber indem ich in einen menschlichen Leib eingezogen bin, bin ich gegenüber jener Welt, aus der ich heruntergestiegen bin, eigentlich krank. — Und der Begriff der Krankheit und der Sünde, sie banden sich zusammen für den alten Menschen. Der Mensch fühlte sich hier auf dieser Erde so, daß er in sich finden mußte die Überwindung der Krankheit. Deshalb kam immer mehr und mehr das Bewußtsein über diese älteren Seelen: Wir brauchen als Erziehung etwas, was Heilung ist. Die Erziehung ist Medizin, die Erziehung ist Therapie. Und es erschienen solche Gestalten, wie die Therapeuten, kurz vor dem Mysterium von Golgatha als die Heiler. Auch in Griechenland wurde in Verbindung gedacht alles geistige Leben mit einem Heilen der Menschen, weil man fühlte: Der Mensch war im Beginne der Erdenentwickelung mehr gesund, und er entwickelte sich allmählich so, daß er sich immer mehr von dem göttlich-geistigen Wesen entfernte. Das war der Begriff des Krankseins, der war — das ist vergessen worden — ein solcher, der sich verbreitete über diejenige Welt, in die sich dann geschichtlich das Mysterium von Golgatha hineinstellte. Denn der Mensch empfand in jenen älteren Zeiten alles Geistige durch einen Hinblick auf die Vergangenheit; er sagte sich: Vor meine Geburt muß ich hinblicken, wenn ich nach dem Geistigen sehen will, zurück in die Vergangenheit, da ist der Geist. Aus diesem Geiste bin ich geboren, und diesen Geist muß ich wieder finden. Aber von diesem Geiste habe ich mich entfernt.

[ 7 ] Und so empfand der Mensch der Vergangenheit den Geist, von dem er sich entfernt hatte, als den Geist des Vaters. Und in den Mysterien war der höchste Initiierte derjenige, der in sich selber, in seinem Herzen, in seiner Seele, jene Kräfte entwickelt hatte, durch die er äußerlich als Mensch den Vater darstellen konnte. Und wenn die Mysterienschüler die Pforte der Mysterien überschritten, hineintraten in diejenigen Anstalten, die zu gleicher Zeit Kunst-, Erkenntnis- und Weihekultanstalten waren, und wenn sie dann vor dem höchsten Initiierten standen, dann erblickten sie in dem höchsten Initiierten den Repräsentanten des Vatergottes. Die Väter waren höhere Initiierte als die «Sonnenhelden». Das Vaterprinzip herrschte vor dem Mysterium von Golgatha.

[ 8 ] Und die Menschheit fühlte, wie sie sich immer mehr und mehr von dem Vater — gegenüber dem man sagen kann: Ex deo nascimur entfernt hatte, und wie sie geheilt werden mußte. Die Menschheit erwartete in dem Erkennenden den Heiler, den Heiland. Uns ist der Christus nicht mehr lebendig als der Heiland; aber erst wenn man ihn wiederum als den Weltenarzt empfindet, als den großen Heiland, wird man ihn wieder richtig in die Welt hineinstellen können.

[ 9 ] Das war die Grundempfindung, welche die alten Seelen vor dem Mysterium von Golgatha hatten von ihrem Zusammenhange mit der übersinnlichen Welt des Vaters. Und was in Griechenland gefühlt wurde, was in dem merkwürdigen Ausspruche lebte: Besser ein Bettler zu sein auf Erden hier, als ein König im Reiche der Schatten —, das will sagen, daß die Menschheit hat tief fühlen lernen, wie weit sie sich entfernt hatte in ihrem ganzen Wesen von der übersinnlichen Welt. Eine tiefe Sehnsucht lebte zugleich in dem Menschen nach dieser übersinnlichen Welt.

[ 10 ] Aber niemals hätte die Menschheit, wenn sie sich so weiter entwickelt hätte mit dem Bewußtsein nur vom Vatergotte, zu dem vollen Selbstbewußtsein des Ich, der innerlichen Freiheit kommen können. Denn, um zu dieser innerlichen Freiheit zu kommen, mußte dasjenige in den Menschenwesen Platz greifen, was gegenüber vorigen Zuständen als eine Krankheit betrachtet wurde. Die ganze Menschheit fühlte in einem gewissen Sinne die Lazarus-Krankheit. Aber es war eben die Krankheit, die nicht zum Tode führt, sondern zur Befreiung und zum neuen Erkennen des Ewigen im Menschen.

[ 11 ] Man kann sagen: Immer mehr hatten die Menschen vergessen jene geistig-seelische Vergangenheit vor der Geburt, ihr Blick war immer mehr und mehr hingerichtet auf die physische Umwelt. Hatte eine ältere Seele durch den Leib in diese physische Umwelt geblickt, so sah sie eben in den Sternen überall die Bilder des Geistigen, das sie verlassen hatte, indem sie durch die Geburt auf die Erde gekommen war. Sie sah in dem Lichte der Sonne die strahlende Weisheit, in der sie als in ihrer Lebensatmosphäre gelebt hatte, sah in der Sonne selbst den Chorus der höheren Hierarchien, von denen sie herniedergeschickt worden war auf die Erde. Aber das hatte die Menschheit vergessen.

[ 12 ] Und das fühlte man, als das 8., das 7. und die folgenden Jahrhunhunderte vor dem Mysterium von Golgatha heranrückten. Wenn die äußere Geschichte davon nichts erzählt, so ist das eben ein Mangel der äußeren Geschichte. Wer die Geschichte spirituell zu verfolgen versteht, dem erscheint sie so, daß ein mächtiges Bewußtsein vom Vatergotte im Ausgangspunkte der Menschheitsentwickelung vorhanden war, und daß dieses Bewußtsein allmählich gelähmt worden ist, daß der Mensch um sich nurmehr die entgeistete Natur sehen sollte.

[ 13 ] Vieles wurde damals nicht ausgesprochen, vieles war in den unterbewußten Tiefen der Menschenseelen. Aber was am meisten in den unterbewußten Sphären der Menschenseele wirkte, das war eine Frage die Menschen faßten sie nicht in Worte, die fühlten sie nur mit ihren Herzen —, die Frage: Um uns ist die Natur, wo ist der Geist, dessen Kinder wir sind? Wo schauen wir den Geist, dessen Kinder wir sind? — In den besten Seelen des 4., 3., 2., 1. Jahrhunderts lebte unbewußt, ohne daß sie formuliert wurde, diese Frage.

[ 14 ] Es war eine Fragezeit, die Zeit, in der die Menschheit die Entfernung vom Vatergotte fühlte, gewissermaßen in den Tiefen der Seelen wußte: Es muß so sein — Ex deo nascimur! —, aber wissen wir es denn noch, können wir es wissen?

[ 15 ] Wenn wir noch tiefer hineinschauen in die Seelen der Menschen, die in dem Zeitalter lebten, als das Mysterium von Golgatha herannahte, so zeigt sich uns das Folgende. Da waren die einfacheren, primitiveren Seelen, welche nur tief in ihrem Unterbewußten empfinden konnten, wie sie nunmehr getrennt waren von dem Zusammenhang mit dem Vater. Denn sie waren die Nachkommen von jenen Urmenschen, die keineswegs so tierhaft waren, wie wir uns das heute naturwissenschaftlich vorstellen, sondern die innerhalb ihrer tierhaften Gestalt eine Seele trugen, durch die sie im alten traumhaften Hellsehen wußten: Wir sind heruntergestiegen aus der göttlich-geistigen Welt, haben einen menschlichen Leib angenommen. In die Erdenwelt herein hat uns geleitet der Vatergott. Aus ihm sind wir geboren.

[ 16 ] Aber die ältesten Seelen der Menschheit hatten gewußt: Sie haben verlassen in den geistigen Welten, aus denen sie heruntergestiegen waren, etwas, das wir nun nennen, oder das man später überhaupt nannte den «Christus». Deshalb sagten die ersten christlichen Schriftsteller, daß die ältesten Seelen Christen waren; diese Seelen haben wirklich auch den Christus anzubeten verstanden. Aber in den geistigen Welten, in denen sie waren, bevor sie auf die Erde heruntergestiegen waren, da war der Christus der Mittelpunkt ihres Anschauens, da war der Christus die zentrale Wesenheit, zu der sie ihre Seelenblicke hinwandten. Und an dieses Zusammensein mit dem Christus im vorirdischen Leben erinnerten sich die Menschen auf der Erde.

[ 17 ] Dann gab es andere Gegenden — und Plato zum Beispiel spricht von ihnen in einer ganz besonderen Art —, wo Schüler in den Mysterien eingeweiht wurden, in denen das Schauen der übersinnlichen Welten erweckt wurde, in denen aus der Menschenwesenheit die Kräfte losgebunden wurden, durch die man hineinschauen kann in die geistigen Welten. Diese Schüler der Initiierten lernten in der Tat nun nicht bloß aus einer dunklen Erinnerung ‚heraus den Christus kennen, mit dem alle Menschen gelebt hatten, bevor sie auf die Erde heruntergestiegen waren, der nun schon in den Menschenseelen wie eine halbvergessene Vorstellung war hier auf der Erde, sie lernten den Christus wiederum in der vollen Gestalt kennen. Aber sie lernten ihn kennen als eine Wesenheit, die in den überirdischen Welten gewissermaßen ihre Aufgabe verloren hatte.

[ 18 ] In den Mysterien des 2. und 1. Jahrhunderts vor dem Mysterium von Golgatha schaute man nämlich in einer ganz besonderen Weise zu jener Wesenheit der übersinnlichen Welten hin, die dann später die Christus-Wesenheit genannt worden ist. Man schaute so hin, daß man sagte: Diese Wesenheit, wir schauen sie in den überirdischen Welten, aber ihre Aktivität hat immer mehr und mehr abgenommen. — Sie war ja die Wesenheit, welche in die Seelen hineingepflanzt hat die Erinnerung an die vorgeburtlichen Zeiten, die dann im Erdendasein aufgelebt ist. Diese Wesenheit war in übersinnlichen Welten der große Lehrer für das, was die Seele noch in der Erinnerung hatte, nachdem sie auf die Erde heruntergestiegen war. Wie eine Wesenheit, die ihre Aktivität verloren hat, weil die Menschen diese Erinnerungen allmählich nicht mehr haben, nicht mehr bekommen konnten, so kam den Initiierten die Wesenheit vor, die man später die Christus-Wesenheit nannte.

[ 19 ] Und so lebten diese Initiierten weiter, indem in ihnen immer mehr und mehr das Bewußtsein aufstieg: Diese Wesenheit, an die sich die Urmenschheit im Erdendasein erinnert hat, diese Wesenheit, die wir jetzt sehen mit einer immer geringeren Aktivität in den geistigen Welten, die wird sich eine neue Lebenssphäre suchen. Sie wird auf die Erde herabkommen, um in den Menschen wiederum die übersinnliche Geistigkeit zu erwecken.

[ 20 ] Und man fing an, von jener Wesenheit, die man später als den Christus bezeichnete, als von jenem zu sprechen, der in der Zukunft kommen werde auf die Erde herunter, Menschenleib annehmen werde, wie er ihn dann angenommen hat in dem Jesus von Nazareth. Und dieses Sprechen von dem Christus als einem Zukünftigen, das war einer der Hauptinhalte des Sprechens in den letzten Jahrhunderten vor dem Mysterium von Golgatha. Wir sehen in der bildhaften Großartigkeit jener drei Magier oder drei Könige aus dem Morgenlande, Repräsentanten solcher Initiierter, die in ihren Initiationsstätten gelernt hatten: Der Christus wird kommen, wenn die Zeiten erfüllt sein werden und die Zeichen am Himmel ihn ankündigen werden. Dann müssen wir ihn suchen an seiner verborgenen Stätte. — Und in den Evangelien tönt überall durch als ein tieferes Geheimnis, als ein tieferes Mysterium, was in der Menschheitsevolution sich enthüllt, wenn man es wiederum mit dem spirituellen Blicke anschaut.

[ 21 ] So schauten die primitiven Menschen wie verloren nach dem Übersinnlichen auf. Sie sagten sich in ihrem Unterbewußten: Wir haben den Christus vergessen. — Und sie sahen die Natur um sich herum. Die Frage, die ich vorhin angedeutet habe, entstand in ihren Herzen: Wie finden wir die übersinnliche Welt wieder? — Und die Initiierten in den Mysterien wußten: Es wird diese Wesenheit, die man später den Christus nannte, kommen, menschliche Gestalt annehmen, und was vorher die Seelen in ihrem vorirdischen Dasein erlebt haben, das werden sie erleben in der Anschauung des Mysteriums von Golgatha.

[ 22 ] Dadurch ist nicht in einer intellektualistischen Art, sondern durch die gewaltigste Tatsache, die auf der Erde jemals geschehen ist, die Antwort gegeben auf die Frage: Wie kommen wir wieder zu dem Übersinnlichen? — Und die Menschen, die damals eine Empfindung entwickelt hatten für das, was geschah, die lernten von denen, die da wußten, daß in dem Menschen Jesus ein wirklicher Gott lebte, der heruntergestiegen ist, der Gott, den die Menschheit vergessen hatte, weil die Kräfte des Leibes, des Körpers sich nach der Freiheit hin entwickelten. Er erschien in einer neuen Gestalt, so daß man ihn schauen, ihn sehen konnte, und weiterhin die Geschichte von ihm reden konnte als von einem Erdenwesen. Der Gott, den man gekannt hatte nur drüben in der Geistwelt, war heruntergestiegen, war gewandelt in Palästina, hatte die Erde geheiligt dadurch, daß er selber in einen Menschenleib eingezogen war. Daher war die große Frage derjenigen, die in dem damaligen Sinne gebildete Menschen waren: Welchen Weg hat der Christus genommen, um zu dem Jesus hinzukommen?

[ 23 ] Die Frage nach dem Christus war in den ersten Zeiten des Christentums eine rein spirituelle. Man forschte nicht nach dem Jesus, man forschte nach dem Christus, wie er heruntergestiegen ist. Man sah zu den übersinnlichen Welten hinauf, man sah den Herabstieg des Christus auf die Erde, man fragte sich: Wie ist das überirdische Wesen ein irdisches geworden? — Und deshalb hatten die schlichten Menschen, die den Christus Jesus als Jünger umgaben, die Möglichkeit, mit ihm als Geist auch nach dem Tode zu sprechen. Und es ist das Wichtigste, was er sagen konnte nach dem Tode, nur in einigen Fragmenten erhalten. Aber die spirituelle Wissenschaft, die spirituelle Erkenntnis kann erkunden, was der Christus zu denen, die seine Nächsten waren, gesprochen hat nach dem Tode, da er ihnen in seiner Geistigkeit erschienen ist.

[ 24 ] Da hat er zu ihnen als der große Heiler gesprochen, als der 'Therapeut, der ein Tröster war, der da wußte um das Geheimnis, daß die Menschen einmal eine Erinnerung an ihn selbst gehabt haben, weil sie mit ihm zusammen waren in übersinnlichen Welten im vorirdischen Dasein. Und jetzt konnte er ihnen sagen: Ich habe euch früher gegeben die Fähigkeit, euch zu erinnern an euer übersinnliches, vorirdisches Dasein. Ich gebe euch jetzt, wenn ihr mich aufnehmt in eure Seelen, wenn ihr mich aufnehmt in eure Herzen, die Kraft, mit dem Bewußtsein der Unsterblichkeit durch die Pforte des Todes hindurchzugehen. Und ihr werdet nicht mehr allein den Vater erkennen — Ex deo nascimur —, ihr werdet den Sohn fühlen als denjenigen, mit dem ihr sterben könnt und doch lebendig bleibt — In Christo morimur.

[ 25 ] Das war natürlich nicht in die Worte getaucht, die ich jetzt ausspreche, aber dem Sinne nach war es das, was der Christus beibrachte denjenigen, die ihm nahestanden nach dem Leibestode. Die Menschen kannten ja das Sterben nicht, als sie Urmenschen waren, denn sie trugen von der Zeit an, in der sie das Bewußtsein erlangten, ein innerliches Erkennen ihres Seelischen; sie wußten von dem, was nicht sterben kann. Sie konnten die Menschen um sich herum sterben sehen — das Sterben war ihnen ein Schein in den Tatsachen um sie herum. Das Sterben haben die Menschen nicht empfunden. Erst als das Mysterium von Golgatha herannahte, fühlten die Menschen die Tatsache des Sterbens, denn ihr Seelisches war allmählich mit dem Körperlichen so verbunden, daß nun der Zweifel darüber entstehen konnte, wie die Seele weiterleben kann, wenn der Körper verfällt. Das wäre gar keine Frage in älteren Zeiten gewesen, weil die Menschen die Seele erkannten.

[ 26 ] Jetzt kam der Christus als derjenige, der da sagte: Ich will mit euch auf der Erde leben, damit ihr die Kraft habt, eure Seelen wieder so anzufachen, so innerlich zu impulsieren, daß ihr sie als eine lebendige Seele durch den Tod hindurchtraget. — Das war dasjenige, was Paulus nicht gleich begriffen hatte, was Paulus erst begriff, als ihm selber der Zugang zu den übersinnlichen Welten eröffnet worden war, als er hier auf dieser Erde die Impressionen des Christus Jesus erhalten hatte. Deshalb wird heute das Paulinische Christentum immer weniger geschätzt, weil es den Anspruch macht, daß man den Christus schaut als von überirdischen Welten kommend und seine überirdische Kraft mit dem irdischen Menschen verbindend.

[ 27 ] So fügte sich für die Evolution der Menschheit im Bewußtsein zu dem Worte: «Aus Gott» — nämlich aus dem Vatergotte — «sind wir geboren», das Lebens-, das Trostes-, das Kraftwort hinzu: «In Christo sterben wir», — das heißt: Wir leben in ihm.

[ 28 ] Was der Menschheit durch das Mysterium von Golgatha geworden ist, am besten wird es sich uns vor die Seele stellen, wenn ich nun die Evolution der Menschheit in der Gegenwart — und wie wir sie erhoffen müssen für die Zukunft —, von dem Gesichtspunkte des gegenwärtigen Initiierten schildere. Versucht worden ist von mir, den Gesichtspunkt des alten Initiierten, den Gesichtspunkt des Initiierten zur Zeit des Mysteriums von Golgatha vor Ihre Seele zu stellen; jetzt möchte ich versuchen, den Gesichtspunkt zu schildern des Initiierten der Gegenwart, desjenigen, der heute nicht bloß mit einer äußeren Erkenntnis von der Natur an das Leben herantritt, sondern in dem erwacht sind jene tieferen Erkenntniskräfte, die wir aus der Seele heraus erwecken können mit denjenigen Mitteln, die ja in der spirituellen Literatur angegeben sind.

[ 29 ] Wenn dieser Initiierte sich die Erkenntnisse erwirbt, die heute der Triumph der Zeit sind, der Glanz, in denen sich zahlreiche Menschen, wenn sie sie erwerben, auch mit einem gewissen höheren Bewußtsein wohlfühlen, dann fühlt er sich mit diesen Erkenntnissen in einer tragischen Situation. Denn der neuere, der moderne Initiierte fühlt diejenigen Erkenntnisse, die heute in der Welt besonders gelten und besonders wertvoll sind, wenn er sie mit seiner Seele verbindet, als ein Sterben. Und je mehr sich der moderne Initiierte, dem die Welt der überirdischen Sphäre vor der Seele auferstanden ist, durchdringt mit dem, was heute alle Welt Wissenschaft nennt, desto mehr fühlt er seine Seele ersterben. Die Wissenschaften sind für den modernen Initiierten das Grab der Seele; die fühlt sich schon lebend mit dem Tode verbunden, indem er nach Art der modernen Wissenschaft über die Welt sich Erkenntnisse erwirbt. Und er fühlt dieses Sterben oftmals tief und intensiv. Und dann sucht er wohl den Grund, warum er immer, wenn er im modernen Sinne erkennt, stirbt, warum er etwas wie eine Art von Leichengeruchsempfindung hat, gerade wenn er zu den höchsten modernen Erkenntnissen sich aufschwingt, die er wahrlich zu schätzen weiß, aber die ihm ein Vorgefühl sind des Todes.

[ 30 ] Dann sagt er sich aus seinen Erkenntnissen der übersinnlichen Welt etwas, was ich Ihnen ausdrücken möchte durch ein Bild. Wir leben geistig-seelisch, bevor wir auf die Erde heruntergestiegen sind. Von dem, was wir da in voller Realität geistig-seelisch durchleben im vorirdischen Dasein, haben wir in unserer Seele hier auf Erden nur Gedanken, Begriffe, Vorstellungen. Die sind in unserer Seele. Aber wie sind sie in unserer Seele?

[ 31 ] Sehen wir hin auf den Menschen, wie er im Leben zwischen Geburt und Tod steht, voll lebendig, mit Fleisch und Blut sein Leib durchzogen. Wir nennen ihn lebendig. Die Pforte des Todes wird von ihm durchschritten. Vom physischen Menschen ist der Leichnam da, der dann der Erde, den Elementen übergeben wird. Wir schauen den physisch toten Menschen an. Wir haben den Leichnam vor uns, den Rest des lebendigen, von lebendigem Blut durchzogenen Menschen. Der Mensch ist physisch tot. Wir schauen zurück, aber mit dem Blick der Initiation, in unsere eigene Seele. Wir schauen auf unsere Gedanken, die wir jetzt haben im Leben zwischen Geburt und Tod, auf die Gedanken, die wir haben als die heutige moderne Weisheit und Wissenschaft, und wir sehen: Sie sind der Leichnam desjenigen, was wir waren, bevor wir auf die Erde heruntergestiegen sind. Wie der Leichnam eines Menschen sich zum voll lebendigen Menschen verhält, so verhalten sich — das lernen wir erkennen — unsere Gedanken, die wir heute als die höchsten Reichtümer verehren, die uns die Erkenntnisse der äußeren Natur bringen, als die Leichname desjenigen in uns zu dem, was wir waren, bevor wir auf die Erde heruntergestiegen sind. Das ist dasjenige, was der Inititerte erleben kann. Er erlebt in dem Gedanken nicht sein wirkliches Leben, er erlebt in dem Gedanken den Leichnam seiner Seele. Das ist eine Tatsache, das ist etwas, was nicht aus Sentimentalität heraus gesprochen wird, sondern was gerade einer tatkräftigen Erkenntnis heute mit voller Stärke vor die Seele tritt. Das ist dasjenige, was sich heute nicht der sentimentale, mystische Träumer etwa sagt; der will gerade etwas empfinden aus irgendwelchen dunklen, mystischen Tiefen der eigenen Wesenheit heraus. Derjenige aber, der heute durch die Pforte der Initiation schreitet, der entdeckt in seiner Seele diese Gedanken, die allein, weil sie unlebendig sind, die lebendige Freiheit möglich machen können. Diese Gedanken, welche die ganze Grundlage der menschlichen Freiheit sind, zwingen den Menschen nicht, eben weil sie tot sind, weil sie nicht lebendig sind. Der Mensch kann heute ein freies Wesen werden, weil er es nicht mit lebendigen, sondern mit toten Gedanken zu tun hat. Die toten Gedanken können vom Menschen erfaßt und zur Freiheit verwendet werden. Aber man erlebt sie auch mit voller Weltentragik als Leichname der Seele. Bevor die Seele heruntergestiegen ist in die irdische Welt, da war alles, was heute Leichnam ist, voll lebendig, war regsam. In den geistig-übersinnlichen Welten bewegten sich zwischen den Menschenseelen, die entweder schon durch den Tod gegangen waren, nun auch in der geistigen Welt lebten, oder die noch nicht zur Erde heruntergestiegen sind, die Wesenheiten der höheren Hierarchien, die über dem Menschen stehen, bewegten sich auch innerhalb dieser Sphäre jene Elementarwesen, die der Natur zugrunde liegen. Da war alles in der Seele lebendig. Hier ist in der Seele die Erbschaft aus den geistigen Welten, der Gedanke ist tot.

[ 32 ] Aber verstehen wir als moderne Initiierte, mit dem Christus, wie er sich dargelebt hat in dem Mysterium von Golgatha, uns zu durchdringen, verstehen wir im tiefsten, innersten Sinne das Pauluswort: «Nicht ich, sondern der Christus in mir», dann führt uns der Christus auch durch diesen Tod; dann dringen wir mit unseren Gedanken in die Natur ein, aber der Christus wandelt geistig mit uns, und er versenkt unsere Gedanken in das Grab der Natur. Denn indem wir sonst die toten Gedanken haben, wird die Natur zu einem Grabe. Gehen wir aber mit diesen toten Gedanken an die Mineralien, die Tiere, die Sternenwelt, an die Welt der Wolken, an die Berge, an die Ströme, gehen wir an sie mit diesen toten Gedanken heran, aber begleitet von dem Christus nach dem Worte: «Nicht ich, sondern der Christus in mir», dann erleben wir in der modernen Initiation, wenn wir untertauchen in den Quarzkristall, daß der Gedanke aus der Natur, aus dem Quarzkristall nun als ein lebendiger aufsteigt. Wie aus dem mineralischen Grabe erhebt sich der Gedanke als ein lebendiger. Die mineralische Welt läßt in uns aufsteigen den Geist. Und führt uns der Christus durch die Pflanzennatur überall heraus aus dem, wo sonst nur die toten Gedanken leben würden, so erstehen die lebendigen Gedanken.

[ 33 ] Wir würden uns als krankhaft empfinden, wenn wir hingingen zu der Natur, in die Sternenwelt hinausschauten nur mit dem Blicke des rechnenden Astronomen, und diese toten Gedanken sich hineinsenken würden in die Welt, wir würden uns krank fühlen, und die Krankheit würde zum Tode führen. Lassen wir uns aber von dem Christus begleiten, tragen wir unsere toten Gedanken in Begleitung des Christus in die Sternenwelt hinein, in die Welt der Sonne, des Mondes, der Wolken, der Berge, der Flüsse, der Mineralien, der Pflanzen und der Tiere, tragen wir sie hinein in die ganze physische Menschenwelt, alles wird im Anschauen der Natur lebendig, und es ersteht wie aus einem Grabe aus allen Wesen der lebendige, der uns heilende, der uns vom Tode erweckende Geist, der Heilige Geist. Und wir fühlen uns, begleitet von dem Christus, mit dem, was wir als den Tod erlebt haben, wieder belebt. Wir fühlen den lebendigen, den heilenden Geist aus allen Wesen dieser Welt zu uns sprechen.

[ 34 ] Das müssen wir in einer spirituellen Erkenntnis, in einer neuen Initiationserkenntnis wieder gewinnen. Dann werden wir das Mysterium von Golgatha als den Sinn des ganzen Erdendaseins erfassen, werden wissen, wie wir geführt werden müssen in der Zeit, da sich durch die toten Gedanken die menschliche Freiheit entwickeln muß, wie wir geführt werden müssen zur Erkenntnis der Natur durch den Christus. Wir werden wissen, wie der Christus nicht nur sein eigenes Schicksal hingestellt hat auf die Erde in dem Sterben innerhalb des Mysteriums von Golgatha, sondern wie er die große Pfingstfreiheit der Erde beschieden hat, indem er der Erdenmenschheit verheißen hat den lebendigen Geist, der durch seine Hilfe aus allem, was auf der Erde ist, erstehen kann. Unsere Erkenntnis bleibt eine tote, bleibt selbst Sünde, wenn wir nicht durch den Christus so auferweckt werden, daß aus aller Natur, aus allem kosmischen Dasein zu uns wiederum der Geist spricht, der lebendige Geist.

[ 35 ] Es ist nicht bloß eine ausgeklügelte Formel, die Trinität von dem Vatergotte, von dem Sohnesgotte und von dem Gotte, dem Heiligen Geist, es ist etwas, was tief mit der ganzen Evolution des Kosmos verbunden ist und was uns wird als eine lebendige, nicht als eine tote Erkenntnis, wenn wir den Christus selber als einen Auferstandenen in uns lebendig machen, der der Bringer des Heiligen Geistes ist.

[ 36 ] Dann verstehen wir, daß es wie eine Krankheit wäre, wenn wir das Göttliche nicht sehen könnten, aus dem wir geboren sind. Der Mensch muß im Geheimen krank sein, wenn er Atheist ist. Er ist nur gesund, wenn seine physische Natur sich so zusammenfaßt, daß er das: «Aus Gott bin ich geboren!», als die Zusammenfassung seines eigenen Wesens aus dem Inneren erfühlen kann. Und es ist ein Schicksalsschlag, wenn der Mensch in seinem Erdenleben nicht findet den Christus, der ihn führen kann, der ihn durch den Tod am Ende des Erdenlebens führen kann, der ihn durch den Tod zur Erkenntnis führen kann. Denn fühlen wir also das «In Christo morimur», dann fühlen wir auch dasjenige, was an uns herankommen will durch die Geleitung des Christus, durch die Führung des Christus, dann fühlen wir, wie aus allem der Geist aufersteht, aufersteht noch in diesem Erdenleben. Wir fühlen uns wieder lebendig in diesem Erdenleben, schauen hin durch die Pforte des Todes, durch die uns der Christus führt, schauen hin auf jenes Leben, das jenseits des Todes liegt, und wissen jetzt, warum der Christus den Geist, den Heiligen Geist geschickt hat: weil wir uns verbinden können schon hier im Leben mit diesem Heiligen Geiste, wenn wir uns der Führung des Christus überlassen. Wir dürfen dann mit Sicherheit sagen: Wir sterben in dem Christus, indem wir durch die Pforte des Todes schreiten.

[ 37 ] Was wir mit unserer Erkenntnis hier in der Natur erlebt haben, ist schon eine Vorbedeutung für die Zukunft. Denn was sonst tote Wissenschaft wäre, wird auferweckt durch den lebendigen Geist. Haben wir recht verstanden das: Aus dem Vater sind wir geboren —, In dem Christus sterben wir —, so dürfen wir auch sagen, wenn an die Stelle des Todes der Erkenntnis der wirkliche Tod tritt, der uns den Körper nimmt — hindurchblickend durch die Pforte des Todes —: In dem Heiligen Geiste werden wir wiederum auferweckt — Per spiritum sanctum reviviscimus.