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Die Philosophie, Kosmologie und Religion in der Anthroposophie
GA 215

6 September 1922, Dornach

1. Die drei Schritte der Anthroposophie

[ 1 ] Gestatten Sie, daß ich, bevor ich mit meinem heutigen Vortrag beginne, die verehrten Anwesenden auf das allerherzlichste begrüße, begrüße aus jenem Geiste heraus, der hier in diesem Goetheanum herrschen soll und von dem auch all diejenige Arbeit getragen werden soll, die in diesem Goetheanum verrichtet wird. Es soll dies ja sein ein Geist, der nicht aus einer menschlichen Einseitigkeit hervorgeht, sondern aus dem vollen, umfassenden Menschentum. Und das kann so sein, daß auf der einen Seite hier dasjenige, was gegeben wird, was erarbeitet wird, stammt aus wissenschaftlicher Erkenntnis, aus Kunst und religiöser Hingebung. Auf der anderen Seite soll dieser Geist sein der des freien, weitherzigen und weitseelischen Menschentums.

[ 2 ] Dieser Geist nun hat es sein sollen, auf dem als auf dem besten Grundstein 1913 begonnen wurde, dieses Goetheanum zu bauen. Und wir haben es ja zustande gebracht, daß in der Zeit, als ganz Europa und weite Gebiete über Europa hinaus in Fehde lagen, in schweren Feindschaften untereinander waren, daß hier aus einem freien, umfassenden Menschentum alle Nationen Europas in Dornach zusammengearbeitet haben. Hier hat die internationale Arbeit niemals aufgehört. Auf diese Tatsache darf ich wohl heute ganz besonders hinweisen, weil ich die Begrüßung, die ich Ihnen hiermit bringe, aus diesem internationalen Geiste heraus bringen will. Was hier erarbeitet werden soll, kann ja aus keinem anderen Geiste heraus erarbeitet werden, denn nur dieser Geist allseitigen universellen freien Menschentums kann auch wirkliche spirituelle Wissenschaft, spirituelle Kunst und wahrhafte Religion bringen, die an sich allein spirituell und international sein kann. Dieser Geist gibt aber auch, ich denke, jene Weite des Herzens, die in der Lage ist, jeden Menschen liebevoll zu empfangen und zu begrüßen. Und so soll es dieser Geist sein, der hier im Goetheanum waltet, aus dem heraus ich die ersten Begrüßungsworte spreche. Sie müssen deshalb herzlich gemeint sein. In dieser Herzlichkeit möchte ich den Wunsch aussprechen, daß es uns in den nächsten Tagen gelingen möge, auf den verschiedensten Gebieten der Wissenschaft und des Lebens einiges hier zusammen zu arbeiten, zu besprechen, das ein jeglicher, der hierher hat kommen wollen, mit einer gewissen Befriedigung wiederum nach Hause trägt.

[ 3 ] Wenn wir, die wir hier seit Jahren im Goetheanum arbeiten, in der Lage sein werden, den Gedanken hervorzurufen, daß man nach einem solchen Besuche doch wiederum immer mit einiger Freude zurückblickt auf das, was man hier erlebt hat, so wird dies diejenigen, die hier am Goetheanum wirken, mit ganz besonderer Befriedigung erfüllen. In diesem Sinne lassen Sie mich Sie begrüßen, Ihnen danken dafür, daß Sie hierher gekommen sind. Und lassen Sie mich den Wunsch aussprechen, daß dieser Besuch auch Ihnen zu einiger Befriedigung dienen möge.

[ 4 ] Hier soll, wie schon angedeutet worden ist, spirituelle Erkenntnis getrieben werden als eine Grundlage für die Befruchtung des Lebens nach seinen verschiedenen Seiten. Die spirituelle Erkenntnis, welche hier in diesem Goetheanum gesucht werden soll, sollte nicht verwechselt werden mit mancherlei, was heute in der Welt als Okkultismus getrieben wird, oder auch mit mancherlei, wofür man heute den Namen Mystik anwendet. Dieser Okkultismus, der vielfach heute getrieben wird, ist im Grunde genommen dem Geiste unserer Zeit, dem Geiste des wirklichen modernen Lebens doch zuwiderlaufend. Denn dieser Geist des wirklichen modernen Lebens ist doch gegeben durch die Entwickelung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse in der neueren Zeit. Was hier als spirituelle Erkenntnis getrieben wird, soll durchaus rechnen mit dem, was dem Geiste moderner naturwissenschaftlicher Erkenntnis im strengsten Sinne des Wortes entspricht. Dasjenige, was heute oftmals Okkultismus genannt wird, fußt auf alten Traditionen; es herrscht in ihm nicht ein unmittelbarer Geist der Gegenwart. Alte Traditionen werden herübergeholt. Da aber die Menschen der Gegenwart nicht aus denselben seelischen Untergründen heraus die entsprechenden Erkenntnisse entfalten können, so kann man sagen, diese alten Traditionen sind oftmals mißverstanden und als mißverstandene in laienhafter Weise heute von diesen oder jenen wie eine die menschliche Seele befriedigen sollende Erkenntnis vorgebracht worden.

[ 5 ] Mit solchem zum Teil mißverstandenem, traditionellem Okkultismus hat das, was hier getrieben wird, ebensowenig zu tun wie mit dem, was ' zuweilen sogar von wissenschaftlicher Seite her gesucht wird auch als eine Art Okkultismus, indem man die gewöhnlichen wissenschaftlichen Methoden des sinnlichen Beobachtens und Experimentierens nachahmt für eine Erforschung des übersinnlichen Gebietes. Man verkennt dabei, daß diejenigen Methoden des naturwissenschaftlichen Forschens, die sich in den letzten Jahrhunderten entwickelt haben, ganz ausgezeichnet ausgebildet worden sind für die Erkenntnis der äußeren sinnlichen Wirklichkeit, daß sie aber gerade deshalb ungeeignet sind als Forschungswege hinauf in das übersinnliche Gebiet.

[ 6 ] Auf der anderen Seite wird vielfach heute von mystischer Vertiefung, von mystischem innerem Erleben gesprochen. Auch da hat man es oftmals mit nichts anderem zu tun als mit einem Sich-Versenken in die Seelenerlebnisse alter Mystiker, mit einem Erneuern solcher Seelenerlebnisse, und doch im Grunde genommen wiederum nur mit etwas, das in einer gewissen unklaren Selbstschau zu einer fragwürdigen Erkenntnis führt.

[ 7 ] Ich wollte auf diese Dinge nur hindeuten, um von der Verwechslung desjenigen, was hier in diesem Goetheanum getrieben wird, mit dem, was manchmal in so laienhafter, dilettantischer, wenn auch durchaus gutgewollter Weise getan wird, zu warnen. Hier soll eine wissenschaftliche Methode für die Erkenntnis des Übersinnlichen ausgebildet werden, so streng, so exakt, so wissenschaftlich, wie dies für die wissenschaftlichen Methoden heute auf dem Gebiete des Naturforschens verlangt wird. Man kann nur dann in das übersinnliche Gebiet hinaufgelangen, wenn man nicht stehenbleibt bei den Forschungswegen, die bloß für das Sinnliche geeignet sind. Man kann aber nicht wissenschaftlich in die übersinnlichen Welten hinaufgelangen, wenn man aus einem anderen Geiste heraus verfährt als der ist, der sich so tüchtig bewährt hat für das Gebiet der sinnlichen Wirklichkeit. Nur einige einleitende Andeutungen über Absichten und Ziele der hier getriebenen spirituellen Wissenschaft möchte ich heute geben. Daher wird die nähere Auseinandersetzung über das, was ich heute andeuten will, erst in den nächsten Tagen gegeben werden können. Hinweisen möchte ich zunächst darauf, daß es sich hier zum Zwecke der Erforschung übersinnlicher Welten darum handelt, aus den Tiefen der Menschenseele heraus diejenigen Kräfte zu suchen, die als Erkenntniskräfte in das Übersinnliche so eindringen können, wie die Kräfte der äußeren Sinne in die physisch-sinnliche Welt. Was dem Geistesforscher zunächst obliegt, das ist, seinen Seelenblick hinzulenken auf die seelisch-geistige Organisation in ihm, die an das Übersinnliche herandringen kann. Dadurch unterscheidet sich der Geistesforscher von dem Naturforscher. Dieser nimmt die menschliche Organisation, wie sie ist, wendet sie auf die Natur an und verwendet diese Exaktheit dazu, Ergebnisse über die Tatsachen der äußeren Natur zu gewinnen.

[ 8 ] Der Geistesforscher kann, gerade wenn er zunächst auf dem Boden richtiger naturwissenschaftlicher Erkenntnisse steht, nicht so vorgehen. Er muß zuerst den Blick auf das seelisch-geistige Erkenntnisorgan, ich darf es vielleicht nennen das «Geistesauge», lenken. Aber dieser Blick, der zunächst das geistige Auge zubereitet, entwickelt, der muß so sein, daß vor ihm exakt die innere Gesetzmäßigkeit dieses geistigen Auges so liegt, wie exakt zum Beispiel vor dem Mathematiker ein mathematiisches Problem oder vor dem Experimentator der Inhalt seines Experimentes liegt. Diese von dem Forscher an sich selbst vorzunehmende Arbeit, die Vorbereitung erst zur Wissenschaft, das ist in der Geistesforschung das Wesentliche. Und so wie der Mathematiker oder Naturforscher im Aufsuchen von Ergebnissen exakt ist, so muß der Geistesforscher exakt sein im Zubereiten seiner geistig-seelischen Organisation, die dann, wie im Sinnlichen das Auge oder das Ohr, die Tatsache wahrnimmt.

[ 9 ] Exakt muß die hier gemeinte spirituelle Forschung sein; exakt ist Mathematik oder Naturwissenschaft. Aber ich möchte sagen: wo mit der Exaktheit Naturwissenschaft aufhört, da fängt Geistesforschung mit dieser Exaktheit erst an. Geistesforschung muß exakt sein in bezug auf die Bearbeitung der eigenen Menschlichkeit, so daß alles dasjenige, was getan wird am Menschen selbst, damit er ein Geistesforscher werde, exakt verrichtet wird und gewissermaßen durch exakte und vor der Wissenschaft gerechtfertigte Arbeiten das geistige Auge darstellt, wenn es mit der Geistesforschung beginnt, wenn es an die Tatsache der übersinnlichen Welt herantritt. Während bei dem, was man oftmals Mystik nennt, das innere Seelische in einer ziemlichen Unklarheit behandelt wird, muß bei wirklicher Geistesforschung jeder kleinste Schritt mit solcher inneren Klarheit und Durchschaubarkeit behandelt werden wie sonst das, was der Mathematiker vor sich hat in einem mathematischen Problem. Dann wird herbeigeführt eine Art Erwachen, ein Erwachen auf einer höheren Stufe des Bewußtseins, vergleichbar mit dem Erwachen, das wir sonst erleben, wenn wir aus dem gewöhnlichen Schlafe ‚herauskommen, um die sinnliche Welt um uns herum zu haben.

[ 10 ] Wenn ich insbesondere bei der Geistesforschung, die hier gemeint ist, von Exaktheit spreche, so bezieht sich dieses Wort Exaktheit auf die exakte, wissenschaftliche Vorbereitung dessen, was beim Menschen dem Forschen vorangehen muß: die Organisation geistig-seelischer Art. Das ist es, was in exakter Durchschaubarkeit zunächst vor dem Geistesforscher sein muß. Dann beginnt er seine Blicke hinein zu tun in die Welt der übersinnlichen Tatsachen.

[ 11 ] Das soll zunächst nur ein vorbereitender, noch nicht beweisender Hinweis sein. Weil in der Vorbereitung der eigentlichen übersinnlichen geistigen Anschauung diese Exaktheit angestrebt wird, darf wohl, wenn man die Art des Geist-Anschauens, die hier gemeint ist, hellsichtige Clairvoyance nennt, von exakter Clairvoyance gesprochen werden. Das soll das spezifisch Eigentümliche der Geistesforschung sein, die hier gepflegt wird, daß sie beruht auf der methodisch exakten Clairvoyance. Die Exaktheit der Clairvoyance soll das Charakteristische der hier gemeinten Geistesforschung sein.

[ 12 ] Von diesem Gesichtspunkte aus möchte man mit der hier getriebenen spirituellen Forschung nicht nur ein eng umgrenztes Gebiet beurteilen, sondern etwas erarbeiten, wohinein alle übrigen Wissenschaften und Lebensformen der Gegenwart münden. Nicht nur soll das, was hier spirituell erarbeitet wird, ein geistiger Überbau der naturwissenschaftlichen Anschauung sein, sondern es sollen auch diejenigen Erkenntnisgebiete, die im Geiste dieser naturwissenschaftlichen Anschauung in der modernen Zeit von der Menschheit erarbeitet worden sind, heraufgeführt werden in das Spirituelle, damit sie gewissermaßen durch das, was spirituelle Forschung geben kann, gekrönt werden.

[ 13 ] Ich möchte als Beispiel nur die Medizin anführen. Die Medizin wird in der Art, wie sie heute aus naturwissenschaftlicher Erkenntnis heraus aufgebaut ist, wie sie ja mit bewunderungswürdigem Resultate dasteht, voll anerkannt von dem, was hier als spirituelle Erkenntnis getrieben wird. Aber es ist möglich, dasjenige, was heute aus rein äußerer Anschauung für die Medizin erarbeitet ist, weiterzuführen durch den Geist einer exakten Clairvoyance. Dann erst ergibt sich eigentlich die ganze Fruchtbarkeit auch des rein naturwissenschaftlich Medizinischen, das heute getrieben wird. Ebenso möchte man auf spirituelle Art hier eine. Erkenntnis gewinnen, welche das Künstlerische ins Geistige hineinzuführen in der Lage ist. Und ein Künstlerisches wird hier angestrebt, das ebenso in spiritueller Art aus der Gesamtnatur des Menschen hervorgeht wie das, was hier als Erkenntnis angestrebt wird. Und ein religiöses, ein soziales Element soll hier gepflegt werden so, daß sich das Religiöse und das Soziale wie etwas Selbstverständliches aus der errungenen spirituellen Erkenntnis ergeben.

[ 14 ] Die spirituelle Erkenntnis, die hier gesucht wird, soll den ganzen Menschen ergreifen und aus dem ganzen Menschen kommen, nicht aus einer einzelnen menschlichen Fähigkeit. Deshalb ist es so mit dieser Erkenntnis, daß sie alle Gebiete des theoretischen wie des praktischen Lebens einmünden lassen will in das spirituelle Leben, so daß dadurch erst ein Vollmenschliches, ein Universell-Menschliches erreicht werden soll.

[ 15 ] Von diesem Gesichtspunkte aus möchte ich Ihnen in diesen Vorträgen in der Hauptsache über drei Gebiete der Erkenntnis sprechen, um an diesen drei Beispielen zu erläutern, inwiefern aus dem Geiste der gegenwärtigen Wissenschaftlichkeit in den Geist der höheren, spirituellen Wissenschaftlichkeit hineingeführt werden kann. Ich möchte in diesen Vorträgen Ihnen sprechen von Philosophie, von Kosmologie und von Religion in der Art, wie sie durch Anthroposophie eine gewisse spirituelle Gestalt gewinnen sollen.

[ 16 ] Philosophie war einst die universelle Erkenntnis, die in ältesten Zeiten dem Menschen Aufschluß gegeben hat über alle einzelnen Wirklichkeitsgebiete des Daseins. Philosophie war nicht eine spezielle Wissenschaft. Philosophie war die universelle Wissenschaft, und alle anderen Wissenschaften, die wir heute pflegen, sind ja im Grunde genommen aus der Substanz der Philosophie, wie sie noch in Griechenland war, heraus gewachsen. Daneben ist nun in der neueren Zeit eine besondere, eine spezielle Philosophie entstanden, die in einer gewissen Summe von Ideen lebt. Es ist nur das Eigentümliche eingetreten, daß diese Philosophie, aus der im Grunde genommen alle anderen Wissenschaften herausgewachsen sind, nun in die Lage gekommen ist, ihr eigenes Dasein gegenüber den anderen Wissenschaften rechtfertigen zu müssen. Die anderen Wissenschaften, die doch aus der Philosophie herausgewachsen sind, beschäftigen sich mit diesem oder jenem anerkannten Wirklichkeitsgebiet. Das Wirklichkeitsgebiet ist für die Sinne oder für die Beobachtung oder für das Experiment da.

[ 17 ] Man kann die Berechtigung, sich wissenschaftlich, erkenntnismäßig damit zu befassen, nicht bezweifeln. Trotzdem alle diese einzelnen Gebiete herausgeboren sind aus der Philosophie, ist die Philosophie heute genötigt, ihr eigenes Dasein zu rechtfertigen, zu sagen, warum sie eine gewisse Summe von Ideen entwickelt, und ob diese Ideen nicht vielleicht ganz unwirklich sind, sich auf gar keine Wirklichkeit beziehen, nur etwas menschlich Ausgedachtes sind. Denken wir nur einmal, wie viele harte Denkarbeit heute darauf verwendet wird, jene Ideen, die übrigens schon einen sehr abstrakten Charakter angenommen haben, die man heute Inhalt der Philosophie nennt, so zu rechtfertigen, daß sie noch in einer gewissen Weise in der Welt ein Ansehen genießen. Sie haben die Wissenschaften erzeugt; diese sind, ich möchte sagen, wohlakkreditiert gegenüber ihren einzelnen Wirklichkeitsgebieten. Philosophie dagegen ist heute nicht akkreditiert. Sie muß eigentlich ihr Dasein als gerechtfertigt erst erweisen. Davon konnte im alten Griechenland nicht einmal die Rede sein. Da fühlte der Mensch, der nur überhaupt bis zur Philosophie sich hin entwickelte, die Wirklichkeit des Philosophierens so, wie der gesunde Mensch die Wirklichkeit des Atmens fühlt. Wenn dagegen der heute Philosophierende seine Philosophie überschaut, dann empfindet er die Abstraktheit, das Kalte, das Nüchterne der Ideen, die er in der Philosophie entwickelt. Er fühlt sich nicht recht robust in der Wirklichkeit drinnen stehend. Nur der im chemischen Laboratorium, im physikalischen Laboratorium oder in der Klinik Arbeitende hat, möchte ich sagen, etwas in der Hand. Wer heute philosophische Ideen in sich trägt und ausführt, der fühlt sich oftmals meilenweit von der Wirklichkeit weg entfernt.

[ 18 ] Dazu kommt ein anderes. Es ist tief begründet, daß Philosophie nicht einen Namen trägt, der bloß auf theoretisches Erkennen hinweist. Liebe zur Weisheit ist Philosophie. Liebe ist etwas, was nicht bloß im Verstande und in der Vernunft, sondern was in der ganzen menschlichen Seele, in dem ganzen menschlichen Gemüt wurzelt. Ein umfassendes seelisches Erleben, das Liebeserleben, hat der Philosophie den Namen gegeben. Der ganze Mensch soll gewissermaßen engagiert sein, indem er Philosophie entwickelt. Und man kann ja schließlich nicht lieben, lieben im wahren Sinne des Wortes dasjenige, was bloß theoretisch, nüchtern und kalt ist. Wenn Philosophie Liebe zur Weisheit ist, so setzt das voraus bei denen, die Philosophie in dieser Weise erlebt haben, daß auch diese Sophia, diese Weisheit, etwas Liebenswertes, etwas Wirkliches, Wesenhaftes sei, etwas, dessen Dasein man ja nicht erst beweisen soll. Denn schließlich, denken Sie: wenn jemand als Mann ein weibliches Wesen oder als Weib ein männliches Wesen lieben sollte, es aber erst nötig fände, das Dasein des oder der Geliebten zu beweisen — nicht wahr, ein ganz absurder Gedanke! Aber bei der Philosophie in ihrem heutigen Sinne ist das nicht anders. Es ist, ich möchte sagen, aus der Philosophie als einem Warmen, herzlich vom Menschen Aufgenommenen, in seiner Existenz Selbstverständlichen etwas Abstraktes, Kaltes, Nüchternes, Theoretisches geworden. Woher kommt das?

[ 19 ] Wenn man nicht mit äußerer Geschichte, sondern mit innerlich erlebter und erfühlter Geschichtserkenntnis zu dem Ursprunge des philosophischen Lebens zurückgeht, dann findet man: Philosophie hat eben ursprünglich im Menschen nicht so gelebt, wie sie heute in ihm lebt. Heute läßt der Mensch im Grunde genommen, wenn er wissenschaftlich denkt, nur dasjenige gelten, was durch die sinnliche Beobachtung oder durch das in dem Felde des Sinnlichen erarbeitete Experiment erworben ist. Das Erworbene wird dann durch den Verstand zusammengefaßt. Was auf diese Weise erworben ist, das ist erworben durch den physischen Menschen. Die Sinne sind physische Organe, sind eingebettet im physischen Menschen. Das, was der physische Menschenkörper erkenntnismäßig erwirbt, wird heute wissenschaftlich anerkannt. Mit dem aber kann man auch nur herangelangen bis zum physischen Menschen selbst. In diesem physischen Menschen kann nicht dasjenige gefunden werden, was die Alten als Philosophie angeschaut haben. Wie gesagt kann ich heute nur einleitend sprechen und werde das, worauf ich hindeute, in den nächsten Tagen weiter auseinanderzusetzen haben; aber eben hindeuten muß ich doch darauf, daß das, was noch in der Blütezeit der griechischen Philosophie Philosophie genannt worden ist — diese innerlich in der Seele erlebte geistige Substanz —, nicht in dem physischen Menschenleib erlebt worden ist, sondern in einer menschlichen Organisation, die als ein ätherischer Mensch den physischen Menschenleib durchsetzt.

[ 20 ] Wir kennen in unserer heutigen Wissenschaft eigentlich nur den physischen Menschen. Wir kennen ja nicht jenen Leib, der als ein feiner ätherischer durchsetzt den physischen Menschenleib, in dem der griechische Philosoph seine Philosophie erlebt hat. In dem physischen Leib erleben wir das Atmen, erleben wir den Sehvorgang. Aber so, wie wir diese physische Menschenorganisation vor uns haben, so ist im Menschen auch ein ätherischer Körper, ein ätherischer Mensch. Schauen wir auf den physischen Körper hin, so schauen wir etwa den Atmungsvorgang, können uns physikalisch oder biologisch den Sehvorgang klarmachen. Schauen wir auf den übersinnlichen ätherischen Menschen, so schauen wir auf den, in dem im griechischen Sinne philosophiert worden ist. Die griechische Menschheitskonstitution war noch so, daß sich der Mensch erfühlte, erlebte in seinem ätherischen Organismus. Und indem er den ätherischen Organismus so anstrengte, so in Tätigkeit überführte, wie man den physischen Organismus zum Beispiel beim Atmen oder beim Sehen in Tätigkeit überführt, entstand im ätherischen Menschen Philosophie. So wie wir niemals im Zweifel darüber sein können, daß das wirklich ist, was wir als Atmungsvorgang haben, weil wir uns unseres physischen Leibes bewußt sind, so konnte der Grieche niemals im Zweifel darüber sein, daß das, was er als Philosophie erlebte, als Weisheit, die er liebte, daß das in der Wirklichkeit wurzelte, denn er war sich seines ätherischen Leibes bewußt. Er war sich bewußt, daß das, was philosophiert, in seinem ätherischen Leibe vor sich geht; er war sich darüber klar.

[ 21 ] Der moderne Mensch hat für seine Erkenntnis den ätherischen Leib verloren; er weiß nicht, daß er einen ätherischen Leib hat. Die traditionelle Philosophie ist dadurch eine Summe von abstrakten Ideen, daß sie als Wirklichkeit nur ansehen kann, was man als Wirklichkeit erlebt, worin man sich philosophisch betätigt. Hat man aber für die Erkenntnis den ätherischen Menschen verloren, dann hat man auch die Wirklichkeit der Philosophie verloren. Man fühlt sie als abstrakt; man fühlt die Notwendigkeit, ihr Dasein zu beweisen.

[ 22 ] Denken Sie sich, der Mensch wüchse in einen noch robusteren, dichteren, materielleren Organismus hinein, als sein physischer ist. Dann würde zum Beispiel der Atmungsvorgang sich allmählich für dieses robustere Erleben sehr verfeinert ausnehmen, und zuletzt würde der Mensch nichts mehr wissen von dem, was jetzt unser physischer Leib ist, so, wie heute der moderne Mensch nichts weiß von seinem ätherischen Leib. Dann würde das Atmen, der Atmungsvorgang, eine Theorie sein, eine Summe von Ideen, und man würde erst «beweisen» müssen, daß das Atmen eine Wirklichkeit ist, wie man heute beweisen muß, daß die Philosophie in einem Wirklichen wurzelt. Der Zweifel an der Wirklichkeit desjenigen, was man lieben soll in der Philosophie, der ist entstanden dadurch, daß der ätherische Leib aus der Erkenntnis des Menschen verloren worden ist. Denn im ätherischen Leib, nicht im physischen Leib, wird die Wirklichkeit der Philosophie erlebt.

[ 23 ] Soll daher wiederum Philosophie als Wirklichkeit empfunden werden, so muß erst die Erkenntnis des ätherischen Menschen aufkommen. Dann wird aus der Erkenntnis des ätherischen Menschen wiederum ein richtiges philosophisches Erleben kommen können.

[ 24 ] Diese Erkenntnis des ätherischen Menschen zu vermitteln, soll der erste Schritt der Anthroposophie sein. Ich will in drei Abschnitten vorgehen und möchte jetzt Herrn Dr. Sauerwein bitten, zu übersetzen. Nach der Übersetzung werde ich fortfahren.


[ 25 ] In der Philosophie hat der Mensch zunächst ein inneres Erlebnis seiner selbst, das Erlebnis seines ätherischen Körpers. Seit die Menschheit begonnen hat nachzudenken, fühlte sie aber auch das Bedürfnis, den einzelnen Menschen einzugliedern in den ganzen Kosmos, in das Universum. Der Mensch braucht nicht nur eine Philosophie, der Mensch braucht auch eine Kosmologie. Er will verstehen, wie er als dieser Einzelne, der dasteht innerhalb seines Organismus an einem bestimmten Ort der Erde, an einem bestimmten Ort der Welt, inwiefern er dem ganzen Weltenall angehört, inwiefern er sich aus diesem ganzen Weltenall heraus entwickelt hat.

[ 26 ] In den ältesten Zeiten der Menschheitsentwickelung fühlte sich der Mensch als ein Glied des ganzen Kosmos. Allein als physischer Mensch kann man sich nicht als ein Glied des ganzen Kosmos fühlen. Was man als physischer Mensch im Erleben zwischen Geburt und Tod in sich trägt, das gehört dem unmittelbaren Leben der physisch-sinnlichen Umgebung an. Darüber hinaus hat der Mensch sein seelisches Innenleben. Dieses seelische Innenleben ist etwas durchaus anderes als das, was der Mensch in seinem physischen Körper aus der physisch-sinnlichen Umgebung in sich trägt. Indem der Mensch sich fühlen, sich empfinden, sich wissen will als ein Glied des ganzen Kosmos, als ein Glied des Universums, muß er auch sein seelisches Innenleben als Teil, als Glied des Universums empfinden, fühlen, wissen.

[ 27 ] In ältesten Zeiten der Menschheitsentwickelung waren die Menschen wirklich imstande, nicht nur durch dasjenige, was man mißverständlich heute Anthropomorphismus nennt, sondern durch ein inneres Anschauen im Universum, im Kosmos Seelisches, Inneres zu schauen. Da konnten die Menschen das, was in ihnen selbst inneres seelisches Leben war, so als ein Glied des seelischen und geistigen Lebens im Universum anschauen, wie man das physisch-sinnliche körperliche Leben des Menschen als einen Teil des natürlichen, des sinnlichen Daseins ansehen kann.

[ 28 ] Aber die Menschen haben in der neuesten Zeit in exakter Weise nur das naturwissenschaftliche Erkennen ausgebildet, das auf Sinnesbeobachtung und Experiment gegründet ist, und auf jenes Denken, das sich nur auf Sinnesbeobachtung und Experiment stützt.

[ 29 ] Aus dem, was man auf diese Weise als naturwissenschaftliche Ergebnisse gewonnen hat, bildete man, indem man die einzelnen Ergebnisse zusammenfaßte, ein universelles Wissen. Aus den einzelnen Ergebnissen der Naturwissenschaft bildete man eine Kosmologie. Allein diese Kosmologie enthält bloß das Bild von sinnlich-wirklichen Tatsachen, im Denken zusammengefaßt. Man bildet sich das Bild eines Universums, aber die einzelnen Teile, die einzelnen Glieder in diesem Bilde sind nur die erkannten Gesetze der sinnlich-physischen Tatsachen.

[ 30 ] In diesem Bilde, das die naturwissenschaftliche Kosmologie der neueren Zeit ausgebildet hat, ist nicht so wie in der Kosmologie der Alten auch das seelische, das geistige Leben darinnen, sondern es ist nur dasjenige darinnen, was naturwissenschaftlich angeschaut werden kann: die sinnliche Welt. In diesem Bilde, das als Kosmologie in der neueren Zeit dasteht, kann sich der Mensch zwar seinem physischen Leibe nach wiederfinden, nicht aber seinem seelischen Innenleben nach.

[ 31 ] In alten Zeiten konnte man das seelische Innenleben aus dem Bilde der Kosmologie herausholen. Aus dem auf Naturwissenschaft gebauten kosmologischen Bilde kann man das seelische Innenleben nicht herausholen. Aber das hängt wiederum damit zusammen, daß die moderne Erkenntnis nicht in derselben Weise auf das geistig-seeliche Innenleben hinschauen kann, wie es eine alte, primitive Erkenntnis gekonnt hat. Was tut denn die moderne Erkenntnis, wenn sie von Seelischem im Leibe spricht? Sie spricht von den Erscheinungen, von den inneren Erlebnissen des Denkens, Fühlens und Wollens, und man sieht das seelische Innenleben so an, daß es ein Ausfluß ist von dem, was in dem Gedanklichen, im Gefühlten, im Gewollten sich vereinzelt und durcheinander auslebt. Man macht sich ein Bild, in dem Denken, Fühlen und Wollen als Tatsache des seelischen inneren Lebens eine Rolle spielen.

[ 32 ] Wenn man das seelisch-geistige Innenleben so betrachtet, kann man dieses Bild niemals davor schützen, daß gesagt werden muß: Ja, was du da erkennst und verzeichnest als ineinanderfließendes Denken, Fühlen, Wollen, das entsteht mit der Geburt, mit dem Keimesleben, entwickelt sich mit dem Kinde und geht mit dem Tode zugrunde. — Es gibt keine Möglichkeit einer wissenschaftlichen Einsicht, die dieses Bild eines seelischen Lebens davor schützen könnte, so angesehen zu werden, daß dieses seelische Leben mit dem Tode verschwindet. Denn in der Tat: dieses Denken, Fühlen und Wollen erscheint zwischen Geburt und Tod innig verbunden mit dem physisch-körperlichen Leibesleben. Und ebenso wie wir die Glieder wachsen sehen, so sehen wir das Denken, das Fühlen heranwachsen. Wie wir den Körper verkalken und dem physischen Niedergang entgegengehen sehen, so sehen wir mit dem Körperlichen die Erscheinungen des Denkens, Fühlens und Wollens sich allmählich ablähmen.

[ 33 ] Was den alten Anschauungen eigen war, das war eine Erkenntnis des seelischen Innenlebens, die sich hinaushob über dasjenige, was im bloßen Denken, Fühlen und Wollen lebt. Man sah hin auf eine Grundlage des seelischen Innenlebens, die sich im Denken, Fühlen und Wollen nur verbirgt, von der Denken, Fühlen und Wollen der Abglanz sind. Denken, Fühlen und Wollen sehen wir entstehen und sich weiterentwickeln zwischen Geburt und Tod. Was darunter liegt, wovon Denken, Fühlen und Wollen der äußere Abglanz ist, das sah ein älteres, primitives hellsichtiges Erkennen als den astralischen Menschen.

[ 34 ] So, wie man zunächst den ätherischen Menschen als einen übersinnlichen Menschen im physischen Menschen erkennt, kann man im physisch-ätherischen Menschen den astralischen Menschen als ein höheres Glied erkennen. Dieser astralische Mensch besteht nicht in Denken, Fühlen und Wollen; er liegt dem Denken, Fühlen und Wollen zugrunde. {Er ist das, was aus geistig-seelischen Welten sich hereinlebt in das Dasein, das wir zwischen Geburt und Tod verbringen. Dieser astralische Mensch ist das, was sich mit dem physischen und ätherischen Körper umkleidet zwischen Geburt und Tod und das wiederum nach dem Tode in eine geistig-seelische Welt hinaus geht. Dieser astralische Mensch ist dasjenige im Menschen, dem gegenüber Geburt und Tod nur Erscheinungsformen sind.

[ 35 ] Denken, Fühlen und Wollen kann man nur innerhalb der physischen Organisation des Menschen verstehen und nur finden zwischen Geburt und Tod. Da entwickelt es sich, da lähmt es sich allmählich ab, da verschwindet es auch. Was als astralischer Mensch dem Denken, Fühlen und Wollen, diesem seelischen Innenleben zugrunde liegt, das geht über den physischen und über den ätherischen Menschen hinaus; es läßt sich eingliedern in eine kosmische, in eine universelle Welt. Das ist nicht eingeschlossen innerhalb der physischen Organisation des Menschen.

[ 36 ] Wir brauchen, um zu einer umfassenden Kosmologie zu kommen, eine Erkenntnis des ätherischen und astralischen Menschen, von dem Denken, Fühlen und Wollen ein Abglanz sind. Aber Denken, Fühlen und Wollen stehen in der einzelnen menschlichen Individualität da, lassen sich nicht kosmisch eingliedern. Dasjenige aber, was ihnen als Hintergrund zugrunde liegt, was in ihnen zwischen Geburt und Tod verborgen ist, was nur einer primitiven oder exakten Clairvoyance zugänglich ist, das läßt sich einem geistigen Kosmos eingliedern, von dem der physisch-sinnliche Kosmos nur das Abbild ist.

[ 37 ] Die moderne Kosmologie ist nur ein Überbau über naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse, eine Zusammenschließung dessen, was als Tatsache in dem Physisch-Sinnlichen da ist. In das Bild einer solchen Kosmologie läßt sich das Innenleben des Menschen nicht eingliedern, aber man hat nur eine solche Kosmologie, weil die moderne Erkenntnis überhaupt nicht ein Bild des astralischen Menschen gibt. Wer das seelische Leben nur als eine Zusammensetzung von Denken, Fühlen und Wollen erkennt, der kann dieses seelische Leben nicht geschützt denken über Geburt und Tod hinaus. Erst, wenn man vom Denken, Fühlen und Wollen fortschreitet zu dem, was sich in ihnen verbirgt, zu dem astralischen Menschen, kommt man zu jenem Menschlichen, das nicht mehr an den physischen Leib gebunden ist und das sich in den Kosmos, in das geistig-seelische Universum eingegliedert denken läßt. Aber man wird niemals einen solchen geistigen Kosmos wiederfinden, nachdem man ihn verlassen hat, weil man die Erkenntnis des astralischen Menschen verloren hat. Man wird niemals einen solchen geistigen, einen solchen seelischen Kosmos im Bilde aufbauen können, wenn man nicht erst wiederum zum Bilde des astralischen Menschen gelangt.

[ 38 ] Die Möglichkeit einer Kosmologie, welche wieder Geistig-Seelisches enthält, hängt ab von dem Aufbau einer Erkenntnis des astralischen Menschen. Wir werden nur eine äußerliche Kosmologie haben, die Sinnlich-Physisches umfaßt — dann wird der Mensch nicht mitumfaßt werden von dieser Kosmologie. Wir haben eine solche sinnlich-physische Kosmologie bekommen, weil die Erkenntnis des astralischen Menschen verlorengegangen ist. Wird die Erkenntnis des astralischen Menschen wieder errungen, dann ist auch die Möglichkeit einer Kosmologie vorhanden, die ein Bild des Kosmos enthält, das den Menschen mitumfaßt.

[ 39 ] So handelt es sich darum, daß man dazu gelangt, eine Erkenntnis des astralischen Menschen zu entwickeln. Dann wird dadurch auch wieder errungen werden können eine wahre, den Menschen mitumfassende Kosmologie.

[ 40 ] Das soll der zweite Schritt der Anthroposophie sein. Wie es sich mit dem dritten Schritt verhält, werde ich, nachdem Dr. Sauerwein so gut war, den zweiten Teil zu übersetzen, im dritten Abschnitt meines Vortrags besprechen.


[ 41 ] Außer dem, daß sich der Mensch, wie etwa im philosophischen Erleben, in sich zusammengefaßt erlebt, und daß er sich erlebt, wie es die Kosmologie darstellt, als ein Glied des Kosmos, außer dem erlebt sich der Mensch als in einer Wesenheit, durch die er sowohl gegenüber seiner eigenen physischen Körperlichkeit wie gegenüber dem Kosmos, dem er als ein Glied angehört, selbständig ist. Unabhängig von sich als seiner Leiblichkeit, unabhängig von seiner Gliedlichkeit gegenüber dem Kosmos fühlt sich der Mensch, wenn er auf sich als den eigentlichen Geistesmenschen hinweist, auf den eigentlich gegenwärtig nur hingedeutet wird, wenn wir das Wörtchen Ich aussprechen.

[ 42 ] Wenn wir das Wörtchen Ich aussprechen, so meinen wir doch dasjenige in unserer Wesenheit, das weder von unserem physischen Leibe, noch von unserem ätherischen Körper, noch von unserem astralischen Körper, insofern wir durch diesen ein Glied des Kosmos sind, umfaßt wird, sondern was eine innerliche, auf sich selbst gestellte Wesenheit ist. Diese Wesenheit fühlen wir als einer besonderen Welt, als der göttlichen Welt angehörig, von welcher der Kosmos nur der äußere Abglanz, das äußere Abbild ist. Wir fühlen als Menschen, indem wir uns als Ich ansprechen, daß diese Wesenheit, daß der Geistesmensch, auf den mit dem Wörtchen Ich hingedeutet wird, mit all dem, was im Kosmos enthalten ist, eigentlich nur umkleidet ist, und daß auch diese physisch-sinnliche Körperlichkeit eine Umkleidung des eigentlichen Wesens ist. Indem der Mensch in älteren Zeiten durch ein gewisses innerliches, wenn auch primitives Schauen, diese sowohl von der eigenen Leiblichkeit wie von dem Kosmos unabhängige Menschen-Wesenheit erlebte, wußte er sich einer göttlichen Welt angehörig. Aber er wußte sich auch zwischen Geburt und Tod herausgestellt aus dieser göttlichen Welt; er wußte sich zwischen Geburt und Tod eingekleidet in einen physischen Leib. Er wußte sich zwischen Geburt und Tod hineingestellt in den seelisch-physischen Kosmos. Er wußte sozusagen, daß seine eigentliche Wesenheit, seine Ich-Wesenheit, durch das Kosmische, durch das Physisch-Leibliche verborgen ist, und er suchte nach einer Vereinigung dieser Ich-Wesenheit mit der göttlichen Welt, der doch diese Ich-Wesenheit angehört.

[ 43 ] Damit gelangte der Mensch gerade in primitiveren, in älteren Zeiten mit dem innerlich geschauten Erlebnis der Ichheit über den physischen, über den ätherischen Körper und über seine astralische Wesenheit hinaus in das Erfühlen des Ich, und er gelangte zu einer Vereinigung, religio, mit der göttlichen Welt. Das religiöse Leben war dasjenige, in welches die Erkenntnis, die eine philosophische war, die eine kosmologische war, einmündete. Der Mensch fand sich gewissermaßen vereinigt mit dem, wovon ihn sein eigener Leib trennte, wovon ihn der äußerlich angeschaute, sinnlich-seelische Kosmos trennte. Er fand sich vereinigt mit dieser göttlichen Welt im religiösen Erleben. Das religiöse Erleben war die höchste Blüte des Erkenntniserlebens.

[ 44 ] Aber wovon war dieses religiöse Erleben auf primitiven Stufen der Menschheitsentwickelung abhängig? Es war abhängig von einem wirklichen inneren Erleben der Ichheit, des eigentlichen Geistesmenschen. Nur wenn das Ich erlebt wird, kann für dieses Ich auch wiederum ersehnt und erlebt werden die Vereinigung mit der göttlichen Welt: das religiöse Empfinden.

[ 45 ] Was aber ist der modernen Erkenntnis das Ich geworden, der eigentliche Geistesmensch? Der modernen Erkenntnis ist das Ich dasjenige geworden, wodurch als in einer abstrakten Idee die Tatsachen des Denkens, des Fühlens und Wollens zusammengefaßt werden. Eine Art kosmisches oder höchstens irgendein anderes zusammenfassendes Formelhaftes aus Denken, Fühlen und Wollen, jedenfalls etwas sehr Abstraktes ist nun das Ich geworden. Selbst Philosophen kommen zu einer Beschreibung, zu einer Charakteristik des Ich, indem sie die Erlebnisse des Denkens, Fühlens und Wollens wie in einem Abstraktum zusammenfassen.

[ 46 ] Aber in dem, was man so als eine Zusammenfassung von Denken, Fühlen und Wollen im Ich hat, darin hat man nichts gefunden, was nicht jede Nacht, wenn der Mensch schläft, widerlegt wird. Nehmen Sie die Charakteristiken der modernen Philosophen, zum Beispiel Bergsons, vom Ich. Sie werden in diesen Charakteristiken überall nur etwas finden, was in jedem Schlafe widerlegt wird, denn das, was von diesen Begriffen, von diesen Ideen vom Ich aufgenommen wird, das wird im Schlafe ausgelöscht. Die Realität widerlegt diese Definitionen, diese Charakteristiken vom Ich! Und das, was ich hier sage, wird nicht dadurch aus der Welt geschafft, daß man etwa sagt, gedächtnismäßig werde nach dem Schlafe wieder angeknüpft an das Ich. Es handelt sich nicht um Interpretationen, es handelt sich um Tatsachen. Das heißt aber: Die moderne Erkenntnis, auch die feinst-philosophische, hat eine Erkenntnis des Ich, des eigentlichen Geistesmenschen, verloren, damit aber auch den Erkenntnisweg zum Religiösen.

[ 47 ] So hat es sich denn herausgebildet, daß in der neueren Zeit neben die Erkenntnis, die sich nur erstreckt auf die dem Menschen in Beobachtung und Experiment erreichbare Welt, sich hinstellen die Traditionen, die man in einem wirklichen wahren religiösen Leben früherer Zeiten einmal gehabt hat, die man historisch aufnimmt, zu denen man aber den Erkenntnisweg nicht mehr hat, daher nur an sie glaubt. So stellen sich für den modernen Menschen, der die Erkenntnis nicht hingelangen lassen will bis zum religiösen Erleben, Wissen und Glauben nebeneinander. Aller Glaubensinhalt, der heute existiert, war einmal ein alter Erkenntnisinhalt, der nur als Reminiszenz heraufgebracht wird, indem die Tradition sich ihn erhalten hat. Es gibt keinen Glaubensinhalt, der . nicht Reminiszenz eines alten Erkenntnisinhaltes ist. Und weil man heute die lebendige Anschauung, die Anschauung durch exakte Clairvoyance von dem wahren Ich, das nicht von jedem Schlafe abgelähmt wird, sondern das dem Schlafzustand und dem Wachzustand zugrunde liegt, weil man die exakte, clairvoyante Erkenntnis des Ich nicht hat, deshalb hat man auch nicht die Fortsetzung des Erkenntnisweges in den religiösen Weg hinein und stellt den Glauben, der eigentlich nur alte Traditionen als Reminiszenzen wieder heraufbringt, neben das Wissen hin.

[ 48 ] Daß heute das, was einstmals Einheit war — Erkenntnis der physischen Welt und Erkenntnis der göttlichen Welt —, daß das zerfällt in zwei äußerlich nebeneinanderstehende Gebiete, Wissen und Glauben, das rührt davon her, daß die alte, primitive hellseherische Anschauung von dem wahren Ich — das nicht so charakterisiert wird, daß jeder Schlaf es auslöscht, sondern das angeschaut wird als die Grundlage des Menschen, auch wenn der Schlaf Denken, Fühlen und Wollen auslöscht —, daß diese alte Erkenntnis verlorengegangen ist und daß die exakte Clairvoyance noch nicht vorgeschritten ist zu der Anschauung der wirklichen Ichheit des Menschen: des Geistesmenschen.

[ 49 ] Erst, wenn wiederum eine exakte Clairvoyance bis zur Anschauung der wahren Ichheit des Menschen fortschreiten will — wie sie fortschreiten muß zur Anschauung des ätherischen Wesens des Menschen, des astralischen Wesens des Menschen —, dann wird eine geradlinige Fortsetzung von der Erkenntnis der äußeren Welt zu der Erkenntnis der göttlichen Welt stattfinden. Dann wird wiederum einmünden Wissenschaft in das religiöse Leben.

[ 50 ] Wir haben darum die Spaltung zwischen Wissen und Glauben, weil wir die lebendige, clairvoyante Anschauung des wahren Ich, des vierten Gliedes der menschlichen Wesenheit, verloren haben. Deshalb ist es auch die Aufgabe des neueren Geisteslebens, diese Erkenntnis des wahren Ich durch exakte Clairvoyance wiederum herbeizuführen. Dann wird sich wieder der Weg ergeben, aus der Welterkenntnis heraus zur Gotteserkenntnis weiterzuschreiten, aus der Weltauffassung heraus wieder zum religiösen Leben zu kommen, und den Glauben nur sein zu lassen als eine besondere höhere Art des Wissens, nicht als etwas spezifisch vom Wissen Verschiedenes.

[ 51 ] Was wir also nötig haben, ist die Möglichkeit einer wirklichen IchErkenntnis. Daraus ergibt sich dann auch die Möglichkeit eines neuen religiösen Erlebens. Diese Ich-Erkenntnis so herbeizuführen, daß sie dasteht innerhalb der spirituellen Wissenschaft wie die vorhin charakterisierte Erkenntnis des ätherischen Menschen, der nicht im physischen Menschenkörper wahrgenommen wird, wie die Erkenntnis des astralischen Menschen, der über Geburt und Tod erhaben ist, so auch die Erkenntnis des Ich, das über Schlafen und Wachen erhaben ist, als der Hintergrund von Schlafen und Wachen — diese Erkenntnis herbeizuführen und damit die Erneuerung des Lebens zu bewirken, das soll nun der dritte Schritt der Anthroposophie sein. Auf diese Weise soll sich organisch ergeben von dem Gesichtspunkt anthroposophischer Forschung aus:

[ 52 ] eine moderne Philosophie durch die exakte clairvoyante Erkenntnis des ätherischen Leibes,

[ 53 ] eine den Menschen umfassende Kosmologie durch eine klare Erfassung der astralischen Wesenheit des Menschen,

[ 54 ] eine Erneuerung des religiösen Lebens durch eine exakte clairvoyante Erfassung des wahren, über Schlaf und Wachen erhabenen menschlichen Ich.

[ 55 ] Von diesem Gesichtspunkt aus werde ich mir erlauben, in den nächsten Vorträgen Philosophie, Kosmologie und Religion weiter zu betrachten.