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Die Philosophie, Kosmologie und Religion in der Anthroposophie
GA 215

8 September 1922, Dornach

3. Imaginative, inspirierte und intuitive Erkenntnismethoden

[ 1 ] Durch die Meditationsübungen, die zur imaginativen Erkenntnis führen sollen, wird das gesamte seelische Innenleben des Menschen verwandelt. Ebenso werden verwandelt die Beziehungen der Menschenseele zur umliegenden Welt. Es handelt sich ja darum, daß Meditieren in dem Sinne, wie es in den letzten Vorträgen hier gemeint war, besteht in einem Konzentrieren aller Seelenkräfte auf einen bestimmten, leicht überschaulichen Vorstellungskomplex. Es ist wichtig, daß man dies ins Auge faßt: ein leicht überschaulicher Vorstellungskomplex, ein solcher, auf den das Geistig-Seelische des Menschen in der unmittelbaren Gegenwart alle Aufmerksamkeit verwenden kann, so daß während des Ruhens der Seele auf diesem Vorstellungskomplex nichts in sie einfließt von irgendwie unterbewußten oder unbewußten oder irgendwie aus der Erinnerung heraufspielenden Seeleneindrücken.

[ 2 ] Man muß, wenn die imaginative Erkenntnis in der richtigen Weise herbeigeführt werden soll, beim Meditieren den ganzen Vorstellungskomplex, dem man sich mit allen Seelenkräften hingibt, so vor sich haben wie etwa ein mathematisches Problem, so daß in das Meditieren nichts hineinspielt von gefühlsbetonten Vorstellungen oder von willensdurchzogenen Vorstellungen. Wenn man sich einem mathematischen Problem hingibt, weiß man in jedem Augenblick, daß man mit der Seelentätigkeit in dem verharrt, was man unmittelbar vor dem Seelenauge hat. Man weiß, daß nichts Emotionelles, nichts Gefühlsmäßiges, keine Reminiszenzen aus dem verflossenen Leben in das hineinkommen dürfen, was man sich vorstellt und was zur Urteilsfällung in dem betreffenden Problem führt. In einer solchen Seelenverfassung muß man auch sein bei dem richtigen Meditieren.

[ 3 ] Dann ist es am besten, wenn man sich möglichst einem solchen Vorstellungskomplex hingibt, der einem ganz neu ist, von dem man weiß, daß man ihn ganz gewiß noch niemals gedacht hat. Denn wenn man einfach aus der Erinnerung etwas heraufholen würde, so könnte man ja gar nicht wissen, was da alles an unbewußten, gefühlsmäßigen Impulsen hineinspielt. Es ist daher für den Meditanten außerordentlich gut, wenn er sich von einem erfahrenen Geistesforscher raten läßt, denn dieser wird darauf sehen, daß der Meditierende einen Vorstellungsinhalt habe, über den er ganz gewiß bisher nicht gedacht haben kann, so daß dasjenige, was nunmehr meditiert wird, zum ersten Male in das Bewußtsein eintritt, nichts Erinnerungsmäßiges, nichts von Instinktivem hineinspielen kann und nur das Geistig-Seelische bei diesem Meditieren engagiert ist.

[ 4 ] Wenn dann eine solche Meditation, die an einem Tage nur kurz zu sein braucht, immer wiederholt wird, dann kommt endlich ein Seelenzustand zustande, der den Menschen ganz deutlich fühlen läßt: Jetzt lebst du in einer inneren Tätigkeit, die sich losgelöst hat von dem physischen Leibe; jetzt lebst du in einer Tätigkeit, die anders ist, als wenn du deine Denktätigkeit oder deine Gefühls- oder Willenstätigkeit innerhalb des physischen Leibes auslösest. — Was einem da besonders entgegentritt, das ist, daß man deutlich fühlt: Man lebt in einer von der physischen Körperlichkeit getrennten Welt. — Man lebt sich eben allmählich in die ätherische Welt hinein und das fühlt man daran, daß der eigene Organismus, der physische Organismus, den Charakter einer relativen Objektivität annimmt. Man schaut gewissermaßen von außen auf diesen physischen Organismus hin, so wie man sonst vom Innern dieses physischen Organismus auf äußere Gegenstände schaut. Aber was sich im inneren Erleben zeigt, daß das Meditieren von Erfolg begleitet war, das ist, daß die Gedanken gewissermaßen dichter werden, daß sie nicht nur den Charakter tragen, den sie sonst haben, nämlich den des Abstrakten, sondern daß man in den Gedanken etwas erlebt, was ähnlich ist den Wachstumskräften, die einen vom kleinen Kinde zum erwachsenen Menschen gemacht haben, oder den Kräften, die täglich in einem tätig sind, wenn der Stoffwechsel den Leib versorgt.

[ 5 ] Das Denken nimmt durchaus einen realen Charakter an. Und gerade weil das Denken einen realen Charakter annimmt, so daß man sich jetzt in dem Denken fühlt, wie man sich früher in seinen Wachstumsprozessen oder in seinen Lebensprozessen gefühlt hat, gerade aus dem Grunde muß dieses imaginative Denken auf die eben beschriebene Art erworben sein. Denn wenn man es so erworben hätte, daß Unbewußtes, vielleicht sogar Körperliches beim Meditieren mitgespielt hätte, so würden jene Kräfte, jene Realitäten, die man jetzt im übersinnlichen Denken erlebt, auch wiederum zurückspielen in den physischen und in den ätherischen menschlichen Organismus. Sie würden sich dort vereinigen mit den Wachstumskräften, mit den Ernährungskräften und man würde, indem man dann in einem solchen realen Denken verharrt, seinen physischen und seinen ätherischen Organismus verändern. Das darf aber auf keine Weise sein! Alle Tätigkeit, die man zum Ziele dieser imaginativen Erkenntnis ausführt, alle diese Kräfte müssen lediglich angewendet werden auf das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt und sie dürfen in keiner Weise eingreifen in den physischen oder ätherischen Organismus. Diese beiden müssen völlig unverändert bleiben, so daß der Mensch, wenn er sich eine dahingehende Fähigkeit erwirbt, indem er jetzt gewissermaßen mit seinem Denken in der ätherischen Welt schwebt, zurückblickt mit seinem Denken auf seinen unveränderten physischen Leib. Der ist so geblieben, wie er war; da greift dieses ätherische Denken nicht ein.

[ 6 ] Man fühlt sich also mit diesem ätherischen Denken ganz außerhalb seines physischen Leibes, aber es muß dieses Außerhalbstehen stets durch freie Willkür wieder abgewechselt werden können mit dem völligen Drinnenstehen im physischen Organismus. Wer in der richtigen Weise durch Meditation das imaginative Erkennen herbeigeführt hat, der muß in dem einen Augenblick in diesem ätherischen Denken sein können, das sich innerlich wie ein Wachstums-, wie ein Ernährungsprozeß erlebt und sich durchaus wie etwas Reales innerlich fühlt, und er muß im nächsten Augenblicke wieder, indem dieses Denken verschwindet, zurückkehren können in seinen physischen Leib und mit seinen Augen so sehen können, wie er gewöhnlich sieht, muß mit seinen Ohren so hören können, wie er sonst hört, muß so tasten können wie sonst. Dieses in völlig freier Willkür mögliche Hin- und Herschweben zwischen einem Sein im physischen Leibe und außerhalb desselben im Ätherischen muß stets herbeigeführt werden können. Dann ist ein richtiges imaginatives Denken erreicht. Wie das nun wirkt, möchte ich im zweiten Teile des Vortrages darlegen.


[ 7 ] Für den, der ein Geistesforscher werden will, ist notwendig, daß er lange Zeit hindurch in systematischer Weise die mannigfaltigsten Übungen durchmacht. Durch das, was ich soeben prinzipiell angedeutet habe, wird man aber immerhin dazu kommen, das ätherische Denken so weit zu erleben, daß man das, was ein Geistesforscher an Aussagen macht, kontrollieren kann, obwohl diese Kontrolle auch durch den gewöhnlichen gesunden Menschenverstand durchaus möglich ist, wenn er nur unbefangen und vorurteilslos genug ist.

[ 8 ] Man muß das Meditieren, wenn es in der richtigen Weise zu einem Erfolg führen soll, unterstützen durch gewisse andere Seelenübungen. Vor allen Dingen müssen immer mehr und mehr solche Seeleneigenschaften ausgebildet werden wie Charakterstärke, innere Wahrhaftigkeit, eine gewisse Seelenruhe und vor allen Dingen eine völlige Besonnenheit. Das muß immer wiederholt werden: eine Besonnenheit, die sowohl die Meditationsübungen selbst wie dann auch alles, was in ihrer Folge als exaktes Hellsehen unternommen wird, in einer solchen Seelenstimmung und Seelenverfassung verrichten läßt, wie man beim Mathematisieren ist. Wenn man solche Eigenschaften wie Charakterstärke, innere Wahrhaftigkeit, Besonnenheit, eine gewisse Seelenruhe gewohnheitsmäßig hat, dann ist der Meditationsvorgang imstande, wenn er immer wieder wiederholt wird — bei dem einen dauert es nach seinen Anlagen vielleicht nur wenige Wochen, bei manchem kann es Jahre dauern —, seine Ergebnisse dem ganzen physischen und ätherischen Menschenorganismus einzuprägen, so daß der Mensch wirklich zu einer solchen inneren Tätigkeit im imaginativen Erkennen kommt, wie er sonst in einer Tätigkeit ist durch seinen physischen Leib im sinnlichen Anschauen der Welt und im Denken durch den Körper.

[ 9 ] Wenn der Mensch ein solches imaginatives Erkennen erlangt hat, dann ist er zunächst imstande, den eigenen Lebenslauf, den er von Kindheit auf bis zum gegenwärtigen Augenblicke durchlebt hat, wie in einer Einheit, wie in einem Zeittableau zu überschauen. Man hat ein fortwährendes innerlich bewegtes Werdendes vor sich als seinen eigenen Lebenslauf. Das ist aber, indem man durch das imaginative Erkennen diesen Lebenslauf jetzt betrachtet, nicht etwa gleich dem, was man sonst wie Erinnerung an das Leben vor sich hat, sondern was man nun vor sich hat, ist so real, wie eben die Wachstums-, die Lebenskräfte sind, die aus dem Körper des kleinen Kindes heraus die ganze seelische Konfiguration treiben, dann im weiteren Verlaufe das Denken und so weiter treiben. Alles, was sich da innerlich herausarbeitet, was die Entwickelung des ätherischen Organismus des Menschen im Laufe des Lebens ist, das überschaut man. Von dem, was man so überschaut und was viel realer ist als das Tableau der Erinnerungen, von dem sind die Erinnerungen, die in das gewöhnliche Bewußtsein eintreten, nur wie eine Art Abglanz, wie eine obere Welle, die aufgeworfen wird von Tiefenvorgängen, in die man jetzt eindringt, Tiefenvorgängen des Lebens, ätherischen Vorgängen, die sonst gar nicht ins Bewußtsein eintreten, uns aber gestalten, formen, uns im Leben werden lassen von unserer Geburt bis zum gegenwärtigen Augenblick.

[ 10 ] Diese Tatsachen, diese Prozesse treten vor dem imaginativen Bewußtsein auf. Das gibt dem Menschen eine wirkliche Selbsterkenntnis zunächst seines irdischen Lebens. Wie man zur Selbsterkenntnis des außerirdischen Lebens kommt, wird sich uns noch in den nächsten Tagen zeigen. Denn eigentlich besteht der erste Schritt des übersinnlichen Erkennens darin, daß einem das eigene Ätherleben, wie man es von der Kindheit bis zum gegenwärtigen Augenblick verbracht hat, in seinem übersinnlichen Charakter entgegentritt. Man lernt sich dadurch erst richtig verstehen, und was man auf diese Weise erlebt, das spiegelt sich wiederum durch den eigenen physischen und ätherischen Organismus so, daß man in dem, was man auf diese Weise als die eigenen ätherischen Vorgänge erlebt, etwas hat, was einem zeigt, wie der gesamte ätherische Kosmos sich im einzelnen Menschen auslebt, wie die äußere ätherische Welt, ich möchte sagen, weiter wellt und schwingt in dem ätherischen Organismus des Menschen.

[ 11 ] Jetzt kann man sagen, daß man das, was man so erlebt, in sprachlich-begriffliche Form kleiden kann, und aus dem imaginativen Erleben der Welt in dem ätherischen Menschen kann eine wahre Philosophie entstehen. Was man so erlebt, bleibt aber für das gewöhnliche Bewußtsein durchaus unbewußt. Voll in dieser Tätigkeit, in die sich da der Mensch durch das imaginative Erkennen einfügt, lebt eigentlich nur das ganz kleine Kind, bevor es sprechen gelernt hat. Denn indem es sprechen lernt, indem sich die Sprache im Seelenleben herausbildet, sondern sich aus den allgemeinen Wachstums- und sonstigen Lebenskräften jene Kräfte ab, die dann als abstraktes Denken erlebt werden. Das Kind hat dieses abstrakte Denken noch nicht. Die Metamorphose eines Teiles der Wachstums- und Lebenskräfte zu Denkkräften hat sich noch nicht vollzogen. Daher ist das Kind gegenüber dem Kosmos in einer Tätigkeit, in die man sich wieder zurückversetzt fühlt durch das imaginative Erkennen, nur, daß das Kind es unbewußt erlebt. Der imaginative Denker erlebt es vollbewußt in klarer Besonnenheit.

[ 12 ] Für den Menschen, der nicht das imaginative Denken erringt, ist es unmöglich, dasjenige zu überschauen, was da spielt zwischen dem menschlichen ätherischen Organismus und dem Ätherischen im Kosmos. Das Kind kann es nicht schauen, obwohl es das unmittelbar erlebt, weil es noch kein abstraktes Denken hat; der Mensch mit dem gewöhnlichen Bewußtsein kann es nicht schauen, weil er sein abstraktes Denken noch nicht durch Meditation vertieft hat. Vertieft er es durch Meditation, dann schaut er vollbewußt im Grunde genommen jenes Wechselspiel des ätherischen menschlichen Organismus mit dem Ätherischen im Kosmos, in dem noch ungeteilt das ganz kleine Kind lebt. Und so möchte man den paradoxen Satz aussprechen: Der allein ist ein wirklicher Philosoph, der als reifer Mensch wiederum in seiner Seelenverfassung zum ganz kleinen Kinde werden kann, der aber die Gabe sich erworben hat, diese Seelenverfassung des kleinen Kindes in einem wacheren Zustande zu erleben, als das Wachsein des gewöhnlichen Bewußtseins ist, und wiederum heraufzuholen in sein ganzes Seelenleben das, was man war als ganz kleines Kind, bevor man durch die Sprache zum abstrakten Denken übergegangen ist. — Und das, was man so erlebt, vollbewußt zu überschauen, das gibt den Philosophen der modernen Zeit. Der Philosoph der modernen Zeit lebt in der — vollbewußten — Verfassung des ganz kleinen Kindes, bevor es sprechen gelernt hat.

[ 13 ] Das ist das Paradoxe, was, wie ich denke, ganz besonders deutlich machen kann, wie sich die Menschenseele tatsächlich innerhalb des modernen Geisteslebens zu einer wirklichen, realen philosophischen Seelenverfassung aufschwingen wird.


[ 14 ] Zu einer vollständigen übersinnlichen Erkenntnis ist notwendig die Erweiterung der meditativen Übungen zu demjenigen, was zur Inspiration führen kann. Man kommt dazu, wenn man nicht nur jenes Ruhen der Seele auf Vorstellungskomplexen übt, wie es bisher beschrieben worden ist, sondern wenn man — prinzipiell ist das auch schon in diesen Tagen erwähnt worden — auch das Fortschaffen solcher durch Meditation oder infolge der Meditation ins Bewußtsein getretener Bilder vermag. So, wie man durch völlig freie Willkür die Bilder des imaginativen Erkennens herbeigeführt hat, muß man auch in die Lage kommen, diese Bilder wiederum aus dem Bewußtsein, aus dem Seelenleben fortzuschaffen. Es ist eine größere Energie der Seele notwendig, um Bilder, die entweder durch das meditative Leben oder infolge desselben auftreten, wieder fortzuschaffen, als etwa, um Vorstellungen fortzuschaffen, die ins Bewußtsein eingetreten sind entweder aus dem Gedächtnis heraus oder aus der gewöhnlichen sinnlichen Anschauung. Man braucht mehr Kraft, um meditative Vorstellungen, imaginative Bilder aus dem Bewußtsein fortzuschaffen als solche gewöhnliche Vorstellungen. Aber diese stärkere Kraft, welche die Seele anwenden muß, ist notwendig zum Fortschreiten in der übersinnlichen Erkenntnis.

[ 15 ] Man erlangt diese Kraft, indem man sich immer mehr und mehr bemüht, wenn die imaginativen Bilder aufgetreten sind, das Bewußtsein davon frei zu machen und nichts anderes ins Bewußtsein eintreten zu lassen. Dadurch tritt das auf, was man nennen kann, ein bloßes Wachsein, ohne daß irgendein Seeleninhalt da ist. Dieses bloße Wachsein führt dann zur Inspiration. Denn wenn die Seele auf diese Weise durch die starke Kraft ihrer Selbstbefreiung von imaginativen Bildern zum leeren Bewußtsein gekommen ist, dann strömen die geistigen Inhalte des Kosmos in diese leergewordene aber wache Seele ein. Dann hat man nach und nach vor sich und um sich einen geistigen Kosmos, wie man als sinnlicher Mensch im gewöhnlichen Bewußtsein einen physisch-sinnlichen Kosmos um sich hat.

[ 16 ] Das, was man jetzt im geistigen Kosmos erlebt, stellt sich einem so dar, daß es auf dasjenige zurückweist, was man in der Sinneswelt erlebt hat. Man hat in der Sinneswelt erlebt Sonne, Mond, Planeten, Fixsterne und anderes Tatsächliches eben der physisch-sinnlichen Welt. Indem man jetzt den geistigen Kosmos aufzufassen vermag durch das leergewordene Bewußtsein, indem man die Inspiration durchmacht, erlebt man die Offenbarung des geistigen Wesens der Sonne, die Offenbarungen des geistigen Wesens des Mondes, des geistigen Wesens der Planeten und der Fixsterne. Und wiederum muß es so sein, daß der Mensch in freier Willkür das, was er im Geistigen als Kosmos erlebt, zurückbeziehen kann auf das, was er durch seinen physischen Leib als physisch-sinnlichen Kosmos erlebt hat. Man muß sagen können: Ich erlebe jetzt ein geistiges Wesenhaftes, das sich offenbart; das muß ich beziehen als den Sonnengeist auf das, was ich in der physisch-sinnlichen Welt als die physisch-sinnliche Sonne erlebe; und ich erlebe ein geistig-seelisches Wesen, das sich offenbart, und ich muß es als das geistige Wesen des Mondes zurückbeziehen können auf das, was ich in der physisch-sinnlichen Welt als den Mond erlebe und so weiter.

[ 17 ] Wiederum muß der Mensch frei sich hin- und herbewegen können, aber indem er gleichzeitig in der geistigen Welt und in der physisch-sinnlichen drinnen ist. Er muß sich mit seinem Seelenleben frei hin- und herbewegen können zwischen den geistigen Offenbarungen des Kosmos und zwischen dem, was er als physisch-sinnliche Offenbarungen innerhalb des physischen Erdenlebens zu erleben gewohnt ist. Wenn man so das Geistige der Sonne bezieht auf das Physische der Sonne, das Geistige des Mondes auf das Physische des Mondes und so weiter, so ist das ein ähnlicher Seelenvorgang, als er etwa vorliegt, wenn man eine neue Wahrnehmung hat und sich an etwas erinnert, was man früher erlebt hat. Wie man etwas, was einem in einer neuen Wahrnehmung entgegentritt, um es sich zu verdeutlichen, mit dem zusammenbringt, was man schon erlebt hat, so bringt man im wirklich freien inspirativen Leben dasjenige, was man als Offenbarungen kosmischer geistiger Wesenheiten erlebt, mit dem zusammen, was man innerhalb der physisch-sinnlichen Welt erlebt hat. Es ist hier so, als ob das Erleben im Geistigen neue Ahnungen gäbe an das, was man früher in der Sinneswelt durch seinen physischen Leib erlebt hat. Und man muß die volle Besonnenheit haben, diesen höheren Grad der übersinnlichen Erkenntnis, der etwas Überwältigendes hat, in derselben ruhigen Seelenverfassung zu erleben wie das Zusammenbringen einer neuen Wahrnehmung mit einer alten Erinnerung.

[ 18 ] Dieses Erleben durch Inspiration unterscheidet sich ganz wesentlich von demjenigen, was man früher hat haben können als bloße Imagination. Mit der Imagination lebt man in der ätherischen Welt. Man fühlt sich in dieser ätherischen Welt so lebend, wie man sich sonst in seinem physischen Leibe gefühlt hat. Aber man fühlt die ätherische Welt als eine Summe von allerdings mehr rhythmischen Vorgängen, als ein Vibrieren im Weltenäther, das man aber durchaus in Begriffen, in Ideen zu deuten in der Lage ist. Man fühlt eben im ätherisch-imaginativen Erleben ein Allgemeingeschehen, man fühlt übersinnliche, ätherische Tatsachen. In der Inspiration fühlt man nicht bloß solche ätherische übersinnliche Tatsachen, die ineinander übergehen, sich metamorphosieren, die auch alle möglichen Formen annehmen, sondern jetzt fühlt man durch die Inspiration, wie in dieser ätherischen wogenden Welt, in dieser rhythmisch vibrierenden Welt wie auf den Wellen eines ätherischen Weltenmeeres wirkliche Wesenheiten schweben und sich betätigen. Man fühlt so, was einen an die Sonne erinnert, was an den Mond, an die Planeten und Fixsterne erinnert und auch an die physischen Erdendinge erinnert, an Mineralien und Pflanzen, und das alles in dem Weltenäther drinnen.

[ 19 ] So fühlt man den astralischen Kosmos. Was man hier in der physisch-sinnlichen Welt nur seiner Außenseite nach hat, das erkennt man jetzt wieder in seinem geistigen Dasein, wesenhaft. Und man erlangt auch eine Anschauung von der inneren Wesenheit des menschlichen Organismus, sowohl der ganzen Form des menschlichen Organismus wie der Formen der einzelnen Organe, Lunge, Herz, Leber und so weiter. Denn alles, was dem menschlichen Organismus Form und Leben gibt, das rührt nicht bloß — das sieht man jetzt — von dem her, was draußen im physischen Kosmos um uns herum ist und tätig ist, sondern es rührt von dem her, was innerhalb dieses physischen Kosmos als geistige Wesenheiten — als Sonnenwesenheit, Mondwesenheit, als Tier- und Pflanzenwesenheiten — das physische Geschehen und das ätherische Geschehen durchseelt und durchgeistigt, und was dann so wirkt, daß es dem menschlichen Organismus Leben und Form gibt. Man begreift die Form und das Leben des physischen Organismus erst dann, wenn man zur Inspiration aufgestiegen ist.

[ 20 ] Was man da erlebt, das bleibt dem gewöhnlichen Bewußtsein vollständig verborgen. Das würde man mit dem gewöhnlichen Bewußtsein nur wahrnehmen können, wenn man nicht nur durch seine Augen sehen, mit seinen Ohren hören, mit seinem Geschmacksorgan schmecken könnte, sondern wenn der Atmungsprozeß, das Ein- und Ausatmen, ein Wahrnehmungsvorgang wäre, wenn wir im Ein- und Ausströmen des Atems so etwas hätten wie einen Wahrnehmungsvorgang, in dem wir innerlich im ganzen Organismus das Ein- und Ausströmen der Atemluft erleben würden. Weil das so ist, hat eine gewisse orientalische Schule, die Jogaschule, das Atmen zu einem Erkenntnisprozeßß umgebildet, in einen Wahrnehmungsprozeß metamorphosiert. Dadurch, daß die Jogaphilosophie das Atmen zu einem bewußten, wenn auch halb träumerischen Erkenntnisprozeß umbildet, also im Atmungsprozeß etwas erleben will, wie wir es im Sehen und Hören erleben, dadurch bildet sie in der Tat eine Kosmologie aus, eine Einsicht, wie die geistigen Wesenheiten des Kosmos in den Menschen hereinwirken, und wie sich der Mensch als ein Glied des geistigen Kosmos erlebt. Aber solche Jogavorschriften auszuüben, widerspricht derjenigen Form der menschlichen Organisation, welche die abendländische Menschheit in der Gegenwart angenommen hat. Solche Jogaübungen waren der menschlichen Organisation nur in einem älteren Zeitabschnitt möglich, und was heute Jogis ausführen, ist im Grunde genommen schon in der Dekadenz.

[ 21 ] Für einen ganz bestimmten, ich möchte sagen mittleren Zeitraum der Erdenmenschheitsentwickelung war es sozusagen der menschlichen Organisation angemessen, durch solche Jogaübungen den Atmungsprozeß zu einem Bewußtseins-, Erkenntnisprozeß zu machen und auf diese Art eine traumhafte, aber immerhin geltende Kosmologie auszubilden. Was in jener Zeitepoche für die damals gebildete, im damaligen Sinne wissenschaftliche Menschheit zu einer richtigen Kosmologie geführt hat, das muß auf einer höheren Stufe von dem gegenwärtigen Menschen mit seiner körperlichen und seelischen Verfassung wiederum erreicht werden, aber nicht in jenem halb träumerischen, halb unbewußten Zustande wie damals, sondern in vollbewußter Art, wie ich es beschrieben habe, als ich über die Inspiration sprach. Würde der abendländische Mensch Jogaübungen ausführen, so würde er unter allen Umständen — eben wegen seiner ganz anderen Organisation — mit solchen Atmungsübungen seine physische und seine ätherische Organisation nicht unberührt lassen, sondern verändern. Und in seinen Erkenntnisprozeß träte das hinein, was aus seinem physischen und ätherischen Organismus käme und was sich als ein Unobjektives in die Kosmologie hineinmischen würde. Aber geradeso wie man als Philosoph die allererste Kindheit in das Seelenleben wiederum heraufholen muß, aber sie vollbewußt durchschauen muß, so muß man jene Seelenverfassung, die für die Menschheit in bezug auf Kosmologie geltend war, als das Jogasystem sich anwenden ließ, wieder in das Seelenleben heraufrufen, aber man muß sie in voller Besonnenheit erleben, im Vollbewußtsein, in einem höheren Wachen, als das gewöhnliche Wachen ist.

[ 22 ] So kann man also sagen: Der moderne Philosoph muß im vollerwachten Zustande die kindliche Seelenverfassung des einzelnen Menschen wieder heraufrufen in seine Seelenverfassung, und der Kosmologe im modernen Sinne muß die Seelenverfassung einer mittleren Epoche der Erdenmenschheitsentwickelung wieder heraufrufen, aber jetzt wiederum im vollbewußten Zustande. Einen individuellen Seelenzustand muß zur Vollbewußtheit bringen der moderne Philosoph. Ein Seelenzustand, der einmal bei den Kosmologen einer früheren Menschheit da war, er muß in vollbewußter Art heraufgerufen werden von dem modernen Kosmologen. Kind werden in vollbewußtem Zustande, bedeutet Philosoph sein. Jogamensch, wie er einmal im Verlaufe der ganzen Menschheitsentwickelung in einem mittleren Zeitraum leben konnte, das Wiederheraufrufen dieses Zustandes und dessen Verwandlung in Vollbewußtheit, bedeutet im heutigen Sinne Kosmologe werden.

[ 23 ] Was es bedeutet, religiöser Mensch zu sein, möchte ich im letzten Teile schildern.


[ 24 ] Ich habe gestern geschildert, wie die dritte Stufe der übersinnlichen Erkenntnis, die wahre Intuition, durch Willensübungen zu erreichen ist, durch solche Willensübungen, die Sie im genaueren nachlesen können in den gestern genannten Schriften, und die auch noch im einzelnen in den nächsten Tagen geschildert werden sollen. Hier wird der Mensch in eine Seelenverfassung gebracht, die als traumhafter Seelenzustand bei jener Menschheit vorhanden war, die als erste, als Urmenschheit, auf unserer Erde im Beginne der Menschheitsentwickelung lebte. Nur war bei dieser Urmenschheit eine traumhafte, eine halb unbewußte, instinktive Intuition vorhanden.

[ 25 ] Diese Intuition muß der moderne Erkenner des religiösen Lebens wiederum zur Vollbewußtheit bringen. Die mehr instinktive Intuition der Urmenschheit tritt allerdings wie ein Nachklang noch bei einzelnen Menschen der Gegenwart auf, die das ausleben, was sie instinktiv-intuitiv in ihrer Umgebung als geistige Kräfte wahrnehmen, mit denen sie wie in der Außenwelt leben. Sie verwenden diese Intuitionen, die Nachklänge der traumhaften Intuitionen der Urmenschheit sind, im dichterischen, im künstlerischen Schaffen. Diese Intuitionen spielen auch eine Rolle bei dem, was erste wissenschaftliche Einfälle sind; sie spielen im heutigen Phantasieleben der Menschheit eine außerordentlich große Rolle.

[ 26 ] Was hier als die wahre, vollbewußte Intuition beschrieben wird und was auf die gestern dargestellte Weise erreicht wird, ist etwas ganz anderes. Der Urmensch hatte ja eine ganz andere Seelenverfassung als der moderne Mensch. Er lebte gewissermaßen in der ganzen Außenwelt, in Wolken und Nebel, in Sternen, Sonne und Mond, in der Pflanzenwelt wie im Tierreich; er lebte in alledem fast mit derselben Intensität, wie er in seinem eigenen Leibe sich lebend fühlte. Es ist außerordentlich schwierig, diese Seelenverfassung der Urmenschheit heute wieder für das gewöhnliche Bewußtsein anschaulich zu machen. Aber alles, was äußerlich historisch erkannt werden kann, weist uns zurück auf eine solche Seelenverfassung der Urmenschheit. Sie war dadurch begründet, daß der Urmensch nun nicht eigentlich seine körperlichen Zustände so im Unbewußten liegen hatte wie wir modernen Menschen. Wir modernen Menschen leben nicht mehr mit unserer Ernährung, mit unserem Wachstum, mit den Vorgängen in unserem physischen Organismus. Ausgebreitet über dieses Erleben, das ganz im Unbewußten verbleibt, webt das mehr oder weniger bewußte Seelenleben in Wollen und Fühlen oder das ganz bewußte Seelenleben im Vorstellen. Aber unter dem, was wir da unmittelbar erleben als Vorstellen, Fühlen und Wollen, ist dasjenige, was der menschliche physische Organismus vollbringt und was dem gewöhnlichen Bewußtsein ganz unbewußt bleibt.

[ 27 ] Beim Urmenschen war das wesentlich anders. Er erlebte als Kind nicht solche deutlichen Vorstellungen wie wir. Sein Vorstellen war vielfach fast träumerisch, und erst recht im Unbestimmten verschwimmend war sein Gefühlsleben, wenn auch vehement. Das Gefühlsleben der Seele war viel ähnlicher einem körperlichen Schmerz oder einer körperlichen Lust, als es heute beim modernen Menschen der Fall ist. Dafür aber fühlte es der Urmensch in der Kindheit, wie er wuchs. Er fühlte sein Wachsen als Leibes- und Seelenleben, und er fühlte noch als Erwachsener, wie die Nahrungsmittel in ihm ihre Wege im Stoffwechsel nehmen, wie das Blut zirkuliert und den Nahrungssaft durch den Organismus trägt. Wer mit einer Organisation ausgerüstet ist, wie ich sie gestern in ihrem Werden geschildert habe, kann auch heute noch eine Anschauung, wenn auch auf einer niederen Stufe, von diesem körperlichen Erleben des Urmenschen haben, wenn er beobachtet, wie, nachdem sie gegrast haben, Kühe liegen, die verdauen, die den Stoffwechsel in seiner besonderen Regsamkeit erleben. Es ist ein körperlich-seelisches Leben in diesen Wesen, das geradezu wie das Hineinschwingen und innerliche Aufleuchten von kosmischen Vorgängen erscheint. Sie erleben ein innerliches Wohlgefühl im Verdauen, im Ernähren, im Herumtragen der Nahrungsstoffe durch die Blutzirkulation, und man braucht nicht einmal Hellseher zu sein, um es der ganzen äußeren Verfassung, der Geste dieser Tiere anzusehen, wie sie mit ihrem Tierbewußtsein ihre Verdauung verfolgen.

[ 28 ] So verfolgte der Urmensch, als er in die Erdentwickelung eintrat, seine physischen Prozesse, die unmittelbar vereinheitlicht waren, eine Einheit bildeten mit den seelischen Prozessen. Dadurch, daß er sein eigenes physisches Innere so erlebte, konnte der Urmensch auch die Außenwelt fast ebenso intensiv körperlich-seelisch erleben, wie er sich, wenn ich mich so ausdrücken darf, in seiner Lunge, in seinem Herzen, in den Vorgängen des Magens, der Leber und so weiter fühlte. So fühlte er sich in dem zuckenden Blitze, in dem rollenden Donner, in der sich verwandelnden Wolke, in dem sich verändernden Mond. Er lebte da die Zeiträume mit, das Wachsen des Mondes, so wie er die Vorgänge seiner Verdauung erlebte. Es war ihm dieses Äußere fast so ein Inneres wie sein eigenes Innere. Und das, was man innerlich erlebte, war ihm so wie das, was er im dahinfließenden Strome und so weiter erlebte. Das Wellenspiel des Stromes war ihm ein innerlicher Vorgang, den er miterlebte, in den er untertauchte, wie er in seine eigene Blutzirkulation untertauchte.

[ 29 ] So lebte sich der Urmensch in die Außenwelt hinein, daß ihm die Außenwelt ebenso erscheinen mußte — sie ist Ja auch so — wie das eigene Innere. Man nennt das heute Animismus. Man mißversteht aber damit heute vollständig, was da eigentlich zugrundeliegt, indem man den Animismus so ansieht, als ob der Mensch das, was er in sich erlebte, in die Außenwelt hinausprojiziert hätte. Was er in der Außenwelt erlebte, das war eine ganz elementare Tatsache seines Bewußtseins, so selbstverständlich, wie uns die Bedeutung der Farben- und Tonerscheinungen ist. Man darf nicht annehmen, daß der Urmensch in einer besonders phantasievollen Weise dasjenige in die Außenwelt hineingeträumt hat, was uns von ihm als Bewußtseinsinhalte berichtet wird. Er nahm es wirklich wahr in einer so selbstverständlichen Weise, wie wir es heute tun. Die sinnliche Anschauung ist nur ein Umwandlungsprodukt dieser ursprünglichen Anschauung des Urmenschen, der tatsächlich in der Außenwelt das wahrnahm, was im ätherischen, im astralischen Kosmos diejenigen Wesenheiten vollbringen, die den Kosmos in Tätigkeit, schaffend, erhalten. Das nahm er wahr, wenn auch wie im Träumen, ganz dumpf, aber er nahm es wahr, und dieses Wahrnehmen war zugleich der Inhalt seines religiösen Bewußtseins. Der Urmensch hatte eine gewisse Seelenverfassung gegenüber der Umwelt, aber diese Seelenverfassung steigerte sich so, daß er im ganzen ihn umgebenden Kosmos zugleich die geistigen Wesenheiten wahrnahm, mit denen er sein eigenes Menschenwesen verwandt fühlte. Für ihn war in seiner Anschauung die Verbindung gegeben, die wir in abgeleiteten Formen in unserem religiösen Bewußtsein haben. Für ihn war das religiöse Bewußtsein nur die höhere Stufe seines primitiven Erkennens.

[ 30 ] Wenn man ein neues religiöses Bewußtsein auf wahrer Erkenntnis begründen will, so kann man auch nicht anders, als sich wieder in diese Seelenverfassung der Urmenschheit zurückzuversetzen. Nur darf sie beim modernen Menschen nicht traumhaft, nicht halbbewußt sein, sondern sie muß wacher sein als das gewöhnliche Bewußtsein, aufgewacht, so wie ich es für das Erringen der wahren Intuition geschildert habe, wo wir in der Tat die Fähigkeit erringen, mit unserem eigenen Ich aus uns herauszugehen und in die anderen geistigen Wesenheiten des Kosmos so unterzutauchen und so mit ihnen zu leben, wie wir im physischen Erdenleben in unserem physischen Organismus leben. Wir tauchen im Erdenleben unter in den physischen Organismus; wir tauchen in der wahren intuitiven Erkenntnis mit unserem Ich unter in die geistigen Wesenheiten des Kosmos. Wir leben mit ihnen und erringen uns dadurch die Verbindung unseres Ich mit der Welt, der eigentlich dieses Ich angehört. Denn dieses Ich ist Geistwesen wie die anderen Geistwesen, auf die ich eben hindeutete, und wir erringen auf unmittelbare Weise die Verbindung mit den Geistern, zu denen wir selbst gehören, durch ein religiöses Bewußtsein. Ein dumpfes, instinktives religiöses Bewußtsein war dem Urmenschen gegeben. Was des Urmenschen Seelenverfassung war, das müssen wir wieder heraufholen und in Vollbewußtheit erleben. Dann werden wir eine religiöse Erkenntnis, eine Erkenntnisreligion für den modernen Menschen gewinnen.

[ 31 ] Wie wir die Seelenverfassung der Kindheit wieder heraufholen müssen und in Vollbewußtheit tauchen müssen, wenn wir moderner Philosoph werden wollen, wie wir die Seelenverfassung der Menschheit einer mittleren Epoche, die den Atmungsprozeß in traumhafter Art zu einem wahrnehmenden Erkenntnisprozeß machen konnte, wie wir diese Seelenverfassung wieder heraufheben in unsere eigene und in Vollbewußtheit tauchen müssen, um im modernen Sinne Kosmologen zu werden, so müssen wir auch die Seelenverfassung des Urmenschen in bezug auf sein Verhältnis zur Außenwelt wieder in uns heraufholen und in Vollbewußtheit tauchen, damit wir zu einer Erkenntnisreligion im modernen Sinne des Wortes kommen können. Die Seelenverfassung der Kindheit in Vollbewußtheit wieder zu erleben, ist die Voraussetzung wirklicher moderner Philosophie. Eine mittlere Menschheitsepoche, in welcher der Atmungsvorgang zu einem Wahrnehmungsprozeß werden konnte, in Vollbewußtheit wieder in unserem Seelenleben zu erleben, ist die Voraussetzung der modernen Kosmologie. Und die Seelenverfassung gar der Urmenschheit — der ersten Menschheit auf dieser Erde, die noch mit den Göttern in unmittelbarer Verbindung stand — wieder in die gegenwärtige Seelenstimmung des modernen Menschen heraufzuheben, sie darin regsam zu machen und in Vollbewußtheit zu tauchen, das ist die Voraussetzung einer Erkenntnisreligion für den modernen Menschen.