Fundamental Impulses
of Humanity's Development
Throughout World History
GA 216
1 October 1922, Dornach
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Fundamental Impulses of Humanity's Development Throughout World History, tr. SOL
Achter Vortrag
Eighth Lecture
[ 1 ] Wir haben in den letzten Betrachtungen auf umfassende Impulse innerhalb der weltgeschichtlichen Entwickelung der Menschheit hingewiesen. Solche umfassende Impulse müssen für die geschichtliche Betrachtung gewissermaßen als die leuchtenden Sterne dastehen, welche das einzelne, das im Laufe der Menschheitsentwickelung geschehen ist, für die Erkenntnis beleuchten können. Jede einzelne geschichtliche Epoche kann ja eigentlich nur in einer ganz äußerlichen Weise kennengelernt werden, wenn man nicht diese dahinterstehenden Impulse zu empfinden und zu durchschauen vermag. Diese Impulse wirken. Sie wirken zumeist durch die unbewußten Kräfte der menschlichen Seele am allerstärksten. Und das, was sich äußerlich für die Menschen vor deren Bewußtsein abspielt, erscheint eben erst im rechten Lichte, wenn man es auf solche Impulse zurückzuführen vermag.
[ 1 ] In our recent reflections, we have pointed to overarching impulses within the course of world history. For historical analysis, such overarching impulses must, so to speak, stand as guiding stars that can shed light on the individual events that have taken place in the course of human development. After all, each individual historical epoch can really only be understood in a very superficial way if one is unable to sense and penetrate the impulses lying behind it. These impulses are at work. They exert their strongest influence, for the most part, through the unconscious forces of the human soul. And what unfolds externally before people’s consciousness only appears in its true light when one is able to trace it back to such impulses.
[ 2 ] Nehmen wir einmal ein Ereignis, das ja allen aus der Geschichte wohlbekannt ist, ein Ereignis oder besser gesagt eine Ereignisreihe, welche in der Mitte des Mittelalters für das ganze Leben des Abendlandes tief einschneidend war, eine Ereignisreihe, die ja äußerlich verhältnismäßig bald, nach ein oder anderthalb Jahrhunderten, vorübergegangen ist, die aber in ihren Wirkungen fortdauerte und eigentlich für den, der tiefere Strömungen im weltgeschichtlichen Werden verstehen kann, noch heute andauert: Nehmen wir die Ereignisreihe der Kreuzzüge, die im 11. Jahrhundert — gewöhnlich wird das Jahr 1096 genannt — ihren Anfang nehmen und dann äußerlich sich erstrecken bis zu jenem Jahre, das gewöhnlich als 1270 angenommen wird. Wir sehen ja auch, daß schon in der äußerlichen Geschichte darauf aufmerksam gemacht wird, wie sich aus der Ereignisreihe der Kreuzzüge Mannigfaltiges an Lebenseinrichtungen herausgestaltet.
[ 2 ] Let us consider an event that is, of course, well known to everyone from history—an event, or rather a series of events, that had a profound impact on the entire course of Western civilization in the middle of the Middle Ages; a series of events that, outwardly speaking, came to an end relatively soon, after one or one and a half centuries, but whose effects persisted and, in fact, for those who can understand the deeper currents in the development of world history, continue to this day: Let us take the series of events known as the Crusades, which began in the 11th century—the year 1096 is usually cited—and outwardly extended until the year generally accepted as 1270. We can also see that even in external history, attention is drawn to how a variety of ways of life took shape out of the series of events known as the Crusades.
[ 3 ] Es werden zum Beispiel die Tempelritter genannt, die während der Kreuzzüge erst ihre richtige Bedeutung für das äußere Leben erhalten haben; es werden genannt solche Ordensgemeinschaften wie die Johanniter, die späteren Malteserritter, und andere. Und was durch solche Lebens- und Geistesgemeinschaften aus der Kreuzzugsstimmung heraus den Anfang genommen hat, das entwickelte sich später so, daß sein Ursprung aus dieser Kreuzzugsstimmung heraus weniger genannt wurde, daß aber doch die Wirkungen im abendländischen Leben deutlich vorhanden waren.
[ 3 ] For example, the Knights Templar are mentioned, who only came to play a significant role in public life during the Crusades; other religious orders such as the Knights of St. John, the later Knights of Malta, and others are also mentioned. And what began through such communities of life and spirit, born out of the spirit of the Crusades, later developed in such a way that its origin in that spirit was less frequently mentioned, yet its effects were clearly evident in Western life.
[ 4 ] Wenn wir das äußere Geschichtliche zunächst uns vor die Seele rücken, so wissen wir ja, daß die Kreuzzüge dadurch entstanden sind, daß jene christlichen Angehörigen des Abendlandes, welche ihre christlichen Impulse immer wieder durch Pilgerzüge nach Palästina aufzufrischen glaubten, Widerstand fanden dadurch, daß Palästina, Jerusalem allmählich in die Hände einer ganz andersartigen Bevölkerung, der türkischen Bevölkerung, gekommen war, daß sich die Pilger, die nach Jerusalem zogen, durch diese türkische Bevölkerung mißhandelt fanden, was dann zu einer allgemeinen Klage in Europa wurde. Wir sehen, wie aus dieser allgemeinen Klage heraus sich eben die Kreuzzugsstimmung, die in anderer Art schon lange vorhanden war, dadurch entlädt, daß sich Menschen finden, welche auffordern, die heiligen Stätten des Morgenlandes, die christlichen Stätten von der Türkennot zu befreien. Es wird erzählt, wie zunächst Peter von Amiens, der selbst diese Türkennot kennengelernt hatte, im Westen von Europa wallfahrtend herumgezogen ist, wie er durch seine innigen Reden das Herz von vielen gewonnen hat, die sich aufmachen wollten, um Jerusalem von der Not der Türken zu befreien. Wir wissen aber auch, wie das zunächst zu nichts geführt hat und wie dann ein erster Kreuzzug dadurch zustande gekommen ist, daß sich eine ganze Anzahl von Rittern des Abendlandes unter der Anführung von Gottfried von Bouillon zusammengefunden hat, der es dann wirklich wenigstens bis zu einer zeitweiligen Befreiung Jerusalems von den Türken gebracht hat.
[ 4 ] If we first consider the external historical context, we know that the Crusades arose because those Christians of the West who believed they could continually renew their Christian zeal through pilgrimages to Palestine encountered resistance due to the fact that Palestine, Jerusalem had gradually fallen into the hands of a very different people—the Turkish people—and that the pilgrims traveling to Jerusalem found themselves mistreated by this Turkish population, which then became a widespread cause for complaint in Europe. We see how, out of this widespread outcry, the spirit of the Crusades—which had long existed in a different form—was unleashed when people arose who called for the holy sites of the East, the Christian sites, to be freed from Turkish oppression. It is said that Peter of Amiens, who had personally experienced this Turkish oppression, first traveled throughout Western Europe on pilgrimage, winning the hearts of many with his heartfelt speeches, inspiring them to set out to free Jerusalem from Turkish oppression. But we also know how this initially led to nothing, and how the First Crusade eventually came about when a large number of knights from the West gathered under the leadership of Godfrey of Bouillon, who then succeeded in at least temporarily liberating Jerusalem from the Turks.
[ 5 ] Diese äußeren Ereignisse braucht man nur anzuschlagen, sie sind aus der äußerlichen Geschichte genugsam bekannt. Aber es handelt sich darum, auch innerlich einmal wirklich verstehend zu betrachten, was da mehr oder weniger unbewußt durch die Seelen hindurch gewirkt hat, so daß in einer so langen Zeit fortwährend zahlreiche Menschen in zum Teil außerordentlich hingebungsvoller, tapferer Weise diese sieben Kreuzzüge nach dem Morgenlande unternommen und die Führung der angesehensten Fürsten des Abendlandes gefunden haben. Wir müssen uns vor allen Dingen fragen, woher denn dieser Enthusiasmus der Kreuzzüge gekommen ist, der namentlich am Anfange der Kreuzzüge innerhalb des europäischen Lebens geherrscht hat. Später allerdings, als einmal die Sache, wenn ich mich so ausdrücken darf, eingeleitet war, schon vom vierten Kreuzzuge ab, haben sich dann auch andere Interessen in die Sache hineingemischt. Europäische Fürsten zogen dann aus ganz andern Untergründen heraus nach dem Oriente, zum Beispiel um ihr Ansehen, ihre Macht zu befestigen und dergleichen. Aber es ist doch ein außerordentlich bedeutungsvolles historisches Ereignis, das den Anfang der Kreuzzüge darstellt.
[ 5 ] One need only mention these external events; they are well known from external history. But the point is to also look at them with true understanding from within, to see what has been at work more or less unconsciously within people’s souls, so that over such a long period of time, numerous people continually undertook these seven Crusades to the East—in some cases with extraordinary devotion and bravery—and found leadership among the most distinguished princes of the West. Above all, we must ask ourselves where this enthusiasm for the Crusades came from, which prevailed within European life, particularly at the very beginning of the Crusades. Later, however, once the matter—if I may put it that way—had been set in motion, starting with the Fourth Crusade, other interests began to intermingle with it. European princes then set out for the East for entirely different reasons—for example, to consolidate their prestige and power, and the like. But the beginning of the Crusades remains an extraordinarily significant historical event.
[ 6 ] Es ist namentlich historisch außerordentlich bedeutsam, wenn man hinschaut auf die ungeheure Gewalt, die da plötzlich eine große Zahl von europäischen Menschen aller Stände ergriff, um etwas zu unternehmen, was mit den heiligsten Herzensangelegenheiten der europäischen Menschheit zusammenhängen sollte. Man fühlte allerdings, daß diese heiligsten Herzensangelegenheiten durchaus zusammenhingen mit der Befreiung Jerusalems von den Türken, mit der Eröffnung der Möglichkeit, daß die europäischen Christen wiederum die freien Wege nach der Grabstätte ihres Erlösers fanden. Wenn so trocken die historischen Tatsachen erzählt oder in den Büchern gelesen werden, so fühlt man zumeist nicht das ungeheure Feuer, das dazumal durch Europa brannte, als die edle Ritterschaft im ersten Kreuzzuge die Fahrt unternahm und als dann aus der ganzen Innigkeit und dem Feuer seines Seelenwesens heraus etwa ein Bernhard von Clairvaux oder andere wiederum dieses Feuer, diese Strömung angefacht haben. Es ist etwas ungeheuer Großes in der ersten Entstehung dieser Kreuzzüge. Und fragen muß man sich schon: Was wirken da für Impulse in den europäischen Herzen, in den europäischen Seelen, Impulse, die dann eben in die Kreuzzugsstimmung einliefen?
[ 6 ] It is, in particular, of extraordinary historical significance when one considers the immense force that suddenly seized a large number of Europeans from all walks of life, driving them to undertake something that was to be connected with the most sacred matters of the European people’s hearts. People certainly felt that these most sacred matters of the heart were inextricably linked to the liberation of Jerusalem from the Turks and to the opening of the possibility that European Christians might once again find free access to the tomb of their Savior. When the historical facts are recounted so dryly or read in books, one usually fails to sense the immense fire that burned through Europe at that time, when the noble knights set out on the First Crusade and when, drawing from the very depths of their souls and the fire of their being, figures such as Bernard of Clairvaux and others in turn fanned this fire, this current. There is something immensely great in the very origins of these Crusades. And one must ask oneself: What impulses were at work in European hearts, in European souls—impulses that then flowed into the spirit of the Crusades?
[ 7 ] Diese Impulse kann man nur in der richtigen Weise verstehen, wenn man durch die Jahrhunderte zurückverfolgt, wie sie sich eigentlich entwickelt haben. Ich möchte sagen, ein Knotenpunkt historischer Entwickelung innerhalb Europas, an dem man außerordentlich viel sehen kann von dem, was später bedeutend und einschneidend geworden ist, ein solcher Knotenpunkt europäischer Entwickelung ist die Regierungszeit des Papstes Nikolaus I., etwa in der Mitte des 9. Jahrhunderts, gewesen. Nikolaus I., er regierte von 858 bis 867, war jener römische Papst, der vor seiner Seele drei geistige Strömungen stehen sah, die, ich möchte sagen, wie große Fragezeichen der Zivilisation vor ihm auftraten.
[ 7 ] These influences can only be properly understood by tracing their actual development back through the centuries. I would say that a pivotal point in historical development within Europe—where one can see an extraordinary amount of what later became significant and decisive—such a pivotal point in European development was the reign of Pope Nicholas I, around the middle of the 9th century. Nicholas I, who reigned from 858 to 867, was the Roman pope who saw before his soul three spiritual currents that, I would say, appeared before him like great question marks of civilization.
[ 8 ] Die eine Strömung bewegte sich wie in einer Art geistiger Höhe von Asien herüber nach Europa. Wir können sagen: diese Strömung setzt in einer sehr modifizierten, veränderten Form orientalische Religionserkenntnisse über den Süden von Europa, über den Norden von Afrika fort nach Spanien, nach Frankreich, nach den Britischen Inseln, aber namentlich nach Irland. Nehmen wir also ihren Ausgangspunkt an etwa von den arabischen Gegenden Asiens. Dann zieht sie herüber über Griechenland, Italien, aber auch über Afrika nach Spanien hinein und über den Westen herauf, aber verschiedentlich ihr Wesen auch nach dem übrigen Europa ausstrahlend.
[ 8 ] One current moved, as it were, from Asia to Europe as if from a kind of spiritual height. We can say that this current, in a highly modified and transformed form, carried Eastern religious insights through southern Europe and northern Africa on to Spain, France, and the British Isles—but especially to Ireland. Let us therefore assume its point of origin to be, for example, the Arab regions of Asia. It then flows across Greece and Italy, but also through Africa into Spain and up through the West, while at various points radiating its essence to the rest of Europe as well.
[ 9 ] Diese Strömung spricht sich wenig in dem aus, was als äußerliche Geschichte erzählt wird. Diese Strömung, die eigentlich ungeheuer vieles enthält, wollen wir heute nur nach zweien ihrer Eigentümlichkeiten charakterisieren. Das eine, das in ihr lebt, ist etwas, was man nennen könnte eine esoterische Auffassung des Mysteriums von Golgatha. Ich habe Sie öfters darauf aufmerksam gemacht, wie diejenigen Persönlichkeiten, die noch Reste der alten, vor dem Mysterium von Golgatha liegenden Initiationserkenntnisse bewahrt hatten, das Mysterium von Golgatha aufgefaßt haben. In der Bibel selbst ist das in der Erscheinung der drei Magier oder Könige aus dem Morgenlande zu erkennen, die aus dem Geheimnis der Sternenwelt heraus das ChristusEreignis erahnen und suchen, die also vorzugsweise zu denjenigen gehören, denen die irdische Persönlichkeit des Jesus von Nazareth weniger bekannt war, denen vor allen Dingen die Tatsache wichtig war, daß eine geistige Wesenheit, der Christus, heruntergestiegen war aus geistig-seelischen Welten, in dem Leibe des Jesus von Nazareth Wohnung genommen hatte und einen Impuls auf die fernere Erdenentwickelung ausüben sollte. Ganz übersinnlich schauten diese Menschen das Ereignis von Golgatha an, und diese übersinnliche Anschauung konnte nur in solchen Seelen stattfinden, die noch die alten Initiationsprinzipien bewahrten. Denn mit Hilfe dieser Initiationsprinzipien ließ sich so etwas verstehen, was ja innerhalb der natürlichen und der historischen Erdenwelt nicht verstanden werden kann. Innerhalb dieser Initiationsprinzipien ließ sich dieses rein übersinnliche Ereignis verstehen.
[ 9 ] This current finds little expression in what is recounted as external history. Today, we shall characterize this current—which actually encompasses an immense amount—based on just two of its distinctive features. One element that lives within it is what one might call an esoteric understanding of the Mystery of Golgotha. I have often drawn your attention to how those individuals who had preserved remnants of the ancient initiatory knowledge predating the Mystery of Golgotha understood the Mystery of Golgotha. In the Bible itself, this can be recognized in the appearance of the three Magi or kings from the East, who, drawing on the mystery of the starry world, foresee and seek the Christ event; they thus belong primarily to those for whom the earthly personality of Jesus of Nazareth was less familiar, and for whom the most important fact was that a spiritual being, Christ, had descended from the spiritual-soul worlds, had taken up residence in the body of Jesus of Nazareth, and was to exert an impulse on the future development of the Earth. These people viewed the event at Golgotha in a wholly supersensible way, and this supersensible perception could take place only in souls that still preserved the ancient principles of initiation. For it was with the help of these principles of initiation that something like this—which cannot be understood within the natural and historical world of the Earth—could be comprehended. Within these principles of initiation, this purely supersensible event could be understood.
[ 10 ] Es wurde aber im Verlaufe der Zeiten immer schwieriger, diese alten Initiationsprinzipien festzuhalten, und so wurde es immer weniger möglich, sich überhaupt auszudrücken, wenn man sagen wollte, wie der Christus aus überirdischen Welten heruntergestiegen ist und das Mysterium von Golgatha so vollendet hat, daß seine Wirkung durch die geschichtliche Erdenentwickelung fortdauert. Die Menschen hatten einfach keine Möglichkeit, ihre Begriffe so auszubilden, ihre Ideen so zu gestalten, daß sie in einer ideellen Form hätten Worte finden können, um zu sagen, was durch den Christus mit Hilfe des Mysteriums von Golgatha geschehen ist.
[ 10 ] However, as time went on, it became increasingly difficult to hold fast to these ancient principles of initiation, and so it became less and less possible to express oneself at all when one wanted to describe how Christ descended from super-earthly worlds and fulfilled the Mystery of Golgotha in such a way that its effect continues throughout the historical development of the Earth. People simply had no way of developing their concepts or shaping their ideas in such a way that they could have found words in an ideal form to describe what happened through the Christ with the help of the Mystery of Golgotha.
[ 11 ] Und so war man immer mehr und mehr genötigt, um dieses Geheimnis auszudrücken, zu bildhaften Darstellungen zu greifen. Eine solche bildhafte Darstellung ist die Erzählung von dem Heiligen Gral, von jener kostbaren Schale, von der einerseits gesagt wird, daß in ihr der Christus Jesus mit seinen Aposteln das Abendmahl genommen hat, und andererseits, daß es dieselbe Schale sei, mit der der römische Kriegsknecht unter dem Kreuze das Blut des Erlösers aufgefangen hat. Diese Schale wird dann von Engeln nach dem Montsalvatsch getragen. Sie sehen, es wird da auf Übersinnliches angespielt, und man stammelt, was alte Initiierte noch in konturierten Begriffen hätten ausdrücken können und was man jetzt nur noch ausdrücken konnte, indem man zu Bildern griff. Engel trugen also diese Schale herüber nach dem spanischen Berge Montsalvatsch, wo sie von dem erhabenen König Titurel empfangen wurde, der dieser Schale einen Tempel gründete, den dann die Ritter des Heiligen Grals bewohnten, um so zu bewachen und zu bewahren, was eigentlich der Hort des Fortwirkens jenes Impulses ist, der von dem Mysterium von Golgatha ausgegangen war.
[ 11 ] And so, in order to express this mystery, people were increasingly compelled to resort to figurative representations. One such figurative representation is the tale of the Holy Grail, that precious chalice which, on the one hand, is said to be the one in which Jesus Christ shared the Last Supper with his apostles, and, on the other hand, is said to be the very same chalice with which the Roman soldier at the foot of the cross caught the Savior’s blood. This chalice is then carried by angels to Montsalvatsch. You see, there are allusions here to the supernatural, and people stammer to express what ancient initiates could once have articulated in well-defined terms, but which can now only be conveyed through imagery. Angels thus carried this chalice over to the Spanish mountain of Montsalvatsch, where it was received by the exalted King Titurel, who founded a temple for this chalice, which was then inhabited by the Knights of the Holy Grail in order to guard and preserve what is in fact the repository of the continuing effect of that impulse that had emanated from the Mystery of Golgotha.
[ 12 ] So haben wir, ich möchte sagen, in ein Geheimnisvolles auslaufend, eine tief esoterische Strömung. Wir sehen auf der einen Seite, wie diese Strömung in Asien drüben Schulen begründet, die den alten griechischen Philosophen Aristoteles studieren, die dort mit Hilfe der griechischen Begriffe des Aristoteles das Ereignis von Golgatha verstehen wollen. Wir sehen, wie aus der europäischen Zivilisation heraus später in einer Dichtung wie im «Parzival» versucht wird, in bildhafte Worte zu fassen, was in dieser Strömung lebte. Wir sehen, wie in den Lehren, die namentlich in den Schulen Irlands auftreten, all das durchschimmert, was in dieser Strömung lebt. Wir sehen, wie in diese Strömung hineingegossen ist das Beste, was von den Arabern gekommen ist, wie da aber zu gleicher Zeit ein fremdes Element dutch die Araber hineinkommt, das in Asien drüben durch das türkische Element noch ganz besonders vergröbert und verbarbarisiert wird.
[ 12 ] Thus we have—I would say—a deeply esoteric current that tends toward the mysterious. On the one hand, we see how this current establishes schools over in Asia that study the ancient Greek philosopher Aristotle, seeking to understand the event of Golgotha there with the help of Aristotle’s Greek concepts. We see how, later on, within European civilization, works of poetry such as Parzival attempt to capture in vivid language what was alive in this current. We see how, in the teachings found particularly in the schools of Ireland, everything that lives in this current shines through. We see how the best of what came from the Arabs has been poured into this current, yet how, at the same time, a foreign element enters through the Arabs—an element that, over in Asia, is further coarsened and barbarized by the Turkish influence.
[ 13 ] Welchen Charakter diese Strömung hier durch die Araber annahm, durch den immer weiteren Fortgang vom Osten nach dem Westen, das wollen wir gleich nachher erörtern, wenn wir die andern Strömungen haben auf uns wirken lassen. Aber wenn wir den Grundcharakter dieser Strömung angeben wollen, so müssen wir ihn etwa so charakterisieren: Diejenigen, die irgendwie innerhalb dieser Geistesströmung lebten, die sahen eigentlich alles Heil darin — und man kann das noch nachklingen hören in der Parzival-Dichtung des Wolfram von Eschenbach —, von dem Sinnlichen aus sich hinaufzuheben ins Übersinnliche, also eine Art von wenigstens annäherndem Schauen der übersinnlichen Welten zu haben, den Menschen an den übersinnlichen Welten Anteil nehmen zu lassen, ihn wissen zu lassen, daß seine Seele einer Strömung angehört, die nicht unmittelbar wahrgenommen werden kann, wenn man die Sinne auf die irdischen Ereignisse richtet. Das war das Eigentümliche: dieses Hinaufschauen in überirdische, in übersinnliche Regionen, dieses Empfinden, daß der Mensch, wenn er ein vollständiger Mensch sein will, Welten angehören müsse, die gewissermaßen über dem Sinnlich-Natürlichen dahinschweben, in denen Ereignisse geschehen, die sich dem äußeren Auge so verbergen wie die Taten der Gralsritter. Für das äußere Auge sollte das Geheimnis nicht zu schauen sein, das innerhalb dieser Strömung dahinflutete. Das war die eine Strömung, die im 9. Jahrhundert nur ganz leise, aber doch als etwas Feindliches wahrgenommen wurde innerhalb des Rom, in dem Nikolaus I. dazumal Papst war. Es war schon in Rom vollständig die Stimmung vorhanden, diese Strömung als eine feindliche zu betrachten, als eine solche, welche eigentlich den abendländischen Menschen unheilsam ist, wenn sie sich ihr hingeben. Nichts Esoterisches und nichts, was auch nur vom Esoterischen herstammt, sollte innerhalb des Religiösen und des Erkenntnislebens in Europa sein.
[ 13 ] We will discuss shortly what form this current took here through the Arabs—as it continued to spread ever further from east to west—once we have allowed the other currents to take effect. But if we wish to describe the fundamental character of this current, we must characterize it something like this: Those who lived in some way within this spiritual current saw all salvation in it—and one can still hear echoes of this in Wolfram von Eschenbach’s Parzival — in the act of rising from the sensory to the supersensory, that is, to have at least an approximate vision of the supersensory worlds, to allow human beings to share in the supersensory worlds, to let them know that their soul belongs to a current that cannot be directly perceived when the senses are directed toward earthly events. That was what was distinctive: this looking upward into otherworldly, supersensible regions; this sense that, if a person is to be a complete human being, they must belong to worlds that, in a sense, hover above the sensory and natural, in which events take place that are as hidden from the outer eye as the deeds of the Knights of the Grail. To the outer eye, the mystery flowing within this current was not to be seen. This was the very current that, in the 9th century, was perceived—albeit only very faintly—as something hostile within Rome, where Nicholas I was pope at the time. The mood already existed in Rome to regard this current as hostile, as one that is actually harmful to Western people if they surrender to it. Nothing esoteric, and nothing that even derives from the esoteric, was to be present within religious and intellectual life in Europe.
[ 14 ] Es war ganz ohne Zweifel das erste, aber auch das furchtbarste Fragezeichen gerade für Nikolaus I., denn er empfand noch das Grandiose des spirituellen Lebens in dieser Strömung, die ja schon seit dem 3., 4. Jahrhundert stark verglommen war — man hatte sogar in Italien eine Gesellschaft zur Ausrottung aller spirituellen Erkenntniswege begründet —, die aber dennoch auf mancherlei geheimnisvollen Wegen in die Herzen der Menschen hereinleuchtete und sich da und dort zeigte. Was da oftmals aus geheimnisvollen Untergründen des welthistorischen Geschehens durchbrach in den Erlebnissen der Menschenseelen, das klagte man der Ketzerei an. Man hatte auch das Gefühl, daß sich allmählich das römisch-lateinische Wesen so entwickelt hatte, daß es in seinen Begriffen, die sich immer mehr aus der früheren griechisch-orientalischen Innigkeit zu der römisch-lateinischen Rhetorik, also zu einer gewissen Äußerlichkeit, gebildet hatten, nicht mehr aufnehmen konnte, was da noch von verglimmender Esoterik lebte. Auf der andern Seite aber war wiederum das Aufleben im einzelnen Menschen und in einzelnen Gemeinschaften, die man als Sekten denunzierte, doch ein außerordentlich Mächtiges.
[ 14 ] It was without a doubt the first, but also the most terrifying question mark, especially for Nicholas I, for he still sensed the grandeur of the spiritual life in this movement, which, although it had already faded considerably since the 3rd, 4th centuries—a society had even been founded in Italy to eradicate all paths of spiritual knowledge—yet which nevertheless shone into people’s hearts through various mysterious channels and manifested itself here and there. Whatever often broke through from the mysterious depths of world-historical events into the experiences of human souls was accused of heresy. There was also a sense that the Roman-Latin essence had gradually developed in such a way that, in its concepts—which had increasingly shifted from the earlier Greek-Oriental inwardness toward Roman-Latin rhetoric, that is, toward a certain outwardness—it could no longer accommodate what still lived on from the fading esotericism. On the other hand, however, the revival within individual people and in individual communities—which were denounced as sects—was nevertheless extraordinarily powerful.
[ 15 ] Das zweite Fragezeichen, das in welthistorischer Beziehung vor Nikolaus I. stand, war dieses, daß er nach allem, was die katholisch-christliche Kirche bis dahin an Erfahrungen gesammelt hatte, die Bevölkerung des europäischen Abendlandes für nicht geeignet halten mußte, die hochgeistige Spannung zu ertragen, die in den Seelen bewirkt wird, wenn sie sich in der geschilderten Weise zu einem spirituell-esoterischen Erfassen hinaufranken sollen. Man möchte sagen, in der Seele dieses Nikolaus 1. lagerte sich ab der große Zweifel: Was soll werden, wenn zuviel von dieser esoterisch-spirituellen Strömung in europäische Seelen hineinkommt?
[ 15 ] The second question mark that loomed over Nicholas I in the context of world history was this: based on all the experience the Catholic-Christian Church had gathered up to that point, he had to consider the population of the European West unsuited to endure the intense spiritual strain that is brought about in the soul when it is to ascend, in the manner described, to a spiritual-esoteric understanding. One might say that a great doubt took root in the soul of this Nicholas I: What will become of us if too much of this esoteric-spiritual current enters European souls?
[ 16 ] Im Orient selbst verwirrte sich immer mehr und mehr, was da vothanden war. Eigentlich am reinsten hielt sich diese eine Strömung, die sich bis nach Irland hinein erstreckte, und in Irland waren wirklich eine Zeitlang spirituelle Schulen, welche die heiligen Geheimnisse dieser Strömung in einer hohen Reinheit bewahrten.
[ 16 ] In the Orient itself, what was there became increasingly confused. In fact, the purest form of this movement was preserved in the branch that extended as far as Ireland, and for a time there were indeed spiritual schools in Ireland that preserved the sacred mysteries of this movement with great purity.
[ 17 ] Nun aber sagte sich Nikolaus I.: Für die europäische Bevölkerung taugt das nichts. — Er wollte im Grunde genommen nur dasselbe, was in einer etwas andern Weise schon ‚Bonifatius gewollt hatte, der es als eine europäische Eigentümlichkeit angesehen hatte, daß die europäische Bevölkerung nicht geeignet sei, das spirituelle Leben in die Seelen aufzunehmen. Und so stellt sich denn das Eigentümliche heraus, daß im Orient der eigentliche esoterische Gehalt abschmolz. Die Menschen im Orient, auch im europäischen Orient nach dem heutigen Rußland herein, konnten ihre Seelen nicht zusammenbringen mit diesem esoterisch-spirituellen Gehalt. Sie hatten aber ein Empfinden dafür, insofern solche Empfindungen nicht von den heranrückenden turanischen Bevölkerungen gründlich ausgerottet wurden, die dann eben sich als die Türken offenbarten. Es hatten diese Menschen des Ostens ein dumpfes, stumpfes Gefühl davon, daß alles das, was hohe Esoterik ist und vom Menschen mit seinem heranrückenden Intellekt nicht erfaßt werden kann, im Kultus strömt und flutet, aber nur dann, wenn der Kultus zu gleicher Zeit einen äußerlich realen Mittelpunkt, gewissermaßen ein geographisches Zentrum hat.
[ 17 ] But then Nicholas I said to himself: This is no good for the European people. — Essentially, he wanted only what Boniface had already wanted in a somewhat different way; Boniface had regarded it as a European peculiarity that the European population was not suited to absorbing the spiritual life into their souls. And so it turns out that the peculiarity lies in the fact that in the East, the actual esoteric content melted away. The people of the East—including those in the European East extending into present-day Russia—could not reconcile their souls with this esoteric-spiritual content. They did, however, have a sense of it, insofar as such feelings were not thoroughly eradicated by the advancing Turanian peoples, who then revealed themselves as the Turks. These people of the East had a vague, dim sense that everything that constitutes high esotericism—and which cannot be grasped by human beings with their developing intellect—flows and surges within the cult, but only when the cult simultaneously has an outwardly real focal point, a geographical center, so to speak.
[ 18 ] So entstand im Osten von Europa, wo das eigentlich EsoterischSpirituelle vergessen wurde, die Hinneigung zum Kultus, verbunden aber mit einem ungeheuren Hängen an dem, was man als den Mittelpunkt des Kultus empfand, mit einem Hängen an dem Grab des Erlösers. Da an dem Grab des Erlösers in Jerusalem war die Stätte, wo der Erlöser mit seinen Aposteln zusammen das Abendmahl zuerst gefeiert hatte, jenes Abendmahl, das dann in seiner weiteren Metamorphose zu dem Tode auf Golgatha geworden war, sich durch den Tod auf Golgatha erst erfüllt hatte, und das dann fortlebte in der Mittelpunktszeremonie, in dem Meßopfer und in dem übrigen Zeremoniell. Und indem man gewissermaßen sich von dem eigentlichen Spirituellen entfremdete, weil man nicht hinaufgelangte bis zum esoterischen Erfassen, hing man mit dem Herzen an dem Kultus und an dem, womit dieser Kultus äußerlich zusammenhing, an dem Grab des Erlösers, an der Stätte in Jerusalem. Das Pilgern nach Jerusalem sollte, ich möchte sagen, krönen die zeremoniellen Festlichkeiten, die an jenen Orten begangen werden konnten. All die Zeremonien mit ihren Ritualien, die an den einzelnen Orten begangen werden konnten, sollten für den einzelnen Menschen die Krönung finden dadurch, daß er gewissermaßen das, was er im Abbilde, im Zeremoniell erlebte, dann mit seinem Herzen durchdrang, indem er selber einmal hinpilgerte zu dem Grabe des Erlösers.
[ 18 ] Thus, in Eastern Europe—where the truly esoteric-spiritual had been forgotten—a tendency toward worship arose, but one linked to an immense attachment to what was perceived as the center of that worship: an attachment to the Savior’s tomb. For the tomb of the Savior in Jerusalem was the site where the Savior, together with his apostles, had first celebrated the Last Supper—that Last Supper which, in its subsequent transformation, had become the death on Golgotha, had only been fulfilled through the death on Golgotha, and which then lived on in the central ceremony, in the sacrificial Mass, and in the rest of the ritual. And as people, so to speak, became estranged from the truly spiritual—because they did not rise to the level of esoteric understanding—they became attached in their hearts to the cult and to what this cult was outwardly connected with: the Saviour’s tomb and the site in Jerusalem. The pilgrimage to Jerusalem was intended, I might say, to crown the ceremonial festivities that could be celebrated in those places. All the ceremonies with their rituals that could be performed at the various sites were meant to find their culmination for the individual through the fact that he, as it were, internalized with his heart what he had experienced in the image and in the ceremony by making a pilgrimage himself to the Saviour’s tomb.
[ 19 ] Was sich schon die alten Ägypter mit einem riesigen Zwang herausgebildet hatten, so wie ich es an der Betrachtung der Mumie, des mumifizierten Menschen dargestellt habe, die Begriffe: einzelne Schulen drüben in Asien konnten es noch erfassen, aber der Bevölkerung ging es verloren. Man konnte sich nicht hinaufringen zu dem, was das Geheimnis des Menschen und damit das Geheimnis der göttlichen Welt ist.
[ 19 ] What the ancient Egyptians had already developed through immense effort—as I have described in my examination of the mummy, the mummified human being—were these concepts: individual schools over in Asia were still able to grasp them, but they were lost to the general population. People could not bring themselves to grasp what constitutes the mystery of the human being and, with it, the mystery of the divine world.
[ 20 ] Je weiter man daher in der Zeit des Papstes Nikolaus I. vorrückte, um so mehr sah man im Osten eine innige, herzliche Verehrung des Kultus und ein inniges, herzliches Hängen an dem Zusammenwirken des Kultus und alles dessen, was man am Kultus erleben, empfinden konnte, mit dem, was man dann als die Krönung dieser Empfindungen, gewissermaßen als die größte Kultushandlung empfand: das Hinpilgern zu dem Heiligen Grabe. Wenn man von dem Rom des 9. Jahrhunderts, von dem Rom des Papstes Nikolaus I. nach Osten hinübersah, da sah man das eine, wovon sich Nikolaus I. und seine Ratgeber sagten, daß das nicht für die europäische, nicht für die mittel und nicht für die westeuropäische Bevölkerung tauge. Diese mittel- und diese westeuropäische Bevölkerung habe zuviel von dem in der Menschheitsentwickelung heranstürmenden Intellekt, um an dem bloßen, allerdings durch das Herz innig durchtränkten Anschauen des Zeremoniells und an dem Gange nach dem Heiligen Grabe zu hängen. Zuviel habe die europäische Menschheit von heraufkommendem Intellektualismus, um in einer solchen Weise ganz Mensch sein zu können. Man sah, daß das im Osten möglich ist, aber mutete es der Menschheit Mitteleuropas und des Westens nicht zu.
[ 20 ] The further one went, therefore, into the era of Pope Nicholas I, the more one saw in the East a deep, heartfelt devotion to the liturgy and a deep, heartfelt attachment in the East to the interplay between the cult and everything one could experience and feel through it, and what was then perceived as the crowning achievement of these feelings—in a sense, the greatest act of worship: the pilgrimage to the Holy Sepulcher. When one looked eastward from the Rome of the 9th century—from the Rome of Pope Nicholas I—one saw precisely what Nicholas I and his advisors had declared to be unsuitable for the European, the Central European, and the Western European populations. They believed that the people of Central and Western Europe possessed too much of the intellect that was surging forward in human development to be attached to the mere—albeit deeply heartfelt—contemplation of the ceremony and the pilgrimage to the Holy Sepulcher. They believed that European humanity had too much of this emerging intellectualism to be able to be fully human in such a way. It was seen that this is possible in the East, but it was not deemed feasible for the people of Central and Western Europe.
[ 21 ] Auf der andern Seite sah man auch das erste Fragezeichen. Man sah es als eine ungeheure Gefahr an, wenn nach Europa herüberkommen sollte, was innerhalb dieser Strömung lag, die so viel von Esoterik, so viel von dem in sich hatte, was nun wirklich durch die spiritualisierten Ideen eigentlich erst völlig begriffen werden kann. Und so möchte ich sagen: Wenn man. von dem Rom des Papstes Nikolaus 1. nach dem Westen hinüber Ausblick hielt, dann sah man Gefahr; blickte man nach dem Osten, sah man Gefahr. Im Osten sah man eine Strömung sich ausbreiten, die tief nach Europa hereinging — eigentlich eine Reihe von Strömungen —, die Strömung des esoterischen Kultus, im Gegensatz zu jener andern esoterischen Strömung. Mitteleuropa kann und darf nicht ergriffen werden, weder von der einen noch von der andern Strömung — so sagte man sich an dem päpstlichen Hofe von Nikolaus I. Was hat zu geschehen? Es muß dasjenige Gut, das die richtigen Angehörigen dieser esoterischen Strömung schauten, es muß dieses spirituelle Gut in dogmatische Formen gebracht werden. Man muß Worte, Sätze dafür haben, es muß ausgesprochen werden. Aber man muß die Menschen davor behüten, daß sie das Ausgesprochene schauen können, erkennen können.
[ 21 ] On the other hand, the first question mark also appeared. It was viewed as an immense danger if what lay within this current—which contained so much of the esoteric, so much of that which can truly be fully understood only through spiritualized ideas—were to make its way over to Europe. And so I would like to say: If one looked westward from the Rome of Pope Nicholas I, one saw danger; if one looked eastward, one saw danger. In the East, one saw a current spreading that penetrated deeply into Europe—actually a series of currents—the current of esoteric worship, in contrast to that other esoteric current. Central Europe cannot and must not be swept up by either of these currents—so it was said at the papal court of Nicholas I. What must be done? The spiritual good that the true adherents of this esoteric current perceived—this spiritual good must be cast into dogmatic forms. One must have words and sentences for it; it must be spoken. But one must protect people from being able to see or recognize what has been spoken.
[ 22 ] Es entstand die Glaubensvorstellung. Es entstand die Vorstellung: man muß den Menschen, ohne ihnen die Möglichkeit des Schauens zu geben, in abstrakt-dogmatischer Form den Inhalt geben, an den sie glauben können. Und so entstand diese dritte Strömung, die Mittel- und Westeuropa religiös und auch wissenschaftlich ergriff, die zunächst für den heranstürmenden Intellekt die Dogmen hatte, aber nicht so, daß diese Dogmen in Begriffe gefaßtes Schauen gewesen wären, sondern diese Strömung hatte die Dogmen so, daß sie ausgesprochen wurden. Das, was sie darstellten, schaute man nicht mehr, man sollte nur daran glauben.
[ 22 ] A religious belief system emerged. The idea arose that one must present people—without giving them the opportunity to see for themselves—with content in an abstract, dogmatic form in which they can believe. And so this third movement arose, which took hold of Central and Western Europe both religiously and scientifically; at first, it offered dogmas to the surging intellect, but not in such a way that these dogmas were insights expressed in concepts; rather, this movement presented the dogmas in such a way that they were simply stated. What they represented was no longer something one could perceive; one was simply supposed to believe in it.
[ 23 ] Hätte diese esoterische Strömung, die bis nach Irland hineingereicht hat und da in den neueren Zeiten verglommen ist, sachgemäß verfolgt werden sollen, dann hätten die Menschen sich innerhalb ihrer einleben müssen in eine Vereinigung der Seele mit der spirituellen Welt. Denn im Grunde genommen war das, was in dieser esoterischen Strömung lebte, die große Frage: Wie gelangt der Mensch dazu, in der ätherischen Welt, im ätherischen Kosmos sich zurechtzufinden? Denn die Schauungen, die auch das Geheimnis von Golgatha in der Art einschlossen, wie ich es gerade vorhin wiederum charakterisiert habe, bezogen sich auf das Ätherische des Kosmos. So daß man sagen konnte: Hier war die große Frage nach der Eigentümlichkeit des ätherischen Kosmos. Aber was sich auf den ätherischen Kosmos bezog, das wurde für die mittlere Strömung, für diejenige Strömung, die vorzugsweise in die Form des Lateinertums, bis tief ins Mittelalter hinein, gefaßt worden ist, zum dogmatischen Inhalt.
[ 23 ] If this esoteric movement, which extended as far as Ireland and has since faded there in more recent times, had been properly pursued, then people would have had to find their way within it to a union of the soul with the spiritual world. For, fundamentally, what lived within this esoteric movement was the great question: How does a human being come to find their way in the etheric world, in the etheric cosmos? For the visions, which also encompassed the mystery of Golgotha in the way I have just characterized it again, related to the etheric aspect of the cosmos. So one could say: Here lay the great question concerning the nature of the etheric cosmos. But what related to the etheric cosmos became, for the middle current—that is, the current that was primarily expressed in the form of Latin culture well into the Middle Ages—a matter of dogma.
[ 24 ] Im Westen war die Frage, unbewußt, nach dem Geheimnis des ätherischen Kosmos. Im Osten war die große Frage innerhalb der Menschheit heraufgetaucht: Wie verhält es sich mit der ätherischen Organisation, mit dem ätherischen Menschenorganismus?
[ 24 ] In the West, the question—though unconsciously posed—was about the mystery of the etheric cosmos. In the East, the great question had arisen within humanity: What is the nature of the etheric organization, of the etheric human organism?
[ 25 ] In allen in Kultus, Zeremonie und Ritual ablaufenden Stimmungen und Erkenntnissen des Ostens lebte unbewußt die Frage: Wie kommt der Mensch mit seinem ätherischen Leibe zurecht? — In der südwestlichen Strömung lebte die Frage: Wie kommt der Mensch mit dem ätherischen Kosmos zurecht? — Früher hatte der Mensch die Wahrheiten über die übersinnliche Welt durch ein traumhaftes Hellsehen wie von selbst erlangt; er brauchte sich nicht des Ätherischen in der Welt und in sich selbst bewußt zu werden. Das war das Bedeutsame, was die neuere Zeit heraufbrachte, daß an den Menschen die große Frage nach dem Inhalt des Ätherischen herantrat — im Westen die Frage nach dem ätherischen Kosmos, im Osten die Frage nach dem eigenen ätherischen Leibe.
[ 25 ] In all the moods and insights of the East that unfolded in worship, ceremony, and ritual, the question lived unconsciously: How does the human being come to terms with his etheric body? — In the southwestern tradition, the question was: How does the human being come to terms with the etheric cosmos? — In earlier times, human beings had attained the truths about the supersensible world almost automatically through a dreamlike form of clairvoyance; they did not need to become conscious of the etheric in the world and within themselves. This was the significant development brought about by modern times: the great question regarding the nature of the etheric—in the West, the question of the etheric cosmos; in the East, the question of one’s own etheric body—came to confront humanity.
[ 26 ] Die Frage nach dem ätherischen Kosmos ruft den Menschen zu höchster Entfaltung seiner Geistigkeit auf. Er muß die stärkste Kraft der Ideen entwickeln, um in die Geheimnisse des Kosmos einzudringen. Ich habe Ihnen gestern angedeutet, wie man sie zuerst findet, wenn man in Goethescher Form die Pflanzenmetamorphose betrachtet, dann aber aufsteigt zu jener umfassenden Metamorphose, die von einem Erdenleben ins andere Erdenleben hinüberführt. Aber das wurde in Rom für gefährlich gehalten, namentlich in der angedeuteten Zeit des Papstes Nikolaus I. Es sollte gewissermaßen ausgefüllt und zugedeckt werden, was in dieser Strömung lebte.
[ 26 ] The question of the ethereal cosmos calls upon human beings to achieve the highest unfolding of their spirituality. They must develop the strongest power of ideas in order to penetrate the mysteries of the cosmos. Yesterday I hinted at how one first finds this power by considering plant metamorphosis in the manner of Goethe, and then ascends to that all-encompassing metamorphosis that leads from one earthly life to another. But this was considered dangerous in Rome, particularly during the period of Pope Nicholas I to which I alluded. What was alive in this current was to be, so to speak, filled in and covered up.
[ 27 ] Aber auch die andere Strömung, die östliche Strömung, bestand in einer Auseinandersetzung mit dem Ätherischen, nur mit dem Ätherischen der eigenen Organisation, mit dem eigenen ätherischen Menschenleib. Mit dem, was sich in dem äußeren Naturreich darlebt, mit Tieren, Pflanzen, Mineralien, lebt der physische Menschenleib, mit alldem, was der Mensch an Maschinen fabriziert, lebt der physische Menschenleib. Will der Mensch aber mit seinem ätherischen Leib hier auf der Erde leben, dann kann er das nur in äußerlicher Weise, wenn er in Zeremonien, wenn er innerhalb des Ritualismus lebt, wenn er innerhalb von Geschehnissen lebt, die nicht irdisch-sinnlich-reale sind. In solche Geschehnisse wollte man sich im Osten einleben, um die innere Eigentümlichkeit des eigenen menschlichen ätherischen Organismus zu erleben.
[ 27 ] But the other current—the Eastern current—also consisted of an engagement with the etheric, though only with the etheric aspect of one’s own constitution, with one’s own etheric human body. The physical human body lives in harmony with what exists in the outer natural realm—animals, plants, and minerals—and with everything that humans manufacture in the form of machines. But if a person wishes to live with their etheric body here on Earth, they can do so only in an external way—through ceremonies, by living within ritualism, or by living within events that are not earthly, sensory, or real. In the East, people sought to immerse themselves in such events in order to experience the inner nature of their own human etheric organism.
[ 28 ] Auch das fand man in dem Rom des 9. Jahrhunderts, in dem Rom des Papstes Nikolaus I., nicht geeignet für Europa. Vom Westen behielt man bloß — und erstreckte es dann wieder weiter zum Westen hin, so daß diese esoterische Strömung ganz verdeckt wurde — dasjenige, was der Intellekt bis zur Dogmatik heraufbringt, wo an die übersinnlichen Wahrheiten nur noch geglaubt wird, wo sie nicht mehr geschaut werden. Aber auch jenes innere Verhältnis zum Kultus, das in Osteuropa sich entwickelt hatte, glaubte man für die mittel- und westeuropäische Bevölkerung nicht geeignet, und daraus entstand dann jene Modifikation des Kultus, die man eben in der römischkatholischen Kirche hat.
[ 28 ] This, too, was deemed unsuitable for Europe in 9th-century Rome, the Rome of Pope Nicholas I. From the West, one retained only—and then extended it further westward, so that this esoteric current was completely obscured—that which the intellect brings forth up to the level of dogmatics, where supernatural truths are merely believed in and are no longer perceived. But even that inner relationship to worship that had developed in Eastern Europe was deemed unsuitable for the populations of Central and Western Europe, and this gave rise to the modification of worship that is found in the Roman Catholic Church.
[ 29 ] Wenn Sie einmal den Kultus, wie er in der östlichen, in der russisch-orthodoxen Kirche ist, mit der Art und Weise des Kultus vergleichen, wie er in der römisch-katholischen Kirche lebt, dann finden Sie folgenden Unterschied: In der römisch-katholischen Kirche ist mehr ein angeschautes Symbolum, im Osten ist mehr etwas, in das sich die Seele mit einer vollen Inbrunst hineinlebt. Im Westen war stets das Bedürfnis vorhanden, von dem Kultus, der sich mit der dogmatischen Auffassung verband, immer wieder zu den Dogmen hinüberzugehen und von den Dogmen aus den Kultus zu beleuchten. Im Osten wirkte der Kultus für sich. Und das, was nach dem Westen ging, beschränkte sich schließlich darauf, allmählich zu dem zu werden, was dann in äußerlicher Weise in verschiedenen okkulten Gemeinschaften bewahrt wurde, die ja auch heute noch vorhanden sind, die heute zwar eine große Rolle spielen, aber von aller Esoterik der alten Zeit entblößt sind.
[ 29 ] If you compare the form of worship as practiced in the Eastern, Russian Orthodox Church with that of the Roman Catholic Church, you will find the following difference: In the Roman Catholic Church, worship is more of a symbol to be contemplated; in the East, it is more something into which the soul immerses itself with full fervor. In the West, there has always been a need to move back and forth between worship—which was linked to dogmatic understanding—and the dogmas themselves, using the dogmas to shed light on worship. In the East, the cult stood on its own. And what made its way to the West was ultimately limited to gradually becoming what was then preserved in an external form within various occult communities—communities that still exist today, which play a major role but are stripped of all the esotericism of ancient times.
[ 30 ] In Europa einen Kultus zu inaugurieren, der nicht so in das Ätherische der Menschennatur eingreift, wie es im Osten geschieht, und eine Dogmatik einzurichten, die es dem Menschen ersparen soll, sein Schauen zu der spirituellen Welt hinaufzuführen, eine solche Doppelströmung einzuführen, das war das dritte große Fragezeichen, das vor Nikolaus I. stand. Und daran arbeitete er. Dadurch ist es geschehen, daß später die griechisch-orientalische Kirche sich vollständig von der römisch-katholischen getrennt hat. In dem, was ich angeführt habe, liegen eigentlich die inneren Gründe.
[ 30 ] To inaugurate a form of worship in Europe that does not penetrate the ethereal aspect of human nature as deeply as it does in the East, and to establish a dogmatics intended to spare people the need to raise their gaze to the spiritual world—to introduce such a dual current—that was the third major challenge facing Nicholas I. And he worked on this. As a result, the Greek-Eastern Church later separated completely from the Roman Catholic Church. The inner reasons actually lie in what I have just mentioned.
[ 31 ] Das alles, was ich Ihnen hier auseinandergesetzt habe, ist eigentlich auf dem Grunde der Seelen sehr deutlich noch zur Zeit der Regierung des Papstes Nikolaus I. in der Mitte des 9. nachchristlichen Jahrhunderts vorhanden gewesen. Da waren auch durchaus noch Reste von Esoterik im Westen vorhanden. Da waren, namentlich in Spanien, in Frankreich, in Irland, esoterische Schulen. Da waren Menschen, die in die geistigen Welten hineinschauen konnten, die auch ein Christentum hatten, das durch Schauen gelehrt war. Später erhielten sich von dem, was da als Schauen vorhanden war, eben nur die in Andeutungen vorhandenen, in geheimnisvoller Weise immer wieder und wiederum geprägten Hinblicke auf den Heiligen Gral oder auf sein verweltlichtes Gegenbild, auf die Tafelrunde des Königs Artus. Aber man hatte schon das Gefühl: dadrinnen liegt etwas, was mit einem Schauen überirdischer Welten, was mit einem Erleben überirdischer Welten zusammenhängt.
[ 31 ] Everything I have explained to you here was, in fact, still very clearly present in the depths of people’s souls during the reign of Pope Nicholas I in the middle of the 9th century A.D. There were also definitely still remnants of esotericism in the West. There were esoteric schools, particularly in Spain, France, and Ireland. There were people who could look into the spiritual worlds, people who also held a form of Christianity that was taught through vision. Later, all that remained of what had once existed as vision were merely the allusions—glimpses of the Holy Grail or its secularized counterpart, the Round Table of King Arthur—which were repeatedly and mysteriously imprinted time and again. But one already had the feeling: there is something there that is connected to a vision of supermundane worlds, to an experience of supermundane worlds.
[ 32 ] In Mitteleuropa und übergreifend dann in die Stätten, wo im Westen noch Esoterik vorhanden war, lebte eben dasjenige, was innige, Glauben tragende Dogmatik in Verbindung mit einer nicht voll mit dem menschlichen Ätherleib zusammenhängenden Zeremonienwelt ergab. Und im Osten lebte, was ich ja charakterisiert habe. Man müßte, wenn man für das 9. Jahrhundert die europäische Seele schildert, überall in den verschiedenen Varianten diese drei verschiedenen Seelenstimmungen charakterisieren. Das andere, was in der Geschichte erzählt wird, ist alles nur ein flüchtiger äußerer Ausdruck dessen, was in den Tiefen auf solche Art waltete.
[ 32 ] In Central Europe, and extending from there to those places in the West where esotericism still existed, there lived precisely that which resulted from a deep, faith-based dogmatism combined with a ceremonial world not fully connected to the human etheric body. And in the East lived what I have already characterized. When describing the European soul of the 9th century, one would have to characterize these three distinct spiritual dispositions in all their various forms. Everything else recounted in history is merely a fleeting, external expression of what reigned in the depths in this manner.
[ 33 ] Aber nun kamen die späteren Zeiten. Es kamen jene Zeiten, in denen dieser esoterischen Strömung sozusagen nachgeschoben wurde, was im Arabismus immer mehr und mehr sich veräußerlichte. Man möchte sagen, was da in Asien drüben aus dem Aristoteles gemacht worden war, das strömte auch herüber; und in diesem späteren Nachströmen vermaterialisierte sich diese esoterische Strömung, die aus einer sehr spirituellen Auffassung kam. Und wir sehen, daß zum Beispiel schon im 11., 12. Jahrhundert die Esoterik immer mehr und mehr hinunterglimmt, abschmilzt, und daß gerade diese esoterische Strömung jene materialistische Denkungsform annimmt, die dann in späterer Metamorphose zum Materialismus in der Naturwissenschaft wurde; denn der ist eigentlich aus dem Arabismus heraus entsprungen.
[ 33 ] But then came later times. There came those times in which this esoteric current was, so to speak, followed by what became increasingly externalized in Arabism. One might say that what had been made of Aristotle over in Asia also flowed over here; and in this later influx, this esoteric current—which had originated from a very spiritual perspective—became materialized. And we see that, for example, as early as the 11th and 12th centuries, esotericism was gradually fading and dissipating, and that this very esoteric current adopted the materialistic form of thought that later, through a metamorphosis, became materialism in the natural sciences; for materialism actually sprang from Arabism.
[ 34 ] Die mittlere Strömung, die eigentliche Schöpfung des Papstes Nikolaus 1., die aber schon von Bonifatius genährt worden war, die eine wesentliche Stütze an den Merowingern und an den Karolingern gefunden hatte und die Jahrhunderte hindurch nur noch wenig tingiert war von dem, was durch die Gralssage und die andern heiligen Sagen den Blick der Menschenseele in die übersinnliche Welt lenkte, sie kam immer mehr und mehr dazu, den Kultus und die Dogmatik zu vermaterialisieren. Aus jenen reineren Anschauungen, die man zum Beispiel in den älteren Zeiten von der Transsubstantiation, von dem Verlaufe der Messehandlungen und so weiter hatte, wurden dann jene derbmateriellen Auffassungen, die einzig und allein dazu führen konnten, daß man anfing, sich über das Abendmahl zu streiten. Die Streite über das Abendmahl waren ein Beweis dafür, daß man es nicht mehr so verstand, wie es ursprünglich aufgefaßt war. Man kann es eben nur verstehen, wenn es von spiritueller Erkenntnis durchzogen ist. So vermaterialisierte sich diese westliche, ost-süd-westliche Strömung, so vermaterialisierte sich die mittlere Strömung, und immer mehr und mehr vermaterialisierte sich in wesentlicher Art auch die östliche Strömung. Die Welle des Materialismus kam herauf. Aber überall bäumte sich dennoch die Menschheit gegen diese Welle des Materialismus in einer gewissen Weise auf.
[ 34 ] The moderate movement, the true creation of Pope Nicholas I, but which had already been nurtured by Boniface, which had found substantial support among the Merovingians and the Carolingians, and which, over the centuries, had been only slightly influenced by what, through the legend of the Grail and other sacred legends, directed the gaze of the human soul toward the supernatural world—this movement increasingly tended to materialize worship and dogma. Those purer conceptions—such as those held in earlier times regarding transubstantiation, the course of the Mass, and so on—gave way to crude, materialistic views that could lead to nothing other than disputes over the Eucharist. The disputes over the Lord’s Supper were proof that it was no longer understood as it had originally been conceived. It can only be understood when it is permeated by spiritual insight. Thus this Western, East-South-Western current became materialistic; thus the middle current became materialistic; and, in an essential sense, the Eastern current, too, became increasingly materialistic. The wave of materialism surged forth. Yet everywhere, humanity nevertheless rebelled against this wave of materialism in a certain way.
[ 35 ] Und nun gehen wir aus dem Zeitalter des 9. Jahrhunderts, aus dem Zeitalter des Papstes Nikolaus I., herauf bis in das 11. Jahrhundert. Wir müssen uns durchaus vorstellen, daß die drei Fragezeichen wirklich wie drei furchtbare, seelenquälende Gewalten vor einer solchen Persönlichkeit wie dem Papste Nikolaus I. standen. Denn er konnte nicht etwa sagen, wie man es später in Kongressen gemacht hat, wo man Landkartenstriche gezogen hat, so wie man es aus äußeren Verhältnissen heraus für richtig hielt, er konnte nicht sagen: Ich befehle, daß hier und hier eine Grenze ist. — Das konnte er nicht sagen, denn so ließen sich die Seelen nicht abgrenzen. Er konnte gewissermaßen Richtungen angeben und der einen, der mittleren Richtung, eine besondere Stärke verleihen. Darin war Nikolaus I. ganz besonders genial, der mittleren europäischen Strömung eine besondere Stärke zu gewähren. Aber das war dennoch der Fall, daß zum Beispiel die Stimmung, die im Osten war, bis weit in den Westen hereinging, jene Stimmung, welche die innere Glut des menschlichen ätherischen Organismus an den heiligen Weihehandlungen des Kultus entzündete und die zu gleicher Zeit, jetzt in einer mehr westeuropäischen Weise, den AblaufdieserWeihehandlungenmitdem Zentrum in Jerusalem verband.
[ 35 ] And now we move from the 9th century—the era of Pope Nicholas I—up into the 11th century. We must certainly imagine that the three question marks truly stood before a figure such as Pope Nicholas I like three terrible, soul-tormenting forces. For he could not simply say, as was later done in congresses where lines were drawn on maps according to what was deemed correct based on external circumstances—he could not say: “I decree that there is a border here and here.” — He could not say that, for souls could not be demarcated in that way. He could, so to speak, indicate directions and bestow a special strength upon the middle direction. In this, Nicholas I was particularly brilliant: in granting the middle European current a special strength. But it was nevertheless the case that, for example, the mood prevailing in the East extended far into the West—that mood which kindled the inner fervor of the human etheric organism through the sacred rites of worship and which, at the same time, now in a more Western European manner, linked the course of these rites to the center in Jerusalem.
[ 36 ] Was noch vom Osten nach Mitteleuropa und nach dem Westen hereinragte an Pilgerstimmung, an Hinneigung zu dem realen Mittelpunkte, dem konnte ein Peter von Amiens zunächst ein wenig, nachher aber ein Bernhard von Clairvaux mit einer wirklichen blendenden Glut das Kreuz predigen. Und dem, was in Europa an solcher Pilgerströmung vorhanden war, mischte sich die Strömung bei, die übriggeblieben war aus diesem Westlichen auf dem Umwege durch das Gralstum, durch das Artustum: was da übriggeblieben war, als die Esoterik, ich möchte sagen, ausgeflossen war und der Mensch da war mit dieser äußeren Form, jener Mensch, dem die Erde nicht eigentlich die Erde war, sondern ein besonderer Ort im ganzen Kosmos.
[ 36 ] Whatever remained of the pilgrim spirit that had spread from the East into Central Europe and the West—that inclination toward the true center—could initially be preached by Peter of Amiens to some extent, but later by Bernard of Clairvaux with truly dazzling fervor. And what remained in Europe of this pilgrimage movement was mingled with the current that had survived from the West via the detour through the Grail tradition and the Arthurian legend: what had remained there as esotericism, I might say, had flowed out, and the human being remained with this outer form—that human being for whom the earth was not really the earth, but a special place within the entire cosmos.
[ 37 ] So etwas lebte tatsächlich als Anschauung in dem westeuropäischen und mitteleuropäischen Rittertum, das dann sich der Kreuzzugsstimmung anschloß. Und nur wie ein leiser Unterton, der allerdings dann, als die Kreuzzüge weitergingen, immer stärker und stärker wurde, mischte sich da hinein, was Nikolaus I. als die eigentliche europäische Zivilisationsstimmung in Religion und Erkenntnis begründet hatte. Deshalb muten uns die Kreuzzüge als etwas an, was aus den späteren Verhältnissen heraus eigentlich gar nicht mehr voll zu verstehen ist. Denn die mittlere Strömung hat sich dann ausgebreitet. Daneben ist die osteuropäische Strömung geblieben, die innerhalb Europas eben als eine zurückgebliebene Religionsströmung angesehen wird. Die westeuropäische Strömung hat sich verwandelt in die Ranken des Okkult-Esoterischen, in allerlei okkulte Gesellschaften, Freimaurerorden und so weiter. Die mittlere hat endlich auch die Wissenschaft ergriffen in der Scholastik, in der neueren Naturwissenschaft.
[ 37 ] Such a view was indeed held by the knighthood of Western and Central Europe, which then joined the crusading spirit. And only as a faint undertone—which, however, grew stronger and stronger as the Crusades continued—did what Nicholas I had established as the true spirit of European civilization in religion and knowledge intermingle with it. That is why the Crusades strike us as something that, viewed from later circumstances, can no longer be fully understood. For the mainstream current then spread. Alongside this, the Eastern European current has persisted, which within Europe is viewed precisely as a backward religious current. The Western European current has transformed into the tendrils of the occult and esoteric, into all manner of occult societies, Masonic orders, and so on. The middle current has finally also taken hold of science in scholasticism and in modern natural science.
[ 38 ] Wer nur das sieht, was da in der neueren Zeit geworden ist, der begreift die Kreuzzugsstimmung nicht. Die Kreuzzugsstimmung begreift nur, wer fassen kann, was von jenem Impuls gerade vom 4., 5. nachchristlichen Jahrhundert bis in das 12., 13. Jahrhundert lebte und was Papst Nikolaus I. im 9. Jahrhundert besonders stark empfunden hat, die Frage: Wie verbindet man dasjenige, was in der äußeren Welt vorhanden ist an Geschehnissen, in die der Mensch selbst eingreift und von denen die Kultushandlungen die vorzüglichsten sind, mit dem lebendigen Strom des spirituellen Lebens, des Lebens der spirituellen Wesenheiten? Man möchte sagen, beim europäischen Menschen fing es im 9., 10., 11. Jahrhundert an: so wie ihm die Realitäten des Kultus auf der einen Seite entfallen mußten, entfielen ihm die Realitäten des spirituellen Schauens auf der andern Seite. Während die Realitäten des Kultus in das Unbestimmte Asiens hinüber entschwanden und in der Eroberung durch die Türken den heiligen Ort zudeckten, an den für den Christen diese Kultushandlungen anknüpfen sollten, fielen durch die Entdeckung Amerikas — wenn ich mich bildlich ausdrücken darf — die esoterischen Geheimnisse der westlichen Strömungen in den Atlantischen Ozean hinein. Es entstand als eine Reaktion die Stimmung: Wie erfüllt man das, was doch da sein muß, die heiligen Weihehandlungen und ihr Zentrum, den Ort in Jerusalem, wie erfüllt man das mit spirituellem Leben?
[ 38 ] Anyone who sees only what has come to pass in more recent times cannot understand the spirit of the Crusades. Only those who can grasp what was alive in that impulse—from the 4th and 5th centuries A.D. right through the 12th and 13th centuries—and what Pope Nicholas I felt particularly strongly in the 9th century—namely, the question: How does one connect the events that exist in the outer world—events in which human beings themselves intervene, and of which religious rituals are the most prominent—with the living stream of spiritual life, the life of spiritual beings? One might say that for Europeans, it began in the 9th, 10th, and 11th centuries: just as the realities of religious ritual had to fade away on the one hand, so too did the realities of spiritual vision fade away on the other. While the realities of worship faded into the vagueness of Asia and, with the Turkish conquest, obscured the holy site to which these ritual acts were meant to be linked for Christians, the discovery of America caused—if I may speak figuratively—the esoteric mysteries of Western currents to fall into the Atlantic Ocean. A mood arose in reaction to this: How does one fulfill what must surely be there—the sacred rites of consecration and their center, the place in Jerusalem—how does one fill this with spiritual life?
[ 39 ] Wer die Reden Bernhard von Clairvaux’ liest, kann heute noch fühlen, wie aus ihm heraus das inbrünstige Hängen an dem Kultus spricht, an dem äußerlich-sinnlichen, in welchem Esoterik lebt, und wie andererseits sein Herz durchglüht ist von dem, was einmal in jener esoterischen Stimmung des Westens gelebt hat. In die Predigten, in die Reden des Bernhard von Clairvaux tönt, wenn er es auch nicht ausspricht, aber indem er es grandios künstlerisch anklingen läßt, das hinein, was der ätherische Kosmos dem Menschen enthüllen möchte und nicht mehr enthüllen kann, und gleichzeitig das, was in dem eigenen menschlichen ätherischen Organismus von der Erde aus wirken möchte. Das treibt die Menschen nach Asien hinüber, um wiederum zu suchen, was sie nach Westen hinüber verloren hatten. Die Esoterik war dennoch der treibende Impuls. Was man nach Westen hinüber verloren hatte, dessen wollte man ansichtig werden, indem man sich wiederum mit dem Grab des Erlösers verband. Darin besteht die Tragik der nachfolgenden Zeit, daß man das nicht begriffen hat, daß man zum Beispiel nicht hören konnte auf so etwas, wie es dann die rosenkreuzerische Stimmung — ich meine in ihrer wahren Gestalt — geworden ist, die allerdings den Christus in geistigen Höhen, nicht am physischen Grabe hat suchen wollen. Heute aber ist die Zeit gekommen, wo die Menschheit begreifen soll, daß, ebenso wie den Persönlichkeiten, die nach dem Tode des Erlösers an das Grab gekommen sind, gesagt worden ist: «Der, den ihr suchet, ist nicht mehr hier, suchet ihn woanders», daß auch den Kreuzfahrern gesagt worden ist: «Der, den ihr suchet, ist nicht mehr hier, suchet ihn woanders.» Heute ist die Zeit, wo man wieder woanders suchen muß den, der nicht mehr hier ist, wo man ihn suchen muß durch eine neue Erschließung der geistigen Welten.
[ 39 ] Anyone who reads the sermons of Bernard of Clairvaux can still sense today how his fervent devotion to the outward, sensory cult—in which esotericism lives—speaks through him, and how, on the other hand, his heart is set ablaze by what once lived in that esoteric atmosphere of the West. Resonating in the sermons and speeches of Bernard of Clairvaux—even if he does not state it explicitly, but rather allows it to resonate with magnificent artistry—is what the etheric cosmos wishes to reveal to humanity but can no longer reveal, and at the same time, what seeks to work from the Earth within the human etheric organism itself. This drives people across to Asia to seek once more what they had lost on their journey westward. Esotericism was, nevertheless, the driving impulse. What had been lost on the journey westward, people wished to become aware of by reconnecting with the Saviour’s tomb. Therein lies the tragedy of the subsequent era: that people did not grasp this; that they were unable, for example, to heed something like what the Rosicrucian movement—I mean in its true form—later became, which, however, sought Christ in spiritual heights rather than at the physical tomb. But today the time has come when humanity must realize that, just as it was said to the people who came to the tomb after the Saviour’s death: “The one you seek is no longer here; seek him elsewhere,” so too was it said to the Crusaders: “The one you seek is no longer here; seek him elsewhere.” Today is the time when we must once again seek elsewhere the One who is no longer here—a search that must be undertaken through a new exploration of the spiritual worlds.
[ 40 ] Das ist es, was als die Aufgabe vor dem Menschen der Gegenwart dasteht, das ist es, was ich gewissermaßen im Anschlusse an die Betrachtungen, die in den letzten Tagen hier gepflogen worden sind, noch sagen wollte. Und bei dieser Gelegenheit möchte ich doch nicht versäumen, anschließend an das, was ich nun versucht habe, wenn auch ganz skizzenhaft, aus der anthroposophischen Esoterik herauszuholen, Ihnen zu sagen, daß doch wirklich in den Seelen, die sich zur Anthroposophischen Gesellschaft zählen und die Anthroposophie als ihr Bekenntnis haben wollen, leben möge die Empfindung von der ungeheuren Bedeutung des gegenwärtigen historischen Momentes, der Bedeutung von dem Aufsuchen der spirituellen Welten. Und deshalb möchte ich heute im Anschlusse an diese einschneidenden Betrachtungen, die ich eben gepflogen habe, sagen: Möchte es doch innerhalb der einzelnen Kreise der Anthroposophischen Gesellschaft versucht werden, sich des Ernstes des gegenwärtigen historischen Momentes bewußt zu werden und sich selber und die Verhältnisse zu fragen, ob es nicht möglich wäre, diese Anthroposophische Gesellschaft in einem gewissen Sinne wiederum zu galvanisieren, so daß sie aus einem gewissen schläfrigen Zustande herauskommen und erwachen würde zu einem wirklichen Leben. Wir brauchen es heute, wo einzelnes Bedeutungsvolles auf den verschiedensten Gebieten des wissenschaftlichen und des praktischen Lebens aus der Anthroposophischen Gesellschaft herauskommen soll, wir brauchten es heute, daß die Anthroposophische Gesellschaft im weitesten Umfange Seelen habe, in denen reges Leben ist, die von der Einsicht in die Wichtigkeit des historischen Momentes befeuert sind.
[ 40 ] This is the task that lies before people today; this is what I wanted to add, so to speak, following the reflections that have been shared here over the past few days. And on this occasion, I would not want to fail to tell you—following what I have now attempted, albeit only in a very sketchy way, to draw from anthroposophical esotericism—that there really should live in the souls of those who count themselves among the members of the Anthroposophical Society and who wish to profess anthroposophy, may the sense of the immense significance of the present historical moment—the significance of seeking out the spiritual worlds—live on. And that is why, following these profound reflections I have just shared, I would like to say today: May an effort be made within the individual circles of the Anthroposophical Society to become aware of the gravity of the present historical moment and to ask themselves and examine the circumstances: Might it not be possible, in a certain sense, to revitalize this Anthroposophical Society once again, so that it might emerge from a certain state of lethargy and awaken to a true life? We need this today, when significant contributions in a wide variety of fields of scientific and practical life are to emerge from the Anthroposophical Society; we need this today so that the Anthroposophical Society, to the greatest extent possible, may have souls filled with vibrant life, souls fired by an understanding of the importance of this historical moment.
[ 41 ] Wenn es irgend geht, dann fragen Sie sich und fragen Sie andere, ob es nicht doch in der nächsten Zeit möglich ist, die alte Anthroposophischen Gesellschaft wiederum etwas zu galvanisieren und ihr Leben zuzuführen von dem Leben ihrer Einzelseelen. Notwendig wäre es! Gekonnt werden, das ist auch eine Möglichkeit! Aber die Menschenseelen, die ihr Leben an der Einsicht in den wichtigen historischen Moment entzünden möchten, müssen sich auf unserem Grund und Boden finden. Tun Sie für die anthroposophische Bewegung, was für sie zu tun in der letzten Zeit doch mehr oder weniger von vielen vergessen worden ist.
[ 41 ] If at all possible, ask yourselves and ask others whether it might not be possible in the near future to reinvigorate the old Anthroposophical Society and breathe life into it from the lives of its individual souls. It is necessary! Becoming skilled—that, too, is a possibility! But the human souls who wish to kindle their lives through an understanding of this important historical moment must find their footing on our soil. Do for the anthroposophical movement what many have more or less forgotten to do for it in recent times.

