Spiritual Forces Working in the Shared Lives
of the Older and Younger Generations
GA 217
10 October 1922, Stuttgart
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Spiritual Forces Working in Older and Younger Generations, tr. SOL
Achter Vortrag
Eighth Lecture
[ 1 ] Wir haben bisher versucht, von außen zu charakterisieren, was der heranwachsende Mensch um die Wende des neunzehnten, zwanzigsten Jahrhunderts erleben konnte, indem wir den Seelenblick auf die besondere Art, welche die menschliche Geisteskultur angenommen hat, gerichtet haben. Heute wollen wir einmal, um einen Übergang zu einer echten Selbsterkenntnis zu finden, die Menschenwesenheit von innen betrachten.
[ 1 ] So far, we have attempted to characterize from an external perspective what a young person might have experienced at the turn of the nineteenth and twentieth centuries by directing our spiritual gaze toward the particular form that human spiritual culture had taken. Today, in order to find a path toward genuine self-knowledge, we want to examine the human being from within.
[ 2 ] So, wie man für eine mehr äußerliche Betrachtung der Geistesentwickelung des Abendlandes auf das erste Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts zurückgewiesen wird, so muß man für eine mehr innerliche Betrachtung in das vierte nachchristliche Jahrhundert zurückgehen. Wenn Sie ein Jahr haben wollen, das gewissermaßen einen markanten Punkt andeutet, dann ist es das Jahr 333 unserer Zeitrechnung. Dieses Jahr ist natürlich nur approximativ zu nehmen; es ist nicht rechnungsmäßig gemeint, sondern so, daß es wie ein Näherungspunkt auf wichtige Dinge hinweist, die mit einem recht großen Teile der europäischen Menschheit geschehen sind.
[ 2 ] Just as one must look back to the first third of the fifteenth century for a more external view of the intellectual development of the West, so one must go back to the fourth century A.D. for a more internal view. If you want to identify a year that, in a sense, marks a turning point, it is the year 333 of our era. This year is, of course, only to be taken as an approximation; it is not meant in a strictly mathematical sense, but rather as a point of reference pointing to important events that occurred among a significant portion of the European population.
[ 3 ] Versuchen wir einmal, in eine Menschenseele hineinzuschauen, die sich vor diesem Zeitpunkt in jene Kultur hineingelebt hatte, die dazumal im Süden von Europa, vielleicht auch in einzelnen Gegenden des Nordens von Afrika zu finden war. Diese Gegenden kommen ja vorzugsweise in Betracht, wenn man das eigentlich maßgebende Geistesleben der damaligen Zeit ins Auge fassen will. Die Seelen der Menschen, die ich hier meine, hatten damals noch ein durchaus unmittelbares Bewußtsein davon, daß die menschlichen Gedanken nicht etwa im Kopfe ausgearbeitet werden, sondern etwas Geoffenbartes sind, sei es dem einzelnen Menschen, sei es, daß der Mensch, der selber nicht zu solcher Offenbarung imstande war, durch Mitteilung auf Vertrauen hin eine solche Offenbarung von anderen Menschen mittelbar erhalten konnte. Das heute seelisch maßgebende Gefühl bei dem Studierten und bei dem Nichtstudierten, daß Gedanken etwas sind, was man in seinem Kopfe sich selber erarbeitet, hatte man damals nicht. Man stand eigentlich gerade am Übergange. In Vorderasien drüben beschäftigten sich die hervorragendsten geistigen Persönlichkeiten mit der Frage, wie die Gedanken aus einem geistigen Reiche zu den Menschen kämen. Im Süden von Europa, im Norden von Afrika fing man eben an zu zweifeln, daß der Mensch die Fähigkeit habe, die Gedankenoffenbarungen zu empfangen. Es muß aber durchaus festgehalten werden, daß diese Zweifel erst ganz leise vorhanden waren und daß dasGefühl noch überwiegend war: Wenn ich einen Gedanken habe, so hat ein Gott ihn mir eingegeben, mag das auch indirekt sein, mag er mir durch menschliche Vererbung übermittelt sein, durch Tradition, nicht durch natürliche Vererbung. Hereinkommen in die irdische Entwickelung kann der Gedanke nur als ein geoffenbarter.
[ 3 ] Let us try to look into the soul of a person who, prior to this time, had become deeply immersed in the culture that existed at that time in southern Europe, and perhaps also in certain regions of northern Africa. These regions are, after all, the most relevant to consider when one wishes to grasp the truly defining spiritual life of that era. The souls of the people I am referring to here still had a thoroughly direct awareness at that time that human thoughts are not something worked out in the head, but rather something revealed—whether to the individual person, or, in the case of a person who was not capable of such revelation themselves, something they could receive indirectly from others through communication based on trust. The feeling that prevails today in the minds of both the educated and the uneducated—that thoughts are something one works out for oneself in one’s own head—did not exist back then. People were, in fact, standing right at a turning point. Over in the Near East, the most outstanding intellectual figures were grappling with the question of how thoughts came to human beings from a spiritual realm. In southern Europe and northern Africa, people were just beginning to doubt that human beings had the ability to receive these revelations of thought. It must, however, be firmly noted that these doubts were initially only very faint and that the prevailing sentiment was still: “If I have a thought, then a god has inspired it in me, even if indirectly; it may have been transmitted to me through human inheritance, through tradition, not through natural inheritance. A thought can enter earthly development only as a revealed one.”
[ 4 ] Die ersten Teilnehmer am abendländischen Geistesleben, die nach dieser Richtung hin starke Zweifel hatten, waren Menschen, die aus den nördlichen Völkern in die südlichen Kulturen hineingekommen waren. Sie waren aus germanisch-keltischem Blute und vom Norden mit den verschiedenen Völkerwanderungsströmen nach dem Süden gelangt. Sie wären vielleicht aus ihrer eigenen Wesensart heraus schon dazugekommen zu sagen: Gedanken sind etwas, das wir erarbeiten. Dieses Gefühl wurde aber gedämpft durch alles das, was man als griechisch-lateinische, als morgenländische Kultur vorfand. Die Kulturen waren bis in das vierte Jahrhundert hinein in einer ganz außerordentlichen Mischung, alle möglichen Faktoren spielten da hinein. Aber das jedenfalls empfand man beim Wandern nach dem Süden stark, daß man hineinerzogen wurde in die Anschauung: Gedanken können nur dadurch von den Menschen gefaßt werden, daß sie aus einer übersinnlichen Welt in die sinnliche hereingezogen werden.
[ 4 ] The first participants in Western intellectual life who harbored strong doubts about this direction were people who had come from the northern peoples into the southern cultures. They were of Germanic-Celtic descent and had traveled south from the north with the various waves of migration. Perhaps, by their very nature, they would have come to say: Thoughts are something we develop. But this feeling was dampened by everything they encountered in what was known as Greek-Latin or Eastern culture. These cultures remained in an extraordinary mixture well into the fourth century, with all manner of factors playing a role. But what was certainly felt strongly during the migration south was that one was brought up to believe: Thoughts can only be grasped by human beings when they are drawn from a supersensible world into the sensible one.
[ 5 ] Wir haben ja nur eine äußerliche Geschichte, keine Gefühls- und Gedankengeschichte, keine Seelengeschichte. Daher wird man nicht aufmerksam darauf gemacht, wie die Seelenverfassung in den aufeinanderfolgenden Jahrhunderten in der Menschheit eine ganz andere geworden ist. Es ist ungeheuer, wie stark der Umschwung im inneren menschlichen Empfinden gerade im vierten nachchristlichen Jahrhundert war. Es war damals etwas da, was zum allerersten Mal den Menschen über den Ursprung der Gedankenwelt nachdenken ließ, so daß das, was vorher eine Selbstverständlichkeit war — daß die Gedanken geoffenbart waren —, allmählich zu etwas wurde, was einer Theorie bedurfte, um eingesehen zu werden. Aber daß der Mensch aus sich selber heraus die Gedankenwelt erarbeiten könne, war für diese Seelen noch durchaus keine irgendwie überzeugende Tatsache.
[ 5 ] After all, we have only an external history—no history of feelings or thoughts, no history of the soul. Consequently, we are not made aware of how the state of the soul has become entirely different among humanity over the successive centuries. It is astonishing how profound the shift in inner human sensibility was, particularly in the fourth century A.D. At that time, something emerged that, for the very first time, caused people to reflect on the origin of the world of thought, so that what had previously been taken for granted—that thoughts were revealed—gradually became something that required a theory to be understood. But the idea that human beings could develop the world of thought from within themselves was by no means a convincing fact for these souls.
[ 6 ] Bedenken Sie, welch großer Unterschied gerade in dieser Beziehung zwischen den Seelen der heutigen Zeit und den damaligen vorhanden ist. Ich spreche immer nur von einer Anzahl von Seelen. Was ich Ihnen schildere, war natürlich in den verschiedensten Nuancen vorhanden. Bei einem Teile der Menschheit war es so, wie ich es Ihnen jetzt schildere; bei einem anderen war ein noch unbesieglich starker, intensiver Glaube vorhanden, daß sich geistig-seelisches Wesen in ihrem Organismus niederlasse und die Gedanken vermittle. Es war gewissermaßen eine Art Elite der Menschheit, welche die Gedanken dazumal so faßte, daß die Frage entstehen konnte: Woher hat man die Gedanken? — Den anderen waren Gedanken etwas ganz selbstverständlich Eingegebenes.
[ 6 ] Consider what a great difference exists, particularly in this regard, between the souls of today and those of that time. I am speaking only of a certain number of souls. What I am describing to you, of course, existed in a wide variety of nuances. For one segment of humanity, it was as I am now describing it to you; while another group held an even more unshakably strong and intense belief that a spiritual-soul being took up residence within their organism and conveyed their thoughts. It was, so to speak, a kind of elite among humanity who, at that time, conceived of thoughts in such a way that the question could arise: Where do thoughts come from? — For the others, thoughts were something that was quite naturally instilled in them.
[ 7 ] Nun nehmen Sie diejenigen Seelen, die nach dem Jahre 333 — wie gesagt approximativ — geboren worden sind. Diese Seelen konnten sich über den Ursprung des Gedankens nicht mehr aus einem natürlichen Gefühl heraus einen selbstverständlichen Aufschluß verschaffen. Die folgende Zeit war daher bei den Theoretikern, den Philosophen, den philosophischen Theologen ein Ringen danach, welche Bedeutung in der Welt eigentlich die Gedanken haben. Es kamen die Zeiten, in denen man über den Nominalismus und den Realismus stritt. Nominalisten waren im Mittelalter diejenigen, welche sagten: Die Gedanken leben eigentlich nur in der menschlichen Individualität, sind nur eine Zusammenfassung dessen, was draußen in der Welt und in den einzelnen Individuen vorhanden ist. — Realisten waren diejenigen, welche, ich möchte sagen, noch eine starke Erinnerung hatten an jene alten Zeiten, in denen die Menschen die Gedanken als etwas Substantielles, als substantiell sich Offenbarendes nahmen. Sie nahmen den Gedanken so, daß sie sich sagten: Nicht ich bin es, der den Gedanken denkt, nicht ich bin es, der alle Hunde zusammenfaßt in den allgemeinen Gedanken «Hund», sondern es gibt in Realität einen solchen Gedanken, der sich aus einer geistigen Welt heraus dem Menschen offenbart, wie sich für die Sinne die Farbe oder der Ton offenbart. — Aber es war ein Ringen danach, den Gedanken, der sich gewissermaßen nun wie ein selbständiges Gut in der Menschenseele niedergelassen hatte, in der richtigen Weise zu verstehen. Gerade von diesem Gesichtspunkte aus ist es außerordentlich interessant, sich in die Geistesgeschichte des Mittelalters zu vertiefen.
[ 7 ] Now consider those souls who were born after the year 333—as I said, approximately. These souls could no longer gain a self-evident understanding of the origin of thought through a natural sense. The period that followed was therefore marked by a struggle among theorists, philosophers, and philosophical theologians to determine what significance thoughts actually have in the world. There came a time when people debated nominalism and realism. In the Middle Ages, nominalists were those who said: Thoughts actually exist only within human individuality; they are merely a synthesis of what exists out there in the world and within individual beings. — Realists were those who, I might say, still had a strong memory of those ancient times when people regarded thoughts as something substantial, as something that reveals itself in a substantial way. They understood thoughts in such a way that they said to themselves: It is not I who think the thought; it is not I who summarize all dogs in the general concept “dog,” but rather there is, in reality, such a thought that reveals itself to human beings from a spiritual world, just as color or sound reveals itself to the senses. — But there was a struggle to understand in the right way the thought that had, so to speak, now taken root in the human soul as an independent entity. It is precisely from this perspective that it is extraordinarily interesting to delve into the intellectual history of the Middle Ages.
[ 8 ] Je mehr wir uns dem fünfzehnten Jahrhundert nähern, desto mehr zeigt sich uns, wie die Menschen intensiv ringen, mit demjenigen zurechtzukommen, was sich durch das Denken in der menschlichen Natur offenbart. Vor dem Jahre 333 hatten die Menschen das Gefühl: Es ist wie ein Weben eines Göttlichen, das die Erde umspült, geradeso, wie im Physischen die Atmosphäre die Erde umspült, und bei diesem Umspülen bleiben im Menschen als Offenbarung Wesenheiten, die Gedanken, zurück. Es sind gewissermaßen die Spuren der die Erde umgebenden göttlichen Welt, die eingegraben werden in den Menschen als Gedanken. — Während bei den Seelen, die vor dem Jahre 333 so dachten, gerade durch die Gedankenwelt eine Empfindung des Zusammenhanges mit der geistigen Welt vorhanden war, sehen wir das Mittelalter von Tragik durchzogen, weil die Menschen versuchten, die Gedanken noch irgendwie an ein Göttlich-Geistiges anzubinden.
[ 8 ] The closer we get to the fifteenth century, the more we see how intensely people struggle to come to terms with what is revealed in human nature through thought. Before the year 333, people had the feeling that it was as if a divine force were weaving around the Earth, just as the atmosphere surrounds the Earth in the physical realm, and in this process, essences—thoughts—remain within human beings as revelations. In a sense, these are the traces of the divine world surrounding the Earth that are imprinted within human beings as thoughts. — Whereas the souls who thought in this way before the year 333 experienced a sense of connection with the spiritual world precisely through the world of thought, we see the Middle Ages permeated by tragedy because people were still trying, in some way, to link their thoughts to the divine-spiritual.
[ 9 ] Warum war denn bei jenen Seelen, die bis in das fünfzehnte Jahrhundert hinein, wenn ich so sagen darf, über die Gedanken dachten, ein so reges Streben vorhanden, den Gedanken an ein Göttlich-Geistiges im Weltall anzubinden? Darum, weil diese Seelen alle einen inneren Impuls in sich fühlten, den sie nicht mit klaren Begriffen ausdrücken konnten, der aber als ganz deutliches Seelenerlebnis in ihnen war. Dieser Impuls kam davon her, daß alle Seelen, welche als führende Seelen der Menschheit vom vierten bis ins vierzehnte Jahrhundert geboren worden waren, wiederverkörperte Seelen waren aus der Zeit, die verhältnismäßig mehr oder weniger weit hinter dem Jahre 333 zurücklag, und daß sich lebendig stritten über die Realität oder über das bloß Nominalistische der Begriffe solche, welche Zeitgenossen des Mysteriums von Golgatha gewesen waren.
[ 9 ] Why, then, did those souls who, well into the fifteenth century—if I may put it that way—reflected upon thoughts, exhibit such a vigorous striving to connect their thoughts to something divine and spiritual in the universe? It was because these souls all felt an inner impulse within themselves that they could not express in clear terms, but which was a very distinct spiritual experience for them. This impulse stemmed from the fact that all souls who had been born as leading souls of humanity from the fourth through the fourteenth century were reincarnated souls from a time that lay relatively more or less far behind the year 333, and that those who had been contemporaries of the Mystery of Golgotha were engaged in a lively debate over whether such concepts were real or merely nominalistic.
[ 10 ] Das Mysterium von Golgatha hat sich ja in einer gewissen Einsamkeit in Vorderasien drüben zugetragen; was sich aber in Vorderasien zugetragen hat, ist nur das Äußere eines Ereignisses, das sich allerdings in der physischen Welt als ein geistiges Ereignis abgespielt hat. Da ist etwas vorgegangen in den Seelen, die eine gewisse Reife erlangt hatten. Wenn wir aber die eigentlichen Streiter um die Realität oder Irrealität der Gedanken ins Auge fassen, so sind es Seelen, die wiederverkörpert waren aus den ersten drei nachchristlichen Jahrhunderten. Im wesentlichen bestand aber die damalige zivilisierte Menschheit aus Seelen, die vor dem Mysterium von Golgatha verkörpert gewesen waren. Aus der damals durchaus vorhandenen Verbindung zwischen der Menschenseele und der göttlich-geistigen Welt, die sich dadurch ausdrückte, daß man die Gedanken ganz selbstverständlich als geoffenbarte hinnahm, aus diesem Erlebnis, das die im Mittelalter lebenden Seelen vor vielen Jahrhunderten in einem früheren Erdenleben gehabt hatten, bildete sich der Impuls heraus, um die Realität oder Irrealität der Gedankenwelt zu streiten.
[ 10 ] The Mystery of Golgotha did indeed take place in a certain isolation over in the Near East; but what took place in the Near East is only the outward aspect of an event that actually unfolded in the physical world as a spiritual event. Something took place within the souls that had attained a certain maturity. But when we consider the actual advocates of the reality or unreality of thoughts, they were souls who had reincarnated from the first three centuries after Christ. Essentially, however, civilized humanity at that time consisted of souls who had been incarnated before the Mystery of Golgotha. From the connection between the human soul and the divine-spiritual world that certainly existed at that time—a connection expressed by the fact that thoughts were accepted quite naturally as revealed—and from this experience that the souls living in the Middle Ages had had many centuries earlier in a previous earthly life, the impulse arose to debate the reality or unreality of the world of thought.
[ 11 ] Was ist es denn, was man gerade an der Schwelle der neueren Zeit im dreizehnten, vierzehnten, fünfzehnten Jahrhundert als die Hochscholastik bezeichnet? Was ist es, was diese Hochscholastiker innerlich beseelte? Es ist die Tatsache, daß ein Entscheidendes in der Menschheitsentwickelung herbeigekommen ist, das nicht ausgesprochen, aber gefühlt wurde von diesen hervorragenden Seelen der eben gekennzeichneten Zeit. Es war ihnen, als ob die Götter das Gebiet der menschlichen Gedankenwelt verlassen hätten, als ob die Menschen nur noch ausgepreßte Gedanken hätten. Und wenn wir in die Seelen, die vom fünfzehnten Jahrhundert an gelebt haben, hineinschauen, so sehen wir, daß es solche waren, die in ihrem früheren Erdenleben nicht lange nach dem Jahre 333 gelebt haben, und bis ins achte, neunte nachchristliche Jahrhundert hatte wenigstens die lehrende Menschheit durchaus noch ein Gefühl dafür, daß der menschliche Gedanke gottgegeben ist. Den Menschen aber, welche in ihrem vorhergegangenen Erdenleben die Gedankenwelt schon ganz als etwas Gottverlassenes fühlten — es ist selbstverständlich wiederum nur ein Teil der Menschheit —, ihnen war es aufbehalten, um die Wende des neunzehnten, zwanzigsten Jahrhunderts geboren zu werden. Wenn wir also nicht bloß auf das äußere Schicksal, sondern auch auf das innere Schicksal der Menschenseele sehen, dann müssen wir absehen von dem, was von unserer Kindheit an aus den Tiefen, aus den Untergründen der menschlichen Seele herauf will. Wir müssen auf die Zeit hinblicken, wo jene Seelen verkörpert waren, die nicht mehr von Lehrern haben hören können, daß die Gedanken gottdurchwallte, gottdurchwirkte Wesenheiten seien. Es entstand dadurch dieses innere Gefühl, als ob man die Gedanken fliehen müsse, als ob man etwas viel Wärmeres, viel Substanzdurchtränkteres haben müsse als die Gedanken. Es entstand dieses Gefühl dadurch, daß einem schon in der vorigen Inkarnation der göttliche Charakter der Gedanken im höchsten Grade zweifelhaft geworden oder ganz verlorengegangen war. Man erlebte als Tragik dasjenige, was so aus dem vorigen Erdenleben in das jetzige hineinleuchtet, am allerstärksten um die Wende des neunzehnten, zwanzigsten Jahrhunderts. Aus der göttlich-geistigen Welt heraus Gedanken zu empfangen, war dem Menschen schon verlorengegangen seit dem ersten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts. Weil man aus der göttlich-geistigen Welt heraus keine Gedanken mehr erhalten konnte, griff man die Gedanken auf aus der äußeren Beobachtung. Diese und die Experimentierkunst erreichten eine solche Größe, weil an die Stelle des inneren Konzipierens das Aufklauben aus der äußeren Sinneswelt trat. Aber im weltgeschichtlichen Werden tritt nicht gleich dasjenige zutage, was nicht von äußeren Umständen abhängig ist. Denn wenn man auch schon seit dem fünfzehnten Jahrhundert die Fähigkeit verloren hatte, Gedanken von innen heraus zu konzipieren, Gedanken aus der göttlich-geistigen Welt geoffenbart zu erhalten, so waren doch diejenigen Seelen noch nicht da, welche die ganze Tragik dieses Verlassenseins von der Gedankenoffenbarung hätten empfinden können. Bei den Seelen, die noch vor dem sechsten, siebenten nachchristlichen Jahrhundert, namentlich vor dem vierten nachchristlichen Jahrhundert ihr voriges Erdenleben zugebracht haben, lebte noch im Gefühl etwas, was sich so aussprechen ließe: Wir müssen zugeben, daß wir die Gedanken von der Außenwelt empfangen; dennoch sagt uns unsere Seele, daß selbst die Gedanken, die wir von der Außenwelt empfangen, gottgegeben sind. Wir wissen nicht mehr, wie man sie als solche erlebt, aber unser Inneres sagt uns, daß sie gottgegeben sind.
[ 11 ] What, exactly, is it that we refer to as “high scholasticism” at the dawn of the modern era—in the thirteenth, fourteenth, and fifteenth centuries? What was it that truly inspired these high scholastics? It was the fact that a decisive turning point in human development had occurred—one that was not articulated but was sensed by these outstanding souls of the era just described. It seemed to them as if the gods had left the realm of human thought, as if human beings were left with nothing but strained, forced thoughts. And when we look into the souls who lived from the fifteenth century onward, we see that they were souls who, in their previous earthly lives, had not lived long after the year 333; and up through the eighth and ninth centuries A.D., at least among the scholarly classes, there was still a distinct sense that human thought was a gift from God. But those people who, in their previous earthly lives, already felt the world of thought to be entirely something forsaken by God—and of course this is again only a part of humanity—were destined to be born at the turn of the nineteenth and twentieth centuries. If, therefore, we look not merely at the outer destiny but also at the inner destiny of the human soul, then we must take into account what, from our childhood onward, seeks to rise up from the depths, from the underworld of the human soul. We must look back to the time when those souls were incarnated who could no longer hear from teachers that thoughts are beings permeated and interwoven by God. This gave rise to an inner feeling as if one had to flee from thoughts, as if one needed something much warmer, much more imbued with substance than thoughts. This feeling arose because, as early as in the previous incarnation, the divine character of thoughts had become highly doubtful or had been lost entirely. What shines through from the previous earthly life into the present one was experienced as a tragedy, most intensely around the turn of the nineteenth and twentieth centuries. The ability to receive thoughts from the divine-spiritual world had already been lost to humanity since the first third of the fifteenth century. Because one could no longer receive thoughts from the divine-spiritual world, thoughts were drawn from external observation. This, along with the art of experimentation, reached such a high level because gathering information from the external sensory world had replaced inner conception. But in the course of world history, that which is not dependent on external circumstances does not immediately come to light. For even though people had already lost the ability since the fifteenth century to conceive thoughts from within, to receive thoughts revealed from the divine-spiritual world, the souls who could have felt the full tragedy of this abandonment of thought-revelation had not yet come into being. Among the souls who lived their previous earthly lives before the sixth or seventh century A.D.—and especially before the fourth century A.D.—there still lived within their feelings something that could be expressed as follows: We must admit that we receive thoughts from the external world; yet our soul tells us that even the thoughts we receive from the external world are God-given. We no longer know how to experience them as such, but our inner being tells us that they are God-given.
[ 12 ] Ein ganz hervorleuchtender Geist mit einer solchen Seelenverfassung war Johannes Kepler. Kepler war ebensosehr Naturforscher der früheren wie der späteren Zeit. Er entnahm die Gedanken der äußeren Beobachtung, hatte aber in seinem inneren Erleben durchaus noch das Gefühl, daß göttliche Wesen dabei sind, wenn der Mensch aus der Natur heraus die Gedanken empfängt. Kepler fühlte sich ja im Grunde genommen wie ein halber Eingeweihter, und wie etwas Selbstverständliches wurde der in Abstraktion von ihm erfaßte Bau des Weltengebäudes von ihm künstlerisch durchempfunden.
[ 12 ] Johannes Kepler was a truly brilliant mind with such a disposition of soul. Kepler was as much a natural scientist of earlier times as he was of later ones. He derived his ideas from external observation, yet in his inner experience he still had the distinct feeling that divine beings are present when a person receives these ideas from nature. Kepler, after all, felt at heart like a half-initiate, and the structure of the universe, which he grasped in abstraction, was artistically felt by him as a matter of course.
[ 13 ] Es ist wissenschaftlich außerordentlich wertvoll, sich in den durch Kepler bewirkten Fortschritt der menschlichen Gedankenwelt zu vertiefen, Menschlich stärker wird man jedoch ergriffen, wenn man sich in Keplers Seelenleben vertieft. Ein solches Seelenleben war eigentlich in der späteren Zeit in dieser Intensität und Innerlichkeit bei keinem Naturforscher mehr vorhanden, vor allem bei keinem maßgebenden Lehrer des größeren Teils der Menschheit. In der Zeit zwischen dem fünfzehnten und dem neunzehnten Jahrhundert ging eben das Gefühl ganz verloren, daß in der menschlichen Seele durch den Gedanken eine Verbindung mit dem Göttlich-Geistigen gegeben ist.
[ 13 ] From a scientific perspective, it is extraordinarily valuable to delve into the progress in human thought brought about by Kepler; however, one is moved even more deeply on a human level when one delves into Kepler’s inner life. In later times, no natural scientist—and certainly no influential teacher of the greater part of humanity—possessed such an inner life with that same intensity and depth. Between the fifteenth and nineteenth centuries, the sense that thought establishes a connection between the human soul and the divine-spiritual realm was completely lost.
[ 14 ] Wer nicht bloß grobklotzig die Zeitenfolgen studiert, indem er das Inhaltliche aufnimmt, sondern wer etwas empfinden kann an der Zeitenfolge, dem offenbart sich etwas ganz Merkwürdiges. Ich will gar nicht davon sprechen, daß die besondere Art, über die Natur zu denken, die bei Goethe vorhanden war, für die Wissenschaft der folgenden Zeit zunächst eine Unmöglichkeit geworden ist. Ich meine für die äußere Wissenschaft der folgenden Zeit, weil diese Wissenschaft gar nicht wußte, worauf die Differenz zwischen Goethe und ihr selbst beruhte. Aber davon will ich gar nicht sprechen. Sie brauchen nur naturwissenschaftliche Bücher aus dem ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts in die Hand zu nehmen, die in gewissem Sinne tonangebend geworden sind für die Begründung der späteren Geistesrichtung, wie etwa Henles oder Burdachs physiologische Werke — letzterer gehört durchaus noch dem ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts an, wenn sein Werk auch etwas später geschrieben ist —, und Sie werden sehen, daß in alledem noch ein anderer Stil herrscht. Es ist noch etwas von Geist da, der unmittelbar aus der Seele quillt, wenn zum Beispiel von Embryonen oder vom Bau des menschlichen Gehirns gesprochen wird. Es ist noch etwas da, was bei den Späteren ganz und gar verlorengegangen ist.
[ 14 ] To those who do not merely study the sequence of eras in a crude and clumsy manner by absorbing their content, but who are able to feel something in that sequence, something quite remarkable is revealed. I do not even wish to speak of the fact that the particular way of thinking about nature that existed in Goethe initially became an impossibility for the science of the following era. I mean for the external science of the following era, because that science did not even know what the difference between Goethe and itself was based on. But I do not wish to speak of that at all. You need only pick up scientific books from the first third of the nineteenth century that, in a certain sense, set the tone for the foundation of the later school of thought—such as Henle’s or Burdach’s works on physiology—the latter certainly still belongs to the first third of the nineteenth century, even if his work was written somewhat later— and you will see that a different style still prevails in all of this. There is still something of the spirit there that springs directly from the soul, for example, when discussing embryos or the structure of the human brain. There is still something there that has been completely lost in the later works.
[ 15 ] Hier ist es außerordentlich bedeutsam, an eine Persönlichkeit zu erinnern, die im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts noch gewirkt hat, aber bereits dem Austreiben des geistigen Lebens aus der Wissenschaft unterlegen war, in deren Seele aber dennoch dieses Geistesleben vorhanden war — ich meine den Anatomen Hyrtl, der nur noch zum geringsten Teile dem letzten Drittel, hauptsächlich dem zweiten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts angehört. Versuchen Sie einmal, Hyrtls Anatomiebücher auf sich wirken zu lassen. Sie sind schon im Stile der späteren Anatomen geschrieben, aber man sieht, daß Hyrtl das schwer wird. Er schreibt Kapitel nach Kapitel und muß sich überall versagen, noch etwas von Seelischem in seine Sätze einfließen zu lassen. Manchmal guckt dieses jedoch aus dem Stile, manchmal sogar aus dem Inhalt der Sätze ein wenig hervor. Aber es ist, wie wenn die eiserne Notwendigkeit bestünde, das aus dem Innern des Menschen aufsteigende Seelisch-Geistige zu tilgen, wenn man über irgendwelches Naturgeschehen schreibt. Man kann sich heute nur schwer vorstellen, was man durchleben kann, wenn man etwa von einem gegenwärtigen Anatomiebuche zurückgreift zu Hyrtl oder Burdach. Man spürt gegenüber dem geringen Grad von Wärme, die im wissenschaftlichen Empfinden des ersten und namentlich des zweiten Drittels des neunzehnten Jahrhunderts entwickelt wird, wie wenn da etwas eingeheizt würde. Gewiß war da die Wissenschaft nicht auf der Höhe. Das ist eine triviale Wahrheit, über die man sich gar nicht weiter auszulassen braucht. Aber ich spreche von dem, was der Mensch an der Wissenschaft erlebt. Und da kann man sagen: An dem inneren Gang, den die Seelen der Wissenschafter nahmen, kann man sehen, was uns Geisteswissenschaft zeigt, nämlich daß am Ende des neunzehnten Jahrhunderts immer mehr Seelen heraufkamen, die eigentlich aus dem früheren Erdenleben den Impuls nicht mehr haben, den Gedanken als ein Göttlich-Geistiges zu empfinden, nicht einmal den Nachklang davon. Die Empfindung für das einzelne vergangene Erdenleben war ja längst verlorengegangen, aber ein Nachklang davon war doch noch lange Zeit vorhanden gewesen.
[ 15 ] Here it is of extraordinary significance to recall a figure who was still active in the last third of the nineteenth century, but who had already succumbed to the expulsion of spiritual life from science—yet in whose soul this spiritual life was still present—I am referring to the anatomist Hyrtl, who belonged only to a very small extent to the last third, and mainly to the second third, of the nineteenth century. Try, for once, to let Hyrtl’s anatomy books sink in. They are already written in the style of later anatomists, but one can see that this is difficult for Hyrtl. He writes chapter after chapter and must constantly refrain from allowing anything of a spiritual nature to flow into his sentences. Sometimes, however, this peeks out a little from the style, and sometimes even from the content of the sentences. But it is as if there were an ironclad necessity to eradicate the spiritual-soul elements rising from within the human being whenever one writes about any natural phenomenon. It is difficult to imagine today what one might experience when, for example, one goes back from a contemporary anatomy textbook to Hyrtl or Burdach. Compared to the meager degree of warmth developed in the scientific sensibility of the first and, especially, the second third of the nineteenth century, one feels as if something were being stoked there. Certainly, science was not at its peak then. That is a trivial truth that need not be elaborated upon further. But I am speaking of what a person experiences in science. And here one can say: From the inner path taken by the souls of the scientists, one can see what spiritual science reveals to us—namely, that by the end of the nineteenth century, more and more souls were emerging who, in fact, no longer possessed the impulse from their previous earthly lives to perceive thought as something divine and spiritual—not even an echo of it. The sense of one’s individual past earthly life had, of course, long since been lost, but an echo of it had nevertheless persisted for a long time.
[ 16 ] So standen die Seelen, die nun wirklich lebendige Wärme in sich hatten, die nicht ausgetrocknet waren durch das Vorurteil, man müsse in der Wissenschaft in dem Sinne objektiv sein, wie die Wissenschaft es zu definieren pflegt — das, was in der Geisteswissenschaft angestrebt wird, ist ja erst recht objektiv, aber nicht in dem Sinne, wie jene es meinen — und fragten: Was in uns ist denn noch verbunden mit dem Göttlich-Geistigen, von dem wir schon in der vorigen Erdeninkarnation abgerissen worden sind? — Sie fragten sich dies selbstverständlich nicht bewußt, sondern unterbewußt. Es war wirklich schon ein Auftauchen der Empfindung in das Bewußtsein, daß der Mensch seinen Zusammenhang mit der göttlich-geistigen Welt verloren hat. Aber auf der andern Seite ist es eben so, daß er ihn nicht verlieren darf, weil er ohne ein Bewußtsein dieses Zusammenhanges, sei es auch noch so dunkel, eigentlich seelisch nicht leben kann. Deshalb entstand so stark die Hinneigung zu jener unbestimmten Sehnsucht nach dem Geiste, und zu gleicher Zeit das Unvermögen, zu diesem Geiste zu kommen.
[ 16 ] Thus, the souls who now truly possessed a living warmth within themselves—who had not been dried up by the prejudice that one must be objective in science in the sense that science tends to define it—for what is sought in spiritual science is, after all, even more objective, though not in the sense that they mean it—asked: What within us is still connected to the divine-spiritual, from which we were already severed in our previous earthly incarnation? — Of course, they did not ask themselves this consciously, but subconsciously. It was truly already a surfacing into consciousness of the feeling that human beings have lost their connection to the divine-spiritual world. But on the other hand, it is precisely the case that human beings must not lose this connection, because without an awareness of it—however dim it may be—they cannot truly live spiritually. This is why there arose such a strong inclination toward that vague longing for the Spirit, and at the same time, the inability to reach this Spirit.
[ 17 ] Das charakterisiert gerade die heranwachsende Generation von der Wende des neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert, auch von dem Beginne des zwanzigsten Jahrhunderts, daß sie gewissermaßen die Frage an die älteren Generationen stellte: Gibt es denn überhaupt die Möglichkeit, in demjenigen, was einem im Erdendasein als Umgebung entgegentritt, noch ein Geistiges zu entdecken? — Und die Führer, die von der Jugend eigentlich unbewußt gefragt wurden: Wie finden wir in der Natur, wie finden wir im Menschenleben selbst das Geistige? diese Führer lehnten es als unwissenschaftlich ab, in die Betrachtung der Natur und selbst in die Betrachtung des Menschenlebens Geist hineinzubringen.
[ 17 ] What characterizes the generation coming of age at the turn of the nineteenth to the twentieth century—and also at the beginning of the twentieth century—is that, in a sense, it posed the following question to the older generations: Is it even possible to discover anything spiritual in what we encounter as our surroundings during our earthly existence? — And the leaders, who were in fact unconsciously being asked by the youth: How do we find the spiritual in nature, how do we find it in human life itself? These leaders rejected the idea of introducing the spiritual into the observation of nature and even into the observation of human life as unscientific.
[ 18 ] In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ist ja das Ungeheuerliche geschehen, daß das Schlagwort aufkommen konnte: Psychologie, Seelenkunde ohne Seele. Ich lege keinen großen Wert darauf, daß einzelne Philosophen gesagt haben, man brauche eine Seelenkunde ohne Seele. Was die Philosophen sagen, das wirkt nicht so sehr, aber es ist ein Symptom für dasjenige, was in den weitesten Kreisen als Empfindung figuriert und wonach die Jungen in der Welt behandelt werden. Gewiß haben nur wenige Philosophen ausgesprochen: Wir brauchen eine Psychologie ohne Seele. — Aber das ganze Zeitalter sagt: Wir Älteren wollen euch Mineralogie, Zoologie, Botanik, Biologie, Anthropologie, ja selbst eine Geschichte lehren, die vor euch hintritt, als wenn es höchstens seelische Erlebnisse gäbe, aber nicht eine Menschenseele.—So mußte die ganze Welt, insofern man sie wissenschaftlich betrachtete, eigentlich als seelenlos empfunden werden. Und die Seelen, die als erste aus dem vorigen Erdenleben diese Tragik der Empfindung der Seelenlosigkeit mitbrachten, mußten am stärksten fragen: Wo finden wir wiederum eine Erfüllung der Seele mit dem Geiste? — Bei dem aber, was von dem Zeitalter am meisten geschätzt wurde, in anderer Beziehung mit Recht am meisten geschätzt wurde, fanden sie am allerwenigsten Auskunft.
[ 18 ] In the second half of the nineteenth century, something truly monstrous happened: the catchphrase “psychology, the study of the soul without a soul” came into use. I do not attach great importance to the fact that individual philosophers have said we need a study of the soul without a soul. What philosophers say does not have much impact, but it is a symptom of what is widely felt in the broadest circles and according to which young people in the world are treated. Certainly, only a few philosophers have explicitly stated: “We need a psychology without a soul.” — But the entire age says: “We older people want to teach you mineralogy, zoology, botany, biology, anthropology, and even a history that presents itself to you as if, at most, there were only psychological experiences, but not a human soul.”—Thus, the whole world, insofar as it was viewed scientifically, had to be perceived as soulless. And the souls who were the first to bring with them from their previous earthly life this tragedy of the feeling of soullessness were the ones who most urgently had to ask: Where, then, can we find a fulfillment of the soul through the spirit? — Yet in that which was most highly valued by the age—and, in another sense, rightly so—they found the least guidance.
[ 19 ] Die Menschen, die im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts so Bücher geschrieben haben, daß man daraus etwas über ihr Seelenleben entnehmen kann, sind natürlich selbst im neunzehnten Jahrhundert die verschwindende Minorität, und ich kann Ihnen die Versicherung geben: im großen und ganzen sind diejenigen, die Bücher geschrieben haben, nicht gerade die Allergescheitesten. Es gibt unter denen, die keine Bücher geschrieben haben, wesentlich Gescheitere als die sind, die dazu kommen, Bücher zu schreiben. Wenn man aber — was durch geisteswissenschaftliche Methoden möglich ist — in diejenigen hineinschaut, die im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts als tiefere Naturen unter den oberflächlichen Naturen, die mit der geistlosen Wissenschaft zufrieden waren, gelebt haben, so findet man ein gewisses Ringen mit tiefen Problemen. Aber die dieses innerliche Leben hatten, wurden sozusagen schon nicht mehr gehört. Sie kamen nicht mehr dazu, mit ihrem Seelenleben irgendwie «führend» zu werden.
[ 19 ] The people who, in the last third of the nineteenth century, wrote books in such a way that one can glean something about their inner lives from them are, of course, a vanishingly small minority even within the nineteenth century, and I can assure you: on the whole, those who have written books are not exactly the very brightest. Among those who did not write books, there are far more intelligent people than those who actually get around to writing them. But if one looks—as is possible through methods of the humanities—into the lives of those who, in the last third of the nineteenth century, lived as deeper souls among the superficial souls who were content with spiritless science, one finds a certain struggle with profound problems. But those who possessed this inner life were, so to speak, no longer heard. They no longer had the opportunity to become “leaders” in any way through their inner lives.
[ 20 ] Da waren viele, die herankommen sahen, was das Mikroskop in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts mehr und mehr mit sich brachte. Es waren solche Seelen gerade unter denen, die am Geistesleben teilnahmen, aber in dieses nicht wirklich eindrangen, weil sie mit dem geistlosen Geistesleben nicht zurechtkamen. Sie verstummten daher selbst gedanklich vor den Anschauungen der Wissenschaft. Sie erlebten aber in einer tiefen Empfindung die Frage: Wie kann man die mikroskopische Entwickelung mit der makrokosmischen Entwickelung in Zusammenhang bringen? — Immer mehr fanden sie sich vor dieses Gefühlsproblem gestellt.
[ 20 ] There were many who foresaw what the microscope would increasingly bring about in the second half of the nineteenth century. Such souls were found precisely among those who participated in intellectual life but did not truly penetrate it, because they could not come to terms with that soulless intellectual life. They therefore fell silent, even in their thoughts, in the face of scientific insights. Yet they felt deeply the question: How can one connect microscopic development with macrocosmic development? — More and more, they found themselves confronted with this emotional dilemma.
[ 21 ] Dann gab es Menschen, die durch ihre Erziehung mit der geistlos werdenden wissenschaftlichen Tradition mitgingen, die von einer weiteren Ausbildung der Mikroskope immer mehr wissenschaftliche Erfolge erhofften. Aber es gab auch viele tiefer veranlagte Seelen, die der fortschreitenden Ausbildung des Mikroskops und namentlich den Ansichten, welche daraus entstanden, mit unangenehmen Empfindungen gegenüberstanden. Die Hoffnungen der einen gipfelten darin, daß, wenn man immer weiter ins Kleine hineinblicke, man auch das Lebendige immer besser würde schauen können, und andere empfanden dieses ganze Treiben, wie wenn ihnen eigentlich die Welt versinken würde. Ja, es gab durchaus Menschen, die das Mikroskopieren wie ein Ausgesaugtwerden des Seelischen empfanden. Sie werden mir nicht zumuten, in einer mystisch-phantastischen Weise ein Spottlied auf das Mikroskopieren singen zu wollen; das fällt mir gar nicht ein. Ich kenne natürlich die Verdienste des Mikroskops ganz gut und ich denke nicht daran, die Wissenschaft in irgendeinem Punkte zurückschrauben zu wollen. Was ich erzähle, sind aber Tatsachen des Seelenlebens.
[ 21 ] Then there were people who, due to their upbringing, went along with the increasingly spiritless scientific tradition, hoping for ever greater scientific achievements through further advances in microscopy. But there were also many souls of a deeper disposition who viewed the ongoing development of the microscope—and especially the views that arose from it—with unease. The hopes of some culminated in the belief that, by looking ever deeper into the small, one would also be able to see living things ever more clearly, while others perceived this whole endeavor as if the world itself were actually sinking away from them. Indeed, there were certainly people who experienced microscopy as a kind of draining of the soul. You will not expect me to sing a satirical song about microscopy in a mystical or fanciful way; that would never occur to me. Of course, I am well aware of the merits of the microscope, and I have no intention of wanting to set science back in any way. What I am describing, however, are facts of the inner life.
[ 22 ] Diese vereinzelten Geister wurden immer seltener. Fortlage war noch einer von ihnen, der als Jenenser Professor gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts gelebt hat. Der sagte ungefähr: Man kann immer gründlicher in das Mikroskop hineinschauen und immer Kleineres entdecken; aber in der Kleinheit verliert sich das substantiell Wahre. Wollt ihr das wirklich schauen, was man finden will, wenn man ins Mikroskop hineinschaut, so richtet euren Blick hinaus in den unendlichen Weltenraum. In Wahrheit spricht dasjenige, was ihr da im Kleinen sucht, von den Sternen zu euch herunter. Ihr sprecht sogar von einem Geheimnis des Lebens und sucht es im Kleinen und Kleinsten. Aber im Kleinsten geht das Leben verloren; nicht für dieRealität zwar, aber für die Erkenntnis. Wiederfinden könnt Ihr es, wenn ihr es in den Sternen zu lesen versteht.
[ 22 ] These isolated thinkers became increasingly rare. Fortlage was one of them, a professor at the University of Jena who lived toward the end of the nineteenth century. He said something to the effect: “One can always look more closely through the microscope and discover ever smaller things; but in that smallness, the truly substantial truth is lost.” If you truly wish to see what one seeks when looking through a microscope, turn your gaze outward into the infinite expanse of space. In truth, that which you seek there in the small speaks down to you from the stars. You even speak of a mystery of life and seek it in the small and the smallest. But in the smallest things, life is lost—not in reality, of course, but in our understanding of it. You can rediscover it if you know how to read it in the stars.
[ 23 ] Einzelne haben zwar gesagt: Das Leben wird aus dem Kosmos her AA abgetragen, aber sie suchten eine materielle Vermittlung, etwa durch Meteormassen, die den Weltenraum durchfliegen und die Keime aus anderen Welten einmal auf dieErde getragen haben. Schaut man jedoch von der Erde in den «unendlichen» Raum hinaus, so ist der Raum gar nicht unendlich. Für die mechanisch-mathematische Betrachtungsweise hat Giordano Bruno das Firmament weggenommen, aber für die innerliche Betrachtung ist es wieder da in dem Sinne, daß man nicht einfach einen Radius ziehen kann von der Erde ins Unendliche und immer weiter. In Wirklichkeit hat der Radius ein Ende, und bis da, wo er ein Ende hat, ist an der inneren Weltenperipherie überall Leben zu finden und nicht Tod. Von dieser Weltenperipherie strahlt von überall her Leben herein.
[ 23 ] Some have indeed said: Life is carried from the cosmos to Earth, but they sought a material medium, such as meteorites flying through space that once carried the seeds from other worlds to Earth. However, if one looks out from Earth into “infinite” space, that space is not infinite at all. From a mechanical-mathematical perspective, Giordano Bruno removed the firmament, but from an inner perspective, it is there again in the sense that one cannot simply draw a radius from Earth into infinity and on and on. In reality, the radius has an end, and up to that point—where it ends—life, not death, can be found everywhere on the inner periphery of the universe. From this periphery, life radiates inward from every direction.
[ 24 ] Mit solchen Dingen will ich Ihnen nur andeuten, vor welche inneren Empfindungsprobleme sich die Seele um die Wende des neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert gestellt sah. Es war wirklich so, daß aus der dumpfsten Seelenempfindung heraus die Frage gestellt war: Wo finden wir wiederum ein Geistiges?
[ 24 ] With such examples, I merely wish to give you a sense of the inner emotional problems the soul faced at the turn of the nineteenth to the twentieth century. It was truly the case that, arising from the deepest, most profound feelings of the soul, the question was posed: Where, then, can we find the spiritual again?
[ 25 ] Sehen Sie, das ist es, was Stimmung werden muß, wenn irgendeine Phase desjenigen, was man Jugendbewegung nennt, einen richtigen Inhalt bekommen soll, die Empfindungsfrage: Wo finde ich das Geistige, wie erlebt man das Geistige?—Da handelt es sich wirklich darum, daß neben allem sehnsüchtigen Erwarten sich auch einzelne Ideale in der Jugend finden, die nach innerer Seelenarbeit drängen. Ich möchte dasjenige, was ich Ihnen morgen hierzu zu sagen haben werde, heute durch das Folgende einleiten.
[ 25 ] You see, this is what must become the prevailing mood if any phase of what is called the youth movement is to take on real substance—the question of feeling: Where do I find the spiritual, and how does one experience the spiritual?—The real issue here is that, alongside all the longing and anticipation, there are also individual ideals among young people that call for inner spiritual work. I would like to introduce what I will have to say to you tomorrow on this subject with the following remarks today.
[ 26 ] In dem, was ich anthroposophische Geisteswissenschaft nenne, schon in meinem Vorwort zu der «Philosophie der Freiheit», tritt Ihnen etwas entgegen, was Sie nicht erfassen können, wenn Sie sich nur jenem passiven Denken hingeben, das man heute besonders liebt, jenem gottverlassenen Denken, dem sich die meisten Menschen hingeben, und das schon im vorigen Leben gottverlassen war; sondern Sie können es nur erfassen, wenn Sie in Freiheit den inneren Impuls entwickeln, Aktivität in das Denken hineinzubringen. Sie kommen eben mit demjenigen, was in der Geisteswissenschaft lebt, nicht mit, wenn nicht jener Funke, jener Blitz hineinschlägt, durch den das Denken voller Aktivität wird. Durch diese Aktivität müssen wir uns auch wieder die Göttlichkeit des Denkens erobern.
[ 26 ] In what I call anthroposophical spiritual science—as I already mentioned in my preface to The Philosophy of Freedom—you encounter something that you cannot grasp if you simply indulge in that passive thinking that is so popular today, that God-forsaken thinking to which most people surrender, and which was already God-forsaken in their previous lives; but you can grasp it only if you freely develop the inner impulse to bring activity into your thinking. You simply cannot keep up with what lives in spiritual science unless that spark, that flash, strikes within you, through which thinking becomes full of activity. Through this activity, we must also reclaim the divinity of thinking.
[ 27 ] Da ist die anthroposophische Literatur und macht Anspruch darauf, daß man aktiv denken soll. Die meisten können nur passiv denken und meinen, aktiv zu denken sei nicht möglich. Es läßt sich dabei weder schlafen noch intellektualistisch träumen. Man muß mit, man muß das Denken in Bewegung setzen; in dem Augenblicke, wo man das tut, kommt man mit. Da hört auf dasjenige, was ich modernes Hellsehen nennen möchte, etwas Wunderbares zu sein. Daß das immer noch als etwas besonders Wunderbares erscheint, kommt daher, daß die Menschen noch nicht die Energie entwickeln wollen, Aktivität in das Denken hineinzutragen. Es ist oft zum Verzweifeln in dieser Beziehung. Man fühlt manchmal, wenn man diese Forderung der Aktivität an das Denken stellt, daß es dem Betreffenden zumute ist wie einem Manne, der im Straßengraben lag, seine Hände und Beine nicht bewegte, nicht einmal seine Augenlider aufmachte, und von einem Vorübergehenden gefragt wurde: Warum sind Sie so traurig? — Er antwortete: Weil ich nichts tun möchte. — Der Fragende war erstaunt darüber, denn der Liegende tat anscheinend schon seit langer Zeit nichts. Aber er wollte noch mehr «nichts tun»! Da sagte der Fragende: Ja, Sie tun ja wirklich nichts! — Darauf bekam er die Antwort: Ich muß ja die Umdrehung der Erde mitmachen, und ich möchte selbst das nicht tun.
[ 27 ] There is anthroposophical literature, which asserts that one should think actively. Most people can only think passively and believe that active thinking is not possible. In this process, one can neither sleep nor engage in intellectual daydreaming. One must go along with it; one must set thinking in motion; the moment one does so, one goes along with it. Then what I would like to call modern clairvoyance ceases to be something wondrous. The fact that it still appears to be something particularly wondrous stems from the fact that people are not yet willing to develop the energy to bring activity into their thinking. It is often enough to drive one to despair in this regard. Sometimes, when one makes this demand for activity in thinking, one feels that the person in question is like a man lying in a ditch, not moving his hands or legs, not even opening his eyelids, who was asked by a passerby: “Why are you so sad?” — He replied: “Because I don’t want to do anything.” — The questioner was astonished by this, for the man lying there had apparently been doing nothing for a long time. But he wanted to “do nothing” even more! Then the questioner said: “Yes, you really aren’t doing anything!” — To which he received the reply: “I have to go along with the Earth’s rotation, and I don’t even want to do that.”
[ 28 ] So kommen einem diejenigen vor, die durchaus nicht Aktivität in das Denken hineintragen möchten, die Kraft, die allein aus dem Menschen heraus wiederum einen Zusammenhang bringen kann zwischen der Menschenseele und dem göttlich-geistigen Weltinhalt. Viele von Ihnen haben das Denken verachten gelernt, weil es Ihnen nur als passives Denken entgegengetreten ist. Das gilt aber nur vom Kopfdenken, bei dem das Herz des Menschen nicht dabei ist. Aber versuchen Sie es einmal mit einem aktiven Denken, dann werden Sie sehen, wie dabei das Herz engagiert wird. Am intensivsten kommt der Mensch unserer Epoche in die geistige Welt hinein, wenn es ihm gelingt, das aktive Denken zu entwickeln. Denn durch das aktive Denken kommen wir dazu, in den Gedanken wiederum herzhafte Kräfte zu haben.
[ 28 ] This is how those who have no desire whatsoever to bring activity into their thinking appear—the very force that, arising solely from within the human being, can restore a connection between the human soul and the divine-spiritual content of the world. Many of you have learned to despise thinking because you have encountered it only as passive thinking. But this applies only to intellectual thinking, in which the human heart is not involved. Try active thinking, however, and you will see how the heart becomes engaged in the process. People of our era enter the spiritual world most intensely when they succeed in developing active thinking. For through active thinking, we come to possess heartfelt powers within our thoughts once again.
[ 29 ] Wenn Sie nicht den Geist auf dem Gedankenwege suchen, der herzhaft gegangen werden muß, obwohl das schwer ist, wenn Sie nicht auf diesem Wege das Geistesleben suchen, das von Urbeginn durch die Menschheit geflossen ist, so sind Sie wie der Säugling, der glaubt, sich aus sich selbst heraus ernähren zu können und nicht aus der Mutterbrust. Nur dann kommen Sie zu einer inhaltsvollen Bewegung, wenn Sie das Geheimnis finden, eine solche Aktivität in Ihrem Inneren zu entwickeln, daß sie Sie saugen läßt aus dem Weltendasein wiederum wirkliche Geistesnahrung, wirklichen geistigen Trank. Das aber ist zunächst ein Willensproblem, ein gefühlsmäßig zu erlebendes Willensproblem. Ungeheuer viel hängt heute ab von dem guten Willen, von dem energischen Willen, und kein Theoretisches wird dasjenige lösen, was wir heute suchen, sondern einzig und allein der mutige Wille, der starke Wille wird die Lösung bringen.
[ 29 ] If you do not seek the Spirit along the path of thought—which must be walked wholeheartedly, even though it is difficult—if you do not seek along this path the spiritual life that has flowed through humanity from the very beginning, then you are like an infant who believes it can nourish itself from within rather than from its mother’s breast. You will attain a meaningful inner movement only when you discover the secret of developing such activity within yourself that it enables you to draw from the existence of the world, in turn, true spiritual nourishment, true spiritual sustenance. But this is, first and foremost, a matter of will—a matter of will that must be experienced emotionally. An enormous amount depends today on good will, on energetic will, and no theoretical approach will solve what we are seeking today; rather, only and exclusively courageous will, strong will, will bring the solution.
[ 30 ] Wollen wir uns einmal in den nächsten Tagen damit beschäftigen, wie wir den guten Willen, den starken Willen finden.
[ 30 ] Let's take some time over the next few days to explore how we can find that good will, that strong will.
