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Knowledge — The Task of Youth
Supplements to the Pedagogical Youth Course
GA 217a

1 October 1920, Dornach

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Knowledge—The Task of Youth, tr. SOL
  1. Die Erkenntnis—Aufgabe der Jugend

1. Ein Weg zu freier wissenschaftlicher Arbeit

1. A Path to Open Research

Ansprache während des ersten anthroposophischen Hochschulkurses im Goetheanum, zu dem damals erschienenen Aufruf an die akademische Jugend

Speech delivered during the first anthroposophical university course at the Goetheanum, in response to the call to academic youth issued at that time

[ 1 ] Meine verehrten Kommilitonen! Sie werden begreifen, daß ich natürlich nicht in irgendeiner Weise zu dem Inhalt des Aufrufes selbst sprechen kann, da er in zu enge Verbindung mit meiner Person gebracht ist. Und daher wird es am besten sein, wenn ich in den Worten, die ich zu Ihnen heute sprechen darf, mich mehr beziehe auf dasjenige, was eigentlich als ein Wollen sich ankündigt aus der gegenwärtigen Studentenschaft heraus für neue wissenschaftliche und allgemeine Kulturziele sowie auch für das soziale Leben.

[ 1 ] My dear fellow students! You will understand that I cannot, of course, comment in any way on the content of the appeal itself, since it is too closely linked to me personally. And so it will be best if, in the remarks I am permitted to address to you today, I focus more on what is actually emerging as a collective aspiration among the current student body—an aspiration for new academic and general cultural goals, as well as for social life.

[ 2 ] Wenn ich diesen Aufruf mir vor Augen halte, dann erinnert er mich an einen anderen Aufruf, der vor einiger Zeit auch seinen Weg von Stuttgart aus gehen sollte: an den Aufruf, der dazumal ein solcher sein sollte zur Bildung eines Kulturrates.

[ 2 ] When I think about this call to action, it reminds me of another call that was also supposed to originate in Stuttgart some time ago: the call that was intended at the time to establish a cultural council.

[ 3 ] Im Jahre 1919, als unsere Arbeit in Stuttgart begann, basierte sie sich ja zunächst auf jenen «Aufruf an das deutsche Volk und an die Kulturwelt», den ich verfassen durfte, und der im März vorigen Jahres seinen Weg durch die Welt nahm. Und es basierte sich diese Arbeit auf dasjenige, was von mir versucht wurde als soziale Richtlinien anzugeben in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage». Als eine der wichtigsten Angelegenheiten wurde damals von einer Anzahl von Persönlichkeiten, die sich zu der Gesinnung und zu den sozialen Zielen der «Kernpunkte» bekannten, die Bildung eines Kulturrates beschlossen, und man hatte die Absicht, der Welt vor Augen zu stellen, wie es wirklich notwendig ist, an eine Art Erneuerung des Geisteslebens, an eine Durchdringung des Geisteslebens mit neuen Impulsen heranzugehen.

[ 3 ] In 1919, when our work began in Stuttgart, it was initially based on that “Appeal to the German People and to the Cultural World,” which I had the privilege of drafting and which made its way around the world in March of last year. And this work was based on what I had attempted to set forth as social guidelines in my book The Key Points of the Social Question. At that time, a number of prominent figures who subscribed to the spirit and social goals of “The Key Points” decided that one of the most important tasks was the formation of a Cultural Council, and the intention was to demonstrate to the world how truly necessary it is to pursue a kind of renewal of spiritual life—an infusion of new impulses into spiritual life.

[ 4 ] Sie wissen ja, in den «Kernpunkten der sozialen Frage» wird darauf aufmerksam gemacht, wie das wichtigste Streben unserer Zeit sein müsse, ein unterbewußtes Ziel der gegenwärtigen Menschheit zum bewußten Tun heraufzuheben. Das ist eben: das Gestalten des sozialen Organismus zu einem dreigliedrigen.

[ 4 ] As you know, The Key Points of the Social Question points out that the most important endeavor of our time must be to raise a subconscious goal of present-day humanity to the level of conscious action. That is precisely: shaping the social organism into a threefold structure.

[ 5 ] Wer ein wenig hineinschauen kann in dasjenige, was heute brodelt und pulsiert in der strebenden Menschheit, der fühlt schon, wie in diesen «Kernpunkten» nichts, aber auch gar nichts Utopistisches darinnen ist, sondern wie eigentlich nur aus einer dreißig- bis fünfunddreißigjährigen Beobachtung dasjenige geschaffen ist, was eigentlich im Grunde die größte Anzahl der Menschen will, oder sagen wir, eigentlich wollen sollte nach ihren Instinkten, nach ihren Empfindungen, was sie sich aber noch nicht eingesteht, weil sie eine gewisse Furcht hat, es sich ins Bewußtsein hinaufzuheben.

[ 5 ] Anyone who can gain even a little insight into what is currently bubbling and pulsing within humanity’s striving spirit can already sense that there is nothing in these “key points,” but absolutely nothing utopian; rather, they are the product of thirty to thirty-five years of observation, capturing what the vast majority of people actually want—or, let’s say, what they should actually want according to their instincts and feelings—but which they have not yet admitted to themselves because they harbor a certain fear of bringing it into their consciousness.

[ 6 ] Man kann auf allen drei Gebieten des Lebens, auf dem Gebiet des geistigen Lebens, auf dem Gebiet des Rechts-, des Staats- oder politischen Lebens und auf dem Gebiet des wirtschaftlichen Lebens sehen, wie neue Wege gewandelt werden müssen. Und ich versuchte ja in meinen «Kernpunkten» zu zeigen, wie gewissermaßen die Haupthindernisse für das Wandeln auf solchen neuen Wegen daher kommen, daß man nun einmal im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte sich eingelebt hat in die Suggestion, daß der Einheitsstaat alles machen müsse. Der Einheitsstaat hat nach und nach auch das Hochschulwesen okkupiert, könnte man sagen. Annektiert, okkupiert wurde das Hochschulwesen. Bedenken Sie nur einmal, daß dieses Hochschulwesen sich herausentwickelt hat aus dem Geistesleben selbst. Bedenken Sie, daß die Geltung des Hochschulwesens in einer Zeit, die noch gar nicht so lange hinter uns liegt, durchaus auf der individuellen Fruchtbarkeit der einzelnen Hochschulen sich aufbaute. Bedenken Sie, wie man sprach von der Juristenfakultät in Bologna, wie man sprach von der medizinischen Hochschule in Salerno, wie man sprach von anderen bedeutenden Hochschulen; wie man herleitete die Geltung des Hochschulwesens in der Welt von den besonderen individuellen Leistungen desjenigen, was in den einzelnen Hochschulen vorhanden war. Und es ist im Grunde genommen nur eine neuere Okkupation oder Annexion, die von den immer mehr und mehr Macht an sich reißenden Staaten ausgeübt worden ist, daß schließlich unser Hochschulwesen ganz eingemündet ist in eine Dienerschaft gegenüber den äußeren Bedürfnissen der einzelnen Staaten. Es müßte eigentlich heute gerade in dem Menschen, der sich verbunden fühlt mit dem Erkenntnis-Geistesstreben und überhaupt mit dem Kulturstreben der Menschen, doch etwas leben von einer Art historischer Erinnerung an solche Zeiten, in denen es an den Hochschulen lag, was sie dem Staate geben wollten, was sie aus dem Staate machen wollten. Und, ich möchte sagen, ein gewisser innerer Impuls, der aus dem Nachdenken über die Dinge kommt, der müßte dazu führen, daß man sich vor Augen stellt, wie es wieder und immer wiederum am Ende des 18. Jahrhunderts, im Beginne des 19. Jahrhunderts von einem Zeitalter der Aufklärung betont worden ist, daß in den Zeiten des Mittelalters die Wissenschaft die Dienerin des theologischen und kirchlichen Betriebes war. Wie oft ist es wiederholt worden, was Kant — Sie wissen, ich bin kein Kantianer — ausgesprochen hat mit den Worten: die Zeit ist vorüber, wo alle Wissenschaften der Theologie die Schleppe nachgetragen haben. Die Wissenschaften sind frei geworden. Sie sind dazu berufen, die Fahne voranzutragen aller übrigen Kultur. Aber im Grunde genommen erst, nachdem solche Worte populär geworden sind aus einem berechtigten Gefühl gegenüber dem geistigen Leben in den Wissenschaftsästen, erst nachher ist vom Staate aus diejenige Strömung gekommen, die das Hochschulwesen nun zum Diener des Staatswesens, der Politik, der Jurisprudenz gemacht hat. Und, meine verehrten Kommilitonen, ob es nun besser ist, der Theologie, also wenigstens einem Geistigen die Schleppe nachzutragen, oder dem äußeren Staatswesen die Schleppe nachzutragen, das ist noch erst die Frage. Darüber werden die kommenden Zeiten ihr Urteil zu fällen haben. Denn schön war es auch nicht, daß sozusagen ein Jahrhundert, nachdem Kant das Wort gesprochen hat, die Wissenschaft wolle nicht mehr der Theologie die Schleppe nachtragen, der Generalrektor der Berliner Akademie der Wissenschaft, der berühmte Physiologe Du Bois-Reymond ausgesprochen hat, daß die Herren Mitglieder der Berliner Akademie der Wissenschaften sich sehr geehrt fühlten, indem sie sich nennen dürften: Die wissenschaftliche Schutztruppe der Hohenzollern. Das ist schließlich aus dem geworden, was ich nennen möchte: Okkupation des Hochschulwesens durch den Staat. Und es ist ja selbstverständlich, daß der Staat nicht für die Wissenschaft, sondern daß der Staat für seine «Beamten» sorgt. Neulich, meine sehr verehrten Kommilitonen, konnte schon der Rektor der Universität Halle einen Aufsatz erscheinen lassen, der doch ganz merkwürdige Schlaglichter wirft auf dasjenige, was nun aus der alten Gesinnung, nach der er Rektor geworden ist, stammt. Der Rektor der Universität Halle scheint ja einigermaßen unterrichtet zu sein über wichtige Vorgänge hinter den Kulissen, denn er macht mit Besorgnis und ganz ausführlich in einem Zeitungsaufsatz darauf aufmerksam, daß die Absicht bestehe, eine große Anzahl deutscher Universitäten eingehen zu lassen und an ihrer Stelle Beamtenschulen zu errichten, wo man also Beamte in der richtigen Weise dressieren wird. Ja, meine sehr verehrten Kommilitonen, auf diese Dinge muß man hinschauen, wenn man begreifen will, daß eine verhältnismäßig scharfe Sprache dazumal geführt wurde in jenem Aufruf zu einem Kulturrat, der von Stuttgart ausging. Denn dasjenige, was da hineingewirkt hat in das Universitätswesen, das hat nicht erwa bloß das Anstellungswesen der Professoren, die Unannehmlichkeiten des Prüfungswesens ergriffen, sondern das hat die Wissenschaften, die Erkenntnis, den Geist selbst ergriffen. Und dem sollte dazumal Abhilfe geschaffen werden dadurch, daß man alles aufrief, von dem man glaubte, daß es ein Herz, einen Sinn hat für ein Weiterbringen des Erziehungswesens, der geistigen Angelegenheiten überhaupt. Und es war damals die Hoffnung derjenigen Menschen, die mit einem warmen Herzen für eine solche Sache an die Arbeit für diesen Aufruf gingen, daß man sich ja zunächst wenden müsse an die Vertreter des geistigen Lebens selbst. Sehr viele Gutmeinende meinten eben, aus dem Kreise der Hochschullehrer heraus werden sich ja selbst Einsichtige finden, welche mitgehen mit der Emanzipation des Hochschulwesens vom Staatswesen.

[ 6 ] In all three spheres of life—the spiritual sphere, the legal, civic, or political sphere, and the economic sphere—one can see how new paths must be forged. And in my “Key Points,” I attempted to show how, in a sense, the main obstacles to embarking on such new paths stem from the fact that, over the course of the last three to four centuries, we have become accustomed to the notion that the unitary state must do everything. One could say that the unitary state has gradually “occupied” higher education as well. Higher education has been annexed, occupied. Just consider for a moment that this system of higher education developed out of intellectual life itself. Consider that, in a time not so long ago, the prestige of higher education was based entirely on the individual productivity of the individual universities. Consider how people spoke of the law faculty in Bologna, how they spoke of the medical school in Salerno, how they spoke of other significant universities; how the prestige of higher education in the world was derived from the specific individual achievements of what existed within the individual universities. And, fundamentally speaking, it is merely a recent occupation or annexation—carried out by states that have been seizing more and more power for themselves—that has ultimately reduced our higher education system to a subservient role in the face of the external demands of individual states. Today, especially in those who feel connected to the pursuit of knowledge and intellectual endeavor—and indeed to humanity’s cultural aspirations in general—there ought to be a living sense of a kind of historical memory of those times when it was up to the universities to decide what they wanted to give to the state and what they wanted to make of the state. And, I would say, a certain inner impulse arising from reflection on these matters should lead us to recall how, time and again—particularly at the end of the 18th century and the beginning of the 19th—the Age of Enlightenment emphasized that, in medieval times, science was the handmaiden of theological and ecclesiastical endeavors. How often has it been repeated what Kant—you know, I am no Kantian—expressed in these words: “The time is past when all sciences trailed in the wake of theology.” The sciences have become free. They are called upon to carry the banner for all other aspects of culture. But, strictly speaking, it was only after such words had become popular—arising from a justified sentiment toward intellectual life within the branches of science—that the state initiated the trend which has now made higher education a servant of the state, of politics, and of jurisprudence. And, my esteemed fellow students, whether it is better to trail in the wake of theology—that is, at least of a spiritual discipline—or to trail in the wake of the external state apparatus, that is still the question. Future generations will have to pass judgment on this. For it was not a pretty sight either that, so to speak, a century after Kant had declared that science would no longer trail in the wake of theology, the General Rector of the Berlin Academy of Sciences, the famous physiologist Du Bois-Reymond, stated that the members of the Berlin Academy of Sciences felt greatly honored to be able to call themselves: “The scientific auxiliary force of the Hohenzollerns.” This, after all, is what has become of what I would like to call: the state’s occupation of higher education. And it goes without saying that the state does not provide for science, but rather that the state provides for its “civil servants.” Recently, my esteemed fellow students, the rector of the University of Halle published an essay that sheds quite a strange light on the very mindset that led to his appointment as rector. The rector of the University of Halle seems to be reasonably well-informed about important developments behind the scenes, for he points out with concern and in great detail in a newspaper essay that there is an intention to shut down a large number of German universities and establish civil servant schools in their place, where civil servants will thus be properly trained. Yes, my esteemed fellow students, one must pay attention to these matters if one wishes to understand why relatively strong language was used at the time in that call for a Cultural Council, which originated in Stuttgart. For what has been at work within the university system has not merely affected the appointment of professors or the difficulties of the examination system; rather, it has affected the sciences, knowledge, and the spirit itself. And at that time, a remedy was to be found by calling upon everyone believed to have a heart and a mind for advancing the educational system and intellectual matters in general. And it was the hope of those people who, with warm hearts for such a cause, set to work on this appeal, that one must first turn to the representatives of intellectual life themselves. Many well-meaning people believed that, from among the ranks of university professors, there would surely be discerning individuals who would support the emancipation of higher education from the state.

[ 7 ] Nun, meine verehrten Kommilitonen, ein wirklich tatkräftiges Mitgehen wurde nicht gefunden. Aber um so öfter konnte man hören, wie die Herren in eigentümlicher Weise sich äußerten. Sie sagten nämlich: Ja, wenn diese Dreigliederung des sozialen Organismus mit ihrem freien Geistesleben da wäre, dann würde es ja dahin kommen, daß statt des Unterrichtsministers mit seiner Beamtenschaft die Lehrer an den Universitäten selber eine Art Administration des gesamten Erziehungswesens ausüben würden. Nein, sagten die Herrn, da stehe ich doch lieber unter dem Unterrichtsminister und seinen Referenten, als daß ich mich einlassen würde auf die Verfügungen und Maßnahmen, die meine Herrn Kollegen treffen. Und man konnte ganz sonderbare Aussagen hören über die Herrn Kollegen. Und da man Gelegenheit hatte bei dieser Wanderschaft durch die Meinungen der Hochschullehrer, zu hören, was der A über den B, der B über den A redete, so blieben nicht viele übrig von denjenigen, an die man sich nun bei dieser Selbstverwaltung, diesem Auf-sich-selbst-gestellt-sein-Wollen des geistigen Organismus hätte halten können. Man machte recht traurige Erfahrungen. Es wird Ihnen ja vielleicht bekannt sein, daß dieser ganze Kulturaufruf mit all seinen guten Intentionen einfach Makulatur blieb, daß sich eigentlich im Grunde genommen niemand gefunden hat, der für ein freies Geistesleben aus dem Kreise der geistigen Arbeiter hat eintreten wollen.

[ 7 ] Well, my dear fellow students, we did not find any truly active support. But all the more often one could hear these gentlemen expressing themselves in a peculiar way. They said, in fact: “Yes, if this threefold structure of the social organism, with its free spiritual life, were to exist, then it would come to pass that, instead of the Minister of Education and his bureaucracy, the university professors themselves would exercise a kind of administration over the entire educational system.” “No,” said these gentlemen, “I would much rather be under the Minister of Education and his staff than have to deal with the decisions and measures taken by my fellow professors.” And one could hear some very strange remarks about these colleagues. And since, during this journey through the opinions of the university professors, one had the opportunity to hear what A said about B and what B said about A, there were not many left of those on whom one could have relied in this self-administration—this desire of the intellectual organism to stand on its own. We had some rather sad experiences. You may be aware that this entire “Call for Culture,” with all its good intentions, simply came to nothing; that, when it came down to it, no one from among the intellectual workers was actually willing to advocate for a free intellectual life.

[ 8 ] Aber auch an äußeren Erscheinungen kann man schon verspüren, was in den letzten Jahrzehnten eingetreten ist. Manche würdigen die Dinge noch nicht in der richtigen Art. Ich betone nur, daß zum Beispiel dasjenige, was man geworden ist früher durch sein Darinnenstehen im Hochschulbetriebe, sich in etwas ausdrückte, das gewissermaßen aus dem wissenschaftlichen und dem Erkenntnisstreben selbst herauswuchs. Was etwas zu tun hatte mit dem Erkenntnisstreben, das ist das Gradwesen an den verschiedenen Fakultäten. Man merkt nur, wie sich hereingeschlichen hat in dieses Gradwesen, das aus der Eigenverwaltung der Universitäten hervorgegangen ist, das Staatsprüfungswesen, wie schließlich gegenüber den Staatsprüfungen dasjenige, was als Gradwesen aus den Universitäten, also aus den Wissenschaften selber herausgewachsen ist, nur noch eine Dekoration geworden ist.

[ 8 ] But one can already sense, even from outward appearances, what has taken place in recent decades. Some people still do not appreciate these things in the right way. I am merely emphasizing that, for example, what one used to become through one’s involvement in university life was expressed in something that, in a sense, grew out of the pursuit of science and knowledge itself. The degree system in the various faculties had something to do with this pursuit of knowledge. One can only observe how the state examination system has crept into this degree system—which emerged from the self-governance of the universities—and how, in the face of these state examinations, what had grown out of the universities as a degree system—that is, out of the sciences themselves—has ultimately become nothing more than a mere formality.

[ 9 ] Gewiß, solche Dinge sind nur Symptome zunächst. Aber sie zeigen als Symptome sehr deutlich, daß ein Absorptionsprozeß des geistigen Lebens durch das politische, durch das äußerlich staatliche Leben in hohem Grade sich vollzogen hat. Und Sie können ganz sicher sein, daß das Staatswesen, worauf ich heute hindeutete, das nur Staatswesen sein will, überhaupt die Universitäten ertöten wird, weil es sie nicht braucht als Universitäten, als Wissenschaftsstätten. Weil es dasjenige, was es bis jetzt aus den Universitäten gebraucht hat, nur als Staatsbeamtenschule brauchte, wird es alles in Staatsbeamtenschulen verwandeln. Das ist die Tendenz der Zeit. Wenn so etwas ausgesprochen wird, will man es immer nur als Utopie, als falsche Prophetenworte hinstellen. Man muß aber auch ein wenig hinsehen können in die Richtung, in welcher sich die Zeit bewegt. Und schließlich ist es schon weit fortgeschritten, daß wir aus der Juristenfakultät eine Beamtenschule für den Staat, aus der medizinischen Fakultät ein Bestreben hervorkommen sehen, welches darauf hinausgeht, auch den Heiler der Menschen zu einem bloßen Rad im Staatsbetriebe zu machen. Und an der philosophischen Fakultät? Was hat denn heute noch viel Wert als dasjenige, was die Leute vorbereitet, um im staatlichen Sinne Unterrichtsbeamte, nicht Pädagogen zu sein! In Deutschland, dem Musterland, im demokratisierten Deutschland heißen ja die Lehrer gar nicht einmal mehr Lehrer oder Professor, sondern — als Schreck aller Schrecken! — Studienassessor oder Studienoberassessor und dergleichen. Diese Äußerlichkeiten haben aber mit dem ganzen inneren Geist der Wissenschaften zu tun. Und es war wirklich etwas recht Trauriges, daß man die Erfahrung machen mußte, daß auf seiten der Lehrenden absolut kein Herz und kein Sinn ist für eine Verselbständigung des Geisteslebens.

[ 9 ] Certainly, such things are merely symptoms at first. But as symptoms, they show very clearly that a process of absorption of intellectual life by political life—by the external life of the state—has taken place to a high degree. And you can be absolutely certain that the state system I alluded to today—the one that wants to be nothing but a state system—will effectively destroy the universities, because it has no need for them as universities, as centers of scholarship. Since what it has needed from the universities up to now was merely a training ground for civil servants, it will transform everything into schools for civil servants. That is the trend of the times. When something like this is spoken aloud, people always want to dismiss it as utopia, as the words of a false prophet. But one must also be able to look a little in the direction in which the times are moving. And after all, we are already well on our way to seeing the law school become a training ground for state officials, and the medical school give rise to an effort aimed at turning even the healer of the people into a mere cog in the machinery of the state. And what of the philosophy department? What, after all, is of greater value today than that which prepares people to be, in the state’s eyes, teaching officials—not educators! In Germany, the model nation, in democratized Germany, teachers are no longer even called “teachers” or “professors,” but—to everyone’s horror! — “Studienassessor” or “Studienoberassessor” and the like. Yet these outward formalities are closely tied to the very inner spirit of the sciences. And it was truly quite sad to have to realize that, on the part of the teachers, there is absolutely no heart and no sense for the intellectual life to become independent.

[ 10 ] Das muß ich mir vorhalten, wenn ich jetzt den Aufruf, der aus der Studentenschaft heraus kommt, vornehme. Wenn es das Alter nicht machen mag — anders kann man nicht sagen —, dann muß eben die Jugend es als heilige Pflicht empfinden, für die Freiheit des Geisteslebens einzutreten. Denn dessen können wir sicher sein: wenn niemand für die Freiheit des Geisteslebens, wenn niemand für die Urquellen einer Erkenntniserneuerung eintritt, dann wird es schlimm stehen in den Zeiten, in welche die nächste Generation unserer zivilisierten Menschheit hineinwächst. Es ist doch nicht ohne Bedeutung, daß ein so geistreicher Mann wie Oswald Spengler heute schon wissenschaftlich, das heißt mit den Mitteln der alten Wissenschaft beweisen kann, daß die Zivilisation des Abendlandes der Barbarei entgegengeht. Wir haben vieles wissenschaftlich beweisen gelernt. Heute wird wirklich mit einer großen Kraft schon bewiesen, daß all unser Wissen in die Barbarei hineinführt.

[ 10 ] I must keep this in mind as I now issue the call coming from the student body. If the older generation is unwilling to do so—there’s no other way to put it—then the youth must simply regard it as a sacred duty to stand up for the freedom of intellectual life. For of this we can be certain: if no one stands up for the freedom of intellectual life, if no one stands up for the original sources of a renewal of knowledge, then things will look grim in the times into which the next generation of our civilized humanity is growing up. It is by no means insignificant that a man as brilliant as Oswald Spengler can already prove scientifically—that is, using the methods of traditional science—that Western civilization is heading toward barbarism. We have learned to prove many things scientifically. Today, it is indeed being proven with great force that all our knowledge is leading us into barbarism.

[ 11 ] Das ist etwas, was, wie man glauben kann, wie ein Alp lasten muß auf der Jugend, die ja heute nicht in blindem Autoritätsglauben aufwachsen darf, die sich nicht gestatten darf einen blinden Autoritätsglauben, sondern die mit sehenden Augen hinschauen muß auf dasjenige, was vorgeht an den Anstalten, die sie betritt, um in das Leben hineinzuwachsen. Und man darf daher glauben, daß es einen gewissen wohltuenden Eindruck machen kann, abgesehen von allem — und ich will und kann absehen von alledem, was sich in dem Aufruf auf meine Person bezieht —, es macht einen wohltuenden Eindruck, daß nun in Gegensatz zu den alten Führenden die Geführten treten und sagen, was sie wollen, und daß sie es sagen in konkreter Form. Denn, meine sehr verehrten Kommilitonen, die Befreiung des Geisteslebens, die Verselbständigung des geistigen Organismus kann nicht durch Tiraden, durch Rhetorik erreicht werden. Dasjenige, was durch den Staat absorbiert worden ist, muß wieder herausgezogen werden. Das kann aber nur geschehen, wenn eine wirkliche Kraft des Geisteslebens da ist. Und ebenso wie im Zeitalter des Materialismus die Wissenschaft ohnmächtig war gegenüber den Aufsaugegelüsten des Staates, so würde eine materiell bleibende Wissenschaft ohnmächtig auch bleiben gegenüber diesen Absorptionsgelüsten des die Wissenschaft in die Barbarei überführenden Staates. Herausheben Wissenschafts- und Erkenntnisgeist aus der Politik, aus alledem, in dem er heute zu seinem Verderben steckt, das kann nur etwas Positives. Geradeso wie materielle Wissenschaft eine Beute unwissenschaftlicher Mächte geworden ist, so wird geistige Wissenschaft durch ihre eigene Wesenheit, durch ihre eigene Kraft herausziehen können diese Wissenschaft wiederum aus den ungeistigen Mächten. Und sie allein wird in der Lage sein, das freie Geistesleben, den auf sich gestellten geistigen Teil des sozialen Organismus zu begründen.

[ 11 ] This is something that, one might believe, must weigh like a nightmare on young people, who today must not be allowed to grow up with a blind faith in authority, who must not permit themselves a blind faith in authority, but who must look with open eyes at what is happening in the institutions they enter in order to grow into life. And one may therefore believe that it can make a certain beneficial impression—setting everything else aside, and I am willing and able to disregard everything in the appeal that pertains to me personally—it makes a beneficial impression that, in contrast to the old leaders, the led are now stepping forward and saying what they want, and that they are saying it in concrete terms. For, my esteemed fellow students, the liberation of spiritual life, the autonomy of the spiritual organism, cannot be achieved through tirades or rhetoric. That which has been absorbed by the state must be drawn out again. But this can only happen if there is a genuine force of spiritual life present. And just as science was powerless in the age of materialism in the face of the state’s insatiable appetite for absorption, so too would a science that remains materialistic remain powerless in the face of this same appetite for absorption on the part of the state that is leading science into barbarism. Extracting the spirit of science and knowledge from politics—from everything in which it is currently mired to its own ruin—can only be a positive thing. Just as material science has fallen prey to unscientific forces, so spiritual science, by virtue of its own essence and its own power, will be able to extricate science once again from these unspiritual forces. And it alone will be in a position to establish the free spiritual life—the independent spiritual component of the social organism.

[ 12 ] Selbstverständlich müssen Sie sich sagen, die Sie diesen Aufruf unterschreiben, daß dieser Aufruf, insbesondere wenn er von solcher Seite kommt, als ein Sturm empfunden werden wird. Aber, meine verehrten Kommilitonen, ohne Sturm geht es heute nicht ab; ohne den Willen und den Mut, wirklich umzugestalten, was umgestaltet werden muß, kommen wir nicht vorwärts, sondern gehen in den Niedergang dann weiter, gehen in die Barbarei hinein. Man wird sich von vornherein klar sein müssen darüber, daß dieser Aufruf nicht wohlwollend von gewissen Seiten aufgenommen werden kann. Aber ich glaube, daß alle diejenigen, die ihn mit vollem Herzen und mutiger Seele unterschreiben, sich auch klar darüber sind, daß man mit einem Aufruf, der wohlwollend aufgenommen würde von gewissen Seiten, auf die ich hier hindeutete, eben durchaus nichts erreichen könnte. Auf Kampf muß man gefaßt sein mit demjenigen, was man heute wollen muß.

[ 12 ] Of course, those of you who sign this appeal must realize that it will be perceived as a storm, especially coming from such a source. But, my dear fellow students, there can be no progress today without a storm; without the will and the courage to truly transform what must be transformed, we will not move forward, but will instead continue on the path to decline, sliding into barbarism. We must be clear from the outset that this appeal cannot be received favorably by certain quarters. But I believe that all those who sign it with a whole heart and a courageous spirit are also well aware that an appeal that were to be received favorably by certain quarters—the ones I have alluded to here—would achieve absolutely nothing. One must be prepared for a struggle in pursuit of what must be achieved today.

[ 13 ] Selbstverständlich wird es darauf ankommen, daß nun nicht einfach in die Welt hinausgestellt wird ein Aufruf in Worten. Meine sehr verehrten Kommilitonen, ich habe im Laufe meines Lebens viele Aufrufe erlebt. Und ich weiß, daß Aufrufe nichts bedeuten, wenn nicht die Menschen hinter ihnen stehen, für deren Wollen im Grunde genommen solch ein Aufruf doch nur ein Äußeres, sogar ein äußerliches Ausdrucksmittel ist. Menschen, deren Kräfte nicht erlahmen, wenn sie sehen, wie in den ersten Zeiten sich alles widersetzt dem, was man so will, tatkräftige Menschen müssen hinter einer solchen Sache stehen, sonst sind Worte von solcher Schärfe allerdings nicht gerechtfertigt. Aber sie müssen in unserer Zeit im Grunde genommen gerechtfertigt sein nach all den Erfahrungen, die gemacht worden sind. Aber alledem, was in dieser Weise durch solche Kritik des Bestehenden denjenigen, die es angeht, als Kritik klargemacht werden muß, alledem muß zur Seite gestellt werden die positive Arbeit. Und wir werden wohl sehen müssen, wenn dasjenige, was beabsichtigt ist, glücken soll, daß sich Kreise bilden und immer mehr und mehr Kreise bilden, immer größere und größere Gebiete, ganz international, die auch wirklich in dem Sinne geisteswissenschaftlich arbeiten, daß sie die einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen mit Geisteswissenschaft befruchten.

[ 13 ] Of course, it will be crucial that we do not simply put out a verbal call to the world. My dear fellow students, I have witnessed many calls to action in the course of my life. And I know that such calls mean nothing unless there are people behind them—for whom, in essence, such a call is merely an outward, even superficial, means of expression. People whose resolve does not waver when they see, in the early stages, that everything is opposed to what one intends—energetic people must stand behind such a cause; otherwise, words of such sharpness are indeed not justified. But in our time, they must ultimately be justified in light of all the experiences that have been gained. But alongside all that which must be made clear in this way—through such criticism of the status quo—to those concerned, positive work must be set in motion. And we will likely have to recognize that, if what is intended is to succeed, circles must form—and more and more circles must form, covering ever larger and larger areas, on a truly international scale—that genuinely engage in spiritual science in the sense that they enrich the individual scientific disciplines with spiritual science.

[ 14 ] Es ist ja nach und nach zu Merkwürdigem gekommen, wenn es sich darum gehandelt hat, anzuschließen junge, strebende Gemüter an den Betrieb des Geisteslebens. Mir würde da vieles einfallen, wenn ich über dieses Kapitel reden wollte. Ich will Ihnen zum Beispiel nur eine nette Szene erzählen, die sich einmal abspielte an einer philosophischen Fakultät, wo sich ein junger, dazumal hoffnungsvoller Doktor habilitieren wollte für — ja, für Philosophie. Er ging zum Ordinarius, der ihn sehr schätzte, und sagte zu ihm, daß er sich habilitieren wolle, und was ihm nun angenehm wäre, daß da als Antritts-Vorlesungsthema gewählt würde. Da sagte der Ordinarius, der, wie gesagt, dem jungen Doktor wohlwollend gegenüberstand, und der die Privatdozentur dieses jungen Doktors an seiner Seite wünschte: Ja, aber das geht gar nicht! Ich kann Sie meinen Kollegen nicht vorschlagen, daß Sie Privatdozent werden; es würde ja alles über mich herfallen. Sie haben ja in der Philosophie nur Dinge geschrieben über philosophische Geschehnisse und Persönlichkeiten des 19. Jahrhundert; so jemanden dürfen wir nicht zulassen zur Dozentur. Da müssen Sie über viel, viel ältere Sachen geschrieben haben. — Ja, sagte der junge Doktor, was soll ich denn jetzt machen, Herr Hofrat? Ich dachte, was ich über Schopenhauer, über den Entwicklungsgang der Ästhetik im 19. Jahrhundert geschrieben habe, das würde taugen? — Vielleicht merken die Anwesenden Wiener schon, um wen es sich handelt? — Ja, sagte der Herr Hofrat, das kommt nicht darauf an, über was Sie schreiben, sondern nur darauf kommt es an, daß es alt und unbekannt ist. Schauen wir einmal im Lexikon einen alten italienischen Ästhetiker nach. — Sie schlugen das Lexikon auf und kamen gerade auf G, wo der Name Gravina verzeichnet stand. Sie wußten alle beide nichts von ihm, aber der betreffende Ordinarius fand, das wäre das Richtige. Und der junge Doktor machte seine Habilitationsschrift über dieses interessante Thema, einen ganz unbekannten, unbedeutenden italienischen Ästhetiker. Und nun konnte ihn der Ordinarius als Privatdozent zulassen. Die Sache hat aber nicht so kurz gedauert; er mußte sich doch immerhin, ich glaube sogar ein und ein halbes Jahr, damit beschäftigen, denn es war ja nicht so leicht, die Verdienste dieses unbekannten italienischen Ästhetikers in das richtige Licht zu stellen.

[ 14 ] Things have gradually taken a rather strange turn when it comes to engaging young, aspiring minds in intellectual life. I could think of many examples if I were to discuss this topic. For instance, I’d like to tell you about a charming little scene that once took place at a philosophy department, where a young man—who was, at the time, a promising doctoral candidate—wanted to qualify for a professorship in—yes, in philosophy. He went to the full professor, who held him in high regard, and told him that he wanted to qualify as a private lecturer, and asked what topic the professor would find suitable for his inaugural lecture. Then the full professor—who, as I said, was well-disposed toward the young doctor and wished to have him serve as a private lecturer at his side—replied: “Yes, but that’s out of the question! “I cannot propose to my colleagues that you become a private lecturer; the whole burden would fall on me. After all, in philosophy you’ve written only about philosophical events and figures of the 19th century; we cannot allow someone like that to become a lecturer. You must have written about much, much older subjects.” — “Yes,” said the young doctor, “what am I supposed to do now, Mr. Hofrat?” “I thought what I’ve written about Schopenhauer and the development of aesthetics in the 19th century might be suitable?” — “Perhaps the Viennese here already realize who we’re talking about?” — “Yes,” said the Court Councilor, “it doesn’t matter what you write about; the only thing that matters is that it’s old and obscure.” “Let’s look up an old Italian aesthetician in the encyclopedia.” — He opened the encyclopedia and happened to come to the letter G, where the name Gravina was listed. Neither of them knew anything about him, but the professor in charge thought that would be just the thing. And the young doctor wrote his habilitation thesis on this interesting topic—a completely unknown, insignificant Italian aesthetician. And now the full professor could admit him as a private lecturer. But the whole process didn’t take that long; after all, he had to spend—I believe even a year and a half—working on it, because it wasn’t so easy to present the merits of this unknown Italian aesthetician in the right light.

[ 15 ] Das ist nur so ein extremer Fall. Aber man kann ja ungeheuer viele solcher Fälle hinstellen.

[ 15 ] That's just one extreme example. But you could come up with an enormous number of such cases.

[ 16 ] Nehmen wir nur einmal, wie es dahin gekommen ist, daß nach und nach überhaupt alle Freiheit in der Dissertationsthemawahl im Grunde genommen aufgehört hat. In einem solchen Fach wie die neuere Philologie hat es zum Beispiel Wilhelm Scherer dahin gebracht, das ganze Dissertationswesen eigentlich zu schematisieren, zu organisieren. Man ließ den Studenten, der da kam und um sein Dissertationsthema fragte, einfach diejenige Dissertation machen, ob es Ihm nun entsprach, ob er davon etwas Besonderes speziell getrieben hatte oder nicht, darauf kam es nicht an, man ließ ihn die Dissertation machen, die irgendeinem Professor, der dann ein ausführliches Buch über das Thema schreiben wollte, dienen konnte, indem er die einzelnen Dissertationen zusammennahm und dergleichen. Dieser äußere Betrieb entspricht aber mehr, als man glaubt, dem inneren Gang des Geisteslebens. Und ich glaube nicht fehl zu gehen, wenn ich sage: Es wäre das größte Verdienst, das Sie sich erwerben könnten, meine verehrten Kommilitonen, wenn Sie dem Geiste, der von da her weht, nun wirklich einen frischen, elementaren Quell wissenschaftlichen Arbeitens entgegenstellen könnten. Wenn Sie Kreise bildeten und mit all den Hilfsmitteln und Quellen, die Ihnen zur Verfügung stehen, nun erst wahre, ursprüngliche, elementare wissenschaftliche Arbeit versuchten. Von Gruppe zu Gruppe in einzelnen Städten mögen sich diejenigen zusammenfinden — das müßte ich sagen, wenn Sie meinen Rat wollen —, die aus solchem Geiste heraus arbeiten wollen. Will man zum lebendigen Gedeihen des wissenschaftlichen Lebens, des Erkenntnislebens arbeiten, dann wird der Chemiker, der Physiker, der Philosoph, der Jurist, der Historiker, der Philologe zu irgendeinem gemeinschaftlichen Thema in gemeinschaftlicher Bearbeitung etwas beitragen können. Und wenn es erwünscht ist, dann werden wir uns, die wir in Dornach für diese Hochschulkurse arbeiten, Mühe geben, daß eine Art freies Komitee aus denjenigen Vortragenden entsteht, die vorgetragen haben über die verschiedenen Zweige der Wissenschaft, welche von der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft befruchtet worden sind, und daß von diesem Komitee Vorschläge ausgehen können über dasjenige, was zunächst behandelt werden müßte. Nicht aus solchem Geiste heraus sollen dann Themen gestellt werden, wie er von Leuten ausging und ausgeht, die bis zum heutigen Tage regieren auf diesen Gebieten, sondern es soll mehr aus dem Bedürfnis des allgemeinen Geisteslebens der Menschheit heraus das oder jenes angeraten werden. Und wiederum soll auf die freie Wahl gezählt werden. Dasjenige, was notwendig ist, mögen die, die etwas erfahren haben, sagen. Dasjenige, wofür man sich besonders geeignet hält, dafür mag sich derjenige, der sieht, was als notwendig bezeichnet wird aus diesem freien Komitee heraus, entscheiden. Und so könnten zusammenarbeiten in einer fortwährenden freien geistig-wissenschaftlichen Korrespondenz diejenigen, die jetzt als Pioniere gewissermaßen eines freien Hochschulwesens hier in Dornach ihre Vorträge hielten, mit denjenigen, die aus der Studentenschaft heraus enthusiasmiert und interessiert sind für dasjenige, was aus dem Geistesleben der Zivilisation des Abendlandes werden soll durch diese Geisteswissenschaft.

[ 16 ] Let’s just consider, for a moment, how it came to be that, little by little, all freedom in the choice of dissertation topics essentially ceased to exist. In a field such as modern philology, for example, Wilhelm Scherer went so far as to systematize and organize the entire dissertation process. Students who came asking for a dissertation topic were simply assigned the one that was available—whether it suited them or not, whether they had any particular interest in it or not, it didn’t matter; they were made to write the dissertation that could serve some professor who then wanted to write a comprehensive book on the subject by compiling the individual dissertations and so on. This external practice, however, corresponds more than one might think to the inner course of intellectual life. And I do not believe I am mistaken in saying: It would be the greatest merit you could earn, my esteemed fellow students, if you could now truly counter the spirit blowing from that direction with a fresh, fundamental source of scholarly work. If you were to form circles and, using all the resources and sources at your disposal, now attempt true, original, fundamental scholarly work. From group to group in various cities, those who wish to work out of such a spirit might come together—that is what I would say, if you seek my advice. If one wishes to work toward the vibrant flourishing of scientific life, of the life of knowledge, then the chemist, the physicist, the philosopher, the lawyer, the historian, and the philologist will each be able to contribute something to a common theme through collaborative work. And if it is desired, then we who work in Dornach on these university courses will make every effort to ensure that a kind of free committee emerges from among those lecturers who have spoken on the various branches of science that have been enriched by anthroposophically oriented spiritual science, and that this committee may put forward proposals regarding what should be addressed first. Topics should not be set in the spirit that has prevailed—and continues to prevail—among those who have dominated these fields to this day, but rather this or that should be recommended based on the needs of humanity’s general spiritual life. And once again, we should rely on free choice. Let those who have gained experience speak to what is necessary. As for what one considers oneself particularly suited for, let the person who recognizes what this free committee identifies as necessary make that decision. And so, through an ongoing, free spiritual-scientific correspondence, those who are now, in a sense, pioneers of a free university system here in Dornach and have given their lectures could collaborate with those among the student body who are enthusiastic and interested in what this spiritual science is to become of the spiritual life of Western civilization.

[ 17 ] Das ist ungefähr der Weg, auf dem man zunächst in positiver Weise in wissenschaftlicher Arbeit versuchen könnte, die Worte des Aufrufes wahrzumachen. Natürlich ist es heute noch nicht an der Zeit, mehr ins Einzelne gehend diese Ratschläge zu geben. Aber Sie können überzeugt sein, daß diejenigen, die hier in Dornach oder in Stuttgart arbeiten, schon im anthroposophisch orientierten geisteswissenschaftlichen Sinn jederzeit bereit sein werden, mit all ihren Kräften dasjenige zu fördern, das zu tragen, das zu beraten, da mitzutun, wo es sich darum handelt, daß eine begeisterte Studentenschaft ihr Scherflein beitragen will, da oder dort, in dieser oder jener Gruppe, zu dem, was heute einmal eine große, eine umfassende, eine intensive Aufgabe, ein gewaltiges Ideal sein muß: aus einem erneuerten, an die Urquellen zurückgehenden geistigen Forschen heraus das Geistesleben — und damit das allgemeine Kultur- und Zivilisationsleben der Menschheit — zum Aufstieg, zu einer Morgenröte, nicht zu einem Niedergang, nicht zu einer Abendröte, wie manche meinen, zu führen.

[ 17 ] This is roughly the approach one could initially take in a positive way through scholarly work to put the words of the appeal into practice. Of course, the time has not yet come to offer this advice in greater detail. But you can be assured that those working here in Dornach or in Stuttgart will always be ready, in the spirit of anthroposophically oriented spiritual science, to devote all their energies to promoting, supporting, advising, and participating wherever an enthusiastic student body wishes to do its part, here or there, in this or that group, to what must today be a great, comprehensive, and intensive task—a mighty ideal: to lead spiritual life—and with it the general cultural and civilizational life of humanity—from a renewed spiritual research that goes back to the original sources, toward an ascent, toward a dawn, not toward a decline, not toward a twilight, as some believe.

[ 18 ] Und, indem ich Ihnen verspreche, daß alles dasjenige, was an mir sein wird, auch dazu getan werden soll, damit ein intensives, ein auf innerer Harmonie gebautes wissenschaftliches Zusammenarbeiten stattfinden soll, indem ich Ihnen das verspreche, möchte ich die Frage beantworten, die an mich gestellt worden ist: was ich rate zunächst als das Positive, was geleistet werden soll. Wenn wir wirklich in diesem Sinne zusammenarbeiten, dann wird gerade aus der Studentenschaft dasjenige hervorgehen können, was leider nicht hervorgegangen ist aus denjenigen, die angeblich die Studentenschaft führen, deren Aufgabe es allerdings wäre, der Studentenschaft Führer zu liefern. Erweisen sie sich als solche nicht, nun, dann wird gerade eine gute Schule im Loskommen von allem Autoritätsglauben dasjenige sein, was Sie werden durchmachen müssen, wenn Sie sich auf den Boden des freien wissenschaftlichen Arbeitens stellen. Daß Sie mit der Geisteswissenschaft und mit alledem, was von Dornach aus und von Stuttgart aus gewollt wird, gut zusammenarbeiten können, wenn Sie sich auf einen solchen Boden stellen, das, glaube ich, kann ich voraussehen. Und aus dieser Gesinnung heraus möchte ich heute zu Ihnen, meine verehrten Kommilitonen, gesprochen haben.

[ 18 ] And by promising you that I will do everything in my power to ensure that an intensive, scientific collaboration—one built on inner harmony—takes place, by promising you this, I would like to answer the question that has been posed to me: what I recommend first and foremost as the positive step that should be taken. If we truly collaborate in this spirit, then it is precisely from the student body that what has unfortunately not emerged from those who supposedly lead the student body—whose task, after all, would be to provide leaders for the student body—will be able to emerge. If they do not prove themselves to be such leaders, well, then a good school—one that has broken free from all belief in authority—will be precisely what you will have to go through when you stand on the ground of free scientific work. I believe I can foresee that, once you stand on such a foundation, you will be able to cooperate well with the School of Spiritual Science and with all that is intended from Dornach and Stuttgart. And it is from this perspective that I would like to have spoken to you today, my esteemed fellow students.