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Die Erkenntnis—Aufgabe der Jugend
Aufsätze und Berichte aus den Jahren 1920 bis 1924 in Ergänzung zum «Pädagogischen Jugendkurs» von 1922
GA 217a

8 September 1921, Stuttgart

5. Anthroposophie und Jugendbewegung

[ 1 ] Begrüßung: Zuerst möchte ich Herrn Dr. Steiner in aller Namen danken für die Zusammenkunft, die er uns gewährt hat trotz seiner großen Inanspruchnahme. Die Anregungen, die uns Herr Doktor an Ostern gegeben hat, haben in uns inzwischen weitergewirkt. Wir haben in der Zwischenzeit nicht viel voneinander gehört, aber als wir hier wieder zusammenkamen und uns aussprachen, da merkten wir, daß wir alle ein Stück weitergekommen waren. Manches, was an Ostern noch Problem war, ist heute nicht mehr Problem. Wir sind heute schon zu konkreten Dingen gekommen. Wir meinen, daß uns aus unserer besonderen Mitilerstellung zwischen Anthroposophie und Jugendbewegung besondere Aufgaben erwachsen, Aufgaben nach zwei Seiten: gegenüber der Jugendbewegung und gegenüber der anthroposophischen Bewegung. Wir wollen Anthroposophie an die Jugendbewegung heranbringen. Dies ist wohl am besten möglich in der Wirksamkeit von Mensch zu Mensch. Es soll jedoch dieses Wirken unterstützt und gefördert werden durch ein mehr «offizielles» Wirken aus der Gemeinsamkeit. Deshalb soll ein Vertrauensleutenetz über ganz Deutschland eingerichtet werden mit dem Mittelpunkt in Tübingen. Aufgabe der Vertrauensleute soll es sein, mit den jungen Anthroposophen ihres Kreises in Verbindung zu treten, Tagungen der Jugendbewegung zu besuchen, Schriften zu verbreiten unter Ausnützung persönlicher Beziehungen. Dazu kann ein Artikel über Jugendbewegung und Anthroposophie in einer anthroposophischen Zeitschrift erscheinen. Die Arbeit soll in enger Fühlung mit dem Hauptverband erfolgen. Als entschlossensten Gegner betrachten wir die katholische Jugendbewegung. Darauf bitten wir Herrn Doktor vielleicht etwas näher einzugehen. Unsere Arbeit in der anthroposophischen Bewegung denken wir uns so: Wir wissen, daß wir reicher werden müssen an Wissen. Aber als unsere besondere Aufgabe betrachten wir, gemeinschaftsbildend zu wirken. Wir wollen wie bisher unser Gemeinschaftsleben weiterführen mit gemeinsamen Abenden, Wanderungen, Festen und so weiter. Aber wir wollen es allmählich durchdringen und umgestalten lassen von anthroposophischem Geist. Hier bitten wir Herrn Doktor um einige besondere Anregungen. Wir denken uns, daß wir in unseren Gemeinschaften zuerst jüngere Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, Studenten und andere einladen. Noch eine praktische Frage möchte ich hier anschließen: Ist es möglich, daß ein junger Mensch aus der Jugendbewegung auch Bürge für die Aufnahme in die Anthroposophische Gesellschaft sein kann?

[ 2 ] Rudolf Steiner: Ich darf vielleicht auf den letzten Punkt zuerst eingehen, die Frage nach dem Hineintragen der Anthroposophie in die Jugendbewegung. Dazu ist notwendig, daß Sie eine wirkliche Einsicht haben in die Bedingungen, die da doch obwalten nicht nur im Äußeren, sondern im Inneren. Sehen Sie, die anthroposophische Bewegung — Sie kennen ja zum großen Teil ihre Geschichte — konnte natürlich nicht anders arbeiten, als daß sie von Anfang an die realen Möglichkeiten ins Auge faßte. Zu Beginn der Entstehung der Anthroposophischen Gesellschaft war die Menschheit noch wenig reif für die anthroposophische Bewegung. Aber man konnte nicht warten auf die allgemeine Reife, um die Bewegung überhaupt auf die Beine zu stellen. Nun, da waren gewisse Leute, die schon seit langem etwas gesucht hatten, etwas aus unbestimmten Tiefen der Seele heraus, Leute, die zum Teil noch nicht gefunden hatten Theosophie und Mystik, waren da zu treffen, die zum Teil auch gar nicht wußten, daß es so etwas gab wie Anthroposophie, Leute, die eine gewisse Sehnsucht nach etwas Tieferem hatten, als das Leben bot.

[ 3 ] Ich wurde da zum Beispiel einmal eingeladen in einen Verein, wo immer die verschiedensten Leute an Talent und Bildung vereinigt waren, die solche Sehnsucht hatten. Und ich ging hin, denn ich hatte damals mehr Zeit als jetzt. Unter diesen Leuten fand ich nun etwas Kurioses vor. Ich war damals Lehrer an der Arbeiterbildungsschule in Berlin und hatte da meine Zuhörer. Dort — an jenem Ort — war ich wirklich nur aufgefordert und ein Neuling, aber zu meiner Überraschung fand ich da eine kleine Anzahl von meinen Zuhörern der Arbeiterbildungsschule. Sie sehen, diese Sehnsucht, von der ich gesprochen habe, war überall vorhanden, und mit dieser Sehnsucht mußte man rechnen, denn sonst wäre man mit der anthroposophischen Bewegung überhaupt nicht weitergekommen. $o, wie man es heute machen kann, konnte man es damals gar nicht machen. Es war nun aber die | Schwierigkeit, den Leuten, die diese Sehnsucht hatten, die Dinge verständlich zu machen. Viele konnten nicht mit, sie wollten etwas anderes haben. Aber dennoch fanden sich immer einzelne Leute darunter, die mitmachten, und es wurde dann daraus diese Bewegung. Aber dadurch hat die Bewegung durchaus noch die Folgen ihrer Kinderkrankheit an sich: Unklares, mystisches Streben, allerlei von dieser Art, wie Sie hier auch noch bemerken konnten.

[ 4 ] Da wollen nun zum Beispiel die verschiedensten Menschen etwas hören von dem, was ihnen liegt. Nun macht einer die Bekanntschaft mit einem Anthroposophen. Er verlangt vielleicht eine Antwort auf eine medizinische Frage und gerät dabei an jemanden, der sagt: Da müssen Sie den und den Spruch aus Dr. Steiners «Seelenkalender» lesen. Zwar hat Steiner so die Angewohnheit, daß Sie bei ihm immer etwas anderes finden, als was Sie suchen, aber das, was Sie suchen, würden Sie dann auch schon finden; das geht dann schon aus dem Spruch in Sie über.

[ 5 ] Damit mußte man rechnen. Und wir sollten nicht vergessen, daß die anthroposophische Bewegung in ihrem Ausgangspunkt fast erwas Kantiges und Eckenhaftes hat, was höchst unsympathisch wirken kann. Aber mit alldem mußte gerechnet werden. Man kann nirgends mit dem Kopf durch die Wand gehen. Das steckt einmal darinnen, und darüber sollten Sie sich keinen Illusionen hingeben. Durchaus mußte man rechnen mit dieser Sehnsucht, die in der heutigen Jugend darinnensteckt. Aber das dürfen Sie auch nicht aus den Augen verlieren, gerade in dem Augenblick, wo Sie der anthroposophischen Bewegung nähertreten wollen, daß die anthroposophische Bewegung soweit ist, selbst mit allen alten Vorurteilen zu brechen. Es wird ja ohne die Vorurteile auch unbedingt gehen; es ist ja durchaus möglich, daß man mit allem Philiströsen brechen kann.

[ 6 ] Das ist das, was ich vorausschicken wollte, damit Sie von Ihrem Gesichtspunkte aus nicht kommen und sagen, die Anthroposophen sind so schreckliche Leute.

[ 7 ] Das andere ist, daß die Gemeinschaftsbildung, das gemeinsame Wandern, durchaus nicht ausgeschlossen ist, im Gegenteil gefördert werden soll. Die Gemeinschaftsbildung, wenn sie getragen ist von anthroposophischem Geist, kann alle möglichen Formen annehmen. Sie müssen nicht vergessen, daß, wenn Sie davon sprechen, daß heute diese Gemeinschaftsbildung etwas ganz Neues ist, Sie müssen nicht vergessen, daß wir Alten auch einmal jung waren, und daß sich damals solche Leute immer gefunden haben, die solche Gemeinschaften gebildet haben. Ich erinnere mich noch an einen Kreis, den wir in Berlin gebildet hatten, der vielleicht auch nichts anderes war, doktrinär gesprochen, als eine Clique. Aber gute Ziele haben ja auch die Cliquen gehabt, denn jeder Gemeinschaft liegt ja eine solche Clique selbstverständlich zugrunde. Die Gemeinschaftsbildung hat natürlich auch allerlei Anhängsel gehabt, die zusammenhingen mit dem Charakter der einzelnen Leute. Schon der Titel unserer Gemeinschaft in Berlin war dazu eigentlich ausersehen, die Philister zu ärgern. Ich sage dies in Anführungsstrichen: Diese Gemeinschaftsbildung hieß «Der Verbrechertisch». Unter anderen gehörte auch Otto Erich Hartleben dazu. Damit soll nicht gesagt sein, daß wir eingebrochen haben und so weiter. Ich sage Ihnen dies nur, damit Sie sich ein umfassendes Bild davon machen können, daß die heutige Jugendbewegung nicht die erste Gemeinschaftsbildung ist. Das haben Sie ja auch schon zum Ausdruck gebracht.

[ 8 ] Dann aber ist auch durchaus nichts dagegen einzuwenden, daß Mitglieder der Jugendbewegung Bürgen sein können für diejenigen aus der Jugendbewegung, die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft werden wollen. Das ist durchaus etwas, was absolut realisiert werden kann. Und das bringt mich dann auf die andere Frage.

[ 9 ] Da ist ja eben, vollständig mit Recht, die Frage der katholischen Jugendbewegung in die Debatte hineingeworfen worden. Bezüglich dieser Jugendbewegung müssen Sie außerordentlich vorsichtig sein und die Möglichkeit, doch beeinflußt zu werden nach der einen oder anderen Richtung, nicht aus dem Auge verlieren. In der katholischen Jugendbewegung sind eine ganze Anzahl von Leuten, die hoffnungsvolle und tüchtige Menschen sind. Aber auf der anderen Seite ist es der größte Fehler, den Sie machen können, wenn Sie auf die katholische Jugendbewegung als katholische Jugendbewegung irgendwie hereinfallen würden, Ihre Jugendbewegung geht hervor aus dem Bedürfnis der Jugend selbst. Das, was ich nur mit ein paar Worten bringen möchte, ist, daß die ganze Schwierigkeit auf folgendem beruht. Die ganze Jugendbewegung ist zusammengekommen aus dem Bedürfnis des einzelnen, und sie hat nur den Kitt, der in den Herzen des einzelnen ruht. Das ist bei der katholischen Jugendbewegung nicht der Fall. Nämlich alle Bewegungen, die wirklich der Zukunft entgegen wollen, haben heute nicht eine solche Möglichkeit wie die katholische Jugendbewegung, die etwas, was feststeht durch die Entwickelung der Menschheit, durch Tradition und so weiter, mit ungeheurer Zielsicherheit hütet. Die Jugendbewegung muß dezentralistisch sein. Die katholische Jugendbewegung ist durchaus zentralistisch. Und die größte Gefahr, die besteht, ist, selbst in die katholischen Grundlagen zu fallen. Sie dürfen sich dieses nicht so leicht vorstellen! Denken Sie, es tritt eine Bewegung auf, die da sagt: Wir wollen gut katholisch sein, wir wollen alles tun, um die Leute zu dem lebendig wirkenden Christentum zurückzuführen, wir wollen nichts von den Jesuiten wissen. — Für den, der das hört, könnte es leidlich scheinen. Aber nur der kann einen Gesichtspunkt gewinnen, der weiß, daß eine solche Bewegung gut aufgestellt sein kann mit allen Programmen gegen die Jesuiten, aber daß das alles gut gemacht sein kann von einem Jesuitenpater. Denn das liegt durchaus im Programm der Jesuiten, daß sie sich ihre Gegner selbst aufstellen. Sie werden es kaum für möglich halten, daß viele auf die Sache hereinfallen. Aber sehen Sie sich die Jungkatholische Bewegung an, die bildete sich vor vielen Jahren gegenden Jesuitismus, und schon nach fünfzehn Jahren segelte sie mit hinein. Das ist etwas, was nicht aus dem Programm herauszufallen braucht.

[ 10 ] Wenn Sie nicht darauf aufmerken, daß der Jesuit mit den Mächtigsten seiner Gegner rechnet und so, in gewisser Weise, großzügig ist, werden Sie niemals klar sehen können. Sehen würden Sie sonst, daß man gegen die katholische Jugendbewegung als solche nicht vorsichtig genug sein kann, auf daß man nicht in sie hineinschlüpft. Ich habe gute Bekannte gehabt, die damals auf demselben Boden gestanden haben wie ich. Wenn ich aber heute wieder mit jemandem von ihnen zusammenkomme, so kann ich bemerken, daß ein großer Teil in den Bann der katholischen Kirche gefallen ist. Der Bann der katholischen Kirche ist so groß, und die katholische Kirche hat eine ungeheure Anziehungskraft. Und wenn man dieses alles in Erwägung zieht, muß man immer auf eine Falle gewärtig sein. Deshalb meine ich, daß Sie nur weiterkommen, wenn Sie die absolute Selbständigkeit der katholischen Jugendbewegung gegenüber wahren. Sie müssen sich klar sein, daß überhaupt alle Kraft davon abhängt, daß Sie absolut unbeeinflußbare Menschen finden, von denen Sie sicher sind, sie haben nicht etwas im Hinterhalt. Sie werden bei den Jesuiten keine Abstempelung finden; daß sie Ihnen alles gerade heraushalten, das werden Sie dort nicht finden können. Ich sage Ihnen dieses nur, um eben die Sache zu charakterisieren, und um Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Sie Ihre Sache in schlechtes Fahrwasser bringen könnten, wenn Sie nachgiebig wären gegenüber der katholischen Jugendbewegung, die jetzt auch gegen den Jesuitismus schreit. Aber Sie müssen die Menschen einmal wieder nach fünfzehn Jahren anschauen, dann werden Sie sehen, nach welcher Seite hin sie gelandet sind.

[ 11 ] Und mit dem Aufsatz über anthroposophische Jugendbewegung würde man ein mehreres noch hinzuleisten. Das ist etwas sehr Wichtiges, was aus dem hervorgeht, von dem ich schon öfters zu Ihnen gesprochen habe, daß vieles, was aus der Jugendbewegung hervorgeht, tief in der Seele gelegen ist. Es kann das meiste nur verstanden werden, wenn man begreift, was die Jugendbewegung ist. Ich kann mir sehr gut vorstellen, daß ein solcher Aufsatz sehr günstig wirken kann, und es würde sicher gut sein, wenn dies von den jungen Leuten geschähe. Wenn dies zustande käme, dann müßte man da natürlich wiederum auf die besondere Gegnerschaft gefaßt sein, die ja schon einmal in günstigem und ungünstigem Sinne mit der Individualität verbunden sein kann. Mit dem muß man notwendigerweise rechnen, wenn es auch äußerlich wenig so ausschaut. Wenn auch viele sagen, die Anthroposophen tun nur, was ihnen befohlen wird, so ist es doch praktisch so, daß die Individualität nirgends so ausgeprägt ist wie in der Anthroposophischen Gesellschaft. Da tut jeder nur, was er wirklich will. Dies hat tatsächlich schon seine Nachteile.

[ 12 ] Es ist schon richtig, daß etwas einheitlich vorhanden sein muß da, wo man es mit einer Bewegung zu tun hat. Und wenn Sie nun Vertrauensleute wählen, so ist es schon notwendig, daß Sie darauf Rücksicht nehmen, daß die Vertrauensleute nicht Streitigkeiten anfangen, sondern daß sie wirklich Leute sind, die das Ganze über das Persönliche stellen. Das wird immer bei der Jugendbewegung nötig sein. Also ich meine, daß Sie sich da Ihre Leute anschauen müssen, denn man muß doch seine Leute kennen, wenn man Vertrauen zu ihnen haben will. Das ist das wenige, was ich zu Ihren Fragen sagen wollte.

[ 13 ] Frage: Wie soll Gemeinschaft gepflegt werden?

[ 14 ] Rudolf Steiner: Sehen Sie, wenn Sie den Geist der Anthroposophie erfaßt haben, so werden Sie so denken, daß die Art, wie die einzelne Gemeinschaftsbildung gepflegt werden soll, durchaus in zweiter Linie in Betracht kommt. Es kann sicher gut sein, daß die einzelnen Gemeinschaften, die schon da sind, durchaus aus ihrem eigenen Wesen heraus weitergepflegt werden und auch das tun, was sie immer getan haben. Es kommt nicht darauf an, daß man sich nun programmäßig vornimmt, dies und das soll geschehen. Anthroposophie kann nur so wirken, daß man sie in jede Form hineinstecken kann. Am besten ist es, wenn Sie äußerlich nicht darangehen, die bisherigen Vorkehrungen abzuändern, sondern Sie sollten daran denken, die Anthroposophie als solche hineinzutragen. Anthroposophie ist eine geheime Macht, die nach und nach in alles hineinkommen könnte.

[ 15 ] Ein Teilnehmer: Es wird einem immer von Anthroposophen entgegengehalten, daß man durch die Wanderungen in Schwärmerei verfiele.

[ 16 ] Rudolf Steiner: Nun, nicht wahr, die Wanderungen als solche gehören nicht zu den Gebieten, die das Schwärmen befördern. Wanderungen sind schwärmerisch, wenn die Mitglieder schwärmerisch sind.

[ 17 ] Ein Teilnehmer: Es wird einem immer vorgeworfen, gerade von anthroposophischer Seite, die Jugendbewegung könnte nichts als wandern und Feste feiern.

[ 18 ] Rudolf Steiner: Das hängt zusammen mit dem, was ich vorausgesetzt habe, was bei der anthroposophischen Bewegung auch seine Geltung hat. Sie ist ja auch unter Menschen entstanden, und die Menschen, die sich in ihr von Anfang an bewährten, sind natürlich mehr von der Art, daß sie nicht so auf Wanderungen eingestellt sind, sondern hereingestellt sind in gänzlich andere Arbeitsverhältnisse. Daher können Sie von ihnen nicht verlangen, daß sie viel übrig haben für die Wandervögel. Ich meine, das ist ja natürlich, daß man verstehen muß, daß einem da allerlei entgegengehalten wird. Nun kann man die Wanderungen ruhig beibehalten. Das alles ist durchaus etwas, woran Sie sich nicht zu kehren brauchen. Die anthroposophische Bewegung hätte gerade so gut unter Wandervögeln entstehen können. Bei allen diesen Dingen muß man so sprechen, daß man wirklich die ganze Breite, das ganze Umfassende der Anthroposophie ins Auge fassen muß und sich nicht beschränken will auf irgendwelche Kleinigkeiten. Man kann nicht verlangen von der anthroposophischen Bewegung, daß sie jedem wilden Fanatismus entgegenkommt. Ich kann mir vorstellen, daß man sagen könnte, man braucht überhaupt nicht zu denken, sondern nur zu wandern. Damit ist nicht gesagt, daß alle Gemeinschaftsbildungen diese derartig wilde Form annehmen müssen, aber es ist das bei vielen der Fall. Die anthroposophische Bewegung ist zur Geltung gebracht worden von Menschen, die natürlich ganz andere Gefühle hatten, als die sind, die die heutige Jugend hat; sie ist nicht in der Jugend entstanden. Es wird angebracht sein, wenn sie von der Jugend gepflegt werden kann. Aber entstanden ist sie etwas greisenhaft; sie hatte von Anfang an nichts Jugendliches. Ich mußte immer mit diesem Greisenhaften rechnen. Das, was sich mir einmal in den ersten Vorträgen entgegenstellte, ist charakteristisch für die Greisenhaftigkeit. Ich habe da geredet, wie ich es gewohnt bin zu reden, und da ist mir so ein greisenhafter Mensch entgegengetreten und hat gesagt: Wenn Sie so laut reden, dann vertreiben Sie ja die geistige Wesenheit. So laut darf man nicht reden, man sagt doch auch Geheimwissenschaft. — Dieser ist übrigens später bis zu seinem Tode einer der treuesten Anhänger der Anthroposophie gewesen. Am besten ist es, wenn man sich gar nicht an diesem Greisenhaften stößt. Man braucht sich nicht daran zu stoßen, sondern sich nur an die Sache zu halten.

[ 19 ] Frage: Was halten Herr Doktor von Sonnenwendfeiern? Könnten Sie dazu vielleicht etwas sagen?

[ 20 ] Rudolf Steiner: Sehen Sie, ich habe schon zu Ostern gesagt, da müssen Sie sich an das halten, was für den, der in der Anthroposophie darinnensteht, eine Tatsache ist, die man aber überall erfahren kann. Ich habe da gesagt, wie etwas in der Menschheitsentwickelung am Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts auftritt, was den Untergrund der heutigen Jugendbewegung besonders bildet, was als Sehnsucht und so weiter auftritt, als etwas, was eigentlich aus den tieferen Untergründen der Seele herauftaucht, und was wir in der Wirkung sehen.

[ 21 ] Die Menschen früherer Zeiten schauten Dinge, die bestanden haben, als ganz reale Mächte an, und diese Mächte waren so geartet, daß sie im Menschen wirkten bis in das Jahr hinein: Wirkungen, die gesetzt wurden auf die Sommersonnenwende. Sie werden das, was ich gesagt habe, im vollen Umfange verstehen, wenn Sie sich in die alten Zeiten versetzen. Da ist der Mensch mit den Naturgesetzen ganz anders verbunden. Wenn er so mit dem Ganzen der Natur verbunden ist, so sind die Gedanken, die da zur Sonnenwende gefaßt werden, die fruchtbarsten für die Aufnahme der Gesetze. Man muß zu etwas radikalen Ausdrücken greifen, wenn man sich über das, was damals gelebt hat in den Menschen, seine eigenen Gedanken machen will. Die Menschen haben sich gesagt, so wie der Stier herausgeführt wird zur Befruchtung zu bestimmten Jahreszeiten, so muß die menschliche Seele sich herausstellen, damit sie befruchtet werde zu bestimmten Jahreszeiten. Nun besteht ja die Tatsache, daß die Erde im Sommer schläft, das heißt die Erde ist in einem Zustande wie der Mensch, wenn er schläft. Die Erde schläft im Sommer und wacht im Winter. Und so wie im Schlaf der Ätherleib am regsamsten ist, so auch die Erde in diesem Zustande. Da fühlten sich die Menschen früher am meisten mit ihr verbunden. Sie wissen, wie sie um die Sommersonnenwende ihre größten Feste abhielten. Dagegen im Süden, in Afrika und so weiter, da war es so, daß die Leute als das größte Fest betrachteten die Wintersonnenwende. Da wollte man mit dem in Berührung kommen, was von dem wachenden AÄtherleib der Erde ausging; dies beruht auf einem polaren Gegensatz im Geist des Menschen. Und letzten Endes kann man alle Zeitengewohnheiten darauf zurückführen.

[ 22 ] Alles dieses tauchte als ein Gefühl zunächst wieder auf im Menschen in der damaligen Zeit. Für ihn hängt das alles damit zusammen, daß darin eine gewisse Gesetzmäßigkeit enthalten ist. Es ist durchaus richtig, daß die Dinge wieder heraufkommen. Ich habe Schmerzen ausgestanden, als ein Professor auf die Idee kam, daß das Osterfest nicht mehr nach dem Himmel vor sich gehen soll, sich nicht mehr nach dem Himmel richten soll, sondern immer auf den 1. April verlegt werden soll. Ihm kam diese Idee so gescheit vor, daß man nicht mehr ein bewegliches Fest haben sollte, sondern daß man es immer auf den 1. April feiern sollte. Dadurch wird der Mensch mit seinem Empfinden aber ganz herausgerissen aus dem ganzen Geschehen im Weltall. Dieses menschliche Empfinden müßte ja verkommen, wenn es heraustritt aus dem Geschehen im Weltall, während dieses Zusammenleben im Weltall etwas in sich hat, was ja auch den Menschen lebendig und jung erhält. Wenn das Gefühl vorhanden ist, den Geist der Sonnenwende zu erleben, so daß man weiß, man machte das damals aus den höchsten Gefühlen heraus, dann würde es gut sein, wenn man das fördert. Aber darinnenstehen im konkreten Leben soll man, so daß man weiß, daß etwas anderes ist in der Sommersonnenwende als in der Wintersonnenwende. Dieses Denken sollte bei solchen Gelegenheiten gepflegt werden.

[ 23 ] Frage nach der Lebensgestaltung.

[ 24 ] Rudolf Steiner: Nicht wahr, das läßt sich nur machen, wenn die anthroposophische Bewegung als solche Glück hat mit dem, was in das gesamte soziale Leben eingreifen soll. Natürlich, solange die anthroposophische Bewegung noch irgend etwas Sektiererisches in sich hat, so lange wird immer so etwas herauskommen, daß man sie auch eine Sekte nennt. |

[ 25 ] Die Anthroposophie hat heute Heilmethoden gefunden. Die Leute werden kommen und geheilt sein wollen; aber die Menschen stellen sich dann hin im Namen einer Partei und wettern gegen das Gesetz, das erwas wie die anthroposophische Bewegung überhaupt zuläßt. Ich führe einen konkreten Fall an! Die Leute möchten Anthroposophie unter der Hand pflegen, aber vor dem öffentlichen Auftreten schrecken sie zurück. Anthroposophie kann aber nur und muß tatsächlich im Großen wirken; sie kann sich nur dann durchsetzen. Aber die Leute müssen auch den Mut haben, den anthroposophischen Geist in die weite Öffentlichkeit zu bringen. Danach strebte ich immer, von Anfang an, zu verwirklichen, daß wir ein therapeutisches Institut, ein Forschungsinstitut und so weiter gründeten. Es muß so gearbeitet werden, daß man wirklich auf anthroposophischem Boden steht. Das wird natürlich, wenn es fortgeht wie Jetzt, nicht möglich sein. Natürlich hängt immer die Wirkung der Sache von dem Willen derjenigen ab, wie stark diejenigen in der Öffentlichkeit wirken, die sich auf anthroposophischen Boden stellen. Und natürlich kann man sagen, wenn man immer abstrakt davon spricht, das ist für die nächsten Jahre nicht möglich.

[ 26 ] Als ich aufgetreten bin mit meinem Dreigliederungsgedanken, da sind Leute gekommen, die haben gesagt: Das kann noch hundert Jahre dauern, ehe das eintritt, da ist der Zeitraum schlecht gewählt. — Ich kann nur sagen, wenn man dies bei allem Handeln dächte, dann würde gar nichts mehr geschehen. Das ist nicht die richtige Einstellung, sondern für mich ist die Fragestellung so: Was soll man tun? — Da muß ich sagen, daß die anthroposophische Bewegung nicht so weit wäre, wie sie jetzt ist, wenn ich damals die Frage mir nicht immer wieder vorgelegt hätte. Wenn man sich auf anthroposophischen Boden stellt, so handelt es sich darum, auch den Willen zu entwickeln. Je mehr Leute wir haben, die sich rückhaltlos auf diesen Boden stellen, desto besser ist es. Wir haben jetzt nicht die Aufgabe, darüber nachzudenken, wie lange es dauern wird, bis die Leute reif sind für unsere Ideen, sondern die Aufgabe, daran zu arbeiten, daß die Leute reif werden. Darum muß man schon alles Mögliche tun, als wenn schon die Reife da wäre. Man muß damit rechnen, als wenn die Reife schon eine Realität wäre. Die Leute denken immer: Kann man das auch tun? — Dies ist eine gewisse Furcht. Man fürchtet sich, das zu tun, wie dann, wenn man sich besinnt, ob man mit dem Denken an das «Ding an sich» herankommit. — Ich kann mir das so vorstellen: Da steht ein Teller Suppe, und daneben liegt ein Löffel. Der Löffel ist das Denken, der Teller Suppe das Ding an sich. Wenn Sie nun darüber nachdenken, ob der Löffel, der Ihnen gebracht wurde, nun in einem realen Verhältnis zu der Suppe steht, oder wenn Sie sich fragen, was wird geschehen, wenn ich jetzt den Löffel in die Hand nehme und esse? Dann werden Sie nicht satt werden, sondern Sie müssen eben zugreifen!

[ 27 ] Frage nach der Volkshochschul-Bewegung.

[ 28 ] Rudolf Steiner: Ich habe mich davon überzeugen können, daß von der Volkshochschule ein Aufstieg nicht zu erwarten ist. Die Lehrer nehmen alles restlos hin, was sich aus der älteren Kultur entwickelt hat, und man verzapft es dann in der Volkshochschule. Wird es nun besser, wenn man mit dem Inhalt der gegenwärtigen Kultur Volkshochschulen begründet? Natürlich kann man nur so sagen und meinen, man müßte es so ähnlich machen, wie ich es gehalten habe, wenn ich gerufen worden bin. So viel man irgend an Lebendigem hineintragen kann, soll man es tun. Aber verschwendete Kräfte sind es. Nicht wahr, ganz zurückziehen kann man sich nicht. Aber man muß sich klar sein, daß man nicht in eine Aufstiegsbewegung hinein arbeitet, sondern in eine Niedergangsbewegung.

[ 29 ] Das habe ich nicht nur dagegen gesagt, weil die Dozenten an sich gerade einen Inhalt für ihre Vorlesungen wählen, der nicht zukunftsfähig ist. Es kam mir darauf an zu zeigen, daß wir die Methode, nach der da gelehrt wird, gerade überwinden müssen. Auf den Geist, der dahinter stehen muß, kommt es doch mehr an, als man denkt. Man kann da sagen, die Volkshochschul-Bestrebungen haben doch auch hohe Grundsätze. Aber Grundsätze haben keine Wirkung. Man glaubt, wenn sich da zehn oder zwölf Leute zusammentun und ein ideales Schulprogramm austüfteln, so wird schon etwas Gutes dabei herauskommen. Gescheit sind diese Leute alle, furchtbar gescheit. Es werden die schönsten Programme gemacht, wie die Volkshochschule werden kann. Aber sehen Sie, darauf kommt es nicht an. Wenn jemand etwas gründet, so kommt es nicht auf ein Programm an, sondern darauf kommt es an, mit den Menschen das Möglichste zu leisten. Nicht wahr, die Leute kommen überall mit idealen Programmen. Aber in einer Schule muß man zuerst mit den Menschen rechnen, die darinnen sind, bei denen man sich nicht an das Programm halten kann. Wir müssen doch sehen, daß wir aus dieser Art der Denkensweise herauskommen und uns auf den Boden des wirklichen Lebens stellen.

[ 30 ] Nun kann man sagen: Ja schön, ich will eben irgendwo arbeiten. Ich habe ein Missionsgebiet, und das will ich herantragen an Menschen, mit denen ich eine Kulturstufe erreichen kann von, sagen wir, A. Nun kann aber jeder einsehen, daß A nicht das Höchste ist, was man erreichen kann, sondern man muß A und B erreichen. Aber nun hat man nicht die Menschen, mit denen man das erreichen kann. Dann ist es aber besser, so sagt man, man erreiche nur A. Wenn man so konstruiert, erreicht man nicht nur nicht A, sondern A minus B.

[ 31 ] Das Empfinden für das Reale im Leben muß man sich aus der Geisteswissenschaft heraus nehmen. Nicht in programmatischen Begriffen muß man leben. Man muß sich wohl in den Begriffen ausdrücken, aber auf die Begriffe kommt es nicht an. Darauf kommt es an, daß das, was Leben ist, wirklich überall hineingetragen wird, nicht daß das Tote hineingebracht wird in die Volkshochschule.

[ 32 ] Frage nach Muck-Lamberty.

[ 33 ] Rudolf Steiner: Diese Dinge wiederholen sich an allen Orten. Ich erinnere nur an den Häußer, der hier sein Wesen treibt. Dieser Mann ist hier herumgezogen zum Entsetzen der verschiedenen Leute, im SiegleHaus erschienen und hat auch vor den Leuten allerlei Heftiges vorgetragen. Aber ich möchte davor warnen, vor allen Dingen vor denen, die nicht wirken auf gesunde Weise durch ihren Verstand, sondern die wirken auf suggestive Weise. Diese Leute haben eine starke Kraft, die aber nicht das sein kann, was von einem gesunden Menschen kommt, sondern von einem Verrückten. Und das muß man nicht übersehen. Die Dinge müssen gesund sein, wenn sie breitere Gebiete umfassen wollen. Und wenn die Jugendbewegung der Menschheit dienen will, so muß sie gesund bleiben. Da kommen wir zu Dingen, die da Kraft entwikkeln. Aber diese hier ist eine Kraft der Tollen, die die Tiere auch haben. Auf die Kraft kommt es nicht an, sondern viel mehr auf das, was sich durch ihre Kraft ausspricht. Die Sache ist so, daß wir wirklich nur aus anthroposophischem Geist in eine Sache eindringen können, wenn wir alles Suggestive ausschalten. Man darf sich nicht von dieser Kraft übermannen lassen. Denn ich muß sagen, ich habe erlebt, daß ganz beschränkte Leute aus dieser Kraft kolossale Sachen ausgeführt haben. Vor der Seelentrunkenheit muß man sich in acht nehmen, insbesondere in einer Jugendbewegung. Man soll sich schon diesen Dingen gegenüber so verhalten.

[ 34 ] Sehen Sie, ich glaube, da gibt es etwas, das, so einfach es scheinen mag, Ihnen sehr viel Schutz geben kann, und darauf möchte ich Sie hinweisen. In allen Bewegungen, auch in der anthroposophischen Bewegung, gibt es Menschen, die furchtbar mystisch veranlagt sind. Da sagte mir einmal eine alte Freundin, eine Römerin: Ach, die Anthroposophen sind alle so «erhaben», die haben alle ein Gesicht «bis ans Bauch». — Und von dieser Sorte gibt es überall Leute. Das ist das eine Extrem. Das andere ist die grenzenlose Oberflächlichkeit, mit der viele Leute über alles hinweggehen. Aber nicht wahr, um nicht ungerecht zu werden, handelt es sich darum, daß man sich nicht zu stark in die Macht anderer begibt, sondern daß man seinen Menschen beisammen hält. Und dazu gibt es nur ein Mittel, das aber für jeden notwendig ist, und das ist der Humor. Alle Gesichter bis ans Bauch und alle Oberflächlichkeit sind schädlich. Das, was man braucht, um zu einer richtigen Stellungnahme zu kommen, das ist der Humor. Solchen Erscheinungen gegenüber bekommt man das richtige Urteil, wenn man auch über sie lachen kann. Damit will man nicht ironisieren, sondern das, was sie haben, auf sich wirken lassen. Humor ist das, was man überall zur Beurteilung braucht. Die Jugendbewegung soll nicht so werden wie mit dem Gesicht bis ans Bauch, sondern sie soll wirklich gesunden Humor pflegen. Ich kenne merkwürdig viele Pessimisten in der Jugendbewegung, die durch ihren Pessimismus allem ausgesetzt sind. Die Gegenwart ist so gescheit, daß sie gar nicht merkt, wie die ganze Kultur verrückt wird. Wenn Sie bei richtigen «Mystikern» nachfragen, so schildern diese den Einfluß der Außenwelt auf den Menschen gefährlich, wie der Mensch von jedem Luftzug in Abhängigkeit steht. Wenn das wirklich so wäre, so wären alle Menschen die furchtbarsten Hysteriker. Wenn die Menschen wirklich so abhängig wären, so würden nur hysterische Menschen leben. Sie wären machtlos in die Hand gegeben jedem Luftzug. Aber der Mensch ist, Gott sei Dank, nicht so. Da haben Sie diese Menschen. Das ist es also wirklich, worauf es ankommt, daß man sich so erzieht, daß man auch höher empfinden kann, daß man jeden Hauch so empfinden kann, und daß er einen doch nicht umwirft.

[ 35 ] Frage nach Fidus und Gertrud Prellwitz.

[ 36 ] Rudolf Steiner: Die Leute machen Bücher und treten vor die Welt und stehen ohne wirkliche Erfahrung da. Fidus und Gertrud Prellwitz sind die Urphänomene dafür. Solche Leute wissen absolut alles. Sie wissen zum Beispiel auch, wie man ist, wenn man wahrer Anthroposoph ist. Sie sind eben der Typus des gegenwärtigen intellektuellen Menschen. Gertrud Prellwitz unterscheidet sich nicht von den übrigen, deswegen muß man die Sache mit Humor nehmen.

[ 37 ] Ebenso das andere, daß man erlebt hat, daß Menschen alle Augenblicke kommen und sagen: Ach, etwas Schreckliches ist vorgegangen! Ganz unnatürliche Sexualität entwickelt mein Kind. — Fragt man darauf nach dem Alter des Kindes, so erfährt man, daß es erst fünf Jahre alt ist. Glauben Sie doch, daß die Sexualität erst mit dem Reifwerden herauskommt, und daß es tatsächlich keinen Unterschied macht, ob ein Kind die Nase kitzelt, oder ob es sich anderswo kratzt. Interpretieren Sie doch nicht überall die Erotik hinein, damit man nicht die furchtbaren Theorien ausgießt. Wenn man ein fünfjähriges Kind auf Erotik ansieht, so ist das Blech. Bei dieser Frage kommt es vielmehr auf gesundes Denken an, als viele Theorien zu bringen. Denn das meiste, was jetzt überhaupt darüber entwickelt wird, ist einfach Blech. Wirklich, die Leute brauchen bloß zu bedenken, wie schrecklich kurzsinnig diese Sachen sind. Es hat Kulturen gegeben, wo man das Essen mit Schamgefühlen begleitet hat. Daraus könnten nun ähnliche Theorien über das Essen entstehen. Sie werden erfahren: Wenn Sie sich wirklich mit den umfassenden Fragen des Lebens befassen, dann werden Sie keine Zeit übrig haben für solches Theoretisieren. |

[ 38 ] Ein Teilnehmer: Diese Sachen sollten ernster erfaßt werden.

[ 39 ] Rudolf Steiner: Sie stellten die Frage so wie eine Frage, von der man sagen muß: Sie ist so gestellt, als wollte man ein Haus bauen und hat noch nicht den Boden dazu.

[ 40 ] Ein Teilnehmer: Muck-Lamberty bringt den Boden in sein Handwerk mit Kunst und so weiter. Und dann wollen sie — die «Neue Schar» — das Leben von Grund aus umgestalten.

[ 41 ] Rudolf Steiner: Aber auf die Realität kommt es an. Man kann nicht in der Welt nach rückwärts wachsen, sondern nur nach vorwärts. Vom Nachdenken über Erotik läßt sich nicht vorwärtskommen. Wenn man gesunde Grundlagen entwickelt, so wird das erotische Leben von selbst gesund. Das erotische Leben ist gerade so, daß man es richtig hineinstellen muß in das Leben. Wie es erscheint am Menschen und in einem gewissen Jahresalter, so entwickelt es sich auch in einem gewissen Kulturzusammenhang. Man kann es nur herausspringen lassen. Wenn die anderen Dinge sich gesund entwickeln, entwickelt sich auch eine gesunde Erotik. Durch das Programmäßige auf diesem Gebiete schadet man am allermeisten. Auch im sozialen Leben wird es sich so entwikkeln, wie es sich entwickeln muß unter gesunden Voraussetzungen. Überall sind gesunde Voraussetzungen nötig. Unzählige Menschen sind zu mir gekommen und haben mich gefragt über vorgeburtliche Erziehung. Diese "Theorien, die darüber aufgestellt worden sind, sind etwas, was fürchterlich ist. Denn es ist ein ganz treibhausartiges Denken, was da zutage tritt. Notwendig ist, daß die Mutter gesund ist und ordentlich lebt. Der kindliche Organismus ist von der Mutter abhängig. Wenn die Mutter sich gesund hält, wird das Kind von selbst ordentlich geboren. Es gibt gewisse Fragen, die zu stellen es keinen Sinn hat. Nur weil wir heute unter einem Überfluß an geistiger Produktion leben, werden diese Fragen unzeitig gestellt. Die Leute müssen Themen haben. Die Erfahrung wollen sie nicht abwarten. Sie schreiben, und dadurch können dann Bewegungen entstehen, die zu nichts führen.

[ 42 ] Ein Teilnehmer: Die Bewegung ist nicht durch Denken entstanden, sondern ganz unbewußt. Man lebt in kleinen Kreisen zusammen und sucht eine gewisse Natürlichkeit.

[ 43 ] Rudolf Steiner: Was heißt das: eine gewisse Natürlichkeit? — Nehmen Sie an, Sie haben da einen Kreis und da und da; hier einen Kreis Bauernburschen, hier dekadente Adelige, hier gesunde Menschen. Jeder Kreis lebt sich in einer ganz verschiedenen Weise aus. Da können Sie nicht sagen: Irgendeine Theorie ist etwas nutze! — Es handelt sich wirklich darum, daß gewisse Dinge sich nur entwickeln können, wenn eine Grundlage da ist. Ich will nicht die Sachen ironisieren. Man kann nicht darüber nachdenken, wie ein neugeborenes Kind seine Sexualität pflegt. Da muß man eben den Mut haben, im rechten Moment das Mögliche, das Richtige zu finden. Deshalb muß man gerade versuchen, auf diesem Gebiete erst recht den Humor zu entwickeln, wirklich die Mittelstraße zu gehen zwischen Philisterium und Lotterkeit, die schon von Aristoteles gewiesen worden ist.

[ 44 ] Ein Teilnehmer: Es muß streng geschieden werden, weil Muck-Lamberty und Gertrud Prellwitz etwas ganz Verschiedenes sind. Was die Menschheit darüber erfahren hat, hat sie von Älteren erfahren. Stammler und Fidus haben falsche Dinge über Muck verbreitet. Muck hat junge Menschen gesucht, mit denen er zeigen will, daß etwas besteht, was zwischen Mensch und Mensch gleichberechtigt ist. Da haben sie als eine der äußeren Formen den Tanz, den Volkstanz gebracht. Die Menschen strömten zu, aber ebenso schnell auch weg. Die suggestive Wirkung war schnell verflogen. Die zurückgeblieben sind, stellen eine wirkliche geistige Macht dar. Die Handwerkergemeinde ist eine der gesündesten Bewegungen. Die Menschen in Naumburg versuchen, brüderlich alle Wirtschaft aufzubauen, und wollen unabhängig sein von dem, was sie verneinen. Dabei hat sich ein erotisches Leben entwickelt, das gesund war, bis Gertrud Preilwitz Theorien hineintrug. Die Krise ist jetzt aber überstanden. Die Menschen dort sind jetzt über Gertrud Prellwitz hinaus. Ihre geistige Bewegung mündet jetzt in die Anthroposophie ein.

[ 45 ] Rudolf Steiner: Die Dinge sind so, daß man alles von seiner guten Seite aus behandeln kann, und das braucht nicht bezweifelt zu werden. Aber es ist doch wichtig, daß man hier auch die nötige Perspektive hat. Es ist zum Beispiel unstreitig, daß ein Teil derjenigen Leute, die die anthroposophische Bewegung getragen haben, aus spiritistischen Kreisen gekommen sind, und es ist doch später etwas Tüchtiges daraus geworden. Deshalb kann man aber nicht den Spiritismus verteidigen. Bei den Dingen in Naumburg muß man beachten, wie es kommt, daß gerade in Naumburg die Sache so geworden ist, wie sie ist. In Naumburg waren immer solche Bewegungen, die jederzeit zurückgehen. Es kann eine starke Einseitigkeit in so etwas hineingetragen werden. Der Naumburger Fall ist ebensowenig beweisend wie der Umstand, daß die Leute in eine Studentenbewegung einmündeten. Trotzdem ich nicht den Spiritismus verteidigen werde, sind doch tüchtige Menschen daraus hervorgegangen. Es kann natürlich aus allem Möglichen etwas hervorgehen. Aus solchen Faktoren kann man also nicht das Material für eine Ansicht nehmen. Muck-Lamberty wollte die Menschheit beglücken; er trat für Reinheit und Handwerk ein und so weiter. Wanderlehrer, die er aufstellte, hatten einen Kreis von Jungen um sich, mit denen sie lebten. Er trat für Reinheit ein und hatte zwei uneheliche [aber gewollte] Kinder.

[ 46 ] [Es folgt ein Durcheinanderreden, das nicht mitgeschrieben werden konnte. ]

[ 47 ] Rudolf Steiner: Es ist also sicherlich notwendig, daß wir die Anthroposophie als solche treiben, und daß wir dann nicht erwarten können, daß so etwas zu befürchten ist. Die Anfänge, von denen heute gesprochen wurde, werden doch die Anfänge sein müssen.

[ 48 ] Frage: Eine pädagogische Frage. Wie stellt sich die Anthroposophie und die Waldorfschule zu den vorhandenen freien Schulgemeinden und Landerziehungsheimen, wo die Lehrer als Freund und Mensch auftreten? Von Anthroposophen habe ich die Antwort bekommen: Diese Schulen müßten zu vermeiden sein, weil sie ein gewesenes Bildungsideal verwirklichen wollen, weil sie gräzisierend seien.

[ 49 ] Rudolf Steiner: Die Sache ist diese. Die Waldorfschule beruht auf einer Pädagogik, die ganz aus der anthroposophisch zu gewinnenden Menschenerkenntnis hervorgeht, indem sie hierauf den Hauptwert legt, daß der Mensch nur so behandelt wird, wie er es im tiefsten Inneren will. Darauf beruht die Waldorfschule, ohne daß man Programme macht. Es wird auf Menschenerkenntnis gebaut und nicht das Kind gefragt, aber in gewissem Sinne doch gefragt, was es will. Die Hauptsache ist damit verbunden, daß die Waldorfschule wirklich eine demokratische Einheitsschule ist. Sie setzt Proletarierkinder neben Kinder aus den höchsten Ständen. Sie erfüllt im höchsten Maße etwas, was man demokratische Einheitsschule nennen kann. Im übrigen stellt man sich auf den Standpunkt, daß man sagt: Wir leben in einer Welt, die nur dadurch, daß sie große, umfassende Kulturimpulse in sich aufnimmt, zu einer Gesundung kommen kann, die man aber nicht durch Gegenmittel, die Ausnahmen bleiben, erwerben kann. Also es handelt sich darum, daß man dasjenige, was besteht, akzeptiert. Ich stelle mich pädagogisch ein, wie sich das aus den betreffenden Verhältnissen, zum Beispiel einer Stadt, ergibt. Habe ich die Möglichkeit, in einer Stadt eine anthroposophische Schule zu gründen, so gründe ich sie aus den Gegebenheiten der Stadt.

[ 50 ] Was die pädagogische Methode anbelangt, so ist es selbstverständlich, daß man nichts sagen kann gegen ein Landerziehungsinstitut, das diese Pädagogik einführt. Dagegen glaube ich, daß das keine soziale Tat darstellt, weil man die jungen Menschen hinwegführt von dem Leben, in das sie hineingestellt sind; man erzieht sie abseits. Das beachtet man nicht. Ich kenne eine ärztliche Persönlichkeit, die ausgezeichnet ist, die aber zu mir kam und sagte: Dieser Mensch hat kein normales Herz, da muß man etwas tun. Ich sagte: Wenn Sie dem Manne das Herz gesund machen, so kann er nicht mehr leben, weil sein ganzer Organismus darauf eingestellt ist. Denn man muß immer einen Blick haben für das Ganze. Das Hinaustragen aufs Land gibt jungen Leuten wohl guten Gemeinschaftssinn, den man in der Abgeschlossenheit erziehen kann, aber bewähren würden sich diese Anstalten erst, wenn sich diese Menschen später im gesamten sozialen Organismus bewähren würden. Da habe ich gewisse Bedenken. Es kommt darauf an, den ganzen Organismus gesund zu machen. Es kann sich nicht darum handeln, auf anthroposophischem Boden so zu diskutieren, wie man überhaupt diskutiert; um das kann es sich bei uns nicht handeln. Ich habe einen ausgezeichneten Lehrer aus einem Landerziehungsheim nach Stuttgart berufen. Ihm gefällt es hier besser; er muß doch hier etwas finden, was über das hinausgeht; der Mann muß doch beides vergleichen können. Daraus sehen Sie gleichzeitig, daß man nicht einseitig ist, denn sonst hätte ich den Lehrer nicht berufen. Es handelt sich darum, das Gute überall zu finden. Man darf nicht glauben, daß man überall das Programm durchdrücken muß.

[ 51 ] Ein Teilnehmer: In diesen Schulen, wo junge Leute zusammen leben, müßte ein Leben entstehen, das nicht weltfern ist.

[ 52 ] Rudolf Steiner: Aber ein Individuum! Die einzelnen müssen später doch wieder als Individualitäten wirken. Das ist etwas, wenn Sie dem nachgehen würden, so müßten Sie feststellen, daß sich in den Landerziehungsheimen leicht eigensüchtige Naturen entwickeln, die meinen, es müßte überall so sein wie dort. Es werden furchtbare Kritiker, schreckliche Kritikaster, denen nichts in der Welt recht ist. Es ist darin etwas, wie sozialer Sonderlingsgeist. Da muß man schon sehen, daß man nicht das Unmögliche will.

[ 53 ] Was hätte ich tun sollen? Wäre ich von einer Abstraktion ausgegangen, hätte ich die Waldorfschule niemals begründet. Erziehungsheime im Sinne von Wyneken und Lietz, wo man alles herstellen kann, lassen sich im Grunde leicht verwirklichen. Ein Landerziehungsheim ist im Grunde nur zu machen auf Grundlage dessen, was man aus der Gesellschaft herauszieht. Außerdem werden nicht viele Proletarierkinder in Landerziehungsheimen sein.

[ 54 ] Ein Teilnehmer: Ich war selbst Lehrer an einer freien Schule, die jetzt zusammenfiel. Wir hatten aber mehr Freiplätze als andere. Die Reichen zahlten einen Überschuß an Schulgeld, wovon dann an arme Kinder Freistellen abgegeben werden konnten.

[ 55 ] Rudolf Steiner: Das ist aber das Unsoziale an der Sache, auch bei der Waldorfschule. Sie muß auch noch kapitalisiert werden. Dies geht nur zu verbessern, wenn wir die Dreigliederung durchführten.

[ 56 ] Ein Teilnehmer: In Internaten wird ein Familienleben geführt, während die Form der heutigen Familie nicht immer die günstigste ist.

[ 57 ] Rudolf Steiner: Es handelt sich um wirklichkeitsgemäße Urteile. So ist Internatsleben zum Beispiel in englischen Kreisen immer dagewesen. Man kennt dort das Internatsleben mit seinen Licht- und Schattenseiten.

Rudolf Steiner schließt die Aussprache.