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Die Erkenntnis—Aufgabe der Jugend
Aufsätze und Berichte aus den Jahren 1920 bis 1924 in Ergänzung zum «Pädagogischen Jugendkurs» von 1922
GA 217a

24 Februar 1924, Nachrichtenblatt

9. Ankundigung einer Jugendsektion

[ 1 ] Zu den schon genannten Sektionen, nach deren Errichtung der Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft am Goetheanum strebt, sollte noch eine weitere hinzukommen. Sie wird möglich sein, wenn das Wollen dieses Vorstandes auf entsprechender Seite Entgegenkommen findet. Die Jugend stand in jedem Zeitalter in einem gewissen Gegensatz zum Alter. Mit dieser Zigeunerwahrheit tröstet sich gar mancher über die Lebenserscheinungen innerhalb der heutigen Jugend hinweg.

[ 2 ] Aber dieser Trost könnte leicht zum Unheil werden.

[ 3 ] Man sollte die gegenwärtige Jugend aus dem «Geiste der Gegenwart» heraus sowohl in ihren bedenklichen Verirrungen wie in ihrem nur allzu berechtigten Streben nach anderem, als was die Alten ihnen geben, verstehen.

[ 4 ] Da ist zunächst die Jugend, die durch die Lebenszusammenhänge in die akademische Laufbahn hinein gedrängt wird. Ihr wird «Wissenschaft» entgegengebracht. Gediegene, sichere, für das äußere Leben fruchtbare Wissenschaft. Unsinn wäre es, nach der Art vieler Laien, über diese Wissenschaft zu zetern. Aber die Jugend erfriert doch seelisch an dieser Wissenschaft, ehe sie dazu kommt, ihre Gediegenheit, ihre Sicherheit, ihre Fruchtbarkeit für das äußere Leben einzusehen.

[ 5 ] Die Wissenschaft verdankt ihre Größe einer starken Opposition, die sie von der Mitte des 19. Jahrhunderts an getrieben hat. Damals wurde man gewahr, wie der Mensch leicht in die Unsicherheit der Erkenntnis hineinsegelt, wenn er sich aus den Niederungen des Forschens in die Höhen einer Weltanschauung erhebt. Man glaubte, abschreckende Beispiele eines solchen Erhebens erlebt zu haben.

[ 6 ] Und so wollte man denn die «Wissenschaft» befreien von der Weltanschauung. Sie sollte an die «Tatsachen» in den Tälern der Natur sich halten und die Höhenwege des Geistes meiden.

[ 7 ] Man hatte, als man die Opposition gegen die Weltanschauung trieb, am Opponieren eine gewisse Seelenbefriedigung. Die WeltanschauungBekämpfer von der Mitte des 19. Jahrhunderts waren in ihrer Kampfesstimmung beglückt.

[ 8 ] Die gegenwärtige Jugend kann diese Beglückung nicht mehr mitmachen. Sie kann befriedigende Gefühle in der Seele nicht mehr aufrühren, indem sie den Kampf gegen die «Unsicherheit» und «Schwarmgeisterei» der Weltanschauung miterlebt.

[ 9 ] Denn es gibt heute eben nichts mehr, gegen das man kämpfen kann. Es ist unmöglich, dafür einzutreten, die «Wissenschaft» von der «Weltanschauung» zu befreien. Denn die Weltanschauung ist mittlerweile erstorben. |

[ 10 ] Dagegen aber hat das Fühlen der Jugend eine Entdeckung gemacht. Durchaus nicht eine Entdeckung des Verstandes, sondern eine solche, die aus der ganzen, ungeteilten Menschennatur kommt.

[ 11 ] Die Jugend hat entdeckt, daß sich ohne Weltanschauung nicht menschenwürdig leben läßt. Viele Alte haben die «Beweise» gegen die Weltanschauung vernommen. Sie haben sich der Kraft der Beweise gefügt. Die Jugend kümmert sich verstandesmäßig nicht mehr um diese Kraft der Beweise; aber sie empfindet instinktiv die Ohnmacht alles Verstandes-Beweisens da, wo das Menschenherz aus einem unbesieghchen Drang spricht.

[ 12 ] Die Wissenschaft tritt der Jugend gediegen entgegen; aber ihre Gediegenheit verdankt sie der Weltanschauungslosigkeit. Die Jugend verlangt nach Weltanschauung. Die Wissenschaft bedarf aber doch der Jugend.

[ 13 ] Am Goetheanum möchte man die Jugend so verstehen, daß man mit ihr die Wege zur Weltanschauung sucht. Und man hat die Hoffnung, daß im Lichte der Weltanschauung die wahre Liebe zur Wissenschaft erzeugt werde. Man möchte da Wissenschaft nicht in Weltanschauungsträumerei verlieren, sondern in wachendem Geist-Erleben erst recht gewinnen.

[ 14 ] Der Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft fragt die Jugend, ob sie auch ihn verstehen möchte. Findet er dieses Verständnis, dann kann aus der «Sektion für das Geistesstreben der Jugend» etwas Lebenskräftiges werden.