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Die Erkenntnis—Aufgabe der Jugend
Aufsätze und Berichte aus den Jahren 1920 bis 1924 in Ergänzung zum «Pädagogischen Jugendkurs» von 1922
GA 217a

14 Februar 1923, Stuttgart

8. Die Drei Hauptfragen Für Die Anthroposophische Jugendbewegung

[ 1 ] Meine lieben Freunde! Ich denke, ich darf annehmen, daß der vorliegende Aufruf an die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland Ihnen allen bekannt geworden ist. Sie haben ja daraus gesehen, daß eingesehen wird in den Kreisen der Anthroposophischen Gesellschaft, daß gewissermaßen das Steuer, wie es bisher namentlich von Stuttgart aus getrieben worden ist, jetzt gedreht werden muß, und daß doch ein Bewußtsein vorhanden ist von dem, daß eine solche Wendung in der Steuerung notwendig ist. Die Einzelheiten, die dabei in Betracht kommen, werden naturgemäß auf der Delegiertenversammlung besprochen werden. Ich glaube, Sie werden ja vorzugsweise Interesse haben an all dem, was da vorgehen wird. Sie haben ja die Gesellschaft in einer bestimmten Verfassung vorgefunden, als Sie selbst aus den äußeren Verhältnissen Ihres Lebens heraus den Weg zur Anthroposophie gesucht haben. Sie haben sich gerade vorgestellt, daß doch irgendwo das gefunden werden muß, was ein junger Mensch sucht aus den Tiefen seiner Seele heraus, es aber nicht finden kann in den Institutionen der heutigen Welt. Sie waren hineingestellt in diese Institutionen und fanden, daß das, was durch die neuere Geschichte herausgekommen ist, nicht übereinstimmt mit dem, was aus der menschlichen Seele als Menschentum eigentlich gefordert wird. Vielleicht haben Sie gesucht, wo diese Forderung nach wahrem Menschentum erfüllt sein würde, und schließlich glaubten Sie dies in der Anthroposophischen Gesellschaft finden zu können. Nun stimmte manches nicht überein mit den Tatsachen, so wie sie da waren. Zunächst waren Sie alle es ja nicht, welche dieses Nichtstimmen irgendwie zu einem Konflikt getrieben haben. Sie haben zwar manches unbefriedigend gefunden, aber Sie blieben zunächst bei der Konstatierung dieser Unbefriedigtheit stehen. Dagegen muß schon vor den vergangenen und frischen Tatsachen innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft selbst die Tatsache ins Auge gefaßt werden, daß einfach die Anthroposophische Gesellschaft der Entwickelung der Anthroposophie nicht nachgekommen ist, und daß ins Auge gefaßt werden muß, inwieweit etwas ganz Neues geschaffen werden muß, oder die alte Anthroposophische Gesellschaft mit einem völlig neuen Impuls weiterzuführen ist.

[ 2 ] Das ist von den Persönlichkeiten, die in engerem oder weiterem Umfang an der Führung beteiligt waren, ins Auge gefaßt worden, manche alte Sünde, die ja meist in Unterlassungen bestand und in bürokratischen Formen, manche bürokratische Form zu verlassen und den Versuch zu machen, im Einvernehmen mit den Vertretern der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland zunächst die Grundlage zu schaffen, auf der die Gesellschaft weitergeführt werden kann.

[ 3 ] Es ist ja in Stuttgart so, daß man sagen muß, die Entwickelung der letzten Jahre hat hier zusammengeführt eine große Anzahl ausgezeichneter Arbeiter. Als Einzelpersönlichkeiten sind sie ja ausgezeichnete Leute, auf einen Haufen zusammengebracht sind sie in ihrer Art ja eine wirklich große Bewegung. Aber wie auch schon hier eine der leitenden Persönlichkeiten gesagt hat, jeder steht dem andern im Wege. Das ist eigentlich auch in vieler Beziehung hier das Unfruchtbare gewesen. Jeder einzelne hat seinen Posten ganz gut ausgefüllt. Man kann mit der Waldorfschule im höchsten Grade zufrieden sein. Aber die eigentliche Anthroposophische Gesellschaft, trotzdem die Anthroposophen da waren, ist im Grunde nach und nach verschwunden, begann sich, man kann nicht einmal sagen, in Wohlgefallen, sondern in Mißfallen aufzulösen. Diesem Zustand muß ein Ende gemacht werden, wenn die Gesellschaft nicht vollständig zerfallen soll.

[ 4 ] Dieses haben Sie ja offenbar sehr deutlich bemerkt und sich dann Ihre Ansichten gebildet. Aber es ist ja doch notwendig gewesen, daß die Anthroposophische Gesellschaft aus ihren alten Stützen heraus sich wieder eine Form gibt. Denn immerhin liegt ja in dem Gros der Anthroposophischen Gesellschaft die Arbeit von dreiundzwanzig Jahren vor. Viele, die darin sind, sind in einer ganz anderen Lage und finden ja doch etwas vor, was besteht: auch wenn der Zweig zerfällt, die einzelnen Anthroposophen bleiben, und die Anthroposophie findet schon ihre Verbreitung; zum Beispiel Frau Wolfram, die in Leipzig durch lange Jahre den Zweig geführt hat und dann zurückgetreten war von der Leitung, hat vor kurzem eine Ortsgruppe des «Bundes für freies Geistesleben» gegründet, im bewußten Gegensatz gegenüber dem dortigen anthroposophischen Kreise.

[ 5 ] Daß die Ersetzung der alten Kräfte durch junge Kräfte allein nicht genügt, zeigt sich in Leipzig, denn der dortige Vorsitzende ist aus der Studentenschaft hervorgegangen. Es muß also der Ausgleich geschaffen werden zwischen dem, was durch zwei Jahrzehnte geschaffen ist, und dem, was an junger Kraft hereinkommt.

[ 6 ] Der Aufruf soll ja auch in rechter Weise dieses vertreten. Viele Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft haben in dieser Gesellschaft ein beruhigendes Element gesucht; es war ihnen dann immer sehr unangenehm, wenn gegen äußere Gegnerschaft etwas gesagt werden mußte. Man mußte manchmal scharfe Worte gebrauchen. Aber das wird auch in der Zukunft nicht zu umgehen sein, denn die Gegnerschaft nimmt immer wüstere Formen an. Eine merkwürdige Verteidigungsstellung muß darum schon eingenommen werden. Das darf man nicht aus dem Auge verlieren. Die Alten haben es schwer, gute Anthroposophen zu sein, nachdem das beruhigende Element in ihnen Gewohnheit geworden ist.

[ 7 ] Sobald man in der Anthroposophie so lebt, daß man die Dinge, die man erlebt, wie aus einer Gewohnheit heraus erlebt, so ist dieses etwas sehr Schlimmes. Anthroposophie ist ja etwas, was eigentlich jeden Tag aufs neue erworben werden muß; anders kann man Anthroposophie nicht haben. Man kann nicht bloß sich erinnern an das, was man sich auch einmal zurechtgelegt hat. Und dieser Schwierigkeit, daß der Mensch ja — als ich ganz jung war, sagten wir immer — ein Gewohnheitstier ist, dieser Tatsache verdankt die alte Anthroposophische Gesellschaft die Schwierigkeiten. Denn Anthroposophie darf nicht zur Gewohnheit werden. Sie werden ja wiederum die Schwierigkeiten finden, daß eben Anthroposophie doch fordert, daß man herauskommt über alles auch bloß im erkenntnismäßigen Sinne Egoistische. Der Mensch kann ja natürlich wie andere Lebewesen egoistisch sein. Anthroposophie aber und Egoismus vertragen sich nicht. Man kann ein leidlicher Philister sein, wenn man Egoist ist, sogar ein leidlicher Mensch. Wenn man als Anthroposoph egoistisch ist, dann verwickelt man sich in fortwährende Widersprüche. Das liegt daran, daß der Mensch eigentlich nicht wirklich mit seinem ganzen Wesen auf der Erde lebt. Wenn er von einem vorirdischen Dasein herunterkommt auf die Erde, so bleibt immer noch ein Stück von ihm im Astralischen, so daß, wenn der Mensch morgens aufwacht, das, was da in ihn hineingeht, nicht der ganze Mensch ist; vom übersinnlichen Menschen stammt eben das, was untertaucht. Der Mensch ist nicht ganz auf der Erde, er beläßt einen gewissen Teil seines Daseins im Übersinnlichen. Und damit hängt zusammen, daß es eigentlich eine vollständig befriedigende soziale Ordnung nicht geben kann. Eine solche soziale Ordnung kann nur aus irdischen Verhältnissen stammen. Innerhalb einer solchen sozialen Ordnung können die Menschenwesen nicht ganz glücklich werden.

[ 8 ] Ich habe es immer wieder gesagt: die Dreigliederung ist nicht das Paradies auf Erden, sondern sie zeigt einen in sich möglichen Organismus; denn das wäre sonst Betrug, da der Mensch nicht allein ein irdisches Wesen ist. Dieser Umstand ist es, an den man sich eigentlich halten muß, um seinen ganzen Menschen wirklich zu fühlen; und das ist es, warum der Mensch niemals mit einer bloß materialistischen Weltanschauung zufrieden sein kann, wenn er sein volles Menschentum in sich fühlt. Erst wenn wir dieses so recht fühlen, sind wir eigentlich für Anthroposophie in Wahrheit reif, wenn wir fühlen, wir können nicht ganz auf die Erde herunterkommen, wir brauchen etwas für unseren übersinnlichen Menschen.

[ 9 ] Derartiges haben Sie offenbar ganz instinktiv gefühlt, und daraufhin sind Sie zur Anthroposophischen Gesellschaft gekommen und werden sich klar werden müssen, daß Sie durch diese Tatsache mehr oder weniger Ihre Schwierigkeit fühlen. Denn wenn auf der einen Seite Anthroposophie niemals Gewohnheit werden kann, so ist auf der andern Seite notwendig, daß Anthroposophie nicht in einem Wesen aufgeht, das wirklich von einem bloß irdischen stammt. Denn das, was im Egoismus aufgeht, hängt mit dem Irdischen zusammen. Der Mensch wird also schlechter, wie er als Mensch ist, wenn er übersinnlich und zugleich egoistisch ist: es wird ein übersinnliches Wesen ganz zum Charakter eines sinnlichen Wesens gemacht. Spirituelles Fühlen und Empfinden verträgt sich nicht mit dem Egoismus. Da fängt das Hemmnis an. Nun, da liegt aber auch der Punkt, wo die anthroposophische Bewegung zusammenfällt mit dem, was die Jugend von heute wirklich sucht aus dem Umstande heraus, daß jeder Zusammenhang mit der geistigen Welt doch verloren worden ist. Und nun sind die äußeren Institutionen da. Die Jugend flieht sie und sucht nach einem Bewußtsein von ihrem Menschentum. Aus diesem Gefühl heraus müssen Sie eben versuchen, zurechtzukommen mit dem, was schon da ist, und mit Ihrem eigenen Inneren fühlen. Sie müssen die Schwierigkeit, die Sie finden, zusammenhalten mit den Schwierigkeiten, die die andern haben, dann wird der Weg gefunden werden können, daß wir für die nächste Zeit tatsächlich eine starke Anthroposophische Gesellschaft — auch in dem Kreise, der die Verinnerlichung sucht —, eine starke anthroposophische Bewegung bekommen.

[ 10 ] Wenn Sie diesen Weg gehen, werden Sie durch manche Entbehrung und durch manche Schwierigkeit hindurchgehen müssen, denn die Menschheit will eine solche Bewegung nicht. Es wird Ihnen manches noch bevorstehen, bevor Sie wirklich so weit sind, daß Sie wirklich mit Ihrem ganzen Menschen fest mit der Sache verbunden sind. Dann wird sich auch die Anthroposophie unter allen Umständen geltend machen. Das Zerbrechen der zivilisierten Welt ist ein so starkes, daß Europa nicht mehr lange Zeit haben wird, wenn es nicht zum Geist sich wendet. Nur aus dem Geist heraus kann ein Aufstieg kommen! Daher muß das Geistige unbedingt gesucht werden, und in diesem Streben haben Sie recht getan, haben Sie den richtigen Weg eingeschlagen. Jetzt handelt es sich nun darum, daß die Arbeit aufgenommen werden wird für die nächste Zukunft. Und um da noch einiges zu hören, was Sie sich vorstellen, wie Ihre Intentionen sich gestalten werden, sind wir heute ja zusammengekommen.

[ 11 ] Ein Teilnehmer fragt danach, wie heute die wissenschaftliche Arbeit sich gestalten soll.

[ 12 ] Rudolf Steiner: Wenn es sich um das Wissenschaftliche handelt, so ist von dem, was in der Zukunft wird da sein müssen, eigentlich nichts da. Damit ist nicht gesagt, daß absolut nichts da wäre. Auf allen Wissenschaftsgebieten ist nämlich dasjenige vorhanden an äußerem Tatsachenerkennen, was man braucht, um in diejenigen Gebiete vorzudringen, die wirklich in der Zukunft werden da sein müssen, wenn nicht korrumpierte Menschenseelen in der Zukunft entstehen sollen. Es sind schon eine Reihe von wissenschaftlichen Gebieten mit bedeutsamen Ergebnissen von den kleinsten Sammlungen bis herauf zum Londoner Museum da. Mit diesen können aber die gegenwärtig Forschenden im Sinne einer Wissenschaft der Zukunft nichts anfangen, da die Menschen, die heute durch die Weltordnung oder in der sozialen Ordnung in Positionen hineingekommen sind, innerlich tot sind. Sie wissen mit dem Tatsachenmaterial nichts anzufangen, da sie wie durch eine Art automatischer Entwickelung zu diesem Tatsachenmaterial gekommen sind.

[ 13 ] Das Schwierige für die Anthroposophen ist nicht das, daß nicht anthroposophisch gewirkt werden könnte — die zusammenfassenden Ideen und spirituellen Schauungen sind schon vorhanden —, sondern das Schwierige ist, daß das, was man heute für das Wissenschaftliche braucht, nämlich das Tatsachenmaterial, diejenigen bewahren, die nichts mit den Tatsachen machen können. So kommt es, daß diejenigen, die den Kulturinhalt eigentlich begründen sollten, mit leeren Händen dastehen, und daß das Tatsachenmaterial Monopol von Leuten ist, die nichts damit anfangen können. So wird der akademischen Jugend auf den Hochschulen das Tatsachenmaterial nicht so vorgebracht, daß sie es mit dem richtigen Blick ansehen lernt, sondern wenn man ihr zum Beispiel in der Zoologie ein Skelett zeigt, oder in der Botanik eine Pflanze und so weiter, sie eigentlich gar nichts daran lernt. Dasjenige, was sie daran lernt, ist: da ist das Schädelbein, hier ist der Schulterknochen, da das Schienbein und so weiter. So könnte man auch einen Tisch beschreiben oder eine Maschine. Ein Skelett zum Beispiel wird der akademischen Jugend nicht so gezeigt, daß sie die Empfindung haben müßte, daß es gewachsen ist, sondern es wird ihr so gezeigt wie eine Maschine, die man in ihre einzelnen Teile zerlegen kann.

[ 14 ] Wenn man in der richtigen Weise zuerst den seelendurchtränkten Blick schärft, so sieht man sofort, wenn man zum Beispiel bei einem Hundeskelett das Rückgrat von hinten nach vorn entlang betrachtet: Da in dem hinteren Teil wirkt Mondenkraft, während man, wenn man nun weitergeht zum Schädelskelett, sieht, wie da wirksam ist Sonnenkraft; und dazu wirkt in die Strömung der Beine hinein Erdenkraft. Das ist etwas, was unmittelbar gesehen werden kann, wenn man nur die Menschen nicht dadurch abhält, es zu sehen, daß man überhaupt den Sinn dafür gar nicht erzieht. Was ich eben gesagt habe, man müßte es so sehen können, wie man einer Plastik, die einen Menschen darstellen soll und auch an ihn erinnert, sofort ansieht: das ist ein Mensch. In der Art müßte man auch einem Hundeskelett ansehen können, was da an ihm Sonnenhaftes, Mondenhaftes wirkt. Man muß eben nur dafür die Antezedenzien bekommen haben.

[ 15 ] Diejenigen nun, die bezüglich der Tatsachen die Mittel bekommen haben, können mit ihnen nichts anfangen. Es ist schon so. Diejenigen aber, die nun eigentlich die wissenschaftlichen Mittel brauchten, die haben sie nicht. Das begründet eben den Ausspruch: es ist nichts da. Es ist auch die andere Parallele möglich: es ist alles da. Das ist die ungeheure Schwierigkeit, sich da zurechtzufinden. Wenn nicht der heutige Student durch ein besonders günstiges Karma, durch die ganze Art, wie seine Seele gelenkt wird, dazu kommt, aufmerksam zu werden, daß es eine geistige Welt gibt, so wird er abgebracht von der geistigen Welt, und es kommt ihm einfach lächerlich die Tatsache vor, daß es eine geistige Welt gibt. So ist sich der heutige Student durchaus klar zum Beispiel darüber, daß er den Keim zu suchen hat im Mutterkörper, aber er kommt nicht darauf, daß ein Menschenkeim oder ein Tierkeim so angesehen werden müßte, wie es sich aus den Elementen der Wirklichkeit ergibt, nämlich, daß die Keimung darauf beruht, daß an einer Stelle des mütterlichen Organismus das Eiweiß zerfällt, aber sofort im Zerfallen aufgehalten wird dadurch, daß die kosmischen Kräfte beginnen, hineinzuwirken, und der ganze Makrokosmos sich als Miniatur in dem zerfallenden, aber gleich sich wieder zusammensetzenden Eiweiß ausdrückt, so daß also tatsächlich die Form des Weltalls in der Entstehung des Embryos zur Geltung kommt. Der mütterliche Organismus gibt eben nur die Materie her, die zuerst zerfallen muß, damit der Makrokosmos sie wieder aufbaut. Wenn man die Keimung nach der heutigen Wissenschaftsweise anschaut, so ist es genau so, als wenn man eine Papierrose nimmt und behauptet, man habe sie gerade eben von einem Rosenstock abgepflückt. In diesen Dingen zeigt es sich, wie eine gründliche Umkehr auf allen Gebieten des Wissenschaftlichen, so auch des Künstlerischen und des Religiösen notwendig ist. Auch auf religiösem Gebiet herrscht ja der allerärgste Materialismus.

[ 16 ] In Deutschland sind nun die Verhältnisse besonders schwierig. Die Menschen verlieren mit der Zeit allen Mut zum Leben. Dieser Mut zum Leben aber kann nur aus der übersinnlichen Welt kommen. Der Zweifel ist durchaus möglich; er kommt aus der Sinnenwelt. Der Mut, den Zweifel zu überwinden, kommt aus der übersinnlichen Welt. Und Mut gehört dazu, die Dinge in der richtigen Weise anzuschauen. In dem naturwissenschaftlichen Kursus, den ich zu Weihnachten in Dornach gehalten habe, habe ich auf die Tatsache hingewiesen, daß, wo Atome entstehen, Sterben ist. Atomismus ist die Wissenschaft vom Abgestorbenen. Die heutige Wissenschaft nähert sich mit der Konstatierung vieler Tatsachen der anthroposophisch-naturwissenschaftlichen Anschauung. Überall kann man die Tatsachen finden, die auf das Geisteswissenschaftliche hindeuten. Im Radium zum Beispiel hat man den eklatantesten Fall zerfallender Materie, die zerstäubende Atome erzeugt. Überall hat man Tatsachen, die in das Geistige hineinführen, aber die äußere Wissenschaft lehnt aus Mangel an Mut dieses Hineinführen in das Geistige ab.

[ 17 ] Auch in der Wirtschaft ist es heute so, daß wir seit dem 19. Jahrhundert anstatt der vielen Nationalwirtschaften Weltwirtschaft haben. Die Weltwirtschaft hat schon ein viel schnelleres Tempo als die Nationalwirtschaft; bis in den kleinsten Umkreis läßt sich dieses langsame Tempo der Nationalwirtschaft zeigen. Die Züge, die durch die Nationalwirtschaft geführt werden, fahren langsamer als die, die heute in Stuttgart einlaufen, das heißt, die durch die Weltwirtschaft geführt werden. Und wenn man jetzt von dem Weltwirtschaftlichen zum Nationalwirtschaftlichen wieder zurück will, so kann dieses nur ein Zerstören des bereits Errungenen und Vorhandenen bedeuten.

[ 18 ] Ein Teilnehmer fragt danach, wie man sich ein Verhältnis zur Architektur und Plastik bilden könnte.

[ 19 ] Rudolf Steiner: Dabei kommt es sehr auf die Weltanschauung an. Die heutige Weltanschauung, die nur von der bloßen Logik, der sinnlichen Beobachtung ausgeht, muß sich notwendigerweise vorstellen, daß die Welt irgendwo mit Brettern vernagelt ist. Man hat sich äußere Naturgrenzen gesetzt, über die man nicht hinauskommt. In der Logik hat man die innere Gesetzgebung, die der Mensch sich selbst gibt, ganz ohne die Natur. Alle Erkenntnis, auch die rein wissenschaftliche, muß in das rein Künstlerische gehen. Man muß sich zum Künstler erziehen, so daß man die Formen gestaltet, wie in der Natur die Formen gestaltet werden. Das aber lernt man, sobald man sich hinfindet zu dem Punkt, wo die Natur selber zur Künstlerin wird. Man muß auch in sich die Naturerkenntnis so weit vertiefen, daß es nur möglich ist, Pflanze, Tier und Mensch als Künstler zu betrachten. Dann erst lernt man die unendlich interessanten statischen und dynamischen Verhältnisse erkennen, die schon allein der menschliche Körper in sich schließt. Dann wird man sehen, wie jeder Knochen gewissermaßen ein Balkensystem darstellt; wie es ein Unterschied ist, ob ich in der Front mit ausgespreizten Beinen stehe oder ob ich ein Bein vorstelle und im Schritt stehe. Jeder Mensch ist in sich ein feinstes Bauwerk. Die älteren Religionsbekenntnisse haben ihren einzuweihenden Schülern das wunderbare Darinnenstehen des Menschen in der Welt gelehrt durch seine eigenen dynamischen und statischen Verhältnisse. Wenn man eine Buddha-Statue anschaut, so hat man darin eine Dynamik und Statik des Menschen. Dadurch, daß die Beine breit unter den Oberkörper gelegt sind, wird der Bau und die Statik des Oberkörpers erkannt und besonders hervorgehoben. Soweit man den Menschen in der Bewegung und stehend studiert, bekommt man die Form der Architektur. Ein vollkommener Bau ist nichts anderes als das vollkommene Stehen und Gehen des Menschen. Jede Kultur hat dieses Statische und Dynamische im Menschen durch ihre Architektur in anderer Weise aufgefaßt und dargestellt. Die assyrisch-babylonische Kultur stellte dar das Verkünden des Logos mehr durch das Vorbeugen des Menschen, die griechische Kultur durch das ruhige Stehen. Man braucht bloß die Art kennen, in der der Mensch in der Welt darinnensteht, um lebensvoll alle Bauformen zu erkennen. Heute ist ja die Bauphantasie eine sehr eingeschränkte. Und dennoch muß der heutige Baustil ein solcher sein, der aus dem menschlichen Selbsterlebnis herausgeboren ist, der aus dem «Erkenne dich selbst» fließt. Dieses ist versucht worden im Goetheanum.

[ 20 ] Geht man über von den Bewegungsverhältnissen des Menschen zu den Formverhältnissen, dann kommt man von der Architektur zur Plastik. Plastik ist das Erleben der menschlichen Formverhältnisse. Von der Architektur zur Plastik überzugehen, bedeutet ein Übergehen der Bewegung vom Gleichgewicht zur Form des Menschen. Je weiter die Kenntnis vom Menschen fortschreitet, desto mehr Kunst, desto mehr differenzierte Architektur und Plastik wird möglich sein, die dem Menschen nahesteht. Dazu aber, daß man zur Form des Menschen übergehen kann, ist in der heutigen Zeit ein selbständig gebautes, auf Selbstlosigkeit und Liebe gebautes soziales Leben notwendig. Der Grieche konnte noch seine eigene Form fühlen durch sein Darinnenstehen in der Welt. Der heutige Mensch muß im Anschauen des anderen Menschen synthetisch aufbauend die Plastik finden, die in der heutigen Zeit nötig ist. Der Grieche brauchte keinen anderen Menschen anzuschauen; er fand durch das Erleben seines eigenen Körpers die Plastik.

[ 21 ] Die Kunst beruht auf dem Offenbarmachen geheimer Naturkräfte, Die Kunst braucht man, um den Menschen, um die Natur zu verstehen. So ist das, was man in die heutige Plastik hineinbringen müßte, die lebendige künstlerische Anschauung des Menschen. Man muß den Menschen so anschauen, daß man sieht, wie einerseits in der Form des Kopfes, so wie ich es in der Gruppe im Goetheanum versuchte zu gestalten, das luziferische Leben, wie andererseits als Gegenpol in der Erhärtung des Knochenskeletts Ahriman sich auswirkt, und wie dann das Zusammenwirken beider den idealen Menschen bildet. Wir müssen wieder die Menschengestalt erlangen.

[ 22 ] Die hebräische Kultur hat tief wahr gemacht die moralischen Impulse, die in ihrer Religion liegen. Sie hat es aber nicht gewagt, von ihrem Gott ein Bild zu machen. Allmählich kam man durch die Entwickelung zur logisch empirischen Vorstellung der Menschennatur und verlor dann das Künstlerische. So kam es, daß nicht mehr ein Zusammengehen von Weltanschauung und Kunst ist. Auf der einen Seite steht die logisch empirische Weltanschauung, auf der andern die künstlerische Phantasie.

[ 23 ] Es ist noch keine Verbindung geschaffen zwischen der Anschauung der vom Menschen losgelösten Gesetzmäßigkeit auf der einen Seite und der künstlerischen Willkür auf der andern Seite. Aus der Erkenntnis des Menschen in seiner vollen Gestalt wird die Architektur und Plastik der Zukunft geschaffen werden müssen.

[ 24 ] Ein Teilnehmer: Über die Schwierigkeiten der Studenten, sich mit anthroposophischen Arbeiten geltend zu machen.

[ 25 ] Rudolf Steiner: Die Anthroposophische Gesellschaft muß einsehen lernen, wie wichtig es ist, daß nicht das, was an Leistung in ihrem Rahmen da ist, unbeachtet liegen bleibt; sie muß zur Anerkennung der Leistungen kommen. Sie muß Arbeiten, wie die von Dr. von Baravalle oder die Broschüre von Caroline von Heydebrand «Gegen Experimentalpsychologie und -pädagogik» werten lernen. Nach und nach muß es auch so werden, daß — angenommen, unsere Forschungsinstitute würden die Aufgaben schon gelöst haben, die in den naturwissenschaftlichen Kursen und Zyklen liegen —, daß es dann dahin kommt, daß selbst die Gegner sagen, da ist etwas vorhanden, vor dem sie Achtung haben, was in der Anthroposophischen Gesellschaft gearbeitet wird. Man muß sich schulen, menschliche Leistungen anzuerkennen. Heute wird der Student, der eine anthroposophische Dissertation macht, zurückgewiesen! Die Gesellschaft muß zu einer Stätte werden, in der derartige Dinge «das Gewissen» werden, so daß es nicht mehr vorkommen kann, daß ein Professor eine anthroposophisch orientierte Arbeit aus diesen Gründen ablehnt. Die Forschungsinstitute, in denen Menschen der Praxis sind, müssen dahinterstehen, so daß der Student, der in einem Seminar arbeitet oder eine Doktorarbeit macht, diese auch ausgestaltet bekommt. Die Anthroposophische Gesellschaft muß so werden, daß der Professor eine anthroposophisch orientierte Seminararbeit oder Dissertation annehmen muß, sofern sie substantiell genug ist, weil er Sorge hat, daß er die Anthroposophische Gesellschaft sonst auf den Hals bekommt.

[ 26 ] Rudolf Steiner fragt, ob Vertreter der Jugend zur Delegiertenversammlung kommen.

[ 27 ] Ein Vertreter der Jugend sagt einiges zur Delegiertenversammlung. Rudolf Steiner: Es wäre gut, wenn in möglichst kompendiöser Form mit völligem Ernst etwas vorgebracht würde über die drei Hauptfragen, um die es sich hier handeln muß:

[ 28 ] Erstens: Wie steht es überhaupt mit der studentischen- und Jugendbewegung?

[ 29 ] Zweitens: Was macht jemand, der sein volles Menschentum aus der Anthroposophie heraus fühlt, an den Hochschulen für Erfahrungen?

[ 30 ] Drittens: Was erwartet der akademische und jüngere "Mensch von der Anthroposophischen Gesellschaft?

[ 31 ] Diese Dinge müssen natürlich dadurch zur Wirksamkeit gebracht werden, daf3 man sie in einer eindringlichen Weise erfaßt. Wie es mit unseren Bildungsanstalten um die Wende der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts gestanden, hat Nietzsche in eindringlicher Weise gezeigt. Er hat glänzend geschildert, wie die Bildungsanstalten sein müßten, und was er von ihnen erwartet. Leider ist Nietzsche ja fast vergessen. Heute würde das überboten werden müssen, was Nietzsche damals geschildert hat. Diese drei eben charakterisierten Fragen sind die wichtigsten. Und wenn es gelingt, daß überhaupt die Persönlichkeiten in das Zentrum der Anthroposophischen Gesellschaft hineinkommen, die nicht nur auf ihrem Gebiet das höchste Interesse haben, sondern auch Aufmerksamkeit für alles das, was in der Gesellschaft und überall vorgeht, dann wird alles gut werden. Das Interesse und die Aufmerksamkeit hat gefehlt. Es zeigt dies die Tatsache, daß das Entstehen der religiösen Bewegung bis zum Momente ihres Auftretens nicht bemerkt worden ist. Aufmerksamkeit und Interesse für alles muß einziehen in die Anthroposophische Gesellschaft. Denn es ist schon so, daß Gedanken nicht wachsen, sie bleiben unverändert, daß aber Aufmerksamkeit und Interesse wächst und Früchte tragen kann.

[ 32 ] Man muß vor allen Dingen klar und entschlossen den Weg in die übersinnlichen Welten suchen und gehen. Dann wird man auch das richtige Verhältnis zu den Menschen finden. Und umgekehrt: hat man das richtige Verhältnis zu den Menschen gefunden, dann ist man auch nicht mehr weit von dem Eintritt in die übersinnlichen Welten.