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Die Erkenntnis—Aufgabe der Jugend
Aufsätze und Berichte aus den Jahren 1920 bis 1924 in Ergänzung zum «Pädagogischen Jugendkurs» von 1922
GA 217a

9 Juni 1924, Wrocław

15. Ansprache und Fragenbeantwortung während der Breslau-Koberwitzer Tagung

[ 1 ] Aus der Begrüßungsansprache des Versammlungsleiters: Dank an Herrn Dr. Steiner, Frau Dr. Steiner und die übrigen Vorstandsmitglieder. Wir möchten versuchen, im Bewußtsein zu haben, welch ungeheure Bedeutung es hat, daß Herr Dr. Steiner, der Weltaufgaben zu erfüllen hat, in unserem Kreise erscheint. Dieses wird uns die nötige Ehrfurcht geben, das anzuhören, was er zu uns zu sprechen hat. Wir wollen ihn begrüßen als einen, der jugendlich zu sein versteht, jugendlicher, als wir selbst sein können. Was wir Herrn Dr. Steiner entgegenbringen, ist lediglich ein Suchen, und mehr kann man von uns nicht erwarten. Wir sind nicht nur Akademiker, sondern auch Kaufleute, Beamte, und zumeist nicht Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft.

[ 2 ] Eine Teilnehmerin: Wenn wir Blumen, wenn wir Steine, wenn wir Sterne anschauen, wenn wir die Welt anschauen, werden wir in dem Welt-Anschauen vorzeitig alt. Wir finden nicht die Art der Weltanschauung, die uns jugendlich sein läßt. Daher lassen viele das Welt-Anschauen und versuchen nur, in sich die Jugendlichkeit zu erleben. Um richtig in der Welt zu stehen, suchen wir nach einer Weltanschauung, die uns jugendlich sein läßt, und in diesem Suchen wollen wir vor Herrn Dr. Steiner hintreten.

[ 3 ] Rudolf Steiner: Ich danke Ihnen herzlich für die liebevollen Begrüßungsworte, die ausgesprochen worden sind, und darf wohl sagen, daß ich Sie in ebenso herzlicher Weise begrüße, weil seit vielen Jahren vor meiner Seele gerade das als etwas außerordentlich Wichtiges und Bedeutungsvolles für die Gegenwart steht, was in Ihren Herzen, Ihren Seelen, Ihren Gemütern vorgeht. Daß man die Jugendbewegung von heute, wenn man unbefangen in der Welt drinnensteht, in höchstem Maße ernst nimmt, davon können Sie durchaus überzeugt sein. Wenn es auch so aussieht für Sie, wenn Sie herumschauen, nicht unter Ihren Altersgenossen, sondern unter den älteren Menschen der Gegenwart, wenn es auch so aussieht, als ob man die Jugendbewegung nicht ernst nimmt, sie wird ganz gewiß von derjenigen Seite ernst genommen, die heute geistigen Bestrebungen nachgeht.

[ 4 ] Es sind jetzt schon mehrere Jahre verflossen, seit ein kleiner Kreis jugendlicher Menschen hereingekommen ist in die Anthroposophische Gesellschaft und nicht bloß als Zuhörer teilnehmen wollte an dem, was die Anthroposophische Gesellschaft gibt, sondern auftrat mit denjenigen Gedanken, Empfindungen und Gefühlen, die der heutige junge Mensch eben in seinem Jungsein zusammenfaßt. Und gewissermaßen das tat eigentlich jener kleine Kreis, der sich vor Jahren in Stuttgart einfand und an die anthroposophische Bewegung die Frage stellte: Wie könnt Ihr uns einen Platz innerhalb dieser anthroposophischen Bewegung geben? Ich glaube, daß von meiner Seite aus diese damalige Frage wirklich verstanden worden ist. Es ist ja nicht immer leicht — und darüber werden wir uns vielleicht heute oder in diesen Tagen überhaupt unterhalten können —, es ist nicht immer leicht, die Frage zu verstehen, die der wirklich suchende Mensch heute an die Zeit richtet, und der junge Mensch hat schon eine Anzahl von Fragen mit vollem Rechte, die nicht mit voller Klarheit gestellt werden können.

[ 5 ] Sehen Sie, damals, als zum erstenmal Jugendbewegung und anthroposophische Bewegung sich berührten, da kam es mir wirklich vor, wie wenn die beiden durch eine Art von Schicksal, Karma, geradezu zusammengeführt würden, und ich muß eigentlich bis heute daran festhalten, daß es so ist, daß Jugendbewegung und anthroposophische Bewegung wirklich durch ein inneres Schicksal aufeinander hingewiesen werden. Wenn ich das zu Hilfe nehme, was ich selber durch viele Jahrzehnte erlebt habe im Streben nach einer Gemeinschaft von Menschen, die nach dem Geiste suchen wollen, und wenn ich das zusammenhalte mit demjenigen, was etwa seit der Wende des Jahrhunderts als Jugendbewegung aufgetreten ist, so muß ich sagen, dasjenige, was ganz wenige fühlten vor vierzig Jahren schon, und was damals, weil es eben ganz wenige fühlten, kaum bemerkt worden ist, das ist heute gefühlt innerhalb der immer allgemeiner werdenden Jugendbewegung. Es ist in den eben gesprochenen Begrüßungsworten ganz schön zum Ausdruck gekommen, wie schwer es dem jungen Menschen heute eigentlich wird, zu leben.

[ 6 ] Es war immerhin, wenn es auch zu allen Zeiten eine Art Jugendbewegung gegeben hat, es war immerhin zu anderen Zeiten anders, als es in unserer Zeit ist. Ältere Menschen, wenn man mit ihnen über die Jugendbewegung spricht, antworten einem heute sogar sehr häufig damit, daß sie sagen: Ach Gott, die Jugend hat eben immer anders gefühlt als das Alter, hat immer etwas anderes gewollt. Das hat sich dann abgeschliffen, hat sich ausgeglichen. In der Jugendbewegung von heute braucht man auch nichts anderes zu sehen als das, was die jüngere Generation gegenüber den älteren Generationen in jeder Zeit gewollt hat. — Ich wenigstens habe diese Antwort auf die brennende Frage der heutigen Jugendbewegung von sehr vielen Seiten gehört. Und dennoch, diese Antwort ist schon ganz falsch, diese Antwort ist schon ganz unrichtig. Und gerade darin liegt eine ungeheure Schwierigkeit. Es war zu allen Zeiten bei jüngeren Leuten, selbst wenn sie ganz radikal in einer Jugendbewegung aufgetreten sind, immer doch etwas von dem, was man so nennen kann: Es wurde das, was das Alter ringsherum gegründet hat an Institutionen, an allerlei Einrichtungen, es wurde das bis zu einem gewissen Grade doch von den jungen Leuten anerkannt und konnte anerkannt werden. Die jungen Leute konnten ein Ideal darin erblicken, in das Alte nach und nach hineinzuwachsen. Heute ist es nicht mehr so. Ob er Akademiker ist oder nicht, darauf kommt es nicht mehr an, sondern darauf, daß der junge Mensch, wenn er überhaupt leben will, in die Einrichtungen ja hineinwachsen muß, die die Alten zustande gebracht haben, und daß die jungen Menschen sich darin durchaus fremd fühlen; daß der junge Mensch das, was ihm da entgegenkommt, wie eine Art von Tod des Menschen empfindet, ja, daß er innerhalb dieser Einrichtungen die ganze Art, wie sich die älteren Menschen innerhalb dieser Einrichtungen benehmen und verhalten, als etwas Maskenhaftes fühlt. Der junge Mensch fühlt seine eigenen inneren Menschenformen, die findet er lebendig, und das, was um ihn herum ist, findet er wie lauter Maskenantlitze. Das ist das, was den Menschen heute, wenn er jung ist, zur Verzweiflung bringen kann, daß er unter den Älteren nicht Menschen, sondern zumeist Masken findet. Es ist wirklich so, daß einem die Menschen entgegentreten wie Abdrücke, Siegelabdrücke irgend welcher Menschenklassen, irgendwelcher Berufe oder selbst irgendwelcher Ideale, daß sie einem aber nicht entgegentreten als innerlich lebendige, volle Menschen.

[ 7 ] Nun sehen Sie, da möchte ich sagen, wenn es vielleicht auch etwas abstrakt aussieht, allein es lebt im Gefühl gar sehr, wir stehen heute eben sehr stark an einem Wendepunkt der Zeiten, wie die Menschheit wenigstens in historischen Zeiten und auch zu einem großen Teil in vorhistorischen Zeiten nie gestanden hat. Ich liebe es gar nicht, immer von Übergangszeiten zu sprechen; Übergangszeiten sind ja alle von vorher zu nachher; es handelt sich nur darum, was übergeht. Aber in unserer Zeit ist es schon so, daß die Menschheit an einem Wendepunkt steht, wie sie vor einem gleichen in historischer und vorhistorischer Zeit nie gestanden hat. Das hängt damit zusammen, daß in den Untergründen der menschlichen Seele, weniger sogar im Bewußtsein als in den Untergründen der menschlichen Seele, schon bedeutsame Dinge vorgehen, welche eigentlich Vorgänge der geistigen Welt sind, die nicht bloß auf die physische Welt sich beschränken. Man spricht davon, daß mit der Wende des 19. und 20. Jahrhunderts das sogenannte finstere Zeitalter abgelaufen ist, und daß ein neues lichtvolles Zeitalter im Beginn ist. Ganz gewiß, wer in die geistige Welt hineinschauen kann, der weiß, daß es so ist. Daß jetzt nicht viel Licht zum Vorschein kommt, spricht nicht dagegen; die Menschen sind an die alte Finsternis gewöhnt, und gerade so wie eine Kugel, der man einen Stoß gegeben hat, fortrollt, so rollt das eine Zeitlang fort, rollt durch Trägheit fort. Unsere Zivilisation ist heute durchaus eine solche, die in Trägheit fortrollt, und wenn wir hinschauen auf das, was um uns herum in Trägheit rollt, dann müssen wir sagen: Eines ist schon da, was das, was um uns ist, gemeinschaftlich hat. Man will heute alles, was überhaupt vorhanden ist — es ist schwer, ein lebendiges Wort zu finden, weil die Dinge tot sind —, man will alles bestätigt haben; es ist eigentlich alles nur berechtigt für das, was schließlich als Zivilisation sich ergeben hat, was bestätigt ist. Bestätigt muß jede wissenschaftliche Wahrheit sein, bestätigt muß alles das sein, was irgendein Mensch behauptete, bestätigt muß aber der Mensch selber sein; wenn er in irgendeinen Beruf eintritt, muß er irgendwie bestätigt werden, von außen her muß der Mensch bestätigt werden. Wenn man im wissenschaftlichen Leben drinnenlebt, so nennt man das: es muß bewiesen werden. Was nicht bewiesen ist, gilt nicht, das kann man nicht verstehen.

[ 8 ] Nun sehen Sie, ich könnte noch viel reden über dieses Bestätigtwerden, über dieses Bewiesenwerden. Es tritt einem ja manchmal in grotesker Weise entgegen. Sehen Sie, ich war auch einmal jung, nicht mehr ganz jung, da habe ich — ich will das kleine Erlebnis erzählen, weil es nicht ganz ohne Zusammenhang steht mit dem, was ich sagen will — eine Zeitschrift redigiert und hatte einen Prozess, bei dem es sich um eine Kleinigkeit handelte. Es handelte sich nicht um vieles; ich bin selber hingegangen und habe in der ersten Instanz gewonnen. Der Prozessor war nicht zufrieden, er hat an die zweite Instanz appelliert. Ich ging wieder hin, da kam der gegnerische Advokat und sagte: Ja, Sie brauchen wir gar nicht, wir brauchen nur Ihren Rechtsanwalt, wo ist denn der? — Da sagte ich, ich habe gar keinen mitgebracht, ich habe gedacht, das geht mich an. Da half nichts. Ich mußte mit aller Schlauheit, die man aufwenden konnte, es dahin bringen, daß der Prozeß vertagt wurde und mir bedeutet wurde, daß ich das nächstemal da nichts zu suchen hätte, daß ich einen Rechtsanwalt zu schicken hätte, denn in der zweiten Instanz sei das nicht üblich, daß ein Mensch seine Sachen selbst vertritt. Ich ging erheitert weg. Die Sache kam mir aus dem Gedächtnis, und sie fiel mir gerade an dem Tag ein, wo am nächsten Tag der Prozeß sein sollte. Ich ging in die Stadt und dachte, ich kann mir das doch morgen nicht mehr sagen lassen, daß ich unnötig bin. Da ging ich dann die Straße entlang, traf eine Tafel von einem Rechtsanwalt und ging hinauf. Ich kannte ihn gar nicht, wußte nichts von ihm. Der sagte: Wer hat mich denn Ihnen empfohlen? — Ich sagte: Gar niemand. — Ich dachte, ein anderer wird es auch nicht besser machen, und nahm den nächsten, der mir entgegentrat. — Da sagte er: Schreiben Sie mir auf einen Zettel auf, was ich morgen sagen soll. Ich schrieb es ihm auf und blieb, weil es so Usus ist, eben weg. Nach einigen Tagen schrieb er mir, daß der Prozeß gewonnen ist. — Nun sehen Sie, so könnte ich aus meinem eigenen Leben tatsächlich Hunderte von Sachen erzählen. Es handelt sich überall gar nicht darum, daß man irgendwo als Mensch dabei ist, sondern daß die Dinge laufen, wie sie von Menschen eingerichtet sind. Das fühlt der junge Mensch. Er will nicht, daß alles bestätigt wird, er will etwas anderes. Er will an die Stelle der Bestätigung, des Beweises das Erleben setzen. Dieses Wort «Erleben» verstehen die alten Menschen ganz und gar nicht. Es steht nicht in ihrem Konversationslexikon darinnen. Sehen Sie, welch ein Greuel ist das Wort «Erleben»! Weil Sie sprechen von geistigem Erleben, ist es ein Greuel für sehr viele Leute. Und das ist, was einem beim Übergang vom finsteren Zeitalter ins lichte Zeitalter entgegentritt. Es ist eine radikale Wende einer Zeit da.

[ 9 ] Nun ist es auch wiederum natürlich, daß ja dieser Übergang in zwei Strömungen sozusagen aufgetreten ist. Deshalb sind in einer gewissen Weise anthroposophische Bewegung und Jugendbewegung schicksalsmäßig schon miteinander verbunden. Denn die anthroposophische Bewegung vereinigt die Leute jeglichen Standes, Berufes und Alters, die an der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert gefühlt haben, daß der Mensch sich in einer ganz anderen Weise in das gesamte Weltall hineinstellen muß. Er muß nicht nur etwas bestätigt bekommen, bewiesen bekommen, er muß etwas erleben können. Und so erschien es mir wirklich ganz karmisch, ganz schicksalsgemäß, daß die beiden Bewegungen zusammengeführt wurden. Und das hat ja dann dazu geführt, daß wirklich eine Art Jugendbewegung, eine Art anthroposophische Jugendbewegung innerhalb der anthroposophischen Bewegung entstanden ist, und daß dieses zuletzt dazu geführt hat, daß, als die anthroposophische Bewegung auf unserer Weihnachtstagung am Goetheanum neu begründet wurde, wir bald darauf die Einrichtung einer Jugendsektion folgen ließen, wo nun tatsächlich die Interessen, die heute in der ehrlichsten, aufrichtigsten Weise durch die Gemüter der jungen Menschen gehen, gepflegt werden sollen.

[ 10 ] Es war, ich möchte sagen, ein ungeheuer erfreulicher Vorstoß, der da in den ersten Monaten des Jahres in bezug auf unsere anthroposophische Jugendbewegung gemacht worden ist. Daß es jetzt etwas stagniert, hat seine Gründe; das liegt in der Schwierigkeit der Jugendbewegung. Sehen Sie, die Schwierigkeiten liegen darinnen, daß aus dem Chaos, namentlich aus dem geistigen Chaos, das in der Gegenwart besteht, es schwer ist, irgend etwas herauszugestalten. Heute etwas zu gestalten, ist eben viel schwieriger, als es jemals gewesen ist. Deshalb ist es schon so — sehen Sie, es liegt mir wirklich ganz ferne zu renommieren; diejenigen, die mich kennen, werden das wissen —, aber es ist so, daß einem heute die merkwürdigsten Dinge begegnen. Ich mußte, als der außerordentlich freundliche, liebenswürdige, verzeihen Sie, daß ich noch einmal darauf zurückkomme, Ausspruch des Herrn Rektor Bartsch gestern an meine Ohren drang, der da sagte, daß ich, wenn ich hier zur Anthroposophischen Gesellschaft komme, wie der Vater empfunden werde — ich mußte ja sagen, es ist schon etwas daran. Aber da werde ich als der Vater angesprochen — Väter sind alt, die können nicht mehr ganz jung sein. In Dornach hatte ich gerade, als wir mit der Jugendsektion anfingen, die Anregung gegeben, es sollten sich die jungen Leute von sich aus klipp und klar aussprechen. Da traten eine Anzahl junger Leute auf und sprachen sich sehr schön und ehrlich aus. Da sprach ich mich auch. aus. Nachher, als die ganze Sache zu Ende war, sagte mir jemand, der mich sonst ganz gut kennt, nachdem er sich das auch angehört hatte: «Sie sind dennoch der jüngste unter den Jungen gewesen.» So etwas kann einem heute passieren: da wird man als der alte Vater angeredet, da als der jüngste unter den Jungen. Da können doch die Begriffe nicht mehr ganz fest stehen. Also wissen Sie, wenn man so die Sprossen hinauf- und hinunterklettert, bald als das Väterchen, bald als der jüngste unter den Jungen, hat man gerade Gelegenheit, in das hineinzuschauen, was alles die Gemüter bewegt.

[ 11 ] Nun, ich sagte, die Jugendsektion sei in eine Stagnation hineingekommen. Sie wird schon wieder herauskommen. Sie ist aus dem Grunde hineingekommen, weil es zunächst wirklich dem jugendlichen Gemüte außerordentlich schwer wird, sich in das auch hineinzudenken, was es ganz klar fühlt. Sehen Sie, unsere Zivilisation hat mit dem Geist den Menschen verloren! Und wenn ich jetzt mehr von den Hintergründen des Daseins spreche, so sehe ich doch, daß junge Menschen, die erst vor kurzem aus der geistigen Welt zum physischen Dasein heruntergestiegen sind, eben mit ganz anderen Forderungen an das Leben heruntersteigen als die, die früher heruntergestiegen sind. Warum ist das so? Sie brauchen mir das ja nicht zu glauben. Aber mir ist es eine Erkenntnis, nicht bloß ein Glaube. Sehen Sie, man macht, bevor man zum physischen Erdendasein heruntersteigt, in der geistigen Welt allerlei durch, was inhaltsvoller, gewaltiger ist als das, was man auf der Erde durchzumachen hat. Damit soll das. Erdenleben nicht unterschätzt werden. Die Freiheit könnte sich nie entwickeln ohne das Erdenleben. Aber großartiger ist das Leben zwischen Tod und Geburt. Die Seelen, die heruntergestiegen sind, das sind die Seelen, die in Ihnen sind, meine lieben Freunde. Die waren wirklich ansichtig einer hinter dem physischen Dasein verlaufenden ungeheuer bedeutungsvollen geistigen Bewegung in überirdischen Regionen, derjenigen Bewegung, die ich innerhalb unserer Anthroposophischen Gesellschaft die Michael-Bewegung nenne. Es ist so. Ob es der heutige materialistische Mensch glauben will oder nicht, es ist so! Und die führende Macht für heute, für unsere gegenwärtige Zeit — man könnte sie ja auch anders nennen, ich nenne sie die Michael-Macht —, strebt eigentlich innerhalb der geistigen Führung der Erde und der Menschheit nach einem Neugestalten alles Seelenhaften auf der Erde. Die Menschen, die im 19. Jahrhundert so gescheit geworden sind, ahnen ja gar nicht, daß von der geistigen Welt aus die Seelenverfassung aufgegeben ist, die gerade als die aufgeklärteste im 19. Jahrhundert sich herausgebildet hat, daß der ein Ende gesetzt ist, daß eine Michael-Gemeinschaft von Wesen, die niemals auf die Erde kommen, aber die Menschheit leiten, danach strebt, eine neue Seelenverfassung in die Menschheit hineinzubringen. Der Tod der alten Zivilisation ist eben einmal gekommen.

[ 12 ] Ich habe es in der Zeit, in der die Dreigliederungsbewegung war, die eben an dem Tode der alten Zivilisation gescheitert ist, öfters gesagt: Wir haben heute keine Dreigliederung im öffentlichen Leben nach Geist, nach Jurisprudenz und so weiter und nach Wirtschaft, sondern wir haben eine Dreigliederung nach Phrase, Konvention und Routine. Phrase ist das, was als das geistige Leben auftritt, und Routine — nicht Menschenwohlwollen, Menschenliebe, wie sie herrschen soll im Wirtschaftsleben — ist das, was das Wirtschaftsleben beherrscht.

[ 13 ] Diese Seelenverfassung, in der die Menschen darinnenstecken, diese Seelenverfassung soll durch eine andere abgelöst werden, die wieder aus dem Menschen selber heraufkommt, die im Menschenwesen erlebt ist. Das ist das Streben von geistigen Wesenheiten, die, ich möchte sagen, durch die Zeichen der Zeit erkennbar sind und die Führung unseres Zeitalters übernommen haben. Die Seelen, die in Ihren Leibern auf die Erde heruntergezogen sind, die haben diese Michael-Bewegung gesehen und sind unter dem Eindruck der Michael-Bewegung heruntergekommen. Und hier lebten sie sich ein in eine Menschheit, die eigentlich den Menschen ausschließt, den Menschen zur Maske macht. Und so ist eigentlich die Jugendbewegung eine wunderbare Erinnerung an das vorirdische Erleben, an wichtigste Eindrücke dieses vorirdischen Lebens. Und hat man diese unbestimmten, unterbewußten Erinnerungen an das vorirdische Leben, diesen Anblick des Strebens nach einer Erneuerung der menschlichen Seelenverfassung, man findet nichts davon auf der Erde. Das ist, was eigentlich heute in jugendlichen Gemütern vorgeht.

[ 14 ] Die anthroposophische Bewegung ist dasjenige, was sich aus der Michael-Bewegung offenbart; sie hat das, was da gewollt wird, unter die Menschen zu bringen. Die anthroposophische Bewegung möchte hier auf der Erde von der Erde aus hinaufschauen zu der Michael-Bewegung. Die Jugend bringt sich die Erinnerung aus dem vorirdischen Dasein mit. Das führt schicksalsmäßig zusammen. So erschien mir alles das, was sich im Zusammenhang der Jugendbewegung mit der anthroposophischen Bewegung abgespielt hat, wirklich wie ganz innerlich, nicht bloß durch irdische Verhältnisse, sondern durch geistige Verhältnisse, insofern diese geistigen Verhältnisse zum Menschen gehören, gegeben zu sein. Aus diesen Untergründen heraus empfinde ich gerade diese Jugendbewegung als die, welche unendlich viele Hoffnungen erwecken kann für die Zukunft dessen, was man im richtigen Sinne als Anthroposophisches empfinden kann.

[ 15 ] Es tritt einem natürlich immer wieder das entgegen, was dadurch, daß sowohl anthroposophische Bewegung wie Jugendbewegung Anfänge sind, eigentlich auftreten muß. Wir haben ja die Freie Anthroposophische Gesellschaft neben der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland begründen sehen, und diese Freie Anthroposophische Gesellschaft hatte, da das auch sein muß, eine Vorstand sich erkoren oder gewählt. Ich glaube, es waren sieben Mitglieder im Vorstand — es sagt jemand, es seien neun — ach, gar neun; nun, sehen Sie, es waren neun, aber es ist einer nach dem andern bis auf drei, die zuletzt übrig geblieben sind, so hinauskomplimentiert worden; alles ganz verständlich, ganz richtig verständlich. Die Freie Anthroposophische Gesellschaft wollte im wesentlichen das Jugenderlebnis erfassen. Nun kam es zur Diskussion über das Jugenderlebnis. Da bestritt man eben einem nach dem andern, die da im Vorstand waren, daß er das rechte Jugenderlebnis haben könnte. Es blieben drei zurück, die diskutierten selbstverständlich untereinander, ob alle das Jugenderlebnis hätten. Auch da tritt etwas ganz Merkwürdiges auf, schicksalsmäßig Hindeutendes tritt zwischen der Jugendbewegung und der anthroposophischen Bewegung zutage. Es tritt spaßhaft auf, ist aber sehr ernsthaft. Denn wenn man über die großen Schicksalsfragen nachforscht, kommt man auf sehr bedeutende Dinge, und da zeigt sich oft symptomatisch die Größe des Schicksals. Als wir die Anthroposophische Gesellschaft begründet hatten, hatten wir auch Vorstandsmitglieder, die zankten sich furchtbar, und mir war es klar, daß dann einige allein dastehen werden, wenn sie die andern hinauskomplimentieren würden; aber daß es damit nicht zu Ende kommen würde, sondern daß dann die linke Seite mit der rechten in Streit kommen würde, die linke Seite eines Menschen mit der rechten Seite eines Menschen, ob die rechte oder die linke das Jugenderlebnis wirklich habe. Das schaut wie Ironie aus, ist es aber nicht. Aber es weist nur darauf hin, daß das, was heute Jugenderlebnis genannt werden muß, tief unten in der Seele liegt, und es ist das Bedeutsame in dem Jugenderlebnis, daß es nicht unbedingt in klare Worte gefaßt werden kann. Klare Worte sind in der Zeit der Gescheitheit so viele gesprochen worden! Es kommt darauf an, daß wir eben zu Erlebnissen kommen. Aber da sollte es dann auch schon so sein, daß, ich möchte sagen, das auch auftritt, was notwendig zu diesem Nicht-zu-klaren-Formen-und-so-weiter-Kommen dazugehört. Der Anspruch auf das Recht, im Unbestimmten zu beharren, ist eben vorhanden. Ein anderes muß hinzukommen: sich wirklich nicht unter dem Eindruck der Unklarheit auseinanderzutrennen, sondern zusammenzugehen und sich zu äußern.

[ 16 ] Insoweit Sie, meine jungen Freunde, hier zusammensitzen, möchte ich eigentlich vor allem den Wunsch aussprechen, daß Sie alle, was Sie auch fühlen, denken und empfinden mögen, mit eisernem Willen zusammenhalten, richtig zusammenhalten. Das brauchen wir vor allen Dingen, wenn wir in den großen Lebensfragen heute etwas erreichen wollen. Da können wir gar nicht immer darauf hinschauen, ob der eine ein bißchen eine andere Meinung hat als man selber. Es handelt sich wirklich darum, daß man sich zusammenfindet auch in der größten Differenz der Gefühle und Empfindungen. Das wird vielleicht später die schönste Errungenschaft sein, daß man in der Jugend trotz der Differenz in den Empfindungen zusammenzuhalten wußte. Es ist ja heute für den jungen Menschen wirklich so, daß er vor allen Dingen vermißt, den Menschen zu finden. Er fand unter dem, wo er hineingesteckt wurde, eben nicht den Menschen, weil der Mensch erstorben ist. Masken sind da, nicht Menschen! Überall Masken! Nun trat natürlich das hervor, was hervortreten mußte. Man suchte den Menschen! Und das ist etwas ungeheuer Ergreifendes. Denn all die verschiedenen Pfadfinderbewegungen, Wandervogelbewegungen und so weiter sind alle ein Suchen nach dem Menschen. Man sucht sich zusammenzuschließen. Jeder sucht beim andern den Menschen. Es ist ganz begreiflich. Weil geistig der Mensch eigentlich nicht mehr da war, so sagte man sich: Aber ich fühle doch, der Mensch muß doch da sein. Nun suchte man den Menschen, suchte ihn vor allen Dingen im Zusammenschluß. Aber das hat das dürfen wir nicht aus den Augen verlieren — etwas ungeheuer Tragisches gehabt. Viele junge Leute haben diese Tragik durchgemacht. Sie sind in den Zusammenschluß eingetreten und haben gemeint, den Menschen zu finden. Der Zusammenschluß erfüllte sie nicht mit irgend etwas, was sie suchten; sie wurden um so einsamer wiederum. Und diese zwei Phasen der Jugendbewegung sind deutlich hervorgetreten: die Phase der Geselligkeit, die Phase der großen Einsamkeit. Wieviele junge Leute sind heute da, die wirklich mit dem Bewußtsein, nirgends verstanden zu werden, einsam durch die Welt ziehen.

[ 17 ] Nun ist es so, man kann im anderen Menschen den Menschen nicht finden, wenn man ihn nicht auf geistige Weise zu suchen versteht, denn der Mensch ist einmal ein geistiges Wesen, und wenn man dem Menschen nur äußerlich gegenübertritt, so kann man ihn nicht finden, auch wenn er da ist. Es ist ja heute jammervoll, wie die Menschen eigentlich im Leben aneinander vorbeigehen. Gewiß, man schimpft heute mit Recht auf frühere Zeiten. Es ist vieles, was barbarisch war. Aber etwas war da: der Mensch fand den Menschen im anderen Menschen. Das kann er heute nicht. Die Menschen, die heute Erwachsenen, gehen alle aneinander vorbei. Keiner kennt den anderen. Es kann nicht einmal einer mit dem anderen leben, weil keiner dem anderen zuhört. Jeder schreit dem anderen etwas in die Ohren: seine eigene Meinung, und sagt dann, das ist meine eigene Meinung, das ist mein Standpunkt. Man hat heute wirklich lauter Standpunkte. Mehr Inhalt ist nicht da, denn das, was von den Standpunkten aus geltend gemacht wird, ist gleichgültig. Diese Dinge mit dem Herzen, nicht mit dem Verstande angesehen, die vibrieren durch die Jugend. Und deshalb können Sie sicher sein, die Empfindung muß richtig sein, daß etwas von Schicksalszusammenhang zwischen Jugendbewegung und anthroposophischer Bewegung besteht, daß nicht, weil man das auch probieren wollte, nachdem man vieles probiert hatte, die jungen Leute an die Anthroposophie herankamen, sondern aus einem Schicksal kamen sie heran. Und das gibt mir die Gewißheit, daß wir werden zusammenarbeiten können. Wir werden uns zusammenfinden, und wie auch die Dinge sich entwickeln, sie müssen sich so entwickeln, daß vor allen Dingen das Menschliche im weitesten Sinne, das in der Jugend lebt, zur Geltung kommt. Denn sonst kommt etwas ganz anderes, wenn nicht wirklich Geist aus dem jugendlichen Leben hervorquillt. Dann ist allerdings das jugendliche Leben da, man wird das Jungsein empfinden können, aber dieses Jungsein, ohne von Geist erfüllt zu sein, das hört im Anfang der Zwanzigerjahre auf. Denn physiologisch können wir die Jugend ja doch nicht erhalten. Wir müssen schon alt werden, aber wir müssen aus der Jugend ins Alter etwas hineintragen können. Wir müssen das Jungsein auch so verstehen, daß wir mit ihm in der richtigen Weise älter werden können, und ohne vom Geist in der Seele, in der tiefsten Seele berührt zu werden, kann man die Jahre zwischen zwanzig und dreißig doch nicht überstehen, ohne in das graue Seelenelend zu verfallen. Und das ist das, was zugleich meine große Sorge ausmacht. Diese besteht darin: Wie können wir zusammenarbeiten so, daß der Abgrund zwischen dem zwanzigsten und dem dreißigsten Jahr von unserer Jugend wirklich lebendig überschritten wird, ohne daß sie ins graue Seelenelend hineinkommt. Ich habe die Menschen schon kennengelernt, welche in der Mitte der Zwanzigerjahre ins graue Seelenelend hineingekommen sind. Denn im Grunde genommen ist das, was nach dem Ablauf des Kali ‚Yuga in den Untergründen der jugendlichen Seele lebt, der Schrei nach dem Geistigen. Es ist schon richtig, das macht nichts aus, daß unter Ihnen viele sind, die nicht in der Anthroposophischen Gesellschaft sind. Ich war bis zu Weihnachten auch nicht darinnen. Da ich Vorsitzender werden mußte, mußte ich in sie eintreten. Darauf kommt es nicht an. Es kommt darauf an, daß man nach dem wirklich konkreten Geistigen sieht.

[ 18 ] Mit diesen Worten wollte ich Ihnen eine kleine Einleitung geben. Ich hoffe, daß Sie vieles werden zu sagen haben. Sprechen Sie sich unverhohlen aus, wählen Sie sich einen Vorsitzenden oder tun Sie das, wie Sie wollen. So habe ich auch die Dornacher Jugend gebeten, sich offen auszusprechen, damit wir zusammenarbeiten können. Der Dornacher Vorstand wird sicher aufmerksam zuhören, und wir werden das alles als gute Lehren für die Jugendsektion am Goetheanum entgegennehmen, was Sie selber zu sagen haben. Wir wollen uns nicht väterlich, sondern recht «söhnlich» verhalten zu dem, was Sie zu sagen haben.

[ 19 ] Frage: Einer der jungen Freunde erzählte davon, daß sie gerne etwas Gemeinsames arbeiten wollten. Dieses gemeinsame Arbeiten sei ihnen aber schwer geworden; am besten seien ihnen die Weihnachtsspiele gelungen. Sie würden immer nach kurzer Zeit müde werden, sie fühlten sich von ihrem Beruf zerrieben. — Dann wurde noch über die Michaels-Idee gesprochen.

[ 20 ] Rudolf Steiner: Wie kann man sich in den Beruf hineinstellen, wiederum mit innerlicher Freude in dem Beruf darinnen richtiger Mensch sein? Ja, sehen Sie, diese Dinge sind ja nicht so ganz leicht zu beantworten, meine lieben Freunde, aber man darf vielleicht etwas zu der Antwort beitragen, wenn man diese Dinge als Erlebnis kennt. Sehen Sie, ich habe so manche Freunde gehabt, als ich so alt war wie Sie. Die warfen dazumal auch die Frage auf, wie kann man sich in den Beruf hineinstellen, ohne in der Freudlosigkeit zu vergehen, ohne gewissermaßen das Seelische zu ertöten. Sie haben sich dann, nachdem sie alle — dazumal nannte man es Brauseköpfe, wenn einer sich frei entwickeln wollte — lange frei gebummelt hatten, in irgendeinen Beruf hineingeschoben, aber sie verkümmerten seelisch furchtbar. Ich möchte nicht gern von mir selber reden, aber in diesem Falle muß ich es. Ich habe mich in keinen Beruf hineingestellt, denn hätte ich es getan, es wäre zu keiner anthroposophischen Bewegung gekommen. Um das Vermächtnis Goethes zu gestalten, durfte man in keinem Beruf darinnenstehen. Man muß das Leben gestalten. Deshalb darf ich aus meinem Leben heraus einiges sagen zur Beantwortung der Frage. Das Problem kann nicht gelöst werden, sich in den heutigen Beruf hineinzustellen und innere Lebensfreudigkeit zu behalten. Deshalb muß man sich aber doch in die heutigen Berufe hineinstellen, denn es gehört Resignation dazu, sich in keinen Beruf hineinzustellen. Dazu müssen Sie sich schon aufschwingen einzusehen, daß es nicht möglich ist, sich in die heutigen Berufe hineinzustellen mit Lebensfreudigkeit oder Befriedigung. Das wird erst möglich sein, wenn das Berufsleben so beschaffen ist, daß es dem Menschen angemessen ist. Darauf muß verzichtet werden, sich in einen heutigen Beruf hineinzustellen und lebensfreudig zu sein. Sie müssen das Problem jenseits des Berufes lösen. In der wenigen Zeit, die Ihnen der Beruf übrig läßt, müssen Sie sich aber um so intensiver anstrengen. Es ist außerordentlich wohlig, und ich gebe Ihnen ganz recht in dem, was Sie gesagt haben von der anderen Seite her, Weihnachtsspiele zu spielen und daran Freude zu haben; aber ich habe Leute kennengelernt, die auch zu den Weihnachtsspielen kamen, auch dabei waren und mittaten, die hatten nicht nur auf dem Körper, sondern auch auf der Seele graue Haare. Dazu braucht man nicht jung zu sein.

[ 21 ] Die Anthroposophie hat eine Eigentümlichkeit. Wenn Sie heute ein strebsamer Mensch sind, und sich ein bißchen bilden wollen, nehmen Sie das auf, was in den Büchern steht. Was für Ansprüche macht die Literatur? Sie macht den Anspruch, daß sie eindeutig ist. Wenn Sie ein wissenschaftliches Buch nehmen, ist es egal, ob Sie achtzehn, fünfundzwanzig, siebenunddreißig oder achtzig Jahre alt sind. Die Wahrheit soll überall auf Sie wirken. Das soll absolut wahr sein. Das ist bei der Anthroposophie nicht so. Die Anthroposophie werden Sie als achtzehnjähriger Mensch anders aufnehmen wie als sechsundzwanzigjähriger, weil sie mit Ihnen wächst. Sie schmiegt sich an den Menschen an in seiner Jugendlichkeit und auch in seinem Alter. So wie der Mensch selber alt wird, wird auch die Anthroposophie alt. Wenn man sich in dieser ganz neuen, nennen Sie es Weltauffassung, Seelenverfassung, wie Sie wollen, wenn man sich in dem ganz Neuen ergeht, Gemeinschaften gestaltet, um gerade das leben zu lassen in der Gemeinschaft, wird man schon darauf kommen: Da kann man jung sein und kann sich in richtiger Weise hineinfinden, so daß die Dinge sich auch jugendlich auswirken. Die alten Leute machen uns ja ohnehin den Vorwurf, daß Sie die Anthroposophie nicht verstehen. Ein gutes Zeichen für die Anthroposophie! Man soll sie nicht verstehen, man soll sie erleben. Und dieser letzte Konservatismus muß auch noch verschwinden, daß man glaubt, man kann sich in die heutigen Berufe mit Freude hineinfinden. Man muß neben dem Beruf einen Weg finden und für diesen Weg so viele Menschen finden, daß eine solche Kraft entsteht, daß die Berufe neu gestaltet werden können. Denn nur in neugestalteten Berufen kann man sich freuen.

[ 22 ] Daß diese Kraft entsteht, dazu kann viel geschehen, wie ich es Ihnen in der Michaels-Kraft charakterisiert habe. Die muß sich aber in grandiosen Michaels-Festlichkeiten ausleben. Wir müßten es wirklich dahin bringen, daß das aufkeimende Leben der Zukunft, das von uns noch ganz embryonal gefühlt werden kann, in Festen der Hoffnung, in Festen der Erwartung entstehen kann. In Festen, wo man nur durch Hoffnung und Erwartung zusammengehalten wird, nicht durch scharf konturierte Ideale, müßte man gerade in diesen Festen dieses Bild vor sich haben des Michaels mit den Führeraugen, der weisenden Hand, mit dem geistigen Rüstzeug. Solch ein Fest muß entstehen. Warum ist es nicht entstanden? So fest ich hinweisen werde, daß dieses Fest aus dem Schoße der anthroposophischen Bewegung hervorgehen muß, so fest werde ich es auch zurückhalten, so lange nicht die Kraft da ist, es würdig zu halten. Denn spielerisch es zu machen, dazu ist die Zeit zu ernst. Wenn es in würdiger Weise gefeiert wird, wird es große Impulse in die Menschheit hineinsenden. Daher müssen wir so lange warten, bis die Kraft dazu da ist. Nicht bloß ein vages, blaues, dunstiges Erbauen an der Michaels-Idee soll da sein, sondern das Bewußtsein, daß eine neue Seelenwelt unter den Menschen begründet werden muß. Es ist tatsächlich das Michaels-Prinzip das Führende. Dazu gehört gemeinschaftliches Erleben, um gerade auf eine Michaels-Festeszeit hinzuarbeiten, wo “dann der Geist der Hoffnung in die Zukunft, der Geist der Erwartung leben kann. Das ist schon etwas, was walten kann und nach dem Beruf eine große Befriedigung gewähren kann, daß man schon mit Resignation in den Beruf hineingehen kann. Es soll Sie das nicht verstimmen, sondern anregen.

[ 23 ] Frage: Man wird gezwungen, während des Berufes ein anderer Mensch zu sein. Am Abend macht man Übungen, klettert die Leiter hinauf und wird am Tage wieder hinuntergezogen.

[ 24 ] Rudolf Steiner: Man kann das auch nicht hineintragen in den Beruf, weil heute viel zu wenig Menschen sind, als daß eine wirkliche Kraft entstehen kann. Das würde bewirkt werden, wenn alle die, die das, wenn auch noch so dunkel, fühlen, daß etwas anderes zu-erwarten ist, nach einer Vereintheit streben würden. Wenn Sie sich heute in irgendeinem Beruf drinnen befinden, nicht wahr, das wissen Sie ja doch ganz klar, sind noch eine ganze Anzahl anderer darinnen, die das nicht so fühlen wie Sie. Diese Menschen haben auch gar nicht das Bedürfnis, den Abend irgendwie in Jugendbewegungsversammlungen zuzubringen; sie stehen in dem Beruf so darinnen, daß sie eigentlich darinnen zufrieden sind, weil sie gar nicht das Zeug haben, unzufrieden zu sein; sie wollen gar nicht, daß der Beruf ihnen Freude macht. Etwas Charakteristisches ist da in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgetreten. Bei wissenschaftlichen Versammlungen bin ich zur Verzweiflung getrieben worden. Solange man die paar Stunden von offiziellen Verhandlungen hatte, wurde wissenschaftlich verhandelt. Dann setzte man sich zusammen, und wer nun aus dem Beruf heraus ein Sterbenswörtchen sagte, der wurde für einen Philister angesehen. Diejenigen unter ihnen, die keine Philister sein wollten, sie waren es erst recht. Die hatten immer das Wort auf den Lippen: Nur nicht fachsimpeln! Das zeugt dafür, daß man sich überhaupt gar nicht interessierte für das, was man berufsmäßig trieb. Das ist auf allen Gebieten so. Die Menschen sind zum großen Teil Opfer der Zeit; sie wären auch für etwas Besseres zu gewinnen. Dazu gehört eben, daß noch mehr Macht in den geistigen Bewegungen der Zeit zutage treten kann, damit nicht diejenigen, die den Beruf als niederdrückend empfinden, dastehen und erdrückt werden durch die anderen, die gar nicht solche Bedürfnisse haben. Also je mehr wir darauf verzichten, schon morgen etwas zu erreichen, um so mehr wir uns bemühen, emsig zu arbeiten in dem, was sein soll zunächst eine geistige Gemeinschaft, die auf etwas hinarbeitet, desto besser wird das sein. Das ist das, was wir ins Auge fassen müssen.

[ 25 ] Frage: Gegensatz von jung und alt. Die alten Anthroposophen wollen nur den Geist in sich hineinzerren. Die jungen wollen herausgestalten. Die andern wollen bremsen; sie äußern sich spöttisch über das, was die Jugend schafft.

[ 26 ] Rudolf Steiner: Es brauchte der Gegensatz zwischen jungen und älteren Leuten nicht so stark hervorzutreten. Da scheint mir doch das Richtige das zu sein, was ich gesagt habe, daß man versuchen soll, weil es ja schon gegenwärtig unmöglich ist, alle über einen Leisten zu schlagen, auch gegen den andern, sagen wir, tolerant zu sein. Es ist ganz gewiß, daß man ja auf der einen Seite anstreben wird, wenn man dazu das nötige Temperament hat, mit dem, was da ist, auch nach außen in die Welt hineinzuschauen, hineinzureichen. Es wäre traurig, wenn es nicht so wäre. Aber auf der andern Seite liegt da auch ein beträchtlicher Unterschied in der Stärke vor. Es wird stärkere Elemente geben, die werden in der Lage sein, manches früher durchzuführen, als die andern sich getrauen. Aber zu etwas Durchgreifendem wird man doch nur kommen, wenn sich die verschiedenen Schattierungen zusammenfinden. Man kann sich zusammenfinden. Da könnte die anthroposophische Bewegung viel tun; sie tut es nur leider nicht.

[ 27 ] Ich glaube schon, wenn die Jugendbewegung in die Anthroposophie hineinfinden wird, werden die verschiedenen Nuancen schon zur Geltung kommen. Was von mir abhängt, so wird niemals etwas gegen die Jugendbewegung eingewendet werden, die von der Temperamentslage ausgeht, die Sie vertreten haben. Ich möchte am allerwenigsten einwenden dagegen. Nur habe ich in meiner Jugend gesehen, wie stark man da gegen Widerstand anstößt und sich die Stirne blutig schlägt. Es ist gut von denen, die es wollen, aber wissen Sie, es ist schon einmal nicht jedermanns Sache, so, ich möchte sagen, von vorneherein auch wirklich sich dem unbestimmten Schicksal auszusetzen. Aber ist man in der Lage, in dieser Richtung wieder zu wirken, dann weniger dadurch, daß man die anderen, die es nicht so machen, kritisiert, sondern, daß man auf das hinweist, was wirklich geschaffen worden ist. Es handelt sich durchaus darum, auf das Positive hinzuweisen, was in dieser Richtung schon geschaffen wurde. Das ist, wie ich glaube, auch unter der Jugend viel zu wenig bekannt; es bleibt in kleinen Kreisen. Und das ist das Gefährliche, wenn es auch in der Jugend dadurch, daß es in der Jugend hervortritt, nicht in so krasser Form wie in den Sekten auftritt. Es darf nichts Sektiererisches vorkommen. Es muß das allgemein Menschliche darin walten.

[ 28 ] Frage über die verschiedenen Altersstufen, die versammelt sind, zwischen achtzehn und fünfundzwanzig Jahren, und die verschiedenen Bildungsgrade der Berreffenden.

[ 29 ] Rudolf Steiner: Daß das so ist, daran ist im Grunde genommen nur das schuld, daß in unserer Zivilisation der Egoismus eine so ungeheuer starke Rolle spielt. Es ist den Menschen nicht möglich, sich in den andern hineinzufühlen. Ein jeder redet und tut nur aus sich heraus. Denken Sie nur, wie das sofort anders ist, wenn man sich in den andern hineinfühlen kann. Nehmen wir an, es ist einer in den sechziger Jahren und er redet mit einem fünfjährigen Knaben. Eigentlich finde ich, daß das fünfjährige Kind sich viel mehr in den Sechzigjährigen hineinfindet als der Sechzigjährige sich in das Kind. Das Hineinkriechen in den andern, das ist das, was man lernen muß. Das kann man durch Anthroposophie, weil sie biegsam ist. Wenn wir durch geistige Interessen zusammengehalten werden, dann verschwindet der Altersunterschied zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig leicht, namentlich, wenn man eine Weile zusammen ist. Wenn man aber nur durch die egoistischen Interessen zusammengehalten ist, dann verstehen die Fünfzehn- und die Fünfundzwanzigjährigen sich nicht. Es handelt sich um die Überwindung des Egoismus. Man muß sich in etwas Objektives hineinfinden. Egoismus ist die Signatur des Zeitalters. Wenn wir anfangen uns rechtschaffen für den Menschen zu interessieren, so kann das nicht fortdauern. Den Egoismus überwindet man gründlich, wenn man ihn zuerst überwindet bei etwas, was so schwer in die Seele eingeht wie die Anthroposophie. Da muß man sich auf sein Inneres beziehen. Da streift man den Egoismus ab und kann dann schon in den anderen hineinfinden. Das tritt als eine Frucht auf.

[ 30 ] Daß Sie sich nicht verstehen können, hat den Grund, weil Sie nicht den Menschen haben. Wenn einer kein Mensch ist, sondern eine Schablone, wie man heute mit fünfundzwanzig Jahren ungefähr ist, wie soll er den anderen Menschen verstehen? Wenn man Akademiker ist, ist man mit fünfundzwanzig Jahren nicht ein Mensch, sondern ein Kleiderstock, an dem das Abiturientenexamen hängt und die Angst vor dem letzten Abschlußexamen. Man ist mit fünfzehn Jahren ein Kleiderstock, an dem noch die Klassenzeugnisse hängen, die von den Eltern unterschrieben werden müssen. Die verschiedenen Gegenstände verstehen sich nicht, aber sobald wir an den Menschen kommen, verstehen wir uns. So ist es mit den Berufen, mit den verschiedenen Berufen. Wir sind nicht mehr rechtschaffene Menschen, wir sind tatsächlich das, was ein Abklatsch der verschiedenen Verhältnisse ist. Und darin liegt das Bedeutsame der Jugendbewegung, daß sie das abgestreift hat, daß sie Menschen will. Das tritt einem doch bei diesen Menschen entgegen. Wenn sie aus dem Beruf draußen sind, wollen sie Menschen sein. Das werden sie werden, wenn sie von solchen Dingen klar durchdrungen sind.

[ 31 ] Hermann Bahr schildert, wie es ihm ergangen ist, wenn er in eine Großstadt kam. Er wurde überall eingeladen, am Sonntag, am Montag, und nun — nicht wahr, ja, er konnte die Damen, die am Tische links saßen, und die Damen, die rechts saßen, nicht voneinander unterscheiden; er konnte die Damen vom Sonntag nicht von den Damen vom Montag unterscheiden. Es kam ihm alles durcheinander. Ja, sehen Sie, wenn man eben in solche Gesellschaften kommt, da schauen sich die Leute so ähnlich, weil sie alle ein Abklatsch dieser Verhältnisse sind.

[ 32 ] Frage: Soll man den Beruf fallenlassen und sich nur der Anthroposophie widmen, oder kann man den Beruf durchwärmen?

[ 33 ] Rudolf Steiner: Das ist eine individuelle Sache. Man soll nie davor zurückschrecken, das, was man als das Richtige erkannt hat, auszuführen. Einmal kann man es, einmal kann man es nicht. Wenn man es kann, soll man einen Riecher dafür haben und es auch tun. Natürlich, man kann auch Märtyrer werden. Nur soll das keine allgemeine Regel werden. Denn dann kommt man nicht vorwärts, oder wenigstens müßte das dann eine allgemeine Regel werden. Aber wenn bloß unter hundert ein Prozent zum Märtyrer bereit sind, dann kommt man nicht weiter, weil das die anderen zunichte werden lassen. Das läßt sich nur individuell beantworten. Ich habe es in meinem Leben individuell beantwortet, indem ich nie in einen Beruf hineingegangen bin. Gewiß, Sie können sagen, dadurch weiß ich nicht, wie man einen Beruf fördern kann. So neben denen, die da waren, stand ich ja schon auch. Aber es ist schon so geworden, daß das Berufsleben etwas Erstarrtes hat, daß es außerordentlich schwierig ist, bei der Kompliziertheit der Lebenszusammenhänge heute in irgendeinem Beruf viel auszurichten. Hat man einen Riecher, kann man es tun.

[ 34 ] Frage: Es wurde erzählt, daß man Einzelgruppen gebildet hatte, weil man nicht jung und alt vereinen konnte. Wiederum Frage nach dem Beruf.

[ 35 ] Rudolf Steiner: Es ist nicht viel anzufangen mit dem Beruf, wenn man Mensch sein will. Man muß resignieren und neben dem Beruf ein selbständiges Leben entfalten. Was der Herr hier sagt, kommt aus einem Mißverständnis der Anthroposophie heraus.

[ 36 ] Der Fragesteller: Die Anthroposophie greife ich nicht an. Man muß verstehen können, was die Jugendbewegung Gutes hat. Rudolf Steiner: Es handelt sich nur darum, daß gerade die Jugendbewegung an der Anthroposophie erfahren kann, erleben kann, wie man mit Ausschluß alles Negativen im Einklang mit dem ganzen Kosmos positiv wirken kann. Denn Anthroposophie schließt ihrem Wesen nach, da sie von keinem angenommen wird, der sie nicht erleben kann, ein unfreies Wirken aus. Ich bin nie darauf ausgegangen, für Anthroposophie zu agitieren. Ich sagte, was ich wußte. Ich wußte, wenn ich zu tausend spreche, so werden es zunächst nur fünf sein, bei denen die Sache wirklich anfaßt. Ich machte mir nie etwas daraus, denn bei den Heringen im Meer geht es auch so. Da werden auch aus tausend Eiern, die ausgestreut werden, nur zwei oder drei wirkliche Heringe. Wer auf den Erfolg sieht, kann den Erfolg nie haben. Man muß aus der Sache heraus wirken. Das meine ich, sollte Platz greifen, daß man einen jeden tun läßt, was er tun kann, und eben nicht zu ablehnend ist, nicht zu stark sagt: Das sollte die Jugend nicht sein, das sollte die Jugendbewegung nicht sein. Es sollten möglichst viele zusammensein, jeder aus seiner Individualität heraus das zu tun, was er kann.

[ 37 ] Der Unterschied zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig wird schon überwunden werden, wenn alle jung sind, und jung sind schon alle. Das ist nicht so schlimm, was differiert. Die Grundform ist schon da. Andere, die bleiben draußen, die gehen ins Kino, die gehen doch nicht in die Vereinigungen der Jugend.

[ 38 ] Nun handelt es sich darum, daß vielleicht zu stark daran gedacht wird, daß man eine Form geben soll. Es handelt sich vielmehr darum, daß ein aufrichtiges Verhältnis von Mensch zu Mensch gewonnen wird als eine Form. Hat man sich lieb, so geht man da hin, wo man sich lieb hat, und sucht nicht nach einer Form. Vielleicht ist das gerade falsch, nach einer Form zu suchen. Es handelt sich darum, daß Sie sogar dann zusammenkommen, wenn Sie ganz uneinig sind; daß Sie gerne zueinander kommen, gerne beisammen sind. Und wenn dieses Rein-Menschliche, im Gefühl Liegende die Form gibt, ist das die gesündeste Form. Jedes programmäßige Formsuchen wird sogar die Jugendbewegung stören. Wir haben auch in bezug auf die Jugendsektion am Goetheanum an Mannigfaltiges gedacht, und es wird auch Mannigfaltiges hervorkommen, was Grundlage geben wird, sich mit den Dingen zu beschäftigen, wenn man über einen gewissen Punkt der Stagnation hinübergekommen sein wird.

[ 38 ] Wenn wirklich das nach dem Kali Yuga auftretende Streben nach dem Licht — es muß ja nicht ein abstraktes Geisteslicht sein — so stark in den Menschen ist, daß sie gar nicht anders können als dem zu folgen, dann brauchen wir nicht weitere Formen. Es ist nur störend, besondere Formen zu haben. Es muß in den Menschen das Lebendige zusammenkommen. Ich denke mir, wenn auch nur unter einer großen, großen Versammlung zwei oder drei sind, die ganz herzhaft begeistert sind für ihre Sache, wird man zusammenkommen, weil die zwei oder drei dort sind, weil die dort zu treffen sind. Es muß das Menschliche sein. Das wird ganz sicher gefunden werden, wenn wir nicht mit schlaffen Armen, schlaffen Beinen und schlaffen Gehirnen zusammenkommen, sondern mit Eifer und ernsthaft in unserem Innern etwas wollen. Und wenn wir von dem andern nicht erwarten, daß er uns amüsiert, sondern hingehen und selber etwas leisten wollen, daß wir etwas leisten wollen und vom anderen möglichst wenig erwarten, selber möglichst viel tun wollen, dann haben wir die Form. Es ist so schwer, über allgemeine programmatische Sachen zu sprechen. Es kommt auf das Leben an bei den Dingen, die im Leben stehen. Wenn man im Beruf darinnensteht und dann extra das machen soll, wird man müde im Beruf. Aber die Begeisterung ist notwendig, die heute für die Jugend deshalb so leicht drinnen sein kann, weil sie beim Alter so schrecklich fehlt. Es bewegt sich nicht, es fehlt die Begeisterung; das Alter hat Blei im Körper. Das kann in der Jugend schon Begeisterung hervorrufen, wenn Sie sich heute vornehmen, wirklich das, was Sie jeder denken, in der nächsten Zeit gemeinsam mit denen, die heute zusammen sind, zu besprechen. Da haben Sie schon Form genug, und wir werden allerlei Botschaften, allerlei Fragen vom Goetheanum ausgehen lassen. Da werden Sie wieder etwas zu tun haben, und so suchen Sie einfach Gelegenheit, um sich zu treffen, und schwänzen möglichst wenig die Versammlungen. Dann wird es schon werden; das gibt die beste Form. Es ist tatsächlich vielleicht sogar der erste Grundsatz in bezug auf die Formbildung: Wir haben so und so viele Freunde, die wollen als ersten Grundsatz betrachten, unsere Zusammenkünfte nicht zu schwänzen. Dann ist schon eine Form da. Frage nach der Wandervogeljugend.

[ 39 ] Rudolf Steiner: In Wirklichkeit braucht kein Gegensatz zu sein. Man geht in die Natur hinaus bei den Wandervögeln, man will die Eindrücke der Natur haben, man will an der Natur das Menschliche erleben und so weiter. Wenn man nachher, nachdem man das alles angestrebt hat und glaubt, es eine Zeitlang durchgemacht zu haben, in ein anderes Extrem verfällt, die Natur nicht mehr haben will und Bücher liest, dann hat man das erste auch nicht in der richtigen Weise gehabt. Heute kann der Mensch die ganze Welt durchwandern und sieht nichts. Man kann Ihnen die schönsten Exemplare von Italienreisenden, von englischen Wandervögeln zeigen, die gar nichts gesehen haben. Sie haben die Galerien angesehen, sie haben in Wirklichkeit nichts gesehen. Ich habe eine Anzahl von Wandervögeln gesehen, die den Drang gehabt haben, etwas zu sehen, die aber nichts gesehen haben.

[ 40 ] Um etwas zu sehen, muß man ein Herz haben. Wenn man aber schon in der Volksschule verhindert wird, ein ganzer Mensch zu sein, sieht man nicht, was in der Natur ist. Wenn man wieder darauf eingehen kann, was alles in der Natur ist, dann findet man auch in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» etwas anderes als andere. Dieses Buch ist durchaus nicht mit Ausschluß der Natur geschrieben, sondern durchaus im Anblick der Natur. Man hat gesagt, man könne meinem Stil ansehen, daß ich mit der Schreibmaschine schreibe, weil mir bei Tag die Zeit dazu fehle. Diese Kritik kann ganz gewiß nicht recht haben. Ich habe mir noch nie ins Bett, wo ich meine meisten ‚Sachen schreibe, eine Schreibmaschine gestellt. Das würde auch grotesk aussehen. Es kommt darauf an, wie die Sachen konzipiert sind. Sie sind durchaus im Anschauen der Natur konzipiert. «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» ist durchaus ein Wandervogelbuch. Ich sehe keinen Gegensatz, der beruht darauf, daß man weder das eine noch das andere ganz ist. Als Wandervogel die Natur erleben, dann wird man auch das Buch erleben, das gar kein Buch sein soll. Es schaut nur so aus. Aber man kann eben gewisse Dinge nur durch Druckerschwärze in die Welt setzen. Wenn die Jugendbewegung gelingt, werden wir auch über die Druckerschwärze hinwegkommen. Wir müssen zum Menschlichen kommen, nur, nicht wahr, die Anthroposophische Gesellschaft kann nicht alles auf einmal erreichen; sie tut schon viel dazu; es ist leider nicht gelungen. Es war meine Absicht, gewisse Dinge, die man von Mensch zu Mensch sagt, niemals drucken zu lassen. Ich bin so froh, daß heute keiner mitschreibt. Es haben sich immer wieder Leute gefunden, die nachgeschrieben haben. Das, was eine schlimme Nachschrift war, ist hinausgekommen, und so hatte ich doch wieder das Mittel zu finden, die Dinge drucken zu lassen.