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Die Erkenntnis—Aufgabe der Jugend
Aufsätze und Berichte aus den Jahren 1920 bis 1924 in Ergänzung zum «Pädagogischen Jugendkurs» von 1922
GA 217a

17 Juni 1924, Koberwitz

16. Ansprache während der Breslau-Koberwitzer Tagung

I

[ 1 ] Die Jugendbewegung von heute sucht wieder die Natur. Auch die anthroposophische Jugend sucht die Natur, aber sie sucht den Geist in der Natur. Als eine Art Appell an den Geist lebt dieses Suchen in den Herzen dieser Jugendbewegung. Aber es war gegenüber diesem Appell an den Geist in der Natur wenig Entgegenkommen in der aus den früheren Jahrhunderten stammenden Zivilisation. Denn die Menschheit hat nach und nach seit dem 15. Jahrhundert den Geist aus ihrem besonderen Weltenkarma heraus verlieren müssen. Nun ist dies so, daß man der Natur gegenüber am leichtesten den Geist verlieren kann, wenn man auf dem Wege ist, den Geist überhaupt zu verlieren. Denn bedenken Sie: der Natur ist beigegeben als die Grundbedingung ihres Werdens das Tote. Sie dürfen ja nicht vergessen, daß das Lebendige zu seinem Bestehen immer das Tote braucht. Denken Sie nur einmal, daß ja in allem Lebendigen eingelagert sein muß als Knochengerüst oder anderes Gerüst dasjenige, was aus dem Weltenall als das Tote aufgenommen wurde. Wir tragen daher den Tod unser ganzes irdisches Leben lang dadurch in uns, daß wir Unlebendiges, Totes haben müssen. Wir müssen Totes haben. In uralten Zeiten wußte man, daß dieses Tote gerade dasjenige ist, durch das sich das Lebendige die Offenbarungen des Geistigen erwirbt. Und noch aus lateinischen Zeiten klingt es heraus als ein Spruch wie dieser:

In sale sit sapientia.

[ 2 ] Die sapientia ruht in dem Salz. Und man fühlte in den Zeiten, in denen noch die Traditionen von der alten instinktiven hellseherischen Weisheit vorhanden waren, daß man in dem toten Salze, mit dem man sich die Knochen, auch das sonstige Gerüst bildete, schauen muß dasjenige, was einen als Menschen anders macht als diejenigen Wesen, die ringsherum sind, und die nicht in der Lage sind, durch leblose Gerüste genügend in sich aufzunehmen von dem, was geistiges Licht, was die sapientia ist. Aber wir leben wiederum in einer Zeit des Überganges, wo eben der junge Mensch fühlt, er finde auch in der Natur ringsherum gewissermaßen den Tod des Geistes, wenn er in dem Stil des letzten Jahrhunderts, mit den Traditionen des letzten Jahrhunderts sich dieser Natur nähert.

[ 3 ] Die Natur baut sich einen weisheitsgetragenen Kristall auf. Der weisheitsgetragene Kristall kann uns entzücken, wenn wir in die Natur hinauswandern. Aber wir müssen uns zugleich klar sein, daß ja Götter sterben mußten, nicht den Erdentod, sondern den Tod der VerwandJung, das heißt den Übergang ins Bewußtseinslose, um in den lichterglänzenden Kristallformen wieder aufzuleben. Und wir müssen es heute in unser Empfinden hineinbekommen, daß, wenn wir hinausschauen in das Tote, uns da hindurch das in der Natur für Jahrtausende unbewußt ruhende Götterleben entgegenleuchter. Wir müssen in unserer Seele die Möglichkeit finden, dieses Licht, das uns von der Sonne treffen kann, herzerquickend auch überall in der Natur als das Götterlicht zu fühlen und zu finden.

[ 4 ] Suchen wir heute die in jahrtausendelanger Zeit ruhende göttliche Seelenwelt in der ganzen himmelerglänzenden Natur ringsherum zu empfinden! Und da gibt es denn für die Seelen viel, viel zu suchen. Die Jugend von heute sucht alte, alte Erkenntnisse der Menschheit, jene alten Erkenntnisse, die schon zu den alten Saturnzeiten mit der Menschheit verbunden waren, die dann, als die Sonnen- und Mondenzeiten kamen, eintraten in eine Art von Weltenschlaf, in ein ruhendes Bewußtsein, um aus ihrer eigenen Geistsubstanz heraus die Grundlagen zu bilden für dasjenige, was Erdennatur ist. Und so ist die Erdennatur eigentlich für die Seele, die das nur ahnt, die aber nicht durch diese Erdennatur durchschauen kann zum Geist, so ist die Erdennatur auch im Sommer für das heutige jugendfühlende Herz wie eine Schneedecke, allerdings in hellen Geisteskristallen hinglänzend, aber in sich den Tod, das heißt, die Bewußtlosigkeit, tragend und die Seele auffordernd, tief unter der seelischen Eisdecke die aus noch älteren Zeiten herstammenden, feuerlodernden, vom Mittelpunkt der Erde ausstrahlenden lebendigen Worteswirkungen aus dem Irdisch-Natürlichen heraus zu empfinden.

[ 5 ] Es ist ein Kompliziertes, wenn es ausgesprochen ist, es ist aber ein elementar Einfaches, wenn es heute von der Jugend gesucht wird. Und wenn irgendwo ertönt der Appell an die Natur, dann kommt er heraus aus dieser Jugendseele. Sie will dann haben ein Erinnern, ein Sich-Verbinden mit dem Götterquell alles Erd- und Sternenhaften. Und das ist dasjenige, was man empfindet, wenn heute die Jugend wieder nach der Natur sucht. Es liegt etwas von einem tiefernsten Weltenkarma in der nach Natur und Geist suchenden Jugend von heute, etwas von Weltenkarma, was eigentlich nur im Ernste der Seele richtig ergriffen werden kann.

[ 6 ] Denken wir nur einmal, wie vor Zeiten — wir nennen sie heute die Rousseau-Zeit, wir haben sie auch in Deutschland gehabt, in einer nach der Natur glühenden Vorgängerschaft Goethes und Schillers, in der Sturm- und Drangzeit, die aber viel weitere Kreise damals ergriffen hat als die bloß literarischen —, denken wir zurück, wie da der Ruf nach der Natur auf eine literarisch-abstrakte Weise durch weite Gebiete der Zivilisation geklungen hat. Stellen wir uns nur einmal die intensiv warmen Appelle an die Natur, die aus Rousseaus Seele kamen, so recht vor. Ja, viele werden heute schon ergriffen, wenn sie jene Rufe nach der Natur vernehmen. Aber was ist auf diese Rufe an die Natur erfolgt? Natur, Natur möchten wir wieder haben, so riefen die jungen Leute.

[ 7 ] Goethe selbst rief hinein in einer fast greisenhaft bedächtigen Weise, daß es uns unheimlich ist: «Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen... Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf...» — Goethe wollte sich nicht zum Bewußtsein kommen lassen dasjenige, was da als Ruf nach der Natur bei den Rousseauisten und andern zum Vorschein kam. Und wenn man sich in den Goethe von damals hineinfühlt, dann bekommt man heute noch aus der Art und Weise, wie er gegenüber der Natur empfindet, und wie er an die Appelle der anderen herankam, etwas wie eine leise Gänsehaut, die über die Oberfläche des Menschen zieht, und man fühlt das Schauern, das er gerade bei diesem Rufe nach der Natur empfand. Dieser Ruf erschien Goethe als etwas Unnatürliches selber, und er wollte in den Kreislauf des Tanzes der Natur, ohne daß es von ihm erbeten ist, aufgenommen sein, und er empfand, die Natur bittet nicht, die Natur warnt auch nicht.

[ 8 ] Dann kam im 19. Jahrhundert die Erfüllung jenes Rufes nach der Natur. Es war das Wissen, das sogenannte Wissen von der Natur, das immer wieder ertönende Rufen nach der Natur im steifsten materialistischen Sinne nicht nur in bezug auf die Erkenntnis, in bezug auf alles Leben. Eine schauerliche Erfüllung des Rousseauismus kam so im 19. Jahrhundert wie ein Reich der Dämonen, die erst kicherten, als die Leute um Rousseau und die andern nach der Natur riefen, die dann hohnlachten, die Natur in einer ahrimanischen Gestalt, in der äußersten ahrimanischen Gestalt an die Menschheit herankommen zu lassen.

[ 9 ] Das ist der Hintergrund. Und wenn wir dann nach dem Mittelgrund sehen, dann kommt die Stimmung des tragischen Karma, jene Stimmung, wo etwas, was unten liegt in den Seelen der heutigen Jugend, nur unter den größten inneren Seelenschwierigkeiten heraufgeht in das volle Bewußtsein, etwas, was da unten seit dem Ablauf des Kali Yuga liegt. Dann muß dieser Appell an die Natur gefunden werden, dann muß das alte Götterwirken gefunden werden in alledem, was in der Natur erdet und strömet und luftet und feuert, und was über der Natur leuchtet und west und lebt. Gefunden werden muß er, dieser alte Geist der Natur. Aber wie wird vermieden dasjenige, was wie ein Regen wilder Dämonen, aber auch wie ein Regen wilder Täuschungen dem Ruf nach der Natur nachgefolgt ist im 19. Jahrhundert? Das darf nicht so sein! Das 20. Jahrhundert darf nicht ein materialistisches werden! Und so ruft die Stimme des Karma in den Seelen der jungen Leute von heute: Wenn Ihr werden laßt das 20. Jahrhundert matertalistisch, wie es das 19. war, dann habt Ihr vieles nicht nur von Eurer, sondern von der Menschlichkeit der ganzen Zivilisation verloren. — Das ist dasjenige, was man, wenn man solche Stimmen hören kann, empfindet und immer wieder und wiederum heute in mannigfaltigster Weise empfinden kann, wo die Jugendkreise sich versammeln. Das ist auch dasjenige, was gerade viele Mitglieder dieser Jugendbewegung in einem unbestimmten Fühlen doch so sicher macht, so daß gleichzeitig zu vernehmen sind in den jugendlichen Seelen Unbestimmtheiten, Unsicherheiten, Wege nach der einen, nach der andern Seite zu gehen, und zu gleicher Zeit heraus aus dieser Unbestimmtheit und Unsicherheit eine Sicherheit, die noch nicht ganz lichtvoll ist, die aber eine gewisse Kraft in sich trägt. Nur darf diese Kraft nicht gebrochen werden, muß nicht gebrochen werden. Dazu möchte aber Anthroposophie ihrerseits auch einiges tun, weil sie glaubt, den konkreten Geist in allen Einzelheiten zu vernehmen: in den Wurzeln der Pflanzen, in den Taten des Lichtes über den Pflanzen, in den seelischen Segnungen der Wärme durch die Pflanzen hindurch, weil sie glaubt, daß alles dasjenige, was wie ein mahnender Ruf zugleich der Menschheit beigegeben worden ist: die Tierheit, weil sie glaubt, daß an dieser Tierheit mannigfaches zu heilen ist. Tiere sind auf der Erde um der Menschen willen. Daß wir uns gegenüber den Tieren wie gegenüber aller Natur in der richtigen Weise verhalten, dazu ist notwendig, daß wir in aller Natur die einzelnen geistigen Wesen fühlen, empfinden und zuletzt auch erkennen.

[ 10 ] Das kann heute auch gefühlt werden, wenn die Notwendigkeit vorliegt, nicht im allgemeinen über den Geist zu sprechen, sondern wenn die Notwendigkeit vorliegt, das geistige Wirken bis in die einzelnen Maßnahmen des landwirtschaftlichen und des sonstigen heutigen natürlichen Betriebes zu suchen. Deshalb war es mir durchaus in tiefster Seele sympathisch, als da kam von Euch die Meinung, es könnte heute noch der eine oder der andere Gedanke gewechselt werden.

[Es folgte nun eine Aussprache. ]

II

[ 11 ] Sehen Sie, es ist die Sache so: Was heute noch diejenigen, die schon den Weg in die anthroposophische geistige Bewegung hinein gefunden haben, immer wieder in einem gewissen Sinne unsicher macht, was sie glauben machen muß, daß kräftige Stützen gesucht werden müssen, um den Weg zu finden nach dem, was man sucht: der Grund dafür ist eigentlich darin gelegen, daß junge Menschen, die mit vollem Herzen fühlen, wir müssen in einer neuen Art gegenüber dem, was uns an Weistümern aus den Jahrhunderten heraus entgegenkommt, den Weg zum Menschen suchen, fast immer wieder — wenigstens durch die äußeren Verhältnisse — zurückgeworfen werden in das alte Fahrwasser. Es konnte einem nicht klar dasjenige vor die Seele treten, was in unserer Zeit nach dem Kali Yuga offenbar unklar sein muß, was einem entgegengetreten ist als das ja in der neueren Zeit nicht offenbare, aber verborgene Suchen der Menschheit aus der «Natur» heraus in die Natur hinein, aus dem «Geist» heraus in den Geist hinein.

[ 12 ] Sehen Sie, unser lieber Freund Ritter sprach davon, wie er Bauernkind war und aus dem Bauerntum herausgewachsen ist. Man konnte dieses Herauswachsen aus dem Bauerntum gerade in der Zeit in seiner ganz urphänomenalen Bedeutung erleben, die sich abgespiegelt hat, als Menschen wie Sie noch nicht einmal in der Wiege lagen, geschweige denn viele andere, die hier sitzen. Da kam sie schon heran, diese Zeit, in der die Unsicherheit begann. Sehen Sie, das Leben des bäuerlichen Menschen, wie es sich abgespielt hat im Laufe der Jahrhunderte, ist ja heute im Grunde genommen nur noch eine Mythe. Denn dieses Leben ist seelisch etwas ganz anderes als dasjenige, was hinweggehoben eigentlich aus allem Sein die Naturwissenschaft oder gar die Zivilisation in sich hat. Der Bauer war wirklich geistiger als der heutige Gelehrte. Und man konnte schon empfinden so in den sechziger, siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, wie eine Art gerade im Bauerntum lebende Geistigkeit abstirbt. Man hat es oftmals sehen können, wie die Bauern davon ergriffen wurden, daß ihre Söhne studieren müßten. Es war schon eine solche bäuerliche Abstraktion, wo gegen das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts die Idee aufkam, ihre Söhne müßten studieren. Es ist das schon etwas ganz anderes, als früher das Bauerntum war, das richtig mit der Natur zusammenlebendes Bauerntum war. Gewiß, da haben auch die Söhne studiert, aber sie haben nicht in dem Sinne studiert wie später, namentlich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Sie haben nicht studiert, die Söhne, im Bewußtsein des Bauern, sondern sie sind Pfarrer geworden. Und Pfarrer werden verband sich mit dem Bewußtsein des Bauern; Pfarrer werden verband sich im Bewußtsein damit, den Weg nach dem Geiste zu suchen. Suchen nach dem Geiste war dasjenige, was der Bauer wollte, wenn er seine Söhne durch die Bildungsanstalten durchschickte. Sie wurden aber in diesen Bildungsanstalten nach und nach ganz geistesarm und geistesleer im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Da verwandelte es sich auch in dem Bewußtsein des Bauern: der Sohn müsse studieren — und dazu gesellte sich allmählich das andere: der Sohn, der wird uns fremd, der kommt in ein ganz anderes Leben hinein, den haben wir nicht mehr.

[ 13 ] Man kann diese Dinge nur andeuten, denn sie sind eigentlich nur im Leben richtig zu begreifen gewesen. Und bei der ganzen Vergröberung des Lebens gegen das Ende des 19. Jahrhunderts kam dann dasjenige, was eigentlich die Abneigung, zuweilen in Haß überschlagende Antipathie gegen alles Geistige gerade beim Bauerntum war. Ich erinnere mich eines sehr netten Bildes aus einem Bauernkalender, das ja ganz gewiß von einem Journalisten ausgedacht war, aber das ausgedacht war, doch aus der Stimmung herausgeboren war, die in den siebziger, achtziger Jahren da war. Da wurde in einer gewissen Gegend Mitteleuropas das begründet, was man dazumal als Bauernbund auffaßte. Bauern taten sich zusammen. Und der Repräsentant eines solchen Bauernbundes war auf diesem Bilde, auf dem er weit hinein bis über die Ohren eine Zipfelmütze zog und dann sagte: «Koa Advokat, koa Lehrer derf in den Bauernbund hinein.» Sehen Sie, so war das Bewußtsein, daß man mit Gelehrsamkeit auf allen Gebieten, sogar auf dem Gebiete der Theologie nichts mehr anzufangen wußte. Man empfand sich sehr schlau, wenn man die landläufige Gelehrsamkeit aus dem Bunde ausschloß.

[ 14 ] Nun, in dem drückte sich wirklich eine Anschauung aus, die gegen das Ende des 19. Jahrhunderts eben Menschen erzeugte, die eigentlich nur mehr «Bilder» waren. Die Menschen wurden eigentlich bloße Bilder. Es gingen nicht mehr Menschen auf der Erde herum, bis auf einzelne Ausnahmen — es waren alles Bilder. Und als die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert kam, da war die zivilisierte Welt nicht von Menschen, da war sie von Bildern bevölkert. Und es war die Zeit gekommen, wo dasjenige, was Wahrheit sein sollte, in der merkwürdigsten Art in sein Gegenteil verkehrt wurde. Sehen Sie, es konnte einem dazumal manchmal das Herz weh tun über die Dinge, die da als Wahrheiten hinausgestellt wurden. So kam die Lehre auf, welche geradezu nach Übervölkerung einzelner Gebiete drängte. Und man sagte: Wenn recht viele Leute geboren werden, so ist das ein Zeichen dafür, daß alles gut geht —, und man drängte geradezu zu der Bevölkerungszunahme. In der Bevölkerungszunahme, wie sie dazumal aufgefaßt wurde, wollte man ausdrücken etwas vom wirklichen Fortschritt. Sah man die ganze Sache geistig an, so mußte man sich sagen: durch den Einfluß einer solchen Weltanschauung kommen immer mehr und mehr Seelen herunter auf die Erde aus der geistigen Welt, die eigentlich verfrüht herunterkamen, geistige Frühgeburten waren und die im Grunde genommen gar nicht die Erde fanden. Die Menschen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts haben ja die Erde gar nicht gefunden. Sie waren auf der Erde, ohne den Inhalt ihres Wesens gefunden zu haben, und gingen herum wie Anhängsel an ihren Verstand. Das war ja das Furchtbare, daß man die Menschen herumgehen sah als Anhängsel an ihren Verstand, nicht als Menschen!

[ 15 ] Und so kam denn dieses 20. Jahrhundert, in welchem zahlreiche Seelen geboren wurden, die nun ihrerseits wiederum, so wie die andern als Schatten, als Bilder, fremd der Natur herumgingen, die tiefste Entbehrung empfanden gegenüber diesen Menschenbildern und dasjenige, was ja das Menschliche ist, wiederum suchen mußten.

[ 16 ] Da ist ja aber aus jenen alten Zeiten alles mögliche an äußeren sozialen Einrichtungen geblieben, was eben der junge Mensch wie eine Art seelenbedrückender Einflüsse empfinden muß. Wären wir in der Lage, das äußere Leben schon zu formen, wie wir die Seelen wecken können durch Anthroposophie, dann würde ja das ganz anders sein, dann würde man heute nicht immer davon sprechen, daß Anthroposophie nun «konkret» werden solle, sondern dann würde man empfinden, Anthroposophie könnte schon weltgestaltend werden, wenn die äußeren Mächte nicht hindernd eintreten würden. Denken Sie nur, wie wir uns heute entwickeln, gerade als junge Menschen heute entwickeln. Ja, der Dr. Ritter hatte die Möglichkeit, einzulaufen mit seiner Entwickelung in ein großes Gut, das, ich möchte sagen, noch in seinem Bestande in Köfering sich geistig erhalten hatte, während ringsherum die Welt sich materialistisch austobte. Das ist schon ein Phänomen. Aber denken Sie, so ist immer ein Phänomen da, wo Sie heute ein äußeres Refugium finden werden für dasjenige, was gerade die Jugend sucht. Da muß schon irgendwie dasjenige, was Anthroposophie ist, im Hintergrund stehen, weil auf andere Art wiederum in der Anthroposophie man nicht nach dem Verstande strebt, nicht studiert, sondern wiederum im besten Sinne des Wortes doch «Pfarrer» wird, wenn man lernen will. Und wenn dieser Übergang in einer merkwürdig schnellen Weise geschehen wird von dem alten Pfarrerwerden, das zur Lüge geworden ist, zu dem neuen Pfarrerwerden, dann tritt einem das ganz besonders entgegen. . Und es ist ja ein merkwürdiger Weg, der sich gerade zum Beispiel in Köfering vollzog, den Sie am allerbesten verstehen werden, auch Ihrer Art sich werden begreiflich machen können, den ich bezeichnen möchte: als den Weg von der anthroposophischen Wesensgestaltung des Gutsherrn zu der anthroposophischen Gestaltung des Gutes.

[ 17 ] Wir müssen im Herzen verstehen lernen dasjenige, was den doch immer nur gedachten Geist, der der Natur fremd bleibt, zu dem erarbeiteten Geist macht, der nun wiederum die Wege hinaus findet in die natürliche Tatsachenwelt. Deshalb habe ich in diesem Kursus versucht, ich möchte sagen, aus dem tatsächlichen Erleben heraus die Worte zu finden. Es kann heute nicht anders der Geist gefunden werden, als wenn man auch wiederum die Möglichkeit findet, in naturgegebene Worte ihn zu kleiden; damit werden auch die Empfindungen wieder stark werden. Sehen Sie, denken Sie sich, Sie verwandeln dasjenige, was man heute schon wissen kann — denn die Michael-Zeit ist da —, was scheinbar auch nur in Ideen lebt, in wirkliche Andacht, dann sind Sie auf dem allerbesten Wege. Sie sind auf dem allerbesten Wege, wenn Sie die Dinge in Andacht verwandeln. Ja, was kann dann alles aus den Dingen werden! Meditieren heißt ja: dasjenige, was man weiß, in Andacht verwandeln, gerade die einzelnen konkreten Dinge. Wenn man natürlich solche Dinge sagt, wie ich sie vielfach jetzt gesagt habe, dann steht man ja, ich möchte sagen, in dem Lichte einer gewissen Frechdachsigkeit. Denn diejenigen, die nicht in geistiger, sondern in konventioneller Art alt geworden sind in das 20. Jahrhundert hinein, empfinden nicht das ganz tiefe Gefühl, das man bekommen kann, wenn man genötigt ist, das Gehirn des Menschen als etwas zu bezeichnen, was auf demselben Wege — nur etwas nach anderer Richtung hin — sich entwikkelt hat wie der Dung. Aber empfinden Sie dieses in den Menschen hineingehende Kraftende: daß das Gehirn ist wie ein Dunghaufen sich bildend. Und empfinden Sie auch, wie im Düngen den weltenschaffenden Kräften zurückgegeben wird dieses Dung-Stoffliche, damit der Geist es dort empfangen kann in einem viel höheren Sinn, als empfangen kann der menschliche Geist dasjenige, was ihm an Stofflichem von innen gegeben wird. Sehen Sie sich nun an diesen Menschen: er nimmt den äußeren Stoff auf, er hat ja keine Ahnung, was er mit der Pflanze, was er mit den gezüchteten Pflanzen von außen herein aufnimmt, er ist unwissend gegenüber dem, was er von außen herein aufnimmt. Und nun beginnt es in ihm durch Göttermacht zu arbeiten. Es beginnt schon zu arbeiten, wenn er auf der Zunge dasjenige, was er von außen empfängt, in Geschmack umwandelt. Da hält er noch etwas fest in der bloßen Sinnlichkeit, mit der da die Dinge umgewandelt werden. Dann entschwindet es dem Bewußtsein, und ein stark Weisheitsvolles tritt auf. Das alles im Menschen wandelt sich um und läuft darauf hinaus, daß wir den Geist fassen können, und das, was wir unbewußt so umgearbeitet haben, läuft aus in den Dunghaufen, der das Gehim ausfüllt. Lernen wir so denken, daß wir nun als Menschen wirklich genötigt sind, diesen Dung in der richtigen Weise der Welt zu übergeben, daß wir ihn nicht nun so verwenden, als ob wir kleine Maschinen für die Kinder aus zusammengepreßtem Dung machen wollten! So verwendet nämlich sein Gehirn der Mensch der Gegenwart. Er düngt nicht mit seinem Gehirn die Geistesfelder, damit der Geist auf diesen Geistesfeldern wirken kann; er macht Mechanismen aus demjenigen, was da ist. Und sehen Sie, wenn man nun weiß, wozu das Gehirn bestimmt ist: den Göttern, die zu den Menschen herabkommen, die Geistesfelder zu düngen — wenn man dann jene scheue Ehrfurcht bekommt, die aus einer solchen inneren Betrachtung der Sache hervorgeht, wenn man ahnen lernt, was da gerade im Unbewußten und Unterbewußten vor sich geht, und dann dazu übergeht, die dem Menschlichen nachgestaltete Natur in seine Erkenntnis aufzunehmen, sie nach dem, was da ist, wirklich mit dem Dung zusammen sich anzuschauen, dann sieht man, wie darinnen langsam und allmählich sich bewußt wird, was unbewußt gerade im Menschen wirkt.

[ 18 ] Dann lernt man wirklich aus sich erneuern dasjenige, was nur noch traditionell vor langer Zeit gelebt hat, was Glauben war, und wie so vieles, was aus alten, naturdurchdrungenen, hellseherischen Zeiten sich fortpflanzen mußte, unverstanden im Romanismus der neueren Zeit lebt, zum Beispiel so ein Spruch wie dieser:

Natunralia non sunt tarpia.

[ 19 ] Es sind schön alle Dinge der Natur. Wenn sie nicht schön erscheinen, so rührt dies vom Menschen her, weil er die Schönheit nicht sehen, nicht riechen kann. — Und stellen Sie einmal zusammen dasjenige, was Gesinnung nach dieser Richtung in alten Zeiten, was Gesinnung nach dieser Richtung in neuen Zeiten war. Sehen wir uns das ganze Gebiet der westlichen Kultur an. Ein großer Teil dessen, wie man da die Natur nachahmt, besteht darinnen, daß man wäscht. Gewiß, waschen ist natürlich sehr gut, aber so, wie man heute in jenen europäisch-amerikanischen Gebieten das Waschen betreibt, wäscht man damit alle Natur überhaupt hinweg. Man betäubt sich selbst in das Reinigen hinein. Man erinnert sich, wie auch in Ägypten viel gewaschen wurde. Die ägyptische Reinigung ist ja noch etwas, was man dann in Griechenland etwas vergaß, an das man sich aber noch erinnerte, indem man von der Katharsis sprach.

[ 20 ] Das alles gibt uns das Bewußtsein, daß wir wiederum sagen, wenn wir hinaufgehen in der Natur an die irdische Oberfläche, sind wir im Bauch darinnen des kosmischen Wesens. Und dann bekommen wir auch jene Empfindung wiederum zurück, die ich eigentlich nur noch erlebt habe, wenn ich als ganz kleines Kind mit Bergleuten verkehrt habe, nicht mit den Kohlenbergbauern, sondern mit den Bergbauern, die nach Metallen gingen. Ja, da waren noch einige darunter, die wußten, wenn man heruntersteigt in die Erde, dann begegnet man Geistern, die man an der Oberfläche nicht findet; da begegnet man den Organen, mit denen die Erde vom Weltenall träumt und denkt. Da war das Denken noch etwas, was in der Erde lebte. Da wußte man eben noch, daß, wenn man hinaufschaut, man abstrakte Sterne schaut, wenn man aber etwas bekannt wird mit demjenigen, was unter der Erde ist, daß man dann im Weltall etwas sieht, was man bezeichnen kann mit demjenigen, was Bilder sind, aber Bilder, die entstehen, die wirklich lebendige Bilder sind. Da lebte man dasjenige, was so trostlos totes Erkennen war beim Ablauf des Kali Yuga, wieder in das besonders Empfindungsgemäße hinein. Können wir das, dann werden wir uns allmählich den Fesseln entringen, die die Zeit dem abstrakten Menschen angelegt hat.

[ 21 ] Deshalb muß ich Sie immer wieder auf dasjenige hinweisen, wodurch Sie sich als junge Leute so ganz besonders intensiv verbinden können. Und das ist gerade das, daß Sie sich folgendes sagen: Anthroposophie trat auf. Sie kam unter die Menschen, die sich aus dem götterlosen Denken in der Umgebung herausentwickelten. Diese Menschen standen nun vor der Anthroposophie, sie verabstrahierten auch die Anthroposophie. Und so spielte sich etwas ab, was darinnen bestand, daß Anthroposophie gut begriffen wurde, aber in einer etwas abstrakten Stimmung von den alten Leuten so um die Wende des 20. Jahrhunderts und hinein ins 20. Jahrhundert; sie begriffen eigentlich schon Anthroposophie. Und es ist eine nicht zufällige, sondern karmisch notwendige Erscheinung, daß eigentlich es wiederum in der Geschichte unserer anthroposophischen Entwickelung eine Zeit gibt, in der diejenigen Menschen zu uns kamen, die in irgendeiner Weise ihr Pensionsdekret bekommen hatten, die aus der umliegenden Welt heraus sich in die Alterspensionszeit begaben. Was, glauben Sie, mufßßte man, wenn man verantwortlich war für die Anthroposophie, immer wiederum erleben? Solange die Leute im Berufe der Zivilisation darinnen steckten, sagten sie: Ja, ich kann vielleicht der Anthroposophie mehr nutzen, wenn ich nicht Anthroposoph bin. Ich bin ihr ja ganz geneigt, aber ich kann ja nicht Anthroposoph sein. — Und sie kamen dann erst — und dann in jener merkwürdig innerlichen Weise oftmals —, wenn sie pensioniert waren. Wir haben viele gerade aus diesen Kreisen hineindringen sehen, so daß wir das schon durchlebt haben als eine gewisse Tragik.

[ 22 ] Dann kam die Zeit, wo nun das ältere Mitglied wirken sollte. Es kam die Zeit vom Beginn des 20. Jahrhunderts, die ganz schwere Zeit im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, wo das spätere Mittelalter wirken sollte. Das versagte! Das versagte, das spätere Mittelalter, baumelte hin und her zwischen dem Entlassensein aus dem Doktorexamen — und das konnte ja auch bei den Proletariern und bei dem Bauerntum der Fall sein —, baumelte hin und her zwischen dem Entlassensein aus dem Doktorexamen und dem Noch-nicht-angekommen-Sein beim Pensionszeugnis. Das baumelte so das ganze Leben; das konnte sich überhaupt nicht mehr zurechtfinden. Das war ganz in der Anthroposophie darinnen, meinte, es müßten aus der Anthroposophie heraus Taten entstehen. Da kam dann die Notwendigkeit, zur Dreigliederung zu schreiten, eine Dreigliederung im Wirtschaftlichen, im Leben zu schaffen, wo Geist-Natur hätte leben können. Und das wäre ja auch entstanden, wenn die Dreigliederung die Herzen ergriffen hätte. Aber es versagte. Man arbeitete mit Menschenwesenheiten zwischen dem Abiturientenzeugnis und dem Pensionsdekret. Das ist die Tragik dieser Menschen.

[ 23 ] Nun, es war unmöglich, weiterzukommen. Und gar erst, nachdem dieser Abgrund ist zwischen den Pensionierten und denjenigen, die nun nichts Rechtes mehr vom Doktorexamen, vom Abiturientenexamen hielten, nicht mehr diese Examen sehr stark respektierten, die sie nur noch gewohnheitsmäßig erwarben, und die sich auch nicht dasjenige einbildeten, was sich sehr stark in den siebziger, sechziger Jahren die Leute eingebildet hatten, daß man eigentlich die Sache so auffassen sollte, daß man die Menschen nicht in ihrem durchgeistigten Blute einherschreiten sehe, sondern sie irgendwo an der Wand zu hängen habe, eingerahmt als Zeugnis. Diese Gesinnung ist ja nun nicht mehr da. Und ich muß oftmals denken, wenn mir die heutige Jugend entgegenkommt, an einen alten Freund, den ich hatte. Ich hatte ihn kennengelernt, als er schon Ende der Fünfziger war; er hatte sich etwas erworben in einer kleinen Stadt; er war dann vierundsechzig Jahre alt und verband in merkwürdiger Weise dieses Alter mit seiner Jugend. Denn er hatte sich als achtzehnjähriger Mensch in ein Mädchen verliebt, sich auch mit diesem verlobt, und wollte es nun in seinem Alter heiraten. Aber die Kirche, in der seine Geburtsregister sich befanden, war abgebrannt, und so konnte er keinen Geburtsschein mehr erhalten und mußte auf die Heirat verzichten. Denn es war die Zeit, wo man irgendwo aufgeschrieben sein mußte, und man mußte dann durch die Registraturen sich überall Ausweise beschaffen, durch die man beweisen wollte, daß man da sei. Denn man sah nicht mehr darauf, daß man da ist, man sah nur darauf, daß es dasteht, daß man da ist.

[ 24 ] Nun kam die Jugend und konnte eben nicht mehr an dasjenige so glauben, was im Doktordiplom, im Abiturientenzeugnis, was in anderen Zeugnissen steht, weil man nicht mehr daran glaubte, daß derjenige, der es ausgestellt hat, etwas kann. Es kam die Zeit, die sich in den tiefer angelegten Jugendseelen, gerade auch der Proletarier, auslebte, jenes wärmste Jugendstreben zu entfalten, wo sich aber die junge Menschheit wie durch einen Abgrund getrennt fühlte von der alten Menschheit. Der Abgrund, der ja wirklich in denen heute steckt, die im Beginne des 20. Jahrhunderts die Menschheit erreicht haben zwischen dem fünfundzwanzigsten und achtundvierzigsten Lebensjahr. Da war so recht die Gelegenheit dazu geboten, wenn man in dem beginnenden Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts die Lebenszeit durchmachte zwischen . dem fünfundzwanzigsten und dem achtundvierzigsten Lebensjahre, nicht mehr Mensch zu bleiben. Man hatte nur noch Kleider. Das spätere Mittelalter bildete schon eine Art Abgrund. Bei der jetzigen Jugend kommt es nicht auf die Art an, daß Anthroposophie immer mehr und mehr in Abstraktionen verwandelt wird, immer mehr und mehr in Ideen, Begriffe und sogar in Wissenschaften umgewandelt wird. Nun kommt die Jugend, die all das wiederum nur empfinden, leben will: in Taten — im Begreifen der Natur. Man kann aber nicht dabei stehenbleiben. Das möchte ich heute mit besonderer Stärke betonen.

[ 25 ] Man sagte, man schmiede das Michael-Schwert. Es handelt sich auch noch um etwas anderes. Es handelt sich darum, daß nun einmal diese Tatsache in dem okkulten Teil der Welt besteht, daß dasjenige, was als Michael-Schwert hergerichtet werden muß, daß das wirklich im Schmieden auf einen Altar getragen werde, der eigentlich äußerlich nicht sichtbar sein könnte, der unter der Erde liegen müßte, wirklich unter der Erde liegen müßte. Naturgewalten unter der Erde kennenzulernen führt dazu, zu verstehen, daß das Michael-Schwert im Schmieden auf einen Altar getragen werden muß, der unter der Erde ist. Da muß es von empfänglichen Seelen gefunden werden. Es kommt darauf an, daß Sie mittun, indem Sie dazu beitragen, daß von immer mehr und mehr Seelen das Michael-Schwert gefunden werde. Und nicht allein damit ist es getan, daß es geschmiedet werde, sondern es ist damit erst etwas getan, daß es gefunden werde. Haben Sie das starke und zugleich bescheidene Selbstvertrauen als junge Menschen, daß Sie ja karmisch dazu berufen sind, das Michael-Schwert herauszutragen, es zu suchen und zu finden. Dann werden Sie gerade dasjenige haben, was Sie bei solchen Versammlungen, wie der heutigen, suchen. Dann werden Sie auch erkennen dasjenige, was ich Ihnen von der Anthroposophie sagen mußte, von den Schwierigkeiten sagen mußte, die diejenigen hatten, die zwischen dem Doktorexamen und dem Pensionsdekret standen. Und Sie werden daran erkennen, aber nun in recht instinktiv-bildhafter Art, so daß der Geist der Abstraktion, dieser furchtbare ahrimanische Geist, nicht auch Sie berühren kann — denken Sie in mächtigen Bildern daran —, daß zwei Worte sich verbunden haben in dem Streben der Jugend, die eigentlich im 19. Jahrhundert nicht mehr verstanden wurden.

[ 26 ] Wenn man so das. Wort «Wandervogel» hört, so kommt einem aus diesem Wort das Gefühl: weiß denn heute überhaupt ein gereister Mensch, was in alten Zeiten das Wandern war, was der Wanderer war? Zu bildhaftem Seelenerleben müssen wir wieder zurück. Weiß denn heute ein Mensch noch, wenn er der Vogelwelt gegenübersteht, daß man erst das durchmachen muß, was Siegfried durchmachen mußte, um die Sprache der Vögel zu verstehen? Wandervögel — Wotan, Siegfried: das ist dasjenige, was man erst wieder empfinden, verstehen muß. Man muß erst den Weg finden von der abstrakten Auffassung des Wandervogels zu dem in Wind und Wolken und Wellen des Erdorganismus webenden Wotan und zu der verborgenen Sprache der Vögel, die man kennenlernen muß, indem man zuerst das Siegfried-Erinnern und das SiegfriedSchwert in sich rege macht, das nur die prophetische Vorausnahme des Michael-Schwertes war. Man muß den Weg finden vom Wanderer zu Wotan, den Weg finden, wie man leichten Herzens sich öffnend wieder glauben kann an die verborgene Sprache der Vögel. Sie alle empfinden den Weg vom Wandervogel zum Wotan, zum Siegfried. Und kann man das in seiner Seele tief empfinden, so wird man auch die Möglichkeit finden, die Natur zu empfinden, und wissen um diese Dinge. Und gewinnt man dann die Möglichkeit, auch noch ein wenig träumen zu können, so wird man mit den himmlischen Träumen in der Natur leben können.

[ 27 ] Das ist dasjenige, worüber wir zunächst nicht nachdenken, sondern was wir durchempfinden, durchfühlen können. Tut Ihr das, so werdet Ihr eine Gemeinschaft bilden, die nach Eurem Herzen ist, in der Ihr finden werdet, über mancherlei Stufen schreitend, gerade dasjenige, was Ihr sucht. Wollen wir das in unserem Bewußtsein leben lassen, wollen wir damit unsere Seelen erfüllen!