Die Erkenntnis—Aufgabe der Jugend
Aufsätze und Berichte aus den Jahren 1920 bis 1924 in Ergänzung zum «Pädagogischen Jugendkurs» von 1922
GA 217a
20 Juli 1924, Arnheim
17. Ansprache während der anthroposophisch-pädagogischen Tagung
[ 1 ] Meine lieben Freunde! Die Frage und die Sehnsucht, die Ihnen auf dem Herzen liegen, insofern Sie sich als Jugend versammelt haben, sind solche, welche — hier weniger, dort mehr — seit etwa zwei Jahrzehnten in den Herzen der heutigen Jugend wahrgenommen werden können, seit dem Zeitpunkte, den man aus der Einsicht in die Entwickelung der Menschen heraus den Abschluß des Kali Yuga und den Aufgang des lichten Zeitalters nennt. Von vorneherein stößt man damit leicht auf ein Mißverständnis, wenn man den Aufgang des lichten Zeitalters gerade in unsere Zeit hereinsetzt. Zu bemerken ist nicht viel von Lichterwerden. Man kann sogar durchaus sagen: Die Verhältnisse sind seit der Jahrhundertwende verworrener und dunkler geworden. Das ist nun einmal so: wie es in äußeren physikalischen Erscheinungen eine Trägheit gibt, wonach ein Körper seinen Zustand, den er angenommen hat, beibehält, so ist es auch bei allen Menschen: sie behalten noch eine Trägheit bei. Wir können sehen, wie das Beibehalten geschieht, wie die meisten Menschen heute keine Menschen des 20. Jahrhunderts sind, sondern bei den meisten hat man das Gefühl, man muß sie doch einmal vor hundert Jahren oder vor noch längerer Zeit gesehen haben. Sie sind nicht bloß in einem Lebensalter stehengeblieben, sondern — man möchte sagen, so paradox es klingen mag — sie sind stehengeblieben lange vor ihrer Geburt auf dem Standpunkt, auf dem sie gestanden haben. Dennoch aber: wenn man auf die Wesenheiten hinsieht, die sich am Erdenschicksal betätigen, so findet man in ihnen, daß der Mensch aus einem Zeitalter herausgewachsen ist, in dem er mehr oder weniger durch schöpferisch geistige Mächte unbewußt geführt worden ist, die seine Seele aus Geisteskräften leiten. Der Mensch ist hineingewachsen in jenes Zeitalter, in dem sich gewisse geistige Wesen zurückgezogen haben und andere, die mehr ihre Impulse auf die Freiheit der Menschen angelegt haben, in die Entwickelung der Menschheit eingegriffen haben. Die Menschen verstehen mit ihrem Bewußtsein heute im allgemeinen noch wenig von diesem Eingreifen ganz neuer geistiger Mächte in die Entwickelung der Menschheit. Aber die Jugend hat tief im Unterbewußten gerade seit der Jahrhundertwende eine innere Erlebnisart, durch die sie zeigt, daß sie fühlt: da rüttelt etwas erdbebenartig an der Entwickelung der Menschheit. Nun kommen die Menschen und sagen: Es war doch immer so. Stets hat die Jugend sich gegen das aufgelehnt, was das Alter oder die Tradition in irgendein Zeitalter hineingestellt hat. Ganz Gescheite sagen dann: Die Kronprinzen sind die Opponenten der Imperatoren. Die Jugend lehnt sich auf gegen das Alter.
[ 2 ] Das war allerdings bis zu einem gewissen Grade immer der Fall. Was aber heute in der Jugend, zum Teil ganz unbewußt, lebt, war eben noch nicht da. Und man kann sagen, es war niemals eine so große Diskrepanz, ein so großer Gegensatz da zwischen dem, wie das innere Erleben der Jugend äußerlich zum Ausdruck kommt, und dem, was das innere Erleben der Jugend eigentlich ist. Wir haben alle möglichen Bewegungen der Jugend gesehen: Wandervogelbewegung, die freien Jugendgruppierungen mit den verschiedenen Namen, wir haben alles mögliche von dieser Art gesehen — solch ein Sich-Herausziehen aus all dem, was gegenwärtig die alten Leute für Zivilisation halten, ein Entfliehen-Mögen zu den Mächten, die man zunächst nicht bezeichnen will. Von Anfang an schien es mir ganz deutlich, daß durch einen Großteil der gegenwärtigen Jugend im tiefsten Unterbewußtsein eigentlich ein Zug lebt von einem merkwürdig gründlichen Verständnis dafür, daß ein großer, erdbebenartiger Umschwung in der ganzen Entwickelung der Menschheit sich vollziehen muß.
[ 3 ] Manchmal nimmt man solche Dinge in erschütternder und eindringlicher Art wahr. Immer möchte ich auf ein Beispiel hinweisen, das mir in Norwegen passiert ist. Es kam ein ganz junger Mensch, ein Gymnasiast, zu mir. Man wollte ihn abweisen, weil man meinte, solch ein ganz junger Kerl kann mich nur molestieren — in diesen Dingen wird ja nicht immer das Rechte gemeint. Das Karma machte es, daß ich gerade zur Türe herausging und ihn hereinnahm, weil ich meinte, trotzdem er ganz jung war, da ist es notwendig, daß man eine Unterredung herbeiführt. Er setzte mir auseinander: Unter uns Gymnasiasten lebt eine Sehnsucht nach etwas, was uns das Gymnasium nicht gibt. Wir möchten eine Jugendzeitschrift begründen — nur unter uns Gymnasiasten. Können Sie uns nicht helfen? — Ich will, wenn die Sache sich vollzieht, in jeder Art helfen, sagte ich. Dann sprach ich noch etwas weiter mit diesem jungen Mann, der Gymnasiast war, noch nicht einmal nahe dem Abiturium. Es zeigte sich da, daß in der unterbewußt klarsten Weise das vorhanden war, was viele Jugenderlebnis nennen, was ja recht wenig von denen verstanden wird, die alt sind.
[ 4 ] Ich habe viel gefragt bei jenen, die alt sind, was sie sich unter dem Jugenderlebnis vorstellen. Solche Antworten waren da: Die Jugend hat immer opponiert! Ich habe auch unter den Jungen gefragt, die behaupteten, das Jugenderlebnis zu haben. Da habe ich auch keine Auskunft bekommen. Und dennoch .habe ich gewußt, daß viele, die keine Auskunft geben können, in ihrem Unterbewußtsein das Jugenderlebnis kennen. Es kommt nur sehr wenig heraus, wenn die Jugend darüber spricht, aber es ist in klarster Weise im Unterbewußtsein durchaus vorhanden. Was die Jugend ganz deutlich und stark fühlt, das kommt zum Beispiel dann heraus, wenn die Jugend, sagen wir, ein Naturpanorama bewundert. Das hat man immer bewundert, aber nicht so, wie die heutige Jugend das tut. Vielleicht tut das die heutige Jugend viel unvollkommener. Aber die heutige Jugend tut es so, daß sie deutlich fühlt: Wir sind hilflos. Wir müssen selbst zur einfachsten Naturbewunderung erst durch allerelementarste Kräfte gelangen.
[ 5 ] Sehen Sie, wenn einem so etwas entgegentritt, dann fühlt man so tief, tief, welch innere Bedeutung diese ganze Jugendbewegung hat. Man erinnere sich nur an jenen gewaltigen Ruf nach der Natur, der zum Beispiel durch Rousseau und seine Anhänger da war. Auch da war eine Jugendbewegung, die sich explosionsartig sogar geäußert hat, viel stürmischer als die heutige Jugendbewegung. Was ist daraus geworden? Aus all dem ist das größte Philistersum des 19. Jahrhunderts geworden, gerade das, was macht, daß die Jugend sich heute so einsam fühlt innerhalb der gegenwärtigen zivilisierten Menschheit. Dasjenige, was an geistigem Leben vorhanden ist, was so vorhanden ist, daß sich die Menschen konventionell darüber freuen oder selbst darüber sich ärgern, das ist alt geworden. Die Jugend fühlt noch viel mehr, sie fühlt es. Aber da muß ich den größten Wert legen auf das mehr Erkenntnismäßige. Es wird heute so viel revolutioniert, reformiert. Das ist so gräßlich alt, so gräßlich sterbensartig, revolutionieren zu wollen. Das sind alles Dinge, in die ein Mensch, der um die Jahrhundertwende geboren ist, wenn er ehrlich gegen sich ist, eigentlich nicht hineinwachsen kann. So fühlt die Jugend. Die Jugend fühlt: Wir haben nicht aufwachsen können, schon als Kinder nicht aufwachsen können neben älteren Leuten, an denen sich hätte heranbilden können freudige Begeisterung an der Natur. Nein, wir haben eigentlich wild die Seelen heranwachsen sehen. — Und da entstand der Drang: Heraus! Irgendwohin, wohin es auch sei! Immer nur heraus aus dem, was die Jahrhunderte heraufgetragen haben!
[ 6 ] Ja, sehen Sie, wenn ich über diese Sache spreche, spreche ich unbestimmt. Das ist gerade das Notwendige im Leben: unbestimmt, aber herzhaft. Will man es zur gewohnten philiströsen Klarheit bringen, dann fälscht man es.
[ 7 ] Nun, dieses Jugenderlebnis — ich habe es in der Morgendämmerung beobachtet. Jetzt ist es Tag. Ich habe es in der Morgendämmerung beobachtet, ich habe den Unterschied wahrnehmen können zwischen den jugendlichen Menschen der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, die nun auch Jugend waren, begeisterungsvolle Jugend waren und die: aus der jugendlichen Begeisterung heraus das Alte als grau angesehen haben und dann sich jugendlich gebärdet haben. Ich habe gesehen — ich rede, liebe Freunde, in konkretem Sinne — solch einen Vertreter in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Er hat seine Begeisterung dadurch ausgelebt, daß er eine große Rede auf einen gefallenen Achtundvierziger (1848) gehalten hat. Ich habe mir diese Rede angehört. Es steckt ein Hofrat darin, sagte ich. Und er ist auch einer geworden. Ich habe andere kennengelernt, solche, die eigentlich schon dazumal nicht mit irgend etwas, was sich als Beruf herausgebildet hatte, in der Tradition zusammenwachsen konnten. Ich habe jugendliche Menschen der achtziger Jahre früh ins Grab sinken sehen, weil es einfach für sie nicht möglich war, mitzuerleben die heraufgekommene Menschheitsentwikkelung. Dazumal gab es unterbewußt eine Jugendbewegung, die etwas sehr Eigentümliches hatte, das ich so bezeichnen möchte: Sie hatte — Sie mißverstehen den Ausdruck nicht —, sie hatte etwas von Gschämigkeit, Schamhaftigkeit. Sie gestanden nicht, was sie fühlten. Es wollte nicht an die Oberfläche des Daseins, was sie fühlten; es siechte lieber dahin, als daß es an die Oberfläche des Daseins hätte kommen wollen. Es konnte vor allen Dingen nicht hineinwachsen in das, was die normale Entwikkelung der Menschen in der Zeit anforderte. Nun kamen noch Jahre, Jahrzehnte. Das Gefäß wurde sozusagen voll, übersprudelnd. Die Schamhaftigkeit konnte nicht mehr weiter dauern. Die Jugend mußte sich selber fragen, woran sie litt, wonach sie sich sehnte. Ja, sehen Sie, das haben wir hereinfließen sehen können in verschiedene Jugendvereinigungen dieser Jugendbewegung.
[ 8 ] Vor verhältnismäßig nicht langer Zeit kam eine Anzahl von solchen Menschen auch in die anthroposophische Bewegung herein. In einer merkwürdigen Weise konnte eine gewisse Verständigung gefunden werden zwischen der anthroposophischen Bewegung und zwischen dem, was in den Herzen der Jugend lebt. Es ist heute vielfach trotz des kurzen Zeitraumes auf den mannigfaltigen Gebieten ein Hereinwachsen und Heranwachsen der Jugend in die anthroposophische Bewegung durchaus geworden. Aber das, was wir insbesondere in der Jugendbewegung brauchen, das ist ein Wollen, menschlich den Menschen zu verstehen, sonst kommen wir nicht über das fruchtlose Diskutieren hinaus. Menschlich den Menschen zu verstehen! Es ist schrecklich gleichgültig, was der Inhalt dessen ist, was wir miteinander reden, wovon wir reden. Das Wesentliche ist, daß wir ein Herz haben für das, was der andere fühlt. Da werden wir einig sein, da kann man immer wieder einig sein. Aber das ist es, was gerade herzlich verstanden werden muß, und in dieser Beziehung wäre es schon notwendig, daß einzelne innerhalb der Jugendbewegung stehende jugendliche Führer noch etwas zunehmen würden in ihrem Vertrauen in die Aufrichtigkeit und Verläßlichkeit der anthroposophischen Bewegung. Sonst kommen wir mit der Jugendsektion nicht vorwärts.
[ 9 ] Die Jugendsektion glaubte ich zuerst inaugurieren zu müssen wegen derjenigen, die in aufrichtiger, klarer Weise fühlen: Jugendsehnsucht im heutigen Lebensstile ist in mir. Die mögen sich einmal wirklich in dieser Jugendsektion der Anthroposophischen Gesellschaft zusammenfinden, dann werden wir das zustande bringen, wovon ich in den «Mitteilungen» spreche als von der Jugendweisheit. Es soll nichts Pedantisches sein, es soll etwas sein, was durch herzliches Wirken, durch herzliche Verständigung unter den Menschen erarbeitet wird. Gewiß, es handelt sich darum, daß man da tastend forscht, liebevoll erfaßt, wie es in der Jugend heute lebt. Zunächst haben wir versucht, eine Rundfrage zu geben an die Jugend, wie man sich die Jugendbewegung vorstellt, damit Gedanken auftreten sollten, vielleicht nicht Gedanken, besser vielleicht Faustschläge des Gefühls, Spatenstiche des Willens. Alles hätte hineingenommen werden können. Es ist nichts daraus geworden. — Nun ging ich einmal schärfer vor und habe jetzt eine Rundfrage an die Jugend gerichtet. Sie werden sie gelesen haben: «Wie stellst Du Dir vor, daß die Welt der Menschheit um 1935 sein soll, wenn dasjenige, was Du in Deiner Jugend ersehnst, darin Platz haben soll?» Das ist etwas, worüber man, wenn man es ernst nimmt, gründlich viel nachdenken, gründlich viel empfinden kann. Wir kommen wirklich nur weiter, wenn das Weiterkommen durchaus ehrlich ist, nicht phrasenhaft ist, darauf kommt es an.
[ 10 ] Wohin ist unsere alte Welt gesteuert? Wenn wir uns in die alte Welt einleben, dann sehen wir: wir leben nicht etwa in den drei Gliedern der Weltordnung, die bei der Dreigliederung angegeben worden sind. Wir leben heute in der Phrase, wir leben in der Konvention, wir leben in der Routine. Phrase, Konvention, Routine: das ist es, was auf allen Gebieten Platz gegriffen hat. Der junge Mensch hört von Kindheit an, wie man sich verhalten soll zum Menschen, so oder so. Er kann sich nicht darnach richten, weil er einen ganz neuen Impuls seit der Jahrhundertwende in seiner Seele empfangen hat.
[ 11 ] Ich habe schon durchaus fühlen können: Jahrzehnte vor dem Ablauf des Kali Yuga, da kommt etwas herauf, was sich nicht in irgendeinem Beruf, wie er traditionell aus alten Zeiten herkommt, einfügen läßt. Aber ernst ist es mir schon gewesen. Ich selbst steckte niemals in einem Berufe darin. Wäre ich untergetaucht in einem Berufe, dann gäbe es heute keine anthroposophische Bewegung. Anthroposophische Bewegung ist doch etwas, was ganz frei von allem Traditionellen geschaffen worden ist. Der geringste Hang zu dem oder jenem würde die anthroposophische Bewegung unmöglich gemacht haben.
[ 12 ] Alle jene, welche nicht begreifen können, daß so etwas von Anfang an gemacht werden soll, sind Gegner der anthroposophischen Bewegung. Die anthroposophische Bewegung ist auf diese Weise die reinste Jugend. Warum sollte sich da Jugend und Jugend nicht zusammenfinden? Wenn dann eine anthroposophische Bewegung ehrlich ist, und die Jugend nötig hat, ehrlich zu sein, was ist dazu vor allen Dingen nötig? Mut! Den lernt man sehr schnell oder gar nicht. Wirklich Mut! Mut, sich zu sagen: Das Leben der Welt muß in seinen Fundamenten neu gegründet werden.
[ 13 ] Ich habe niemals etwas anderes im Unterbewußtsein der jugendlichen Menschen eingeschrieben gesehen. Das ist es wirklich: Die Welt muß aus dem Fundament neu begründet werden. Nun kommen alle die Widerlegungsgründe. Man diskutiert über alles mögliche, man deckt jenes gerne zu. Da verfälscht man das, was im Unterbewußtsein ganz ehrlich sein will und was Mut braucht. Anthroposophische Bewegung kann die hohe Schule des Mutes sein. Allerdings, es ist schwierig, daß die anthroposophische Bewegung die Schule des Mutes wird, weil sie von vielen heute nicht als das Erste ins Leben hineingestellt wird, sondern als das, was nebenherläuft. Das kann man schon in den äußeren Veranstaltungen sehen. Nach und nach wird es häufigerweise so, daß man gar nicht weiß, wie man weiter damit zurechtkommen soll, daß wir zu lauter Kursen eingeladen werden, daß sie irgendwo abgehalten werden, wo die Leute Sommeraufenthalt nehmen, so ganz nebenbei, wie man aufs Land geht. Warum soll man nicht statt der Konzerte, die man sonst hört, auch Anthroposophie haben? Es ist ein Symptom — an sich ist es nicht schlimm —, aber es ist ein Symptom dafür, daß der durchgreifende Mut nicht da ist, sich ins Substantielle in der Hauptsache hineinzuleben, sich mit dem Geistigen der Anthroposophie in Wirklichkeit zu verbinden, nicht mit dem Schatten der Anthroposophie. Es ist schon eine Gefühlssache, um die es sich handelt. Ich will nicht kritisieren, ich will nur auf Symptome aufmerksam machen.
[ 14 ] Es muß die Jugendbewegung den Anschluß an das finden können, was ich gestern als das große Ziel des Jahrhunderts hingestellt habe, als die Impulse der Michael-Zeit. Aber da muß die Jugend lernen, tiefer in sich selbst hineinzusteigen, alle Träumereien abstrakter Art zu vermeiden. Dann stellen sich schon die großen Probleme ein. Kein Philister versteht das, wenn man ihm sagt, Michael hat die kosmische Intelligenz verloren, er ist oben geblieben. Jetzt, nachdem Michael ohne dasjenige erscheint, was er verwaltet hat, handelt es sich darum, daß der Mensch auf Erden aufersteht, um es mit ihm, für ihn zurückzuerobern. Die Jugend wird so etwas verstehen, wenn sie sich selbst versteht. So etwas wird heute vielfach nur als poetische oder sonst geartete Verkleidung von irgend etwas Abstraktem genommen. Das ist es nicht. Darum handelt es sich, daß das Geistige wesenhaft ist, daß wir lernen müssen mit dem Geistigen verkehren. Daß wir auch eine Empfindung erhalten, wie das Geistige sich anders verhält als vor einiger Zeit. Morgendliches Sonnenpanorama war vor einem Jahrhundert etwas, was der Schein war, der nebelhafte Schein von einer geistigen Welt. Man sah: hinter dem Vorhang, hinter dem nebelhaften Schein lebt das Geistige; vorher war es glimmend, im Laufe des 19. Jahrhunderts ist es anders geworden: da ist es flammend geworden. Da kommen aus dem Schein die Flammen heraus, und es ist nicht wahr, wenn jemand einen Sonnenaufgang für die heutige Zeit nach dem Beispiele Herders oder Goethes beschreibt. Er ist anders geworden: dazumal war er glimmend, heute ist er flammend geworden. Aus den Flammen kommt heraus das Auffordernde, zur Aktivität entflammende Geistige. Die geistige Welt hat eine andere Geste angenommen zur physischen Welt!
[ 15 ] Wenn man diese Gesetze der geistigen Welt versteht, dann wird verhütet werden können, daß die Bewegung des 20. Jahrhunderts ein solches Philisterium wird, wie die nachrousseauische Zeit es geworden ist. Wenn das, was jetzt die Jugend begeistern kann dadurch, daß sie wirklich jung ist, verständnisvoll ergreifen wird die geistige Welt, die da ist, dann wird die Michael-Zeit kommen. Wenn sie das nicht kann, dann wird im 20. Jahrhundert das Philisterium unendlich viel größer sein als jenes, welches auf Rousseau gefolgt ist. Bravere Bürger als im 19. Jahrhundert hat es in allen früheren Jahrhunderten nicht gegeben, obwohl die früheren den Rousseauismus nicht gekannt haben. Wir reden hier viel von Waldorfschulprinzip, von neuer Pädagogik. Das Wichtigste ist, daß man im Wachstum bleibt. Jeden Tag ist die Gefahr vorhanden, daß die Dinge sauer werden. — Das ist es, worauf es ankommt, daß man nicht vom Kleben an den Gewohnheiten einschläft, wenn man etwas tun soll, wenn man etwas bereiten soll. Wir müssen uns angewöhnen, zwischen Schlafen und Wachen einen Abgrund aufzurichten; wir müssen richtig schlafen, aber auch richtig wachen können. Wir schlafen aber fortwährend da, wo wir wachen sollen. Wir sind nicht so geartet, daß wir uns sagen: wir müssen immer neu und neu aufwachen, sonst nützen uns alle Reform- und Revolutionsbewegungen nichts. Gerade bei den besten Bestrebungen ist es viel schlechter, wenn sie vom Philisterium ergriffen werden. Wo ein starkes Licht ist, ist auch ein starker Schatten. Was notwendig ist, ist nicht, daß man dieses oder jenes ausdenkt, was geschehen soll, sondern daß die Menschen fühlen: das Geistige draußen spricht aus einer flammenden Natur, der Sonnenaufgang ist etwas anderes geworden.
[ 16 ] Aber unsere Herzen sind auch anders geworden, wir tragen nicht mehr dieselben Herzen in der Brust. Unser physisches Herz ist hart, unser ätherisches Herz ist beweglicher geworden. Wir müssen die Möglichkeit finden, uns an unser übersinnliches Herz zu wenden. Wir müssen nach dieser Richtung hin Geisteswissenschaft verstehen. Geisteswissenschaft, so trocken es klingt, ist etwas geworden, wovon alle Leute reden. Wissenschaft ist etwas recht Faules. Man muß sich schon klar sein, Geisteswissenschaft ist es, was leben muß in den Herzen. Die Herzen der Jugend sind wie geschaffen, auf diesem Gebiete das Richtige zu fühlen. Man muß den Mut haben, wirklich es zu denken. Schiller hat aus seiner Begeisterung heraus der Welt viel zu sagen gehabt. Er ist unter merkwürdigen Umständen gestorben. Aber man hat ihn doch seziert und sein Herz gefunden. Es war ein leerer Beutel, ganz vertrocknet, verbrannt.
[ 17 ] So werden alle Herzen verbrennen, die sich in ihrer Erneuerung ergreifen. Wollen wir mit der Spiritualität ernst machen, dann müssen wir selbst uns mutvoll gestehen: Wenn es in uns nicht geht, mit der Welt mitzuleben, so kommt das davon her, daß wir neue Herzen haben müssen. Das sollen wir aber nicht bloß als Phrase empfinden. Werden wir uns bewußt, daß wir neue Herzen haben, daß neue Herzen die Welt ganz anders fühlen müssen als die alten Herzen, und nehmen wir das ganz ernst, dann wird aus der Jugendbewegung etwas werden wie eine Flamme, die der Flamme des Sonnenaufgangs entgegenschlagen wird.
[ 18 ] Das kann aber erst werden, nicht aus Diskussion über das Jungsein, nicht aus dem Sprechen über Erlebnisse. Dabei erlebt man sonderbare Dinge. In Breslau hat man mich bei den Alten empfangen, indem man mich Vater genannt hat. Bei der Jugend hat man gesagt, ich sei der Allerjüngste, obwohl ich dreimal so alt war wie die meisten der Anwesenden. Ja, es kommt darauf an, daß man sich dies selber gestehen kann. Flammen von innen, Flammen von außen herein: die beiden Flammen müssen zusammenschlagen. Es kommt nicht darauf an, daß man dieses oder jenes lernt, bestimmt oder definiert. Es kommt darauf an, daß man eine neue Begeisterung wirklich aufbringt. Nietzsche hat ein schönes Wort über Michelet geprägt. Michelet erscheint ja vielem gegenüber als begeisterungsfähiger Mensch. Michelet, sagt Nietzsche, die Begeisterung, die sich den Rock auszieht. — Michelet hat nämlich immer Zeit gehabt, den Rock auszuziehen, wenn er in Begeisterung geriet. Michelet hatte immer Zeit gehabt, um mit Wärme in Begeisterung zu kommen, sich aber dabei den Rock auszuziehen. Man spürt, wie dieser Mann die Seidenweste angezogen hat, und man spürt, wie er Zeit hat, um so recht in die Begeisterung zu kommen, sich langsam den Rock auszuziehen. — Die rechte Begeisterung aber ist die, die nicht Zeit hat, den Rock auszuziehen, die unter dem Rocke schwitzt und nicht bemerkt, daß sie schwitzt. Deshalb: Begeisterung, meine lieben Freunde! Begeisterung, die uns so überwältigt, daß wir den Rock anbehalten, daß wir die Begeisterung aus dem vollen, unmittelbaren Leben heraus zu entwickeln uns gedrängt fühlen. Wir brauchen heute wirklich eine Überwindung des in sich Klebenden, des Müden. Es ist so müßig, klar werden zu wollen. Wir dürfen auch nicht Zeit dazu haben, nach alter Art klar werden zu wollen. Wir haben es nötig, wirklich in Begeisterung zu kommen. Begeisterung wird alles machen. Dann wird das Wort einen Sinn haben: Begeisterung trägt den Geist in sich. — Das ist etwas, was sehr natürlich ist. Enthusiasmus braucht man. Enthusiasmus trägt den Gott in sich. Da ist der Gott im Worte.
[ 19 ] Innerlich zusammenwachsen mit der Flamme, die sich heute entzündet, auf daß die Michael-Impulse verwirklicht werden! Ohne daß Flammen da sind, können sie nicht verwirklicht werden. Aber um durchflammt zu leben und zu arbeiten, dazu ist notwendig, daß man selber Flamme wird. Nur die Flamme wird von der Flamme nicht verzehrt. Wenn wir so fühlen können, daß wir Flammen werden, die von den Flammen nicht verbrannt werden, dann können wir ruhig die physischen Herzen als leere Beutel zurücklassen, denn wir haben das ätherische Herz, das verstehen wird, daß die Menschheit in ein neues Zeitalter hineinrückt: in das Leben der Geistigkeit. Das Zusammenwachsen mit der Geistigkeit wird das volle Jugenderlebnis sein.
