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Geistige Zusammenhänge
in der Gestaltung des menschlichen Organismus
GA 218

9 Oktober 1922, Stuttgart

1. Die Schlaferlebnisse des Menschen ihre geistigen Hintergründe und ihre Bedeutung für das Tagesleben

[ 1 ] Es wird heute, wenn vom Seelenleben gesprochen wird, sehr vieles zusammengefaßt in einem gewissen Ausdruck, der auf der einen Seite zugibt, daß man in bezug auf das Seelische von Kräften oder dergleichen sprechen muß, die in das gewöhnliche Bewußtsein nicht hereinspielen. Auf der anderen Seite aber wird zugleich die Ohnmacht eingestanden, über solche Kräfte zu sprechen. Der Ausdruck, in dem man zusammenfaßt dasjenige, was einer solchen Hindeutung entsprechen soll, ist der: das Unbewußte; man spricht vom Unbewußten. Man deutet ja, indem man auf die besondere Wesenheit der menschlichen Erkenntnisse heute zu sprechen kommt, an, wie man als Mensch zunächst angewiesen ist, seine Erkenntnisse zu suchen aus der äußeren Welt durch Beobachtung, Experiment und den kombinierenden Verstand. Und man deutet dann auch an, daß man, wenn man das eigene Bewußtsein durchsucht, allerlei in diesem Bewußtsein findet: Gedanken, Gefühle, Willensregungen und so weiter. Man wird sich dann weiter bewußt, daß man im Seelenleben Regungen, Offenbarungen hat, die auftreten, und die weder dadurch in ihrem tieferen Wesen gefunden werden können, daß man verfährt nach der Methode der äußeren wissenschaftlichen Anschauung im Sinne des Experimentes, der Beobachtung, des kombinierenden Denkens, noch auch dadurch, daß man durch dasjenige, was man eben überblickt, wenn man Selbstbeobachtung mit den gewöhnlichen Kräften des Bewußtseins übt, irgendwie vordringen könne zum Wesen dessen, was sich immerhin offenbart im Seelenleben des Menschen. Und man spricht daher vom Unbewußten, verzichtet aber zugleich darauf, irgendwie in die Welt dieses Unbewußten einzudringen. Dieser Verzicht ist eigentlich vollberechtigt, wenn man sich beschränken will auf jene Erkenntnismittel, die heute allgemein anerkannt sind. Denn in der Tat, es wird niemand gerade in bezug auf das Seelenleben weiterkommen können mit diesen Erkenntnismitteln als zu der Anschauung, daß eben während des Wachtaglebens aus den Tiefen des Menschenwesens heraufsteigen Vorstellungen, Gefühle, Willensimpulse, Äußerungen des menschlichen Wesens, von denen man gut sieht, wie sie an die äußere Körperlichkeit gebunden sind, und man wird durchaus kein irgendwie unwiderlegbares Mittel finden, zu sagen, daß dasjenige, was einem doch in einer zunächst so starken Abhängigkeit von körperlichen Zuständen erscheint, über diese körperlichen Zustände hinaus ein besonderes Dasein habe.

[ 2 ] Nun wissen Sie ja alle, daß gerade von diesem Punkte ausgeht unsere anthroposophische Betrachtung, daß diese anthroposophische Betrachtung Ernst macht damit, daß man wirklich mit den Mitteln der Erkenntnis, die heute anerkannt sind, die Tiefen des Seelischen nicht ergründen kann, daß diese anthroposophische Betrachtung Ernst damit macht, daß für diese gewöhnlichen Mittel eben auf ein Unbewußtes hingewiesen werden müsse. Im Grunde genommen brauchen wir nicht einmal — wir werden das beim nächsten Vortrag machen; aber man braucht es nicht einmal — auf die beiden Grenzpunkte des physischen Erdenlebens zu schauen, Geburt und Tod, man braucht nur auf den gewöhnlichen, alltäglich eintretenden menschlichen Schlafzustand zu schauen und man wird sich sagen müssen, daß es für eine wirkliche Seelenerkenntnis eigentlich unmöglich ist, daß dasjenige, was die gewöhnlichen Erkenntnismittel aussagen können über die Seelenerlebnisse, irgendwie gesichert werden könne gegen einen Einwand wie etwa den folgenden: Es zeigt sich für diese gewöhnlichen Erkenntnismittel eine so große Abhängigkeit alles Vorstellens, Fühlens und Wollens, wie sie im gewöhnlichen Alltagsleben im Bewußtsein vorhanden sind, von den leiblichen Zuständen, daß man ganz gut sagen kann, aus den leiblichen Zuständen tauchen eben auf wie aus einem Unterbewußten herauf die Seelenerlebnisse, und während des Schlafzustandes überwuchert das bloße Organleben, es läßt aus sich heraus nicht Vorstellungen, Fühlungen und Wollungen fließen; man kann eigentlich weiter nichts darüber sagen. Man kann höchstens aus dem Hereinspielen der Träume, die so erscheinen, als ob sie aus dem Schlafleben kämen und im Wachleben einfach erinnert würden, aus dem Durchspieltsein des Schlaflebens von Träumen vielleicht erschließen, daß das Seelische irgendwie als solches fortdauert während des Schlaflebens; aber das sind alles unsichere Dinge. — Im Grunde genommen kann kein ernster unbefangener Mensch mit den gewöhnlichen Erkenntnismitteln irgendwie über die Seele anders reden als so, daß er sagt: Sie bietet eben Erscheinungen dar, die durchaus abhängig erscheinen von den körperlichen Zuständen.

[ 3 ] Gerade weil anthroposophische Erkenntnis Ernst macht mit diesem Vermögen oder Unvermögen der gewöhnlichen Erkenntnismittel, muß sie auf der anderen Seite sich bestreben, eben zu anderen Erkenntnismitteln zu greifen. Und Sie wissen ja, daß zu solchen Erkenntnismitteln in der oftmals hier dargestellten imaginativen, inspirierten und intuitiven Erkenntnis gegriffen wird. Durch diese besondere Art der Erkenntnis, die erst als Fähigkeit entwickelt wird aus dem gewöhnlichen Seelenleben heraus, die erst entwickelt werden kann, wenn man sich zu dieser Entwickelung auch wirklich anstrengt, soll dann gestrebt werden, erst über dasjenige zur Klarheit zu kommen, worüber eben mit den gewöhnlichen Erkenntnismitteln keine Klarheit zu gewinnen ist.

[ 4 ] Und nun möchte ich heute, ohne mich wieder einzulassen auf die Darstellung, die ich so oft gegeben habe von dem Wesen der imaginativen, inspirierten und intuitiven Erkenntnis, auf Grundlage eben dieser drei Erkenntnisstufen, ein Gebiet, ein wichtigstes des Unterbewußten oder Unbewußten des Menschen, eben einfach schildern, nämlich das Gebiet des seelischen Lebens zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen. Ich habe zwar diese Schilderung von gewissen Gesichtspunkten aus schon öfters gegeben, möchte sie aber heute von einem besonderen Gesichtspunkte aus wiederum geben. Ich möchte also zunächst heute einfach schildern, was sich der imaginativen, inspirierten und intuitiven Erkenntnis für den Schlafzustand ergibt. Für das gewöhnliche Bewußtsein liegt ja eigentlich nur das vor, daß jenes Erfülltsein des Bewußtseins mit einem gewissen Inhalte, wie wir ihn vom Aufwachen bis zum Einschlafen haben, mit dem Einschlafen zuerst herabgedämpft wird, und dann erlischt, und daß ein unbewußter Zustand zwischen dem Einschlafen und Aufwachen eintritt. Während des Tagesbewußtseins kann der Mensch zunächst mit den gewöhnlichen Erkenntnismitteln nicht sagen, was seine Seele eigentlich macht in der Zeit zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen. Denn dasjenige, was da, wenn überhaupt ein Seelisches als solches erlebt wird in diesem Zustande, sich abspielt, das tritt ja eben nicht herein in das gewöhnliche Bewußtsein. Für das gewöhnliche Bewußtsein ist Finsternis ausgebreitet über dasjenige, was die Seele erlebt, wenn sie überhaupt erlebt im Schlafzustande. Nun aber beginnt der Schlafzustand dann, wenn zunächst die imaginative Erkenntnis eintritt, aufgehellt zu werden, die Finsternis beginnt sich in eine Helligkeit umzuwandeln, und man kann schon mit der imaginativen Erkenntnis Urteile gewinnen über dasjenige, was wenigstens für die ersten Stadien des Schlafzustandes von der Seele erlebt wird. Man kann dann weiter in inspirierter und intuitiver Erkenntnis in diese Erlebnisse weiter eindringen. Es ist das nicht so, daß Sie sich vorstellen sollten, man sieht in den Schlaf so hinein, wie etwa in einen Guckkasten, sondern es ist so, daß man durch imaginative, inspirierte und intuitive Erkenntnis Seelenzustände erlebt, die dem Schlafen dadurch ähnlich sind, daß man in ihnen zu seinem Leibe, zu seinem Körper in einem ähnlichen Verhältnisse ist wie während des Schlafens, daß man aber durchaus nicht bewußtlos dieses Verhältnis erlebt, sondern eben im vollbewußten Zustande. Und daher, weil man während des Wachlebens vollbewußt in ähnlicher Art erlebt wie während des Schlafes, kann man dann auch hineinschauen in dasjenige, was sich mit der Menschenseele während des Schlafes vollzieht, und man kann es dann schildern.

[ 5 ] Wenn der Mensch nun einschläft, so wissen Sie ja: im Einschlafen kann sich durchsetzen das undeutlich verschwommen auftretende Bewußtsein mit Träumen. Diese Traumwelt kann zunächst zu einer Erkenntnis des Seelenlebens eigentlich gar nicht viel helfen. Denn dasjenige, was man mit den gewöhnlichen Erkenntnismitteln im Tagesbewußtsein über die Träume wissen kann, bleibt doch etwas höchst Äußerliches, und die Träume selber zeigen sich ja nicht so, daß man auf sie in einer ganz bestimmten Art bauen könnte, bevor man in anderer Art eine Erkenntnis hat über den Schlaf. Derjenige, der dann wirklich in eine Erkenntnis der Schlafzustände eindringt, der weiß, daß eigentlich die Träume eher beirrend sind für eine wirkliche Erkenntnis dieses Schlafzustandes als aufhellend. Dasjenige, was erlebt wird von der Seele, wird von ihr unbewußt erlebt. Ich muß es nun, weil ich es aus imaginativer, inspirierter und intuitiver Erkenntnis heraus schildere, Ihnen so schildern, wie wenn es von der Seele bewußt erlebt würde; ich werde Ihnen also zu schildern haben die Erlebnisse der Seele vom Einschlafen bis zum Aufwachen so, wie wenn sie bewußt erlebt würden; sie werden nicht bewußt erlebt, aber dasjenige was ich so schildern werde, wie wenn es bewußt erlebt würde, das wird eben schon von der Seele erlebt, wenn sie auch nichts davon weiß. Es ist eben doch als Tatsache vorhanden, und als Tatsache wirkt es nicht nur vom Einschlafen bis zum Aufwachen, sondern es wirkt herein vor allen Dingen auch in den menschlichen physischen Organismus und in diesen sogar am meisten während des Wachens. Wir tragen immer während des Tages vom Aufwachen bis zum Einschlafen die Nachwirkungen der Nachterlebnisse in uns, und wenn auch für die äußere Kultur alles dasjenige von einer großen Bedeutung ist, was der Mensch durch sein Bewußtsein vollzieht, dasjenige, was im Menschen selber vorgeht, das ist zum allergeringsten Teile abhängig von seinem Bewußtsein, aber im höchsten Grade abhängig von demjenigen, was er unbewußt erlebt vom Einschlafen bis zum Aufwachen.

[ 6 ] Da erleben wir zunächst, wenn die Sinneswahrnehmungen allmählich ganz abgelähmt sind, wenn die Willensimpulse aufhören zu wirken, einen undifferenzierten Zustand der Seele. Es ist ein allgemeines, unbestimmtes Erleben, ein Erleben, in dem zwar ein deutliches Zeitgefühl vorhanden ist, aber das Raumgefühl fast ganz erloschen ist. So daß wirklich dieses Erleben verglichen werden kann mit einer Art Schwimmen, mit einer Art Sich-Bewegen in einer allgemeinen, unbestimmten Weltensubstanz. Man muß eigentlich erst Worte bilden, um dasjenige auszudrücken, was die Seele da erlebt. Man möchte sagen, die Seele erlebt sich wie eine Welle in einem großen Meer, wie eine Welle, die aber sich in sich organisiert fühlt, die sich allseitig von dem übrigen Meer umgeben fühlt, und die die Wirkungen dieses Meeres so auf sich fühlt, wie man beim Tagesleben in einer bestimmten differenzierten Weise die Eindrücke der Farben oder Töne oder der Wärmeverhältnisse fühlt, wahrnimmt und über sie denkt. Aber wie man sich bei dem Tagesleben als einen in seiner Haut abgeschlossenen Menschen fühlt, sich an einem gewissen Standorte fühlt, so fühlt man sich in diesem Augenblick, der auf das Einschlafen folgt — ich sage, man fühlt sich, man erlebt das; ich schildere, wie wenn es bewußt wäre; die Tatsache ist vorhanden, nur das Bewußtsein davon ist nicht vorhanden —, man fühlt sich wie eine Welle in einem allgemeinen Meer, man fühlt sich bald da, bald dort, wie gesagt, das bestimmte Raumempfinden hört eigentlich auf. Aber ein allgemeines Zeitempfinden ist da. Dieses Erleben ist aber verbunden mit dem anderen des Verlassenseins. Es ist etwas wie ein Versinken in einen Abgrund. Der Mensch wäre tatsächlich, wenn er nicht vorbereitet dazu ist, manchem ausgesetzt, indem er schon dieses erste Stadium des Schlafes bewußt erleben würde, denn er würde es eben schier unerträglich finden, die Raumesempfindung fast ganz zu verlieren, nur in einem allgemeinen Zeitgefühle zu leben, sich so ganz unbestimmt nur eingegliedert zu fühlen wie in einem allgemeinen substantiellen Meer, in dem außerordentlich wenig zu unterscheiden ist, nur zu unterscheiden ist, daß man ein Selbst ist in einem allgemeinen Weltensein drinnen. Man fühlte sich — eben wenn Bewußtsein vorhanden wäre — wirklich wie über dem Abgrund schwebend. Und wiederum verbunden ist mit diesem etwas, was in der Seele auftritt wie ein ungeheueres Bedürfnis nach der Anlehnung an Geistiges, ein ungeheueres Bedürfnis, mit einem Geistigen verbunden zu sein. Man hat gewissermaßen in dem allgemeinen Meer, in dem man schwimmt, jenes Sicherheitsgefühl der Verbundenheit mit den materiellen Dingen der Wachenswelt verloren. Daher fühlt man — man fühlte, wenn der Zustand bewußt wäre — eine tiefe Sehnsucht nach dem Verbundensein mit dem Göttlich-Geistigen. Man kann auch sagen: Man erlebt eigentlich dieses allgemeine Sich-Bewegen in einer undifferenzierten Weltensubstanz wie ein Geborgensein in einem GöttlichGeistigen. — Ich bitte, beachten Sie die Art, wie ich hier schildern muß: ich schildere Ihnen die Sache so, um es noch einmal zu sagen, wie wenn dieSeele bewußt erlebte. Sie erlebt so nicht bewußt, aber Sie können sich ja vorstellen, wie, während Sie im wachen Tagesleben bewußt erleben, manches unbewußt in Ihrem Organismus vor sich geht, was eben einfach Tatsache ist. Sagen wir zum Beispiel, Sie erleben eine Freude; ja, während der Freude pulsiert das Blut anders als während der Traurigkeit. Sie erleben die Freude oder die Traurigkeit in Ihrem Bewußtsein, aber Sie erleben nicht das Pulsieren des Blutes in dem einen oder dem anderen Zustande. Dennoch ist dieses Pulsieren des Blutes Tatsache. Und so entspricht dem, was ich hier schildere auf der einen Seite, dem, was ich schildere als ein allgemeines Schwimmen in einer undifferenzierten Weltensubstanz und andererseits dem, was ich schildere als ein Gottesbedürfnis, dem entspricht ein Tatsächliches im Seelenleben. Und die imaginative Erkenntnis tut ja nichts anderes, als dieses Tatsächliche ebenso ins Bewußtsein heraufheben, wie das gewöhnliche Tagesbewußtsein der Menschen eben ins Bewußtsein heraufhebt die Blutpulsation, die zugrunde liegt der Freude oder dem Kummer. Die Tatsachen sind vorhanden, und die Tatsachen wirken in das wache Tagesleben herein, so daß in der Tat, wenn wir des Morgens aufwachen, wir unseren Organismus dadurch in einer erfrischten Verfassung haben, daß dieses nächtliche Erlebnis sich für unser Seelenleben abgespielt hat. Dasjenige, was in der vom Körper getrennten Seele zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen vor sich geht, das hat eben seine große Bedeutung als Nachwirkung dann während des Wachlebens am folgenden Tage. Und wir würden nicht am folgenden Tage unseren Körper in der richtigen Weise gebrauchen können, wenn wir nicht uns herausgehoben hätten aus der Verbindung mit den äußerlich physischsinnlichen Dingen und untergetaucht wären in dieses unbestimmte Erleben, welches ich geschildert habe. Und daß wir im wachen Tagesleben aus der Tiefe unseres Willens so etwas herauftauchen haben wie ein Bedürfnis, dasjenige, was so differenziert um uns herum ist, auf ein Allgemeines zu beziehen, und daß wir das Bedürfnis haben, die Welt des Sinnlichen auf ein Göttliches zu beziehen, das ist eine Nachwirkung dieses ersten Stadiums des Schlafzustandes. Wir können uns fragen: Warum ist denn der Mensch nicht zufrieden damit, daß er einfach die einzelnen Dinge der Welt nebeneinander ansieht während des Wachzustandes, warum ist er denn nicht zufrieden, einfach durch die Welt zu gehen und hinzunehmen Pflanzen, Tiere und so weiter? Warum fängt er an — und das tut ja auch der einfachste Mensch, nicht nur der Philosoph; nebenbei versteht es der einfachste Mensch viel besser als der Philosoph —, warum fängt er an zu philosophieren, wie die Dinge zusammenhängen, warum bezieht er das Einzelne, was er sieht, auf ein Allgemeines, warum frägt er, wie das Einzelne in einem allgemeinen Kosmos begründet ist? Er würde es nicht tun, wenn er nicht während des Schlaflebens wirklich lebensvoll in ein solch Unbestimmtes hinein sich lebte. Und er würde auch nicht zu einem Gottgefühle in seinem wachen Zustande kommen, wenn er nicht die entsprechende Tatsache, dieses Gottgefühl, im ersten Stadium seines Schlafzustandes durchmachte. Wir verdanken dem Schlafe gerade für das Innere unseres Menschentums außerordentlich Bedeutsames.

[ 7 ] Wenn dann der Mensch seinen Schlaf fortsetzt, so kommt er in andere Stadien hinein, die nicht mehr mit der imaginativen Erkenntnis zu durchschauen sind, sondern zu deren Durchschauung eben inspirierte Erkenntnis notwendig ist. Dasjenige, was da wiederum als Tatsache des seelischen Erlebens auftritt, und was sich im inspirierten Bewußtsein so spiegelt, wie, sagen wir, Blutpulsation in Freude und Kummer, das ist zunächst eine gewisse Zerteiltheit der Seele an möglichst viele Einzelheiten, einzelne Wesenhaftigkeiten. Die Seele zersplittert wirklich ihr Leben in Teile, und diese Zersplitterung ist in Verbindung mit etwas, was, wenn es ins Bewußtsein heraufleuchtet, als Ängstlichkeit erscheint. Nachdem die Seele das durchgemacht hat, was man ein Schweben über dem Abgrunde oder ein Schwimmen in einer allgemeinen Weltensubstanz und eine Sehnsucht nach einem Göttlich-Geistigen nennen kann, gerät sie in eine gewisse Ängstlichkeit, das heißt in etwas, was für das Bewußtsein Ängstlichkeit wäre, wenn es eben bewußt erlebt würde, was im wesentlichen darauf beruht, daß die Seele nicht nur in einer allgemeinen Weltsubstanz schwimmt, sondern gewissermaßen untertaucht in geistig-seelische Einzelwesen, die ein Dasein für sich haben, mit denen die Seele jetzt in eine gewisse Verwandtschaft kommt; so daß sie jetzt eigentlich nicht eine Einheit ist, sondern vieles ist. Dieses Vielessein wird aber eben als Ängstlichkeit erlebt. Und über diese Ängstlichkeit muß der Mensch in einer gewissen Weise hinauskommen.

[ 8 ] In der Zeit, die sich abgespielt hat in der Erdenentwickelung vor dem Mysterium von Golgatha, da gingen von den Mysterienstätten in den verschiedensten Religionsübungen Anweisungen für die Menschheit aus, die schon ihren Weg zu den einzelnen Menschen fanden, wodurch die Seelen zu dem, was sie an Gefühlen erleben konnten an der sinnlichen Außenwelt, noch andere eben hinzuerlebten, dadurch, daß sie eben ihre für diese alten Zeiten passenden Gottesvorstellungen hatten. Nun waren in diesen alten Zeiten die Menschen so, daß sie auch während des wachen Tageslebens etwas von einem Hereinscheinen der geistigen Welt in das Bewußtsein hatten. Je mehr wir in der Erdenentwickelung der Menschheit zurückgehen, desto mehr kommen wir darauf, einzusehen, daß die Menschen eine Art Hellsehen gehabt haben in sehr alten Zeiten und dann Nachklänge dieses Hellsehens in späteren Zeiten, daß es für die damaligen Menschen eine innere Anschauung war, daß der Mensch selber, bevor er sein Erdenleben begonnen hat, als seelisch-geistiges Wesen in einem vorirdischen Dasein weilte. Es war nicht etwas, was die Menschen erschlossen hatten, nicht etwas, woran sie bloß glaubten, sondern was für sie eine Gewißheit war, weil sie in ihrem Inneren erlebten etwas, was ihnen geblieben war aus einem vorirdischen Dasein.

[ 9 ] Wenn ich mit einem recht trivialen Vergleich kommen darf, so möchte ich sagen: wenn jemand von seinen Eltern geerbt hat ein gewisses Vermögen, so erkennt er auch, wie dieses Vermögen durch sein unmittelbares Dasein in den Lebenslauf eingreift, erkennt er, daß er sich das nicht selbst erworben hat, sondern daß ihm das überkommen ist von seinen Vorfahren. So wußten die Menschen einer älteren Zeit, daß gewisse Erlebnisse in ihrer Seele nicht herkamen von dem, was ihre Augen gesehen hatten, sondern sie erkannten, daß diese Seelenerlebnisse eine Erbschaft sind aus einem vorirdischen Dasein. An diesen Seelenerlebnissen selbst erkannten sie das. Es muß ja immer wiederum betont werden, daß die Menschen im Verlaufe ihrer Entwickelung frei geworden sind von solchen Seelenerlebnissen, daß unser heutiges Zeitalter ein solches ist, wo das gewöhnliche Bewußtsein eben keine derartigen Seelenerlebnisse hat, die sich als Erbschaft erklären ließen aus einem vorirdischen Dasein. Es war also leichter für diese Menschen der älteren Zeit, hingewiesen zu werden von ihren geistigen Führern in den Mysterienstätten darauf, wie sie in der Seele sich in ihren Gefühlen stellen sollten zu dem, was sie so als geistiges Erlebnis in der Seele hatten. Und aus der Kraft, die ihnen dann wurde durch die Impulse, die die Menschen bekamen aus den Mysterienstätten heraus, trugen sie nun aus dem gewöhnlichen Tagesleben heraus in das Nachtleben, in das Schlafesleben hinein die Kraft, gegenüber der eben geschilderten Ängstlichkeit Sieger zu bleiben. Die Ängstlichkeit tritt also aus den Tiefen des Schlaflebens heraus auf. Die Kraft, aus dieser Ängstlichkeit heraus sich für den nächsten Tag nicht etwas mitzubringen wie eine allgemeine Abmattung des Organismus, sondern etwas mitzubringen, was eine Frische des Organismus ist, mußte man sich erst ansammeln während des Tageslebens am vorhergehenden Tag; so hängen Tage und Nächte miteinander zusammen. Die Nacht bringt in einem gewissen Stadium des Schlafzustandes die Ängstlichkeit; in diese Ängstlichkeit muß sich hineinergiefßen die Kraft, die man aus dem religiösen oder religiös gearteten Erleben des Vortages gewonnen hat, und wenn sich dann diese beiden Dinge, dieser Rest aus dem vorigen Tag mit dem ursprünglichen Erlebnis der Nacht vereinigen, dann strahlt in das neue Tagesleben des nächsten Tages die erfrischende Kraft in den Organismus hinein.

[ 10 ] Es geht eben für eine wirkliche Geisteswissenschaft nicht mehr an, nur in allgemeinen abstrakten Phrasen davon zu sprechen, daß eine allgemeine göttliche Weltenregierung da ist. Es geht nicht an, die einzelnen Dinge der Welt nur nach ihrem Sinnenschein zu schildern und zu sagen: Nun ja, in diesem Sinnenschein ist eben eine allgemeine Weltenregierung. — Geisteswissenschaft muß ganz im konkreten darauf hinweisen, wie diese göttliche Weltenregierung wirkt. Man kann nicht mehr, wenn man den Aufgaben der Menschheitsentwickelung in die Zukunft hinein gewachsen sein will, bloß sagen, man fühlt sich nach einem gesunden Schlaf erfrischt, Gott habe einem die Erfrischung geschenkt. Man würde an allem Wissenschaftlichen verzweifeln müssen, wenn man auf der einen Seite für die sinnliche Welt eine strenge Wissenschaft suchen müßte, und die Strenge dieser Wissenschaft nicht ausdehnen könnte auf dasjenige, was sich auf das Übersinnliche bezieht; wenn man im Übersinnlichen bloß mit der allgemeinen Phrase drinnen bleiben müßte: nun ja, es liegt eben so etwas wie eine göttliche Weltenregierung zugrunde. Man kommt immer mehr und mehr in das Bestimmte hinein, man kann hinweisen darauf, wie diese Ängstlichkeit, die in diesem zweiten Stadium des Schlafes auftritt, gewissermaßen durchmischt wird mit der aus dem religiösen Fühlen des Vortages geschöpften, in die Nacht hinein nachwirkenden Kraft, und daraus wiederum die Erfrischungskraft für den physischen Organismus des nächsten Tages wird. Dadurch bekommt man immer mehr und mehr eine Einsicht, wie das wirklich Geistige in dem wirklich Physischen drinnen lebt, während man für die heute geltenden Erkenntnismittel nur einen physischen Inhalt hat und allgemeine Redensarten, daß in diesem physischen Inhalt oder über diesem physischen Inhalt auch etwas Geistiges lebt. Die Menschheit wird aber in ihrer Kultur immer mehr und mehr herunterkommen, wenn sie sich nicht bequemt, die Strenge, die man für das Anschauen der äußeren Welt und Erkenntnis hat, auch auszudehnen auf die geistige Welt. Und nun merkt man, wenn man mit dem inspirierten Bewußtsein diese Stadien des Schlafes von dem ersten in das zweite Stadium weiter verfolgt, daß dann das innere Erleben der Seele etwas ganz anderes wird, als es im Tagesleben war.

[ 11 ] Nun, man kann es auch durch die gewöhnliche Naturwissenschaft erkennen, wenn man sie nur konsequent durchführt, wie man im Seelischen drinnensteckt im Atmungsvorgang, im Blutzirkulationsvorgang, in dem den Blutzirkulationsvorgang durchziehenden Ernährungsprozeß, man kann fühlen, daß etwas vorgeht, wenn man sich bewegend anstrengt und so weiter. Man fühlt das Seelisch-Geistige verbunden mit körperlichen Verrichtungen, und wenn man den Atmungsvorgang etwa schildert oder den Blutzirkulationsvorgang, dann weiß man: man schildert etwas, in dem während des wachen Tageslebens das seelische Erleben drinnensteckt. Das seelische Erleben vom Einschlafen bis zum Aufwachen steckt nicht im Sinnlichen drinnen, aber es ist auch ein ganz bestimmtes Innenleben, ein solches Innenleben, das ebenso bezogen werden kann auf etwas, wie das Tagesinnenleben bezogen werden kann auf das Atmungsleben oder Blutzirkulationsleben. Und da stellt sich heraus, daß dieses nächtliche Innenleben zusammenhängt mit einer inneren Kräfteentwickelung, die vergleichbar ist mit der Kräfteentwickelung des Atmens und der Blutzirkulation, mit einer Kräfteentwickelung, die ein Nachbild ist der Planetenbewegungen unseres Planetensystems. Merken Sie wohl, ich sage nicht, daß wir jede Nacht vom Einschlafen bis zum Aufwachen in den Planetenbewegungen drinnenstecken oder mit ihnen verbunden sind, sondern wir stecken in etwas drinnen, was eine Nachbildung ist, gewissermaßen eine Miniatur von unserem planetarischen Kosmos respektive seinen Bewegungen. Wie man also beim Tagesseelenleben in der Blutzirkulation drinnensteckt, so steckt man beim Nachtseelenleben in etwas drinnen, was eine Nachbildung ist unserer Planetenbewegungen unseres Sonnensystems. Wenn man sagt für den Tag: Es zirkulieren in einem die weißen Blutkörperchen, es zirkulieren in einem die roten Blutkörperchen, es kreist in uns die Atmungskraft, durch die wir einatmen, ausatmen —, so muß man für das nächtliche Seelenleben sagen: Es kreist in uns ein Nachbild der Merkur-, ein Nachbild der Venus-, ein Nachbild der Jupiterbewegung. — Ein kleiner planetarischer Kosmos ist gewissermaßen unser Seelenleben vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Unser Leben wird aus dem Persönlich-Menschlichen ein Kosmisches vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Und die inspirierte Erkenntnis kann dann finden, wie, wenn wir abends ermüdet sind, zunächst dasjenige, was am Vortage die Kräfte waren, die das Blut in Pulsation erhalten haben, durch sein eigenes Beharrungsvermögen die Vitalität in der Nacht aufrechterhalten kann, wie es aber braucht, damit es wiederum Tagesseelenleben werden kann, den Anstoß, der aus dem Erleben eines Nachbildes des planetarischen Kosmos in der Nacht kommt. Mit dem Aufwachen wird in uns eingepflanzt, eingeimpft die Nachwirkung desjenigen, was wir an den Nachbildungen der Planetenbewegungen vom Einschlafen bis zum Aufwachen erlebt haben. Das ist es, was den Kosmos verbindet mit unserem individuellen Leben. Beim Aufwachen morgens könnte nicht in uns einstrahlen in einer richtigen Weise, so daß das Bewußtsein richtig vorhanden ist, dasjenige, was wir als Kräfte brauchen, wenn wir nicht diese Nachwirkung der nächtlichen Erlebnisse hätten.

[ 12 ] Sie können schon daraus ersehen, wie wenig es richtig ist, wenn manche Leute über Schlaflosigkeit in einer unerhörten Weise klagen. Das ist nämlich gewöhnlich eine außerordentlich starke Selbsttäuschung. Aber darauf will ich jetzt nicht eingehen, denn diejenigen, die dieser Selbsttäuschung unterliegen, glauben ja das doch nicht; sie glauben, sie sind wirklich nicht in einem Schlafe, während sie eben nur in einem abnormen Schlafe sind, durch den sie glauben, daß ihre Seele nicht außerhalb ihres Leibes ist und das planetarische Dasein erlebt. Sie sind in einem Zustande, der allerdings dumpf ist, der aber doch gestattet, dasselbe zu erleben, was ein anderer erlebt bei einem gesunden Schlaf. Doch, wie gesagt, auf diese Ausnahmen will ich jetzt nicht eingehen.

[ 13 ] Im allgemeinen ist es für den Menschen so, wie ich es jetzt schildere, daß also der Mensch ein kosmisches Leben durchlebt im zweiten Stadium seines Schlafes. Ich habe Ihnen angedeutet, daß in alten Zeiten vor dem Mysterium von Golgatha aus den Mysterienstätten die Impulse hervorgingen, wodurch der Mensch die Kraft bekam, aus der Ängstlichkeit herauszukommen, gewissermaßen der Zersplitterung zu widerstehen und nun in einer gesunden Weise das durchzumachen, was er eben durchmachen muß. Diese Kraft bewirkte nämlich, daß man in das Planetenerlebnis hineinkam und nicht bei dem Zersplitterungserlebnis blieb. Die Ängstlichkeit kam aus dem Zersplitterungserlebnis; das Erlebnis, in den Planeten zu sein, das wurde einem dadurch, daß man eben die geschilderte Kraft aus dem Erleben des vorangehenden Tages mitnahm. Seit dem Mysterium von Golgatha haben die Menschen die Möglichkeit, durch Hinlenkung ihrer Seele auf die Ereignisse dieses Mysteriums von Golgatha die Kraft zu gewinnen, die vorher in der geschilderten Weise durch die Mysterien gegeben worden ist. Wer in der Tat das Mysterium von Golgatha seelisch-innerlich in der richtigen Weise durchlebt, dem wird der Christus ein starker Führer im Momente, wo die Seele in das Gebiet der Ängstlichkeit in der Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen eintritt, so daß die neuere Menschheit durch das Christus-Erlebnis dasjenige hat, was eine ältere Menschheit aus den Mysterien heraus hatte.

[ 14 ] Aus diesem Stadium des Schlafes, das ich eben geschildert habe, tritt dann der Mensch in dasjenige ein, was ich Ihnen jetzt wohl in einfacherer Weise benennen darf gewissermaßen als die früheren, weil Sie es mir sehen nicht übelnehmen werden, wenn ich von solchen Dingen spreche, nachdem ich etwas mehr haltgemacht habe bei dem planetarischen Erlebnis: der Mensch hat nach dem planetarischen Erlebnis das Fixsternerlebnis. Nachdem er im zweiten Stadium des Schlafes im Nachbilden der Planetenbewegungen gelebt hat, lebt er jetzt in den Konstellationen der Fixsterne, vorzugsweise in Nachbildungen der Konstellationen der Fixsterne des Tierkreises. Dieses Erleben der Konstellationen der Fixsterne des Tierkreises ist eine sehr reale Tatsache während des dritten Stadiums des Nachtlebens. Da beginnt dann der Mensch auch zu erleben den Unterschied zwischen der Sonne als einem Planeten und einem Fixsterne. Den Menschen ist heute gar nicht klar, warum in älteren Astronomien die Sonne zugleich als ein Planet gegolten hat und doch auch in gewissem Sinn als ein Fixstern. Während des zweiten Stadiums des Schlafes hat die Sonne wirklich für dieses Erleben planetarische Eigenschaften. Man lernt kennen ihre ganz besonders ausgezeichnete Stellung zum Erleben des Menschen auf der Erde. Man lernt also die Sonne kennen auch in ihrer Konstellation zu den anderen Konstellationen der Sternbilder, sagen wir also des Tierkreises. Kurz, man lebt sich hinein in den Kosmos noch in einer intensiveren Weise, als das für das vorhergehende Stadium des Schlafes der Fall war. Man bekommt das Fixsternerlebnis, und aus diesem Fixsternerlebnis erhält der Mensch eben noch tiefere, bedeutsamere Impulse für das Erleben des nächsten Tages, als er aus dem bloßen Planetenerlebnis haben kann. Aus dem Planetenerlebnis bekommt man, wenn ich mich so ausdrücken darf, die Durchfeuerung des Atmungsprozesses und des Blutzirkulationsprozesses; daß aber diese Prozesse substantiell sind, daß sie durchsetzt werden von dem, was sie brauchen, von Substanz, daß also diese Prozesse fortwährend Ernährungsprozesse des Organismus auch sind, dieses Forttreiben der Nahrungsmittel durch den Organismus, das ja scheinbar das Materiellste ist, das aber aus höheren Kräften heraus ist als die bloße Bewegung der Blutzirkulation, dieses Erlebnis beruht in seiner Anfeuerung für das Tagesleben auf einem Nachwirken des Fixsternerlebnisses. Wie wir als physische Menschen abhängig sind in unserem Geistig-Seelischen von der Art und Weise, wie diese oder jene Stoffe in uns zirkulieren, das hängt, wenn ich mich so ausdrücken darf, mit höchsten Himmeln zusammen, das hängt damit zusammen, daß wir als geistig-seelische Wesen im dritten Stadium des Schlafes in uns fühlen Nachbilder der Fixsternkonstellationen, wie wir bei Tag im Wachen in uns fühlen den Magen oder die Lunge. Wie bei Tag unser Körper ist auf der einen Seite ein innerlich bewegter, erfüllt von ‚Atmungsbewegungen, Zirkulationsbewegungen, so ist in der Nacht unsere Seele, unser Substantielles in der Seele etwas, was innerlich Nachbilder der Planetenbewegungen hat. Und so wie wir bei Tag in uns den Magen, Lunge, Herz haben, so haben wir bei Nacht die Konstellationen der Fixsterne; die sind unser Inneres dann. So wird der Mensch wirklich während des Schlafzustandes zum kosmischen Wesen. Dieses dritte Stadium des Schlafes ist das tiefste; aus ihm kehrt der Mensch allmählich wieder zurück in das Tageswachen. Warum kehrt er zurück? Der Mensch würde in das Tageswachen nicht zurückkehren, wenn nicht Kräfte in seiner Seele Platz greifen würden, die ihn wieder hereinführen in seinen physischen Organismus.

[ 15 ] Nun, ich habe Ihnen von den verschiedensten Aspekten aus geschildert, wie man diese Kräfte ansprechen kann; ich will sie Ihnen heute vom kosmischen Aspekt aus schildern. Lernt man durch Intuition kennen das Fixsternerlebnis, dann lernt man auch kennen, wie die Kräfte, die den Menschen wiederum hereinführen in den physischen Organismus, die Mondenkräfte sind, das heißt dasjenige, was im Geistigen dem entspricht, was als physisches Abbild als Mond erscheint. Das hängt natürlich nicht davon ab, ob jetzt Vollmond ist oder so etwas, sondern der Mond kann auch durch die Erde durchscheinen in geistiger Beziehung. Es hat zwar etwas zu tun mit den Metamorphosen, die in der Sichtbarkeit des Mondes sich äußern, aber das würde auf viel feinere Unterscheidungen führen, die wir heute nicht besprechen wollen. Es sind im allgemeinen die Mondenkräfte, die den Menschen wiederum zurückführen. Man könnte sagen, der Mensch ist immer durchdrungen, so wie er durchdrungen ist als Seele vom Einschlafen bis zum Aufwachen von den planetarischen Kräften, von den Kräften, die in den Konstellationen der Fixsterne sich offenbaren, wie er da durchdrungen ist und durchdrungen bleibt, weil diese Dinge nachwirken im Tagwachen, so ist der Mensch immerfort durchdrungen von dem, was im Kosmos als geistige Kräfte dem physischen Monde entspricht. Diese Mondenkräfte sind es, die uns zurückführen. Es ist ein außerordentlich komplizierter Vorgang in Wirklichkeit; wenn wir ihn auf irgendeine Weise ausdrücken wollen, möchte ich so sagen: Nicht wahr, wenn wir ein Elastikum ausdehnen, dann geht das bis zu einem gewissen Punkte, dann geht es wieder zusammen; so dehnen wir gewissermaßen die Mondenkräfte aus bis zu einem gewissen Punkte, wo wir wiederum zurück müssen. Das ist erreicht im dritten Stadium des Schlafes, und wir werden durch die Mondenkräfte, die überhaupt mit dem Hereinführen des Geistig-Seelischen in die physische Welt innig zusammenhängen, wiederum Stadium für Stadium zurückgeführt; vom dritten Stadium durch das zweite Stadium, durch das erste Stadium wiederum zurückgeführt.

[ 16 ] Sehen Sie, alles dasjenige, was der Mensch in seinen Vorstellungs- und Empfindungskräften während des Tagwachens als Initiativkräfte tragen kann, alles das ist Nachwirkung des Fixsternerlebnisses während der Nacht. Alles dasjenige, was der Mensch in seinen Vorstellungs- und Empfindungskräften tragen kann als Kombinationskräfte, als Weisheitskräfte, als Klugheitskräfte, das ist Nachwirkung des planetarischen Erlebnisses. Aber dasjenige, was da aus dem Kosmos vom nächtlichen Erleben hereinstrahlt in das Tagesleben, das muß durchaus auf dem Umweg des Körpers kommen. Das Fixsternerlebnis zuckt in unser Tagesleben herein auf dem Umwege durch die Umwandlung der Nahrungsmittel. Unsere Nahrungsmittel würden nicht so in das Gehirn kommen, daß sie uns befähigen würden Initiativkräfte zu entwickeln, wenn nicht dieser ganze Prozeß angefeuert würde durch dasjenige, was wir nächtlich erleben durch das Fixsternerlebnis. Und wir würden nicht vernünftig denken können, wenn wir nicht in unsere Atmungszirkulation, in unsere Blutzirkulation während des Tages die Nachwirkungen hereinbekämen von dem planetarischen Erleben während der Nacht.

[ 17 ] Richtig sind solche Dinge immer nur im großen und ganzen, und wenn bei Leuten, die sehr stark an Schlaflosigkeit leiden, scheinbar solche Tatsachen durchkreuzt werden, so hat man dann die Aufgabe, die entsprechenden Abnormitäten zu erklären. Sie sprechen nicht, wenn man sie wirklich durchschaut, gegen diese Wahrheiten. Aber diese Wahrheiten, die im großen und ganzen richtig sind, geben erst eine Möglichkeit, das einzelne wirklich wesenhaft zu erklären. Ein wirkliches Erkennen der menschlichen Wesenheit ist nur möglich, wenn man sich im weitesten Umfange bewußt wird der Tatsache, daß der Mensch nicht nur in seinem physischen Körper innerhalb seiner Haut lebt, sondern daß er in der ganzen Welt lebt. Das Leben in der ganzen Welt verhüllt sich nur dem gewöhnlichen Bewußtsein, weil es für das Tagwachen sehr abgedämpft ist. Wir erleben höchstens in der allgemeinen Lichtempfindung etwas nach von dem, was unsere Teilnahme ist an dem Sein eines allgemeinen Kosmos. Vielleicht noch in anderen, aber sehr dumpfen Gefühlen hat der Mensch zwischen dem Aufwachen und dem Einschlafen etwas von einem Sich-drinnen-Fühlen im Kosmos. Aber alles das so Gegebene schweigt, damit der Mensch sein individuelles Bewußtsein vom Aufwachen bis zum Einschlafen entwickeln kann, damit er da nicht gestört werden kann von alledem, was in sein Erleben hereinspielt von dem Kosmos. Während der Nacht ist es gerade umgekehrt. Da hat der Mensch als sein Erleben ein kosmisches Erleben, allerdings das Nachbild eines kosmischen Erlebens, aber eben das getreue Nachbild, so wie ich es ja angedeuter habe. Da hat der Mensch eben wirklich ein kosmisches Erleben, und weil der Mensch dieses kosmische Leben durchmachen muß, deshalb wird sein Tagesbewußtsein abgedämpft und abgelähmt.

[ 18 ] Die Zukunftsentwickelung der Menschheit wird darin bestehen, daß der Mensch immer mehr und mehr sich in den Kosmos einlebt, und daß einstmals er die Zeit herbeiführen wird, in der er mit seinem Bewußtsein sich fühlt in Sonne, Mond und Sternen, so wie er sich jetzt mit seinem Bewußtsein auf der Erde fühlt. Dann wird er aus dem Kosmos auf die Erde sehen, wie er jetzt schaut von der Erde in den Kosmos hinein in seinem jetzigen Wachzustande. Aber das Anschauen wird eben ein wesentlich anderes sein.

[ 19 ] Wenn jemand ehrlich im ganzen Umfange an Entwickelung festhalten will, so muß er sich auch bewußt werden, daß das Bewußtsein des Menschen selber einer Entwickelung unterliegt, daß das Körperbewußtsein, das der Mensch im gegenwärtigen Stadium hat, ein Durchgangsstadium ist zu einem anderen Bewußtsein, das ja auch nichts anderes ist als die seelische Spiegelung von Tatsachen, aber die Tatsachen, die erlebt der Mensch schon heute jede Nacht; er braucht sie, weil sie in ihrer Nachwirkung allein sein Tagesleben wirklich tragen können. Die Weiterentwickelung wird darin bestehen, daß der Mensch dasjenige, was heute sein Unbewußstes ist, auch während des normalen Lebens als ein Bewußtes haben wird; aber notwendig ist dazu, daß der Mensch allerdings in die Geisteswissenschaft sich hineinfindet, denn geradeso wie man in einem gewissen Sinne doch eine Richtung haben muß, wenn man irgendwohin schwimmt, so braucht man auch für das heutige gewöhnliche Bewußtsein eine Richtung. Man kann nicht einfach sich tragen lassen, wie es für die Mittel der gewöhnlichen Erkenntnis der Fall ist. Man braucht eine Richtung. Diese Richtung kann einzig und allein nur die anthroposophische Geisteswissenschaft selber geben, weil sie, soweit es für heute notwendig ist, enthüllt dasjenige, was im Menschen heute schon lebt, was dem Menschen heute nur noch nicht bewußt ist. Er muß es ins Bewußtsein hereinbekommen, er würde sonst keinen wirklich kosmischen Fortschritt erleben.

[ 20 ] Damit habe ich Ihnen heute einen Teil von demjenigen geschildert, was heute in dem Müllkasten der Erkenntnis hineingeworfen wird in den Begriff des Unbewußten. Bei meinem nächsten Vortrag werde ich ebenso zu schildern versuchen die Erlebnisse des Menschen, die hinter Geburt und Tod liegen, wie ich Ihnen heute die unbewußten Zustände während des Schlafzustandes geschildert habe.