Geistige Zusammenhänge
in der Gestaltung des menschlichen Organismus
GA 218
19 November 1922, London
9. Erlebnisse der Menschenseele im Schlafe und nach dem Tode in der geistigen Welt III
[ 1 ] Ich möchte heute die Betrachtungen, die wir hier an diesem Orte in der letzten Zeit angestellt haben, zu einem gewissen Abschlusse bringen. Ich möchte Sie zunächst darauf aufmerksam machen, daß Sie ja bereits wissen, wie die nächsten Schicksale des Menschen nach dem Tode sind. Zunächst hat der Mensch seinen physischen Leib abgelegt und er ist in einer Lage, in der er sonst während des Erdenlebens durch das gewöhnliche Bewußtsein nicht sein kann. Er hat sein Ich, seinen astralischen Leib und seinen Ätherleib um und an sich. Dieser Ätherleib bleibt sonst in der ganzen Zeit, von der Geburt bis zum Tode, mit dem physischen Leib vereinigt, und während des Schlafes ist ja der Mensch nur in seinem Ich und in seinem Astralleib außerhalb des Ätherleibes und außerhalb des physischen Leibes. Wenn nun der Mensch nach dem Tode kurze Zeit — die Zeit dauert ja nur nach Tagen — seinen Ätherleib, diesen Bildekräfteleib noch an sich hat, dann ist er dadurch imstande, zurückzublicken auf seinen ganzen Erdenlebenslauf. Der Erdenlebenslauf ist ja eigentlich enthalten in diesem ätherischen Leibe. Und ich habe auch in den öffentlichen Vorträgen gesagt, wie der Mensch, wenn er durch Initiation seinen Ätherleib freibekommt, den Lebenslauf des Erdenlebens überschauen kann.
[ 2 ] Aber man kann nicht lange den Ätherleib an sich behalten nach dem Tode, denn dieser Ätherleib hängt ja eigentlich zusammen mit dem ganzen Kosmos; er will sich immer in den Kosmos ausbreiten. Wenn wir im Leben für einen Augenblick unseren physischen Leib verlieren würden, würde sogleich der Ätherleib wie durch eine elastische Kraft die Tendenz bekommen, sich in den ganzen Kosmos aufzulösen. Und nur durch den physischen Leib, in dem dieser Ätherleib immer drinnenbleibt, wird er während des Lebens zusammengehalten. Hat man nicht mehr die zusammenbindende Kraft des physischen Leibes, dann beginnt der Ätherleib sich auszubreiten und er wird nach einigen Tagen durch seine große Ausbreitung nicht mehr für uns da sein. Sie wissen ja, wenn Sie einen kleinen Wassertropfen nehmen, dann ist er da; wenn Sie ihn erwärmen, so breitet er sich nach allen Seiten aus und er ist nicht mehr da. Sie können ihn nicht mehr sehen. So breitet sich der Ätherleib nach dem Tode aus und er ist nach wenigen Tagen eben nicht mehr da.
[ 3 ] Die Initiationsweisheit zeigt, daß dieses nur wenige Tage dauert, weil man durch die Initiationsweisheit dazu kommt, gewissermaßen künstlich im Erdenleben den Ätherleib zu benutzen. Er bleibt dann im physischen Leib drinnen, aber man benutzt ihn, indem man auf den physischen Leib keine Rücksicht nimmt und dann hat man auch den Rückblick auf sein Erdenleben. Man hat dann aber auch, indem man den Rückblick auf sein Erdenleben hat, in diesem Ätherleib zugleich eine Spiegelung des ganzen Weltenalls erglänzen. Es ist der ganze Sternenhimmel zugleich im Ätherleib drinnen. Sie können den Ätherleib abgesondert von diesem physischen Leib gar nicht schauen, ohne daß der Ätherleib Ihnen überall die Sternenwelt, die Planeten und die Fixsterne zeigt. Und diese Planeten und diese Fixsterne nehmen zuletzt den Ätherleib auf. Und da ist es so, daß die Initiationswissenschaft, die Initiationsweisheit eben höchstens drei bis vier Tage lang die Bilder festhalten kann, die sie auf diese Weise im Ätherleib hat; dann verschwinden sie, und man muß vorher, wenn man überhaupt einen Zusammenhang damit behalten will, in seinen physischen Leib zurückkehren, damit der Ätherleib zusammengehalten wird. So schwindet einem also auch dieser Ätherleib wenige Tage nach dem Tode dahin. Aber man gliedert sich selbst dadurch immer mehr und mehr in die Sternenwelt ein.
[ 4 ] Man fühlt sich zunächst, nachdem man den Ätherleib abgelegt hat, fremd innerhalb der Sternenwelt. Was einem sozusagen bekannt vorkommt aus der Sternenwelt, das sind nur die Mondenkräfte. Der Mond tritt auf, so daß man ihn auf der einen Seite hat in einem Nachbilde seiner physischen Gestalt. Aber sogleich lernt man im genaueren kennen, was mit dem Monde für geistige Kräfte verbunden sind. Man lernt tatsächlich kennen, daß mit dem Monde verbunden ist die Jahvekraft des Weltenalls, wie ich es das letzte Mal charakterisiert habe. Der Mond verwandelt sich sozusagen für denjenigen, der durch die Pforte
[ 5 ] Äther des Todes gegangen ist, in eine Kolonie geistiger Wesenheiten, deren Anführer Jahve ist. Und jetzt lernt man dasjenige nach dem Tode kennen, wovon die Initiationswissenschaft eben dadurch sprechen kann, daß sie schon in das Erdenleben Bilder von diesen Dingen hereinbekommt. Man lernt erkennen, was es bedeutet, daß der Mensch auf Erden stirbt. Man lernt die Bedeutung des Todes gerade durch die Monden-, durch die Jahvekräfte kennen.
[ 6 ] Wenn wir den Tod auf Erden betrachten, dann stellt er sich so dar, daß der physische Leib eines Menschen leblos wird, daß alles das, was von dem Geistig-Seelischen und Ätherischen den physischen Leib durchdrungen hat, aus dem physischen Leibe verschwunden ist. Der physische Leib wird von den Kräften der Erde, von den Elementen der Erde übernommen, entweder von den Kräften des Irdischen, des Wässerigen, wenn er begraben wird, oder des Feurigen und Luftartigen, wenn er verbrannt wird. Also der menschliche physische Leib wird von den Erdenkräften übernommen. Er ist von dem Menschenwesen abgelegt worden. Was heißt das eigentlich: Der physische Leib ist von dem Menschenwesen abgelegt worden und ist übergetreten in einen Zustand der Zerstörung? — Das ist so: wenn der Mensch geboren wird und die kindlichen Wachstumskräfte in sich hat und auch wenn der Mensch noch vor der Geburt steht im embryonalen Zustande, wenn er aber eben leiblich bereits der Erde im Körper der Mutter angehört, dann sind es dieselben Kräfte, welche uns entgegentreten als zerstörende Kräfte beim Tode, dieselben Kräfte, welche den menschlichen physischen Leib verlassen im Tode, welche also im Tode erscheinen, weil der physische Leib zerfällt, dieselben Kräfte, die an diesem physischen Körper mit aufbauen. Der Mensch geht durch seine Äthererlebnisse und dann durch seine astralischen Erlebnisse in eine geistige Welt über, aber hier auf der Erde löst sich ebenfalls von dem physischen Leib etwas los, was als Geistiges erscheint, als etwas, was gewissermaßen aus dem menschlichen Leibe heraustritt. Man möchte sagen: Nach der einen Seite geht der wirkliche Mensch, nach dieser anderen Seite geht ein anderes Wesen aus dem Menschen heraus. — Es ist das schon so, daß der physische Leib des Menschen mit dem Tode daliegt, der Mensch selbst verläßt ihn, aber ein anderes Wesen verläßt ihn zugleich. Dieses andere Wesen, das sind eben die auch auf Erden lebenden Mondenkräfte. Denn die Mondenkräfte sind zwar, wenn ich so sagen darf, konzentriert in dem kosmischen Monde, aber sie erstrecken ihre Wirksamkeit weithin. Das zeigt sich auf der Erde in den Todeskräften. Diese Todeskräfte sind zugleich die Geburtskräfte. Sie führen den Menschen herein in das Leben und sie erscheinen, wenn der Mensch aus dem Leben hinaustritt. Man bekommt auf diese Art eine Anschauung über den Zusammenhang der Geburt und des Todes. Und wenn man alle Menschen nimmt, die in aufeinanderfolgenden Zeiten sterben, so ist es so, daß aus jedem Menschen gewissermaßen die Erscheinung des Todes heraustritt und sich wiederum vereinigt mit einer geistigen Atmosphäre, die die Erde umgibt wie die Luftatmosphäre und welche dasjenige enthält, was der Tod hergibt und was die Geburt gleich wiederum empfängt. Aus den Kräften, die gewissermaßen aus den Leichnamen der Menschen aufsteigen, werden die Menschen wiederum herausgeboren. Ja, unsere Wachstumskräfte hängen geistig eben innig zusammen mit dem, was von Todeskräften, von den durch den Tod erscheinenden Kräften die Erde umgibt.
[ 7 ] Nun betrachten Sie das Folgende. Diese Todeskräfte, die auch die Geburtskräfte sind, sind die Mondenkräfte. In diese Mondenkräfte ist hineingemischt alles das, was der Mensch an moralischen Wertkräften von seiner Geburt bis zum Tode aufgehäuft hat. Ist man in irgendeiner Beziehung gut gewesen, so findet sich in dieser Sphäre der Todesmondenkräfte gewissermaßen ein eigenes Wesen, welches in sich enthält eine Kraft, die geblieben ist von unserem Gutsein. Dieses Wesen hat in sich auch alles das, was geblieben ist von unserem Bösesein. Und während wir auf Erden leben, bilden wir dieses Wesen aus. Das gewöhnliche Bewußtsein weiß nichts davon, aber wir tragen es in uns. Wir tragen es so in uns, daß wir es jede Nacht, wenn wir schlafen, verlassen; wenn wir aus unserem physischen Leibe herausgehen, so bleibt dieses Wesen in dem physischen Leibe drinnen. Ich habe Ihnen ja gesagt, daß die moralischen Empfindungen und die religiösen Empfindungen in dem physischen und in dem Ätherleib zurückgelassen werden. Und da wird auch zurückgelassen ein wirkliches Wesen, das wir als unseren Karmaträger während unseres Erdenlebens ausbilden. Dieses Wesen bleibt aber mit uns im Zusammenhange, solange wir in der Sphäre der Mondenkräfte sind. Und weil dieses Wesen uns in den Mondenkräften, also in der Nähe der Erde erhält, bleiben wir in der nächsten Zeit nach dem Tode sowohl mit diesen Mondenkräften wie auch mit unserem Karma so verbunden, daß wir wirklich zurück durchleben müssen alle Handlungen, die wir zwischen der Geburt und dem Tode gemacht haben auf der Erde, daß wir die durchleben müssen in einer geistigen Art, mit dreifacher Schnelligkeit — wie ich im öffentlichen Vortrag gesagt habe —, wie wir sie auf Erden durchgemacht haben. Aber wir müssen sie durchleben, rückwärts durchleben und bringen so eine Zeit nach dem 'Tode zu, indem wir zwar nicht mehr durch den physischen Leib, den wir abgelegt haben, mit den Todesmondenkräften verbunden bleiben, aber indem wir als geistig-seelische Wesen Handlungen verrichten müssen, welche mit unseren Erdenhandlungen im innigen Zusammenhange stehen. Also wir machen unser Leben noch einmal in rückwärtiger Reihenfolge durch, und dadurch kommt uns unser Karma erst recht zum Bewußtsein.
[ 8 ] Und Sie müssen schon das, was geistiger Art ist, auch in geistiger Weise behandeln. Wenn Sie einen Menschen auf Erden lieb gehabt haben, so können Sie sich ja vielleicht die Empfindung bilden: Ach, der Mensch muß jetzt nach dem Tode alles das durchleben, was er vielleicht an Schlechtem, an Unvollkommenem gemacht hat! — Sie kommen dann von Ihrem Irdisch-Physischen zu einem gewissen Bedauern, daß dieser Mensch das durchzumachen hat. Wenn Sie aber denjenigen, der durch die Pforte des Todes gegangen ist, selbst fragen würden, ob er die Sache auch so beurteilt, so würde er Ihnen sagen: Nein. — Er würde Ihnen sagen: Ich möchte nicht dieses nachirdische Leben anders durchmachen, als daß ich mit dem Urteil, das ich jetzt als geistig-seelisches Wesen habe, alles wiederum erlebe, damit es sich recht in meine wahre Seelen wesenhaftigkeit einprägt. Denn wenn ich irgendeine Handlung begangen habe, die mich als unvollkommenen Menschen erscheinen läßt, und ich sie nicht so in mir wiederum erleben würde, so würde ich ja nicht den Drang in mir empfangen, sie auszugleichen. Ich würde mich nicht von dieser Unvollkommenheit befreien wollen. Ich bekomme gerade dadurch, daß ich die Handlung noch einmal in seelisch-geistiger Weise erlebe, den Trieb, sie zu überwinden durch eine vollkommene Handlung. — Der Tote möchte um keinen Preis dieses Wiederdurchmachen missen; denn das gibt ihm die Kraft, seine Menschheit in ganzer Weise zu erreichen. Sie müssen sich eben klar sein, daß geradeso wie die Erde vom Tale aus gesehen anders ausschaut als von einer Bergspitze, das Leben anders ausschaut von hier, von der physischen Welt aus, als von drüben. Und so kann man oftmals sagen: Man beurteilt überhaupt die Zusammenhänge des Erdenlebens mit dem überphysischen Leben, mit dem Leben nach dem Tode, nicht ganz richtig.
[ 9 ] Nehmen wir einen anderen Fall. Sagen wir, Sie seien ein sehr guter Anthroposoph, Sie seien begeistert für die Anthroposophie und hätten einen Hausgenossen, jemanden, mit dem Sie eng verbunden sind, der die Anthroposophie haßt wie seinen schlimmsten Feind. Nun können Sie vielleicht sagen, Sie bedauern es ungeheuer, daß Sie dem Betreffenden einen großen Schmerz bereiten dadurch, daß Sie selber Anhänger der Anthroposophie sind und er diese Anthroposophie haßt. Das ist vom Standpunkte des irdischen Lebens gesehen vielleicht richtig beurteilt. Aber sehr häufig stellt es sich von der anderen Seite aus so dar, daß der Betreffende es in seinem Karma liegen hatte, einfach nicht an die Anthroposophie herankommen zu können wegen der Abhaltungen, die er aus einem früheren Leben mitgebracht hatte und die seinen Kopf einfach zu einem Hasser der Anthroposophie machen. Sein Kopf kann nicht heran an die Anthroposophie. Er wird gleich unruhig, er wird gleich aufgeregt, wenn er nur von Anthroposophie etwas hört. Es braucht aber noch nicht sein Herz der Anthroposophie abgeneigt zu sein. Wenn der Betreffende dann stirbt, so kann sich herausstellen, daß er in einer ganz intensiven Weise ein Verlangen nach der Anthroposophie nach dem Tode hat; so daß Sie oftmals das Richtige tun, wenn Sie sich gerade an jemanden, der die Anthroposophie hier im Leben gehaßt hat, nach seinem Tode mit Gedanken aus der Anthroposophie wenden, um sie ihm zuzuführen.
[ 10 ] Man kann schon sagen, so sonderbar und paradox es klingt: Manche Glieder einer Familie, die furchtbar gewütet haben, weil ein anderes Mitglied der Familie anthroposophisch geworden ist, die sind nach ihrem Tode die intensivsten Anhänger geworden. Also Sie müssen das, was ich auch bei meinem vorigen Aufenthalte hier an diesem Orte zu Ihnen sagte, daß man von drüben das Leben ganz anders beurteilt als von hier, das müssen Sie auch in dieser Beziehung ganz ernst nehmen.
[ 11 ] Und so können wir sehen, wie der Mensch ein ganz anderer wird. Denken Sie sich, Sie haben hier im physischen Erdenleben Ihr Gehirn da drinnen in der Schädelhöhle, etwas weiter drunten die Lunge, dann die anderen Organe und außen die Sinne. Durch alles nehmen Sie die äußere Welt wahr, durch alles das, was da in Ihrer Haut eingeschlossen ist, nehmen Sie die äußere Welt wahr. Jetzt dringen Sie hinaus. Zuerst scheinen die Sterne nur herein in Ihren Ätherleib; wenn Sie den aber abgelegt haben, identifizieren Sie sich selbst mit den Sternen. Vorher haben Sie ein Gehirn da drinnen gehabt, jetzt haben Sie die geistige Wesenheit von Venus, Merkur, Sonne und so weiter in sich hineinbekommen. Jetzt können Sie sagen: So wie ich auf Erden Lunge, Herz, Niere und so weiter in mir habe, so ist nun in meinem Inneren Mond, Merkur, Sonne und so weiter. — Sie sind identisch mit dem Weltenall in Ihrem Inneren. Glauben Sie, daß Ihnen das Weltenall denselben Verstand erhält wie Ihr Gehirn? — Da sieht sich eben die Welt anders an; wenn man von der Sonne auf die Erde schaut, sieht die Erde anders aus, als wenn man von der Erde auf die Sonne schaut. So macht man tatsächlich, indem man in Zusammenhang bleibt mit Mond, Merkur, Venus, dieses rückwärtige Erleben durch. In dieser Zeit ist der Zusammenhang mit den äußeren Sternen, mit Jupiter, Mars, Saturn schwach entwickelt, und der Zusammenhang mit den Fixzsternen ist erst recht schwach entwickelt.
[ 12 ] Nachdem man auf diese Weise die Handlungen durchgemacht hat, zurückgelaufen ist mit den Handlungen bis zu seiner Geburt, ist es so, daß man diese Handlungen eben vom Sternenstandpunkte aus beurteilt. Man bekommt jetzt über sich nicht das Urteil, daß man bloß zurückschaut, sondern man bekommt das Urteil nach vorwärts; man bekommt das Urteil: Dies mußt du tun, um auszugleichen diese Handlung; dies mußt du tun, um auszugleichen eine andere Handlung. Darinnen steht man für die nächsten zwanzig, dreißig Jahre seines Lebens nach dem Tode, je nachdem man alt geworden ist, etwa ein Drittel der irdischen Zeit. Kinder machen das sehr kurz durch. Es kommt kaum in Betracht bei ganz kleinen Kindern, wie Sie sich denken können nach meinen Ausführungen. Man durchlebt auf diese Weise tatsächlich, indem man noch einen geistig-seelischen Zusammenhang hat mit seinem Irdischen, sein Leben rückwärts noch einmal. Und wenn man angekommen ist bei der Geburt, dann stellt sich das heraus, daß einem von alldem die Erinnerung bleibt. Es ist jetzt gerade so, wie wenn man wieder einen Leib ablegen würde. Man sagt, man legt den astralischen Leib ab. Aber was in Wirklichkeit geschieht, ist, daß sich das lebendige Tun, in dem man vorher war, verwandelt in ein Gedankenbild, nur daß jetzt ein ganz anderes Bewußtsein, ein Sternenbewußtsein denkt, während hier ein irdisches Bewußtsein gedacht hat.
[ 13 ] Und jetzt treten Sie Ihren weiteren Weg in der geistigen Welt an, indem Sie mit denjenigen Wesen leben müssen, deren physischer Abglanz Sonne und Mond und Sterne sind. Sie müssen mit den Geistern der Sterne jetzt weiterleben. Da tragen Sie dann hinein die Erinnerung an das Karmawesen, das Sie vorher mit Ihrem astralischen Leib abgelegt haben. «Abgelegt haben» heißt aber nichts anderes, als daß alles das, in dem man vorher tätig darinnen gesteckt hat, eben jetzt eine Erinnerung ist, die wir als kosmischer Mensch haben. Wir treten ein in eine rein geistige Welt, belastet mit der Erinnerung an das, was uns unser Erdenleben gelassen hat.
[ 14 ] Solange der Mensch dieses Rückwärtsdurchleben seines verflossenen Erdenlebens durchmacht, so lange steht er eigentlich in der Planetensphäre. Man kann sagen: Indem der Mensch vorschreitet von den geistigen Mondenkräften zu den Venus-, Merkur-, Sonnen-, Mars-, Jupiterkräften bis zu den Saturnkräften, also solange er zwischen der Monden- und Saturnsphäre ist, mit anderen Worten, solange er in sich fühlt den Planetenkosmos, so lange befindet er sich in diesem Rückwärtsdurchleben seines verflossenen Erdenlebens.
[ 15 ] Ich habe Ihnen schon in den letzten Tagen gesagt, wie die Mondenkräfte und die Saturnkräfte einander entgegenarbeiten. Der Mond enthält diejenigen Kräfte, die den Menschen herunterbringen zum Irdischen und immer wieder an der Erde festhalten wollen. Der Saturn möchte ihn kinausführen in das Sternen-Weltenall, so aber, daß, wenn der Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in dieses Sternen-Weltenall eintritt, er nicht den physischen Abglanz der Sterne sieht, sondern mit den Wesen lebt, die zu den betreffenden Sternen gehören.
[ 16 ] Passieren wir also nach dem Tode die Sphäre des Saturn, so werden wir reif für ein Erleben der rein geistigen Welt. Ich habe diesen Übergang charakterisiert in meinem Buche «Theosophie» als den Übergang aus der Seelenwelt in das Geisterland. Diesen Übergang kann der Mensch, weil ihm die Erinnerung an das verflossene Erdenleben anhaftet, wie ich es dargestellt habe, nicht durch eigene Kräfte durchführen. Er braucht einen Helfer in der geistigen Welt.
[ 17 ] Nun, auch darauf habe ich ja hier aufmerksam gemacht, wie es mit diesem Helfer ist. In der Zeit, die vor dem Mysterium von Golgatha liegt, haben die Eingeweihten der Mysterien ihren Schülern sagen können: Ihr werdet, wenn ihr in der richtigen Weise eure Opferkräfte hinaufgeschickt habt in die geistige Welt, das hohe Sonnenwesen finden können, das euch begleitet von der Zeit an, wo ihr die Sonnensphäre verlaßt, das euch aber begleitet in seiner geistigen Wesenheit nach der anderen Seite, wo die Sonne gewissermaßen geistig in den Weltenraum hinausscheint, wie sie physisch auf die Erde herunterscheint. Dieses hohe Sonnenwesen wird euch begleiten, wird euch bringen bis zur Saturnsphäre, dann weiter hinaus bis in die Sternensphäre. Gewissermaßen wird euch die geistige Sonne scheinen, so daß ihr den Übertritt gewinnen könnt aus der Seelenwelt ins Geisterland.
[ 18 ] Durch das Mysterium von Golgatha ist es so geworden, daß dieses Sonnenwesen heruntergestiegen ist auf die Erde, in dem Menschen Jesus von Nazareth Leib angenommen hat, und der Mensch dadurch, daß er auf Erden sein Gemüt, seine Gefühle hinwendet zu dem Christus und dem Mysterium von Golgatha, er schon hier auf Erden die Kraft empfängt, um über die Sonnen- und Saturnsphäre hinaus in das Geisterland, das heißt, in die Sternenwelt eintreten zu können. Da ergibt sich dann der Zustand, den er weiter durchmacht zwischen Tod und neuer Geburt. Um Ihnen diesen Zustand zu schildern, den der Mensch jetzt, in der Zeit nach dem Mysterium von Golgatha durchmachen kann durch die Kraft des Christus, die er aufgenommen hat, muß ich Ihnen das Folgende sagen. Zunächst muß ich Sie aufmerksam darauf machen, was es eigentlich heißt, wenn man da draußen in der Sternenwelt ist, das heißt im Geisterland, was es eigentlich heißt: Man hat die Erinnerung an das Erdenleben! — Das wird Ihnen in der folgenden Weise begreiflich werden.
[ 19 ] Kommt man über die Saturnsphäre hinaus, so tritt man ein in dasjenige, was alte Weltanschauungen genannt haben den Tierkreis. Er ist nur der Repräsentant für den Fixsternhimmel, das heißt für das Geisterland überhaupt; aber gerade wenn man zusammenfaßt die einzelnen Sterne, die den Tierkreis ausmachen, bekommt man den Weg, den der Mensch dann durchzumachen hat. Diesen Weg macht der Mensch durch, um den Geistkeim seines nächsten physischen Leibes aus dem ganzen Kosmos heraus mit den geistigen Wesenheiten der Hierarchien zusammen aufbauen zu können.
[ 20 ] Wenn Sie etwa sagen würden: Hier auf der Erde haben wir eine interessante Arbeit, da können wir die Kultur fördern, da können wir für die Menschen arbeiten und so weiter, aber es muß höchst einförmig sein, was wir da oben vollbringen, wenn wir da nur unseren Leib, unseren eigenen Körper erzeugen —, dann würden Sie ganz fehlgehen. Denn alles, was Sie zusammen auf der Erde vollbringen können, ist nicht von der Größe und Mannigfaltigkeit dessen, was Sie vollbringen, wenn Sie aus den Sternenwelten heraus den menschlichen Leib, den «Tempel der Götter» formen, Das ist eine viel mannigfaltigere, großartigere Arbeit. Und Sie formen ja nicht nur einfach Ihren Leib, Sie formen ihn, wie Sie gleich sehen werden, so, daß dieser Leib eigentlich der ganzen Menschheit angehört, indem Sie, je nachdem Ihr Karma Sie mit dem oder jenem Menschen zusammengebracht hat, wiederum den neuen Leib so formen, daß er die Tendenz bekommt, in richtiger Weise mit diesen Menschen wieder zusammenzukommen, um mit ihnen das Karma auszugleichen. Also Sie arbeiten ja da in einem viel höheren Maße für die ganze Menschheit, als Sie es auf der Erde jetzt tun könnten. Und wie arbeiten Sie? — Das will ich Ihnen im einzelnen beschreiben; ich bitte Sie nur, darauf aufmerksam zu sein, daß ich mich sinnbildlich ausdrücken muß, wie schon das letzte Mai gesagt, wenn ich von diesen erhabenen Welten spreche, denn die menschlichen Begriffe sind heute nicht so geformt, daß man sich ohne Bilder ausdrücken kann.
[ 21 ] Sie müssen tatsächlich den Geistkeim Ihres ganzen physischen Leibes aufbauen. Er wird aus den Einzelheiten des Weltenalls aufgebaut. Indem Sie zum Beispiel durchleben jene geistigen Wesenheiten, deren physischer Abglanz das Sternbild des Widders ist, arbeiten Sie mit den Hierarchien des Widders zusammen an Ihrem Haupte, an Ihrem kommenden Haupte, das tatsächlich ein Kosmos ist, das sich nur dann zusammenzieht im physischen Leibe; aber in Ihrem Haupte tragen Sie den ganzen Kosmos, vom Widder aus gesehen, in sich. Nun aber, indem Sie da auf dem Schauplatz des Widders mit der Hierarchie des Widders arbeiten, scheinen die Planeten, geradeso wie sie auf die Erde herunterscheinen, geistig nach der anderen Seite. Nehmen wir nun zum Beispiel an, Sie arbeiten weiter, Sie arbeiten vom Sternbilde des Widders aus weiter bis zum Sternbilde des Stieres. Während Sie im Sternbilde des Stieres mit den Hierarchien zusammenarbeiten, arbeiten Sie den Zusammenhang Ihrer Kehlkopfpartie mit Ihrer Lungenpartie. Indem nun der Mars aus der Planetensphäre hinaufscheint nach der Sphäre des Stieres, drückt sich in der Bewegung des Mars alles dasjenige aus, was Sie auf der Erde verfehlt oder richtig gemacht haben durch Ihre Sprechwerkzeuge. Jede Unwahrheit, die der Mensch gesagt hat, die scheint ihm geistig der Mars in die Stiersphäre hinein, wenn der Mensch sich durch die Stiersphäre hindurcharbeitet. Sie können sich also denken, was diese . Erinnerung ist, die wir da haben in unseren eigenen Taten. Wir finden nach dem Tode, daß diese Erinnerung in das Weltenall hineingeschrieben ist und sogar aus dem Weltenall als Logos nach der anderen Seite hin spricht. So daß wir an unserem künftigen Leibe in bezug auf diese Partie der Sprachwerkzeuge so arbeiten müssen, daß wir gestört oder gefördert werden, je nachdem wir die Wahrheit gesagt oder gelogen haben.
[ 22 ] Und so ist es, wenn wir zum Beispiel durch das Sternbild des Löwen gehen. Da werden uns alle unsere Unvollkommenheiten von der Sonne her beschienen, all die Unvollkommenheiten, die wir durch unser oberflächliches oder tieferes Herz begangen haben, unsere Sympathien und Antipathien, die mit unserem 'Temperamente, mit unserer Blutzirkulation auf der Erde zusammenhängen; so daß wir an unserem künftigen Leibe so aufbauen, daß uns unser ganzes früheres Leben als Planetensprache in den Weltenraum hinaus ertönt.
[ 23 ] Ja, es ist so — so sonderbar es vom Erdenstandpunkte aus erscheint —, daß, wenn wir von da draußen die Planetenbewegungen anschauen, wenn wir anschauen, wie der Mars, sagen wir, seine Bewegungen nach dem Stier hin ausführt, diese Bewegungen eine Schrift bilden, die zu gleicher Zeit tönt, und das ist die Sternenschrift, die von unseren eigenen Taten in den Weltenraum eingeschrieben ist. Kein Wunder, daß, wenn wir wieder zurückkehren, wir dasjenige vorbereiten, was dann unserem Karma entsprechend zu uns gehören wird. Denn wir können unseren künftigen physischen Leib nur vorbereiten unter dieser fortwährenden Sternensprache.
[ 24 ] Und so arbeiten wir uns durch das geistige Gebiet hindurch, durch jenes geistige Gebiet, welches wir um so länger durchwandern, je größer das Verhältnis ist zwischen dem Bewußtsein in unserem Erdenleben, dem ganzen Erdenleben — ich habe es auch im öffentlichen Vortrage gesagt —, und dem anderen Bewußtsein, das wir als Kind gehabt haben, wo wir noch dumpf lebten; denn wir sind jetzt in einem Bewußtsein, das über unser Erdenbewußtsein hinausgeht. Im Erdenbewußtsein sind wir als erwachsene Menschen in einem Bewußtsein, das über das Traumesbewußtsein des Kindes hinausgeht. Es sind drei Stufen des Bewußtseins. Wenn der Mensch dreißig Jahre alt geworden ist und bis zu seinem fünften Jahre durchgemacht hat das Traumbewußtsein, dann hat er sechsmal länger in dem höheren Bewußtsein gelebt. Nun lebt er wiederum sechsmal länger als seine ganze Erdenlaufbahn in jenem höheren Bewußtsein, das er draußen in der Sternenwelt hat; so daß man einfach begreift: Wenn ein Kind stirbt, so lebt es außerordentlich kurz zwischen dem Tode und einer neuen Geburt; je älter der Mensch wird, desto mehr Zeit hat er dort zuzubringen; denn desto mehr verdunkelt ist hier auf der Erde sein überirdisches Bewußtsein, das er nach dem vorigen Tode durchgemacht hat, desto länger muß er daran arbeiten, es wieder hell zu machen, denn wir müssen ganz in die Helle hineinkommen.
[ 25 ] Wenn wir ganz in die Helle hineinkommen, dann tritt eben jene Zeit ein zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, die ich in dem einen Mysterium genannt habe die Mitternachtszeit des menschlichen geistigen Daseins, die Mitternachtsstunde zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. In dieser Zeit, die ungefähr in der Mitte zwischen dem Tode und einer neuen Geburt drinnen liegt, haben wir das Bewußtsein, das uns in der geistigen Welt unter den Wesen der geistigen Hierarchien leben läßt, am hellsten. Aber zu gleicher Zeit erleben wir auch am stärksten in uns: Da unten in der Planetensphäre steht ja alles dasjenige, was du als Mensch verrichtet hast; das darfst du nicht verlassen — sagt man sich —, das kannst du hier nicht ändern, das kannst du nur ändern, wenn du wieder auf die Erde hinuntersteigst.
[ 26 ] Da beginnt der Drang, der Trieb, wiederum nach der Erde hinunterzusteigen, gewissermaßen die Entscheidung zu treffen zwischen Saturn und Mond. Man folgt wiederum den aufdämmernden Mondenkräften, um den Weg nach der Erde zurück anzutreten, bei einem Menschen, der im vorigen Leben erwachsen war, eben nach Jahrhunderten.
[ 27 ] Und je mehr wir uns wiederum der Planetensphäre nähern, und namentlich in die Sphäre von Merkur, Venus und Mond kommen, desto mehr schwindet uns das Bewußtsein, das wir gemeinsam mit den geistigen Wesen der höheren Hierarchien haben, dahin. Das heißt, wir bekommen ein Bewußtsein, das jetzt nur die Offenbarungen dieser geistigen Wesenheiten enthält. Früher fühlten wir uns unter diesen geistigen Wesen darinnen. Wenn wir vorbereitet haben das menschliche Haupt für das spätere Leben, so fühlen wir: wir arbeiten zusammen mit den geistigen Wesenheiten. Jetzt erscheinen uns die geistigen Wesenheiten wie in Bildern. Dafür aber tritt auch die Wirkung der Mondenkräfte in uns auf. Wir fühlen uns sozusagen wiederum als ein Wesen, das eigentlich in sich leben sollte. Wir sind ja noch nicht in einem physischen Leibe, aber wir haben ein Vorgefühl von einem In-sich-Leben, von einem Wiederum-dem-Kosmos-Entfremdetsein. Wir haben nicht mehr den Anblick der geistigen Wesenheiten, wie sie sind, sondern wir haben ihre Abbilder.
[ 28 ] Und während wir diese Abbilder durchgehen, entschwindet uns immer mehr und mehr dasjenige, was wir als den Geistkeim unseres physischen Organismus auferbaut haben, und wir müssen wahrnehmen: dieser Geistkeim des physischen Organismus ist uns entfallen und ist nun hinuntergegangen zu einem physischen Elternpaar und lebt sich ein als die Kräfte der Fortpflanzungsströmung auf der physischen Erde. Es ist wirklich so, daß dasjenige, was wir als den physischen Leib vorbereiten, zusammenschrumpft und in die Fortpflanzungsströmungen eines physischen Elternpaares fällt. Und wir sind zurückgelassen als geistig-seelisches Wesen, das seine Zugehörigkeit zu dem, was ihm da hinunter entfallen ist, empfindet, aber sich nicht unmittelbar damit vereinigen kann. Es kann sich erst vereinigen, wenn es jetzt in diesem Zustand die Ätherkräfte, die im ganzen Kosmos sind, zu seinem Ätherleibe heranzieht. Und nachdem uns der Geistkeim unseres physischen Leibes entfallen ist, der nun unten unseren physischen Leib im Körper der Mutter vorbereitet, sammeln wir die Kräfte, um unseren Ätherleib zu bilden. Und mit diesem Ätherleib vereinigen wir uns dann, nachdem der menschliche Keim schon eine Zeitlang im Leibe der Mutter war.
[ 29 ] Das ist der Vorgang des Wieder-Zurückkehrens zum Erdendasein. Und indem wir vorher nur die Bilder der geistigen Wesenheiten gehabt haben, gliedern wir uns alles dasjenige ein, was wir nur durch die Mondenkräfte uns eingliedern können, was Erinnerung war an unser Karmawesen. Das gliedern wir uns jetzt wiederum ein als wirkliche Kräfte. Die nehmen wir mit auf in den Ätherleib, gliedern sie auch ein. Deshalb erscheinen wir auf dieser Erde so, daß wir das Ausleben unseres Schicksals, unseres Karma bewirken; während des Durchgehens durch die Mondenkräfte entwickeln wir die Sehnsucht, unser Karma auf der Erde auszuleben.
[ 30 ] So ist der Kreislauf, den der Mensch durchläuft vom Tod zur Geburt, indem er einen Aufstieg bis zum selbständigen Bewußtsein in der Geistsphäre erlebt, und ihm dieses Bewußtsein wieder abgedämmert wird, indem er die Geistsphäre nur im Bilde hat. Während er sie nur im Bilde hat, nimmt er den Willen in sein Karma, in sich auf, kehrt zu der Erde zurück, um im physischen Leibe weiterzuarbeiten, bis er dann durch eine Reihe von Erdenleben eben dahin kommt, eine andere Daseinsmetamorphose antreten zu können.
[ 31 ] Für die jetzige Gegenwart der Erdenzeit ist es ja so, daß der Mensch, indem er heruntersteigt aus der Sternensphäre, die Erinnerung an sein früheres Erdendasein hat und an diese Erinnerung anknüpft. Er bereitet sich selber in der Sternensphäre seinen physischen Leib vor und vereinigt sich dann, indem er heruntersteigt, mit diesem seinem physischen Leibe. Aber wir stehen in einer sehr wichtigen Periode des Erdendaseins. Und die Wichtigkeit dieser Periode des Erdendaseins verstehen wir nur, wenn wir wissen, daß wir unseren physischen Leib vorbereitend erarbeiten in der Sternensphäre und ihn dann um uns kleiden, wenn wir auf die Erde herunterkommen. Aber in diesem Punkte bereitet sich etwas Wesentliches gerade in unserem Zeitalter vor.
[ 32 ] Ich habe oftmals darauf aufmerksam gemacht, wie im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts von der geistigen Welt aus Änderungen eingetreten sind im ganzen Verlaufe des menschlichen Erdenlebens. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, wie in der Tat in einer gewissen Weise offen geworden ist das Tor der Erkenntnis gegenüber der geistigen Welt, wie man, wenn man das Nötige von sich aus tut, in der Tat erkennend eindringen kann in die geistige Welt, was durch viele Jahrhunderte hindurch, während sich die materielle Erkenntnis bildete, nicht möglich war. Die Änderung ist in der geistigen Welt dadurch eingetreten, daß an die Stelle früherer führender Wesenheiten diejenige Wesenheit getreten ist, welche wegen der Ähnlichkeit ihrer Eigenschaften mit dem, was in der Tradition als das Michael-Wesen bezeichnet wird, eben auch mit dem Namen Michael bezeichnet werden kann. Und man kann sagen: Die Michael-Wesenheit hat die geistige Führung der Menschheit übernommen. — Auf der Erde hier ist das Äquivalent dafür, daß Michael eingreift in das Seelen- und Geistesleben der Menschheit, daß eben immer mehr und mehr Menschen auch wirklich davon durchdrungen werden, daß der Mensch nicht nur durch seinen physischen Leib hier mit dem Reiche der Erde zusammenhängt, sondern daß er durch sein Seelisch-Geistiges in einem fortdauernden Zusammenhange steht mit der geistigen Welt.
[ 33 ] A!so das Hineinwachsen in die Geist-Erkenntnis, das ist die eine Seite, die mit der Michael-Herrschaft zusammenhängt. Die andere Seite ist aber dasjenige, was aus einer wirklichen ehrlichen Durchdringung mit dieser Geisteswissenschaft für das Menschengemüt, für die Menschenseele hervorgeht, und das ist, daß tatsächlich, indem das Licht dieser geistigen Wissenschaft sich ausbreiten wird, dieses Licht nicht nur eine Theorie bleiben wird, sondern einströmen wird in das menschliche Fühlen und als sich verbreitende Menschenliebe da sein wird.
[ 34 ] Was man in den letzten Jahrhunderten aufgespeichert hat, das steht ja eigentlich zu dem Menschen nur in dem Verhältnis, daß es ein Kopfwissen wird, aber ein Kopfwissen, das nicht ausströmt in den ganzen Menschen. Ja, das ist wie eine seelische Geschwulst, das ist etwas, was nach und nach verhärtet, weil es nicht die richtigen Kräfte aus dem übrigen Organismus bekommt. Wenn wir immer nur im Kopf gescheiter werden und nicht aus unserem übrigen Organismus das nötige Fühlen diese Gescheitheit durchströmt, dann werden wir Wesen, die eigentlich etwas wie ein seelisch-geistiges Krebsgeschwür, wie eine seelisch-geistige Krebsgeschwulst haben. Es kann auch der Kopf nicht gedeihen, geistig gedeihen, wenn nicht der übrige Mensch liebend und das Geliebte auch wollend in der Welt steht.
[ 35 ] Was in dem Menschen die Michael-Herrschaft will, wird der Mensch erst begreifen, wenn er dieser Michael-Herrschaft entgegenkommt durch seine eigenen Eigenschaften. Er kann ihr nur entgegenkommen, wenn er spirituell aufgeklärt und von allgemeiner, gerade aus der spirituellen Aufklärung kommender Menschenliebe erfüllt sein wird. Dann wird man immer mehr und mehr verstehen, was diese MichaelHerrschaft bedeutet.
[ 36 ] Das Volk des Alten Testaments hat auch von einer Michael-Herrschaft gesprochen und es meinte, daß Michael damals der Diener Jahves war. Das heißt, Michael hat dazumal in den Kräften gewirkt, welche die Jahvekräfte sind. Er war der Diener des Jahve. Er hat all dasjenige mitbekämpft, was zu bekämpfen ist als ahrimanische Mächte, von denen ich in den letzten Tagen gesprochen habe. In unserem Zeitalter ist Michael bestimmt, immer mehr und mehr die dienende Wesenheit des Christus zu werden; so daß die Aussage, die Michael-Herrschaft tritt regelnd ein in die Menschengsschicke, zugleich heißt, daß wahr werden soll das Wort: Die Christus-Herrschaft soll sich auf der Erde ausbreiten. — Michael trägt gewissermaßen vorne das Licht der spirituellen Erkenntnis, hinten trägt Christus die Forderungen der allgemeinen Menschenliebe. Dadurch aber ändert sich nicht nur etwas für die Erde, sondern dadurch ändert sich auch manches für das Leben, das der Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchmacht.
[ 37 ] Es ist von alten Zeiten der Erdenentwickelung her so, daß der Mensch eben in der Weise, wie ich es charakterisiert habe, sich seinen physischen Leib als Geistkeim vorbereitet und ihn dann, wenn er das Erdendasein betritt, übernimmt. Aber seit der Christus-Michael-Herrschaft wird der Mensch immer mehr und mehr in die Lage versetzt gegenwärtig sind es wenige Menschen, immer mehr und mehr sollen es werden —, bevor er auf die Erde heruntersteigt, noch eine Entscheidung zu treffen. Denn das Licht der spirituellen Erkenntnis leuchtet so, daß es zu gleicher Zeit beleuchtet diese Erde und das überphysische Reich, so daß der Mensch durch die Michael-Herrschaft eine Entscheidung zu treffen lernt, wenn er zwar schon sein Karma übernommen hat in seinem Ätherleib, aber nun den Weg zu seinem physischen Leib antritt. Wird nun auf der Erde immer mehr und mehr spirituelle Erkenntnis verbreitet, und wird der Mensch immer mehr und mehr in sich erleben diese allgemeine Menschenliebe, so wird folgende Möglichkeit vor dem Herabsteigen in das Erdenleben für die zukünftige Menschheit eintreten. Der Mensch wird sich sagen können: Diesen Leib habe ich vorbereitet; aber indem ich diesen Leib hinuntergeschickt habe auf die Erde und mein Karma in meinen Ätherleib, den ich zusammengezogen habe, hineingenommen habe, da sehe ich, daß dieses Karma so liegt, daß ich durch das, was ich in früheren Erdenleben vollbracht habe, diesen oder jenen anderen Menschen schwer geschädigt habe.
[ 38 ] Wir sind ja immer der Gefahr ausgesetzt, durch das, was wir vollbringen, andere Menschen zu schädigen. Das Urteil über dasjenige, was wir einem anderen Menschen angetan haben, wird ganz besonders hell leuchten in diesem Momente, wo wir noch im Ätherleib sind, wo wir noch nicht den physischen Leib bezogen haben. Da aber wirkt in Zukunft auch das Licht des Michael und die Liebe des Christus. Und wir werden in die Lage versetzt, eine Änderung in unserer Entscheidung herbeizuführen, den Leib, den wir zubereitet haben, einem anderen zu übergeben und selber denjenigen Leib zu übernehmen, der bereitet worden ist von dem, den wir besonders geschädigt haben. Das ist der gewaltige Übergang, der von unserer Zeit in die Zukunft hinein in bezug auf das geistige Leben der Menschen stattfindet.
[ 39 ] Wir werden in der Lage sein, in einen Leib einzuziehen, der von einem Menschen hat zubereitet werden müssen, den wir besonders geschädigt haben; und der andere wird in der Lage sein, in unseren zubereiteten Leib einzutreten. Und dadurch wird das, was wir auf Erden werden vollbringen können, in einer ganz anderen Weise sich karmisch ausgleichen können als sonst. Wir werden gewissermaßen als Menschen in die Lage kommen, unsere physischen Leiber auszutauschen.
[ 40 ] Die Erde könnte niemals ihr Ziel erreichen, wenn nicht das eintreten würde; niemals würde sonst auf der Erde die Menschheit ein Ganzes werden können. Und das muß sein! Es muß für die Erdenentwickelung eine Zeit kommen zur Vorbereitung von zukünftigen planetarischen Zuständen der Erde, in der es unmöglich ist, daß der einzelne irgend etwas auf der Erde genießt auf Kosten des anderen. Geradeso wie sich das einzelne Blatt oder das einzelne Blütenblatt der Pflanze als ein Glied der ganzen Pflanze fühlt und Leid und Freude der ganzen Pflanze miterlebt — bildlich gesprochen —, so muß eine Zukunft über die Erde kommen, in der der einzelne kein Glück haben will auf Kosten des Ganzen, in der er sich als ein Glied der ganzen Menschheit fühlt. Das aber hat sein geistiges Äquivalent darin, daß wir für die anderen den physischen Leib zubereiten lernen.
[ 41 ] Wir treten also als Menschen aus einer Zeit heraus, in der gewissermaßen jeder eine Kontinuation hatte in bezug auf den physischen Leib; wir treten in eine Zeit ein, die durch die Michael-Herrschaft herbeigeführt wird, wo wir auch an den physischen Geistkeimen der Menschenleiber so arbeiten, daß wir einer für den anderen arbeiten können. Und im Verlaufe der Erdeninkarnationen wird sich das so einstellen, daß wir durch dieses gegenseitige Arbeiten im Geistigen vorbereiten eine noch spätere, kommende Zeit — wenn man deren Wesen ausspricht, so wird es ein vollständiges Paradoxon sein, aber es ist doch so —, wo die Menschen auch auf der Erde mit ihren Seelen in diejenigen Leiber eintreten können, die sie besonders geschädigt haben, und herübernehmen können die Seele in ihren Leib. Das wird eintreten, wenn die Erde selbst in andere Zustände übergegangen sein wird. Aber das, was ich Ihnen heute gesagt habe als eine Tatsächlichkeit, die durch die Michael-Herrschaft in der geistigen Welt eintritt, wird die Vorbereitung dazu sein.
[ 42 ] Gerade an diesem Beispiel sehen Sie so recht das Wesen der ideellen Magie. Wenn Sie hier auf der Erde die Erleuchtung auf sich wirken lassen, die von der spirituellen Wissenschaft kommt, so fördern Sie die Michael-Herrschaft. Sie fördern diejenigen Kräfte, die herbeiführen, daß die Menschen füreinander in dem Grade leben können, daß sie erst die Entscheidung treffen über das, was sie als physischen Leib übernehmen wollen, nach dem, was dann das Beste ist für die ganze Menschheit. Darnach entscheidet man sich, indem man sich den physischen Leib wählt. Inden Sie das auf der Erde vorbereiten durch Menschenweisheit und Menschenliebe, vollführen Sie etwas, was in der geistigen Welt Wirklichkeit hat. Das ist wirkliche ideelle Magie. Das ist, was in älteren Zeiten wahre weiße Magie genannt worden ist. Es ist dasjenige, in das die Menschheit eintreten muß.
[ 43 ] Und so wollte ich Sie noch aufmerksam machen auf dieses wichtige Moment, das im gegenwärtigen Augenblicke der Menschheit in die Entwickelungsbahn der Menschheit hereingetreten ist. Wir dürfen nicht mutlos zurückschrecken, wenn es sich darum handelt, Tatsachen der geistigen Welt zu enthüllen, welche in das Menschenleben hereinspielen. Denn die Zukunft der Menschheit hängt davon ab, daß der Mensch lerne, mit der geistigen Welt ebenso zu leben, wie er hier auf der Erde mit der physischen Welt lebt. Und nur dadurch, daß wir gewissermaßen als Menschheit wiederum in der geistigen Welt heimisch werden, wie es die Urmenschheit war, indem wir richtig begreifen das Christus-Wort: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt», werden wir die Zukunft der Menschheit fördern. Dann begreifen Sie im richtigen Sinne das Christus-Wort: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt.» Aber er ist ja gerade heruntergestiegen auf die Erde; er hat sich ja gerade mit der Menschheit vereinigt. Hätte er nicht eigentlich sagen wollen: Mein Reich ist von dieser Welt? — Er hat es nicht gesagt, aus dem Grunde, weil er hier allmählich die Erde zu einem Reiche machen wollte, das nicht im Irdischen aufgeht, das nach und nach einläuft in einen geistigen Zustand. Sein Reich ist nicht so, wie es war bis zu dem Mysterium von Golgatha und wie es sich dann, gewissermaßen durch das Beharrungsvermögen weiterlaufend, auch nachher fortgesetzt hat. Sein Reich ist so, daß der Geist hier auf der Erde herrschen wird. Und dies wird werden, wenn von der Menschheit in richtiger Weise die Michael-Herrschaft verstanden wird. Die aber wird nur in richtiger Weise verstanden, wenn geistige Erleuchtung und christliche Menschenliebe gesucht werden, wie ich es angedeutet habe.
