Das Verhältnis der Sternenwelt zum Menschen und des Menschen zur Sternenwelt
Die geistige Kommunion der Menschheit
GA 219
29 Dezember 1922, Dornach
Zehnter Vortrag
[ 1 ] In den Vorträgen, die ich unmittelbar vor Weihnachten hier gehalten habe, war es gegeben, auf den Zusammenhang des Menschen mit dem ganzen Kosmos hinzuweisen, insbesondere auch auf das, was den Kosmos als geistig-seelische Mächte durchwebt und durchlebt. Ich möchte in einer gewissen Art wiederum heute an das Damalige anknüpfen in einer allerdings davon unabhängigen, selbständigen Betrachtung.
[ 2 ] Das menschliche Leben, so wie es durchgemacht wird als Miterleben der Natur und als inneres Leben der menschlichen Seele und des menschlichen Geistes, steht zwischen zwei Polen, und eine große Anzahl von Gedanken, die sich die Menschen über ihren Zusammenhang mit der Welt machen müssen, wird von dem Ausblick auf diese zwei polarischen Gegensätze beeinflußt.
[ 3 ] Auf der einen Seite steht vor dem menschlichen Denken und Empfinden die sogenannte Naturnotwendigkeit. Der Mensch fühlt sich abhängig und muß sich abhängig fühlen von den notwendig, man möchte sagen ehern wirkenden Gesetzen, die er überall draußen in der Welt findet, und die dadurch, daß sein physischer und auch sein ätherischer Organismus in diese Außenwelt eingeschaltet sind, auch durch ihn hindurchgehen.
[ 4 ] Auf der andern Seite lebt dann in dem Menschen die Empfindung und in jeder gesunden Menschennatur muß sich diese Empfindung einstellen —, daß des Menschen Würde nicht voll erfüllt wäre, wenn ihm nicht in seinem Leben zwischen Geburt und Tod die Freiheit zukäme. Das sind die beiden polarischen Gegensätze: Notwendigkeit und Freiheit.
[ 5 ] Sie wissen, wie sehr das naturwissenschaftliche Zeitalter, das ich in der andern Klasse von Vorträgen bespreche, die ich jetzt zu geben habe, wie sehr dieses naturwissenschaftliche Zeitalter die Notwendigkeit des Geschehens, die man draußen überall in der Natur findet, auch auf alles dasjenige ausdehnt, was vom Menschen selbst ausgeht, und wie es in vielen seiner Vertreter nach und nach dazu gekommen ist, Freiheit als etwas Unmögliches zu betrachten, als eine Illusion, die nur dadurch in der Menschenseele lebt, daß der Mensch, wenn er mit seinem Willen vor eine Entscheidung hingestellt wird, auf der einen Seite die Gründe für, auf der andern Seite die Gründe dagegen hat, die mit Notwendigkeit von beiden Seiten aus auf ihn wirken. Und eigentlich ist es nicht er nach dieser Anschauung, der die Entscheidung trifft, sondern zuletzt sind es doch diejenigen Gründe, welche die stärkste Kraft und die stärkste Summe repräsentieren. Sie siegen über die andern Gründe, die auch mit einer gewissen Notwendigkeit auf den Menschen wirken, die aber geringere Kraft und eine geringere Summe haben. Und der Mensch wird einfach mitgerissen, möchte man sagen, von der Resultierenden der mit Notwendigkeit auf ihn wirkenden Impulse. Daß er sich für frei hält — so sagen viele Vertreter dieser Anschauung —, rührt nur davon her, daß die einander entgegengesetzten polarischen Ja- und Nein-Gründe in ihrer Gesamtheit etwas so Kompliziertes darstellen, daß der Mensch nicht merkt, wie er hin- und hergerissen wird, und wie zuletzt sozusagen in feinem Waagebalkenausschlag die eine Kategorie der Gründe siegt und er eben von dieser mitgerissen wird.
[ 6 ] Demgegenüber steht aber nicht nur die ethische Erwägung, daß des Menschen Würde in der Welt nicht erfüllt wäre, wenn er also ein Spielball der Ja- und Nein-Impulse wäre, sondern es steht dem gegenüber, daß im menschlichen Wollen das Freiheitsgefühl lebt, daß für den Unbefangenen es eigentlich ganz zweifellos ist, daß, wenn er durch irgendeine Theorie an diesem Freiheitsgefühl irre werden muß, er eigentlich ebensogut an den einfachen elementaren Sinnesempfindungen irre werden müßte. Wenn das ganz elementare in der menschlichen Gefühlssphäre vorhandene Freiheitserlebnis trügen könnte, so könnte auch trügen das Rot-Erlebnis, das Cis- oder C-Erlebnis und so weiter. Und es ist immerhin charakteristisch, daß die neuere naturwissenschaftliche Weltanschauung in vielen ihrer Vertreter das Theoretische so hochschätzt, daß sie sich durch das Theoretische von der absoluten, ausnahmslosen Naturnotwendigkeit, die auch die menschlichen Handlungen, den menschlichen Willen umfassen soll, dazu versuchen läßt, einfach über eine Erfahrung, wie sie das Freiheitserlebnis darstellt, hinwegzugehen.
[ 7 ] Aber diese Frage, Notwendigkeit und Freiheit, mit allen ihren Begleiterscheinungen im seelischen Leben — und die sind außerordentlich reichlich —, ist eine solche, die mit viel Tieferem im Weltenlaufe zusammenhängt als mit dem, was naturwissenschaftlich oder auch in der unmittelbaren alltäglichen menschlichen Seelenerfahrung zu finden ist. Denn als die menschliche Anschauung noch ganz anders war, war schon diese bange Zweifelsfrage vor die menschliche Seele getreten.
[ 8 ] Sie haben gesehen aus der andern Klasse von Vorträgen, die ich hier zu halten habe, daß das eigentliche Naturdenken, das naturwissenschaftliche Denken der neueren Zeit, gar nicht so alt ist. Wenn wir in ältere Zeiten zurückgehen, so finden wir ein menschliches Denken, menschliche Anschauungen, die ebensosehr einseitig spirituell sind, wie die heutigen Anschauungen einseitig naturalistisch geworden sind. Wir finden, je mehr wir in ältere Epochen zurückgehen, wie immer weniger im menschlichen Anschauen gerade das vorhanden ist, was wir heute Naturnotwendigkeit nennen. Auch im älteren griechischen Anschauen war nichts von dem vorhanden, was wir heute Naturnotwendigkeit nennen, denn die griechische Notwendigkeit war in ihrem eigentlichen Gedankentimbre doch etwas ganz anderes.
[ 9 ] Aber wenn wir noch weiter zurückgehen, so finden wit, daß an der Stelle der Naturnotwendigkeit ganz und gar Kräftewirkungen stehen, Wirkungen, die dem ganzen Umfange nach einer göttlich-geistigen Vorsehung zugeschrieben werden. Heute, wenn ich mich trivial ausdrücken darf, machen für den eigentlich naturwissenschaftlich Denkenden alles die Naturkräfte, einstmals machten für den Denker der alten Zeiten alles geistig gedachte Kräfte, die mit Absichten wirkten, wie der Mensch selber mit Absichten wirkt, nur daß deren Absichten weit umfassender waren, als es die menschlichen Absichten sein können. Aber auch innerhalb dieser Weltanschauung, die ganz spirituell war, wendete der Mensch seinen Blick hin auf die Bestimmung seines Willens durch göttlich-geistige Mächte, und wie er sich heute durch Naturkräfte und Naturgesetze determiniert fühlt, wenn er im naturwissenschaftlichen Sinne denkt, so fand er sich dereinst durch göttlich-geistige Kräfte oder göttlich-geistige Gesetze determiniert. Und für viele, die in diesem älteren spiritualistischen Sinne deterministisch gesinnt waren, galt die Freiheit des Menschen, trotzdem sie ein unmittelbares Erlebnis ist, ebensowenig wie für die heutigen Naturalisten. Heute denken die Naturalisten: durch das menschliche Handeln hindurch wirkt die Naturnotwendigkeit. Dazumal dachten die Spiritualisten: durch das menschliche Handeln hindurch wirken die göttlich-geistigen Kräfte nach ihren Absichten.
[ 10 ] Man braucht sich einfach nur vorzuhalten, wie auf diesen völlig entgegengesetzten Anschauungswelten die Frage nach Freiheit und Notwendigkeit daliegt, und man wird sich sagen: An der Oberfläche der Dinge und der Geschehnisse kann ganz gewiß nichts ausgemacht werden über diese tief in alles Leben und allen Weltenlauf hineindringende Frage. — Man muß schon in dasjenige, was Weltenlauf ist Weltenlauf auf der einen Seite als Naturlauf, Weltenlauf auf der andern Seite als Geistesentfaltung —, tiefer hineinblicken, wie es nur mit anthroposophischer Anschauungsweise möglich ist, um überhaupt auf den ganzen Sinn dieser den Menschen aufrüttelnden Frage zu kommen.
[ 11 ] Nun betrachtet man gewöhnlich den Naturlauf in einer außerordentlich eingeschränkten Weise. Heute wird der Naturlauf so betrachtet, daß man versucht, herausgerissene Geschehnisse, herausgerissene Vorgänge speziellster Art in das Beobachtungszimmer, ja wohl gar in das Blickfeld des Teleskops zu bringen oder dem Experimente zu unterwerfen, und man steht damit innerhalb eines ganz engen Gebietes, auf das man die Beobachtung des Naturlaufes, des Weltenlaufes überhaupt beschränkt. Man möchte sagen, diejenigen, die das Geistige und Seelische betrachten, machen es den Naturbeobachtern nach. Man scheut sich davor, die Totalität des Menschen in bezug auf sein seelisches Leben ins Auge zu fassen. Man «spezialisiert» sich, um irgendeinen einzelnen Gedanken oder Gefühlsfetzen mit kleinen Beziehungen herzustellen, und man hofft, daß man aus solchen kleinen Beziehungen ebenso einmal eine Psychologie zusammenstellen werde, wie man versucht, eine Art Weltanschauung des Physischen aus den Einzelbeobachtungen und Einzelexperimenten zu gewinnen, die man im physikalisch-chemischen Kabinett, in der Klinik und dergleichen vollführt.
[ 12 ] Aber alle diese Betrachtungen führen eigentlich in Wirklichkeit niemals zu einer Gesamtauffassung, weder auf physischem noch auf geistig-seelischem Gebiet. Und so wenig als hier gegen die Berechtigung dieser Spezialuntersuchungen irgend etwas gesagt werden soll sie sind von den Gesichtspunkten aus berechtigt, die ich in meinen Vorträgen oftmals angeführt habe —, so stark muß aber doch betont werden: wenn die Natur, wenn die Welt nicht selbst irgendwo dem Menschen vorführt, was aus dem Zusammenwirken der Einzelheiten hervorgeht, dann wird der Mensch niemals sich ein vom Weltengeschehen durchleuchtetes Weltengebäude aus seinen Einzelbeobachtungen und Einzelexperimenten zusammenstellen können.
[ 13 ] Geradeso wie man Leberzellen und kleine Lebervorgänge, wie man Gehirnzellen und kleine Gehirnvorgänge untersuchen kann, wie man sich nach diesen Richtungen immer mehr spezialisieren kann, und wie man aus diesen Untersuchungen, weil sie geradezu in die Vereinzelung und nicht in das Ganze hineinführen, niemals eine Anschauung über die Gesamtheit des menschlichen Organismus gewinnen kann, wenn man nicht von vornherein in einer geistig umfassenden, empfindenden Idee diese Gesamtheit, diese Totalität des menschlichen Organismus vor sich hat, um dann mit ihrer Hilfe eben wiederum die einzelnen Untersuchungen zu einem Ganzen zu machen, ebensowenig werden jemals Chemie oder Astrochemie, Physik oder Astrophysik oder Biologie, insofern sie sich auf Einzeluntersuchungen beschränken, ein Bild davon geben können, wie die verschiedenen, in unserer Weltenumgebung lebenden Naturkräfte und Naturgesetze zu einem Ganzen zusammenwirken, wenn nicht die Fähigkeit in dem Menschen entsteht, etwas Ähnliches draußen in der Natur zu schauen, wie man es gegenüber den Einzelheiten, den Lebervorgängen, den Nierenvorgängen, den Herzvorgängen, den Gehirnvorgängen, in der Totalität des menschlichen Organismus schauen kann. Es hängt einfach davon ab, daß man irgendwo im Weltenwesen etwas aufzeigen kann, wo alle die Kräfte, die uns in unserer Umgebung erscheinen, zu einer geschlossenen Totalität zusammenwirken.
[ 14 ] Nicht wahr, wir können sagen: Vielleicht werden gewisse Vorgänge in der menschlichen Leber, im menschlichen Gehirn erst in sehr später Zeit so entdeckt werden, daß man daran eine biologische Befriedigung hat. — Aber jedenfalls kann man und konnte man immer, solange Menschen Menschen angeschaut haben, sagen: Dasjenige, was in der Leber, was im Magen, was im Herzen in gegenseitiger Wechselwirkung steht, wirkt innerhalb der menschlichen Hautgrenze zu dem menschlichen Ganzen zusammen. Man hat einmal, ohne daß man nötig hat, auf die Einzelheiten hinzuschauen, in reiner Totalität das Zusammenwirken alles desjenigen vor sich, was für die menschliche Natur in Betracht kommt an chemischen, an physischen, an biologischen Wirkungen, man hat das in einem geschlossenen Ganzen vor sich.
[ 15 ] Kann man so auch in einem geschlossenen Ganzen die Summe der Naturkräfte und Naturgesetze vor sich haben, die um den Menschen herum wirken? Man kann es in einer gewissen Weise. Ich betone ausdrücklich noch, damit ich nicht mißverstanden werde, daß natürlich solche Totalitäten immer relativ sind, daß wir auch, sagen wir, im Menschen die Vorgänge unseres äußeren Ohres zusammenfassen können und dann ein relatives Ganzes haben. Wir können aber auch die Vorgänge der Fortsetzung des Gehörorgans nach dem Gehirn hin zusammenfassen und haben da auch ein relatives Ganzes. Fassen wir beide zusammen, so haben wir ein größeres relatives Ganzes, das wiederum dem Kopf und dieser wiederum dem ganzen Organismus angehört. So wird es auch sein, wenn wir versuchen, die Gesamtheit im Menschlichen, als für den Menschen zunächst in Betracht kommende Kräfte und Gesetze, in einer Totalanschauung zu umfassen.
[ 16 ] Nun, ich möchte sagen, eine solche erste Totalanschauung ist der Tageslauf. So paradox das für das erste Hören klingt: es ist der Tageslauf in einer gewissen Beziehung eine Zusammenfassung einer gewissen Summe von Naturgesetzen um uns herum in diesem Ganzen. Während des Tageslaufes gehen einfach in unserer Umgebung und durch uns hindurch Prozesse vor sich, welche, wenn man sie auseinanderlegt, in die verschiedensten physikalischen und chemischen Prozesse und so weiter zerfallen. Man kann sagen, eine Art Zeitorganismus ist der Tageslauf, ein Zeitorganismus, der in sich eine Summe von Naturprozessen faßt, die wir sonst im einzelnen studieren können.
[ 17 ] Und eine größere Totalität ist der Jahreslauf. Wenn Sie nämlich zum Jahreslauf übergehen und alles ins Auge fassen, was während des Jahreslaufes mit der Erde und der Menschheit zusammenhängend im äußeren Sphärenbereich an Veränderungen geschieht — nehmen wir nur an im Luftkreise —, wenn Sie alles das zusammenfassen, was vom Frühling bis wieder zum Frühling an Vorgängen in den Pflanzen und auch in den Mineralien geschieht, dann haben Sie eine zeitlich organische Zusammenfassung von dem, was Ihnen sonst zerstreut bei den verschiedenen Naturuntersuchungen erscheint, so wie wir im menschlichen Organismus eine Zusammenfassung haben der Leber-, Nieren-, Milzvorgänge und so weiter. Es ist in der Tat der Jahreslauf eine organische Summierung — es ist nicht genau gesprochen, aber man muß eben Worte gebrauchen — von dem, was wir sonst im einzelnen naturwissenschaftlich untersuchen.
[ 18 ] Man möchte sagen, etwas leichthin, aber es ist etwas sehr Tiefes damit gemeint, wie Sie fühlen werden: Damit der Mensch nicht jenes abstrakte Verhältnis zur Naturumgebung hat, das er zu den Beschreibungen der physikalischen und chemischen Experimente hat, oder zu dem, was ihm heute vielfach in der Pflanzenlehre oder Tierlehre gesagt wird, müssen ihm im Kosmos der Tageslauforganismus, der Jahreslauforganismus vorgestellt werden. Da findet er gewissermaßen seinesgleichen. — Und daß er seinesgleichen findet, das wollen wir ein wenig betrachten.
[ 19 ] Gehen wit zunächst auf den Jahreslauf ein. Wir haben, wenn wir ihn in einer ähnlichen Weise überblicken, wie das schon das letzte Mal vor Weihnachten geschehen ist, eine Summe von Prozessen in den sprießenden, sprossenden Pflanzen, die zu den grünen Laubblättern, später zu den Blüten hineilen. Wir haben eine unermeßliche Summe von Naturprozessen, die sich vom Leben in der Wurzel zum Leben in den grünen Laubblättern abspielen, zum Leben in den farbigen Blumenblättern. Und wir haben wiederum eine ganz andere Art von Prozessen, wenn wir im Herbste das Welken, das Abdorren und Hinsterben der äußeren Natur sehen. Wir haben wirklich zusammengefaßt in eine organische Einheit das um uns herumliegende Weltengeschehen. Wir sehen, wenn wir den Sommer durchmachen, was auf der Erde herauswächst, einschließlich der tierischen Welt, insbesondere der niederen Tierwelt. Betrachten Sie das Wirken und Wimmeln der Insektenwelt, wie das gewissermaßen sich von der Erde abhebt, wie es hingegeben ist dem Kosmos, namentlich alldem, was in der Sonnenwirkung aus dem Kosmos sich zusammensetzt. Wir sehen da, wie die Erde gewissermaßen alle ihre Organe den Weltenweiten öffnet und wie dadurch auch die aufsteigenden Prozesse aus der Erde hervorkommen und nach den Weltenweiten hin tendieren. Wir sehen, wie vom Herbste an und durch den Winter hindurch dasjenige, was vom Frühling an aufsprießt und nach den Weltenweiten strebt, wiederum ins Irdische zurückfällt, wie die Erde, ich möchte sagen, immer mehr Gewalt bekommt über alles, was sprießendes, sprossendes Leben ist, wie sie dieses sprießende, sprossende Leben gewissermaßen in eine Art Scheintod bringt, wenigstens in einen Schlaf hüllt, wie also die Erde all ihre Organe schließt gegenüber den Einflüssen der kosmischen Weiten. Wir sehen hier zwei Gegensätze im Jahreslauf, die unermeßlich viele Einzelheiten in sich haben, die aber in sich ein geschlossenes Ganzes darstellen.
[ 20 ] Und wenn wir den seelischen Blick über einen solchen Jahreslauf hinschweifen lassen, der schon dadurch ein geschlossenes Ganzes darstellt, daß er einfach von einem bestimmten Punkte an sich wiederholt, wiederum in einer annähernd gleichen Weise abläuft, dann finden wir, daß in ihm nichts anderes ist als Naturnotwendigkeit. Und wir Menschen machen im Erdenlauf diese Naturnotwendigkeit mit. Machten wir sie ganz mit, dann wären wir dieser Naturnotwendigkeit auch unbedingt unterworfen. Nun sind gewiß in dem Jahreslauf zunächst diejenigen Naturkräfte und Naturmächte vorhanden, die für uns Menschen als Erdenbürger in Betracht kommen, denn die Erde ändert sich nicht so schnell. Wir werden auch zu andern Kreisläufen in den nächsten Tagen noch kommen, aber die Erde ändert sich nicht so schnell, daß sich etwa während eines Menschenlebens, wenn der Mensch auch noch so alt wird, die kleinen Veränderungen, die von Jahr zu Jahr auftreten, bemerkbar machen. Wir machen also jedes Jahr, indem wir im Frühling, Sommer, Herbst und Winter drinnenstehen, mit unserem eigenen Leibe die Naturnotwendigkeit mit.
[ 21 ] So muß man betrachten, denn nur die wirkliche Erfahrung gibt Erkenntnis. Keine Theorie gibt Erkenntnis. Jede Theorie geht von irgendeinem speziellen Gebiete aus und verallgemeinert dieses Gebiet. Wirkliche Erkenntnisse bekommt man nur, wenn man vom Leben und von Erfahrungen ausgeht. Man muß daher nicht vereinzelt die Gesetze der Gravitation, die Gesetze des vegetabilischen Lebens, die Gesetze der tierischen Instinkte, die Gesetze des menschlichen Gedankenzwanges ins Auge fassen, denn die faßt man dann immer in ihren Einzelheiten ins Auge, verallgemeinert sie und kommt dann zu ganz falschen Verallgemeinerungen. Man muß das ins Auge fassen, wo sich die Naturkräfte in ihrem wechselweisen Zusammenwirken zeigen. Das ist der Jahreslauf.
[ 22 ] Nun zeigt schon eine oberflächliche Betrachtungsweise, daß der Mensch eine relative Freiheit gegenüber dem Jahreslauf hat. Aber eine anthroposophische Betrachtungsweise zeigt das noch stärker. Bei dieser anthroposophischen Betrachtungsweise wenden wir den Blick hin auf die zwei Wechselzustände, in denen jeder Mensch innerhalb vierundzwanzig Stunden lebt: auf den Schlafzustand und auf den Wachzustand. Und wir wissen: während des Wachzustandes sind physischer Leib, ätherischer Leib, astralischer Leib und Ich-Organismus eine relative Einheit im Menschen. Im Schlafzustand bleiben im Bette zurück physischer Leib und ätherischer Leib im innigen Durcheinanderweben, und außerhalb des physischen und ätherischen Leibes sind das Ich und der astralische Leib. Wenn wir nun mit all den Mitteln, die uns anthroposophische Forschung gibt und die Sie aus unserer Literatur kennen, darauf hinschauen, was dieser physische Leib und der ätherische Organismus des Menschen im Schlafe und was sie im Wachen sind, dann ergibt sich das Folgende.
[ 23 ] Wenn das Ich und der astralische Leib außer dem physischen und ätherischen Organismus sind, dann beginnt im physischen und ätherischen Organismus ein Leben, das wir äußerlich mit der Natur nur im mineralischen und im pflanzlichen Gebiete verwirklicht sehen. Mineralisches und pflanzliches Leben für sich beginnt da. Daß der physische Organismus und der ätherische Organismus des Menschen nicht allmählich überhaupt nur in eine Summe von Prozessen übergehen, die mineralisch und pflanzlich sind, rührt nur davon her, daß sie so organisiert sind, wie das dem zeitweilig in ihm befindlichen astralischen Leib mit dem Ich entspricht. Sie würden in das mineralische und pflanzliche Leben übergehen, wenn der Mensch mit seinem Ich und seinem astralischen Leib zu spät in den physischen und Ätherleib zurückkäme. Es beginnt aber sogleich, nachdem der Mensch eingeschlafen ist, die Tendenz in ihm, mineralisch-vegetabilisch zu werden. Diese Tendenz bekommt die Oberhand während des Schlaflebens.
[ 24 ] Wenn man mit den Mitteln der anthroposophischen Forschung hinschaut auf den schlafenden physischen Menschen, dann sieht man in diesem schlafenden Menschen — selbstverständlich mit der nötigen Variante — ein getreuliches Abbild desjenigen, was die Erde von der Frühlings- durch die Sommerszeit hindurch ist. Es sprießt und sproßt das Mineralisch-Pflanzliche heraus, allerdings in anderer Form, als das bei den grünen Pflanzen der Fall ist, die aus der Erde wachsen. Aber mit einer Variante, sage ich, ist dasjenige, was während des Schlafes im menschlichen physischen und ätherischen Organismus vor sich geht, ein getreuliches Abbild der Frühlings- und Sommerszeit der Erde. Für diese äußere Natur ist der Mensch der gegenwärtigen Weltenepoche organisiert. Er kann seinen physischen Blick über diese äußere Natur hinschweifen lassen. Er schaut das sprießende, sprossende Leben. In dem Augenblicke, wo sich der Mensch Inspiration und Imagination erwirbt, wird ihm einfach durch die Schlafenszeit des physischen Menschen der Anblick einer Sommerszeit enthüllt. Schlafen heißt: der Frühling und Sommer stellen sich ein für den physischen und Ätherleib. Sprießendes und sprossendes Leben beginnt.
[ 25 ] Und wenn wir aufwachen, wenn das Ich und der astralische Leib wiederum zurückkehren, dann tritt all das sprießende und sprossende Leben des physischen und ätherischen Leibes zurück. Es beginnt für den geistsehenden Blick das Leben im physischen und ätherischen Organismus des Menschen dem Herbst- und Winterleben der Erde sehr ähnlich zu werden. Und man hat tatsächlich, wenn man den Menschen in einer Wachens- und Schlafensperiode hintereinander verfolgt, in kurzem ein mikrokosmisches Abbild von Herbst, Winter, Frühling, Sommer. Sie brauchen nur einen Menschen geisteswissenschaftlich vierundzwanzig Stunden hindurch als physischen und ätherischen Organismus zu verfolgen, und Sie machen einen Jahreslauf im Mikrokosmischen durch. So daß man sagen kann, wenn man bloß auf dasjenige vom Menschen schaut, was im Bette liegen bleibt oder bei Tag herumläuft: der Jahreslauf vollzieht sich mikrokosmisch.
[ 26 ] Aber betrachten wir jetzt auf der andern Seite dasjenige, was sich im Schlafe trennt: das Ich und den astralischen Leib des Menschen. Da werden wir finden, wenn wir wiederum mit geisteswissenschaftlichen Forschungsmitteln, mit der Inspiration und Intuition vorgehen, daß, während der Mensch schläft, das Ich und der astralische Leib an geistige Mächte hingegeben sind, innerhalb welcher sie bewußt erst in einer späteren Erdenepoche im normalen Zustande werden leben können. Und wir werden sagen müssen: Während des Schlafens, vom Einschlafen bis zum Aufwachen, sind das Ich und der astralische Leib der Welt so entzogen, wie die Erde während der Winterszeit den kosmischen Weiten entzogen ist. — Ich und astralischer Leib sind wirklich während des Schlafes in ihrer Winterszeit. So daß der Mensch während des Schlafes ineinandergemischt hat, was die Erde zunächst nur für ihre entgegengesetzten Kugeloberflächen hat: daß er nämlich in der Tat während des Schlafes in bezug auf sein physisches und ätherisches Wesen Sommerszeit und für sein Ich und astralisches Wesen Winterszeit hat.
[ 27 ] Und umgekehrt ist es während des Wachens. Da haben der physische und ätherische Organismus Winterszeit. Das Ich und der astralische Organismus sind hingegeben demjenigen, was ihnen zunächst aus den kosmischen Weiten im wachen menschlichen Zustande entgegentreten kann. Tauchen also Ich und astralischer Leib in den physischen und ätherischen Leib unter, dann sind das Ich und der astralische Leib in der Sommerszeit. Wiederum sind nebeneinander Winterszeit im physisch-ätherischen Organismus, Sommerszeit im Ich und astralischen Organismus.
[ 28 ] Wenn Sie die Erde nehmen: sie muß auch auf ihren verschiedenen Gebieten Sommer und Winter zugleich haben, die können Sie aber nicht ineinanderschieben. Im Menschen schieben sich fortwährend mikrokosmisch Sommer und Winter ineinander. Schläft der Mensch, so ist sein physischer Sommer mit dem geistigen Winter vermischt; wacht der Mensch, so ist sein physischer Winter mit dem geistigen Sommer vermischt. Der Mensch hat in der äußeren Natur im Jahreslauf getrennt Winter und Sommer; in sich vermischt er von zwei verschiedenen Seiten her fortwährend Winter und Sommer.
[ 29 ] Ist es also im äußeren Naturlaufe so, daß, wenn ich schematisch zeichnen soll, Winterszeit und Sommerszeit nacheinander gezeichnet werden müssen für ein Erdgebiet, also zeitlich sich folgend, so muß ich für das menschliche Wesen diese beiden Strömungen nebeneinander zeichnen, allerdings in einer eigentümlichen Weise, ich muß sie so nebeneinander zeichnen:
[ 30 ] Also beim menschlichen Wesen ist immer zugleich im Innern Winter und Sommer. Nur wechselt das eine Mal Geist-Sommer mit Körper-Winter, das andere Mal Geist-Winter mit Körper-Sommer.
[ 31 ] Was wit also im äußeren Naturlaufe, diesem Kompendium der Naturkräfte und Naturgesetze, in unserer Umgebung so haben, daß es sich für ein Erdgebiet nicht neutralisieren kann, weil es nacheinander wirkt, das neutralisiert sich im menschlichen Wesen, hebt sich da auf. Der Naturlauf ist ein solcher, daß geradeso, wie durch zwei entgegengesetzte Kräfte eine Ruhelage hervorgebracht werden kann, sich auch Unsummen von Naturgesetzmäßigkeiten neutralisieren, aufheben können. Das geschieht im Menschen mit Bezug auf alle äußeren Naturgesetze dadurch, daß er in der gesetzmäßigen Weise schläft und wacht, wie er es eben tut.
[ 32 ] Weil sich im Menschen also dasjenige, was nur als Naturnotwendigkeit erscheint, wenn es in der Zeit auseinandergelegt wird, ineinanderschiebt, neutralisiert, macht ihn das zum freien Wesen. Daher gibt es kein Verständnis der Freiheit, wenn der Mensch nicht versteht, wie zu seiner physisch-ätherischen Außennatur, in der Sommer und Winter sein kann, jeweilig die entgegengesetzten Winter und Sommer seines geistigen Lebens neutralisierend hinzukommen.
[ 33 ] Sie sehen also, wenn wir in die äußere Natur schauen, bekommen wir Bilder, die wir gar nicht in uns hineinschauen dürfen, weder in den Wach- noch in den Schlafzustand. Wir dürfen sie gar nicht in uns hineinschauen, sondern wir müssen uns sagen: Innerhalb der Menschennatur verlieren diese Bilder des Naturlaufes ihre Gültigkeit, und wir müssen auf etwas anderes hinschauen. — Und wenn uns der Naturlauf innerhalb der Menschennatur nicht mehr stört, bekommen wir die Möglichkeit, auf des Menschen geistig-moralisch-seelische Wesenheit erst recht hinzuschauen. Wir bekommen auf dieselbe Weise ein ethisches, ein moralisches Verhältnis zum Menschen, wie wir zu der Natur ein natürliches Verhältnis bekommen.
[ 34 ] Wenn wir mit so gewonnenen Erkenntnissen uns selbst anschauen — es gibt noch vieles andere, das in einer ähnlichen Weise charakterisiert werden kann —, dann bekommen wir ineinandergeschoben, was in dem Zeitenlauf ausgebreitet ist. Schauen wir hinein in unser Inneres, verstehen wir dieses Innere richtig in dem heute dargestellten Sinne, so bringen wir es anders in das Verhältnis zum Zeitenlaufe, als man das heute gewohnt ist.
[ 35 ] Die bloß äußerlich-wissenschaftliche Betrachtungsweise schwingt sich nicht dazu auf, sich zu sagen: Wenn du in den Menschen hineinschaust, mußt du zusammenklingend empfinden dasjenige, was im Zeitenlauf nur als einzelne Töne empfunden werden kann. Entwickelst du das geistige Ohr, so klingen im Menschen zusammen in einem Augenblicke die Sommer- und Wintertöne, die man draußen in der Welt hört, wenn man in den Zeitenlauf selber eintritt. — Die Zeit wird wirklich zum Raume. Der Weltenumkreis, auch der Zeit nach, tönt uns entgegen, auseinandergezogen in die Weiten dasjenige, was aus uns selber herausklingt wie aus einem Zentrum, wie in einem Punkte gesammelt.
[ 36 ] Da tritt in der Tat der Moment ein, wo wissenschaftliche Betrachtung in künstlerische Betrachtung einmündet, wo Kunst und Wissenschaft einander nicht mehr gegenüberstehen so, wie das im naturalistischen Zeitalter der Fall ist, sondern wo sie sich so gegenüberstehen, wie es zum Beispiel auch, wenn auch in einer nicht sehr starken Nuance, Goethe empfunden hat, indem er sagte: Die Kunst eröffnet eine Art Naturgeheimnisse, ohne die man die Natur niemals vollständig versteht. — Man muß die künstlerische Weltengestaltung verstehen von einem gewissen Punkte an. Und hat man einmal diesen Weg gemacht aus der bloßen begriffswissenschaftlichen Gestaltung zum Kunsterkennen hin, dann macht man auch den dritten Schritt, den zur religiösen Vertiefung.
[ 37 ] Hat man in sich im Zentrum die physischen und seelischen und geistigen Weltenkräfte zusammenwirkend gefunden, schaut man sie draußen in den Weltenweiten. Das menschliche Wollen erhebt sich zum künstlerischen Schaffen und zuletzt zu einem solchen Verhältnisse zur Welt, das nicht bloß ein passives Erkennen ist, sondern das eine positive Hingabe ist, die ich so charakterisieren möchte, daß ich sage: Der Mensch sieht nicht mehr in abstrakter Weise mit den Kräften seines Kopfes in die Welt hinein, sondern er beginnt mehr und mehr mit seiner ganzen Wesenheit hineinzuschauen. Und das Zusammenleben mit dem Weltenlaufe wird ihm ein Geschehen von anderer Art als das Zusammenleben mit den Alltagstatsachen. Das Zusammenleben mit dem Weltenlauf wird ihm zum Kultus, und es entsteht der kosmische Kultus, in dem der Mensch in jedem Augenblicke seines Lebens darinnenstehen kann.
[ 38 ] Von diesem kosmischen Kultus ist jeder Erdenkultus ein symbolisches Abbild. Dieser kosmische Kultus ist das Höhere gegenüber jedem Erdenkultus. Und wenn wir uns richtig durchdringen mit dem, was heute gesagt worden ist, haben wir die Möglichkeit gewonnen, das Verhältnis anthroposophischen Weltenausblickes zu irgendeinem religiösen Kultus zu betrachten. Und das werden wir in den nächsten Tagen tun: die Beziehungen der Anthroposophie zu den verschiedenen Kultusformen ein wenig ins Auge fassen.
