Living Knowledge of Nature,
Intellectual Fall from Grace
and Spiritual Elevation from Sin
GA 220
19 January 1923, Dornach
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Living Knowledge of Nature, Intellectual Fall from Grace and Spiritual Elevation from Sin, tr. SOL
Siebenter Vortrag
Seventh Lecture
[ 1 ] Als die drei großen Ideale der Menschheit werden durch alle Zeiten hindurch, in welchen die bewußte menschliche Entwickelung läuft, genannt das Wahre, das Schöne, das Gute. Man kann sagen: Diese drei Ideale, Wahrheit, Schönheit, Güte, werden aus einem gewissen Instinkte heraus genannt als die großen Ziele, oder vielmehr besser gesagt die großen Charaktere des menschlichen Strebens. In älteren Zeiten wußte man allerdings mehr über das Wesen des Menschen und seinen Zusammenhang mit der Welt, und dadurch war man auch in der Lage, wenn man von solchen Dingen sprach, wie Wahrheit, Schönheit, Güte, Konkreteres zu meinen, als das heute in unserer, das Abstrakte liebenden Zeit der Fall ist. Und anthroposophische Geisteswissenschaft ist wiederum imstande, auf solches bestimmter Konkreteres hinzuweisen. Allerdings kommt man damit nicht immer einer Neigung unserer Zeit entgegen — denn unsere Zeit liebt das Ungenaue, das Unbestimmte, das Nebulose — in dem Augenblick, wo es sich darum handelt, über das Alltägliche hinauszugehen. Machen wir uns heute einmal klar, wie der Inhalt der Worte Wahrheit, Schönheit, Güte zusammenhängt mit dem Wesen des Menschen.
[ 1 ] Throughout all eras of conscious human development, truth, beauty, and goodness have been cited as the three great ideals of humanity. One might say: These three ideals—truth, beauty, and goodness—are identified, out of a certain instinct, as the great goals, or rather, the defining characteristics of human endeavor. In earlier times, however, people knew more about the nature of the human being and its connection to the world, and as a result, when speaking of such things as truth, beauty, and goodness, they were able to mean something more concrete than is the case today in our age, which loves the abstract. And anthroposophical spiritual science, in turn, is able to point to such more definite, concrete realities. However, this does not always align with a tendency of our time—for our time loves the vague, the indeterminate, the nebulous—the moment it comes to going beyond the everyday. Let us make it clear to ourselves today how the meaning of the words truth, beauty, and goodness is connected to the nature of the human being.
[ 2 ] Wenn wir dieses Wesen des Menschen uns vor das Seelenauge stellen, so müssen wir ja zunächst auf den physischen Leib des Menschen hinschauen. Dieser physische Leib des Menschen, er wird ja eigentlich heute allein nach äußerlicher Weise betrachtet. Man hat kein Bewußtsein davon, wie dieser physische Leib in dem vorirdischen Dasein aufgebaut wird in seinen Einzelheiten, in bezug auf Form, in bezug auf seine Betätigung in dem vorirdischen Dasein. Gewiß lebt der Mensch in seinem vorirdischen Dasein in einer rein geistigen Welt. Aber in dieser geistigen Welt arbeitet er — das habe ich ja in den Vorträgen, die vor kurzem erst von mir gehalten worden sind, gesagt —, in dieser geistigen Welt arbeitet er im Vereine mit höheren Wesenheiten den geistigen Prototyp, die Geistgestalt des physischen Leibes aus. Und dasjenige, was wir hier als physischen Leib an uns tragen, das ist ja einfach ein Abbild, ein physisches Abbild dessen, was als eine Art Geistkeim im vorirdischen Dasein vom Menschen selbst ausgearbeitet wird.
[ 2 ] When we visualize this essence of the human being in our mind’s eye, we must first turn our attention to the human physical body. Today, this physical body is, in fact, viewed almost exclusively from an external perspective. People have no awareness of how this physical body is structured in its details during pre-earthly existence—in terms of form and in terms of its activity in that pre-earthly existence. Certainly, in their pre-earthly existence, human beings live in a purely spiritual world. But in this spiritual world—as I have already stated in the lectures I gave only recently—in this spiritual world, in collaboration with higher beings, the human being works out the spiritual prototype, the spiritual form of the physical body. And what we carry here as our physical body is simply an image, a physical image of what is worked out by the human being himself in his pre-earthly existence as a kind of spiritual seed.
[ 3 ] Wenn man dies ins Auge faßt, so muß man sich sagen: Hier im irdischen Dasein fühlt der Mensch an sich seinen physischen Leib. Aber von dem, was alles zusammenhängt mit diesem Gefühl vom physischen Leibe, davon verschafft sich der heutige Mensch nicht viel Bewußtsein. Wir sprechen von Wahrheit, wissen aber nur wenig, daß das Gefühl für Wahrheit zusammenhängt mit dem allgemeinen Gefühl, das wir von unserem physischen Leibe haben. Wenn der Mensch einer einfachen Tatsache gegenübersteht, so kann er ja gegenüber dieser Tatsache entweder streng darauf halten, sich eine Vorstellung zu bilden von dieser Tatsache, die exakt dieser Tatsache entspricht, die also wahr ist, oder er kann auch, sei es aus Ungenauigkeit, aus innerer Lässigkeit heraus, sei es aus einem direkten Widerstreben gegen die Wahrheit, also aus Lügenhaftigkeit, er kann eine Vorstellung bilden, die nicht mit dieser Tatsache zusammenhängt, die nicht sich deckt mit dieser Tatsache. Wenn der Mensch über eine Tatsache die Wahrheit bedenkt, dann steht er in Übereinstimmung mit dem Gefühl, das er von seinem physischen Leibe und sogar von dem Zusammenhange seines physischen Leibes mit dem vorirdischen Dasein hat. Wir brauchen nämlich nur aus Lässigkeit oder aus Lügenhaftigkeit uns eine Vorstellung zu bilden, die nicht mit den Tatsachen übereinstimmt, dann ist es gerade so, als wenn wir gewissermaßen ein Loch hineinbrächten in dasjenige, was uns mit unserem vorirdischen Dasein in Zusammenhang hält. Wir zerreißen etwas in dem Zusammenhang mit dem vorirdischen Dasein, wenn wir uns einer Unwahrheit hingeben. Es ist ein feines geistiges Gewebe, wenn ich so sagen darf, das wir im vorirdischen Dasein ausarbeiten, das sich dann zusammenzieht und das im Abbilde unseren physischen Leib bildet. Man möchte sagen, dieser physische Leib hängt durch viele Fäden mit dem vorirdischen Dasein zusammen, und die Hingabe an eine Unwahrhaftigkeit zerreißt solche Fäden. Das bloße Verstandesbewußtsein, das heute, im Beginne des Zeitalters der Bewußtseinsseele, dem Menschen so eigen ist, das wird nicht gewahr, wie etwas zerrissen wird in der eben angegebenen Art. Daher gibt sich der heutige Mensch so vielen Täuschungen hin über die Zusammenhänge, in denen er eigentlich im Weltendasein darinnen steht.
[ 3 ] When we consider this, we must realize: Here in earthly existence, human beings perceive their physical body. But modern people are not very aware of everything connected with this perception of the physical body. We speak of truth, yet we know very little about how the sense of truth is connected to the general sense we have of our physical body. When a person is confronted with a simple fact, they can either insist on forming a conception of that fact that corresponds exactly to it—that is, one that is true—or they can, whether out of imprecision, inner indifference, or a direct aversion to the truth—that is, out of a tendency to lie— form a concept that is not connected to this fact, that does not correspond to this fact. When a person contemplates the truth of a fact, they are in harmony with the sense they have of their physical body and even of the connection between their physical body and their pre-earthly existence. For all it takes is for us—whether out of carelessness or a tendency to lie—to form a concept that does not correspond to the facts, and it is precisely as if we were, so to speak, tearing a hole in that which connects us to our pre-earthly existence. We tear something apart in that connection with our pre-earthly existence when we give in to a falsehood. It is a delicate spiritual fabric, if I may say so, that we weave in our pre-earthly existence, which then contracts and forms the image of our physical body. One might say that this physical body is connected to our pre-earthly existence by many threads, and that surrendering to a falsehood severs those threads. The mere intellectual consciousness—which is so characteristic of human beings today, at the beginning of the age of the conscious soul—does not perceive how something is torn apart in the manner just described. That is why people today succumb to so many illusions regarding the connections within which they actually stand in their existence in the world.
[ 4 ] Der Mensch sieht ja heute in dem, was ihm in bezug auf seine physische Gesundheit passiert, zumeist eben nur etwas Physisches. Aber es wirkt durchaus in den physischen Leib, namentlich in die Konstitution des Nervensystems hinein, wenn der Mensch in dieser Weise durch Hingabe an die Unwahrheit die Fäden mit dem vorirdischen Dasein zerreißt. Es ist so, daß der Mensch durch das Gefühl, das er von seinem physischen Leibe hat, eigentlich in der Welt sein geistiges Seinsgefühl hat. Dieses geistige Seinsgefühl innerlich zu haben, hängt davon ab, daß unsere Fäden, die vom physischen Leibe nach dem vorirdischen Dasein gehen, nicht zerrissen sind. Wenn sie zerreißen, dann muß der Mensch — er tut das unbewußt — einen Ersatz schaffen für sein gesundes geistiges Seinsgefühl, für sein Gefühl von Sein, von Dasein. Und dann ist er eigentlich darauf angewiesen, aus irgendwelchen konventionellen Urteilen — wie gesagt, er tut das alles unbewußt —, aus Urteilen, die sich so festgelegt haben, sich ein Seinsgefühl zuzuschreiben. Aber die Menschheit ist allmählich auch in bezug auf dieses Seinsgefühl in eine innere Unsicherheit gekommen, die durchaus bis in den physischen Leib hineingeht. Denn dieses reine geistige Seinsgefühl, das wir um so mehr bei der Menschheit finden, je mehr wir in der Geschichte zurückgehen, ist denn das heute stark vorhanden?
[ 4 ] Today, people generally view what happens to them in terms of their physical health as merely a physical matter. But it certainly affects the physical body—specifically, the constitution of the nervous system—when a person severs the ties with their pre-earthly existence in this way through devotion to untruth. The fact is that through the sensation a person has of their physical body, they actually experience their spiritual sense of being in the world. Having this spiritual sense of being within oneself depends on the fact that the threads connecting the physical body to pre-earthly existence have not been severed. If they are severed, then the human being—unconsciously—must create a substitute for his healthy spiritual sense of being, for his sense of existence. And then he is actually compelled to attribute a sense of being to himself based on various conventional judgments—as I said, he does all this unconsciously—judgments that have become established in this way. But humanity has gradually fallen into an inner insecurity regarding this sense of being as well, an insecurity that extends right down into the physical body. For is this pure spiritual sense of being—which we find all the more in humanity the further back we go in history—still strongly present today?
[ 5 ] Bedenken Sie nur, durch was alles der Mensch heute vielfach etwas sein will, nur nicht durch sein ursprüngliches geistiges Innenleben! Er will etwas sein dadurch, daß er, sagen wir, von seinem Beruf aus diese oder jene Bezeichnung bekommt. Er will, nun, sagen wir, Sekretär oder Aktuar sein und hat dann die Meinung, wenn aus der Konvention heraus sein Wesen durch so etwas bezeichnet wird, dann ist er; während es eigentlich darauf ankommt, daß der Mensch aus seinem Innengefühl dieses Sein sich zuschreiben kann, ganz abgesehen von aller Äußerlichkeit.
[ 5 ] Just consider all the ways in which people today often want to be something—anything but defined by their original inner spiritual life! They want to be something by, let’s say, receiving this or that title based on their profession. They want to be, say, a secretary or an actuary, and then believe that if convention designates their essence by such a title, then that is what they are—whereas what really matters is that a person can attribute this sense of being to themselves from their inner feeling, quite apart from all external appearances.
[ 6 ] Aber was befestigt den Menschen in seinem Seinsgefühl? Sehen Sie, hier im irdischen Dasein leben wir ja eigentlich in der Welt, die nur ein Abbild der wahren Wirklichkeit ist. Wir verstehen sogar diese physische Welt nur dann recht, wenn wir sie als ein Abbild der wahren Wirklichkeit ansehen. Aber wir müssen die wahre Wirklichkeit in uns fühlen, wir müssen unseren Zusammenhang mit der geistigen Welt fühlen. Das können wir nur, wenn alles dasjenige intakt ist, was uns mit dem vorirdischen Dasein zusammenhält.
[ 6 ] But what anchors a person in their sense of being? You see, here in our earthly existence, we actually live in a world that is merely a reflection of true reality. We can only truly understand even this physical world if we view it as a reflection of true reality. But we must feel true reality within ourselves; we must feel our connection to the spiritual world. We can do this only if everything that binds us to our pre-earthly existence remains intact.
[ 7 ] Und all das wird befestigt durch eine, wenn ich so sagen darf, Vorliebe des Menschen für unbedingte Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Nichts befestigt so sehr das ursprüngliche, echte Seinsgefühl des Menschen als der Sinn für Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Sich verpflichtet fühlen, die Dinge, die man sagt, erst zu prüfen, sich verpflichtet fühlen, für die Dinge, die man sagt, erst die Grenzen zu suchen, innerhalb welcher man sie sagen kann, das trägt bei zur wirklichen inneren Konsolidierung des menschenwürdigen Seinsgefühls. Und dieses Seinsgefühl hängt eben zusammen damit, daß wir im physischen Leibe die Geistigkeit fühlen — so daß wir eine enge Verwandtschaft unseres physischen Leibes mit dem, was das Ideal der Wahrheit ist, anerkennen müssen.
[ 7 ] And all of this is reinforced by—if I may put it this way—humanity’s preference for unconditional truth and truthfulness. Nothing reinforces humanity’s original, genuine sense of being as much as the sense of truth and truthfulness. Feeling obligated to first examine the things one says, feeling obligated to first seek out the boundaries within which one can say them—this contributes to the true inner consolidation of a sense of being worthy of humanity. And this sense of being is precisely connected to the fact that we feel spirituality within our physical body—so that we must acknowledge a close kinship between our physical body and what constitutes the ideal of truth.
[ 8 ] Unseren Äther- oder Lebensleib, diesen Bildekräfteleib — auch das habe ich in Vorträgen, die erst in der letzten Zeit wiederum gehalten worden sind, ausgeführt — erwerben wir erst kurze Zeit vor dem Herabsteigen aus dem vorirdischen Dasein in das irdische Dasein. Wir ziehen gewissermaßen die Kräfte der Ätherwelt zusammen, um unseren eigenen ätherischen Leib zu bilden. Mit Bezug auf diesen ätherischen Leib waren — wenn ich mich so ausdrücken darf — auch ältere Zeitalter der Menschheitsentwickelung besser bestellt als die heutige Menschheit. Die heutige Menschheit hat nicht viel Gefühl für diesen ätherischen Leib. Man hat im Gegenteil das Gefühl, daß man über die Realität dieses ätherischen Leibes spottet. Nun aber wird wiederum das Gefühl innerhalb dieses ätherischen Leibes befestigt durch das Erlebnis der Schönheit.
[ 8 ] Our etheric or life body—this body of formative forces—as I have also explained in lectures that have only recently been given again—we acquire only a short time before descending from pre-earthly existence into earthly existence. We, so to speak, draw together the forces of the etheric world to form our own etheric body. With regard to this etheric body—if I may put it this way—earlier epochs of human development were better off than humanity today. Today’s humanity has little sense of this etheric body. On the contrary, there is a tendency to mock the reality of this etheric body. Now, however, the sense of this etheric body is once again strengthened through the experience of beauty.
[ 9 ] Wenn Wahrheit und Wahrhaftigkeit ein wirkliches Erlebnis wird, stecken wir in gewissem Sinne richtig in unserem physischen Leibe darinnen. Wenn wir ein richtiges Gefühl für Schönheit entwickeln, stecken wir in der richtigen Weise in unserer ätherischen oder Bildekräfteleib darinnen. Schönheit hängt ebenso zusammen mit unserem ätherischen Leibe wie Wahrheit mit unserem physischen Leibe.
[ 9 ] When truth and truthfulness become a genuine experience, we are, in a certain sense, truly present within our physical body. When we develop a true sense of beauty, we are truly present within our etheric body, or body of formative forces. Beauty is just as closely connected to our etheric body as truth is to our physical body.
[ 10 ] Sie können sich das, was ich da sage, ja am allerbesten klarmachen dadurch, daß Sie daran denken, welche Bedeutung in einem wirklich Schönen gegeben ist, das durch die Kunst hervorgebracht wird. Und was ich da zu sagen habe, gilt ja eigentlich für alle Künste. Wenn man einen einzelnen Menschen vor sich hat, wie er in Fleisch und Blut wirklich vor uns auftritt, so weiß man, man hat einen Menschen aus vielen vor sich. Der eine Mensch hat eigentlich gar keinen Sinn ohne die vielen, die in seiner Umgebung da sein müssen. Er gehört zu den vielen, die vielen gehören zu ihm. Man braucht sich nur einmal zu überlegen, wie wenig Wurzel im Dasein der physische Erdenmensch hat ohne die andern. Wenn wir aber, sei es bildhauerisch, sei es malerisch, sei es dramatisch, also durch Kunst einen Menschen darstellen, dann streben wir ja danach, etwas sich selbst Genugsames zu schaffen, etwas, was in sich abgeschlossen ist, was gewissermaßen eine ganze Welt schon in sich trägt — wie der Mensch in seinem ätherischen Leibe eigentlich die ganze Welt in sich trägt, denn er zieht die ätherischen Kräfte aus der ganzen Welt zusammen, um sich seinen ätherischen Leib innerhalb des irdischen Daseins zu gestalten.
[ 10 ] The best way to understand what I’m saying here is to think about the significance inherent in something truly beautiful that is created through art. And what I have to say here actually applies to all the arts. When you have a single person before you, as he truly appears before us in the flesh, you know that you have before you one person among many. A single human being actually has no meaning at all without the many who must be present in his surroundings. He belongs to the many, and the many belong to him. One need only consider how little root the physical, earthly human being has in existence without the others. But when we—whether through sculpture, painting, or drama— that is, through art, we strive to create something self-sufficient, something that is self-contained, something that, in a sense, already carries a whole world within itself—just as the human being, in his etheric body, actually carries the whole world within himself, for he draws together the etheric forces from the whole world in order to form his etheric body within earthly existence.
[ 11 ] Ältere Zeiten der Menschheit haben viel Sinn gehabt für die Schönheit, allerdings, wie sie sich die Schönheit vorgestellt haben; jedoch sie haben mehr Sinn gehabt für die Schönheit als die heutige Menschheit. Nun ist es aber so, daß eigentlich der Mensch nicht im wahren Sinne des Wortes Mensch sein kann, wenn er nicht einen Sinn für die Schönheit hat. Denn einen Sinn für die Schönheit haben, heißt anerkennen den ätherischen Leib. Keinen Sinn für Schönheit haben, heißt mißachten, nicht anerkennen den ätherischen Leib.
[ 11 ] In earlier times, humanity had a keen sense of beauty—albeit based on their own conception of it; nevertheless, they had a greater appreciation for beauty than people do today. But the fact is that a person cannot truly be human in the full sense of the word unless they have an appreciation for beauty. For to have an appreciation for beauty means to acknowledge the etheric body. To lack an appreciation for beauty means to disregard and fail to acknowledge the etheric body.
[ 12 ] Von alldem verspürt der heutige Mensch nichts in seinem Bewußtsein. Wenn der Grieche sich seinem Tempel genaht hat, oder wenn er gar in dem Tempel der Götterstatue ansichtig wurde, dann wurde ihm warm, und er fühlte in sich gewissermaßen etwas wie ein inneres Sonnenlicht. Und er fühlte sogar in sich etwas wie eine Art Begabung mit in sein Wesen ausstrahlenden Kräften, die in die einzelnen Organe hinstrahlten. Ein Grieche, der seinen Tempel betreten hat und der Götterstatue ansichtig wurde, er hat aus seinem vollen Herzen heraus gesagt: Ich fühle niemals die Gestaltung meiner Finger bis in die äußerste Peripherie so klar, als wenn die Götterstatue vor mir steht. Ich fühle niemals, wie sich wölbt meine Stirne über meiner Nase, ich fühle das niemals so von innen heraus, als wenn ich den Tempel betrete und die Götterstatue vor mir steht. Innerlich durchfühlt, innerlich erwärmt, erleuchtet, ja man möchte sagen, innerlich götterbegabt empfand sich der Grieche gegenüber der Schönheit. Das war aber nichts anderes als das Erfühlen im ätherischen Leibe. Und der Grieche hatte noch ein ganz anderes Gefühl bei der Häßlichkeit als ein moderner Mensch. Ein moderner Mensch fühlt die Häßlichkeit höchstens in einer sehr abstrakten Form — man möchte sagen, wenn man es lokalisieren will —, durch das Antlitz. Dem Griechen wurde bei der Häßlichkeit kalt im ganzen Leibe, und bei der starken Häßlichkeit bekam er eine Gänsehaut. Dieses reale Fühlen des ätherischen Leibes, das ist etwas, was ältere Zeiten wirklich noch im eminentesten Sinne hatten. Der Mensch hat eben im Laufe der Menschheitsentwickelung einen Teil seiner Menschlichkeit verloren. Diese Dinge alle, von denen ich jetzt gesprochen habe, sie bleiben dem modernen Menschen, der ja ganz nach seinem Kopfe hin tendiert, weil der rationalistische Verstand, die Abstraktheit, eben im Kopfe das Organ hat, all das, was früher so erlebt wurde, bleibt dem modernen Menschen eigentlich unbewußt.
[ 12 ] Modern people are completely unaware of all this. When the ancient Greeks approached their temples, or when they even caught sight of a statue of a god within the temple, they felt a warmth, and they sensed within themselves, as it were, something like an inner sunlight. And he even felt within himself something like a kind of endowment with forces radiating from his being, which shone into his individual organs. A Greek who entered his temple and beheld the statue of the god would say from the depths of his heart: “I never feel the shape of my fingers all the way to their outermost tips as clearly as when the statue of the god stands before me.” I never feel how my forehead arches over my nose; I never feel that from within as clearly as when I enter the temple and the statue of the god stands before me. Innerly moved, innerly warmed, enlightened—indeed, one might say, feeling as if endowed by the gods—this is how the Greek experienced beauty. But this was nothing other than a sensation felt in the etheric body. And the Greek had a very different feeling toward ugliness than a modern person does. A modern person feels ugliness, at most, in a very abstract form—one might say, if one wants to pinpoint it—through the face. For the Greeks, ugliness sent a chill through their entire body, and in the face of extreme ugliness, they got goosebumps. This real feeling of the etheric body is something that earlier times truly still possessed in the most eminent sense. In the course of human development, human beings have simply lost a part of their humanity. All these things I have just spoken of remain, in fact, unconscious to modern human beings—who, after all, tend entirely toward their heads, because the rationalistic intellect, abstract thought, has its seat precisely in the head—all that which was once experienced in this way remains, in fact, unconscious to modern human beings.
[ 13 ] Man kann sagen, durch den Enthusiasmus für die Wahrheit und Wahrhaftigkeit bildet der Mensch in unterbewußten Tiefen mindestens ein Gefühl für ein vorirdisches Dasein aus. Und ein Zeitalter, das kein Gefühl für das vorirdische Dasein des Menschen hat, das hat auch nicht den rechten Sinn für Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Aber gerade ein energisch und stark ausgebildetes Wahrheitsgefühl, das verbindet stark mit dieser vorirdischen Vergangenheit und macht eigentlich durch intimere Erlebnisse der irdischen Gegenwart den Menschen etwas traurig. Ein in sich ehrliches Seelenleben, das zugleich einen starken Enthusiasmus für Wahrheit und Wahrhaftigkeit entwickelt, wird immer zunächst, wenn es gerade in diesem Enthusiasmus für Wahrheit und Wahrhaftigkeit lebt, gegenüber der Gegenwart etwas traurig sein, und kann auch nur getröstet werden durch das Aufleuchten und Aufwärmen des Schönheitsgefühls in der Seele. Durch die Schönheit werden wir wiederum freudig gegenüber der Traurigkeit, die uns eigentlich immer überfällt, wenn wir den großen Enthusiasmus für Wahrheit und Wahrhaftigkeit entwickeln, der immer, wenn auch nur in intimer, feiner Art uns sagt: Ach, Wahrheit ist doch nur im vorirdischen Dasein, hier in dieser irdischen Welt haben wir doch nur einen Nachklang der Wahrheit. Indem wir die vorirdische Welt verlassen haben, haben wir eigentlich das richtige Drinnenstehen in der Substanz der Wahrheit verloren. Wir können nur durch den Enthusiasmus für Wahrheit und Wahrhaftigkeit unsere Beziehung zum vorirdischen Dasein so recht aufrechterhalten.
[ 13 ] It can be said that, through enthusiasm for truth and sincerity, human beings develop, at least in the depths of their subconscious, a sense of a pre-earthly existence. And an age that has no sense of humanity’s pre-earthly existence also lacks a true sense of truth and sincerity. But it is precisely a vigorous and strongly developed sense of truth that connects us deeply to this pre-earthly past and, through more intimate experiences of earthly life, actually makes us feel a certain sadness. An inner life that is true to itself, and which at the same time develops a strong enthusiasm for truth and sincerity, will always—especially when it is living in this very enthusiasm for truth and sincerity—feel a certain sadness toward the present, and can only be comforted by the radiance and warmth of the sense of beauty within the soul. Through beauty, we in turn become joyful in the face of the sadness that actually always overwhelms us when we develop that great enthusiasm for truth and sincerity—an enthusiasm that always, even if only in an intimate, subtle way, tells us: “Ah, truth is really only found in pre-earthly existence; here in this earthly world, we have only an echo of truth.” By leaving the pre-earthly world, we have in fact lost our true immersion in the very substance of truth. It is only through our enthusiasm for truth and sincerity that we can truly maintain our connection to pre-earthly existence.
[ 14 ] Durch ein echtes, wahres Gefühl gegenüber der Schönheit knüpft der Mensch gewissermaßen hier im irdischen Dasein wiederum an das vorirdische Dasein an. Und man sollte in aller Erziehung, in aller äußeren Kultur und Zivilisation die Bedeutung der Schönheit niemals unterschätzen. Eine Kulturwelt, die nur mit haßlichen Maschinen und mit Rauch angefüllt ist, mit häßlichen Schornsteinen, und die der Schönheit entbehrt, das ist eine Welt, die keine Verbindung anknüpfen will von seiten des Menschen mit dem vorirdischen Dasein, die den Menschen gewissermaßen herausreißt aus dem vorirdischen Dasein. Man kann nicht bloß zum Vergleich, sondern in voller Wahrheit sagen: Eine reine Industriestadt ist ein delikater Aufenthalt für alle diejenigen Dämonen, die den Menschen vergessen machen möchten, daß er ein vorirdisches Dasein in der Geistigkeit hat.
[ 14 ] Through a genuine, true sense of beauty, human beings, in a sense, reconnect here in their earthly existence with their pre-earthly existence. And one should never underestimate the importance of beauty in all education, in all external culture and civilization. A cultural world filled only with hideous machines and smoke, with ugly smokestacks, and devoid of beauty—that is a world that refuses to establish a connection between human beings and their pre-earthly existence, a world that, in a sense, tears people away from their pre-earthly existence. One can say—not merely by way of comparison, but in complete truth—that a purely industrial city is a delightful abode for all those demons who wish to make people forget that they have a pre-earthly existence in the spiritual realm.
[ 15 ] Aber indem der Mensch sich der Schönheit hingibt, muß er das ja um den Preis erkaufen, daß das Schöne gerade mit Bezug auf seine Schönheit nicht in der Realität wurzelt. Je schöner wir zum Beispiel, sagen wir, bildhauerisch oder malerisch die Menschengestalt ausbilden, desto mehr müssen wir uns gestehen, daß das nicht einer äußeren Wirklichkeit im irdischen Dasein entspricht. Es ist gewissermaßen nur ein Trost durch den schönen Schein, und daher ein Trost, der eigentlich nur ausreicht bis zu dem Augenblick, wo wir durch die Pforte des Todes gehen.
[ 15 ] But when a person devotes himself to beauty, he must pay the price that beauty—precisely in terms of its beauty—is not rooted in reality. For example, the more beautifully we render the human form—say, in sculpture or painting—the more we must admit to ourselves that this does not correspond to an external reality in earthly existence. It is, in a sense, merely a consolation through beautiful appearance, and therefore a consolation that is actually sufficient only until the moment we pass through the gates of death.
[ 16 ] Ja, diese Welt der Geistigkeit, in der wir in unserem vorirdischen Dasein voll drinnenstehen, sie ist immer da. Wir brauchen nur unseren Arm auszustrecken: wir strecken ihn aus in die Welt hinein, welche die Welt der Geistigkeit ist, in der wir in unserem vorirdischen Dasein sind. Aber trotzdem diese Welt immer da ist, hat der Mensch eigentlich nur für das tiefste Unbewußte eine Anknüpfung an sie, wenn er im Enthusiasmus für die Wahrheit und Wahrhaftigkeit erglüht. Und es ist, ich möchte sagen, eine Anknüpfung für das irdische Dasein, wenn der Mensch sich erwärmt für das Schöne, für die Schönheit.
[ 16 ] Yes, this spiritual world, in which we are fully immersed during our pre-earthly existence, is always there. We need only reach out our arm: we reach out into the world, which is the spiritual world, in which we exist during our pre-earthly existence. But even though this world is always there, human beings actually have a connection to it only at the deepest level of the unconscious when they are filled with enthusiasm for truth and sincerity. And it is, I would say, a connection to earthly existence when human beings are moved by the beautiful and by beauty.
[ 17 ] Aber indem der Mensch wahr sein soll, heißt das ja in einem höheren geistigen Sinne: er soll nicht vergessen, daß er in einem vorirdischen Dasein in der Geistigkeit gelebt hat. Indem der Mensch für die Schönheit erglühen soll, heißt das: es soll der Mensch sich in seinem seelischen Erleben wenigstens im Bilde eine Wiederanknüpfung an das Geistige des vorirdischen Daseins schaffen. Doch wie gelangt der Mensch zur Ausbildung einer realen Kraft, die ihn hineinführt unmittelbar in jene Welt, aus der er einfach durch seine Menschenwesenheit herausgekommen ist, indem er vom vorirdischen Dasein hereingestiegen ist in das irdische Dasein?
[ 17 ] But for a human being to be true means, in a higher spiritual sense, that he must not forget that he lived in the spiritual realm during a pre-earthly existence. For a human being to be inspired by beauty means that, in their soul experience, they should at least create—even if only in their imagination—a reconnection to the spiritual realm of their pre-earthly existence. But how does a human being develop a real power that leads them directly back into that world from which they emerged simply by virtue of their human existence, having descended from their pre-earthly existence into earthly life?
[ 18 ] Er kommt zu dieser Kraft, wenn er sich erfüllt mit Güte, mit jener Güte, die auf den andern Menschen zunächst eingeht, mit jener Güte, die nicht dabei stehenbleibt, bloß von sich zu wissen, bloß für sich Interesse zu haben, bloß dasjenige zu fühlen, was innerhalb der eigenen Wesenheit ist, mit jener Güte, die das eigene Seelische hinübertragen kann in die Eigentümlichkeit des andern, in das Wesen des andern, in das Erleben des andern. Diese Güte bedeutet eine Summe von Kräften im menschlichen Seelischen. Und diese Kräfte sind von der Art, daß sie wirklich den Menschen durchdringen mit etwas, mit dem er im Vollmenschlichen eben nur durchdrungen war im vorirdischen Dasein. Knüpft der Mensch durch die Schönheit im Bilde an die Geistigkeit an, aus der er herausgegangen ist durch sein irdisches Dasein, so fügt sich der Mensch mit seinem irdischen Dasein zu seinem vorirdischen Dasein hinzu, indem er ein guter Mensch ist. Und ein guter Mensch ist eben derjenige, der hinübertragen kann das eigene Seelische in das Seelische des andern. Und von diesem Hinübertragen des eigenen Seelischen in das Seelische des andern hängt im Grunde genommen alle Moralität, alle wahre Moralität ab. Die Moralität ist dasjenige, ohne das eine wirkliche gesellschaftliche Konfiguration der irdischen Menschheit nicht aufrechterhalten werden kann.
[ 18 ] He attains this strength when he fills himself with kindness, with that goodness that first and foremost reaches out to other people, with that goodness that does not stop at merely knowing oneself, merely being interested in oneself, merely feeling what lies within one’s own being—with that goodness that can carry one’s own soul life over into the uniqueness of the other, into the essence of the other, into the other’s experience. This goodness represents a sum of forces within the human soul. And these forces are of such a nature that they truly permeate the human being with something by which he was permeated—in his full humanity—only in his pre-earthly existence. If a person, through the beauty in the image, reconnects with the spirituality from which they emerged through their earthly existence, then that person, through their earthly existence, joins their pre-earthly existence by being a good person. And a good person is precisely one who can carry over their own soul life into the soul life of another. And, fundamentally speaking, all morality—all true morality—depends on this carrying over of one’s own soul life into the soul life of another. Morality is that which is indispensable for maintaining a genuine social structure of earthly humanity.
[ 19 ] Aber wenn auf der einen Seite diese Moralität sich auslebt zu den bedeutsamsten Willensimpulsen, die dann in den hohen moralischen Handlungen zur Realität kommen, so beginnt dennoch dieses Moralische im Menschen als ein das Seelische durchziehender und ergreifender Impuls damit, daß der Mensch berührt werden kann, wenn er die Sorgenfalte auf dem Gesicht des andern mitempfindet, und wenn wenigstens sein astralischer Leib beim Anblicke der Sorgenfalte des andern selbst diese Sorgenfalte bekommt. Denn geradeso wie sich das Gefühl des Wahren und Wahrhaftigen in dem richtigen Drinnenstecken im physischen Leibe manifestiert, wie sich das Erglühen und Erleben für das Schöne im ätherischen Leibe offenbart, so lebt das Gute durchaus im astralischen Leib des Menschen. Und der astralische Leib kann nicht gesund sein, kann nicht richtig in der Welt drinnenstehen, wenn der Mensch nicht in der Lage ist, ihn mit demjenigen zu durchdringen, was von der Güte herrührt.
[ 19 ] But while, on the one hand, this morality manifests itself in the most significant impulses of the will, which then become reality in lofty moral actions, this moral aspect in the human being nevertheless begins as an impulse that permeates and grips the soul—an impulse whereby a person can be moved when they empathize with the worry lines on another’s face, and when at least their astral body, upon seeing those worry lines, takes on those same lines itself. For just as the sense of truth and sincerity manifests itself in the proper embodiment within the physical body, and just as the passion for and experience of beauty reveal themselves in the etheric body, so too does goodness live fully within the human astral body. And the astral body cannot be healthy, cannot be properly anchored in the world, if a person is not able to imbue it with that which springs from goodness.
[ 20 ] Wahrheit hat Verwandtschaft zum physischen Leibe, Schörheit hat Verwandtschaft zum ätherischen Leibe, Güte hat Verwandtschaft zum astralischen Leibe. Damit kommen wir auf etwas Konkretes gegenüber den drei Abstraktionen Wahrheit, Schönheit, Güte, und wir können auf das wirkliche Wesen des Menschen dasjenige beziehen, was instinktiv mit diesen drei Idealen gemeint ist.
[ 20 ] Truth is related to the physical body, beauty is related to the etheric body, and goodness is related to the astral body. This brings us to something concrete in contrast to the three abstractions of truth, beauty, and goodness, and we can relate to the true nature of the human being what is instinctively meant by these three ideals.
[ 21 ] So handelt es sich darum, daß eigentlich diese drei Ideale zum Ausdruck bringen wollen, inwiefern der Mensch das Vollmenschliche in sich zu verwirklichen in der Lage ist. Er ist dazu in der Lage, wenn er in dem Sinne von Wahrheit und Wahrhaftigkeit auf menschliche Weise, und nicht bloß auf konventionelle oder natürliche Weise in seinem physischen Leibe darinnen steckt.
[ 21 ] The point is that these three ideals are actually intended to express the extent to which human beings are capable of realizing the fullness of humanity within themselves. He is capable of doing so when he embodies the sense of truth and truthfulness in a human way—and not merely in a conventional or natural way—within his physical body.
[ 22 ] Das Vollmenschliche bringt der Mensch aber auch nur dadurch zu einem ihm würdigen Dasein, wenn er durch das Gefühl für Schönheit immer mehr und mehr seinen ätherischen Leib für ihn zu etwas Lebendigem gestalten kann. Man muß schon sagen: Derjenige hat nicht das rechte Gefühl für Schönheit, der nicht irgend etwas von der Art, wie ich es von den Griechen als natürlich geschildert habe, beim Anblick, beim Anschauen der Schönheit in sich regsam fühlt. Ja, meine lieben Freunde, man kann das Schöne anstarren, oder man kann es erleben. Heute ist das schon einmal so, daß die meisten Menschen das Schöne nur anstarren. Dann braucht sich nichts im ätherischen Leibe zu regen. Aber das Anstarren des Schönen ist kein Erleben. In dem Momente aber, wo die Schönheit erlebt wird, regt sich eben auch der ätherische Leib.
[ 22 ] However, human beings can only bring about a life worthy of their full humanity if, through their sense of beauty, they are able to increasingly transform their etheric body into something living. It must be said: One does not have the proper sense of beauty if, upon seeing or contemplating beauty, one does not actively feel within oneself something of the kind I have described as natural, as the Greeks understood it. Yes, my dear friends, one can merely stare at beauty, or one can experience it. Today, the reality is that most people merely stare at beauty. In that case, nothing stirs within the etheric body. But merely staring at beauty is not experiencing it. The moment beauty is experienced, however, the etheric body is stirred as well.
[ 23 ] Man kann das Gute tun, erstens, weil es Gewohnheit ist für den Menschen, das Gute zu tun; dann, weil man vielleicht gestraft wird, wenn man ein sehr arg Böses tut; dann, weil einen die andern Leute weniger respektieren, wenn man das Schlechte tut und so weiter. Man kann aber auch das Gute tun aus wahrer Liebe zum Guten in jenem Sinn, wie ich es in meiner «Philosophie der Freiheit» vor Jahrzehnten geschildert habe. Ein solches Erleben des im Menschen steckenden Guten führt immer zur Anerkennung des menschlichen astralischen Leibes. Und eigentlich weiß man erst in Wirklichkeit, was es mit dem Guten für eine Bewandtnis hat, wenn man etwas erfühlt von dem astralischen Leibe im Menschen. Sonst bleibt es immer nur bei einer abstrakten Erkenntnis oder bei einem abstrakten Reden von dem Guten, wenn der Enthusiasmus für das Gute, für das echte, wahre Gute, für das in Liebe erfaßte Gute, nicht zum Erleben des astralischen Leibes führt.
[ 23 ] One can do good, first, because it is human nature to do good; second, because one might be punished for doing something very evil; third, because other people will respect one less if one does evil, and so on. But one can also do good out of a true love of the good, in the sense that I described decades ago in my Philosophy of Freedom. Such an experience of the good inherent in human beings always leads to the recognition of the human astral body. And in truth, one only truly understands what the good is all about when one senses something of the astral body within human beings. Otherwise, it always remains merely an abstract understanding or abstract talk about the good, if enthusiasm for the good—for the genuine, true good, for the good grasped in love—does not lead to an experience of the astral body.
[ 24 ] Damit aber ist das Erleben des Guten etwas, was nicht nur wie beim Schönen gewissermaßen eine Anknüpfung an das vorirdische Dasein darstellt im Bilde, was dann aufhört, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes tritt, sondern es ist ein reales Sich-Verbinden mit der Welt, von der ich sagte, sie ist immer da, wir brauchen nur unseren Arm auszustrecken. Aber der Mensch ist davon getrennt im wirklichen Dasein. Das Erleben des Guten ist eine wirkliche reale Verbindung, die direkt in die Welt hineinweist, die der Mensch betritt, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist. In dem, was der Mensch hier auf Erden übt, wenn er in dem wahren Guten lebt, sind Kräfte, die bleibend sind über die Pforte des Todes hinaus.
[ 24 ] Thus, the experience of the good is not merely, as with the beautiful, a kind of connection to pre-earthly existence in the realm of the imagination—which then ceases when a person passes through the gate of death—but rather a real connection to the world that, as I said, is always there; we need only reach out our hand. But in actual existence, human beings are separated from it. The experience of the good is a genuine, real connection that points directly into the world that a person enters once they have passed through the gate of death. In what a person practices here on earth—when they live in the true good—there are forces that endure beyond the gate of death.
[ 25 ] Im Grunde steckt in uns — wenn er steckt — der Sinn für Wahrheit und Wahrhaftigkeit als ein Erbstück aus unserem vorirdischen Dasein. Im Grunde steckt in uns — wenn er steckt — der Sinn für Schönheit dadurch, daß wir im irdischen Dasein wenigstens ein Bild des vorirdischen Zusammenhanges mit der Geistigkeit haben wollen. Und in Wahrheit steckt in uns die Notwendigkeit, uns nicht abzuschnüren von der Geistigkeit, sondern noch eine wirkliche Verbindung mit der Geistigkeit zu behalten durch das Gute, das wir als eine Kraft des Menschen in uns entwickeln.
[ 25 ] Essentially, the sense of truth and truthfulness—if it exists at all—lies within us as a legacy from our pre-earthly existence. Essentially, the sense of beauty lies within us—if it is there—because we wish to have at least an image of our pre-earthly connection to the spiritual realm in our earthly existence. And in truth, the necessity lies within us not to cut ourselves off from the spiritual realm, but to maintain a genuine connection to it through the goodness we develop within ourselves as a human force.
[ 26 ] Wahr sein, heißt beim Menschen, recht zusammenhängen mit seiner geistigen Vergangenheit. Für Schönheit einen Sinn haben, heißt beim Menschen, nicht verleugnen in der physischen Welt den Zusammenhang mit der Geistigkeit. Gut sein, heißt beim Menschen, einen Keim bilden für eine geistige Welt in der Zukunft.
[ 26 ] For human beings, to be true means to be in harmony with one’s spiritual past. For human beings, to find meaning in beauty means not to deny the connection between the physical world and the spiritual. For human beings, to be good means to sow the seeds for a spiritual world in the future.
[ 27 ] Man möchte sagen, die drei Begriffe von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, insofern sie sich hineinstellen in das vollmenschliche Leben, diese Begriffe von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erhalten, wenn sie in ihrer Konkretheit erfaßt werden, einen bedeutungsvollen Inhalt durch die andern Begriffe: Wahrheit, Schönheit, Güte.
[ 27 ] One might say that the three concepts of past, present, and future—insofar as they are integrated into fully human life—acquire, when grasped in their concreteness, a meaningful content through the other concepts: truth, beauty, and goodness.
[ 28 ] Der unwahre Mensch verleugnet seine geistige Vergangenheit, der Lügner schneidet zwischen sich und seiner geistigen Vergangenheit die Fäden ab. Der das Schöne mißachtende Banause will sich auf Erden eine Stätte gründen, in der ihn die Sonne des Geistes nicht bescheint, wo er gewissermaßen im geistlosen Schatten herumspazieren kann. Der Mensch, der das Gute verleugnet, verzichtet eigentlich auf seine geistige Zukunft, und er möchte dann, daß ihm diese geistige Zukunft auf irgendeine andere Weise, durch irgendwelche äußerlichen Heilmittel, dennoch geschenkt werde.
[ 28 ] The insincere person denies his spiritual past; the liar severs the ties between himself and his spiritual past. The philistine who scorns beauty wants to establish a place for himself on earth where the sun of the spirit does not shine upon him, where he can, so to speak, wander about in spiritless shadow. The person who denies the good is in fact renouncing his spiritual future, and yet he wishes that this spiritual future might still be granted to him in some other way, through some external means.
[ 29 ] Es war schon ein tiefer Instinkt, als die drei Ideale Wahrheit, Schönheit, Güte gefaßt wurden als die drei größten Ideale für menschliches Streben. Aber eigentlich ist erst wiederum unsere Zeit in der Lage, diesen Idealen, die auch fast schon zu leeren Worten geworden sind, einen wahren Inhalt zu geben.
[ 29 ] It was indeed a deep instinct when the three ideals of truth, beauty, and goodness were identified as the three greatest ideals of human endeavor. But in fact, it is only in our time that we are once again in a position to give true substance to these ideals, which have almost become empty words.
[ 30 ] Nun, meine lieben Freunde, werde ich auf Grundlage desjenigen, was ich nunmehr ausgeführt habe über Wahrheit, Schönheit, Güte, morgen weitersprechen.
[ 30 ] Well, my dear friends, tomorrow I will continue speaking on the basis of what I have now explained about truth, beauty, and goodness.
