Lebendiges Naturerkennen Intellektueller Sündenfall und spirituelle Sündenerhebung
GA 220
19 Januar 1923, Dornach
Siebenter Vortrag
[ 1 ] Als die drei großen Ideale der Menschheit werden durch alle Zeiten hindurch, in welchen die bewußte menschliche Entwickelung läuft, genannt das Wahre, das Schöne, das Gute. Man kann sagen: Diese drei Ideale, Wahrheit, Schönheit, Güte, werden aus einem gewissen Instinkte heraus genannt als die großen Ziele, oder vielmehr besser gesagt die großen Charaktere des menschlichen Strebens. In älteren Zeiten wußte man allerdings mehr über das Wesen des Menschen und seinen Zusammenhang mit der Welt, und dadurch war man auch in der Lage, wenn man von solchen Dingen sprach, wie Wahrheit, Schönheit, Güte, Konkreteres zu meinen, als das heute in unserer, das Abstrakte liebenden Zeit der Fall ist. Und anthroposophische Geisteswissenschaft ist wiederum imstande, auf solches bestimmter Konkreteres hinzuweisen. Allerdings kommt man damit nicht immer einer Neigung unserer Zeit entgegen — denn unsere Zeit liebt das Ungenaue, das Unbestimmte, das Nebulose — in dem Augenblick, wo es sich darum handelt, über das Alltägliche hinauszugehen. Machen wir uns heute einmal klar, wie der Inhalt der Worte Wahrheit, Schönheit, Güte zusammenhängt mit dem Wesen des Menschen.
[ 2 ] Wenn wir dieses Wesen des Menschen uns vor das Seelenauge stellen, so müssen wir ja zunächst auf den physischen Leib des Menschen hinschauen. Dieser physische Leib des Menschen, er wird ja eigentlich heute allein nach äußerlicher Weise betrachtet. Man hat kein Bewußtsein davon, wie dieser physische Leib in dem vorirdischen Dasein aufgebaut wird in seinen Einzelheiten, in bezug auf Form, in bezug auf seine Betätigung in dem vorirdischen Dasein. Gewiß lebt der Mensch in seinem vorirdischen Dasein in einer rein geistigen Welt. Aber in dieser geistigen Welt arbeitet er — das habe ich ja in den Vorträgen, die vor kurzem erst von mir gehalten worden sind, gesagt —, in dieser geistigen Welt arbeitet er im Vereine mit höheren Wesenheiten den geistigen Prototyp, die Geistgestalt des physischen Leibes aus. Und dasjenige, was wir hier als physischen Leib an uns tragen, das ist ja einfach ein Abbild, ein physisches Abbild dessen, was als eine Art Geistkeim im vorirdischen Dasein vom Menschen selbst ausgearbeitet wird.
[ 3 ] Wenn man dies ins Auge faßt, so muß man sich sagen: Hier im irdischen Dasein fühlt der Mensch an sich seinen physischen Leib. Aber von dem, was alles zusammenhängt mit diesem Gefühl vom physischen Leibe, davon verschafft sich der heutige Mensch nicht viel Bewußtsein. Wir sprechen von Wahrheit, wissen aber nur wenig, daß das Gefühl für Wahrheit zusammenhängt mit dem allgemeinen Gefühl, das wir von unserem physischen Leibe haben. Wenn der Mensch einer einfachen Tatsache gegenübersteht, so kann er ja gegenüber dieser Tatsache entweder streng darauf halten, sich eine Vorstellung zu bilden von dieser Tatsache, die exakt dieser Tatsache entspricht, die also wahr ist, oder er kann auch, sei es aus Ungenauigkeit, aus innerer Lässigkeit heraus, sei es aus einem direkten Widerstreben gegen die Wahrheit, also aus Lügenhaftigkeit, er kann eine Vorstellung bilden, die nicht mit dieser Tatsache zusammenhängt, die nicht sich deckt mit dieser Tatsache. Wenn der Mensch über eine Tatsache die Wahrheit bedenkt, dann steht er in Übereinstimmung mit dem Gefühl, das er von seinem physischen Leibe und sogar von dem Zusammenhange seines physischen Leibes mit dem vorirdischen Dasein hat. Wir brauchen nämlich nur aus Lässigkeit oder aus Lügenhaftigkeit uns eine Vorstellung zu bilden, die nicht mit den Tatsachen übereinstimmt, dann ist es gerade so, als wenn wir gewissermaßen ein Loch hineinbrächten in dasjenige, was uns mit unserem vorirdischen Dasein in Zusammenhang hält. Wir zerreißen etwas in dem Zusammenhang mit dem vorirdischen Dasein, wenn wir uns einer Unwahrheit hingeben. Es ist ein feines geistiges Gewebe, wenn ich so sagen darf, das wir im vorirdischen Dasein ausarbeiten, das sich dann zusammenzieht und das im Abbilde unseren physischen Leib bildet. Man möchte sagen, dieser physische Leib hängt durch viele Fäden mit dem vorirdischen Dasein zusammen, und die Hingabe an eine Unwahrhaftigkeit zerreißt solche Fäden. Das bloße Verstandesbewußtsein, das heute, im Beginne des Zeitalters der Bewußtseinsseele, dem Menschen so eigen ist, das wird nicht gewahr, wie etwas zerrissen wird in der eben angegebenen Art. Daher gibt sich der heutige Mensch so vielen Täuschungen hin über die Zusammenhänge, in denen er eigentlich im Weltendasein darinnen steht.
[ 4 ] Der Mensch sieht ja heute in dem, was ihm in bezug auf seine physische Gesundheit passiert, zumeist eben nur etwas Physisches. Aber es wirkt durchaus in den physischen Leib, namentlich in die Konstitution des Nervensystems hinein, wenn der Mensch in dieser Weise durch Hingabe an die Unwahrheit die Fäden mit dem vorirdischen Dasein zerreißt. Es ist so, daß der Mensch durch das Gefühl, das er von seinem physischen Leibe hat, eigentlich in der Welt sein geistiges Seinsgefühl hat. Dieses geistige Seinsgefühl innerlich zu haben, hängt davon ab, daß unsere Fäden, die vom physischen Leibe nach dem vorirdischen Dasein gehen, nicht zerrissen sind. Wenn sie zerreißen, dann muß der Mensch — er tut das unbewußt — einen Ersatz schaffen für sein gesundes geistiges Seinsgefühl, für sein Gefühl von Sein, von Dasein. Und dann ist er eigentlich darauf angewiesen, aus irgendwelchen konventionellen Urteilen — wie gesagt, er tut das alles unbewußt —, aus Urteilen, die sich so festgelegt haben, sich ein Seinsgefühl zuzuschreiben. Aber die Menschheit ist allmählich auch in bezug auf dieses Seinsgefühl in eine innere Unsicherheit gekommen, die durchaus bis in den physischen Leib hineingeht. Denn dieses reine geistige Seinsgefühl, das wir um so mehr bei der Menschheit finden, je mehr wir in der Geschichte zurückgehen, ist denn das heute stark vorhanden?
[ 5 ] Bedenken Sie nur, durch was alles der Mensch heute vielfach etwas sein will, nur nicht durch sein ursprüngliches geistiges Innenleben! Er will etwas sein dadurch, daß er, sagen wir, von seinem Beruf aus diese oder jene Bezeichnung bekommt. Er will, nun, sagen wir, Sekretär oder Aktuar sein und hat dann die Meinung, wenn aus der Konvention heraus sein Wesen durch so etwas bezeichnet wird, dann ist er; während es eigentlich darauf ankommt, daß der Mensch aus seinem Innengefühl dieses Sein sich zuschreiben kann, ganz abgesehen von aller Äußerlichkeit.
[ 6 ] Aber was befestigt den Menschen in seinem Seinsgefühl? Sehen Sie, hier im irdischen Dasein leben wir ja eigentlich in der Welt, die nur ein Abbild der wahren Wirklichkeit ist. Wir verstehen sogar diese physische Welt nur dann recht, wenn wir sie als ein Abbild der wahren Wirklichkeit ansehen. Aber wir müssen die wahre Wirklichkeit in uns fühlen, wir müssen unseren Zusammenhang mit der geistigen Welt fühlen. Das können wir nur, wenn alles dasjenige intakt ist, was uns mit dem vorirdischen Dasein zusammenhält.
[ 7 ] Und all das wird befestigt durch eine, wenn ich so sagen darf, Vorliebe des Menschen für unbedingte Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Nichts befestigt so sehr das ursprüngliche, echte Seinsgefühl des Menschen als der Sinn für Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Sich verpflichtet fühlen, die Dinge, die man sagt, erst zu prüfen, sich verpflichtet fühlen, für die Dinge, die man sagt, erst die Grenzen zu suchen, innerhalb welcher man sie sagen kann, das trägt bei zur wirklichen inneren Konsolidierung des menschenwürdigen Seinsgefühls. Und dieses Seinsgefühl hängt eben zusammen damit, daß wir im physischen Leibe die Geistigkeit fühlen — so daß wir eine enge Verwandtschaft unseres physischen Leibes mit dem, was das Ideal der Wahrheit ist, anerkennen müssen.
[ 8 ] Unseren Äther- oder Lebensleib, diesen Bildekräfteleib — auch das habe ich in Vorträgen, die erst in der letzten Zeit wiederum gehalten worden sind, ausgeführt — erwerben wir erst kurze Zeit vor dem Herabsteigen aus dem vorirdischen Dasein in das irdische Dasein. Wir ziehen gewissermaßen die Kräfte der Ätherwelt zusammen, um unseren eigenen ätherischen Leib zu bilden. Mit Bezug auf diesen ätherischen Leib waren — wenn ich mich so ausdrücken darf — auch ältere Zeitalter der Menschheitsentwickelung besser bestellt als die heutige Menschheit. Die heutige Menschheit hat nicht viel Gefühl für diesen ätherischen Leib. Man hat im Gegenteil das Gefühl, daß man über die Realität dieses ätherischen Leibes spottet. Nun aber wird wiederum das Gefühl innerhalb dieses ätherischen Leibes befestigt durch das Erlebnis der Schönheit.
[ 9 ] Wenn Wahrheit und Wahrhaftigkeit ein wirkliches Erlebnis wird, stecken wir in gewissem Sinne richtig in unserem physischen Leibe darinnen. Wenn wir ein richtiges Gefühl für Schönheit entwickeln, stecken wir in der richtigen Weise in unserer ätherischen oder Bildekräfteleib darinnen. Schönheit hängt ebenso zusammen mit unserem ätherischen Leibe wie Wahrheit mit unserem physischen Leibe.
[ 10 ] Sie können sich das, was ich da sage, ja am allerbesten klarmachen dadurch, daß Sie daran denken, welche Bedeutung in einem wirklich Schönen gegeben ist, das durch die Kunst hervorgebracht wird. Und was ich da zu sagen habe, gilt ja eigentlich für alle Künste. Wenn man einen einzelnen Menschen vor sich hat, wie er in Fleisch und Blut wirklich vor uns auftritt, so weiß man, man hat einen Menschen aus vielen vor sich. Der eine Mensch hat eigentlich gar keinen Sinn ohne die vielen, die in seiner Umgebung da sein müssen. Er gehört zu den vielen, die vielen gehören zu ihm. Man braucht sich nur einmal zu überlegen, wie wenig Wurzel im Dasein der physische Erdenmensch hat ohne die andern. Wenn wir aber, sei es bildhauerisch, sei es malerisch, sei es dramatisch, also durch Kunst einen Menschen darstellen, dann streben wir ja danach, etwas sich selbst Genugsames zu schaffen, etwas, was in sich abgeschlossen ist, was gewissermaßen eine ganze Welt schon in sich trägt — wie der Mensch in seinem ätherischen Leibe eigentlich die ganze Welt in sich trägt, denn er zieht die ätherischen Kräfte aus der ganzen Welt zusammen, um sich seinen ätherischen Leib innerhalb des irdischen Daseins zu gestalten.
[ 11 ] Ältere Zeiten der Menschheit haben viel Sinn gehabt für die Schönheit, allerdings, wie sie sich die Schönheit vorgestellt haben; jedoch sie haben mehr Sinn gehabt für die Schönheit als die heutige Menschheit. Nun ist es aber so, daß eigentlich der Mensch nicht im wahren Sinne des Wortes Mensch sein kann, wenn er nicht einen Sinn für die Schönheit hat. Denn einen Sinn für die Schönheit haben, heißt anerkennen den ätherischen Leib. Keinen Sinn für Schönheit haben, heißt mißachten, nicht anerkennen den ätherischen Leib.
[ 12 ] Von alldem verspürt der heutige Mensch nichts in seinem Bewußtsein. Wenn der Grieche sich seinem Tempel genaht hat, oder wenn er gar in dem Tempel der Götterstatue ansichtig wurde, dann wurde ihm warm, und er fühlte in sich gewissermaßen etwas wie ein inneres Sonnenlicht. Und er fühlte sogar in sich etwas wie eine Art Begabung mit in sein Wesen ausstrahlenden Kräften, die in die einzelnen Organe hinstrahlten. Ein Grieche, der seinen Tempel betreten hat und der Götterstatue ansichtig wurde, er hat aus seinem vollen Herzen heraus gesagt: Ich fühle niemals die Gestaltung meiner Finger bis in die äußerste Peripherie so klar, als wenn die Götterstatue vor mir steht. Ich fühle niemals, wie sich wölbt meine Stirne über meiner Nase, ich fühle das niemals so von innen heraus, als wenn ich den Tempel betrete und die Götterstatue vor mir steht. Innerlich durchfühlt, innerlich erwärmt, erleuchtet, ja man möchte sagen, innerlich götterbegabt empfand sich der Grieche gegenüber der Schönheit. Das war aber nichts anderes als das Erfühlen im ätherischen Leibe. Und der Grieche hatte noch ein ganz anderes Gefühl bei der Häßlichkeit als ein moderner Mensch. Ein moderner Mensch fühlt die Häßlichkeit höchstens in einer sehr abstrakten Form — man möchte sagen, wenn man es lokalisieren will —, durch das Antlitz. Dem Griechen wurde bei der Häßlichkeit kalt im ganzen Leibe, und bei der starken Häßlichkeit bekam er eine Gänsehaut. Dieses reale Fühlen des ätherischen Leibes, das ist etwas, was ältere Zeiten wirklich noch im eminentesten Sinne hatten. Der Mensch hat eben im Laufe der Menschheitsentwickelung einen Teil seiner Menschlichkeit verloren. Diese Dinge alle, von denen ich jetzt gesprochen habe, sie bleiben dem modernen Menschen, der ja ganz nach seinem Kopfe hin tendiert, weil der rationalistische Verstand, die Abstraktheit, eben im Kopfe das Organ hat, all das, was früher so erlebt wurde, bleibt dem modernen Menschen eigentlich unbewußt.
[ 13 ] Man kann sagen, durch den Enthusiasmus für die Wahrheit und Wahrhaftigkeit bildet der Mensch in unterbewußten Tiefen mindestens ein Gefühl für ein vorirdisches Dasein aus. Und ein Zeitalter, das kein Gefühl für das vorirdische Dasein des Menschen hat, das hat auch nicht den rechten Sinn für Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Aber gerade ein energisch und stark ausgebildetes Wahrheitsgefühl, das verbindet stark mit dieser vorirdischen Vergangenheit und macht eigentlich durch intimere Erlebnisse der irdischen Gegenwart den Menschen etwas traurig. Ein in sich ehrliches Seelenleben, das zugleich einen starken Enthusiasmus für Wahrheit und Wahrhaftigkeit entwickelt, wird immer zunächst, wenn es gerade in diesem Enthusiasmus für Wahrheit und Wahrhaftigkeit lebt, gegenüber der Gegenwart etwas traurig sein, und kann auch nur getröstet werden durch das Aufleuchten und Aufwärmen des Schönheitsgefühls in der Seele. Durch die Schönheit werden wir wiederum freudig gegenüber der Traurigkeit, die uns eigentlich immer überfällt, wenn wir den großen Enthusiasmus für Wahrheit und Wahrhaftigkeit entwickeln, der immer, wenn auch nur in intimer, feiner Art uns sagt: Ach, Wahrheit ist doch nur im vorirdischen Dasein, hier in dieser irdischen Welt haben wir doch nur einen Nachklang der Wahrheit. Indem wir die vorirdische Welt verlassen haben, haben wir eigentlich das richtige Drinnenstehen in der Substanz der Wahrheit verloren. Wir können nur durch den Enthusiasmus für Wahrheit und Wahrhaftigkeit unsere Beziehung zum vorirdischen Dasein so recht aufrechterhalten.
[ 14 ] Durch ein echtes, wahres Gefühl gegenüber der Schönheit knüpft der Mensch gewissermaßen hier im irdischen Dasein wiederum an das vorirdische Dasein an. Und man sollte in aller Erziehung, in aller äußeren Kultur und Zivilisation die Bedeutung der Schönheit niemals unterschätzen. Eine Kulturwelt, die nur mit haßlichen Maschinen und mit Rauch angefüllt ist, mit häßlichen Schornsteinen, und die der Schönheit entbehrt, das ist eine Welt, die keine Verbindung anknüpfen will von seiten des Menschen mit dem vorirdischen Dasein, die den Menschen gewissermaßen herausreißt aus dem vorirdischen Dasein. Man kann nicht bloß zum Vergleich, sondern in voller Wahrheit sagen: Eine reine Industriestadt ist ein delikater Aufenthalt für alle diejenigen Dämonen, die den Menschen vergessen machen möchten, daß er ein vorirdisches Dasein in der Geistigkeit hat.
[ 15 ] Aber indem der Mensch sich der Schönheit hingibt, muß er das ja um den Preis erkaufen, daß das Schöne gerade mit Bezug auf seine Schönheit nicht in der Realität wurzelt. Je schöner wir zum Beispiel, sagen wir, bildhauerisch oder malerisch die Menschengestalt ausbilden, desto mehr müssen wir uns gestehen, daß das nicht einer äußeren Wirklichkeit im irdischen Dasein entspricht. Es ist gewissermaßen nur ein Trost durch den schönen Schein, und daher ein Trost, der eigentlich nur ausreicht bis zu dem Augenblick, wo wir durch die Pforte des Todes gehen.
[ 16 ] Ja, diese Welt der Geistigkeit, in der wir in unserem vorirdischen Dasein voll drinnenstehen, sie ist immer da. Wir brauchen nur unseren Arm auszustrecken: wir strecken ihn aus in die Welt hinein, welche die Welt der Geistigkeit ist, in der wir in unserem vorirdischen Dasein sind. Aber trotzdem diese Welt immer da ist, hat der Mensch eigentlich nur für das tiefste Unbewußte eine Anknüpfung an sie, wenn er im Enthusiasmus für die Wahrheit und Wahrhaftigkeit erglüht. Und es ist, ich möchte sagen, eine Anknüpfung für das irdische Dasein, wenn der Mensch sich erwärmt für das Schöne, für die Schönheit.
[ 17 ] Aber indem der Mensch wahr sein soll, heißt das ja in einem höheren geistigen Sinne: er soll nicht vergessen, daß er in einem vorirdischen Dasein in der Geistigkeit gelebt hat. Indem der Mensch für die Schönheit erglühen soll, heißt das: es soll der Mensch sich in seinem seelischen Erleben wenigstens im Bilde eine Wiederanknüpfung an das Geistige des vorirdischen Daseins schaffen. Doch wie gelangt der Mensch zur Ausbildung einer realen Kraft, die ihn hineinführt unmittelbar in jene Welt, aus der er einfach durch seine Menschenwesenheit herausgekommen ist, indem er vom vorirdischen Dasein hereingestiegen ist in das irdische Dasein?
[ 18 ] Er kommt zu dieser Kraft, wenn er sich erfüllt mit Güte, mit jener Güte, die auf den andern Menschen zunächst eingeht, mit jener Güte, die nicht dabei stehenbleibt, bloß von sich zu wissen, bloß für sich Interesse zu haben, bloß dasjenige zu fühlen, was innerhalb der eigenen Wesenheit ist, mit jener Güte, die das eigene Seelische hinübertragen kann in die Eigentümlichkeit des andern, in das Wesen des andern, in das Erleben des andern. Diese Güte bedeutet eine Summe von Kräften im menschlichen Seelischen. Und diese Kräfte sind von der Art, daß sie wirklich den Menschen durchdringen mit etwas, mit dem er im Vollmenschlichen eben nur durchdrungen war im vorirdischen Dasein. Knüpft der Mensch durch die Schönheit im Bilde an die Geistigkeit an, aus der er herausgegangen ist durch sein irdisches Dasein, so fügt sich der Mensch mit seinem irdischen Dasein zu seinem vorirdischen Dasein hinzu, indem er ein guter Mensch ist. Und ein guter Mensch ist eben derjenige, der hinübertragen kann das eigene Seelische in das Seelische des andern. Und von diesem Hinübertragen des eigenen Seelischen in das Seelische des andern hängt im Grunde genommen alle Moralität, alle wahre Moralität ab. Die Moralität ist dasjenige, ohne das eine wirkliche gesellschaftliche Konfiguration der irdischen Menschheit nicht aufrechterhalten werden kann.
[ 19 ] Aber wenn auf der einen Seite diese Moralität sich auslebt zu den bedeutsamsten Willensimpulsen, die dann in den hohen moralischen Handlungen zur Realität kommen, so beginnt dennoch dieses Moralische im Menschen als ein das Seelische durchziehender und ergreifender Impuls damit, daß der Mensch berührt werden kann, wenn er die Sorgenfalte auf dem Gesicht des andern mitempfindet, und wenn wenigstens sein astralischer Leib beim Anblicke der Sorgenfalte des andern selbst diese Sorgenfalte bekommt. Denn geradeso wie sich das Gefühl des Wahren und Wahrhaftigen in dem richtigen Drinnenstecken im physischen Leibe manifestiert, wie sich das Erglühen und Erleben für das Schöne im ätherischen Leibe offenbart, so lebt das Gute durchaus im astralischen Leib des Menschen. Und der astralische Leib kann nicht gesund sein, kann nicht richtig in der Welt drinnenstehen, wenn der Mensch nicht in der Lage ist, ihn mit demjenigen zu durchdringen, was von der Güte herrührt.
[ 20 ] Wahrheit hat Verwandtschaft zum physischen Leibe, Schörheit hat Verwandtschaft zum ätherischen Leibe, Güte hat Verwandtschaft zum astralischen Leibe. Damit kommen wir auf etwas Konkretes gegenüber den drei Abstraktionen Wahrheit, Schönheit, Güte, und wir können auf das wirkliche Wesen des Menschen dasjenige beziehen, was instinktiv mit diesen drei Idealen gemeint ist.
[ 21 ] So handelt es sich darum, daß eigentlich diese drei Ideale zum Ausdruck bringen wollen, inwiefern der Mensch das Vollmenschliche in sich zu verwirklichen in der Lage ist. Er ist dazu in der Lage, wenn er in dem Sinne von Wahrheit und Wahrhaftigkeit auf menschliche Weise, und nicht bloß auf konventionelle oder natürliche Weise in seinem physischen Leibe darinnen steckt.
[ 22 ] Das Vollmenschliche bringt der Mensch aber auch nur dadurch zu einem ihm würdigen Dasein, wenn er durch das Gefühl für Schönheit immer mehr und mehr seinen ätherischen Leib für ihn zu etwas Lebendigem gestalten kann. Man muß schon sagen: Derjenige hat nicht das rechte Gefühl für Schönheit, der nicht irgend etwas von der Art, wie ich es von den Griechen als natürlich geschildert habe, beim Anblick, beim Anschauen der Schönheit in sich regsam fühlt. Ja, meine lieben Freunde, man kann das Schöne anstarren, oder man kann es erleben. Heute ist das schon einmal so, daß die meisten Menschen das Schöne nur anstarren. Dann braucht sich nichts im ätherischen Leibe zu regen. Aber das Anstarren des Schönen ist kein Erleben. In dem Momente aber, wo die Schönheit erlebt wird, regt sich eben auch der ätherische Leib.
[ 23 ] Man kann das Gute tun, erstens, weil es Gewohnheit ist für den Menschen, das Gute zu tun; dann, weil man vielleicht gestraft wird, wenn man ein sehr arg Böses tut; dann, weil einen die andern Leute weniger respektieren, wenn man das Schlechte tut und so weiter. Man kann aber auch das Gute tun aus wahrer Liebe zum Guten in jenem Sinn, wie ich es in meiner «Philosophie der Freiheit» vor Jahrzehnten geschildert habe. Ein solches Erleben des im Menschen steckenden Guten führt immer zur Anerkennung des menschlichen astralischen Leibes. Und eigentlich weiß man erst in Wirklichkeit, was es mit dem Guten für eine Bewandtnis hat, wenn man etwas erfühlt von dem astralischen Leibe im Menschen. Sonst bleibt es immer nur bei einer abstrakten Erkenntnis oder bei einem abstrakten Reden von dem Guten, wenn der Enthusiasmus für das Gute, für das echte, wahre Gute, für das in Liebe erfaßte Gute, nicht zum Erleben des astralischen Leibes führt.
[ 24 ] Damit aber ist das Erleben des Guten etwas, was nicht nur wie beim Schönen gewissermaßen eine Anknüpfung an das vorirdische Dasein darstellt im Bilde, was dann aufhört, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes tritt, sondern es ist ein reales Sich-Verbinden mit der Welt, von der ich sagte, sie ist immer da, wir brauchen nur unseren Arm auszustrecken. Aber der Mensch ist davon getrennt im wirklichen Dasein. Das Erleben des Guten ist eine wirkliche reale Verbindung, die direkt in die Welt hineinweist, die der Mensch betritt, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist. In dem, was der Mensch hier auf Erden übt, wenn er in dem wahren Guten lebt, sind Kräfte, die bleibend sind über die Pforte des Todes hinaus.
[ 25 ] Im Grunde steckt in uns — wenn er steckt — der Sinn für Wahrheit und Wahrhaftigkeit als ein Erbstück aus unserem vorirdischen Dasein. Im Grunde steckt in uns — wenn er steckt — der Sinn für Schönheit dadurch, daß wir im irdischen Dasein wenigstens ein Bild des vorirdischen Zusammenhanges mit der Geistigkeit haben wollen. Und in Wahrheit steckt in uns die Notwendigkeit, uns nicht abzuschnüren von der Geistigkeit, sondern noch eine wirkliche Verbindung mit der Geistigkeit zu behalten durch das Gute, das wir als eine Kraft des Menschen in uns entwickeln.
[ 26 ] Wahr sein, heißt beim Menschen, recht zusammenhängen mit seiner geistigen Vergangenheit. Für Schönheit einen Sinn haben, heißt beim Menschen, nicht verleugnen in der physischen Welt den Zusammenhang mit der Geistigkeit. Gut sein, heißt beim Menschen, einen Keim bilden für eine geistige Welt in der Zukunft.
[ 27 ] Man möchte sagen, die drei Begriffe von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, insofern sie sich hineinstellen in das vollmenschliche Leben, diese Begriffe von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erhalten, wenn sie in ihrer Konkretheit erfaßt werden, einen bedeutungsvollen Inhalt durch die andern Begriffe: Wahrheit, Schönheit, Güte.
[ 28 ] Der unwahre Mensch verleugnet seine geistige Vergangenheit, der Lügner schneidet zwischen sich und seiner geistigen Vergangenheit die Fäden ab. Der das Schöne mißachtende Banause will sich auf Erden eine Stätte gründen, in der ihn die Sonne des Geistes nicht bescheint, wo er gewissermaßen im geistlosen Schatten herumspazieren kann. Der Mensch, der das Gute verleugnet, verzichtet eigentlich auf seine geistige Zukunft, und er möchte dann, daß ihm diese geistige Zukunft auf irgendeine andere Weise, durch irgendwelche äußerlichen Heilmittel, dennoch geschenkt werde.
[ 29 ] Es war schon ein tiefer Instinkt, als die drei Ideale Wahrheit, Schönheit, Güte gefaßt wurden als die drei größten Ideale für menschliches Streben. Aber eigentlich ist erst wiederum unsere Zeit in der Lage, diesen Idealen, die auch fast schon zu leeren Worten geworden sind, einen wahren Inhalt zu geben.
[ 30 ] Nun, meine lieben Freunde, werde ich auf Grundlage desjenigen, was ich nunmehr ausgeführt habe über Wahrheit, Schönheit, Güte, morgen weitersprechen.
