Lebendiges Naturerkennen Intellektueller Sündenfall und spirituelle Sündenerhebung
GA 220
20 Januar 1923, Dornach
Achter Vortrag
[ 1 ] Wir haben gerade in der letzten Zeit von den Beziehungen gesprochen, welche der Mensch in älteren Zeiten zur Natur, zur ganzen Welt hatte, und von den Beziehungen, die er heute, in unserem gegenwärtigen Zeitalter dazu hat. Ich habe zum Beispiel darauf aufmerksam gemacht, wieviel realer, konkreter der Mensch in älteren Zeiten die Natur miterlebt hat, wie er die Natur deshalb konkreter miterleben konnte, weil er in sich selber auch voller erlebte. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, wie der Mensch seinen Denkprozeß einstmals empfand als eine Art — nun, wenn ich mich grob ausdrücke — Salzablagerungsprozeß im eigenen Organismus. Da verhärtet sich etwas im eigenen Organismus, so etwa fühlte der Mensch, wenn er dachte. Er fühlte gewissermaßen die Gedanken durch sein Menschenwesen hindurchstrahlen, und er fühlte eine Art ätherischastralischer Knochengerüstform. Er fühlte einen Unterschied, ob er einen Kristall ansah, der würfelförmig ist, oder einen solchen, der spitz zuläuft. Also er fühlte in sich die Gedanken wie einen Verhärtungsprozeß. Und er fühlte in sich den Willen wie einen Feuerprozeß, wie einen Prozeß der innerlich strahlenden Wärme.
[ 2 ] Dadurch, daß der Mensch in sich so bestimmt, so voll fühlte, konnte er auch die äußere Natur voller mitfühlen und dadurch auch konkreter in dieser äußeren Natur drinnen leben. Man möchte sagen: Es ist gegenwärtig mit dem Menschen so geworden, daß er eigentlich von seinem Menscheninneren nicht viel mehr kennt als eben die Spiegelbilder, die von der Außenwelt in seinem Innern entworfen werden. Er kennt diese Spiegelbilder als Erinnerungen. Er weiß, was er gefühlsmäßig, aber sehr abstrakt gefühlsmäßig an ihnen erlebt oder erlebt hat. Aber dieses voll-lebendige Durchzuckt-, Durchstrahlt-, Durchwärmt-, Durchleuchtetwerden in seinem Organismus, das kennt der Mensch heute nicht. Der Mensch weiß heute von seinem eigenen Inneren nur so viel, als ihm der Arzt oder der Naturforscher sagen kann. Ein wirkliches inneres Erleben ist nicht mehr vorhanden. Aber alles, was der Mensch in der Außenwelt erkennt, das ist immer ganz genau entsprechend dem, was der Mensch in seiner Innenwelt erkennt. Da der Mensch heute von sich nicht viel mehr weiß als das, was ihm der Naturforscher oder der Arzt sagen kann, so bleibt er auch in bezug auf die äußere Welt abstrakt. Er erkundigt sich nur über die Naturgesetze, die abstrakte Gedanken sind. Aber ein Miterleben mit der Natur ist eigentlich nur im instinktiven Sinne, den der Mensch niemals verleugnen kann, vorhanden. Und dadurch ist dem Menschen allmählich abhanden gekommen die Einsicht, daß in der Natur wirklich elementarische Kräfte wirken. Ein reiches Leben der Natur ist dem Menschen dadurch verlorengegangen.
[ 3 ] Der Mensch nennt heute das, was ihm aus früheren Zeiten über das Leben der Natur erhalten ist, Mythen, Märchen. Gewiß, diese Mythen und diese Märchen drücken sich in Bildern aus, aber die Bilder weisen auf ein Geistiges hin, das in der Natur waltet, das zunächst ein Elementarisch-Geistiges in unbestimmten Umrissen ist, aber das eben doch ein Geistiges ist und das, wenn man es durchdringt, dann ein höheres Geistiges zeigt. Man möchte sagen: Der Mensch ist in früheren Zeiten nicht nur mit Pflanzen, Steinen, Tieren umgegangen, sondern er ist umgegangen mit den elementarischen Geistern, die in Erde, Wasser, Luft, Feuer und so weiter leben. Indem der Mensch sich selbst verloren hat, hat er auch dieses Erleben der Naturgeister verloren.
[ 4 ] Nun kann nicht ohne weiteres eine Art träumerischen Auflebens dieser Naturgeister im menschlichen Bewußtsein stattfinden, denn das würde zum Aberglauben führen. Es muß eine neue Art, sich zu der Natur zu verhalten, das menschliche Bewußtsein ergreifen. Man muß sich etwa sagen können: Ja, einstmals schauten die Menschen in sich selbst hinein, sie hatten ein lebhaftes Mitfühlen mit dem, was in ihrem eigenen Menschenwesen drinnen ist. Sie lernten dadurch gewisse elementarische Geister kennen. Ältere, innere Erkenntniserlebnisse, welche die Menschen in Bildern aussprachen, die heute noch mit elementarisch-poetischer Kraft auf uns wirken, waren das, was im menschlichen Inneren jene Geistigkeiten raunten, die innerlich zu dem Menschengemüte zu sprechen begannen, wenn der Mensch eben seinen Blick nach innen gewendet hatte.
[ 5 ] Diese Wesenheiten, die eigentlich in den menschlichen Organen ihre Heimat hatten, von denen die eine sozusagen ein Bewohner des menschlichen Gehirnes, eine andere ein Bewohner der menschlichen Lunge, eine andere ein Bewohner des menschlichen Herzens war — denn man nahm ja sein Inneres nicht so wahr, wie es heute der Anatom beschreibt, sondern man nahm es als lebendig wirkende elementarische Wesenheit wahr —, diese geistigen Wesenheiten, sie konnten nun zum Menschen sprechen. Und wenn heute mit der Initiationswissenschaft der Weg zu diesen Wesenheiten gesucht wird, dann bekommt man diesen Wesenheiten gegenüber ein ganz bestimmtes Gefühl, eine ganz bestimmte Empfindung. Man sagt sich: Diese Wesenheiten sprachen einstmals durch das Menscheninnere, durch jeden einzelnen Teil dieses Menscheninneren zu dem Menschen. Sie konnten gewissermaßen nicht aus der menschlichen Haut heraus. Sie bewohnten die Erde, aber sie bewohnten sie in dem Menschen. Sie waren in dem Menschen drinnen und sprachen zu dem Menschen, gaben ihm ihre Erkenntnisse. Die Menschen konnten von dem Erdendasein nur wissen, indem sie erfuhren, was sozusagen innerhalb der menschlichen Haut von diesem Erdendasein zu erfahren ist.
[ 6 ] Nun, mit der Entwickelung der Menschheit zur Freiheit und zur Selbständigkeit haben ja diese Wesenheiten auf Erden ihre Wohnsitze im Menschen verloren. Sie verkörpern sich nicht im menschlichen Fleische und im menschlichen Blute und können daher nicht in der Menschenart die Erde bewohnen. Aber sie sind noch immer im Erdenbereiche da, und sie müssen mit den Menschen zusammen ein gewisses Erdenziel erreichen. Das können sie nur, wenn der Mensch ihnen heute gewissermaßen zurückzahlt, was er ihnen einstmals zu verdanken hatte. Und so sagt man sich eben, wenn man mit der Initiationswissenschaft wiederum den Weg zu der Anschauung dieser Wesen hin geht: Diese Wesenheiten haben einstmals menschliche Erkenntnis gehegt und gepflegt, wir verdanken ihnen vieles von dem, was wir sind, denn sie haben uns durchdrungen in unserem früheren Lebenslauf auf Erden, und wir sind durch sie das geworden, was wir eben geworden sind. Nur haben sie nicht physische Augen noch physische Ohren. Einstmals haben sie mit den Menschen gelebt. Jetzt bewohnen sie nicht mehr den Menschen, aber sie sind im Erdenbereich da. Wir müssen uns gewissermaßen sagen: Sie waren einstmals unsere Erzieher, sie sind jetzt alt geworden, wir müssen ihnen wiederum zurückgeben, was sie uns einst gegeben haben. Das aber können wir nur, wenn wir in der heutigen Entwickelungsphase mit Geist an die Natur herandringen, wenn wir nicht nur dasjenige in den Naturwesen suchen, was die heutige abstrakte Verständigkeit sucht, sondern wenn wir das Bildhafte in den Naturwesen suchen, das, was nicht nur totem Verstandesurteile zugänglich ist, sondern was dem vollen Leben zugänglich ist, was der Empfindung zugänglich ist.
[ 7 ] Wenn wir das in Geistigkeit, das heißt, aus dem Geiste anthroposophischer Weltanschauung heraus suchen, dann kommen diese Wesenheiten wiederum herbei. Sie schauen und hören gewissermaßen zu, wie wir uns selbst anthroposophisch in die Natur vertiefen, und sie haben dann etwas von uns, während sie von der gewöhnlichen physiologischen und anatomischen Erkenntnis nichts haben, sondern furchtbar entbehren müssen. Sie haben nichts von anatomischen Hörsälen und Seziersälen, nichts von chemischen Laboratorien und physikalischen Kabinetten. Gegenüber dem allen haben sie das Gefühl: Ist denn die Erde ganz leer, ist denn die Erde wüst geworden? Leben denn nicht jene Menschen auf Erden noch, denen wir einstmals dasjenige gegeben haben, was wir hatten? Wollen sie uns denn jetzt nicht wiederum hinführen, was sie doch alleine können, zu den Dingen der Natur?
[ 8 ] Damit will ich nur sagen, daß es Wesen gibt, welche heute darauf warten, daß wir uns mit ihnen so vereinigen, wie wir uns mit andern Menschen in einem wirklichen Erkenntnisgefühl vereinigen, damit diese Wesenheiten teilnehmen können an dem, was wir lernen, über die Dinge zu wissen, mit den Dingen zu handeln. Wenn der Mensch heute im gewöhnlichen Sinne Physik oder Chemie studiert, so ist er gegenüber den hegenden und pflegenden Wesen, die ihn einstmals zu dem gemacht haben, was er ist, undankbar. Denn diese Wesenheiten müssen neben alledem, was der Mensch heute in seinem Bewußtsein entfaltet, im Erdenbereich erfrieren. Und dankbar wird die Menschheit erst wiederum diesen Hegern und Pflegern gegenüber, wenn sie sich dazu bequemt, für das, was sie auf der Erde mit Augen sehen, mit Ohren hören, mit Händen greifen kann, wieder den Geist zu suchen. Denn für alles, was geistig die Sinneswahrnehmungen durchdringt, haben diese Wesenheiten die Möglichkeit, es mit dem Menschen mitzuerleben. Durch das, was in bloß materieller Weise erfaßt wird, sind diese Wesenheiten nicht imstande, mit den Menschen zu leben. Sie sind ausgeschlossen davon. Wir Menschen aber können diesen Wesenheiten nur dann den Dank zollen, den wir ihnen schuldig sind, wenn wir wirklich Ernst machen mit demjenigen, was ja im Geiste anthroposophischer Weltauffassung liegt.
[ 9 ] Nehmen wir zum Beispiel an, der heutige Mensch laßt sich einen Fisch auf den Tisch legen, er läßt sich einen Vogel in einen Käfig sperren, und er sieht äußerlich mit seinen Sinnen den Fisch an, er sieht äußerlich mit seinen Sinnen den Vogel an. Aber er ist so egoistisch in seiner Erkenntnis, daß er bei dem stehenbleibt, was unmittelbar daran haftet. Unegoistisch in der Erkenntnis wird man erst, wenn man nicht nur den Fisch im Wasser sieht und den Vogel in der Luft, sondern wenn man es schon der Form des Fisches und der Form des Vogels ansieht, daß der Fisch ein Tier aus dem Wasser und durch das Wasser ist, der Vogel ein Tier aus der Luft und durch die Luft. Man stelle sich einmal vor, daß man ein fließendes Wasser nicht bloß mit dem Verstande des Chemikers betrachtet und sagt: Nun ja, das ist eine chemische Verbindung, H2O, von Wasserstoff und Sauerstoff — sondern daß man das Wasser, wie es nun in der Realität ist, anschaut. Dann findet man vielleicht darinnen Fische; man findet diese Fische so, daß sie eine weiche Leibessubstanz in merkwürdige Atmungsgebilde nach vornehin ausbilden, und daß diese umgibt das wegen des Wassers weichbleibende Knochengerüst mit [samt] einem, ich möchte sagen, zarten Kiefer — einen Kiefer, über den sich die Körpersubstanz hinüberlegt. Diese Körpersubstanz kann einem erscheinen gleichsam unmittelbar hervorgehend aus dem Wasser, allerdings aus dem Wasser, in das die Sonnenstrahlen hineinfallen. Hat man einen Sinn dafür, daß die Sonnenstrahlen (rot) in dieses Wasser hineinfallen, es durchleuchten und erwärmen und der Fisch diesem durchleuchteten und erwärmten Wasser entgegenschwimmt, dann bekommt man ein Gefühl dafür, wie diese durch das Wasser gemilderte Sonnenwärme, wie das durch das Wasser in sich erglänzende Sonnenlicht einem entgegenkommt.
[ 10 ] Indem mir der Fisch sozusagen entgegenschwimmt, er seine Zähne, wenn ich mich so ausdrücken darf, entgegenträgt, aber dieses durchleuchtet-durchwärmte Wasser die weiche Fischkörpersubstanz mit dem Atmungsrhythmus über die Kiefer hinüberlegt, indem der Fisch mit der eigentümlichen Art seiner Kopfbildung mir entgegenhält seine überzogenen Kiefer, fühle ich, wie mir mit diesem Fische das durchleuchtete und durchwärmte Wasser entgegenkommt. Und ich fühle dann, wie auf der andern Seite in der Flossenbildung (blau) etwas anderes tätig ist. Ich lerne dadurch — ich will das heute nur andeuten — allmählich fühlen, wie da in der Schwanzflosse, in den andern Flossen das abgeschwächte Licht ist, das so abgeschwächte Licht, daß es nicht mehr die Körpersubstanz bezwingt zum Weichwerden, wie es da verhärtend wirkt. Ich lerne so allmählich in dem, was mir der Fisch entgegenbringt, in seinem Haupte das Sonnenhafte kennen, ich lerne so in den verhärteten Flossenbildungen das Mondartige erkennen, wie es zurückstrahlt, kurz, ich werde imstande sein, den Fisch hineinzustellen in das ganze Wasserelement.
[ 11 ] Und ich schaue den Vogel an, der nicht die Möglichkeit hat, seinen Kopf im Wasser auszubilden, indem er dem sonnendurchwärmten, sonnendurchleuchteten Wasser entgegenschwimmt, oder mit dem sonnendurchwärmten, sonnendurchleuchteten Wasser schwimmt; den Vogel, der auf die Luft angewiesen ist. Ich lerne kennen das Anstrengende, das nun in seinem Atmen liegt, wo nicht das Wasser, das die Atmung unterstützt, auf Kiemen wirken kann, sondern wo die Atmung zu einer Anstrengung wird. Ich lerne erkennen, wie in anderer Weise das Durchwärmen der Sonne, das Durchleuchten der Sonne in der Luft wirkt, und ich werde gewahr, wie vom Vogelkiefer zurückgedrängt wird die Vogelsubstanz. Ich erkenne, wie es beim Vogel etwa so ist, wie wenn ich alles Fleisch, das an den Zähnen liegt, zurückdrängen würde und der Kiefer nach vorne verhärtet gehen würde. Ich lerne erkennen, warum mir der Vogel seinen Schnabel entgegenstreckt, während mir beim Fisch in zarterer Weise der Kiefer in Körpersubstanz hingehalten ist. Ich lerne erkennen, wie der Vogelkopf ein Geschöpf der Luft ist, aber der Luft eben, die durch die Sonne innerlich erglüht, erleuchtet wird. Ich lerne erkennen, was für ein gewaltiger Unterschied ist zwischen dem durchwärmten und durchleuchteten Wasser, das fischschöpferisch ist, und der durchwärmten und durchleuchteten Luft, die vogelschaffend ist. Ich lerne verstehen, wie durch diesen Unterschied das ganze Element, in dem der Vogel lebt, ein anderes wird; wie die Fischflosse durch das Wasserelement ihre einfache Strahlung bekommt, wie die Vogelfedern ihre Ansätze bekommen dadurch, daß da in einer bestimmten Weise hineinwirkt die Luft, in der Sonnenlicht und Sonnenwärme wirken.
[ 12 ] Wenn ich in dieser Weise von der bloßen groben Anschauung zu einer solchen Auffassung übergehe, daß ich nicht zu faul bin, wenn der Fisch auf den Tisch kommt, das Wasser mitzusehen, und wenn der Vogel im Käfig ist, die Luft mitzusehen, wenn ich mich nicht darauf beschränke, die Luft um den Vogel herum nur dann zu sehen, wenn er in der Luft fliegt, sondern wenn ich seiner Form das Luftbildende anfühle und anschaue, dann belebt sich, dann durchgeistigt sich mir dasjenige, was schon in den Formen lebt. Und ich lerne auf diese Weise unterscheiden, was für ein Unterschied ist im Miterleben in der äußeren Natur zwischen einem Dickhäuter, einem Nilpferd meinetwillen, und einem mit weicher Haut überzogenen Tier, einem Schwein zum Beispiel. Ich lerne erkennen, daß das Nilpferd dazu veranlagt ist, seine Haut mehr dem unmittelbaren Sonnenlichte auszusetzen, das Schwein fortwährend seine Haut zurückzieht vor dem unmittelbaren Sonnenlichte, mehr eine Vorliebe hat für das, was sich dem Sonnenlichte entzieht. Kurz, ich lerne in jedem einzelnen Wesen das Walten der Natur kennen.
[ 13 ] Ich gehe hinaus von den einzelnen Tieren zu den Elementen. Ich verlasse den Pfad des Chemikers, der da sagt, das Wasser besteht aus zwei Atomen Wasserstoff, einem Atom Sauerstoff. Ich verlasse das physikalische Betrachten, das da sagt, die Luft besteht aus Sauerstoff und Stickstoff. Ich gehe zu dem konkreten Anschauen über. Ich sehe das Wasser erfüllt von Fischen. Ich sehe die Verwandtschaft zwischen Wasser und Fisch. Ich sage: Das ist ja doch etwas ganz Ausgefallenes, wenn ich nur das Wasser in seiner Abstraktheit anspreche als Wasserstoff und Sauerstoff. In Wirklichkeit ist das Wasser mit Sonne und Mond zusammen fischschaffend, und durch die Fische spricht die elementare Natur des Wassers zu meiner Seele. Es ist bloß eine Abstraktion, wenn ich die Luft anspreche als ein Gemisch von Sauerstoff und Stickstoff, die durchleuchtete und durchwärmte Luft, die das Fleisch vom Vogelschnabel zurückschiebt und die am Fisch und am Vogel die Atmungsorgane in einer besonderen Art gestaltet. Diese Elemente sprechen mir durch Fisch und Vogel ihre besondere Eigentümlichkeit aus. Denken Sie sich, wie alles innerlich auf diese Weise reich wird, und wie alles innerlich verarmt wird, wenn man nur auf materielle Art von der Natur, die uns umgibt, spricht.
[ 14 ] Ja, sehen Sie, zu dem, was ich jetzt eben beschrieben habe, gibt überall Veranlassung dasjenige, was uns in anthroposophischer Geisteswissenschaft entgegentritt. Denn das, was uns in anthroposophischer Geisteswissenschaft entgegentritt, will nicht in derselben Weise hingenommen werden wie die Zivilisationsprodukte der Gegenwart, sondern es will Anregung sein zu einem besonderen Anschauen der Welt.
[ 15 ] Wenn man das fühlen würde, was ich eben jetzt habe charakterisieren wollen, dann würde ein Zusammenschluß von Menschen in einer solchen Gesellschaft, wie die Anthroposophische es ist, diese Gesellschaft zu einer Realität machen. Denn dann würde sich mit einem gewissen Recht jeder sagen, der zu dieser Anthroposophischen Gesellschaft gehört: Ich bin ein Dankbarer gegenüber den Elementarwesen, die einstmals in meiner Menschenwesenheit gewirkt haben und mich eigentlich zu dem gemacht haben, was ich heute bin, die einstmals innerhalb meiner Haut gewohnt haben und zu mir durch meine Organe gesprochen haben. Sie haben jetzt die Möglichkeit verloren, durch meine Organe zu mir zu sprechen. Wenn ich aber in dieser Weise einem jeglichen Ding der Welt ansehe, wie es herausgestaltet ist aus der ganzen Natur, wenn ich die Schilderungen, die mir in Anthroposophie gegeben werden, ernst nehme, dann spreche ich in meiner Seele eine Sprache, die diese Wesenheiten wieder verstehen. Ich werde ein Dankbarer gegenüber diesen geistigen Wesenheiten.
[ 16 ] Das ist gemeint, wenn gesagt wird: In der Anthroposophischen Gesellschaft soll nicht bloß vom Geist im allgemeinen gesprochen werden — das tut auch der Pantheist —, sondern in der Anthroposophischen Gesellschaft soll man sich bewußt sein, mit dem Geiste wieder leben zu können. Dann würde ja ganz von selbst in die Anthroposophische Gesellschaft einziehen dieses Im-Geist-Leben auch wiederum mit andern Menschen. Man würde sagen: Die Anthroposophische Gesellschaft ist dazu da, um unseren Hegern und Pflegern aus alten Zeiten zurückzuzahlen, was sie an uns getan haben, und man würde gewahr werden die Realität des innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft waltenden Geistes. Und von den alten Gefühlen und den alten Empfindungen, die heute noch traditionell unter den Menschen leben, würde vieles verschwinden, und es würde sich ein reales Gefühl entwickeln von einer ganz bestimmten Aufgabe der Anthroposophischen Gesellschaft. Und alles, was sich sonst ausbildet, würde jetzt erst seinen wahren Sinn erhalten.
[ 17 ] Gewiß, wir dürfen mit einer gewissen inneren Befriedigung sagen: Ja, hier an diesem Bau, der nunmehr ein so trauriges Ende gefunden hat, haben während der Kriegszeit, als sich die Völker Europas befehdet haben, siebzehn Nationen zusammen gearbeitet. Aber dasjenige, was als Anthroposophische Gesellschaft real ist, das entsteht erst, wenn die verschiedenen Nationalitäten abstreifen, was ihnen im engen Rahmen der Nationalität anhaftet, und wenn für sie der anthroposophische Zusammenhalt ein realer wird; wenn das als etwas Reales empfunden wird, was man abstrakt anstrebt mit dem Zusammenschluß in der Anthroposophischen Gesellschaft. Dazu sind aber ganz bestimmte Vorbereitungen notwendig.
[ 18 ] Es ist ein in einem gewissen Sinne berechtigter Vorwurf, den die Außenwelt den Anthroposophen macht, daß ja in der anthroposophischen Bewegung viel gesprochen wird vom geistigen Vorwärtskommen, daß man aber wenig sehe von diesem geistigen Vorwärtskommen der einzelnen Anthroposophen. Dieses Vorwärtskommen wäre durchaus möglich. Das richtige Lesen jedes einzelnen Buches gibt die Möglichkeit eines wirklichen Vorwärtskommens in geistiger Beziehung. Aber dazu ist nötig, daß diejenigen Dinge, von denen gestern gesprochen worden ist, wirklich real werden, ernsthaft genommen werden: daß der physische Leib in richtiger Weise konstituiert wird durch die Wahrhaftigkeit, der ätherische Leib durch den Schönheitssinn, der astralische Leib durch den Sinn für Güte.
[ 19 ] Wenn wir zunächst sprechen von der Wahrhaftigkeit — diese Wahrhaftigkeit sollte sozusagen die große Vorbereiterin sein für alle, die nun wirklich anstreben, in einer Anthroposophischen Gesellschaft sich zusammenzuschließen. Wahrhaftigkeit muß zuerst im Leben erworben werden, und Wahrhaftigkeit muß etwas anderes werden für diejenigen, die dankbar werden wollen ihren Hegern und Pflegern aus alten Zeiten, als sie ist für solche, die nichts wissen und nichts wissen wollen von einem solchen Verhältnis zu den einstigen Hegern und Pflegern der Menschheit.
[ 20 ] Diejenigen Menschen, die davon nichts wissen wollen, mögen nach ihren Vorurteilen auch die Tatsachen meistern, sie mögen, wenn ihnen etwas recht ist, sagen, es sei so oder so geschehen, sie mögen, wenn es ihnen gerade paßt, daß dieser Mensch so oder so geartet ist, sagen, er sei so oder so geartet. Wer aber innere Wahrhaftigkeit in sich ausbilden will, der darf niemals weiter gehen, als die Tatsachen der äußeren Welt zu ihm sprechen. Und er müßte eigentlich, strenge genommen, immer darauf bedacht sein, sorgfältig seine Worte so zu formulieren, daß er in bezug auf die äußere Welt nur den konstatierten Tatbestand gibt.
[ 21 ] Denken Sie nur einmal, wie es in der heutigen Welt Sitte ist, dasjenige, was einem gefällt, irgendwie vorauszusetzen, und dazu anzunehmen, daß es so sei. Anthroposophen müßten sich angewöhnen, streng auszusondern von dem reinen Tatsachenverlauf alle ihre Vorurteile und nur zu schildern den reinen Tatsachenverlauf. Dadurch würden Anthroposophen von selbst zu einer Art von korrigierenden Wesen werden gegenüber dem, was sonst heute Sitte ist.
[ 22 ] Denken Sie nur, was wird uns alles heute durch die Zeitungen berichtet. Die Zeitungen fühlen sich verpflichtet, alles zu berichten, gleichgültig ob irgendwie konstatiert werden kann, daß es so sei oder nicht so sei. Und dann spürt man oftmals, wenn irgend jemand etwas erzählt, wie die Bemühung fehlt, daraufzukommen, wie das konstatiert worden ist seiner Tatsächlichkeit nach. Dann hört man oftmals das Urteil: Ja, warum sollte das denn nicht so sein können? — Ganz gewiß, wenn man so an die Welt herangeht, daß man von irgend etwas, das behauptet wird, sagt: warum sollte denn das nicht sein können? — dann kann man nicht zu einer inneren Wahrhaftigkeit kommen. Denn was wir an uns erziehen im Anschauen der äußeren Sinneswelt, das muß gerade unter Anthroposophen so gestaltet werden, daß man streng stehenbleibt bei dem Konstatieren desjenigen, was in der äußeren Sinneswelt einem vor Augen getreten ist. Eine sehr merkwürdige Folge würde ja allerdings die Verfolgung eines solchen Zieles in der heutigen zivilisierten Welt haben. Wenn es durch irgendein Wunder geschehen könnte, daß viele Menschen dazu gezwungen würden, nur so ihre Worte zu prägen, wie es genau den Tatsachen entspricht, dann würde ein weitverbreitetes Verstummen entstehen. Denn das meiste, was heute geredet wird, entspricht eben nicht den konstatierten Tatsachen, sondern wird aus allerlei Meinungen, aus allerlei Leidenschaften heraus gesprochen.
[ 23 ] Nun aber ist die Sache so, daß alles, was wir zu den äußeren Sinnesbedingungen hinzutun, und was nicht dem reinen bloßen Tatsachenverlauf entspricht — wenn wir es in Vorstellungen wiedergeben —, in uns die Fähigkeit der höheren Erkenntnis auslöscht.
[ 24 ] Es ist einmal geschehen, daß in einem Kolleg, worin juristische Studenten gesessen haben, genau vorbereitet worden ist eine kleine Handlung, die vor etwa zwanzig Menschen ausgeführt wurde. Dann hat man diese zwanzig Menschen niederschreiben lassen, was sie gesehen haben. Natürlich wußte man ganz genau, was da getan worden war, denn jede Einzelheit war einstudiert gewesen. Zwanzig Leute sollten das hinterher aufschreiben, drei haben es halbwegs richtig aufgeschrieben, siebzehn falsch. Und das war in einem juristischen Kolleg, wo es wenigstens dazu gekommen ist, daß dreie einen Tatbestand richtig anschauten! Wenn man zwanzig Menschen heute hintereinander irgend etwas, was sie gesehen haben wollen, schildern hört, so entspricht meistens das, was sie schildern, nicht im geringsten den Tatsachen. Ich will ganz absehen davon, wenn im Menschenleben außerordentliche Momente eintreten. Da ist es ja vorgekommen unter dem Kriegsfieber, daß einer den Abendstern, der durch eine Wolke geschimmert hat, für einen fremden Flieger angesehen hat. Gewiß, solche Dinge können in der Aufregung vorkommen. Aber sie sind dann die Verirrungen im Großen. Im alltäglichen Leben in bezug auf das Kleine sind sie fortwährend vorhanden.
[ 25 ] Aber wenn man vom Werden des anthroposophischen Lebens spricht, dann hängt das davon ab, daß dieser Tatsachensinn wirklich in die Menschen einziehe, daß sie sich sozusagen ausbilden dafür, diesen Tatsachensinn allmählich zu haben, damit sie, wenn sie die äußere Tat ihrer Tatsächlichkeit nach sehen, nicht Gespenster malen, wenn sie sie nachher schildern. Man braucht ja heute nur Zeitungen zu lesen. Nicht wahr, die Gespenster sind abgeschafft, aber was einem in den Zeitungen als sichere Nachrichten erzählt wird, sind ja lauter Gespenster in Wirklichkeit, Gespenster übelster Sorte. Und was die Leute erzählen, sind oftmals ebenso Gespenster. Darauf kommt es an, daß sozusagen das Elementarste zum Aufsteigen in die höheren Welten dieses ist: daß man sich zuerst den reinen Tatsachensinn für die sinnliche Welt aneignet. Dadurch erst kommt man zu dem, was ich gestern charakterisiert habe als Wahrhaftigkeit.
[ 26 ] Und zu einem wirklichen Schönheitsgefühl, das ich gestern in seiner Lebendigkeit zu schildern versuchte, kommt man nicht anders, als wenn man den Anfang damit macht, den Dingen doch etwas anzusehen, also dem Vogel anzusehen, warum er einen Schnabel hat, dem Fisch anzusehen, warum er dieses eigentümliche Stanitzerl nach vorne hat, in dem sich ein zarter Kiefer verbirgt und so weiter. Wirklich lernen, mit den Dingen zu leben, das gibt erst den Schönheitssinn.
[ 27 ] Und eine geistige Wahrheit ist ohne ein gewisses Maß von Güte, von Sinn für Güte, überhaupt nicht zu erreichen. Denn der Mensch muß die Fähigkeit haben, für den andern Menschen Interesse, Hingebung zu haben: das, was ich gestern so charakterisiert habe, daß eigentlich die Moral erst damit beginnt, wenn man in seinem astralischen Leibe die Sorgenfalten des andern selber als eine astralische Sorgenfalte ausbildet. Da beginnt die Moral, sonst wird die Moral nur Nachahmung von konventionellen Vorschriften oder Gewöhnungen sein. Was ich in meiner «Philosophie der Freiheit» als moralische Tat geschildert habe, das hängt zusammen mit diesem Miterleben im eigenen astralischen Leibe der Sorgenfalte oder der Falten, welche durch das Lächeln des andern entstehen und so weiter. Ohne daß im menschlichen Zusammenleben dieses Untertauchen der Seele des einen in dem Wesen des andern stattfindet, kann nicht der Sinn für das wirklich reale Leben von Geistigkeit sich ausbilden.
[ 28 ] Daher wäre es eine besonders gute Grundlage für das Ausbilden von Geistigkeit, wenn es eine Anthroposophische Gesellschaft gäbe, die eine Realität ist, wo jeder dem andern so gegenübertritt, daß er in ihm den mit ihm gemeinsam der Anthroposophie ergebenen Menschen wirklich erlebt; wenn nicht hineingetragen würden in die Anthroposophische Gesellschaft die heutigen allzumenschlichen Gefühle und Empfindungen. Wenn die Anthroposophische Gesellschaft wirklich eine Neubildung wäre, in der als das Allererste gilt: Der andere ist eben Mit-Anthroposoph — dann würde die Anthroposophische Gesellschaft als eine Realität geschaffen werden. Dann würde es zum Beispiel unmöglich sein, daß innerhalb dieser Gesellschaft wiederum Cliquenbildungen und dergleichen auftreten, daß oftmals sogar jene Versuchung auftritt, daß das Antipathischsein von Menschen deshalb, weil ihnen die Nase so oder so gewachsen ist — was ja im äußeren Leben heute überhaupt Sitte ist —, in einem noch höheren Maße hineingetragen wird. Es würden tatsächlich die Beziehungen der Menschen zueinander dann gegründet werden können auf das, was sie gegenseitig an sich geistig erleben. Aber damit müßte eben der Anfang gemacht werden durch ein wirkliches Ausbilden des Sinnes für Wahrhaftigkeit gegenüber den Tatsachen, was im Grunde genommen einerlei ist mit der Genauigkeit, mit der Verantwortlichkeit und Pflege für exakte und genaue Wiedergabe desjenigen, was man einem andern mitteilt oder was man überhaupt sagt.
[ 29 ] Dieser Sinn für Wahrhaftigkeit ist das eine. Und der Sinn für das Drinnenstehen eines jeden Wesens in der ganzen Welt, für das Fühlen des Wassers mit dem Fisch, der Luft mit dem Vogel, was sich dann überträgt auf den Sinn für das Verständnis des andern Menschen, das müßte das zweite sein. Und der Sinn für Güte, für dieses Miterleben all dessen, was den andern interessiert, was in der Seele des andern lebt, das müßte als das dritte walten. Dann würde die Anthroposophische Gesellschaft eine Stätte werden, in der angestrebt wird, physische Leiblichkeit, ätherische Leiblichkeit, astralische Leiblichkeit allmählich ihren Zielen und ihrem Wesen gemäß auszubilden. Dann würde ein Anfang mit dem gemacht werden, was eben von mir immer wieder und wiederum dadurch charakterisiert werden muß, daß ich sage: Die Anthroposophische Gesellschaft sollte nicht irgend etwas sein, was Karten gibt, worauf Namen stehen, und wo man bloß eingeschrieben ist, wo man die so und sovielte Nummer hat auf seiner Mitgliedskarte, sondern die Anthroposophische Gesellschaft sollte etwas sein, was von einer gemeinschaftlichen Geistigkeit wirklich durchdrungen ist, von einer Geistigkeit, die wenigstens die Anlage hat, immer stärker zu werden, immer mehr und mehr zu werden als die andern Geistigkeiten, so daß es zuletzt so würde, daß es für den Menschen mehr Bedeutung hätte, sich in der anthroposophischen Geistigkeit zu fühlen als in der russischen oder in der englischen oder in der deutschen Geistigkeit. Dann erst ist das Gemeinsame wirklich da.
[ 30 ] Heute betrachtet man das historische Moment noch nicht als ein Wesentliches. Aber es ist den Menschen der neueren Zeit aufgegeben, ein Gefühl dafür zu haben, in der Geschichte zu leben und zu wissen, daß jetzt mit dem christlichen Prinzip der allgemeinen Menschlichkeit ernst gemacht werden muß, denn sonst verliert die Erde ihr Ziel und ihre innere Bedeutung. Man kann zuerst ausgehen von dem, daß einstmals elementarische geistige Wesen da waren, die unsere Menschheit gehegt und gepflegt haben, an die wir uns zurückerinnern sollten in Dankbarkeit; daß diese Wesenheiten in den letzten Jahrhunderten innerhalb der zivilisierten Welt Europas und Amerikas verloren haben ihren Zusammenhang mit dem Menschen; daß der Mensch lernen muß wiederum die Dankbarkeit gegenüber der geistigen Welt. Dann erst wird man auch zu richtigen sozialen Zuständen auf der Erde kommen, wenn man zu den Wesen der geistigen Welt jene starke Dankbarkeit und jene starke Liebe entwickelt, die vorhanden sein können, wenn man diese Wesenheiten als etwas Konkretes wirklich kennenlernt. Dann wird auch das Fühlen von Mensch zu Mensch ein ganz anderes werden, als es sich herausgebildet hat von älteren Zusammenhängen her, durch die Zeiten, die in den letzten Jahrhunderten abgelaufen sind, zu den neueren Zuständen, wo der Mensch jeden andern Menschen eigentlich mehr oder weniger als etwas Fremdes empfindet und nur sich selber vor allen Dingen wichtig nimmt, trotzdem er sich ja gar nicht kennt, trotzdem er eigentlich nur sagen kann, wenn er es sich auch natürlich nicht gesteht: Ach, ich habe eigentlich mich am allerliebsten. — Man kann fragen: Nun, was hast du denn da am allerliebsten? — Ja, das muß mir erst der Naturforscher sagen, oder der Arzt erklären, was das eigentlich ist, was ich da am allerliebsten habe! — Aber der Mensch ist unbewußt gefühlsmäfig eigentlich nur in sich selber lebend.
[ 31 ] Das ist das Gegenteil von dem, was eine Anthroposophische Gesellschaft geben kann. Es muß zunächst eingesehen werden, daß der Mensch aus sich herauskommen muß, daß den Menschen, mindestens zu einem Teil, die andern mit ihren Eigentümlichkeiten ebenso interessieren müssen, wie seine eigenen Eigentümlichkeiten ihn interessieren. Wenn das nicht der Fall ist, kann eine Anthroposophische Gesellschaft nicht bestehen. Man kann Mitglieder aufnehmen, die können ja, weil man dann Regeln festsetzt, eine Weile bestehen, aber eine Realität ist das nicht. Realitäten entstehen nicht dadurch, daß man Mitglieder aufnimmt und diese Mitglieder nun Karten haben, durch die sie Anthroposophen sind. Realitäten entstehen überhaupt niemals durch das, was man schreibt oder druckt, sondern Realitäten entstehen durch dasjenige, was lebt. Und es kann das Geschriebene oder Gedruckte eben nur ein Ausdruck des Lebens sein. Ist es ein Ausdruck des Lebens, dann ist eine Realität vorhanden. Ist aber das Geschriebene und Gedruckte nur Geschriebenes und Gedrucktes, das konventionell in seiner Bedeutung festgestellt wird, dann ist es Kadaver. Denn in dem Momente, wo ich irgend etwas niederschreibe, mausere ich meine Gedanken. Sie wissen, was «mausern» heißt; wenn der Vogel seine Federn abwirft, da wird das Tote abgeworfen. Solch ein Mausern ist es, wenn ich irgend etwas aufschreibe. Heute, da streben eigentlich die Leute nur noch nach Mausern der Gedanken: sie wollen alles in Aufgeschriebenes verwandeln. Aber so einem Vogel würde es furchtbar schwer, wenn er sich eben gemausert hätte, sich gleich wieder zu mausern. Wenn irgend jemand anstreben wollte, daß ein Kanarienvogel, der sich eben gemausert hat, gleich wieder sich mausert, dann müßte er die Federn dazu nachmachen. Ja, aber so ist es heute! Weil die Leute überhaupt alles nur im toten Mauserungsprodukt haben wollen, so haben wir es eigentlich nur noch mit nachgemachten Realitäten, nicht mehr mit wirklichen Realitäten zu tun. Und meistens sind es nachgemachte Realitäten, was die Menschen von sich geben. Es ist zum Verzweifeln, wenn man das mißt an dem, was eine wirkliche Realität ist; wenn man sieht, wie gar nicht eigentlich mehr die Menschen sprechen. Es spricht ja nicht mehr der Mensch. Es spricht, nun ja, der Herr Regierungsrat oder der Herr Rechtsanwalt, es sprechen abstrakte Kategorien. Es spricht das Fräulein oder der Holländer oder der Russe. Aber was wir anstreben müssen, ist, daß nicht der Herr Hofrat, nicht der Herr Regierungsrat, nicht der Russe, nicht der Deutsche, nicht der Franzose und nicht der Engländer sprechen, sondern daß der Mensch spricht. Aber der Mensch muß doch erst wirklich da sein. Er wird aber nicht Mensch, wenn er nur sich selbst kennt. Denn das ist das Eigentümliche: Ebensowenig wie man die Luft, die man selbst erzeugt, atmen kann, ebensowenig kann man den Menschen, den man nur selber in sich ausfüllt, den man in sich selber fühlt, leben. Atmen Sie die Luft, die Sie selber in sich erzeugen! Das können Sie nicht. Aber Sie können auch den Menschen in Wirklichkeit nicht leben, den Sie selber in sich erzeugen. Sie müssen im sozialen Leben leben durch das, was die andern Menschen sind, was Sie mit den andern Menschen miterleben. Das ist wahres Menschentum, das ist wahres menschliches Leben. Das leben wollen, was man nur in sich selbst erzeugt, würde dasselbe bedeuten, wie wenn man sich entschließen wollte, statt daß man die äußere Luft in sich aufnimmt, nun in ein Gefäß hineinzuatmen, um wiederum dieselbe Luft zu atmen, die man selber als Atemluft erzeugt hat. Da würde man, weil das Physische unbarmherziger ist als das Geistige, sehr bald ersterben. Aber wenn man fortwährend nur an demselben herumatmet, was man als Mensch selber erlebt, dann erstirbt man auch, nur weiß man nicht, daß man seelisch oder wenigstens geistig gestorben ist.
[ 32 ] Und es handelt sich darum, daß erst wirklich durch die Anthroposophische Gesellschaft oder Bewegung vollzogen wird das, was ich neulich charakterisiert habe mit den Worten aus dem Weihnachtsspiel: «Stichl, steh auf!» Ich habe es in einem der letzten Vorträge charakterisiert, daß dieses anthroposophische Leben ein Erwecken sein soll, ein Erwachen. Es muß aber zu gleicher Zeit ein fortwährendes Vermeiden des Seelentodes sein, ein fortwährender Appell an die Lebendigkeit des seelischen Lebens. Auf diese Art würde die Anthroposophische Gesellschaft von selbst durch die innere Kraft des geistig-seelischen Lebens eine Realität sein.
