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Living Knowledge of Nature,
Intellectual Fall from Grace
and Spiritual Elevation from Sin
GA 220

27 January 1923, Dornach

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Elfter Vortrag

Elfter Vortrag

[ 1 ] Das mittelalterliche Geistesleben, in dem das neuzeitliche seinen Ursprung genommen hat, ist für Europa im wesentlichen in dem enthalten, was man die Scholastik nennt, die Scholastik, von der ich ja auch hier schon wiederholt gesprochen habe. Nun gab es in der Hochblüte der Scholastik zwei Richtungen, die man unterscheidet, indem man die eine bezeichnet als Realismus und die andere als Nominalismus.

[ 1 ] Das mittelalterliche Geistesleben, in dem das neuzeitliche seinen Ursprung genommen hat, ist für Europa im wesentlichen in dem enthalten, was man die Scholastik nennt, die Scholastik, von der ich ja auch hier schon wiederholt gesprochen habe. Nun gab es in der Hochblüte der Scholastik zwei Richtungen, die man unterscheidet, indem man die eine bezeichnet als Realismus und die andere als Nominalismus.

[ 2 ] Wenn man die Bedeutung des Wortes Realismus nimmt, so wie man es heute oftmals versteht, so kommt man nicht gleich auf dasjenige, was mit dem mittelalterlichen scholastischen Realismus gemeint ist. Dieser Realismus trug seinen Namen nicht aus dem Grunde, weil er etwa bloß das äußerlich-sinnliche Reale gelten ließ und alles andere für Schein hielt, sondern ganz im Gegenteil. Dieser mittelalterliche Realismus hatte diese Bezeichnung, weil er die Begriffe, die sich der Mensch von den Dingen und Vorgängen in der Welt machte, für etwas Reales hielt, wahrend der Nominalismus diese Begriffe bloß für Namen hielt, die eigentlich nichts Reales bedeuten.

[ 2 ] Wenn man die Bedeutung des Wortes Realismus nimmt, so wie man es heute oftmals versteht, so kommt man nicht gleich auf dasjenige, was mit dem mittelalterlichen scholastischen Realismus gemeint ist. Dieser Realismus trug seinen Namen nicht aus dem Grunde, weil er etwa bloß das äußerlich-sinnliche Reale gelten ließ und alles andere für Schein hielt, sondern ganz im Gegenteil. Dieser mittelalterliche Realismus hatte diese Bezeichnung, weil er die Begriffe, die sich der Mensch von den Dingen und Vorgängen in der Welt machte, für etwas Reales hielt, wahrend der Nominalismus diese Begriffe bloß für Namen hielt, die eigentlich nichts Reales bedeuten.

[ 3 ] Machen wir uns diesen Unterschied einmal klar. Ich habe in früheren Zeiten mit einer Ausführung meines alten Freundes Vincenz Knauer auf die Anschauung des Realismus hingewiesen. Derjenige, der nur das Äußerlich-Sinnliche gelten läßt, das, was als Materielles in der Welt gefunden werden kann, wird nicht zurechtkommen damit, so meinte Vincenz Knauer, sich vorzustellen, wie es eigentlich mit einem Wolf wird, wenn er abgesperrt wird und lange Zeit nur Lammfleisch zu fressen bekommt. Da wird ja nach einer angemessenen Zeit der Wolf, nachdem er seine alte Materie ausgetauscht hat, der Materie nach nur aus Lammfleisch bestehen, und man müßte eigentlich dann erwarten, wenn der Wolf nur in seiner Materie bestünde, daß er ganz ein Lamm würde. Man wird das aber nicht erleben, sondern er bleibt eben ein Wolf. Das heißt, es kommt auf das Materielle nicht an, es kommt auf die Gestaltung an, die dasselbe Materielle einmal im Lamm, das andere Mal in dem Wolf hat. Aber wir Menschen kommen zu dem Unterschiede zwischen dem Lamm und dem Wolf eben dadurch, daß wir uns von dem Lamm einen Begriff, eine Idee machen, und auch von dem Wolf einen Begriff, eine Idee machen.

[ 3 ] Machen wir uns diesen Unterschied einmal klar. Ich habe in früheren Zeiten mit einer Ausführung meines alten Freundes Vincenz Knauer auf die Anschauung des Realismus hingewiesen. Derjenige, der nur das Äußerlich-Sinnliche gelten läßt, das, was als Materielles in der Welt gefunden werden kann, wird nicht zurechtkommen damit, so meinte Vincenz Knauer, sich vorzustellen, wie es eigentlich mit einem Wolf wird, wenn er abgesperrt wird und lange Zeit nur Lammfleisch zu fressen bekommt. Da wird ja nach einer angemessenen Zeit der Wolf, nachdem er seine alte Materie ausgetauscht hat, der Materie nach nur aus Lammfleisch bestehen, und man müßte eigentlich dann erwarten, wenn der Wolf nur in seiner Materie bestünde, daß er ganz ein Lamm würde. Man wird das aber nicht erleben, sondern er bleibt eben ein Wolf. Das heißt, es kommt auf das Materielle nicht an, es kommt auf die Gestaltung an, die dasselbe Materielle einmal im Lamm, das andere Mal in dem Wolf hat. Aber wir Menschen kommen zu dem Unterschiede zwischen dem Lamm und dem Wolf eben dadurch, daß wir uns von dem Lamm einen Begriff, eine Idee machen, und auch von dem Wolf einen Begriff, eine Idee machen.

[ 4 ] Wenn aber einer sagt: Begriffe und Ideen, die sind nichts, das Materielle ist allein etwas, dann unterscheidet sich das Materielle, das ganz aus dem Lamm hinübergegangen ist in den Wolf, beim Lamm und beim Wolf nicht; wenn der Begriff nichts ist, so muß der Wolf ein Lamm werden, wenn er immer nur Lammfleisch frißt. Daraus bildete dann Vincenz Knauer, der im mittelalterlich-scholastischen Sinne Realist war, eben die Anschauung heraus: Es kommt auf die Form an, in der die Materie angeordnet ist, und diese Form ist eben der Begriff, die Idee. Und solcher Ansicht waren die mittelalterlich-scholastischen Realisten. Sie sagten: Die Begriffe, die Ideen sind etwas Reales. Deshalb nannten sie sich Realisten. Dagegen waren die Nominalisten ihre radikalen Gegner. Die sagten: Es gibt nichts anderes als das äußerlich-sinnlich Wirkliche. Begriffe und Ideen sind bloße Namen, durch die wir die äußerlichsinnlichen wirklichen Dinge zusammenfassen. — Man kann sagen, wenn man den Nominalismus nimmt und dann den Realismus, so wie man ihn zum Beispiel bei Thomas Aguinas oder bei andern Scholastikern findet, und wenn man diese beiden geistigen Strömungen so ganz abstrakt hinstellt, dann hat man nicht viel von dem Unterschiede. Man kann sagen: Es sind zwei verschiedene menschliche Anschauungen.

[ 4 ] Wenn aber einer sagt: Begriffe und Ideen, die sind nichts, das Materielle ist allein etwas, dann unterscheidet sich das Materielle, das ganz aus dem Lamm hinübergegangen ist in den Wolf, beim Lamm und beim Wolf nicht; wenn der Begriff nichts ist, so muß der Wolf ein Lamm werden, wenn er immer nur Lammfleisch frißt. Daraus bildete dann Vincenz Knauer, der im mittelalterlich-scholastischen Sinne Realist war, eben die Anschauung heraus: Es kommt auf die Form an, in der die Materie angeordnet ist, und diese Form ist eben der Begriff, die Idee. Und solcher Ansicht waren die mittelalterlich-scholastischen Realisten. Sie sagten: Die Begriffe, die Ideen sind etwas Reales. Deshalb nannten sie sich Realisten. Dagegen waren die Nominalisten ihre radikalen Gegner. Die sagten: Es gibt nichts anderes als das äußerlich-sinnlich Wirkliche. Begriffe und Ideen sind bloße Namen, durch die wir die äußerlichsinnlichen wirklichen Dinge zusammenfassen. — Man kann sagen, wenn man den Nominalismus nimmt und dann den Realismus, so wie man ihn zum Beispiel bei Thomas Aguinas oder bei andern Scholastikern findet, und wenn man diese beiden geistigen Strömungen so ganz abstrakt hinstellt, dann hat man nicht viel von dem Unterschiede. Man kann sagen: Es sind zwei verschiedene menschliche Anschauungen.

[ 5 ] In der heutigen Zeit ist man mit solchen Dingen zufrieden, weil man sich nicht besonders echauffiert für das, was in solchen geistigen Richtungen zum Ausdruck kommt. Aber es liegt ein ganz Wichtiges darinnen. Nehmen wir einmal die Realisten, die sagten: Ideen, Begriffe, Formen also, in denen das Sinnlich-Materielle angeordnet ist, sind Wirklichkeiten, — so waren für die Scholastiker diese Ideen und Begriffe allerdings schon Abstraktionen, aber sie nannten diese Abstraktionen ein Reales, weil diese ihre Abstraktionen die Abkömmlinge waren von früheren, viel konkreteren, wesentlicheren Anschauungen. In früherer Zeit sahen die Menschen nicht bloß auf den Begriff Wolf, sondern auf die reale, in der geistigen Welt vorhandene Gruppenseele Wolf. Das war eine reale Wesenheit. Diese reale Wesenheit einer früheren Zeit hatte sich bei den Scholastikern verflüchtigt zu dem abstrakten Begriff. Aber immerhin hatten die realistischen Scholastiker eben noch das Gefühl, im Begriff ist nicht ein Nichts enthalten, sondern es ist ein Reales enthalten.

[ 5 ] In der heutigen Zeit ist man mit solchen Dingen zufrieden, weil man sich nicht besonders echauffiert für das, was in solchen geistigen Richtungen zum Ausdruck kommt. Aber es liegt ein ganz Wichtiges darinnen. Nehmen wir einmal die Realisten, die sagten: Ideen, Begriffe, Formen also, in denen das Sinnlich-Materielle angeordnet ist, sind Wirklichkeiten, — so waren für die Scholastiker diese Ideen und Begriffe allerdings schon Abstraktionen, aber sie nannten diese Abstraktionen ein Reales, weil diese ihre Abstraktionen die Abkömmlinge waren von früheren, viel konkreteren, wesentlicheren Anschauungen. In früherer Zeit sahen die Menschen nicht bloß auf den Begriff Wolf, sondern auf die reale, in der geistigen Welt vorhandene Gruppenseele Wolf. Das war eine reale Wesenheit. Diese reale Wesenheit einer früheren Zeit hatte sich bei den Scholastikern verflüchtigt zu dem abstrakten Begriff. Aber immerhin hatten die realistischen Scholastiker eben noch das Gefühl, im Begriff ist nicht ein Nichts enthalten, sondern es ist ein Reales enthalten.

[ 6 ] Dieses Reale war allerdings der Nachkomme früherer ganz realer Wesenheiten, aber man spürte noch die Nachkommenschaft, geradeso wie die Ideen bei Platon — die ja wieder viel lebensvoller, wesenhafter sind als die mittelalterlichen scholastischen Ideen — Nachkommen waren der alten, persischen Erzengelwesen, die als Amshaspands wirkten und lebten im Universum. Das waren sehr reale Wesenheiten. Bei Platon waren sie schon vernebelt und bei den mittelalterlichen Scholastikern verabstrahiert. Das war ein letztes Stadium, zu dem altes Hellsehen gekommen war. Gewiß, die mittelalterliche realistische Scholastik beruhte nicht mehr auf einem Hellsehen, aber dasjenige, was sie sich traditionell bewahrt . hatte als ihre realen Begriffe und Ideen, die überall in den Steinen, in den Pflanzen, in den Tieren, in den physischen Menschen lebten, wurden noch als ein Geistiges, wenn auch eben als ein sehr dünnflüssiges Geistiges angesehen. Die Nominalisten waren nun schon, weil ja die Zeit der Abstraktion, des Intellektualismus herannahte, gewahr geworden, daß sie nicht mehr fähig waren, mit der Idee, mit dem Begriff ein Wirkliches zu verbinden. Ein bloßer Name zur Bequemlichkeit der menschlichen Zusammenfassung war ihnen Begriff und Idee.

[ 6 ] Dieses Reale war allerdings der Nachkomme früherer ganz realer Wesenheiten, aber man spürte noch die Nachkommenschaft, geradeso wie die Ideen bei Platon — die ja wieder viel lebensvoller, wesenhafter sind als die mittelalterlichen scholastischen Ideen — Nachkommen waren der alten, persischen Erzengelwesen, die als Amshaspands wirkten und lebten im Universum. Das waren sehr reale Wesenheiten. Bei Platon waren sie schon vernebelt und bei den mittelalterlichen Scholastikern verabstrahiert. Das war ein letztes Stadium, zu dem altes Hellsehen gekommen war. Gewiß, die mittelalterliche realistische Scholastik beruhte nicht mehr auf einem Hellsehen, aber dasjenige, was sie sich traditionell bewahrt . hatte als ihre realen Begriffe und Ideen, die überall in den Steinen, in den Pflanzen, in den Tieren, in den physischen Menschen lebten, wurden noch als ein Geistiges, wenn auch eben als ein sehr dünnflüssiges Geistiges angesehen. Die Nominalisten waren nun schon, weil ja die Zeit der Abstraktion, des Intellektualismus herannahte, gewahr geworden, daß sie nicht mehr fähig waren, mit der Idee, mit dem Begriff ein Wirkliches zu verbinden. Ein bloßer Name zur Bequemlichkeit der menschlichen Zusammenfassung war ihnen Begriff und Idee.

[ 7 ] Der mittelalterlich-scholastische Realismus etwa eines Thomas Aquinas hat in der neueren Weltanschauung keine Fortsetzung gefunden, denn Begriffe und Ideen gelten den Menschen heute nicht mehr als etwas Reales. Würde man die Menschen fragen, ob ihnen Begriffe und Ideen als etwas Reales gelten, dann könnte man ja erst eine Antwort erhalten, wenn man die Frage etwas umwandelte, wenn man zum Beispiel einen so richtig in der modernen Bildung drinnensteckenden Menschen fragte: Wärst du zufrieden, wenn du nach deinem Tode bloß als Begriff, als Idee weiterleben würdest? — Da würde er sich höchst unreal vorkommen nach dem Tode. Das war noch nicht ganz so der Fall bei den realistischen Scholastikern. Bei denen war schon Begriff und Idee noch so weit real, daß sie sich gewissermaßen nicht ganz hätten verloren geglaubt im Weltenall, wenn sie nach dem Tode nur Begriff oder Idee gewesen wären. Dieser mittelalterlich-scholastische Realismus, wie gesagt, hat keine Fortsetzung erfahren. In der modernen Weltanschauung ist alles Nominalismus. Immer mehr und mehr ist alles Nominalismus geworden. Und der heutige Mensch — er weiß es zwar nicht, weil er sich nicht um solche Begriffe mehr bekümmert — ist im weitesten Umfange Nominalist.

[ 7 ] Der mittelalterlich-scholastische Realismus etwa eines Thomas Aquinas hat in der neueren Weltanschauung keine Fortsetzung gefunden, denn Begriffe und Ideen gelten den Menschen heute nicht mehr als etwas Reales. Würde man die Menschen fragen, ob ihnen Begriffe und Ideen als etwas Reales gelten, dann könnte man ja erst eine Antwort erhalten, wenn man die Frage etwas umwandelte, wenn man zum Beispiel einen so richtig in der modernen Bildung drinnensteckenden Menschen fragte: Wärst du zufrieden, wenn du nach deinem Tode bloß als Begriff, als Idee weiterleben würdest? — Da würde er sich höchst unreal vorkommen nach dem Tode. Das war noch nicht ganz so der Fall bei den realistischen Scholastikern. Bei denen war schon Begriff und Idee noch so weit real, daß sie sich gewissermaßen nicht ganz hätten verloren geglaubt im Weltenall, wenn sie nach dem Tode nur Begriff oder Idee gewesen wären. Dieser mittelalterlich-scholastische Realismus, wie gesagt, hat keine Fortsetzung erfahren. In der modernen Weltanschauung ist alles Nominalismus. Immer mehr und mehr ist alles Nominalismus geworden. Und der heutige Mensch — er weiß es zwar nicht, weil er sich nicht um solche Begriffe mehr bekümmert — ist im weitesten Umfange Nominalist.

[ 8 ] Nun hat das aber eine gewisse, tiefere Bedeutung. Man kann sagen: Gerade der Übergang vom Realismus zum Nominalismus, ich möchte sagen, der Sieg des Nominalismus in der modernen Zivilisation bedeutet, daß die Menschheit völlig ohnmächtig geworden ist in bezug auf die Erfassung des Geistigen. Denn natürlich, geradesowenig wie der Name Schmidt etwas zu tun hat mit der Persönlichkeit, die vor uns steht und die einmal irgendwie den Namen Schmidt zugelegt bekommen hat, ebensowenig hat; wenn man sich einen Begriff, eine Idee — Wolf, Löwe — als bloße Namen vorstellt, das irgendeine Bedeutung für die Realität. Die ganze Entgeistigung der modernen Zivilisation drückt sich aus in dem Übergang vom Realismus zum Nominalismus. Denn sehen Sie, eine Frage hat ja ihren ganzen Sinn verloren, wenn der Realismus seinen Sinn verloren hat. Wenn ich in dem Stein, in den Pflanzen, in den Tieren, in den physischen Menschen noch reale Ideen finde — oder besser gesagt, Ideen als Realitäten finde —, dann kann ich die Frage aufwerfen, ob diese Gedanken, die in den Steinen leben, in den Pflanzen leben, ob diese einmal die Gedanken waren der göttlichen Wesenheit, welche der Urheber ist der Steine und der Pflanzen. Wenn ich aber in den Ideen und Begriffen nur Namen sehe, die der Mensch den Steinen und den Pflanzen gibt, dann bin ich abgeschnitten von einer Verbindung mit dem göttlichen Wesen, kann nicht mehr davon sprechen, daß ich irgendwie, indem ich erkenne, ein Verhältnis zu einem göttlichen Wesen eingehe.

[ 8 ] Nun hat das aber eine gewisse, tiefere Bedeutung. Man kann sagen: Gerade der Übergang vom Realismus zum Nominalismus, ich möchte sagen, der Sieg des Nominalismus in der modernen Zivilisation bedeutet, daß die Menschheit völlig ohnmächtig geworden ist in bezug auf die Erfassung des Geistigen. Denn natürlich, geradesowenig wie der Name Schmidt etwas zu tun hat mit der Persönlichkeit, die vor uns steht und die einmal irgendwie den Namen Schmidt zugelegt bekommen hat, ebensowenig hat; wenn man sich einen Begriff, eine Idee — Wolf, Löwe — als bloße Namen vorstellt, das irgendeine Bedeutung für die Realität. Die ganze Entgeistigung der modernen Zivilisation drückt sich aus in dem Übergang vom Realismus zum Nominalismus. Denn sehen Sie, eine Frage hat ja ihren ganzen Sinn verloren, wenn der Realismus seinen Sinn verloren hat. Wenn ich in dem Stein, in den Pflanzen, in den Tieren, in den physischen Menschen noch reale Ideen finde — oder besser gesagt, Ideen als Realitäten finde —, dann kann ich die Frage aufwerfen, ob diese Gedanken, die in den Steinen leben, in den Pflanzen leben, ob diese einmal die Gedanken waren der göttlichen Wesenheit, welche der Urheber ist der Steine und der Pflanzen. Wenn ich aber in den Ideen und Begriffen nur Namen sehe, die der Mensch den Steinen und den Pflanzen gibt, dann bin ich abgeschnitten von einer Verbindung mit dem göttlichen Wesen, kann nicht mehr davon sprechen, daß ich irgendwie, indem ich erkenne, ein Verhältnis zu einem göttlichen Wesen eingehe.

[ 9 ] Bin ich scholastischer Realist, so sage ich: Ich vertiefe mich in die Steinwelt, ich vertiefe mich in die Pflanzenwelt, ich vertiefe mich in die Tierwelt. Ich mache mir Gedanken von Quarz, von Zinnober, von Malachit; ich mache mir Gedanken von Lilien, von Tulpen; ich mache mir Gedanken von Wolf, von Hyäne, von Löwe. Diese Gedanken nehme ich aus dem, was ich sinnlich wahrnehme, auf. Sind diese Gedanken das, was ursprünglich eine Gottheit in die Steine, in die Pflanzen, in die Tiere hineingelegt hat, dann denke ich ja die Gedanken der Gottheit nach, das heißt, ich schaffe mir eine Verbindung in meinem Denken mit der Gottheit.

[ 9 ] Bin ich scholastischer Realist, so sage ich: Ich vertiefe mich in die Steinwelt, ich vertiefe mich in die Pflanzenwelt, ich vertiefe mich in die Tierwelt. Ich mache mir Gedanken von Quarz, von Zinnober, von Malachit; ich mache mir Gedanken von Lilien, von Tulpen; ich mache mir Gedanken von Wolf, von Hyäne, von Löwe. Diese Gedanken nehme ich aus dem, was ich sinnlich wahrnehme, auf. Sind diese Gedanken das, was ursprünglich eine Gottheit in die Steine, in die Pflanzen, in die Tiere hineingelegt hat, dann denke ich ja die Gedanken der Gottheit nach, das heißt, ich schaffe mir eine Verbindung in meinem Denken mit der Gottheit.

[ 10 ] Wenn ich als verlorener Mensch auf der Erde stehe, und weil ich vielleicht, sagen wir, so ein bißchen nachahme das Gebrüll des Löwen mit dem Worte «Löwe», und diesen Namen dem Löwen selber gegeben habe, dann habe ich in meiner Erkenntnis nichts von einer Verbindung mit einem göttlich-geistigen Urheber der Wesenheiten. Das heißt, die moderne Menschheit hat die Fähigkeit verloren, in der Natur ein Geistiges zu finden, und die letzte Spur ist mit dem scholastischen Realismus verlorengegangen.

[ 10 ] Wenn ich als verlorener Mensch auf der Erde stehe, und weil ich vielleicht, sagen wir, so ein bißchen nachahme das Gebrüll des Löwen mit dem Worte «Löwe», und diesen Namen dem Löwen selber gegeben habe, dann habe ich in meiner Erkenntnis nichts von einer Verbindung mit einem göttlich-geistigen Urheber der Wesenheiten. Das heißt, die moderne Menschheit hat die Fähigkeit verloren, in der Natur ein Geistiges zu finden, und die letzte Spur ist mit dem scholastischen Realismus verlorengegangen.

[ 11 ] Wenn man nun zurückgeht in diejenigen Zeiten, die aus alter Hellsichtigkeit Einsicht hatten in die wahre Natur solcher Dinge, so wird man finden, daß die alte Mysterienanschauung etwa die folgende ist. Die alte Mysterienanschauung sah in allen Dingen ein schöpferisches, hervorbringendes Prinzip, das sie erkannte als das Vaterprinzip. Und indem man von dem sinnlich Wahrnehmbaren zu dem Übersinnlichen überging, fühlte man eigentlich: man ging zu dem göttlichen Vaterprinzip über. So daß die scholastischen realistischen Ideen und Begriffe das letzte waren, was die Menschheit in den Dingen der Natur als das Vaterprinzip suchte.

[ 11 ] Wenn man nun zurückgeht in diejenigen Zeiten, die aus alter Hellsichtigkeit Einsicht hatten in die wahre Natur solcher Dinge, so wird man finden, daß die alte Mysterienanschauung etwa die folgende ist. Die alte Mysterienanschauung sah in allen Dingen ein schöpferisches, hervorbringendes Prinzip, das sie erkannte als das Vaterprinzip. Und indem man von dem sinnlich Wahrnehmbaren zu dem Übersinnlichen überging, fühlte man eigentlich: man ging zu dem göttlichen Vaterprinzip über. So daß die scholastischen realistischen Ideen und Begriffe das letzte waren, was die Menschheit in den Dingen der Natur als das Vaterprinzip suchte.

[ 12 ] Als der scholastische Realismus seinen Sinn verloren hatte, da begann eigentlich erst die Möglichkeit, innerhalb der europäischen Zivilisation von Atheismus zu sprechen. Denn solange man noch reale Gedanken in den Dingen fand, konnte man nicht von Atheismus sprechen. Daß unter den Griechen schon Atheisten waren, ist so aufzufassen, daß erstens dies keine rechten Atheisten waren wie die neueren; so ganz klare Atheisten waren sie doch nicht. Aber es ist ja auch das zu sagen, daß in Griechenland vielfach ein erstes Wetterleuchten wie aus einer elementaren, menschlichen Emotion heraus sich bildete für Dinge, die erst später ihre wirkliche Begründung in der Menschheitsentwickelung hatten. Und der richtige theoretische Atheismus kam eigentlich erst mit dem Verfall des Realismus, des scholastischen Realismus herauf.

[ 12 ] Als der scholastische Realismus seinen Sinn verloren hatte, da begann eigentlich erst die Möglichkeit, innerhalb der europäischen Zivilisation von Atheismus zu sprechen. Denn solange man noch reale Gedanken in den Dingen fand, konnte man nicht von Atheismus sprechen. Daß unter den Griechen schon Atheisten waren, ist so aufzufassen, daß erstens dies keine rechten Atheisten waren wie die neueren; so ganz klare Atheisten waren sie doch nicht. Aber es ist ja auch das zu sagen, daß in Griechenland vielfach ein erstes Wetterleuchten wie aus einer elementaren, menschlichen Emotion heraus sich bildete für Dinge, die erst später ihre wirkliche Begründung in der Menschheitsentwickelung hatten. Und der richtige theoretische Atheismus kam eigentlich erst mit dem Verfall des Realismus, des scholastischen Realismus herauf.

[ 13 ] Aber eigentlich lebte dieser scholastische Realismus noch immer bloß in dem göttlichen Vaterprinzip, trotzdem dreizehn, vierzehn Jahrhunderte vorher schon das Mysterium von Golgatha sich vollzogen hatte. Das Mysterium von Golgatha — ich habe es ja auch öfter ausgesprochen — wurde im Grunde genommen nur mit den Erkenntnissen einer alten Zeit verstanden. Und deshalb haben diejenigen, die dieses Mysterium von Golgatha mit den Resten der alten Mysterienweisheit von dem Vatergotte verstehen wollten, eigentlich in dem Christus bloß den Sohn des Vaters erkannt.

[ 13 ] Aber eigentlich lebte dieser scholastische Realismus noch immer bloß in dem göttlichen Vaterprinzip, trotzdem dreizehn, vierzehn Jahrhunderte vorher schon das Mysterium von Golgatha sich vollzogen hatte. Das Mysterium von Golgatha — ich habe es ja auch öfter ausgesprochen — wurde im Grunde genommen nur mit den Erkenntnissen einer alten Zeit verstanden. Und deshalb haben diejenigen, die dieses Mysterium von Golgatha mit den Resten der alten Mysterienweisheit von dem Vatergotte verstehen wollten, eigentlich in dem Christus bloß den Sohn des Vaters erkannt.

[ 14 ] Bitte, wenden Sie viel Sorgfalt auf die Ideen, die wir jetzt entwikkeln wollen. Denken Sie: Ihnen wird irgend etwas erzählt von einer Persönlichkeit Müller, und es wird Ihnen im wesentlichen nur mitgeteilt: das ist der Sohn des alten Müller. Sie wissen nicht viel mehr von dem Müller, als daß er der Sohn des alten Müller ist. Sie wollen Näheres erfahren von dem, der Ihnen die Mitteilung macht. Der sagt Ihnen aber eigentlich immer nur: Ja, der alte Müller, das ist der und der. Und nun gibt er alle möglichen Eigenschaften an, und dann sagt er: Nun, und der junge Müller ist eben sein Sohn. So ungefähr war es in der Zeit, als man vom Mysterium von Golgatha noch nach dem alten Vaterprinzip sprach. Man charakterisierte die Natur so, daß man sagte: In ihr lebt das göttliche, schöpferische Vaterprinzip, und Christus ist der Sohn. — Im wesentlichen kamen auch die stärksten Realistiker zu keiner andern Charakteristik des Christus, als daß er der Sohn des Vaters ist. Das ist wesentlich.

[ 14 ] Bitte, wenden Sie viel Sorgfalt auf die Ideen, die wir jetzt entwikkeln wollen. Denken Sie: Ihnen wird irgend etwas erzählt von einer Persönlichkeit Müller, und es wird Ihnen im wesentlichen nur mitgeteilt: das ist der Sohn des alten Müller. Sie wissen nicht viel mehr von dem Müller, als daß er der Sohn des alten Müller ist. Sie wollen Näheres erfahren von dem, der Ihnen die Mitteilung macht. Der sagt Ihnen aber eigentlich immer nur: Ja, der alte Müller, das ist der und der. Und nun gibt er alle möglichen Eigenschaften an, und dann sagt er: Nun, und der junge Müller ist eben sein Sohn. So ungefähr war es in der Zeit, als man vom Mysterium von Golgatha noch nach dem alten Vaterprinzip sprach. Man charakterisierte die Natur so, daß man sagte: In ihr lebt das göttliche, schöpferische Vaterprinzip, und Christus ist der Sohn. — Im wesentlichen kamen auch die stärksten Realistiker zu keiner andern Charakteristik des Christus, als daß er der Sohn des Vaters ist. Das ist wesentlich.

[ 15 ] Und dann kam als eine Art Reaktion auf alle diese Begriffsbildungen, die zwar treu hielten zu der Strömung, die vom Mysterium von Golgatha ausging, aber sie eben noch nach dem Vaterprinzipe auffaßten, es kam wie eine Art Gegenströmung alles das hinzu, was sich dann im Verlaufe des Überganges des mittelalterlichen Lebens zum neuen Leben als das evangelische Prinzip, als Protestantismus und so weiter geltend machte. Denn neben allen andern Eigenschaften, die diesem Evangelisieren, diesem Protestantismus eigen waren, ist ja eine hauptsächliche diese, daß man mehr Gewicht legte darauf, sich den Christus selber in seiner Wesenheit vor Augen zu stellen. Man griff nicht zu der alten Theologie, die nach dem Vaterprinzip in dem Christus nur den Sohn des Vaters sah, sondern man griff zu den Evangelien selber, um aus den Erzählungen der Taten und aus den Mitteilungen der Worte des Christus den Christus als eine selbständige Wesenheit kennenzulernen. Das liegt im Grunde dem Wiclifismus, das liegt der Strömung des Comenius, das liegt auch dem deutschen Protestantismus zugrunde: den Christus selbständig als abgeschlossene Wesenheit hinzustellen.

[ 15 ] Und dann kam als eine Art Reaktion auf alle diese Begriffsbildungen, die zwar treu hielten zu der Strömung, die vom Mysterium von Golgatha ausging, aber sie eben noch nach dem Vaterprinzipe auffaßten, es kam wie eine Art Gegenströmung alles das hinzu, was sich dann im Verlaufe des Überganges des mittelalterlichen Lebens zum neuen Leben als das evangelische Prinzip, als Protestantismus und so weiter geltend machte. Denn neben allen andern Eigenschaften, die diesem Evangelisieren, diesem Protestantismus eigen waren, ist ja eine hauptsächliche diese, daß man mehr Gewicht legte darauf, sich den Christus selber in seiner Wesenheit vor Augen zu stellen. Man griff nicht zu der alten Theologie, die nach dem Vaterprinzip in dem Christus nur den Sohn des Vaters sah, sondern man griff zu den Evangelien selber, um aus den Erzählungen der Taten und aus den Mitteilungen der Worte des Christus den Christus als eine selbständige Wesenheit kennenzulernen. Das liegt im Grunde dem Wiclifismus, das liegt der Strömung des Comenius, das liegt auch dem deutschen Protestantismus zugrunde: den Christus selbständig als abgeschlossene Wesenheit hinzustellen.

[ 16 ] Allein es war jetzt die Zeit der geistigen Auffassung vorbei. Der Nominalismus hatte im Grunde genommen alle Gemüter ergriffen, und so fand man in den Evangelien nicht das Göttlich-Geistige in dem Christus. Und der neueren Theologie kam dann dieses Göttlich-Geistige immer mehr und mehr ganz abhanden. Der Christus wurde, wie ich öfter erwähnt habe, selbst für Theologen der schlichte Mann aus Nazareth.

[ 16 ] Allein es war jetzt die Zeit der geistigen Auffassung vorbei. Der Nominalismus hatte im Grunde genommen alle Gemüter ergriffen, und so fand man in den Evangelien nicht das Göttlich-Geistige in dem Christus. Und der neueren Theologie kam dann dieses Göttlich-Geistige immer mehr und mehr ganz abhanden. Der Christus wurde, wie ich öfter erwähnt habe, selbst für Theologen der schlichte Mann aus Nazareth.

[ 17 ] Ja, wenn Sie das Harnacksche Buch «Das Wesen des Christentums» nehmen, so sehen sie sogar darinnen einen bedeutsamen Rückfall, denn da ist der Christus wiederum von einem modernen Theologen nun erst recht nach dem Vaterprinzip aufgefaßt. Und man könnte in dem Harnackschen Buche «Das Wesen des Christentums» überall, wo «Christus» steht, «Gottvater» setzen, es würde der Unterschied kein wesentlicher sein.

[ 17 ] Ja, wenn Sie das Harnacksche Buch «Das Wesen des Christentums» nehmen, so sehen sie sogar darinnen einen bedeutsamen Rückfall, denn da ist der Christus wiederum von einem modernen Theologen nun erst recht nach dem Vaterprinzip aufgefaßt. Und man könnte in dem Harnackschen Buche «Das Wesen des Christentums» überall, wo «Christus» steht, «Gottvater» setzen, es würde der Unterschied kein wesentlicher sein.

[ 18 ] Also solange die Vaterweisheit den Christus als den Sohn des Gottes hingestellt hat, so lange hatte man eine im gewissen Sinne auf die Wirklichkeit lossteuernde Ansicht. Aber als man jetzt erfassen wollte den Christus selber in seiner göttlich-geistigen Wesenheit, da hatte man die geistige Auffassung schon verloren, man kam an den Christus nicht heran. Und es war zum Beispiel sehr interessant, ich weiß nicht, ob es viele bemerkt haben, als dann eine derjenigen Persönlichkeiten, die zunächst teilnehmen wollten an der Bewegung für religiöse Erneuerung, der aber dann nicht teilgenommen hat, der Nürnberger Hauptpastor Geyer, einmal in Basel einen Vortrag hielt, da hat er es offen eingestanden: Wir modernen evangelischen Theologen haben ja gar keinen Christus, wir haben ja nur den allgemeinen Gott. — So sagte Geyer, weil er eben redlich eingestand, daß zwar überall von Christus die Rede ist, daß aber eigentlich nur das Vaterprinzip geblieben ist. Das hängt damit zusammen, daß der Mensch, der noch mit Geist in die Natur hineinschaut, eben so wie er geboren wird — eigentlich in der Natur nur das Vaterprinzip finden kann; seit dem Verfall des scholastischen Realismus allerdings auch das nicht mehr. Daher wird eben das Vaterprinzip nicht gefunden, und atheistische Ansichten sind heraufgekommen.

[ 18 ] Also solange die Vaterweisheit den Christus als den Sohn des Gottes hingestellt hat, so lange hatte man eine im gewissen Sinne auf die Wirklichkeit lossteuernde Ansicht. Aber als man jetzt erfassen wollte den Christus selber in seiner göttlich-geistigen Wesenheit, da hatte man die geistige Auffassung schon verloren, man kam an den Christus nicht heran. Und es war zum Beispiel sehr interessant, ich weiß nicht, ob es viele bemerkt haben, als dann eine derjenigen Persönlichkeiten, die zunächst teilnehmen wollten an der Bewegung für religiöse Erneuerung, der aber dann nicht teilgenommen hat, der Nürnberger Hauptpastor Geyer, einmal in Basel einen Vortrag hielt, da hat er es offen eingestanden: Wir modernen evangelischen Theologen haben ja gar keinen Christus, wir haben ja nur den allgemeinen Gott. — So sagte Geyer, weil er eben redlich eingestand, daß zwar überall von Christus die Rede ist, daß aber eigentlich nur das Vaterprinzip geblieben ist. Das hängt damit zusammen, daß der Mensch, der noch mit Geist in die Natur hineinschaut, eben so wie er geboren wird — eigentlich in der Natur nur das Vaterprinzip finden kann; seit dem Verfall des scholastischen Realismus allerdings auch das nicht mehr. Daher wird eben das Vaterprinzip nicht gefunden, und atheistische Ansichten sind heraufgekommen.

[ 19 ] Aber wenn man nicht stehenbleiben will bei der Charakteristik des Christus als des bloßen Sohnesgottes, sondern wenn man diesen Sohn in seiner eigenen Wesenheit erfassen will, dann muß man nicht bloß sich als Menschen nehmen, wie man geboren ist, sondern man muß im Erdenleben selber eine Art innerer, wenn auch noch so schwacher Erweckung erleben. Man muß einmal durchgehen durch folgende Bewußtseinstatsachen. Man muß sich sagen: Wenn du einfach als Mensch so bleibst, wie du geboren bist, wie deine Augen, deine übrigen Sinne dir die Natur zeigen, wenn du dann mit deinem Intellekt dieses Gesicht der Natur durchgehst, so bist du heute nicht völlig Mensch. Du kannst dich nicht ganz als Mensch fühlen, du mußt erst etwas in dir erwecken, was tiefer liegt. Du kannst nicht zufrieden sein mit dem, was in dir bloß geboren ist. Du mußt etwas, was tiefer in dir liegt, mit vollem Bewußtsein neuerdings aus dir herausgebären.

[ 19 ] Aber wenn man nicht stehenbleiben will bei der Charakteristik des Christus als des bloßen Sohnesgottes, sondern wenn man diesen Sohn in seiner eigenen Wesenheit erfassen will, dann muß man nicht bloß sich als Menschen nehmen, wie man geboren ist, sondern man muß im Erdenleben selber eine Art innerer, wenn auch noch so schwacher Erweckung erleben. Man muß einmal durchgehen durch folgende Bewußtseinstatsachen. Man muß sich sagen: Wenn du einfach als Mensch so bleibst, wie du geboren bist, wie deine Augen, deine übrigen Sinne dir die Natur zeigen, wenn du dann mit deinem Intellekt dieses Gesicht der Natur durchgehst, so bist du heute nicht völlig Mensch. Du kannst dich nicht ganz als Mensch fühlen, du mußt erst etwas in dir erwecken, was tiefer liegt. Du kannst nicht zufrieden sein mit dem, was in dir bloß geboren ist. Du mußt etwas, was tiefer in dir liegt, mit vollem Bewußtsein neuerdings aus dir herausgebären.

[ 20 ] Man möchte sagen: Wenn man heute einen Menschen nur nach dem erzieht, was seine angeborenen Anlagen sind, so erzieht man ihn eigentlich nicht zum vollen Menschen; sondern nur, wenn man ihm beizubringen vermag, er müsse in den Tiefen seines Wesens etwas suchen, das er heraufholt aus diesen Tiefen, das wie ein inneres Licht ist, was angezündet wird während des Erdenlebens.

[ 20 ] Man möchte sagen: Wenn man heute einen Menschen nur nach dem erzieht, was seine angeborenen Anlagen sind, so erzieht man ihn eigentlich nicht zum vollen Menschen; sondern nur, wenn man ihm beizubringen vermag, er müsse in den Tiefen seines Wesens etwas suchen, das er heraufholt aus diesen Tiefen, das wie ein inneres Licht ist, was angezündet wird während des Erdenlebens.

[ 21 ] Warum ist das so? Weil der Christus durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist und mit dem Erdenleben verbunden ist, in den Tiefen der Menschen lebt. Und wenn man diese Wiedererwekkung in sich vornimmt, dann findet man den lebendigen Christus, der in das sonstige Bewußtsein, in das angeborene und aus dem angeborenen heraus entwickelte Bewußtsein nicht einzieht, sondern der aus den Tiefen der Seele herausgeholt werden muß. Das Christus-Bewußtsein muß entstehen im Seelengeschehen. So daß man wirklich sagen kann, was ich ja öfter ausgesprochen habe: Wer den Vater nicht findet, der ist in irgendeiner Weise mit mangelnden Anlagen geboren, der ist nicht gesund. Atheist sein heißt, in einer gewissen Weise körperlich krank sein, und alle Atheisten sind in einer gewissen Weise körperlich krank. Den Christus nicht finden ist ein Schicksal, nicht eine Krankheit, weil den Christus finden eben ein Erlebnis ist, nicht ein bloßes Konstatieren. Das Vaterprinzip findet man, indem man konstatiert dasjenige, was man eigentlich sehen sollte in der Natur. Den Christus findet man nur, indem man ein Wiedergeburtserlebnis hat. Da tritt der Christus in diesem Wiedergeburtserlebnis als selbständiges Wesen, nicht bloß als Sohn des Vaters auf. Denn dann lernt man erkennen: Hält man sich als moderner Mensch bloß an den Vater, dann kann man sich nicht ganz als Mensch fühlen. Deshalb hat der Vater den Sohn gesandt, daß der Sohn sein Werk auf Erden vollende. Fühlen Sie, wie in der Vollendung des Vaterwerkes der Christus zur selbständigen Wesenheit wird?

[ 21 ] Warum ist das so? Weil der Christus durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist und mit dem Erdenleben verbunden ist, in den Tiefen der Menschen lebt. Und wenn man diese Wiedererwekkung in sich vornimmt, dann findet man den lebendigen Christus, der in das sonstige Bewußtsein, in das angeborene und aus dem angeborenen heraus entwickelte Bewußtsein nicht einzieht, sondern der aus den Tiefen der Seele herausgeholt werden muß. Das Christus-Bewußtsein muß entstehen im Seelengeschehen. So daß man wirklich sagen kann, was ich ja öfter ausgesprochen habe: Wer den Vater nicht findet, der ist in irgendeiner Weise mit mangelnden Anlagen geboren, der ist nicht gesund. Atheist sein heißt, in einer gewissen Weise körperlich krank sein, und alle Atheisten sind in einer gewissen Weise körperlich krank. Den Christus nicht finden ist ein Schicksal, nicht eine Krankheit, weil den Christus finden eben ein Erlebnis ist, nicht ein bloßes Konstatieren. Das Vaterprinzip findet man, indem man konstatiert dasjenige, was man eigentlich sehen sollte in der Natur. Den Christus findet man nur, indem man ein Wiedergeburtserlebnis hat. Da tritt der Christus in diesem Wiedergeburtserlebnis als selbständiges Wesen, nicht bloß als Sohn des Vaters auf. Denn dann lernt man erkennen: Hält man sich als moderner Mensch bloß an den Vater, dann kann man sich nicht ganz als Mensch fühlen. Deshalb hat der Vater den Sohn gesandt, daß der Sohn sein Werk auf Erden vollende. Fühlen Sie, wie in der Vollendung des Vaterwerkes der Christus zur selbständigen Wesenheit wird?

[ 22 ] Aber im Grunde genommen sind wir ja in der Gegenwart nur durch Geisteswissenschaft imstande, den ganzen Vorgang der Wiedererweckung zu verstehen, praktisch zu verstehen, erlebensgemäß zu verstehen. Denn die Geisteswissenschaft will ja gerade solche Erlebnisse aus den Tiefen der Seele heraufholen in die bewußte Er kenntnis, welche Licht hineinbringen in das Christus-Erlebnis. Und so kann man sagen: Mit dem Verlauf des scholastischen Realismus hat sich die Möglichkeit des Prinzips der Vatererkenntnis erschöpft. Mit jenem Realismus, der den Geist wiederum als etwas Reales erkennt, und der der anthroposophische Realismus ist, mit diesem

[ 22 ] Aber im Grunde genommen sind wir ja in der Gegenwart nur durch Geisteswissenschaft imstande, den ganzen Vorgang der Wiedererweckung zu verstehen, praktisch zu verstehen, erlebensgemäß zu verstehen. Denn die Geisteswissenschaft will ja gerade solche Erlebnisse aus den Tiefen der Seele heraufholen in die bewußte Er kenntnis, welche Licht hineinbringen in das Christus-Erlebnis. Und so kann man sagen: Mit dem Verlauf des scholastischen Realismus hat sich die Möglichkeit des Prinzips der Vatererkenntnis erschöpft. Mit jenem Realismus, der den Geist wiederum als etwas Reales erkennt, und der der anthroposophische Realismus ist, mit diesem

[ 23 ] Realismus wird nun der Sohn endlich in seiner selbständigen Wesenheit erkannt werden, wird der Christus erst eine abgeschlossene Wesenheit. Man wird dadurch das Göttlich-Geistige in selbständiger Weise in dem Christus wiederfinden.

[ 23 ] Realismus wird nun der Sohn endlich in seiner selbständigen Wesenheit erkannt werden, wird der Christus erst eine abgeschlossene Wesenheit. Man wird dadurch das Göttlich-Geistige in selbständiger Weise in dem Christus wiederfinden.

[ 24 ] Es hat wirklich in der älteren Zeit dieses Vaterprinzip die denkbar größte Rolle gespielt. Es interessierte eigentlich die aus der alten Mysterienweisheit heraus entwickelte Theologie nur das Vaterprinzip. Worüber dachte man denn nach? Ob der Sohn von Ewigkeit mit dem Vater zugleich ist, oder ob er in der Zeit entstanden ist, in der Zeit geboren ist. Man dachte eben über die Abstammung von dem Vater nach. Sehen Sie sich die ältere Dogmengeschichte an: überall ist hauptsächlich der Wert gelegt darauf, wie es sich mit der Abstammung des Christus verhält. Und als man die dritte Gestalt, den Geist hinzugenommen hat, dann hat man nachgedacht, ob der Geist zugleich mit dem Sohn von dem Vater ausgegangen ist oder durch den Sohn und so weiter. Immer handelt es sich eigentlich um die Genealogie dieser drei göttlichen Personen, also um dasjenige, was Abstammung ist, was also im Vaterprinzip zu begreifen ist.

[ 24 ] Es hat wirklich in der älteren Zeit dieses Vaterprinzip die denkbar größte Rolle gespielt. Es interessierte eigentlich die aus der alten Mysterienweisheit heraus entwickelte Theologie nur das Vaterprinzip. Worüber dachte man denn nach? Ob der Sohn von Ewigkeit mit dem Vater zugleich ist, oder ob er in der Zeit entstanden ist, in der Zeit geboren ist. Man dachte eben über die Abstammung von dem Vater nach. Sehen Sie sich die ältere Dogmengeschichte an: überall ist hauptsächlich der Wert gelegt darauf, wie es sich mit der Abstammung des Christus verhält. Und als man die dritte Gestalt, den Geist hinzugenommen hat, dann hat man nachgedacht, ob der Geist zugleich mit dem Sohn von dem Vater ausgegangen ist oder durch den Sohn und so weiter. Immer handelt es sich eigentlich um die Genealogie dieser drei göttlichen Personen, also um dasjenige, was Abstammung ist, was also im Vaterprinzip zu begreifen ist.

[ 25 ] In der Zeit, in welcher der Kampf war zwischen dem scholastischen Realismus und dem scholastischen Nominalismus, da kam man mit diesen alten Begriffen von der Abstammung des Sohnes vom Vater und des Geistes von Vater und Sohn nicht mehr zurecht. . Denn sehen Sie, jetzt waren drei Wesenheiten da. Diese drei Wesenheiten, die göttliche Personen darstellen, sollten eine Gottheit ‚bilden. Die Realisten faßten die drei göttlichen Personen in einer Idee zusammen, ihnen war die Idee ein Reales. Daher war der eine Gott für sie ein Reales für ihr Erkennen. Die Nominalisten kamen aber mit den drei Personen des einen Gottes nicht zurecht, denn nun hatten sie den Vater, den Sohn, den Geist, aber indem sie ihn zusammenfaßten, war das ein bloßes Wort, ein Nomen, und so fielen ihnen die drei göttlichen Personen auseinander. Und so war die Zeit, in welcher der scholastische Realismus mit dem scholastischen Nominalismus im Kampfe lag, auch die Zeit, in der man auch keinen rechten Begriff mehr zu verbinden wußte mit der göttlichen Dreifaltigkeit. Da verfiel eine lebensvolle Auffassung dieser göttlichen Dreifaltigkeit.

[ 25 ] In der Zeit, in welcher der Kampf war zwischen dem scholastischen Realismus und dem scholastischen Nominalismus, da kam man mit diesen alten Begriffen von der Abstammung des Sohnes vom Vater und des Geistes von Vater und Sohn nicht mehr zurecht. . Denn sehen Sie, jetzt waren drei Wesenheiten da. Diese drei Wesenheiten, die göttliche Personen darstellen, sollten eine Gottheit ‚bilden. Die Realisten faßten die drei göttlichen Personen in einer Idee zusammen, ihnen war die Idee ein Reales. Daher war der eine Gott für sie ein Reales für ihr Erkennen. Die Nominalisten kamen aber mit den drei Personen des einen Gottes nicht zurecht, denn nun hatten sie den Vater, den Sohn, den Geist, aber indem sie ihn zusammenfaßten, war das ein bloßes Wort, ein Nomen, und so fielen ihnen die drei göttlichen Personen auseinander. Und so war die Zeit, in welcher der scholastische Realismus mit dem scholastischen Nominalismus im Kampfe lag, auch die Zeit, in der man auch keinen rechten Begriff mehr zu verbinden wußte mit der göttlichen Dreifaltigkeit. Da verfiel eine lebensvolle Auffassung dieser göttlichen Dreifaltigkeit.

[ 26 ] Als dann der Nominalismus siegte, da wußte man mit solchen Begriffen überhaupt nichts mehr anzufangen. Da nahm man eben, je nachdem man diesem oder jenem traditionellen Bekenntnisse zuneigte, die alten Begriffe auf, aber man konnte sich nichts Rechtes dabei denken. Und als dann in dem evangelischen Bekenntnis der Christus mehr in den Vordergrund gedrängt wurde, aber allerdings — weil man ja im Nominalismus drinnen war — seine göttlich-geistige Wesenheit nicht mehr erfaßt werden konnte, da wußte man eigentlich überhaupt nicht mehr irgendeinen Begriff von den drei Personen aufzufassen. Da zerflatterte das alte Dogma von der Dreifaltigkeit.

[ 26 ] Als dann der Nominalismus siegte, da wußte man mit solchen Begriffen überhaupt nichts mehr anzufangen. Da nahm man eben, je nachdem man diesem oder jenem traditionellen Bekenntnisse zuneigte, die alten Begriffe auf, aber man konnte sich nichts Rechtes dabei denken. Und als dann in dem evangelischen Bekenntnis der Christus mehr in den Vordergrund gedrängt wurde, aber allerdings — weil man ja im Nominalismus drinnen war — seine göttlich-geistige Wesenheit nicht mehr erfaßt werden konnte, da wußte man eigentlich überhaupt nicht mehr irgendeinen Begriff von den drei Personen aufzufassen. Da zerflatterte das alte Dogma von der Dreifaltigkeit.

[ 27 ] Diese Dinge, die in der Zeit, in der geistige Fühlungen noch eine große Bedeutung für die Menschen hatten, diese Dinge, die ja eine große Rolle spielten in bezug auf inneres Glück und Unglück der menschlichen Seele, diese Dinge hat die Zeit des modernen Philistertums vollständig in den Hintergrund gedrängt. Was interessiert schließlich den modernen Menschen, wenn er nicht gerade hineingetrieben wird in theologische Streitigkeiten, die Beziehung von Vater, Sohn und Geist? Er glaubt ja ein guter Christ zu sein, aber es wurmt ihn nicht weiter, wie es sich da verhält mit Vater, Sohn und Geist. Er kann sich gar nicht vorstellen, daß das einmal brennende Seelenfragen der Menschheit waren. Er ist eben Philister geworden. Deshalb kann man schon die Zeit des Nominalismus auch eben für die europäische Zivilisation die Zeit des Philisteriums nennen. Denn der Philister ist ja derjenige Mensch, der keine rechten Empfindungen hat für das immer weckende Geistige, der eigentlich in Gewohnheiten drinnen lebt. Ganz ohne Geist läßt es sich ja im Menschenleben nicht sein. Der Philister möchte am liebsten ganz ohne Geist sein, aufstehen ohne Geist, frühstücken ohne Geist, ins Büro gehen ohne Geist, Mittag essen ohne Geist, nachmittags Billard spielen ohne Geist und so weiter, er möchte alles ohne Geist machen. Aber unbewußt geht doch durch alles Leben der Geist hindurch. Nur kümmert sich der Philister nicht darum; es interessiert ihn nicht weiter.

[ 27 ] Diese Dinge, die in der Zeit, in der geistige Fühlungen noch eine große Bedeutung für die Menschen hatten, diese Dinge, die ja eine große Rolle spielten in bezug auf inneres Glück und Unglück der menschlichen Seele, diese Dinge hat die Zeit des modernen Philistertums vollständig in den Hintergrund gedrängt. Was interessiert schließlich den modernen Menschen, wenn er nicht gerade hineingetrieben wird in theologische Streitigkeiten, die Beziehung von Vater, Sohn und Geist? Er glaubt ja ein guter Christ zu sein, aber es wurmt ihn nicht weiter, wie es sich da verhält mit Vater, Sohn und Geist. Er kann sich gar nicht vorstellen, daß das einmal brennende Seelenfragen der Menschheit waren. Er ist eben Philister geworden. Deshalb kann man schon die Zeit des Nominalismus auch eben für die europäische Zivilisation die Zeit des Philisteriums nennen. Denn der Philister ist ja derjenige Mensch, der keine rechten Empfindungen hat für das immer weckende Geistige, der eigentlich in Gewohnheiten drinnen lebt. Ganz ohne Geist läßt es sich ja im Menschenleben nicht sein. Der Philister möchte am liebsten ganz ohne Geist sein, aufstehen ohne Geist, frühstücken ohne Geist, ins Büro gehen ohne Geist, Mittag essen ohne Geist, nachmittags Billard spielen ohne Geist und so weiter, er möchte alles ohne Geist machen. Aber unbewußt geht doch durch alles Leben der Geist hindurch. Nur kümmert sich der Philister nicht darum; es interessiert ihn nicht weiter.

[ 28 ] So kann man sagen, daß Anthroposophie in dieser Beziehung das Ideal haben muß, nicht zu verlieren das Allgemein-Göttliche. Das tut sie nicht, denn sie findet in dem Vatergott das Göttlich-Geistige, abgetrennt in dem Sohnesgott das Göttlich-Geistige. Sie ist etwa in der folgenden Lage, wenn wir ihre Anschauungen vergleichen mit der früheren Vatererkenntnis: Ich möchte sagen — bitte, nehmen Sie mir den etwas trivialen Ausdruck nicht übel —, die Vatererkenntnis hat vor allen Dingen gefragt bei dem Christus: Wer ist sein Vater? — Weisen wir nach, wer sein Vater ist, dann haben wir Kenntnis von ihm. Kennen wir seinen Vater, dann haben wir Kenntnis von ihm. — Anthroposophie ist natürlich hingestellt in das moderne Leben. Indem sie Naturerkenntnis entwickelt, mußte sie ja natürlich die Vatererkenntnis weiterführen. Aber indem sie Christus-Erkenntnis entwickelt, geht sie zunächst nur vom Christus aus. Sie durchstudiert, wenn ich so sagen darf, die Geschichte, findet in der Geschichte eine absteigende Entwickelung, findet das Mysterium von Golgatha, von da an eine aufsteigende Entwickelung; findet in dem Mysterium von Golgatha den Mittelpunkt und den Sinn der ganzen menschheitlichen Erdengeschichte. Also indem Anthroposophie die Natur studiert, läßt sie auferstehen neu das alte Vaterprinzip. Indem sie aber Geschichte studiert, findet sie den Christus. Jetzt hat sie zweierlei kennengelernt. Und es ist so, wie wenn ich in die Stadt A reise und dort einen älteren Mann kennenlerne, dann in die Stadt B reise und da einen jüngeren Mann kennenlerne. Ich lerne den älteren Mann kennen, ich lerne den jüngeren Mann kennen, jeden für sich. Zunächst interessieren sie mich ganz für sich. Nachträglich fällt mir eine gewisse Ähnlichkeit auf. Ich gehe der Ähnlichkeit nach und komme darauf, daß der Jüngere der Sohn des Älteren ist. So ist es mit der Anthroposophie. Sie lernt den Christus kennen, sie lernt den Vater kennen, sie lernt die Beziehung zwischen beiden erst später kennen; während die alte Vaterweisheit eben ausgegangen ist vom Vater, und die Beziehung als das Ursprüngliche kennenlernte.

[ 28 ] So kann man sagen, daß Anthroposophie in dieser Beziehung das Ideal haben muß, nicht zu verlieren das Allgemein-Göttliche. Das tut sie nicht, denn sie findet in dem Vatergott das Göttlich-Geistige, abgetrennt in dem Sohnesgott das Göttlich-Geistige. Sie ist etwa in der folgenden Lage, wenn wir ihre Anschauungen vergleichen mit der früheren Vatererkenntnis: Ich möchte sagen — bitte, nehmen Sie mir den etwas trivialen Ausdruck nicht übel —, die Vatererkenntnis hat vor allen Dingen gefragt bei dem Christus: Wer ist sein Vater? — Weisen wir nach, wer sein Vater ist, dann haben wir Kenntnis von ihm. Kennen wir seinen Vater, dann haben wir Kenntnis von ihm. — Anthroposophie ist natürlich hingestellt in das moderne Leben. Indem sie Naturerkenntnis entwickelt, mußte sie ja natürlich die Vatererkenntnis weiterführen. Aber indem sie Christus-Erkenntnis entwickelt, geht sie zunächst nur vom Christus aus. Sie durchstudiert, wenn ich so sagen darf, die Geschichte, findet in der Geschichte eine absteigende Entwickelung, findet das Mysterium von Golgatha, von da an eine aufsteigende Entwickelung; findet in dem Mysterium von Golgatha den Mittelpunkt und den Sinn der ganzen menschheitlichen Erdengeschichte. Also indem Anthroposophie die Natur studiert, läßt sie auferstehen neu das alte Vaterprinzip. Indem sie aber Geschichte studiert, findet sie den Christus. Jetzt hat sie zweierlei kennengelernt. Und es ist so, wie wenn ich in die Stadt A reise und dort einen älteren Mann kennenlerne, dann in die Stadt B reise und da einen jüngeren Mann kennenlerne. Ich lerne den älteren Mann kennen, ich lerne den jüngeren Mann kennen, jeden für sich. Zunächst interessieren sie mich ganz für sich. Nachträglich fällt mir eine gewisse Ähnlichkeit auf. Ich gehe der Ähnlichkeit nach und komme darauf, daß der Jüngere der Sohn des Älteren ist. So ist es mit der Anthroposophie. Sie lernt den Christus kennen, sie lernt den Vater kennen, sie lernt die Beziehung zwischen beiden erst später kennen; während die alte Vaterweisheit eben ausgegangen ist vom Vater, und die Beziehung als das Ursprüngliche kennenlernte.

[ 29 ] Sie sehen, in bezug auf alle Dinge eigentlich muß Anthroposophie einen neuen Weg einschlagen, und es ist schon notwendig, daß man in bezug auf die meisten Dinge umdenken und umfühlen lernt, wenn man wirklich ins Anthroposophische hineinkommen will. Das genügt eigentlich nicht für Anthroposophie, daß auf der einen Seite von den Anthroposophen die Weltanschauung gesehen wird mehr oder weniger materialistisch oder mehr oder weniger im Sinne von alten traditionellen Bekenntnissen lebend, und man nun zu etwas anderem geht — nämlich zur Anthroposophie, weil einem die gewissermaßen besser zusagt als eine andere Lehre. Aber so ist ja die Sache nicht. Man muß nicht nur von einem Bild zum anderen gehen, vom materialistischen, monistischen Bilde zum anthroposophischen Bilde und sich sagen: Nun, das anthroposophische Bild sagt mir besser zu. — Sondern man muß sich gestehen: Das, was dich befähigt, das monistisch-materialistische Bild anzuschauen, das befähigt dich nicht, das anthroposophische Bild anzuschauen.

[ 29 ] Sie sehen, in bezug auf alle Dinge eigentlich muß Anthroposophie einen neuen Weg einschlagen, und es ist schon notwendig, daß man in bezug auf die meisten Dinge umdenken und umfühlen lernt, wenn man wirklich ins Anthroposophische hineinkommen will. Das genügt eigentlich nicht für Anthroposophie, daß auf der einen Seite von den Anthroposophen die Weltanschauung gesehen wird mehr oder weniger materialistisch oder mehr oder weniger im Sinne von alten traditionellen Bekenntnissen lebend, und man nun zu etwas anderem geht — nämlich zur Anthroposophie, weil einem die gewissermaßen besser zusagt als eine andere Lehre. Aber so ist ja die Sache nicht. Man muß nicht nur von einem Bild zum anderen gehen, vom materialistischen, monistischen Bilde zum anthroposophischen Bilde und sich sagen: Nun, das anthroposophische Bild sagt mir besser zu. — Sondern man muß sich gestehen: Das, was dich befähigt, das monistisch-materialistische Bild anzuschauen, das befähigt dich nicht, das anthroposophische Bild anzuschauen.

[ 30 ] Die Theosophen haben geglaubt, daß das Anschauen des materialistisch-monistischen Bildes sie schon befähige, das Geistige anzuschauen. Daher diese eigentümliche Erscheinung, daß man in der monistisch-materialistischen Weltanschauung davon redet: Alles ist Materie, der Mensch besteht auch nur aus der Materie; da ist Nervenmaterie, Blutmaterie und so weiter — alles Materie. Die Theosophen — ich meine die Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft — sagen: Nein, das ist materialistische Anschauung; es gibt einen Geist. — Jetzt fangen sie aber an, den Menschen nach dem Geist zu beschreiben: den physischen Leib — dicht; jetzt den ätherischen Leib — dünner, aber Nebel, ein dünner Nebel, in Wirklichkeit doch ganz materielle Vorstellungen. Jetzt den astralischen Leib — der ist wieder dünner, aber er ist doch nur dünnere Materie und so weiter. Da kommt man auf einer Leiter hinauf, aber immer ist es dünnere Materie. Ja, das ist auch Materialismus, denn man kriegt ja doch immer nur Materie, wenn auch immer dünnere Materie. Es ist Materialismus, man nennt es nur Geist. Der Materialismus ist wenigstens ehrlich und nennt es Materie, während dort dasjenige, was materiell vorgestellt wird, mit dem Geistesnamen belegt wird. Man muß sich eben gestehen, daß man umdenken muß; man muß in anderer Art das Bild vom Geistigen anschauen lernen, als man das Bild vom Materiellen angeschaut hat. In der Theosophischen Gesellschaft wurde ja die Geschichte an einem Punkte ganz besonders interessant. Der Materialismus redet von Atomen. Diese Atome, die wurden in der verschiedensten Weise vorgestellt, und starke Materialisten, die Rücksicht genommen haben auf die materiellen Eigenschaften der Körper, haben sich zuletzt allerlei Vorstellungen von den Atomen gemacht. Unter anderem hat einer einmal eine Atomtheorie aufgestellt, da ist das Atom so wie in einer Art von Schwingungszustand dargestellt, wie wenn dadrinnen so dünnes Materielles in Spiralschwingungen wäre. Und wenn Sie bei ZLeadbeater die Atome nachschauen, da werden sie finden, das schaut geradeso aus. Neulich wurde überhaupt in einem Aufsatz einer englischen Zeitschrift die Frage aufgeworfen, ob nun dieses Leadbeatersche Atom «gesehen» ist, oder ob die Hellsichtigkeit des Leadbeater sich bloß darauf beschränkt hat, daß er dieses Buch gelesen hat und es ins Spiritualistische übersetzt hat.

[ 30 ] Die Theosophen haben geglaubt, daß das Anschauen des materialistisch-monistischen Bildes sie schon befähige, das Geistige anzuschauen. Daher diese eigentümliche Erscheinung, daß man in der monistisch-materialistischen Weltanschauung davon redet: Alles ist Materie, der Mensch besteht auch nur aus der Materie; da ist Nervenmaterie, Blutmaterie und so weiter — alles Materie. Die Theosophen — ich meine die Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft — sagen: Nein, das ist materialistische Anschauung; es gibt einen Geist. — Jetzt fangen sie aber an, den Menschen nach dem Geist zu beschreiben: den physischen Leib — dicht; jetzt den ätherischen Leib — dünner, aber Nebel, ein dünner Nebel, in Wirklichkeit doch ganz materielle Vorstellungen. Jetzt den astralischen Leib — der ist wieder dünner, aber er ist doch nur dünnere Materie und so weiter. Da kommt man auf einer Leiter hinauf, aber immer ist es dünnere Materie. Ja, das ist auch Materialismus, denn man kriegt ja doch immer nur Materie, wenn auch immer dünnere Materie. Es ist Materialismus, man nennt es nur Geist. Der Materialismus ist wenigstens ehrlich und nennt es Materie, während dort dasjenige, was materiell vorgestellt wird, mit dem Geistesnamen belegt wird. Man muß sich eben gestehen, daß man umdenken muß; man muß in anderer Art das Bild vom Geistigen anschauen lernen, als man das Bild vom Materiellen angeschaut hat. In der Theosophischen Gesellschaft wurde ja die Geschichte an einem Punkte ganz besonders interessant. Der Materialismus redet von Atomen. Diese Atome, die wurden in der verschiedensten Weise vorgestellt, und starke Materialisten, die Rücksicht genommen haben auf die materiellen Eigenschaften der Körper, haben sich zuletzt allerlei Vorstellungen von den Atomen gemacht. Unter anderem hat einer einmal eine Atomtheorie aufgestellt, da ist das Atom so wie in einer Art von Schwingungszustand dargestellt, wie wenn dadrinnen so dünnes Materielles in Spiralschwingungen wäre. Und wenn Sie bei ZLeadbeater die Atome nachschauen, da werden sie finden, das schaut geradeso aus. Neulich wurde überhaupt in einem Aufsatz einer englischen Zeitschrift die Frage aufgeworfen, ob nun dieses Leadbeatersche Atom «gesehen» ist, oder ob die Hellsichtigkeit des Leadbeater sich bloß darauf beschränkt hat, daß er dieses Buch gelesen hat und es ins Spiritualistische übersetzt hat.

[ 31 ] Mit diesen Dingen muß eben durchaus Ernst gemacht werden. Es handelt sich durchaus darum, daß man sich selber prüfen muß, ob man nicht doch an dem Materialismus hängen bleibt und nur dem Materiellen allerlei geistige Namen anheftet. Ein Umdenken und Umfühlen, das ist dasjenige, worum es sich handelt, wenn man zu einer wirklich geistigen Weltanschauung kommen will. Damit ist dann erst ein Ausblick, eine Perspektive gewonnen in die Praxis dessen, was angestrebt werden muß in der Sündenerhebung gegenüber dem Sündenfall.

[ 31 ] Mit diesen Dingen muß eben durchaus Ernst gemacht werden. Es handelt sich durchaus darum, daß man sich selber prüfen muß, ob man nicht doch an dem Materialismus hängen bleibt und nur dem Materiellen allerlei geistige Namen anheftet. Ein Umdenken und Umfühlen, das ist dasjenige, worum es sich handelt, wenn man zu einer wirklich geistigen Weltanschauung kommen will. Damit ist dann erst ein Ausblick, eine Perspektive gewonnen in die Praxis dessen, was angestrebt werden muß in der Sündenerhebung gegenüber dem Sündenfall.