Living Knowledge of Nature,
Intellectual Fall from Grace
and Spiritual Elevation from Sin
GA 220
28 January 1923, Dornach
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Lebendiges Naturerkennen Intellektueller Sündenfall und spirituelle Sündenerhebung
Zwölfter Vortrag
Zwölfter Vortrag
[ 1 ] Wenn man Umschau hält unter denjenigen Persönlichkeiten, die das neuere Geistesleben empfunden haben, die also ein Gefühl davon entwickelten, wie man eigentlich dieses heutige Geistesleben wirksam in sich tragen kann — mit «heute» meine ich natürlich die Jahrzehnte, in denen wir leben —, dann kommt man, unter anderen natürlich, auf zwei Persönlichkeiten, den ja auch hier in dieser Gemeinschaft öfter erwähnten Herman Grimm, und den andern, Friedrich Nietzsche.
[ 1 ] Wenn man Umschau hält unter denjenigen Persönlichkeiten, die das neuere Geistesleben empfunden haben, die also ein Gefühl davon entwickelten, wie man eigentlich dieses heutige Geistesleben wirksam in sich tragen kann — mit «heute» meine ich natürlich die Jahrzehnte, in denen wir leben —, dann kommt man, unter anderen natürlich, auf zwei Persönlichkeiten, den ja auch hier in dieser Gemeinschaft öfter erwähnten Herman Grimm, und den andern, Friedrich Nietzsche.
[ 2 ] Bei beiden kann man sagen: Sie versuchten sich hineinzuleben in das Geistesleben der Gegenwart. Sie versuchten zu empfinden, wie der Mensch in seiner Seele miterleben kann, was heute geistig geschieht. Und bei Herman Grimm verfällt man dann auf seine Art, wie er aus diesem Zeitgefühl heraus den Menschen oder auch einzelne Menschen geschildert hat. Bei Nietzsche verfällt man darauf, mehr anzusehen, wie er sich selbst in der Zeit gefühlt hat. Wenn man bei Herman Grimm hinhorcht, wie er etwa den Menschen in der Gegenwart im allgemeinen schildert, oder wie er einzelne Menschen schildert, dann hat man immer ein Bild vor sich, die Schilderung verwandelt sich in ein Bild. Und dieses Bild scheint mir zu sein das Bild eines Menschen, einer Menschengestalt, die eine ungeheure Last auf dem Rücken schleppt. Ich kann mich sogar des Eindruckes nicht entschlagen, daß für das sonst ausgezeichnete Buch des Herman Grimm über Michelangelo dieses das richtige Bild ist. Wenn man dieses Buch über Michelangelo von Herman Grimm liest, dann hat man zwar allerlei schöne Eindrücke, aber zuletzt kommt einem aus diesem Buch auch Michelangelo entgegen als ein sich mühselig fortschleppender Mensch, der eine starke Last auf dem Rücken trägt. Und Herman Grimm selber hat das ja empfunden, indem er es öfter ausgesprochen hat: Wir modernen Menschen, sagte er, schleppen zuviel Geschichte mit.
[ 2 ] Bei beiden kann man sagen: Sie versuchten sich hineinzuleben in das Geistesleben der Gegenwart. Sie versuchten zu empfinden, wie der Mensch in seiner Seele miterleben kann, was heute geistig geschieht. Und bei Herman Grimm verfällt man dann auf seine Art, wie er aus diesem Zeitgefühl heraus den Menschen oder auch einzelne Menschen geschildert hat. Bei Nietzsche verfällt man darauf, mehr anzusehen, wie er sich selbst in der Zeit gefühlt hat. Wenn man bei Herman Grimm hinhorcht, wie er etwa den Menschen in der Gegenwart im allgemeinen schildert, oder wie er einzelne Menschen schildert, dann hat man immer ein Bild vor sich, die Schilderung verwandelt sich in ein Bild. Und dieses Bild scheint mir zu sein das Bild eines Menschen, einer Menschengestalt, die eine ungeheure Last auf dem Rücken schleppt. Ich kann mich sogar des Eindruckes nicht entschlagen, daß für das sonst ausgezeichnete Buch des Herman Grimm über Michelangelo dieses das richtige Bild ist. Wenn man dieses Buch über Michelangelo von Herman Grimm liest, dann hat man zwar allerlei schöne Eindrücke, aber zuletzt kommt einem aus diesem Buch auch Michelangelo entgegen als ein sich mühselig fortschleppender Mensch, der eine starke Last auf dem Rücken trägt. Und Herman Grimm selber hat das ja empfunden, indem er es öfter ausgesprochen hat: Wir modernen Menschen, sagte er, schleppen zuviel Geschichte mit.
[ 3 ] Wir modernen Menschen schleppen auch wirklich, auch wenn wir auf der Schulbank ganz faule Kerle gewesen sind und nichts von Geschichte, wie man es gewöhnlich nennt, aufgenommen haben, wir schleppen trotzdem durch alles das, was schon vom sechsten Lebensjahre auf uns schulmäßig Eindruck macht, zuviel Geschichte mit. Wir sind nicht frei, wir tragen die Vergangenheit auf unserem Buckel.
[ 3 ] Wir modernen Menschen schleppen auch wirklich, auch wenn wir auf der Schulbank ganz faule Kerle gewesen sind und nichts von Geschichte, wie man es gewöhnlich nennt, aufgenommen haben, wir schleppen trotzdem durch alles das, was schon vom sechsten Lebensjahre auf uns schulmäßig Eindruck macht, zuviel Geschichte mit. Wir sind nicht frei, wir tragen die Vergangenheit auf unserem Buckel.
[ 4 ] Und wenn man dann von Herman Grimm wegsieht zu Nietzsche, dann kommt einem Nietzsche selber vor wie eine Persönlichkeit, die etwas hysterisch durch die Welt schlenkert, fortwährendsich schüttelt über dieses Geistesleben der Gegenwart. Und wenn man ihn dann genauer anschaut, gleichgültig, ob er nach Italien wandert, oder ob er in Sils Maria droben spazieren geht: er schüttelt sich. Aber er schüttelt sich auch so, daß er den Vorderkörper etwas gebeugt hält. Und wenn man dann nachsieht, warum er sich schüttelt, dann kommt man darauf, daß er eigentlich die Geschichte abschütteln will, das, was der Mensch als seinen Geschichtspack auf dem Buckel trägt.
[ 4 ] Und wenn man dann von Herman Grimm wegsieht zu Nietzsche, dann kommt einem Nietzsche selber vor wie eine Persönlichkeit, die etwas hysterisch durch die Welt schlenkert, fortwährendsich schüttelt über dieses Geistesleben der Gegenwart. Und wenn man ihn dann genauer anschaut, gleichgültig, ob er nach Italien wandert, oder ob er in Sils Maria droben spazieren geht: er schüttelt sich. Aber er schüttelt sich auch so, daß er den Vorderkörper etwas gebeugt hält. Und wenn man dann nachsieht, warum er sich schüttelt, dann kommt man darauf, daß er eigentlich die Geschichte abschütteln will, das, was der Mensch als seinen Geschichtspack auf dem Buckel trägt.
[ 5 ] Und das hat er auch empfunden, denn er hat in verhältnismäßig jungen Jahren die Schrift geschrieben «Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben», die ungefähr den Inhalt hat: Menschen der Gegenwart, schafft euch die Geschichte vom Halse oder vom Buckel, denn ihr verliert ja das Leben, wenn ihr immerfort die Geschichte mit euch tragt. Ihr wißt nicht in der Gegenwart zu leben. Ihr fragt bei jeder Gelegenheit: wie haben es die alten Menschen gemacht? — aber ihr bringt nichts aus eurem ursprünglichen Denken, Fühlen und Wollen schöpferisch an die Oberfläche, um so recht als Gegenwartsmensch zu leben.
[ 5 ] Und das hat er auch empfunden, denn er hat in verhältnismäßig jungen Jahren die Schrift geschrieben «Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben», die ungefähr den Inhalt hat: Menschen der Gegenwart, schafft euch die Geschichte vom Halse oder vom Buckel, denn ihr verliert ja das Leben, wenn ihr immerfort die Geschichte mit euch tragt. Ihr wißt nicht in der Gegenwart zu leben. Ihr fragt bei jeder Gelegenheit: wie haben es die alten Menschen gemacht? — aber ihr bringt nichts aus eurem ursprünglichen Denken, Fühlen und Wollen schöpferisch an die Oberfläche, um so recht als Gegenwartsmensch zu leben.
[ 6 ] Diese zwei Bilder, die den Menschen schildern — Herman Grimm, der ihn immer mit einer ungeheuren Last auf dem Buckel schildert und der diese Last abschüttelnde Nietzsche —, diese zwei Bilder wird man nicht los, wenn man schon den ganzen Charakter des Geisteslebens im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und im Beginn des 20. Jahrhunderts betrachtet. Und wenn man dann tiefer geht, dann findet man, wie eigentlich der Mensch der neueren Zeit keucht unter dieser geschichtlichen Last. Man möchte sagen: Der Mensch der neueren Zeit kommt einem vor wie ein Hund, dem es sehr warm ist und der dann gewisse Gesten mit der Zunge macht, so kommt einem der Mensch der neueren Zeit unter der Last der Geschichte vor. — Ja, sieht man näher zu, so fällt einem das stark auf, wie der Mensch eigentlich keucht und wippert unter der Last der Geschichte.
[ 6 ] Diese zwei Bilder, die den Menschen schildern — Herman Grimm, der ihn immer mit einer ungeheuren Last auf dem Buckel schildert und der diese Last abschüttelnde Nietzsche —, diese zwei Bilder wird man nicht los, wenn man schon den ganzen Charakter des Geisteslebens im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und im Beginn des 20. Jahrhunderts betrachtet. Und wenn man dann tiefer geht, dann findet man, wie eigentlich der Mensch der neueren Zeit keucht unter dieser geschichtlichen Last. Man möchte sagen: Der Mensch der neueren Zeit kommt einem vor wie ein Hund, dem es sehr warm ist und der dann gewisse Gesten mit der Zunge macht, so kommt einem der Mensch der neueren Zeit unter der Last der Geschichte vor. — Ja, sieht man näher zu, so fällt einem das stark auf, wie der Mensch eigentlich keucht und wippert unter der Last der Geschichte.
[ 7 ] Schauen wir die Menschen der Urzeit an — wir müssen gleich wiederum auf die Urzeit sehen nach den Gewohnheiten der Zeit, denn es ist außerordentlich schwer, sich als Gegenwartsmenschen zu verständigen, wenn man nicht wenigstens die Bilder aus der alten Zeit heraufholt. Das zu machen, was man in der Gegenwart machen soll, gelingt einem eigentlich nur, wenn man zeigt, was die Alten gemacht haben und was wir nicht machen. Nun wollen wir einmal wenigstens einleitungsweise von einer solchen Betrachtung ausgehen, um dann die Geschichte vom Buckel herunterzuschmeißen.
[ 7 ] Schauen wir die Menschen der Urzeit an — wir müssen gleich wiederum auf die Urzeit sehen nach den Gewohnheiten der Zeit, denn es ist außerordentlich schwer, sich als Gegenwartsmenschen zu verständigen, wenn man nicht wenigstens die Bilder aus der alten Zeit heraufholt. Das zu machen, was man in der Gegenwart machen soll, gelingt einem eigentlich nur, wenn man zeigt, was die Alten gemacht haben und was wir nicht machen. Nun wollen wir einmal wenigstens einleitungsweise von einer solchen Betrachtung ausgehen, um dann die Geschichte vom Buckel herunterzuschmeißen.
[ 8 ] Die Alten, wenn sie die Natur angesehen haben, sie haben Mythen gemacht, sie waren imstande, aus ihrer schöpferischen Seelenkraft heraus, Mythen zu gestalten. Dasjenige, was in der Natur geschieht, waren sie fähig, in lebendiger, wesenhafter Art sich vor die Seele zu führen. Der neuere Mensch kann keine Mythen mehr machen. Er macht keine Mythen. Wenn er sie da oder dort doch versucht, so sind sie literatenhaft, feuilletonhaft, so sind sie hölzern. Zunächst hat die Menschheit verlernt, das Lebendige in der schöpferischen Welt durch Mythen zu verkörpern. Der neuere Mensch kann die alten Mythen höchstens interpretieren, wie man sagt. Dann, als der Mensch nicht mehr Mythen machen konnte, ist er wenigstens auf die Geschichte verfallen. Das ist noch nicht so lange her. Aber da er die mythenschöpferische Kraft verloren hatte, konnte er mit der Geschichte auch nichts Rechtes mehr anfangen. Und so kommt dasjenige dann herauf, daß man im 19. Jahrhundert zum Beispiel auf dem Gebiete des Rechtes erklärte: Ja, wir können kein Recht schaffen, wir müssen das historische Recht studieren. Die historische Rechtsschule, die ist ja etwas sehr Merkwürdiges, die ist ein Eingeständnis des unschöpferischen Menschen der Gegenwart. Er sagt, er kann kein Recht schaffen, also muß er Rechtsgeschichte studieren und dieses Recht verbreiten, das er aus der Geschichte kennenlernt. Das war im Anfange des 19. Jahrhunderts etwas, was insbesondere in Mitteleuropa grassiert hat: daß man sich unfähig erklärte, als Gegenwartsmensch zu leben, daß man nur als Geschichtsmensch leben wollte.
[ 8 ] Die Alten, wenn sie die Natur angesehen haben, sie haben Mythen gemacht, sie waren imstande, aus ihrer schöpferischen Seelenkraft heraus, Mythen zu gestalten. Dasjenige, was in der Natur geschieht, waren sie fähig, in lebendiger, wesenhafter Art sich vor die Seele zu führen. Der neuere Mensch kann keine Mythen mehr machen. Er macht keine Mythen. Wenn er sie da oder dort doch versucht, so sind sie literatenhaft, feuilletonhaft, so sind sie hölzern. Zunächst hat die Menschheit verlernt, das Lebendige in der schöpferischen Welt durch Mythen zu verkörpern. Der neuere Mensch kann die alten Mythen höchstens interpretieren, wie man sagt. Dann, als der Mensch nicht mehr Mythen machen konnte, ist er wenigstens auf die Geschichte verfallen. Das ist noch nicht so lange her. Aber da er die mythenschöpferische Kraft verloren hatte, konnte er mit der Geschichte auch nichts Rechtes mehr anfangen. Und so kommt dasjenige dann herauf, daß man im 19. Jahrhundert zum Beispiel auf dem Gebiete des Rechtes erklärte: Ja, wir können kein Recht schaffen, wir müssen das historische Recht studieren. Die historische Rechtsschule, die ist ja etwas sehr Merkwürdiges, die ist ein Eingeständnis des unschöpferischen Menschen der Gegenwart. Er sagt, er kann kein Recht schaffen, also muß er Rechtsgeschichte studieren und dieses Recht verbreiten, das er aus der Geschichte kennenlernt. Das war im Anfange des 19. Jahrhunderts etwas, was insbesondere in Mitteleuropa grassiert hat: daß man sich unfähig erklärte, als Gegenwartsmensch zu leben, daß man nur als Geschichtsmensch leben wollte.
[ 9 ] Und Nietzsche, der noch in diesem ewigen Geschichtemachen studieren mußte, der wollte das abschütteln und schrieb eben sein Buch «Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben». Es kam ihm so vor, daß er, wenn er auf seine Studentenzeit zurückblickte und was sie ihm da alles über alte Zeiten vorgebracht haben, dann sagte: Da kann man ja nicht atmen, das ist ja alles Staub, das verlegt einem den Atem. Weg mit der Geschichte! Leben statt der Geschichte!
[ 9 ] Und Nietzsche, der noch in diesem ewigen Geschichtemachen studieren mußte, der wollte das abschütteln und schrieb eben sein Buch «Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben». Es kam ihm so vor, daß er, wenn er auf seine Studentenzeit zurückblickte und was sie ihm da alles über alte Zeiten vorgebracht haben, dann sagte: Da kann man ja nicht atmen, das ist ja alles Staub, das verlegt einem den Atem. Weg mit der Geschichte! Leben statt der Geschichte!
[ 10 ] Und dann kam die spätere Zeit im 19. Jahrhundert. Da kam, aus der historischen Stimmung herausentwickelt, die Angst. Und diese Angst, die drückte sich dadurch aus, daß die Leute das Zähneklappern bekamen, wenn sie überhaupt noch vom Menschen aus irgend etwas hineinschauen sollten in das Naturdasein. Das nannten sie allmählich Anthropomorphismus. In alten Zeiten hat man flott dasjenige, was der Mensch erlebt hat, in die Natur hineingeschaut, weil man gewußt hat, das kommt vom Göttlichen. Die Natur kommt auch vom Göttlichen. Wenn man also seinen Menscheninhalt, der göttlich ist, mit dem Menscheninhalt draußen verbindet, so kriegt man die Wahrheit. Aber der modernste Mensch bekam wahrhaftig das Zähneklappern und dazu eine Gänsehaut, wenn er nur gewahr wurde: da ist irgendwo ein Anthropomorphismus vorhanden! Eine heillose Angst vor dem Anthropomorphismus bekam er.
[ 10 ] Und dann kam die spätere Zeit im 19. Jahrhundert. Da kam, aus der historischen Stimmung herausentwickelt, die Angst. Und diese Angst, die drückte sich dadurch aus, daß die Leute das Zähneklappern bekamen, wenn sie überhaupt noch vom Menschen aus irgend etwas hineinschauen sollten in das Naturdasein. Das nannten sie allmählich Anthropomorphismus. In alten Zeiten hat man flott dasjenige, was der Mensch erlebt hat, in die Natur hineingeschaut, weil man gewußt hat, das kommt vom Göttlichen. Die Natur kommt auch vom Göttlichen. Wenn man also seinen Menscheninhalt, der göttlich ist, mit dem Menscheninhalt draußen verbindet, so kriegt man die Wahrheit. Aber der modernste Mensch bekam wahrhaftig das Zähneklappern und dazu eine Gänsehaut, wenn er nur gewahr wurde: da ist irgendwo ein Anthropomorphismus vorhanden! Eine heillose Angst vor dem Anthropomorphismus bekam er.
[ 11 ] Und in dieser Angst vor dem Anthropomorphismus leben wir heute noch und wissen nicht, daß wir eigentlich fortwährend da, wo wir es nicht merken, Anthropomorphismen machen. Wenn wir in der Physik von der Elastizität zweier Kugeln reden, so haben wir in dem Wort Stoß etwas — denn Stoß kann auch ein Rippenstoß sein, den man mit seiner eigenen Hand versetzt —, was den Stoß hinausversetzt in die elastische Kraft hinein. Nur merkt man es da nicht. Man merkt es dann, wenn man in die Weltenlenkung ein Menschliches legt. Also dasjenige, was da sich aus dem Historismus entwikkelt hat, das ist eine heillose Angst vor dem Anthropomorphismus. Und in dieser Angst lebt der Mensch durchaus heute.
[ 11 ] Und in dieser Angst vor dem Anthropomorphismus leben wir heute noch und wissen nicht, daß wir eigentlich fortwährend da, wo wir es nicht merken, Anthropomorphismen machen. Wenn wir in der Physik von der Elastizität zweier Kugeln reden, so haben wir in dem Wort Stoß etwas — denn Stoß kann auch ein Rippenstoß sein, den man mit seiner eigenen Hand versetzt —, was den Stoß hinausversetzt in die elastische Kraft hinein. Nur merkt man es da nicht. Man merkt es dann, wenn man in die Weltenlenkung ein Menschliches legt. Also dasjenige, was da sich aus dem Historismus entwikkelt hat, das ist eine heillose Angst vor dem Anthropomorphismus. Und in dieser Angst lebt der Mensch durchaus heute.
[ 12 ] Nun, dadurch aber bricht der Mensch alle Brücken ab zu der äußeren Welt. Und vor allen Dingen bricht er die Brücke ab zu einer lebendigen Erfassung des Christus-Wesens. Denn der Christus muß als ein Lebendiger leben, nicht bloß als ein durch die Historie zu Erkennender. Es handelt sich also heute darum, nicht nur über die Geschichte, nicht nur über die mythenbildende Kraft interpretierend, abweisend herzufallen, sondern noch mehr hinter das Geheimnis zu kommen, als man mit dem Interpretieren kommt.
[ 12 ] Nun, dadurch aber bricht der Mensch alle Brücken ab zu der äußeren Welt. Und vor allen Dingen bricht er die Brücke ab zu einer lebendigen Erfassung des Christus-Wesens. Denn der Christus muß als ein Lebendiger leben, nicht bloß als ein durch die Historie zu Erkennender. Es handelt sich also heute darum, nicht nur über die Geschichte, nicht nur über die mythenbildende Kraft interpretierend, abweisend herzufallen, sondern noch mehr hinter das Geheimnis zu kommen, als man mit dem Interpretieren kommt.
[ 13 ] Wenn man heute über irgend etwas vom Menschenstreben reden will, so redet man in der Regel nicht aus der unmittelbaren Gegenwart frisch heraus, sondern man interpretiert Parzival oder irgendeinen älteren noch. Man interpretiert, man erklärt. Aber dieses Erklären ist kein Erklären, sondern ein Erdunkeln, denn es wird nichts klar, hell bei diesem Erklären, sondern immer dunkler wird es.
[ 13 ] Wenn man heute über irgend etwas vom Menschenstreben reden will, so redet man in der Regel nicht aus der unmittelbaren Gegenwart frisch heraus, sondern man interpretiert Parzival oder irgendeinen älteren noch. Man interpretiert, man erklärt. Aber dieses Erklären ist kein Erklären, sondern ein Erdunkeln, denn es wird nichts klar, hell bei diesem Erklären, sondern immer dunkler wird es.
[ 14 ] Der Grund von alledem liegt darinnen, daß wir heute nach zwei Seiten hin keinen Mut haben, die Welt wirklich mit unserer Seele zu ergreifen. Auf der einen Seite liegt das vor, daß wir eine Naturanschauung begründet haben, welche abläuft von dem Nebelzustand der Welt durch den komplizierten Zustand bis zum Wärmetod hin. Dadrinnen hat die moralische Welt keinen Platz, also bleibt man innerhalb der moralischen Welt in der Abstraktion. Das habe ich ja öfter erwähnt. Der heutige Mensch hat keine Kraft, zu erkennen, daß dasjenige, was er mit seinen moralischen Impulsen begründet, die Ursachen für spätere Zukunftswirkungen sind, die man sehen können wird, die real sind. Das ist verloren worden mit dem gestern erwähnten Verfall des scholastischen Realismus.
[ 14 ] Der Grund von alledem liegt darinnen, daß wir heute nach zwei Seiten hin keinen Mut haben, die Welt wirklich mit unserer Seele zu ergreifen. Auf der einen Seite liegt das vor, daß wir eine Naturanschauung begründet haben, welche abläuft von dem Nebelzustand der Welt durch den komplizierten Zustand bis zum Wärmetod hin. Dadrinnen hat die moralische Welt keinen Platz, also bleibt man innerhalb der moralischen Welt in der Abstraktion. Das habe ich ja öfter erwähnt. Der heutige Mensch hat keine Kraft, zu erkennen, daß dasjenige, was er mit seinen moralischen Impulsen begründet, die Ursachen für spätere Zukunftswirkungen sind, die man sehen können wird, die real sind. Das ist verloren worden mit dem gestern erwähnten Verfall des scholastischen Realismus.
[ 15 ] Dadurch ist alles das, was moralische Impulse sind, etwas bloß Gedachtes geworden, mit dem der Mensch als mit einer höheren Naturordnung nichts anzufangen weiß. Er weiß höchstens hinzuschauen auf den Zustand, in den sich die Erde verwandeln wird. Wenn er ehrlich ist, muß er sich dann sagen: Das ist der große Friedhof. Da werden auch die moralischen Ideale, die die Menschen ausgedacht haben, begraben sein. Er hat keine ehrlichen Vorstellungen darüber, wie aus der untergehenden Erde eine neue Weltenkugel herauswächst, die aber das Ausgewachsene von den moralischen Impulsen ist, die der Mensch heute entwickelt. Der Mensch hat heute keine Courage, seine moralischen Impulse als Keim von Zukunftswelten zu denken. Darauf kommt es aber nach der einen Seite hin an. Aber es kommt auf etwas noch an, wozu heute eigentlich noch eine größere Courage gehört. Wir haben auf der einen Seite die moralische Weltordnung, von der wir uns vorzustellen haben, daß sie nicht bloß eine gedachte Weltordnung ist, sondern sich mit Realität verbindet und einmal, nachdem die physische Welt zugrunde gegangen sein wird, eine neue physische Welt sein wird. Wenn wir keine Courage dazu haben, sie zu erfassen, so haben wir zu etwas anderem noch weniger Courage.
[ 15 ] Dadurch ist alles das, was moralische Impulse sind, etwas bloß Gedachtes geworden, mit dem der Mensch als mit einer höheren Naturordnung nichts anzufangen weiß. Er weiß höchstens hinzuschauen auf den Zustand, in den sich die Erde verwandeln wird. Wenn er ehrlich ist, muß er sich dann sagen: Das ist der große Friedhof. Da werden auch die moralischen Ideale, die die Menschen ausgedacht haben, begraben sein. Er hat keine ehrlichen Vorstellungen darüber, wie aus der untergehenden Erde eine neue Weltenkugel herauswächst, die aber das Ausgewachsene von den moralischen Impulsen ist, die der Mensch heute entwickelt. Der Mensch hat heute keine Courage, seine moralischen Impulse als Keim von Zukunftswelten zu denken. Darauf kommt es aber nach der einen Seite hin an. Aber es kommt auf etwas noch an, wozu heute eigentlich noch eine größere Courage gehört. Wir haben auf der einen Seite die moralische Weltordnung, von der wir uns vorzustellen haben, daß sie nicht bloß eine gedachte Weltordnung ist, sondern sich mit Realität verbindet und einmal, nachdem die physische Welt zugrunde gegangen sein wird, eine neue physische Welt sein wird. Wenn wir keine Courage dazu haben, sie zu erfassen, so haben wir zu etwas anderem noch weniger Courage.


[ 16 ] Wir sehen auf der andern Seite die Naturordnung. Diese Naturordnung, die der moralischen Ordnung entgegensteht, diese Naturordnung hat uns die großartige Naturwissenschaft gebracht, die bewundernswürdige Naturwissenschaft. Allein, sehen wir heute uns den Hauptimpuls der Naturwissenschaft an. Dieser Hauptimpuls dringt ja in alle Kreise hinein. Ich möchte sagen, der Bauer weiß heute schon mehr von dem, was durch naturwissenschaftliche Weltanschauung verbreitet wird, als er von einer geistigen Weltanschauung weiß. Aber in welchem Zeichen hat sich denn die neuere Naturwissenschaft entwickelt? Das kann man an einem Beispiel ganz besonders klarmachen, weil sich dieses Beispiel außerordentlich rasch entwickelt hat. Eigentlich ist erst um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert das heraufgedämmert, was heute als ein Kulturingrediens unsere ganze äußere Kultur durchflutet. Denken Sie sich doch einmal den ungeheuer großen Kontrast! Denken Sie an jenen Physiker, der einen Froschschenkel präparierte: Zwischen die Schenkel dieses Frosches kam hinein das Metall von seinem Fensterbelag — der Froschschenkel zuckte, da entdeckte er daran die Elektrizität. Wie lange ist das her? Noch nicht einmal eineinhalb Jahrhunderte. Und heute ist die Elektrizität ein Kulturingrediens. Aber nicht nur ein Kulturingrediens. Sehen Sie, als Leute meines Alters noch junge Dachse waren, da ist es keinem Menschen eingefallen, auf dem Gebiete der Physik etwa von Atomen anders zu reden, als daß kleine, unelastische oder auch meinetwillen elastische Kügelchen seien, die sich gegenseitig stoßen und dergleichen, und man hat dann die Ergebnisse dieser Stöße ausgerechnet. Es wäre dazumal noch niemandem eingefallen, das Atom so ohne weiteres vorzustellen, wie man es heute vorstellt: als ein Elektron, als eine Wesenheit, die eigentlich ganz und gar aus Elektrizität besteht.
[ 16 ] Wir sehen auf der andern Seite die Naturordnung. Diese Naturordnung, die der moralischen Ordnung entgegensteht, diese Naturordnung hat uns die großartige Naturwissenschaft gebracht, die bewundernswürdige Naturwissenschaft. Allein, sehen wir heute uns den Hauptimpuls der Naturwissenschaft an. Dieser Hauptimpuls dringt ja in alle Kreise hinein. Ich möchte sagen, der Bauer weiß heute schon mehr von dem, was durch naturwissenschaftliche Weltanschauung verbreitet wird, als er von einer geistigen Weltanschauung weiß. Aber in welchem Zeichen hat sich denn die neuere Naturwissenschaft entwickelt? Das kann man an einem Beispiel ganz besonders klarmachen, weil sich dieses Beispiel außerordentlich rasch entwickelt hat. Eigentlich ist erst um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert das heraufgedämmert, was heute als ein Kulturingrediens unsere ganze äußere Kultur durchflutet. Denken Sie sich doch einmal den ungeheuer großen Kontrast! Denken Sie an jenen Physiker, der einen Froschschenkel präparierte: Zwischen die Schenkel dieses Frosches kam hinein das Metall von seinem Fensterbelag — der Froschschenkel zuckte, da entdeckte er daran die Elektrizität. Wie lange ist das her? Noch nicht einmal eineinhalb Jahrhunderte. Und heute ist die Elektrizität ein Kulturingrediens. Aber nicht nur ein Kulturingrediens. Sehen Sie, als Leute meines Alters noch junge Dachse waren, da ist es keinem Menschen eingefallen, auf dem Gebiete der Physik etwa von Atomen anders zu reden, als daß kleine, unelastische oder auch meinetwillen elastische Kügelchen seien, die sich gegenseitig stoßen und dergleichen, und man hat dann die Ergebnisse dieser Stöße ausgerechnet. Es wäre dazumal noch niemandem eingefallen, das Atom so ohne weiteres vorzustellen, wie man es heute vorstellt: als ein Elektron, als eine Wesenheit, die eigentlich ganz und gar aus Elektrizität besteht.
[ 17 ] Der Gedanke der Menschen ist ganz eingesponnen worden von der Elektrizität, und das seit noch gar nicht langer Zeit. Heute reden wir von den Atomen als von etwas, wo sich um eine Art kleiner Sonne, um einen Mittelpunkt herum, die Elektrizität lagert; von Elektronen reden wir. Wenn wir also hineinschauen in das Weltengetriebe, so vermuten wir überall Elektrizität. Da hängt schon die äußere Kultur mit dem Denken zusammen. Menschen, die nicht auf den elektrischen Bahnen fahren würden, würden sich auch die Atome nicht so elektrisch vorstellen.
[ 17 ] Der Gedanke der Menschen ist ganz eingesponnen worden von der Elektrizität, und das seit noch gar nicht langer Zeit. Heute reden wir von den Atomen als von etwas, wo sich um eine Art kleiner Sonne, um einen Mittelpunkt herum, die Elektrizität lagert; von Elektronen reden wir. Wenn wir also hineinschauen in das Weltengetriebe, so vermuten wir überall Elektrizität. Da hängt schon die äußere Kultur mit dem Denken zusammen. Menschen, die nicht auf den elektrischen Bahnen fahren würden, würden sich auch die Atome nicht so elektrisch vorstellen.
[ 18 ] Und wenn man nun hinschaut auf die Vorstellungen, die man vor dem Zeitalter der Elektrizität gehabt hat, so kann man von ihnen sagen: Sie haben dem Naturdenker noch die Freiheit gegeben, das Geistige in die Natur wenigstens abstrakt hineinzudenken. — Ein kleiner winziger Rest des scholastischen Realismus war noch vorhanden. Aber die Elektrizität ist dem modernen Menschen auf die Nerven gegangen und hat aus den Nerven alles, was Hinlenkung zum Geistigen ist, herausgeschlagen.
[ 18 ] Und wenn man nun hinschaut auf die Vorstellungen, die man vor dem Zeitalter der Elektrizität gehabt hat, so kann man von ihnen sagen: Sie haben dem Naturdenker noch die Freiheit gegeben, das Geistige in die Natur wenigstens abstrakt hineinzudenken. — Ein kleiner winziger Rest des scholastischen Realismus war noch vorhanden. Aber die Elektrizität ist dem modernen Menschen auf die Nerven gegangen und hat aus den Nerven alles, was Hinlenkung zum Geistigen ist, herausgeschlagen.
[ 19 ] Es ist ja noch weiter gekommen. Das ganze ehrliche Licht, das durch den Weltenraum flutet, ist ja nach und nach verleumdet worden, auch so etwas Ähnliches zu sein wie die Elektrizität. Wenn man heute so über diese Dinge redet, dann kommt es natürlich jemandem, der mit seinem Kopf ganz untergetaucht ist in die elektrische Kulturwelle, so vor, als ob man lauter Unsinn redete. Aber das ist deshalb, weil dieser Mensch eben mit dem Kopf, der das als Unsinn anschaut, eben mit herausgehaltener Zunge wie der Hund, dem es ganz warm geworden ist, und mit der Geschichtslast auf dem Buckel, sich hinschleppt und mit historischen Begriffen belastet ist und nicht aus der unmittelbaren Gegenwart heraus reden kann.
[ 19 ] Es ist ja noch weiter gekommen. Das ganze ehrliche Licht, das durch den Weltenraum flutet, ist ja nach und nach verleumdet worden, auch so etwas Ähnliches zu sein wie die Elektrizität. Wenn man heute so über diese Dinge redet, dann kommt es natürlich jemandem, der mit seinem Kopf ganz untergetaucht ist in die elektrische Kulturwelle, so vor, als ob man lauter Unsinn redete. Aber das ist deshalb, weil dieser Mensch eben mit dem Kopf, der das als Unsinn anschaut, eben mit herausgehaltener Zunge wie der Hund, dem es ganz warm geworden ist, und mit der Geschichtslast auf dem Buckel, sich hinschleppt und mit historischen Begriffen belastet ist und nicht aus der unmittelbaren Gegenwart heraus reden kann.
[ 20 ] Denn sehen Sie, mit der Elektrizität betritt man ein Gebiet, das sich dem imaginativen Anschauen anders darstellt als andere Naturgebiete. Solange man im Licht, in der Welt der Töne, also in Optik und Akustik geblieben war, so lange brauchte man nicht dasjenige moralisch zu beurteilen, was einem Stein, Pflanze, Tier, im Lichte als Farben, in der Gehörwelt als Töne kundgaben, weil man einen wenn auch schwachen Nachklang von der Realität der Begriffe und Ideen hatte. Aber die Elektrizität trieb einem diesen Nachklang aus. Und wenn man auf der einen Seite heute für die Welt der moralischen Impulse nicht imstande ist, die Realität zu finden, so ist man andererseits auf dem Felde dessen, was man heute als das wichtigste Ingrediens der Natur ansieht, erst recht nicht imstande, das Moralische zu finden.
[ 20 ] Denn sehen Sie, mit der Elektrizität betritt man ein Gebiet, das sich dem imaginativen Anschauen anders darstellt als andere Naturgebiete. Solange man im Licht, in der Welt der Töne, also in Optik und Akustik geblieben war, so lange brauchte man nicht dasjenige moralisch zu beurteilen, was einem Stein, Pflanze, Tier, im Lichte als Farben, in der Gehörwelt als Töne kundgaben, weil man einen wenn auch schwachen Nachklang von der Realität der Begriffe und Ideen hatte. Aber die Elektrizität trieb einem diesen Nachklang aus. Und wenn man auf der einen Seite heute für die Welt der moralischen Impulse nicht imstande ist, die Realität zu finden, so ist man andererseits auf dem Felde dessen, was man heute als das wichtigste Ingrediens der Natur ansieht, erst recht nicht imstande, das Moralische zu finden.
[ 21 ] Wenn heute einer den moralischen Impulsen reale Wirksamkeit zuschreibt, so daß sie die Kraft in sich haben, wie ein Pflanzenkeim später sinnliche Realität zu werden, dann gilt er als ein halber Narr. Wenn aber etwa heute jemand kommen würde und Naturwirkungen moralische Impulse zuschreiben würde, dann gälte er als ein ganzer Narr. Und dennoch, wer jemals mit wirklicher geistiger Anschauung den elektrischen Strom bewußt durch sein Nervensystem gehen gefühlt hat, der weiß, daß Elektrizität nicht bloß eine Naturströmung ist, sondern daß Elektrizität in der Natur zu gleicher Zeit ein Moralisches ist, und daß in dem Augenblicke, wo wir das Gebiet des Elektrischen betreten, wir uns zugleich in das Moralische hineinbegeben. Denn wenn Sie Ihren Fingerknöchel irgendwo in einen geschlossenen Strom einschalten, so fühlen Sie sogleich, daß sie Ihr Innenleben in ein Gebiet des Innenmenschen hineinerweitern, wo zugleich das Moralische herauskommt. Sie können die Eigenelektrizität, die im Menschen liegt, in keinem andern Gebiete suchen, als wo zugleich die moralischen Impulse herauskommen. Wer die Totalität des Elektrischen erlebt, der erlebt eben zugleich das Naturmoralische. Und ahnungslos haben eigentlich die modernen Physiker einen sonderbaren Hokuspokus gemacht. Sie haben das Atom elektrisch vorgestellt und haben aus dem allgemeinen Zeitbewußtsein heraus vergessen, daß sie dann, wenn sie das Atom elektrisch vorstellen, diesem Atom, jedem Atom einen moralischen Impuls beilegen, es zugleich zu einem moralischen Wesen machen. Aber ich spreche jetzt unrichtig. Man macht nämlich das Atom, indem man es zum Elektron macht, nicht zu einem moralischen Wesen, sondern man macht es zu einem unmoralischen Wesen. In der Elektrizität sind allerdings schwimmend die moralischen Impulse, die Naturimpulse — aber das sind die unmoralischen, das sind die Instinkte des Bösen, die durch die obere Welt überwunden werden müssen.
[ 21 ] Wenn heute einer den moralischen Impulsen reale Wirksamkeit zuschreibt, so daß sie die Kraft in sich haben, wie ein Pflanzenkeim später sinnliche Realität zu werden, dann gilt er als ein halber Narr. Wenn aber etwa heute jemand kommen würde und Naturwirkungen moralische Impulse zuschreiben würde, dann gälte er als ein ganzer Narr. Und dennoch, wer jemals mit wirklicher geistiger Anschauung den elektrischen Strom bewußt durch sein Nervensystem gehen gefühlt hat, der weiß, daß Elektrizität nicht bloß eine Naturströmung ist, sondern daß Elektrizität in der Natur zu gleicher Zeit ein Moralisches ist, und daß in dem Augenblicke, wo wir das Gebiet des Elektrischen betreten, wir uns zugleich in das Moralische hineinbegeben. Denn wenn Sie Ihren Fingerknöchel irgendwo in einen geschlossenen Strom einschalten, so fühlen Sie sogleich, daß sie Ihr Innenleben in ein Gebiet des Innenmenschen hineinerweitern, wo zugleich das Moralische herauskommt. Sie können die Eigenelektrizität, die im Menschen liegt, in keinem andern Gebiete suchen, als wo zugleich die moralischen Impulse herauskommen. Wer die Totalität des Elektrischen erlebt, der erlebt eben zugleich das Naturmoralische. Und ahnungslos haben eigentlich die modernen Physiker einen sonderbaren Hokuspokus gemacht. Sie haben das Atom elektrisch vorgestellt und haben aus dem allgemeinen Zeitbewußtsein heraus vergessen, daß sie dann, wenn sie das Atom elektrisch vorstellen, diesem Atom, jedem Atom einen moralischen Impuls beilegen, es zugleich zu einem moralischen Wesen machen. Aber ich spreche jetzt unrichtig. Man macht nämlich das Atom, indem man es zum Elektron macht, nicht zu einem moralischen Wesen, sondern man macht es zu einem unmoralischen Wesen. In der Elektrizität sind allerdings schwimmend die moralischen Impulse, die Naturimpulse — aber das sind die unmoralischen, das sind die Instinkte des Bösen, die durch die obere Welt überwunden werden müssen.
[ 22 ] Und der größte Gegensatz zur Elektrizität ist das Licht. Und es ist ein Vermischen des Guten und des Bösen, wenn man das Licht als Elektrizität ansieht. Man hat eben die wirkliche Anschauung des Bösen in der Naturordnung verloren, wenn man sich nicht bewußt ist, daß man eigentlich die Atome, indem man sie elektrifiziert, zu den Trägern des Bösen macht, nicht nur, wie ich im letzten Kursus ausgeführt habe, zu den Trägern des Toten, sondern zu den Trägern des Bösen. Zu den Trägern des Toten macht man sie, indem man sie überhaupt Atome sein läßt, indem man die Materie atomistisch vorstellt. In dem Augenblicke, wo man diesen Teil der Materie elcktrifiziert, in demselben Augenblicke stellt man sich die Natur als das Böse vor. Denn elektrische Atome sind böse, kleine Dämonen.
[ 22 ] Und der größte Gegensatz zur Elektrizität ist das Licht. Und es ist ein Vermischen des Guten und des Bösen, wenn man das Licht als Elektrizität ansieht. Man hat eben die wirkliche Anschauung des Bösen in der Naturordnung verloren, wenn man sich nicht bewußt ist, daß man eigentlich die Atome, indem man sie elektrifiziert, zu den Trägern des Bösen macht, nicht nur, wie ich im letzten Kursus ausgeführt habe, zu den Trägern des Toten, sondern zu den Trägern des Bösen. Zu den Trägern des Toten macht man sie, indem man sie überhaupt Atome sein läßt, indem man die Materie atomistisch vorstellt. In dem Augenblicke, wo man diesen Teil der Materie elcktrifiziert, in demselben Augenblicke stellt man sich die Natur als das Böse vor. Denn elektrische Atome sind böse, kleine Dämonen.
[ 23 ] Damit ist eigentlich recht viel gesagt. Denn es ist damit gesagt, daß die moderne Naturerklärung auf dem Wege ist, sich mit dem Bösen richtig zu verbinden. Diese sonderbaren Leute am Ausgang des Mittelalters, die sich so gefürchtet haben vor dem Agrippa von Nettesheim, vor dem Trithem von Sponheim und all den andern, die sie mit dem bösen Pudel des Faust herumgehen ließen, die haben das alles zwar tölpisch ausgedrückt. Aber wenn auch ihre Begriffe unrecht hatten, ihr Gefühl hatte nicht ganz unrecht. Denn wenn wir heute den Physiker sehen, wie er ahnungslos erklärt, die Natur bestehe aus Elektronen, so erklärt er nämlich in Wirklichkeit, die Natur bestehe aus kleinen Dämonen des Bösen. Und es wird, indem man dann diese Natur nurmehr anerkennt, das Böse zu dem Weltengotte erklärt. Würde man ein Gegenwartsmensch sein und würde man nicht nach althergebrachten Begriffen verfahren, sondern nach der Wirklichkeit, dann würde man eben darauf kommen, daß — ebenso wie die moralischen Impulse Leben haben, Naturleben haben, wodurch sie sich realisieren als eine spätere sinnlich wirkliche Welt — auch das Elektrische in der Natur Moralität hat. Nämlich, wenn das Moralische in der Zukunft Naturwirklichkeit hat, hatte das Elektrische in der Vergangenheit Moralwirklichkeit. Und wenn wir es heute anschauen, sehen wir die Bilder einer einstigen Moralwirklichkeit, die aber umgeschlagen sind in das Böse.
[ 23 ] Damit ist eigentlich recht viel gesagt. Denn es ist damit gesagt, daß die moderne Naturerklärung auf dem Wege ist, sich mit dem Bösen richtig zu verbinden. Diese sonderbaren Leute am Ausgang des Mittelalters, die sich so gefürchtet haben vor dem Agrippa von Nettesheim, vor dem Trithem von Sponheim und all den andern, die sie mit dem bösen Pudel des Faust herumgehen ließen, die haben das alles zwar tölpisch ausgedrückt. Aber wenn auch ihre Begriffe unrecht hatten, ihr Gefühl hatte nicht ganz unrecht. Denn wenn wir heute den Physiker sehen, wie er ahnungslos erklärt, die Natur bestehe aus Elektronen, so erklärt er nämlich in Wirklichkeit, die Natur bestehe aus kleinen Dämonen des Bösen. Und es wird, indem man dann diese Natur nurmehr anerkennt, das Böse zu dem Weltengotte erklärt. Würde man ein Gegenwartsmensch sein und würde man nicht nach althergebrachten Begriffen verfahren, sondern nach der Wirklichkeit, dann würde man eben darauf kommen, daß — ebenso wie die moralischen Impulse Leben haben, Naturleben haben, wodurch sie sich realisieren als eine spätere sinnlich wirkliche Welt — auch das Elektrische in der Natur Moralität hat. Nämlich, wenn das Moralische in der Zukunft Naturwirklichkeit hat, hatte das Elektrische in der Vergangenheit Moralwirklichkeit. Und wenn wir es heute anschauen, sehen wir die Bilder einer einstigen Moralwirklichkeit, die aber umgeschlagen sind in das Böse.
[ 24 ] Wäre Anthroposophie fanatisch, wäre Anthroposophie asketisch, so würde jetzt natürlich ein Donnerwetter folgen auf die Kultur der Elektrizität. Das wäre aber ein selbstverständlicher Unsinn, denn so reden können nur diejenigen Weltanschauungen, die nicht mit der Wirklichkeit rechnen. Die können sagen: O das ist ahrimanisch! Weg davon! — Das kann man nämlich nur in der Abstraktion tun. Denn wenn man gerade eben eine sektiererische Versammlung arrangiert hat und da gewettert hat von dem Sich-Hüten vor Ahriman, dann geht man doch über die Treppe hinunter und steigt in die elektrische Bahn ein. So daß dieses ganze Wettern über den Ahriman, wenn es noch so heilig klingt — verzeihen Sie den trivialen Ausdruck —, Mumpitz ist. Man kann sich eben nicht davor verschließen, daß man mit dem Ahriman leben muß. Man muß nur in der richtigen Weise mit ihm leben, man muß sich nur nicht von ihm überwältigen lassen.
[ 24 ] Wäre Anthroposophie fanatisch, wäre Anthroposophie asketisch, so würde jetzt natürlich ein Donnerwetter folgen auf die Kultur der Elektrizität. Das wäre aber ein selbstverständlicher Unsinn, denn so reden können nur diejenigen Weltanschauungen, die nicht mit der Wirklichkeit rechnen. Die können sagen: O das ist ahrimanisch! Weg davon! — Das kann man nämlich nur in der Abstraktion tun. Denn wenn man gerade eben eine sektiererische Versammlung arrangiert hat und da gewettert hat von dem Sich-Hüten vor Ahriman, dann geht man doch über die Treppe hinunter und steigt in die elektrische Bahn ein. So daß dieses ganze Wettern über den Ahriman, wenn es noch so heilig klingt — verzeihen Sie den trivialen Ausdruck —, Mumpitz ist. Man kann sich eben nicht davor verschließen, daß man mit dem Ahriman leben muß. Man muß nur in der richtigen Weise mit ihm leben, man muß sich nur nicht von ihm überwältigen lassen.
[ 25 ] Und Sie können schon aus meinem ersten Mysteriendrama, aus dem Schlußbild ersehen, was die Bewußtlosigkeit über eine Sache bedeutet. Lesen Sie dieses Schlußbild noch einmal nach und Sie werden sehen, daß es etwas ganz anderes ist, ob ich mich über eine Sache in Unbewufßtheit wiege, oder ob ich sie bewußt erfasse. Ahriman und Luzifer haben die höchste Gewalt über den Menschen, wenn der Mensch von ihnen nichts weiß, wenn sie an ihm hantieren können, ohne daß er es weiß. Das ist gerade in dem Schlußbilde des ersten Mysteriendramas ausgesprochen. Daher hat die ahrimanische Elektrizität über den Kulturmenschen nur so lange Gewalt, solange der Mensch ganz hübsch unbewußt, ahnungslos die Atome elektrifiziert und glaubt: das ist eben harmlos. Er wird dabei nur nicht gewahr, daß er sich so die Natur aus lauter kleinen Dämonen des Bösen bestehend vorstellt. Und wenn er gar noch das Licht elektrifiziert, wie es eine neuere Theorie getan hat, dann dichtet er dem guten Gotte die Eigenschaften des Bösen an. Es ist eigentlich erschrekkend, in welch hohem Grade ahnungslos unsere heutige Naturforschung eine Dämonolatrie ist, eine Anbetung der Dämonen. Man muß sich dessen nur bewußt werden, denn auf die Bewußtheit kommt es dabei an — wir leben im Zeitalter der Bewußtseinsseele.
[ 25 ] Und Sie können schon aus meinem ersten Mysteriendrama, aus dem Schlußbild ersehen, was die Bewußtlosigkeit über eine Sache bedeutet. Lesen Sie dieses Schlußbild noch einmal nach und Sie werden sehen, daß es etwas ganz anderes ist, ob ich mich über eine Sache in Unbewufßtheit wiege, oder ob ich sie bewußt erfasse. Ahriman und Luzifer haben die höchste Gewalt über den Menschen, wenn der Mensch von ihnen nichts weiß, wenn sie an ihm hantieren können, ohne daß er es weiß. Das ist gerade in dem Schlußbilde des ersten Mysteriendramas ausgesprochen. Daher hat die ahrimanische Elektrizität über den Kulturmenschen nur so lange Gewalt, solange der Mensch ganz hübsch unbewußt, ahnungslos die Atome elektrifiziert und glaubt: das ist eben harmlos. Er wird dabei nur nicht gewahr, daß er sich so die Natur aus lauter kleinen Dämonen des Bösen bestehend vorstellt. Und wenn er gar noch das Licht elektrifiziert, wie es eine neuere Theorie getan hat, dann dichtet er dem guten Gotte die Eigenschaften des Bösen an. Es ist eigentlich erschrekkend, in welch hohem Grade ahnungslos unsere heutige Naturforschung eine Dämonolatrie ist, eine Anbetung der Dämonen. Man muß sich dessen nur bewußt werden, denn auf die Bewußtheit kommt es dabei an — wir leben im Zeitalter der Bewußtseinsseele.
[ 26 ] Warum verstehen wir es nicht, im Zeitalter der Bewußtseinsseele zu leben? Wir verstehen es nicht, weil wir eben die Last des Historischen auf unserem Buckel tragen, weil wir mit keinen neuen Begriffen arbeiten, sondern mit lauter alten.
[ 26 ] Warum verstehen wir es nicht, im Zeitalter der Bewußtseinsseele zu leben? Wir verstehen es nicht, weil wir eben die Last des Historischen auf unserem Buckel tragen, weil wir mit keinen neuen Begriffen arbeiten, sondern mit lauter alten.
[ 27 ] Und wenn einer das spürt wie Nietzsche, dann kommt er zunächst nur ins Kritisieren hinein, aber er ist doch, wenn er auf dem Felde des Alten stehenbleibt, nicht imstande, irgendwie die Richtung zu zeigen, in der die Entwickelung weitergehen muß. Sehen Sie sich einmal diesen, ich möchte sagen, brillanten jungen Nietzsche an, der diese glänzende Abhandlung geschrieben hat: «Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben», der da wirklich mit flammenden Worten gefordert hat, daß man die Last der Geschichte abschmeiße und ein Mensch in der vollen Gegenwart werde, daß man das Leben an die Stelle der Vergangenheit setze. Was ist geworden? Er hat sich den Darwinismus genommen und ist gewahr geworden — nun ja: Aus dem Tier ist der Mensch geworden, also aus dem Menschen wird der Übermensch. — Aber dieser Übermensch ist ja ein ganz abstraktes Produkt geblieben, hat ja keinen Inhalt, ist ja ein leerer Menschensack. Man kann physisch allerlei von ihm sagen, aber man kommt zu keiner Imagination. Gewiß, man kann im Sinne von Nietzsche die Naturwissenschafter Rechenknechte nennen; es ist sogar ein sehr schön geprägtes Wort, denn fast etwas anderes tun die Naturwissenschafter heute nicht mehr, als rechnen. Und wenn einer nicht rechnet, wie zum Beispiel Goethe, dann schmeißen sie ihn hinaus aus dem Tempel der Naturwissenschaft. Aber um was es sich handelt, ist doch etwas anderes. Um was es sich handelt, ist die Courage, das Moralische in seiner Realität, und das Natürliche in seiner Idealität am rechten Flecke zu erkennen, die moralischen Impulse als den Keim späterer Naturordnungen zu erkennen, die Naturordnung mit ihrer Elektrizität heute als eine moralische Ordnung zu erkennen, wenn auch als die antimoralische, als die böse Ordnung zu erkennen. Man muß den Mut haben, am rechten Fleck der Natur moralische Eigenschaften beilegen zu können.
[ 27 ] Und wenn einer das spürt wie Nietzsche, dann kommt er zunächst nur ins Kritisieren hinein, aber er ist doch, wenn er auf dem Felde des Alten stehenbleibt, nicht imstande, irgendwie die Richtung zu zeigen, in der die Entwickelung weitergehen muß. Sehen Sie sich einmal diesen, ich möchte sagen, brillanten jungen Nietzsche an, der diese glänzende Abhandlung geschrieben hat: «Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben», der da wirklich mit flammenden Worten gefordert hat, daß man die Last der Geschichte abschmeiße und ein Mensch in der vollen Gegenwart werde, daß man das Leben an die Stelle der Vergangenheit setze. Was ist geworden? Er hat sich den Darwinismus genommen und ist gewahr geworden — nun ja: Aus dem Tier ist der Mensch geworden, also aus dem Menschen wird der Übermensch. — Aber dieser Übermensch ist ja ein ganz abstraktes Produkt geblieben, hat ja keinen Inhalt, ist ja ein leerer Menschensack. Man kann physisch allerlei von ihm sagen, aber man kommt zu keiner Imagination. Gewiß, man kann im Sinne von Nietzsche die Naturwissenschafter Rechenknechte nennen; es ist sogar ein sehr schön geprägtes Wort, denn fast etwas anderes tun die Naturwissenschafter heute nicht mehr, als rechnen. Und wenn einer nicht rechnet, wie zum Beispiel Goethe, dann schmeißen sie ihn hinaus aus dem Tempel der Naturwissenschaft. Aber um was es sich handelt, ist doch etwas anderes. Um was es sich handelt, ist die Courage, das Moralische in seiner Realität, und das Natürliche in seiner Idealität am rechten Flecke zu erkennen, die moralischen Impulse als den Keim späterer Naturordnungen zu erkennen, die Naturordnung mit ihrer Elektrizität heute als eine moralische Ordnung zu erkennen, wenn auch als die antimoralische, als die böse Ordnung zu erkennen. Man muß den Mut haben, am rechten Fleck der Natur moralische Eigenschaften beilegen zu können.
[ 28 ] Dazu ist natürlich eine richtige Menschenerkenntnis notwendig. Denn wenn der Mensch im Sinne der heutigen Physiologie nachdenkt, warum eigentlich ein unmoralischer Impuls, dem er sich hingibt, seinem Körper schaden soll, so wäre er ja ein Trottel, wenn er das nach der heutigen Physiologie und Biologie zugestehen würde. Denn er kennt all die Wirkungsweisen, die im Blute, in den Nerven und so weiter tätig sind: dadrinnen ist nirgends vom Moralischen die Rede. Und wenn dann geredet wird von Elektrizität und dem Menschen auch eine innerliche Elektrizität zugeschrieben wird, dann weiß ja der Mensch nichts davon, daß diese Elektrizität die unmoralischen Impulse wirklich absorbieren kann, aufnehmen kann. Man redet heute von Sauerstoffabsorbieren, von allem möglichen Absorbieren im materiellen Sinne. Daß aber die Elektrizität in uns das Unmoralische absorbiert und daß das ein Naturgesetz ist wie andere Naturgesetze, davon redet man nicht, ebensowenig wie man davon redet, daß das Licht, das wir aus der Außenwelt aufnehmen, in uns konserviert, die guten, moralischen Impulse absorbiert. Man muß in die Physiologie das Geistige hineinbringen.
[ 28 ] Dazu ist natürlich eine richtige Menschenerkenntnis notwendig. Denn wenn der Mensch im Sinne der heutigen Physiologie nachdenkt, warum eigentlich ein unmoralischer Impuls, dem er sich hingibt, seinem Körper schaden soll, so wäre er ja ein Trottel, wenn er das nach der heutigen Physiologie und Biologie zugestehen würde. Denn er kennt all die Wirkungsweisen, die im Blute, in den Nerven und so weiter tätig sind: dadrinnen ist nirgends vom Moralischen die Rede. Und wenn dann geredet wird von Elektrizität und dem Menschen auch eine innerliche Elektrizität zugeschrieben wird, dann weiß ja der Mensch nichts davon, daß diese Elektrizität die unmoralischen Impulse wirklich absorbieren kann, aufnehmen kann. Man redet heute von Sauerstoffabsorbieren, von allem möglichen Absorbieren im materiellen Sinne. Daß aber die Elektrizität in uns das Unmoralische absorbiert und daß das ein Naturgesetz ist wie andere Naturgesetze, davon redet man nicht, ebensowenig wie man davon redet, daß das Licht, das wir aus der Außenwelt aufnehmen, in uns konserviert, die guten, moralischen Impulse absorbiert. Man muß in die Physiologie das Geistige hineinbringen.
[ 29 ] Aber das können wir nur, wenn wir uns freimachen von den alten Begriffslasten der Geschichte, die in uns krabbelt und sticht und vor allen Dingen auf unserem Rücken trampelt. Das können wir nur, wenn wir uns erinnern: mit dem Verfall des scholastischen Realismus sind unsere Begriffe Worte geworden — Worte im schlechten Sinne —, und mit den Worten kommt man nicht mehr an die Realität heran. Wir leben ja nicht mehr die Worte mit, sonst würden wir im Verfolgen der Laute eben noch etwas Lebendiges haben. Denken Sie nur, wie oft ich hier gesagt habe: Der Geist, der in der Sprache waltet, ist ein weiser Geist, viel weiser als der einzelne Mensch ist. — Bei jeder Gelegenheit kann das der Mensch wahrnehmen, wenn er ein Gefühl entwickelt für das Wunderbare, das in den Wortgestaltungen lebt. Denken Sie nur einmal — und in andern Sprachen ist es nicht anders —, wenn ich sage: besinnen, ich besinne mich, und: ich habe mich besonnen! — Heute schleppt der Lehrer die Last der Historie auf dem Buckel in das Schulzimmer hinein, hängt diese Last nicht an den Nagel, sondern unterrichtet unter dieser Last mit klebriger Zunge, bringt es höchstens zustande, grammatikalisch den Schülern zu sagen: Ich besinne mich —, ist die Gegenwart, das Präsens, Ich habe mich besonnen —, ist das Perfektum.
[ 29 ] Aber das können wir nur, wenn wir uns freimachen von den alten Begriffslasten der Geschichte, die in uns krabbelt und sticht und vor allen Dingen auf unserem Rücken trampelt. Das können wir nur, wenn wir uns erinnern: mit dem Verfall des scholastischen Realismus sind unsere Begriffe Worte geworden — Worte im schlechten Sinne —, und mit den Worten kommt man nicht mehr an die Realität heran. Wir leben ja nicht mehr die Worte mit, sonst würden wir im Verfolgen der Laute eben noch etwas Lebendiges haben. Denken Sie nur, wie oft ich hier gesagt habe: Der Geist, der in der Sprache waltet, ist ein weiser Geist, viel weiser als der einzelne Mensch ist. — Bei jeder Gelegenheit kann das der Mensch wahrnehmen, wenn er ein Gefühl entwickelt für das Wunderbare, das in den Wortgestaltungen lebt. Denken Sie nur einmal — und in andern Sprachen ist es nicht anders —, wenn ich sage: besinnen, ich besinne mich, und: ich habe mich besonnen! — Heute schleppt der Lehrer die Last der Historie auf dem Buckel in das Schulzimmer hinein, hängt diese Last nicht an den Nagel, sondern unterrichtet unter dieser Last mit klebriger Zunge, bringt es höchstens zustande, grammatikalisch den Schülern zu sagen: Ich besinne mich —, ist die Gegenwart, das Präsens, Ich habe mich besonnen —, ist das Perfektum.
[ 30 ] Aber wenn ich mich besonnen habe, muß ich doch fühlen, was heißt denn das: Ich habe mich besonnen? — Ich habe mich in die Sonne gestellt! Und wenn ich mich besinne, da habe ich mich bedient des Sonnenlichtes, das in mir ist, da verdichtet sich das o zum i. — Überhaupt, wenn die Sonne in mir lebt, so ist sie — die Sinne! Wenn ich mich der Sonne hingebe, so weiß ich nichts mehr von den Sinnen, dann sind sie die Sonne. Vom Sinnen gehe ich hinaus in die Welt. Ich werde ein Glied des Kosmos, indem ich Vergangenheit aufnehme. Man muß mitleben mit der Sprache, man muß fühlen, was das heißt, ein i wird zu einem o. Das bedeutet ja etwas, was man in der Welt tut, wenn man in der Sprache ein i zu einem o werden laßt!
[ 30 ] Aber wenn ich mich besonnen habe, muß ich doch fühlen, was heißt denn das: Ich habe mich besonnen? — Ich habe mich in die Sonne gestellt! Und wenn ich mich besinne, da habe ich mich bedient des Sonnenlichtes, das in mir ist, da verdichtet sich das o zum i. — Überhaupt, wenn die Sonne in mir lebt, so ist sie — die Sinne! Wenn ich mich der Sonne hingebe, so weiß ich nichts mehr von den Sinnen, dann sind sie die Sonne. Vom Sinnen gehe ich hinaus in die Welt. Ich werde ein Glied des Kosmos, indem ich Vergangenheit aufnehme. Man muß mitleben mit der Sprache, man muß fühlen, was das heißt, ein i wird zu einem o. Das bedeutet ja etwas, was man in der Welt tut, wenn man in der Sprache ein i zu einem o werden laßt!
[ 31 ] Diese Dinge deuten eben darauf hin, wie wir nötig haben zu den Fundamenten der Menschlichkeit zurückzugehen, um solche Sehnsuchten zu erklären, wie sie die besten Leute — Herman Grimm, Nietzsche — gehabt haben. Mit so etwas, wie es die Eurythmie ist, schaffen wir etwas, was zu den Fundamenten des Menschlichen zurückgeht. Daher ist es so wichtig, daß gerade Anthroposophen auch solch ein künstlerisches Schaffen, wie die Eurythmie, richtig aus dem Fundamente verstehen. Darauf kommt es an, daß wir als Anthroposophen fühlen, was wirklich als Erneuerung der Zivilisation gemeint ist.
[ 31 ] Diese Dinge deuten eben darauf hin, wie wir nötig haben zu den Fundamenten der Menschlichkeit zurückzugehen, um solche Sehnsuchten zu erklären, wie sie die besten Leute — Herman Grimm, Nietzsche — gehabt haben. Mit so etwas, wie es die Eurythmie ist, schaffen wir etwas, was zu den Fundamenten des Menschlichen zurückgeht. Daher ist es so wichtig, daß gerade Anthroposophen auch solch ein künstlerisches Schaffen, wie die Eurythmie, richtig aus dem Fundamente verstehen. Darauf kommt es an, daß wir als Anthroposophen fühlen, was wirklich als Erneuerung der Zivilisation gemeint ist.
[ 32 ] Es kommt also wirklich in der Gegenwart nicht darauf an, daß wir etwa noch mehr Geschichte hereintragen, sondern daß wir Gegenwartsmenschen werden. Dieses Bewußtsein, das muß auftauchen in den Seelen der Anthroposophen. Sonst wird es doch immer wieder und wiederum mißverstanden werden, wie man es mit dem Anthroposophischen zu halten hat. Es tauchen da oder dort immer wiederum solche Bestrebungen auf, die da zeigen, daß man von solch einem Urteil ausgeht, wie: Kann man nicht da oder dorthin ein bissel Eurythmisches bringen, damit die Leute, eingestreut in andere Sachen, auch etwas Eurythmisches sehen? Damit man den Leuten entgegenkommt, ihnen nach ihrem eigenen Geschmack so ein bißchen das Eurythmische oder Anthroposophische hereinschwindelt? — Das darf nicht unsere Bestrebung sein, sondern wir müssen in absoluter Ehrlichkeit und Redlichkeit dasjenige vor die Welt hinstellen, was Anthroposophie wirklich wollen muß. Sonst kommen wir nicht weiter. Mit dem Rücksichtnehmen auf das Alte werden wir solche Dinge nicht erreichen, wie ich sie eben charakterisiert habe und wie sie, damit die Menschheit nicht absterbe, erreicht werden müssen.
[ 32 ] Es kommt also wirklich in der Gegenwart nicht darauf an, daß wir etwa noch mehr Geschichte hereintragen, sondern daß wir Gegenwartsmenschen werden. Dieses Bewußtsein, das muß auftauchen in den Seelen der Anthroposophen. Sonst wird es doch immer wieder und wiederum mißverstanden werden, wie man es mit dem Anthroposophischen zu halten hat. Es tauchen da oder dort immer wiederum solche Bestrebungen auf, die da zeigen, daß man von solch einem Urteil ausgeht, wie: Kann man nicht da oder dorthin ein bissel Eurythmisches bringen, damit die Leute, eingestreut in andere Sachen, auch etwas Eurythmisches sehen? Damit man den Leuten entgegenkommt, ihnen nach ihrem eigenen Geschmack so ein bißchen das Eurythmische oder Anthroposophische hereinschwindelt? — Das darf nicht unsere Bestrebung sein, sondern wir müssen in absoluter Ehrlichkeit und Redlichkeit dasjenige vor die Welt hinstellen, was Anthroposophie wirklich wollen muß. Sonst kommen wir nicht weiter. Mit dem Rücksichtnehmen auf das Alte werden wir solche Dinge nicht erreichen, wie ich sie eben charakterisiert habe und wie sie, damit die Menschheit nicht absterbe, erreicht werden müssen.
[ 33 ] Nicht wahr, Umdenken und Umempfinden waren die Worte, die ich gestern gebraucht habe. Zu einem solchen Umdenken und Umempfinden, nicht bloß zum Betrachten eines andern Weltbildes müssen wir kommen. Und wir müssen uns den Mut zulegen, moralische Begriffe, also in diesem Falle antimoralische Begriffe anzuwenden, wenn wir von Elektrizität sprechen. Vor den Dingen gruselt es ja dem modernen Menschen. Er empfindet es unangenehm, wenn er sich gestehen soll, daß er sich, wenn er in die elektrische Bahn einsteigt, auf den Sessel des Ahriman setzt. Also mystiziert er sich lieber darüber hinweg, bildet sektiererische Versammlungen, in denen er sagt: Man muß sich vor dem Ahriman hüten. — Aber darauf kommt es nicht an, sondern es kommt darauf an, daß wir wissen: Die Erdenentwickelung ist fortan eine solche, wo die Naturkräfte selber, die in das Kulturleben hereinwirken, ahrimanisiert sein müssen. Und man muß sich dessen geradezu bewußt sein, weil man nur dadurch den richtigen Weg finden wird.
[ 33 ] Nicht wahr, Umdenken und Umempfinden waren die Worte, die ich gestern gebraucht habe. Zu einem solchen Umdenken und Umempfinden, nicht bloß zum Betrachten eines andern Weltbildes müssen wir kommen. Und wir müssen uns den Mut zulegen, moralische Begriffe, also in diesem Falle antimoralische Begriffe anzuwenden, wenn wir von Elektrizität sprechen. Vor den Dingen gruselt es ja dem modernen Menschen. Er empfindet es unangenehm, wenn er sich gestehen soll, daß er sich, wenn er in die elektrische Bahn einsteigt, auf den Sessel des Ahriman setzt. Also mystiziert er sich lieber darüber hinweg, bildet sektiererische Versammlungen, in denen er sagt: Man muß sich vor dem Ahriman hüten. — Aber darauf kommt es nicht an, sondern es kommt darauf an, daß wir wissen: Die Erdenentwickelung ist fortan eine solche, wo die Naturkräfte selber, die in das Kulturleben hereinwirken, ahrimanisiert sein müssen. Und man muß sich dessen geradezu bewußt sein, weil man nur dadurch den richtigen Weg finden wird.
[ 34 ] Das ist auch schon etwas, was als Erkenntnis in sich zu entwikkeln, zu den Aufgaben des Anthroposophen gehört. Und es kann sich wirklich nicht darum handeln, daß Anthroposophie nur so hingenommen würde wie eine Art Ersatz für etwas, was einem früher in den Bekenntnissen geliefert worden ist. Die sind vielen sogenannten gebildeten Menschen heute langweilig geworden, die Anthroposophie ist noch nicht so langweilig, sie ist kurzweiliger; also wenden sie sich nicht zu dem oder jenem Bekenntnis, sondern zu der Anthroposophie. So kann es nicht sein, sondern worum es sich handelt, ist: daß wir aus dem Zeitbewußtsein heraus ganz objektiv die Zugehörigkeit unseres Herzens zu dem Gottesherzen der Welt verspüren. Das aber kann eben gerade durch solche Wege erreicht werden, wie sie hier charakterisiert worden sind.
[ 34 ] Das ist auch schon etwas, was als Erkenntnis in sich zu entwikkeln, zu den Aufgaben des Anthroposophen gehört. Und es kann sich wirklich nicht darum handeln, daß Anthroposophie nur so hingenommen würde wie eine Art Ersatz für etwas, was einem früher in den Bekenntnissen geliefert worden ist. Die sind vielen sogenannten gebildeten Menschen heute langweilig geworden, die Anthroposophie ist noch nicht so langweilig, sie ist kurzweiliger; also wenden sie sich nicht zu dem oder jenem Bekenntnis, sondern zu der Anthroposophie. So kann es nicht sein, sondern worum es sich handelt, ist: daß wir aus dem Zeitbewußtsein heraus ganz objektiv die Zugehörigkeit unseres Herzens zu dem Gottesherzen der Welt verspüren. Das aber kann eben gerade durch solche Wege erreicht werden, wie sie hier charakterisiert worden sind.



