Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Living Knowledge of Nature,
Intellectual Fall from Grace
and Spiritual Elevation from Sin
GA 220

27 January 1923, Dornach

Translate the original German text into any language:

Elfter Vortrag

Eleventh Lecture

[ 1 ] Das mittelalterliche Geistesleben, in dem das neuzeitliche seinen Ursprung genommen hat, ist für Europa im wesentlichen in dem enthalten, was man die Scholastik nennt, die Scholastik, von der ich ja auch hier schon wiederholt gesprochen habe. Nun gab es in der Hochblüte der Scholastik zwei Richtungen, die man unterscheidet, indem man die eine bezeichnet als Realismus und die andere als Nominalismus.

[ 1 ] Medieval intellectual life, from which modern intellectual life originated, is essentially embodied in Europe in what is known as Scholasticism—the Scholasticism I have already discussed repeatedly here. Now, at the height of Scholasticism, there were two distinct schools of thought, one referred to as Realism and the other as Nominalism.

[ 2 ] Wenn man die Bedeutung des Wortes Realismus nimmt, so wie man es heute oftmals versteht, so kommt man nicht gleich auf dasjenige, was mit dem mittelalterlichen scholastischen Realismus gemeint ist. Dieser Realismus trug seinen Namen nicht aus dem Grunde, weil er etwa bloß das äußerlich-sinnliche Reale gelten ließ und alles andere für Schein hielt, sondern ganz im Gegenteil. Dieser mittelalterliche Realismus hatte diese Bezeichnung, weil er die Begriffe, die sich der Mensch von den Dingen und Vorgängen in der Welt machte, für etwas Reales hielt, wahrend der Nominalismus diese Begriffe bloß für Namen hielt, die eigentlich nichts Reales bedeuten.

[ 2 ] If one takes the meaning of the word “realism” as it is often understood today, one does not immediately arrive at what is meant by medieval scholastic realism. This realism did not bear its name because it merely accepted the external, sensory reality and regarded everything else as illusion, but quite the opposite. This medieval realism bore this name because it regarded the concepts that humans formed about things and events in the world as something real, whereas nominalism regarded these concepts merely as names that did not actually signify anything real.

[ 3 ] Machen wir uns diesen Unterschied einmal klar. Ich habe in früheren Zeiten mit einer Ausführung meines alten Freundes Vincenz Knauer auf die Anschauung des Realismus hingewiesen. Derjenige, der nur das Äußerlich-Sinnliche gelten läßt, das, was als Materielles in der Welt gefunden werden kann, wird nicht zurechtkommen damit, so meinte Vincenz Knauer, sich vorzustellen, wie es eigentlich mit einem Wolf wird, wenn er abgesperrt wird und lange Zeit nur Lammfleisch zu fressen bekommt. Da wird ja nach einer angemessenen Zeit der Wolf, nachdem er seine alte Materie ausgetauscht hat, der Materie nach nur aus Lammfleisch bestehen, und man müßte eigentlich dann erwarten, wenn der Wolf nur in seiner Materie bestünde, daß er ganz ein Lamm würde. Man wird das aber nicht erleben, sondern er bleibt eben ein Wolf. Das heißt, es kommt auf das Materielle nicht an, es kommt auf die Gestaltung an, die dasselbe Materielle einmal im Lamm, das andere Mal in dem Wolf hat. Aber wir Menschen kommen zu dem Unterschiede zwischen dem Lamm und dem Wolf eben dadurch, daß wir uns von dem Lamm einen Begriff, eine Idee machen, und auch von dem Wolf einen Begriff, eine Idee machen.

[ 3 ] Let’s take a moment to clarify this distinction. In the past, I have referred to a statement by my old friend Vincenz Knauer regarding the concept of realism. According to Vincenz Knauer, anyone who accepts only the external and sensory—that which can be found as material in the world—will not be able to imagine what actually happens to a wolf when it is confined and fed only lamb for a long time. After a reasonable amount of time, once the wolf has replaced its old physical substance, it would, in terms of physical matter, consist solely of lamb meat; and one would actually expect that, if the wolf consisted only of this physical matter, it would become a lamb entirely. But that is not what happens; instead, it simply remains a wolf. This means that what matters is not the material substance itself, but the form that the same material substance takes—sometimes in the lamb, sometimes in the wolf. But we humans arrive at the distinction between the lamb and the wolf precisely because we form a concept, an idea, of the lamb, and likewise form a concept, an idea, of the wolf.

[ 4 ] Wenn aber einer sagt: Begriffe und Ideen, die sind nichts, das Materielle ist allein etwas, dann unterscheidet sich das Materielle, das ganz aus dem Lamm hinübergegangen ist in den Wolf, beim Lamm und beim Wolf nicht; wenn der Begriff nichts ist, so muß der Wolf ein Lamm werden, wenn er immer nur Lammfleisch frißt. Daraus bildete dann Vincenz Knauer, der im mittelalterlich-scholastischen Sinne Realist war, eben die Anschauung heraus: Es kommt auf die Form an, in der die Materie angeordnet ist, und diese Form ist eben der Begriff, die Idee. Und solcher Ansicht waren die mittelalterlich-scholastischen Realisten. Sie sagten: Die Begriffe, die Ideen sind etwas Reales. Deshalb nannten sie sich Realisten. Dagegen waren die Nominalisten ihre radikalen Gegner. Die sagten: Es gibt nichts anderes als das äußerlich-sinnlich Wirkliche. Begriffe und Ideen sind bloße Namen, durch die wir die äußerlichsinnlichen wirklichen Dinge zusammenfassen. — Man kann sagen, wenn man den Nominalismus nimmt und dann den Realismus, so wie man ihn zum Beispiel bei Thomas Aguinas oder bei andern Scholastikern findet, und wenn man diese beiden geistigen Strömungen so ganz abstrakt hinstellt, dann hat man nicht viel von dem Unterschiede. Man kann sagen: Es sind zwei verschiedene menschliche Anschauungen.

[ 4 ] But if someone says: Concepts and ideas are nothing; only the material is something—then the material, which has passed entirely from the lamb into the wolf, is no different in the lamb than in the wolf; if the concept is nothing, then the wolf must become a lamb if it eats nothing but lamb meat. From this, Vincenz Knauer—who was a realist in the medieval scholastic sense—developed the view that what matters is the form in which matter is arranged, and this form is precisely the concept, the idea. And this was the view held by the medieval Scholastic realists. They said: Concepts and ideas are something real. That is why they called themselves realists. In contrast, the nominalists were their radical opponents. They said: There is nothing other than what is externally and sensually real. Concepts and ideas are mere names through which we summarize externally and sensually real things. — One could say that if you take nominalism and then realism—as found, for example, in Thomas Aquinas or other scholastics—and if you consider these two intellectual currents in a completely abstract way, then there isn’t much of a difference between them. One could say: They are two different human perspectives.

[ 5 ] In der heutigen Zeit ist man mit solchen Dingen zufrieden, weil man sich nicht besonders echauffiert für das, was in solchen geistigen Richtungen zum Ausdruck kommt. Aber es liegt ein ganz Wichtiges darinnen. Nehmen wir einmal die Realisten, die sagten: Ideen, Begriffe, Formen also, in denen das Sinnlich-Materielle angeordnet ist, sind Wirklichkeiten, — so waren für die Scholastiker diese Ideen und Begriffe allerdings schon Abstraktionen, aber sie nannten diese Abstraktionen ein Reales, weil diese ihre Abstraktionen die Abkömmlinge waren von früheren, viel konkreteren, wesentlicheren Anschauungen. In früherer Zeit sahen die Menschen nicht bloß auf den Begriff Wolf, sondern auf die reale, in der geistigen Welt vorhandene Gruppenseele Wolf. Das war eine reale Wesenheit. Diese reale Wesenheit einer früheren Zeit hatte sich bei den Scholastikern verflüchtigt zu dem abstrakten Begriff. Aber immerhin hatten die realistischen Scholastiker eben noch das Gefühl, im Begriff ist nicht ein Nichts enthalten, sondern es ist ein Reales enthalten.

[ 5 ] These days, people are content with such things because they don’t get particularly worked up about what is expressed in such intellectual currents. But there is something very important at stake here. Let us take, for example, the realists who said: Ideas, concepts—that is, the forms in which the sensory-material world is organized—are realities. For the Scholastics, these ideas and concepts were indeed already abstractions, but they called these abstractions “real” because their abstractions were the descendants of earlier, much more concrete and essential perceptions. In earlier times, people looked not merely at the concept of “wolf,” but at the real “wolf group soul” existing in the spiritual world. That was a real entity. This real entity from an earlier time had, for the Scholastics, evaporated into the abstract concept. But at least the realist Scholastics still had the sense that the concept did not contain nothing, but rather contained something real.

[ 6 ] Dieses Reale war allerdings der Nachkomme früherer ganz realer Wesenheiten, aber man spürte noch die Nachkommenschaft, geradeso wie die Ideen bei Platon — die ja wieder viel lebensvoller, wesenhafter sind als die mittelalterlichen scholastischen Ideen — Nachkommen waren der alten, persischen Erzengelwesen, die als Amshaspands wirkten und lebten im Universum. Das waren sehr reale Wesenheiten. Bei Platon waren sie schon vernebelt und bei den mittelalterlichen Scholastikern verabstrahiert. Das war ein letztes Stadium, zu dem altes Hellsehen gekommen war. Gewiß, die mittelalterliche realistische Scholastik beruhte nicht mehr auf einem Hellsehen, aber dasjenige, was sie sich traditionell bewahrt . hatte als ihre realen Begriffe und Ideen, die überall in den Steinen, in den Pflanzen, in den Tieren, in den physischen Menschen lebten, wurden noch als ein Geistiges, wenn auch eben als ein sehr dünnflüssiges Geistiges angesehen. Die Nominalisten waren nun schon, weil ja die Zeit der Abstraktion, des Intellektualismus herannahte, gewahr geworden, daß sie nicht mehr fähig waren, mit der Idee, mit dem Begriff ein Wirkliches zu verbinden. Ein bloßer Name zur Bequemlichkeit der menschlichen Zusammenfassung war ihnen Begriff und Idee.

[ 6 ] This “Real” was, however, the descendant of earlier, entirely real beings, but one could still sense this descent, just as Plato’s Ideas—which are, in turn, far more vibrant and essential than the medieval scholastic ideas—were descendants of the ancient Persian archangelic beings who acted and lived in the universe as Amshaspands. These were very real beings. In Plato’s thought, they were already veiled, and in that of the medieval scholastics, they had been abstracted. This was the final stage that ancient clairvoyance had reached. Certainly, medieval realist scholasticism was no longer based on clairvoyance, but what it had traditionally preserved—its real concepts and ideas, which lived everywhere in stones, plants, animals, and physical human beings—were still regarded as spiritual, albeit as a very subtle form of the spiritual. The nominalists had by then—since the age of abstraction and intellectualism was approaching—come to realize that they were no longer capable of linking the idea or the concept to anything real. For them, a concept and an idea were merely names for the convenience of human categorization.

[ 7 ] Der mittelalterlich-scholastische Realismus etwa eines Thomas Aquinas hat in der neueren Weltanschauung keine Fortsetzung gefunden, denn Begriffe und Ideen gelten den Menschen heute nicht mehr als etwas Reales. Würde man die Menschen fragen, ob ihnen Begriffe und Ideen als etwas Reales gelten, dann könnte man ja erst eine Antwort erhalten, wenn man die Frage etwas umwandelte, wenn man zum Beispiel einen so richtig in der modernen Bildung drinnensteckenden Menschen fragte: Wärst du zufrieden, wenn du nach deinem Tode bloß als Begriff, als Idee weiterleben würdest? — Da würde er sich höchst unreal vorkommen nach dem Tode. Das war noch nicht ganz so der Fall bei den realistischen Scholastikern. Bei denen war schon Begriff und Idee noch so weit real, daß sie sich gewissermaßen nicht ganz hätten verloren geglaubt im Weltenall, wenn sie nach dem Tode nur Begriff oder Idee gewesen wären. Dieser mittelalterlich-scholastische Realismus, wie gesagt, hat keine Fortsetzung erfahren. In der modernen Weltanschauung ist alles Nominalismus. Immer mehr und mehr ist alles Nominalismus geworden. Und der heutige Mensch — er weiß es zwar nicht, weil er sich nicht um solche Begriffe mehr bekümmert — ist im weitesten Umfange Nominalist.

[ 7 ] Medieval scholastic realism, as exemplified by Thomas Aquinas, has found no continuation in the modern worldview, because people today no longer regard concepts and ideas as something real. If one were to ask people whether they regard concepts and ideas as something real, one could only receive an answer by rephrasing the question somewhat—for example, by asking someone thoroughly steeped in modern education: “Would you be satisfied if, after your death, you were to live on merely as a concept, as an idea?” — They would feel utterly unreal after death. That was not quite the case with the realist scholastics. For them, concepts and ideas were still real enough that they would not have felt, so to speak, completely lost in the vastness of the universe if they had been merely concepts or ideas after death. This medieval scholastic realism, as I said, has not been continued. In the modern worldview, everything is nominalism. More and more, everything has become nominalism. And modern man—though he does not realize it, because he no longer concerns himself with such concepts—is, to the greatest extent, a nominalist.

[ 8 ] Nun hat das aber eine gewisse, tiefere Bedeutung. Man kann sagen: Gerade der Übergang vom Realismus zum Nominalismus, ich möchte sagen, der Sieg des Nominalismus in der modernen Zivilisation bedeutet, daß die Menschheit völlig ohnmächtig geworden ist in bezug auf die Erfassung des Geistigen. Denn natürlich, geradesowenig wie der Name Schmidt etwas zu tun hat mit der Persönlichkeit, die vor uns steht und die einmal irgendwie den Namen Schmidt zugelegt bekommen hat, ebensowenig hat; wenn man sich einen Begriff, eine Idee — Wolf, Löwe — als bloße Namen vorstellt, das irgendeine Bedeutung für die Realität. Die ganze Entgeistigung der modernen Zivilisation drückt sich aus in dem Übergang vom Realismus zum Nominalismus. Denn sehen Sie, eine Frage hat ja ihren ganzen Sinn verloren, wenn der Realismus seinen Sinn verloren hat. Wenn ich in dem Stein, in den Pflanzen, in den Tieren, in den physischen Menschen noch reale Ideen finde — oder besser gesagt, Ideen als Realitäten finde —, dann kann ich die Frage aufwerfen, ob diese Gedanken, die in den Steinen leben, in den Pflanzen leben, ob diese einmal die Gedanken waren der göttlichen Wesenheit, welche der Urheber ist der Steine und der Pflanzen. Wenn ich aber in den Ideen und Begriffen nur Namen sehe, die der Mensch den Steinen und den Pflanzen gibt, dann bin ich abgeschnitten von einer Verbindung mit dem göttlichen Wesen, kann nicht mehr davon sprechen, daß ich irgendwie, indem ich erkenne, ein Verhältnis zu einem göttlichen Wesen eingehe.

[ 8 ] But this has a certain, deeper meaning. One could say: It is precisely the transition from realism to nominalism—or, I would say, the triumph of nominalism in modern civilization—that means humanity has become completely powerless when it comes to grasping the spiritual. For, of course, just as the name “Schmidt” has nothing to do with the person standing before us who was once somehow given the name “Schmidt,” so too, if one conceives of a concept or an idea—such as “wolf” or “lion”—as mere names, this has no significance whatsoever for reality. The entire de-spiritualization of modern civilization is expressed in the transition from realism to nominalism. For you see, a question has lost all its meaning if realism has lost its meaning. If I still find real ideas in the stone, in the plants, in the animals, in the physical human being—or rather, if I find ideas as realities—then I can raise the question of whether these thoughts that live in the stones, that live in the plants, were once the thoughts of the divine being who is the creator of the stones and the plants. But if I see in ideas and concepts only names that humans give to stones and plants, then I am cut off from any connection with the divine being; I can no longer speak of entering into a relationship with a divine being in any way through my act of recognition.

[ 9 ] Bin ich scholastischer Realist, so sage ich: Ich vertiefe mich in die Steinwelt, ich vertiefe mich in die Pflanzenwelt, ich vertiefe mich in die Tierwelt. Ich mache mir Gedanken von Quarz, von Zinnober, von Malachit; ich mache mir Gedanken von Lilien, von Tulpen; ich mache mir Gedanken von Wolf, von Hyäne, von Löwe. Diese Gedanken nehme ich aus dem, was ich sinnlich wahrnehme, auf. Sind diese Gedanken das, was ursprünglich eine Gottheit in die Steine, in die Pflanzen, in die Tiere hineingelegt hat, dann denke ich ja die Gedanken der Gottheit nach, das heißt, ich schaffe mir eine Verbindung in meinem Denken mit der Gottheit.

[ 9 ] If I am a scholastic realist, I say: I immerse myself in the world of stones, I immerse myself in the world of plants, I immerse myself in the world of animals. I reflect on quartz, cinnabar, and malachite; I reflect on lilies and tulips; I reflect on wolves, hyenas, and lions. I draw these thoughts from what I perceive through my senses. If these thoughts are what a deity originally imbued into the stones, the plants, and the animals, then I am indeed reflecting the deity’s thoughts—that is, I am establishing a connection in my thinking with the deity.

[ 10 ] Wenn ich als verlorener Mensch auf der Erde stehe, und weil ich vielleicht, sagen wir, so ein bißchen nachahme das Gebrüll des Löwen mit dem Worte «Löwe», und diesen Namen dem Löwen selber gegeben habe, dann habe ich in meiner Erkenntnis nichts von einer Verbindung mit einem göttlich-geistigen Urheber der Wesenheiten. Das heißt, die moderne Menschheit hat die Fähigkeit verloren, in der Natur ein Geistiges zu finden, und die letzte Spur ist mit dem scholastischen Realismus verlorengegangen.

[ 10 ] When I stand on Earth as a lost human being, and because I perhaps—let’s say—mimic the lion’s roar a little with the word “lion,” and have given this name to the lion itself, then in my understanding I have no sense of a connection to a divine-spiritual creator of beings. In other words, modern humanity has lost the ability to find the spiritual in nature, and the last trace of it was lost with scholastic realism.

[ 11 ] Wenn man nun zurückgeht in diejenigen Zeiten, die aus alter Hellsichtigkeit Einsicht hatten in die wahre Natur solcher Dinge, so wird man finden, daß die alte Mysterienanschauung etwa die folgende ist. Die alte Mysterienanschauung sah in allen Dingen ein schöpferisches, hervorbringendes Prinzip, das sie erkannte als das Vaterprinzip. Und indem man von dem sinnlich Wahrnehmbaren zu dem Übersinnlichen überging, fühlte man eigentlich: man ging zu dem göttlichen Vaterprinzip über. So daß die scholastischen realistischen Ideen und Begriffe das letzte waren, was die Menschheit in den Dingen der Natur als das Vaterprinzip suchte.

[ 11 ] If we now go back to those times when people, through ancient clairvoyance, had insight into the true nature of such things, we will find that the ancient mystery view was roughly as follows. The ancient mystery tradition saw in all things a creative, generative principle, which it recognized as the Father principle. And in moving from the sensibly perceptible to the supersensible, one actually felt that one was moving toward the divine Father Principle. Thus, the scholastic realist ideas and concepts were the last thing humanity sought as the Father Principle in the things of nature.

[ 12 ] Als der scholastische Realismus seinen Sinn verloren hatte, da begann eigentlich erst die Möglichkeit, innerhalb der europäischen Zivilisation von Atheismus zu sprechen. Denn solange man noch reale Gedanken in den Dingen fand, konnte man nicht von Atheismus sprechen. Daß unter den Griechen schon Atheisten waren, ist so aufzufassen, daß erstens dies keine rechten Atheisten waren wie die neueren; so ganz klare Atheisten waren sie doch nicht. Aber es ist ja auch das zu sagen, daß in Griechenland vielfach ein erstes Wetterleuchten wie aus einer elementaren, menschlichen Emotion heraus sich bildete für Dinge, die erst später ihre wirkliche Begründung in der Menschheitsentwickelung hatten. Und der richtige theoretische Atheismus kam eigentlich erst mit dem Verfall des Realismus, des scholastischen Realismus herauf.

[ 12 ] It was only after scholastic realism had lost its meaning that it actually became possible to speak of atheism within European civilization. For as long as people still found real ideas in things, they could not speak of atheism. The fact that there were already atheists among the Greeks should be understood, first of all, to mean that these were not true atheists like those of later times; they were not quite so clear-cut in their atheism. But it must also be said that in Greece, in many cases, an initial glimmer—as if arising from a fundamental human emotion—began to take shape regarding things that would only later find their true foundation in the development of humanity. And true theoretical atheism did not actually emerge until the decline of realism, of scholastic realism.

[ 13 ] Aber eigentlich lebte dieser scholastische Realismus noch immer bloß in dem göttlichen Vaterprinzip, trotzdem dreizehn, vierzehn Jahrhunderte vorher schon das Mysterium von Golgatha sich vollzogen hatte. Das Mysterium von Golgatha — ich habe es ja auch öfter ausgesprochen — wurde im Grunde genommen nur mit den Erkenntnissen einer alten Zeit verstanden. Und deshalb haben diejenigen, die dieses Mysterium von Golgatha mit den Resten der alten Mysterienweisheit von dem Vatergotte verstehen wollten, eigentlich in dem Christus bloß den Sohn des Vaters erkannt.

[ 13 ] But in reality, this scholastic realism still existed solely within the divine Father principle, even though the Mystery of Golgotha had already taken place thirteen or fourteen centuries earlier. The Mystery of Golgotha—as I have often said—was, in essence, understood only through the insights of an ancient age. And that is why those who sought to understand this Mystery of Golgotha through the remnants of the ancient mystery wisdom concerning the Father God actually recognized in Christ merely the Son of the Father.

[ 14 ] Bitte, wenden Sie viel Sorgfalt auf die Ideen, die wir jetzt entwikkeln wollen. Denken Sie: Ihnen wird irgend etwas erzählt von einer Persönlichkeit Müller, und es wird Ihnen im wesentlichen nur mitgeteilt: das ist der Sohn des alten Müller. Sie wissen nicht viel mehr von dem Müller, als daß er der Sohn des alten Müller ist. Sie wollen Näheres erfahren von dem, der Ihnen die Mitteilung macht. Der sagt Ihnen aber eigentlich immer nur: Ja, der alte Müller, das ist der und der. Und nun gibt er alle möglichen Eigenschaften an, und dann sagt er: Nun, und der junge Müller ist eben sein Sohn. So ungefähr war es in der Zeit, als man vom Mysterium von Golgatha noch nach dem alten Vaterprinzip sprach. Man charakterisierte die Natur so, daß man sagte: In ihr lebt das göttliche, schöpferische Vaterprinzip, und Christus ist der Sohn. — Im wesentlichen kamen auch die stärksten Realistiker zu keiner andern Charakteristik des Christus, als daß er der Sohn des Vaters ist. Das ist wesentlich.

[ 14 ] Please give careful consideration to the ideas we are about to develop. Imagine this: You are told something about a person named Müller, and essentially all you are told is: “He is the son of old Müller.” You don’t know much more about Müller than that he is the son of old Müller. You want to learn more from the person giving you this information. But he really only ever tells you: “Yes, old Müller—that’s so-and-so.” And then he lists all sorts of characteristics, and finally says: “Well, and young Müller is simply his son.” That’s roughly how it was back when people still spoke of the Mystery of Golgotha in terms of the old Father principle. Nature was characterized in such a way that people said: “The divine, creative Father Principle lives within it, and Christ is the Son.” — Essentially, even the most staunch realists arrived at no other characterization of Christ than that he is the Son of the Father. That is the essential point.

[ 15 ] Und dann kam als eine Art Reaktion auf alle diese Begriffsbildungen, die zwar treu hielten zu der Strömung, die vom Mysterium von Golgatha ausging, aber sie eben noch nach dem Vaterprinzipe auffaßten, es kam wie eine Art Gegenströmung alles das hinzu, was sich dann im Verlaufe des Überganges des mittelalterlichen Lebens zum neuen Leben als das evangelische Prinzip, als Protestantismus und so weiter geltend machte. Denn neben allen andern Eigenschaften, die diesem Evangelisieren, diesem Protestantismus eigen waren, ist ja eine hauptsächliche diese, daß man mehr Gewicht legte darauf, sich den Christus selber in seiner Wesenheit vor Augen zu stellen. Man griff nicht zu der alten Theologie, die nach dem Vaterprinzip in dem Christus nur den Sohn des Vaters sah, sondern man griff zu den Evangelien selber, um aus den Erzählungen der Taten und aus den Mitteilungen der Worte des Christus den Christus als eine selbständige Wesenheit kennenzulernen. Das liegt im Grunde dem Wiclifismus, das liegt der Strömung des Comenius, das liegt auch dem deutschen Protestantismus zugrunde: den Christus selbständig als abgeschlossene Wesenheit hinzustellen.

[ 15 ] And then, as a sort of reaction to all these conceptualizations—which, while remaining faithful to the current that emanated from the Mystery of Golgotha, still understood it according to the Father-principle— there emerged, as a sort of countercurrent, everything that subsequently asserted itself—in the course of the transition from medieval life to the new life—as the evangelical principle, as Protestantism, and so on. For alongside all the other characteristics inherent in this evangelization, in this Protestantism, one of the main ones is that greater emphasis was placed on visualizing Christ Himself in His very essence. People did not turn to the old theology, which, following the Father principle, saw in Christ only the Son of the Father; rather, they turned to the Gospels themselves in order to come to know Christ as an independent being through the accounts of his deeds and the records of his words. This is fundamentally at the root of Wycliffism, of the Comenius movement, and also of German Protestantism: to present Christ as an independent, self-contained being.

[ 16 ] Allein es war jetzt die Zeit der geistigen Auffassung vorbei. Der Nominalismus hatte im Grunde genommen alle Gemüter ergriffen, und so fand man in den Evangelien nicht das Göttlich-Geistige in dem Christus. Und der neueren Theologie kam dann dieses Göttlich-Geistige immer mehr und mehr ganz abhanden. Der Christus wurde, wie ich öfter erwähnt habe, selbst für Theologen der schlichte Mann aus Nazareth.

[ 16 ] But the time for spiritual understanding was now over. Nominalism had, in essence, taken hold of everyone’s minds, and so the divine-spiritual aspect of Christ was no longer found in the Gospels. And in modern theology, this divine-spiritual aspect was then lost more and more completely. Christ became, as I have often mentioned, even for theologians, the simple man from Nazareth.

[ 17 ] Ja, wenn Sie das Harnacksche Buch «Das Wesen des Christentums» nehmen, so sehen sie sogar darinnen einen bedeutsamen Rückfall, denn da ist der Christus wiederum von einem modernen Theologen nun erst recht nach dem Vaterprinzip aufgefaßt. Und man könnte in dem Harnackschen Buche «Das Wesen des Christentums» überall, wo «Christus» steht, «Gottvater» setzen, es würde der Unterschied kein wesentlicher sein.

[ 17 ] Yes, if you take Harnack’s book The Essence of Christianity, you will even see in it a significant regression, for there Christ is once again conceived by a modern theologian—now more than ever—according to the principle of the Father. And in Harnack’s book The Essence of Christianity, one could replace “Christ” with “God the Father” wherever it appears, and the difference would be negligible.

[ 18 ] Also solange die Vaterweisheit den Christus als den Sohn des Gottes hingestellt hat, so lange hatte man eine im gewissen Sinne auf die Wirklichkeit lossteuernde Ansicht. Aber als man jetzt erfassen wollte den Christus selber in seiner göttlich-geistigen Wesenheit, da hatte man die geistige Auffassung schon verloren, man kam an den Christus nicht heran. Und es war zum Beispiel sehr interessant, ich weiß nicht, ob es viele bemerkt haben, als dann eine derjenigen Persönlichkeiten, die zunächst teilnehmen wollten an der Bewegung für religiöse Erneuerung, der aber dann nicht teilgenommen hat, der Nürnberger Hauptpastor Geyer, einmal in Basel einen Vortrag hielt, da hat er es offen eingestanden: Wir modernen evangelischen Theologen haben ja gar keinen Christus, wir haben ja nur den allgemeinen Gott. — So sagte Geyer, weil er eben redlich eingestand, daß zwar überall von Christus die Rede ist, daß aber eigentlich nur das Vaterprinzip geblieben ist. Das hängt damit zusammen, daß der Mensch, der noch mit Geist in die Natur hineinschaut, eben so wie er geboren wird — eigentlich in der Natur nur das Vaterprinzip finden kann; seit dem Verfall des scholastischen Realismus allerdings auch das nicht mehr. Daher wird eben das Vaterprinzip nicht gefunden, und atheistische Ansichten sind heraufgekommen.

[ 18 ] So as long as traditional wisdom portrayed Christ as the Son of God, people held a view that, in a certain sense, was moving toward reality. But when they then sought to grasp Christ himself in his divine-spiritual essence, they had already lost that spiritual perspective; they could not approach Christ. And it was very interesting, for example—I don’t know if many people noticed—when one of those figures who initially wanted to participate in the movement for religious renewal but ultimately did not, the chief pastor of Nuremberg, Geyer, once gave a lecture in Basel; there he openly admitted: “We modern Protestant theologians don’t have a Christ at all; we only have the general God.” — That is what Geyer said, because he honestly admitted that although everyone speaks of Christ, in reality only the Father principle remains. This is connected to the fact that a person who still looks into nature with the spirit—just as they are born—can actually find only the Father principle in nature; though since the decline of scholastic realism, not even that remains. Consequently, the Father principle is not found, and atheistic views have emerged.

[ 19 ] Aber wenn man nicht stehenbleiben will bei der Charakteristik des Christus als des bloßen Sohnesgottes, sondern wenn man diesen Sohn in seiner eigenen Wesenheit erfassen will, dann muß man nicht bloß sich als Menschen nehmen, wie man geboren ist, sondern man muß im Erdenleben selber eine Art innerer, wenn auch noch so schwacher Erweckung erleben. Man muß einmal durchgehen durch folgende Bewußtseinstatsachen. Man muß sich sagen: Wenn du einfach als Mensch so bleibst, wie du geboren bist, wie deine Augen, deine übrigen Sinne dir die Natur zeigen, wenn du dann mit deinem Intellekt dieses Gesicht der Natur durchgehst, so bist du heute nicht völlig Mensch. Du kannst dich nicht ganz als Mensch fühlen, du mußt erst etwas in dir erwecken, was tiefer liegt. Du kannst nicht zufrieden sein mit dem, was in dir bloß geboren ist. Du mußt etwas, was tiefer in dir liegt, mit vollem Bewußtsein neuerdings aus dir herausgebären.

[ 19 ] But if one does not wish to stop at characterizing Christ merely as the Son of God, but rather wishes to grasp this Son in his own essence, then one must not merely accept oneself as a human being as one was born, but must experience a kind of inner awakening—however faint it may be—during one’s earthly life itself. One must first pass through the following facts of consciousness. One must say to oneself: If you simply remain as a human being just as you were born—as your eyes and your other senses show you nature—and if you then examine this aspect of nature with your intellect, then you are not yet fully human today. You cannot feel completely human; you must first awaken something within yourself that lies deeper. You cannot be satisfied with what is merely innate within you. You must, with full consciousness, give birth anew to something that lies deeper within you.

[ 20 ] Man möchte sagen: Wenn man heute einen Menschen nur nach dem erzieht, was seine angeborenen Anlagen sind, so erzieht man ihn eigentlich nicht zum vollen Menschen; sondern nur, wenn man ihm beizubringen vermag, er müsse in den Tiefen seines Wesens etwas suchen, das er heraufholt aus diesen Tiefen, das wie ein inneres Licht ist, was angezündet wird während des Erdenlebens.

[ 20 ] One might say: If, today, one educates a person solely according to his or her innate dispositions, one is not actually educating him or her to become a fully developed human being; rather, this is achieved only when one is able to teach him or her to seek something in the depths of his or her being—something to be drawn up from those depths, something like an inner light that is kindled during earthly life.

[ 21 ] Warum ist das so? Weil der Christus durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist und mit dem Erdenleben verbunden ist, in den Tiefen der Menschen lebt. Und wenn man diese Wiedererwekkung in sich vornimmt, dann findet man den lebendigen Christus, der in das sonstige Bewußtsein, in das angeborene und aus dem angeborenen heraus entwickelte Bewußtsein nicht einzieht, sondern der aus den Tiefen der Seele herausgeholt werden muß. Das Christus-Bewußtsein muß entstehen im Seelengeschehen. So daß man wirklich sagen kann, was ich ja öfter ausgesprochen habe: Wer den Vater nicht findet, der ist in irgendeiner Weise mit mangelnden Anlagen geboren, der ist nicht gesund. Atheist sein heißt, in einer gewissen Weise körperlich krank sein, und alle Atheisten sind in einer gewissen Weise körperlich krank. Den Christus nicht finden ist ein Schicksal, nicht eine Krankheit, weil den Christus finden eben ein Erlebnis ist, nicht ein bloßes Konstatieren. Das Vaterprinzip findet man, indem man konstatiert dasjenige, was man eigentlich sehen sollte in der Natur. Den Christus findet man nur, indem man ein Wiedergeburtserlebnis hat. Da tritt der Christus in diesem Wiedergeburtserlebnis als selbständiges Wesen, nicht bloß als Sohn des Vaters auf. Denn dann lernt man erkennen: Hält man sich als moderner Mensch bloß an den Vater, dann kann man sich nicht ganz als Mensch fühlen. Deshalb hat der Vater den Sohn gesandt, daß der Sohn sein Werk auf Erden vollende. Fühlen Sie, wie in der Vollendung des Vaterwerkes der Christus zur selbständigen Wesenheit wird?

[ 21 ] Why is this so? Because Christ passed through the Mystery of Golgotha and is connected to earthly life, living in the depths of human beings. And when one undertakes this reawakening within oneself, one finds the living Christ, who does not enter into ordinary consciousness—neither the innate consciousness nor the consciousness developed from the innate—but must be drawn forth from the depths of the soul. Christ-consciousness must arise within the soul’s inner life. So that one can truly say what I have often stated: Whoever does not find the Father is, in some way, born with deficient faculties; that person is not healthy. To be an atheist means, in a certain sense, to be physically ill, and all atheists are, in a certain sense, physically ill. Failing to find Christ is a fate, not an illness, because finding Christ is an experience, not a mere observation. One finds the Father principle by observing what one should actually see in nature. One finds Christ only by having an experience of rebirth. In this experience of rebirth, Christ appears as an independent being, not merely as the Son of the Father. For then one comes to realize: If, as a modern person, one clings solely to the Father, one cannot feel fully human. That is why the Father sent the Son, so that the Son might complete His work on earth. Do you sense how, in the completion of the Father’s work, Christ becomes an independent being?

[ 22 ] Aber im Grunde genommen sind wir ja in der Gegenwart nur durch Geisteswissenschaft imstande, den ganzen Vorgang der Wiedererweckung zu verstehen, praktisch zu verstehen, erlebensgemäß zu verstehen. Denn die Geisteswissenschaft will ja gerade solche Erlebnisse aus den Tiefen der Seele heraufholen in die bewußte Er kenntnis, welche Licht hineinbringen in das Christus-Erlebnis. Und so kann man sagen: Mit dem Verlauf des scholastischen Realismus hat sich die Möglichkeit des Prinzips der Vatererkenntnis erschöpft. Mit jenem Realismus, der den Geist wiederum als etwas Reales erkennt, und der der anthroposophische Realismus ist, mit diesem

[ 22 ] But fundamentally, in the present day, it is only through spiritual science that we are able to understand the entire process of reawakening—to understand it practically, to understand it through lived experience. For spiritual science seeks precisely to bring such experiences up from the depths of the soul into conscious knowledge, experiences that shed light on the experience of Christ. And so one can say: With the course of scholastic realism, the possibility of the principle of the knowledge of the Father has been exhausted. With that realism which, in turn, recognizes the spirit as something real—and which is anthroposophical realism—with this

[ 23 ] Realismus wird nun der Sohn endlich in seiner selbständigen Wesenheit erkannt werden, wird der Christus erst eine abgeschlossene Wesenheit. Man wird dadurch das Göttlich-Geistige in selbständiger Weise in dem Christus wiederfinden.

[ 23 ] It is only now that the Son will finally be recognized in his independent essence, and only then will Christ become a complete being. Through this, one will rediscover the divine-spiritual in Christ in an independent way.

[ 24 ] Es hat wirklich in der älteren Zeit dieses Vaterprinzip die denkbar größte Rolle gespielt. Es interessierte eigentlich die aus der alten Mysterienweisheit heraus entwickelte Theologie nur das Vaterprinzip. Worüber dachte man denn nach? Ob der Sohn von Ewigkeit mit dem Vater zugleich ist, oder ob er in der Zeit entstanden ist, in der Zeit geboren ist. Man dachte eben über die Abstammung von dem Vater nach. Sehen Sie sich die ältere Dogmengeschichte an: überall ist hauptsächlich der Wert gelegt darauf, wie es sich mit der Abstammung des Christus verhält. Und als man die dritte Gestalt, den Geist hinzugenommen hat, dann hat man nachgedacht, ob der Geist zugleich mit dem Sohn von dem Vater ausgegangen ist oder durch den Sohn und so weiter. Immer handelt es sich eigentlich um die Genealogie dieser drei göttlichen Personen, also um dasjenige, was Abstammung ist, was also im Vaterprinzip zu begreifen ist.

[ 24 ] In earlier times, this principle of the Father truly played the most significant role imaginable. In fact, the theology that developed out of the ancient wisdom of the mysteries was concerned solely with the principle of the Father. What, then, were people pondering? Whether the Son has existed from eternity alongside the Father, or whether he came into being in time, was born in time. People were simply reflecting on the descent from the Father. Look at the history of early dogma: everywhere, the main emphasis is on the question of Christ’s descent. And when the third Person, the Holy Spirit, was introduced, people then pondered whether the Spirit proceeded from the Father at the same time as the Son, or through the Son, and so on. It is always, in fact, a matter of the genealogy of these three divine persons—that is, of what constitutes descent, which is to be understood within the principle of the Father.

[ 25 ] In der Zeit, in welcher der Kampf war zwischen dem scholastischen Realismus und dem scholastischen Nominalismus, da kam man mit diesen alten Begriffen von der Abstammung des Sohnes vom Vater und des Geistes von Vater und Sohn nicht mehr zurecht. . Denn sehen Sie, jetzt waren drei Wesenheiten da. Diese drei Wesenheiten, die göttliche Personen darstellen, sollten eine Gottheit ‚bilden. Die Realisten faßten die drei göttlichen Personen in einer Idee zusammen, ihnen war die Idee ein Reales. Daher war der eine Gott für sie ein Reales für ihr Erkennen. Die Nominalisten kamen aber mit den drei Personen des einen Gottes nicht zurecht, denn nun hatten sie den Vater, den Sohn, den Geist, aber indem sie ihn zusammenfaßten, war das ein bloßes Wort, ein Nomen, und so fielen ihnen die drei göttlichen Personen auseinander. Und so war die Zeit, in welcher der scholastische Realismus mit dem scholastischen Nominalismus im Kampfe lag, auch die Zeit, in der man auch keinen rechten Begriff mehr zu verbinden wußte mit der göttlichen Dreifaltigkeit. Da verfiel eine lebensvolle Auffassung dieser göttlichen Dreifaltigkeit.

[ 25 ] During the period of conflict between Scholastic Realism and Scholastic Nominalism, people could no longer make sense of these old concepts regarding the Son’s descent from the Father and the Spirit’s descent from the Father and the Son. . For you see, there were now three entities. These three entities, representing the divine Persons, were supposed to “constitute” a single Godhead. The realists subsumed the three divine Persons into a single idea; for them, the idea was a reality. Therefore, the one God was, for them, a reality within their cognition. The nominalists, however, could not come to terms with the three Persons of the one God, for now they had the Father, the Son, and the Holy Spirit; but when they summarized them together, it was merely a word, a noun, and thus the three divine Persons fell apart for them. And so the era in which Scholastic Realism was locked in conflict with Scholastic Nominalism was also the era in which people no longer knew how to associate any proper concept with the Holy Trinity. Thus, a vibrant understanding of this Holy Trinity was lost.

[ 26 ] Als dann der Nominalismus siegte, da wußte man mit solchen Begriffen überhaupt nichts mehr anzufangen. Da nahm man eben, je nachdem man diesem oder jenem traditionellen Bekenntnisse zuneigte, die alten Begriffe auf, aber man konnte sich nichts Rechtes dabei denken. Und als dann in dem evangelischen Bekenntnis der Christus mehr in den Vordergrund gedrängt wurde, aber allerdings — weil man ja im Nominalismus drinnen war — seine göttlich-geistige Wesenheit nicht mehr erfaßt werden konnte, da wußte man eigentlich überhaupt nicht mehr irgendeinen Begriff von den drei Personen aufzufassen. Da zerflatterte das alte Dogma von der Dreifaltigkeit.

[ 26 ] When nominalism eventually prevailed, people no longer knew what to make of such concepts at all. Depending on whether one leaned toward this or that traditional creed, people simply adopted the old concepts, but they could not really make sense of them. And when Christ was brought more to the forefront in the Protestant confession—though, because people were still entrenched in nominalism, his divine-spiritual essence could no longer be grasped—people were actually no longer able to form any concept at all of the three Persons. Thus, the old dogma of the Trinity crumbled.

[ 27 ] Diese Dinge, die in der Zeit, in der geistige Fühlungen noch eine große Bedeutung für die Menschen hatten, diese Dinge, die ja eine große Rolle spielten in bezug auf inneres Glück und Unglück der menschlichen Seele, diese Dinge hat die Zeit des modernen Philistertums vollständig in den Hintergrund gedrängt. Was interessiert schließlich den modernen Menschen, wenn er nicht gerade hineingetrieben wird in theologische Streitigkeiten, die Beziehung von Vater, Sohn und Geist? Er glaubt ja ein guter Christ zu sein, aber es wurmt ihn nicht weiter, wie es sich da verhält mit Vater, Sohn und Geist. Er kann sich gar nicht vorstellen, daß das einmal brennende Seelenfragen der Menschheit waren. Er ist eben Philister geworden. Deshalb kann man schon die Zeit des Nominalismus auch eben für die europäische Zivilisation die Zeit des Philisteriums nennen. Denn der Philister ist ja derjenige Mensch, der keine rechten Empfindungen hat für das immer weckende Geistige, der eigentlich in Gewohnheiten drinnen lebt. Ganz ohne Geist läßt es sich ja im Menschenleben nicht sein. Der Philister möchte am liebsten ganz ohne Geist sein, aufstehen ohne Geist, frühstücken ohne Geist, ins Büro gehen ohne Geist, Mittag essen ohne Geist, nachmittags Billard spielen ohne Geist und so weiter, er möchte alles ohne Geist machen. Aber unbewußt geht doch durch alles Leben der Geist hindurch. Nur kümmert sich der Philister nicht darum; es interessiert ihn nicht weiter.

[ 27 ] These things—which, in an era when spiritual sensibilities still held great significance for people, played a major role in the inner happiness and unhappiness of the human soul—have been completely pushed into the background by the age of modern philistinism. After all, what does the modern person care—unless he is specifically drawn into theological disputes—about the relationship between the Father, the Son, and the Holy Spirit? He believes himself to be a good Christian, but it doesn’t really bother him what the situation is regarding the Father, the Son, and the Holy Spirit. He cannot even imagine that these were once burning questions of the human soul. He has simply become a philistine. That is why the age of nominalism can indeed be called the age of philistinism for European civilization. For the philistine is, after all, the person who has no real sensitivity to the ever-awakening spiritual realm, who actually lives entirely within habits. Yet human life cannot exist entirely without the spirit. The philistine would prefer to be entirely without spirit—to get up without spirit, have breakfast without spirit, go to the office without spirit, have lunch without spirit, play billiards in the afternoon without spirit, and so on; he wants to do everything without spirit. But unconsciously, the spirit permeates all of life. It’s just that the philistine doesn’t care about it; it doesn’t interest him in the least.

[ 28 ] So kann man sagen, daß Anthroposophie in dieser Beziehung das Ideal haben muß, nicht zu verlieren das Allgemein-Göttliche. Das tut sie nicht, denn sie findet in dem Vatergott das Göttlich-Geistige, abgetrennt in dem Sohnesgott das Göttlich-Geistige. Sie ist etwa in der folgenden Lage, wenn wir ihre Anschauungen vergleichen mit der früheren Vatererkenntnis: Ich möchte sagen — bitte, nehmen Sie mir den etwas trivialen Ausdruck nicht übel —, die Vatererkenntnis hat vor allen Dingen gefragt bei dem Christus: Wer ist sein Vater? — Weisen wir nach, wer sein Vater ist, dann haben wir Kenntnis von ihm. Kennen wir seinen Vater, dann haben wir Kenntnis von ihm. — Anthroposophie ist natürlich hingestellt in das moderne Leben. Indem sie Naturerkenntnis entwickelt, mußte sie ja natürlich die Vatererkenntnis weiterführen. Aber indem sie Christus-Erkenntnis entwickelt, geht sie zunächst nur vom Christus aus. Sie durchstudiert, wenn ich so sagen darf, die Geschichte, findet in der Geschichte eine absteigende Entwickelung, findet das Mysterium von Golgatha, von da an eine aufsteigende Entwickelung; findet in dem Mysterium von Golgatha den Mittelpunkt und den Sinn der ganzen menschheitlichen Erdengeschichte. Also indem Anthroposophie die Natur studiert, läßt sie auferstehen neu das alte Vaterprinzip. Indem sie aber Geschichte studiert, findet sie den Christus. Jetzt hat sie zweierlei kennengelernt. Und es ist so, wie wenn ich in die Stadt A reise und dort einen älteren Mann kennenlerne, dann in die Stadt B reise und da einen jüngeren Mann kennenlerne. Ich lerne den älteren Mann kennen, ich lerne den jüngeren Mann kennen, jeden für sich. Zunächst interessieren sie mich ganz für sich. Nachträglich fällt mir eine gewisse Ähnlichkeit auf. Ich gehe der Ähnlichkeit nach und komme darauf, daß der Jüngere der Sohn des Älteren ist. So ist es mit der Anthroposophie. Sie lernt den Christus kennen, sie lernt den Vater kennen, sie lernt die Beziehung zwischen beiden erst später kennen; während die alte Vaterweisheit eben ausgegangen ist vom Vater, und die Beziehung als das Ursprüngliche kennenlernte.

[ 28 ] Thus, one can say that, in this regard, anthroposophy must have the ideal of not losing sight of the universal-divine. It does not do so, for it finds the divine-spiritual in the Father-God and, separately, the divine-spiritual in the Son-God. It is, so to speak, in the following position when we compare its views with the earlier understanding of the Father: I would like to say—please do not take offense at this somewhat trivial expression—that the understanding of the Father asked, above all else, regarding Christ: Who is his Father? — If we demonstrate who his Father is, then we have knowledge of him. If we know his Father, then we have knowledge of him. — Anthroposophy is, of course, rooted in modern life. By developing an understanding of nature, it naturally had to carry on the knowledge of the Father. But by developing an understanding of Christ, it initially proceeds solely from Christ. It studies, if I may put it that way, history; it finds a descending development in history, finds the Mystery of Golgotha, and from there onward an ascending development; it finds in the Mystery of Golgotha the center and the meaning of the entire history of humanity on Earth. Thus, by studying nature, anthroposophy brings the ancient Father principle to life anew. But as it studies history, it finds Christ. Now it has come to know two things. And it is as if I were to travel to City A and meet an older man there, then travel to City B and meet a younger man there. I get to know the older man; I get to know the younger man—each in his own right. At first, they interest me entirely in their own right. Later, I notice a certain similarity. I investigate the similarity and realize that the younger man is the son of the older one. So it is with anthroposophy. It comes to know Christ, it comes to know the Father, and it only comes to know the relationship between the two later on; whereas the old wisdom of the Father originated precisely from the Father and came to know the relationship as the primal reality.

[ 29 ] Sie sehen, in bezug auf alle Dinge eigentlich muß Anthroposophie einen neuen Weg einschlagen, und es ist schon notwendig, daß man in bezug auf die meisten Dinge umdenken und umfühlen lernt, wenn man wirklich ins Anthroposophische hineinkommen will. Das genügt eigentlich nicht für Anthroposophie, daß auf der einen Seite von den Anthroposophen die Weltanschauung gesehen wird mehr oder weniger materialistisch oder mehr oder weniger im Sinne von alten traditionellen Bekenntnissen lebend, und man nun zu etwas anderem geht — nämlich zur Anthroposophie, weil einem die gewissermaßen besser zusagt als eine andere Lehre. Aber so ist ja die Sache nicht. Man muß nicht nur von einem Bild zum anderen gehen, vom materialistischen, monistischen Bilde zum anthroposophischen Bilde und sich sagen: Nun, das anthroposophische Bild sagt mir besser zu. — Sondern man muß sich gestehen: Das, was dich befähigt, das monistisch-materialistische Bild anzuschauen, das befähigt dich nicht, das anthroposophische Bild anzuschauen.

[ 29 ] You see, when it comes to all things, anthroposophy must actually strike out on a new path, and it is indeed necessary to learn to rethink and re-feel most things if one truly wants to enter into the world of anthroposophy. It is not really enough for anthroposophy that, on the one hand, anthroposophists view the worldview as more or less materialistic or more or less rooted in old traditional creeds, and that one then turns to something else—namely, to anthroposophy—because it appeals to one, so to speak, more than another doctrine. But that is not how it is. One must not merely move from one picture to another—from the materialistic, monistic picture to the anthroposophical picture—and say to oneself: “Well, the anthroposophical picture appeals to me more.” Rather, one must admit to oneself: “What enables you to view the monistic-materialistic picture does not enable you to view the anthroposophical picture.”

[ 30 ] Die Theosophen haben geglaubt, daß das Anschauen des materialistisch-monistischen Bildes sie schon befähige, das Geistige anzuschauen. Daher diese eigentümliche Erscheinung, daß man in der monistisch-materialistischen Weltanschauung davon redet: Alles ist Materie, der Mensch besteht auch nur aus der Materie; da ist Nervenmaterie, Blutmaterie und so weiter — alles Materie. Die Theosophen — ich meine die Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft — sagen: Nein, das ist materialistische Anschauung; es gibt einen Geist. — Jetzt fangen sie aber an, den Menschen nach dem Geist zu beschreiben: den physischen Leib — dicht; jetzt den ätherischen Leib — dünner, aber Nebel, ein dünner Nebel, in Wirklichkeit doch ganz materielle Vorstellungen. Jetzt den astralischen Leib — der ist wieder dünner, aber er ist doch nur dünnere Materie und so weiter. Da kommt man auf einer Leiter hinauf, aber immer ist es dünnere Materie. Ja, das ist auch Materialismus, denn man kriegt ja doch immer nur Materie, wenn auch immer dünnere Materie. Es ist Materialismus, man nennt es nur Geist. Der Materialismus ist wenigstens ehrlich und nennt es Materie, während dort dasjenige, was materiell vorgestellt wird, mit dem Geistesnamen belegt wird. Man muß sich eben gestehen, daß man umdenken muß; man muß in anderer Art das Bild vom Geistigen anschauen lernen, als man das Bild vom Materiellen angeschaut hat. In der Theosophischen Gesellschaft wurde ja die Geschichte an einem Punkte ganz besonders interessant. Der Materialismus redet von Atomen. Diese Atome, die wurden in der verschiedensten Weise vorgestellt, und starke Materialisten, die Rücksicht genommen haben auf die materiellen Eigenschaften der Körper, haben sich zuletzt allerlei Vorstellungen von den Atomen gemacht. Unter anderem hat einer einmal eine Atomtheorie aufgestellt, da ist das Atom so wie in einer Art von Schwingungszustand dargestellt, wie wenn dadrinnen so dünnes Materielles in Spiralschwingungen wäre. Und wenn Sie bei ZLeadbeater die Atome nachschauen, da werden sie finden, das schaut geradeso aus. Neulich wurde überhaupt in einem Aufsatz einer englischen Zeitschrift die Frage aufgeworfen, ob nun dieses Leadbeatersche Atom «gesehen» ist, oder ob die Hellsichtigkeit des Leadbeater sich bloß darauf beschränkt hat, daß er dieses Buch gelesen hat und es ins Spiritualistische übersetzt hat.

[ 30 ] The Theosophists believed that merely contemplating the materialistic-monistic view would enable them to perceive the spiritual. Hence this peculiar phenomenon: within the monistic-materialistic worldview, people say, “Everything is matter; human beings, too, consist solely of matter; there is nervous matter, blood matter, and so on—all matter.” The Theosophists—I mean the members of the Theosophical Society—say: No, that is a materialistic view; there is a spirit. —But now they begin to describe human beings in terms of the spirit: the physical body—dense; then the etheric body—thinner, but a mist, a thin mist—in reality, still entirely material concepts. Now the astral body—that is even thinner, but it is still only thinner matter, and so on. You climb up a ladder, but it is always thinner matter. Yes, that, too, is materialism, for you always end up with matter, even if it is increasingly thinner matter. It is materialism; they just call it spirit. Materialism is at least honest and calls it matter, whereas there, what is conceived as material is given the name “spirit.” One must simply admit that one needs to rethink things; one must learn to view the concept of the spiritual in a different way than one has viewed the concept of the material. In the Theosophical Society, the story became particularly interesting at one point. Materialism speaks of atoms. These atoms have been conceived of in a wide variety of ways, and staunch materialists, who have taken into account the material properties of bodies, have ultimately formed all sorts of conceptions of atoms. Among other things, one person once proposed an atomic theory in which the atom is depicted as being in a kind of vibrational state, as if there were extremely fine material within it oscillating in a spiral. And if you look up atoms in Leadbeater’s work, you will find that they look exactly like that. Recently, an article in an English journal even raised the question of whether this “Leadbeaterian” atom has actually been “seen,” or whether Leadbeater’s clairvoyance was merely limited to having read this book and interpreted it in spiritualistic terms.

[ 31 ] Mit diesen Dingen muß eben durchaus Ernst gemacht werden. Es handelt sich durchaus darum, daß man sich selber prüfen muß, ob man nicht doch an dem Materialismus hängen bleibt und nur dem Materiellen allerlei geistige Namen anheftet. Ein Umdenken und Umfühlen, das ist dasjenige, worum es sich handelt, wenn man zu einer wirklich geistigen Weltanschauung kommen will. Damit ist dann erst ein Ausblick, eine Perspektive gewonnen in die Praxis dessen, was angestrebt werden muß in der Sündenerhebung gegenüber dem Sündenfall.

[ 31 ] These matters must indeed be taken seriously. It is absolutely essential to examine oneself to see whether one is not, after all, clinging to materialism and merely attaching all sorts of spiritual labels to material things. A change in thinking and feeling—that is what is required if one wishes to arrive at a truly spiritual worldview. Only then is a vision, a perspective, gained into the practical application of what must be strived for in the redemption from sin as opposed to the Fall.