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The Rudolf Steiner Archive

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Lebendiges Naturerkennen Intellektueller Sündenfall und spirituelle Sündenerhebung
GA 220

6 Januar 1923, Dornach

Zweiter Vortrag

[ 1 ] Ich müßte Ihnen ein Buch vorlesen, wenn ich Ihnen mitteilen wollte all die außerordentlich lieben Worte und die Worte inniger Verbindung mit dem, was hier durch die furchtbare Katastrophe verloren worden ist. Ich werde mir erlauben, daher nur die Namen derjenigen mitzuteilen, welche unterzeichnet haben solche Worte des Anteiles, des Hingegebenseins an die Sache. Es sind zum Teil Zeichen dafür, wie tief in die Herzen vieler Menschen doch gegangen ist, was von hier aus an die Welt mitgeteilt werden darf. Es sind zum Teil auch Zeichen von wirklich tiefgefühlten Wünschen und auch tatkräftigen Willensentschließungen, das wieder zu erringen, was wir verloren haben. Die breite Anteilnahme an unserer Arbeit und an unserem Verluste wird für viele von Ihnen ja gewiß eine Quelle von Kraft sein können, und schon aus diesem Grunde darf ich hier die Mitteilung von alledem machen. Denn unsere Sache soll ja nicht bloß eine theoretische sein, unsere Sache soll eine Sache der Arbeit, der Menschenliebe, des hingebungsvollen Menschheitsdienstes sein, und deshalb gehört zu dem, was von hier aus gesprochen werden soll, auch die Mitteilung dessen, was Tat oder Absicht zur Tat ist. Ich werde mir nur erlauben, diejenigen Namen zu nennen, die nicht Persönlichkeiten angehören, welche hier sind, denn was sich die Herzen derer mitzuteilen haben, die hier sind, das ist ja in diesen Tagen, in diesen Tagen des wirklich vom Schmerz durchwühlten Zusammenseins mehr stumm, aber doch nicht weniger tief und deutlich zum Ausdrucke gekommen. So werden Sie mir gestatten, daß ich die lieben Freunde der Sache, die hier ihre Anteilnahme auch schriftlich zum Ausdrucke gebracht haben, jetzt nicht besonders anführe. Sie kennen sie ja. (Es folgte die Verlesung der Namen.)

[ 2 ] Wir dürfen schon annehmen, daß in vielen Herzen dasjenige, was hier versucht worden ist, tief eingewurzelt ist, und ich möchte den heutigen Vortragsabend damit ausfüllen, daß ich gewissermaßen episodisch die Betrachtungen dieser Tage unterbreche und des Umstandes gedenke, daß es zunächst ein Kursus war, welcher auswärtige Freunde in größerer Anzahl zu den Freunden hinzugerufen hat, die sonst hier im Goetheanum die anthroposophische Sache sich zu erarbeiten versuchten. Und insbesondere möchte ich mich zuerst in Gedanken wenden an die jungen, an die jüngeren Freunde, welche zu diesem Kursus hierher gekommen sind, und die sich ja zur größten Befriedigung gewiß von allen, welche es mit Anthroposophie ernst meinen, in der letzten Zeit in so schöner, tiefer und herzlicher Weise innerhalb dieser Bewegung eingefunden haben.

[ 3 ] Wir müssen uns durchaus klar darüber sein, welche Bedeutung es hat, wenn sich junge Seelen, Seelen, welche in dem Streben darinnenstehen, dasjenige zu erwerben, was heute von einem jungen Menschen erworben werden kann an Wissenschaft, Kunst und so weiter, wenn solche Seelen sich finden, um mitzuarbeiten innerhalb der anthroposophischen Bewegung. Diese jüngeren Freunde, die zu diesem Kursus hier erschienen sind, gehören ja nun auch zu denen, die vor kurzer Zeit hierher gekommen sind, das Goetheanum gesehen haben, wiedergesehen haben und wohl gedacht haben, daß sie es in anderem Zustande bei ihrer Rückreise verlassen werden, als das jetzt der Fall ist. Und wenn ich vorzugsweise mich jetzt zuerst in Gedanken an diese jüngeren Freunde wende, dann ist es doch so, daß ein jeder, dem die anthroposophische Bewegung am Herzen liegt, eigentlich als seine unmittelbare Seelensache alles empfinden muß, was irgendwelche Gruppen oder einzelne andere Menschen, die innerhalb der Bewegung sich befinden, angeht. Die jüngeren Freunde sind ja zum großen Teil solche, welche den Weg finden wollen zur anthroposophischen Arbeit aus dem heraus, was man heute das Geistesleben nennt. Und insbesondere möchte ich zuerst zu denen sprechen, welche dem akademischen Leben angehören und aus diesem heraus den Antrieb gefühlt haben — aber kaum durch dieses erzeugt —, sich innerhalb der anthroposophischen Bewegung zu weiterem Streben mit andern Menschen zusammenzutun.

[ 4 ] Da ist es ja ganz gewiß vor allen Dingen der heilige Ernst des Strebens nach einer Erfüllung der menschlichen Seele mit Geistesleben, was diese jungen Leute getrieben hat. Innerhalb der Anthroposophie wird allerdings von einem Geistesleben gesprochen, das in unmittelbarer Anschauung nicht auf jene leichte Weise erworben werden kann, die man heute ganz besonders liebt. Und es wird ja kein Hehl daraus gemacht — auch nicht in der Literatur, aus der sich im weitesten Umkreise jeder überzeugen kann, was er innerhalb der anthroposophischen Arbeit findet —, daß die Wege zur Anthroposophie schwierig sind. Aber schwierig nur aus dem Grunde, weil sie zusammenhängen mit dem Tiefsten, aber auch mit dem Kraftvollsten der Menschenwürde, und weil sie auf der andern Seite auch zusammenhängen mit dem, was unserem Zeitalter, unserer Epoche ganz besonders notwendig ist, was geradezu so bezeichnet werden darf, daß der Einsichtige, der die Niedergangserscheinungen in unserer Zeit richtig zu würdigen weiß, die Notwendigkeit eines solchen Fortschrittes anerkennen muß, wie er von der anthroposophischen Bewegung wenigstens versucht wird.

[ 5 ] Nun darf durchaus nicht außer acht gelassen werden, daß die anthroposophische Sache in mehrfacher Art für den Menschen der Gegenwart etwas sein kann. Sie kann ihm allerdings dadurch etwas werden, daß er mit wirklicher innerer Hingabe versucht, zur Anschauung der geistigen Welten selbst zu kommen, um sich dadurch zu überzeugen, daß alles, was hier mitgeteilt wird aus den geistigen Welten, durchaus auf Wahrheit fußt. Aber ich muß immer und immer wieder betonen, daß, so notwendig es ist, daß einzelne oder vielleicht eine unbegrenzte Zahl von Menschen in der Gegenwart diesen ernsten, schwierigen Weg gehen, auf der andern Seite aber doch jeder, der nur unbefangenen, gesunden Menschenverstand hat, eine völlig auf wirkliche innere Gründe gestützte Einsicht in die Wahrheit der Anthroposophie gewinnen kann.

[ 6 ] Das muß immer wieder und wieder betont werden, damit nicht der Einwand, der ganz ungültig ist, scheinbar Geltung sich verschaffe: daß eigentlich nur derjenige, der hellsehend in die geistige Welt hineinblickt, irgendwie ein Verhältnis gewinnen könne zu dem, was in der anthroposophischen Bewegung als Wahrheit verkündet wird. Das heutige allgemeine Geistesleben, die allgemeine Zivilisation und Kultur, sie bringen ja allerdings so viele Vorurteile vor den Menschen hin, daß er wegen dieser Vorurteile zur völligen Besinnung im gesunden Menschenverstande nur schwer kommen kann, um auch ohne Hellsehen sich von der Wahrheit der anthroposophischen Sache zu überzeugen.

[ 7 ] Aber gerade dazu sollte die Anthroposophische Gesellschaft die Wege weisen, und in dieser Richtung sollte sie ihre Arbeit leisten, daß die Vorurteile der gegenwärtigen Zivilisation immer mehr und mehr hinweggeraumt werden. Wenn die Anthroposophische Gesellschaft nach dieser Richtung ihre Pflicht tut, dann darf man sich der Hoffnung hingeben, daß jene inneren Erkenntniskräfte auch ohne Hellsehen denjenigen erwachsen, die aus irgendwelchen Gründen die exakte Clairvoyance, von der hier gesprochen werden muß, nicht anstreben können; daß sie doch zu einer vollkräftigen Überzeugung von der Gültigkeit der anthroposophischen Erkenntnis kommen können.

[ 8 ] Aber es kann noch ein ganz besonderer Weg sein, den nun der jüngere akademische Mensch heute zur Anthroposophie für sich finden kann. Sehen Sie, was eigentlich heute das akademische Studium geben sollte und geben könnte, wäre der gediegenste Ausgangspunkt, um auch zur eigenen Anschauung — ich sage ausdrücklich: zur eigenen Anschauung — des anthroposophischen Geistesgutes zu kommen, wenn Wissenschaft und Erkenntnis und inneres Leben innerhalb unseres Schulbetriebes so vorhanden wären, wie die Möglichkeit dazu eben heute durchaus vorliegt.

[ 9 ] Aber bedenken Sie einmal, wie wenig innerlich verbunden innerhalb der gegenwärtigen Zivilisation der jüngere Mensch heute mit dem ist, was er als seine Wissenschaft, als seine Erkenntnis erstreben soll. Bedenken Sie, wie es zumeist heute nicht anders sein kann, als daß mehr oder weniger als etwas Äußerliches die einzelnen Wissenschaften an den jüngeren Menschen herankommen. Sie treten ja heran mit einer Systematik, die durchaus nicht geeignet ist, die oftmals außerordentlich bedeutungsvollen, sogenannten empirischen Erkenntnisse in ihrem ganzen Wert sprechen zu lassen. Ja, es gibt heute innerhalb einer jeden Wissenschaft, die gepflegt wird, erschütternde Wahrheiten, manchmal erschütternde Wahrheiten in Einzelheiten, in Spezialitäten. Und es gibt namentlich solche Wahrheiten, von denen ich behaupten möchte, daß wenn sie richtig an den jungen Menschen herantreten würden, sie wirken würden wie eine Art seelischen Mikroskops oder Teleskops, so daß, wenn sie von der Seele richtig verwendet werden könnten, sie ungeheure Geheimnisse des Daseins aufschließen würden.

[ 10 ] Aber gerade von solchen Dingen, die ungeheuer aufschlußgebend sein würden, wenn sie richtig gepflegt würden, die die Herzen und die Seelen hinreißen würden, wenn sie aus den Tiefen der Menschheit und der Persönlichkeit heraus innerhalb des akademischen Lebens an die Jugend herankämen, gerade von solchen Dingen muß heute vielfach gesagt werden, daß sie innerhalb einer ausgesponnenen gleichgültigen Systematik oftmals eben mit Gleichgültigkeit an die Jugend herangebracht werden, so daß das Verhältnis der Jugend zu dem, was unsere empirische Wissenschaft auf den mannigfaltigsten Gebieten an Aufschlußmöglichkeiten hervorgebracht hat, ein durchaus Äußerliches bleibt. Und man möchte sagen: Mancher, ja wohl die meisten unserer jungen akademischen Menschen gehen heute durch das Studium ohne inneren Anteil, lassen die Sache gewissermaßen mehr oder weniger als ein Panorama an sich vorübergehen, um dann mit den nötigen Wiederholungen die Examina machen zu können und eine Lebensstellung zu finden.

[ 11 ] Es klingt ja fast paradox, wenn man sagen würde, es sollten auch die Herzen der akademischen Jugend bei jeglichem sein, das ihnen vorgebracht wird. Ich sage, das klingt wie ein Paradoxon, obwohl es so sein könnte! Denn die Möglichkeit ist vorhanden, weil für denjenigen, der gerade dazu eine subjektive Anlage hat, heute manchmal das trockenste Buch oder der trockenste Vortrag genügen kann, um, wenn auch nicht auf die Kraft des Schreibers oder des Vortragenden hin, so doch vielleicht aus der eigenen Kraft heraus, tief auch dem Herzen nach ergriffen zu werden. Aber ich muß ja sagen: Manchmal geht es einem schon ganz tief zur Seele, wenn man, vielleicht sogar bei den besten der jungen Freunde, die herankommen zur anthroposophischen Bewegung, merkt, daß sie nicht durch ihre Schuld, sondern durch ihr Schicksal innerhalb des heutigen Zivilisationslebens nicht nur für ihr Herz nichts bekommen haben aus dem gegenwärtigen Erkenntnisbetrieb heraus, sondern — vielleicht werden mir es manche nicht verzeihen, aber die meisten der jungen Akademiker, die hier sind, werden es wohl verstehen —, sondern auch nichts für ihren Kopf.

[ 12 ] Wir sind heute in diesem Zeitalter durch die naturwissenschaftliche Entwickelung, die ich während dieses naturwissenschaftlichen Kurses zu charakterisieren versuchte, bei einem Punkte der Zivilisationsentwickelung angelangt, in dem es möglich wäre, daß ohne alle Anthroposophie, durch bloßen vollmenschlichen Betrieb des wissenschaftlichen und Erkenntnislebens, die jungen Menschen aus der gewöhnlichen Naturwissenschaft heraus das erleben müßten, was ich nennen möchte eine Art tiefer seelischer Beklemmung. Ja, die Naturwissenschaft der Gegenwart ist so, daß gerade derjenige, der sie emsig und fleißig studiert und ihre Dinge ernst nimmt, etwas wie eine seelische Beklemmung empfindet, etwas von dem empfinden kann, was über die menschliche Seele kommt, wenn sie ringt mit dem Erkenntnisproblem. Denn wer sich ein bißchen umsieht aus dem oder jenem heraus, was innerhalb der Naturwissenschaft heute vorliegt, an den treten große Weltprobleme heran, Weltprobleme, die aber oftmals eingekleidet sind, ich möchte sagen, in kleine Formulierungen von Tatsachen. Und diese Formulierungen von Tatsachen drängen einen dahin, etwas in der eigenen Seele zu suchen, was gerade deshalb, weil diese naturwissenschaftlichen Wahrheiten vorhanden sind, als Rätsel gelöst werden muß. Sonst kann man nicht leben, sonst fühlt man sich beklemmt.

[ 13 ] O wäre diese Beklemmung die Frucht unseres naturwissenschaftlichen Studiums! Dann würde aus dieser Beklemmung, die den ganzen Menschen ergreift, nicht allein die Sehnsucht nach der geistigen Welt entstehen, sondern auch die Begabung, in die geistige Welt hineinzuschauen. Auch dann, wenn man Erkenntnisse nimmt, die den Menschen nicht befriedigen können, kann gerade durch das richtig an die Seele und an das Herz herangebrachte Unbefriedigende das höchste Streben entfacht werden.

[ 14 ] Das ist es, was man manchmal als so furchtbar empfindet, als so niederschmetternd empfindet innerhalb des Erkenntnisbetriebes der Gegenwart, daß gar kein Anspruch darauf gemacht wird, fühlen zu lassen, wie die Dinge, die in der Gegenwart da sind, auf den ganzen Menschen so wirken können, daß er gehindert wird in seinem jungen Leben, überhaupt an das Menschenwürdigste heranzukommen, wenn er nicht gerade aus einer besonders veranlagten Sehnsucht heraus sich frei macht von dem, was ihn nur mit den Hindernissen behaftet, die in den Weg gelegt werden.

[ 15 ] Und wenn man von den Naturwissenschaften weg zu den Geisteswissenschaften sieht: sie sind während des naturwissenschaftlichen Zeitalters in einen Zustand gekommen, daß, wenn man als junger Mensch, mit einer Anleitung, die diese Geisteswissenschaften wiederum vom vollmenschlichen Standpunkte aus behandeln würde, sich ihnen so hingeben könnte, man durch sie wenigstens etwas bekommen würde, was ich nennen möchte eine seelische Atemnot. Denn alle die abstrakten Ideen, die Ergebnisse dokumentarischer Forschung und all das andere, was heute in den Geisteswissenschaften enthalten ist, das würde, wenn es wenigstens mit menschlichem Anteil an den jungen Menschen herangebracht würde, ja gerade das Ziel verfolgen können, in ihm diese Atemnot der Seele zu erzeugen, die den Drang in ihm erwecken würde, hinaufzusteigen in die frische Luft, die in das Gebiet der heutigen Geistesbetrachtung durch anthroposophische Weltanschauung gebracht werden soll.

[ 16 ] Wer dem Geiste meiner Vorträge über die naturwissenschaftliche Entwickelung der neueren Zeit gefolgt ist, wird gewiß nicht sagen können, daß ich eine überflüssige Kritik an diese Naturwissenschaft der Gegenwart angelegt habe. Im Gegenteil, ich habe durch meine Vorträge ihre Notwendigkeit bewiesen, habe versucht zu beweisen, daß die Naturwissenschaft und schließlich auch die Geisteswissenschaft der Gegenwart nichts anderes sein können als Grundlagen, denn sie dienten und müssen dienen zu Grundlagen der Zivilisation, die einmal gelegt werden müssen, damit darauf weitergebaut werden kann.

[ 17 ] Aber der Mensch kann nicht anders, als Mensch sein, voller Mensch sein nach Leib, Geist und Seele. Und indem der heutige junge Mensch in einem Zeitalter leben muß, in dem ihm notwendigerweise etwas entgegentritt, was den Menschen gar nicht enthält, könnte dennoch das edelste und auch kraftvollste menschliche Streben erregt werden, wenn eben nur dasjenige, was notwendig, aber nicht menschlich befriedigend ist, im höchsten Sinne des Wortes aus voller Menschlichkeit ihm heute entgegengebracht würde. Wenn das so geschähe, dann würden unsere jungen Leute nichts anderes brauchen, als die Errungenschaften der heutigen physikalischen, der heutigen Geisteswissenschaften an den Akademien selber zu hören, und sie würden gerade daraus nicht nur den innersten Drang, sondern auch die Befähigung erhalten, Geisteswissenschaft in Vollmenschlichkeit in sich aufzunehmen. Und aus dem, was dann leben würde in den jungen Menschen, würde ganz von selbst erwachsen, daß ihnen die anthroposophische Gestalt der Wissenschaft auch diejenige würde, die notwendig ist, damit wir weiterkommen in der Zivilisation der Menschheit.

[ 18 ] Ich glaube, daß unsere jüngeren Freunde, wenn sie sich die vielleicht etwas paradox klingenden Worte, die ich gesprochen habe, richtig überlegen, damit einigermaßen charakterisiert finden werden die wichtigsten der Leiden, die sie während ihrer akademischen Zeit durchzumachen hatten. Und ich darf annehmen, daß in diesem Leiden bei der Mehrzahl der Grund liegt, warum sie zu uns gekommen sind. Aber dieses Leiden gehört bei vielen schon einer Vergangenheit, einer nicht mehr einzuholenden Vergangenheit an. Denn was man eigentlich in einer gewissen Zeit der Jugend haben sollte, das kann man ja in derselben Gestalt später nicht mehr haben. Aber dennoch glaube ich, daß eines als Ersatz dienen kann. Was Ersatz sein soll für das, was man nicht mehr haben kann, das ist die Erkenntnis der Aufgabe, die insbesondere auch die jüngeren Leute unter uns haben, zur Pflege des anthroposophischen Lebens in der Gegenwart.

[ 19 ] Stellt Ihr Euch diese Aufgabe: zu tun für die anthroposophische Bewegung, was Ihr aus Eurer eigenen Überzeugung entweder schon wisset, das für sie zu tun ist, oder wovon Ihr im Laufe der Zeit Euch in Eurem eigensten Innern, in Eurem ganz individuellen Innern überzeugen könnt, daß es notwendig ist für die weitere Zivilisation der Menschheit, dann werdet Ihr eines in Eurem Herzen einmal tragen können, tragen können länger als dieses Erdenleben währet: Dann werdet Ihr tragen können das Bewußtsein, in einem Zeitalter der größten menschlichen Schwierigkeiten Eure Pflicht gegenüber der Menschheit und der Welt getan zu haben. Und das wird ein reichlicher Ersatz für dasjenige sein, was Ihr mit Recht verlorengeben möget.

[ 20 ] Empfindet man so recht, wie es steht mit der Jugend innerhalb unseres Zeitalters, dann sieht man auch in der richtigen Weise auf die Tatsache hin, daß akademische Jugend innerhalb unserer Kreise sich eingefunden hat, und dann wird wohl auch, wenn ich mich so ausdrücken darf, nach und nach das Talent entstehen, ein Verhältnis zu dieser Jugend zu gewinnen von seiten derjenigen innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft, welche ihr, nun, sagen wir, nicht als Jugend angehören, in dieser oder jener Beziehung.

[ 21 ] Aber ich glaube, es gibt ein Wort, welches aus unserer gegenwärtigen Trauerlage herkommen kann, das ich auch zu den ältesten Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft sprechen kann, und das ist dieses: Daß der Mensch, der heute sich als Mensch richtig versteht, innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft ja erfahren kann, was wiederum mit Ernst betrachtet werden muß, wenn die Zivilisation der Menschheit weitergehen soll, wenn die Niedergangskräfte nicht die Oberhand gewinnen sollen über die Aufgangskräfte. — Es ist ja nahezu so weit gekommen innerhalb der allgemeinen Kultur und Zivilisation der Gegenwart, daß es fast komisch klingt, wenn einer sagt: Wenn der Mensch in seinem Geistig-Seelischen ist zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, so sollte er dafür gesorgt haben, daß sein Geistig-Seelisches sich während dieser Zeit in der richtigen Weise verhalten kann. — Aber innerhalb der anthroposophischen Bewegung erfahren Sie ja, daß dieses Geistig-Seelische, wie es lebt zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, der Keim ist, den wir in die Ewigkeit der Zukunft hinaustragen. Was wir im Bette zurücklassen, wenn wir schlafen, dasjenige, was von uns sichtbar ist, wenn wir vom Morgen bis zum Abend unser Tageswerk vollbringen, das tragen wir nicht hinaus durch die Pforte des Todes in die geistige, in die übersinnliche Welt. Wohl aber tragen wir jenes geistig Feine hinaus, das außerhalb des physischen und des Ätherleibes vorhanden ist, wenn der Mensch sich zwischen dem Einschlafen und Aufwachen befindet. Sehen wir jetzt davon ab, welche Bedeutung das Schlafesleben für den Menschen hier auf Erden hat — das aber kann durch anthroposophische Geisteswissenschaft dem Menschen klarwerden, daß jenes Feine, Substantielle, welches, für das gewöhnliche Bewußtsein unwahrnehmbar, zwischen dem Einschlafen und Aufwachen lebt, gerade dasjenige ist, was er an sich tragen wird, wenn er durch die Pforte des Todes geschritten ist, wenn er in andern Welten, als es diese Erdenwelt ist, seine Aufgabe zu verrichten hat.

[ 22 ] Aber die Aufgaben, die er da zu verrichten hat, er wird sie verrichten können, je nachdem er dieses Geistig-Seelische gepflegt hat. O meine lieben Freunde, in jener geistigen Welt, die um uns ist ebenso wie die physische Welt, leben auch diejenigen Menschenseelenwesen ein gegenwärtiges Dasein, die jetzt eben nicht in einem physischen Leibe sind, sondern vielleicht jahrzehnte-, jahrhundertelang noch zu warten haben auf ihre nächste Erdenverkörperung. Diese Seelen, sie sind da, wie wir physischen Menschen auf Erden da sind. Und in dem, was hier unter uns physischen Menschen geschieht, was wir dann später das geschichtliche Leben nennen, in dem wirken nicht nur die Erdenmenschen, in dem wirken auch diejenigen Kräfte, die sich hereinerstrecken aus Menschen, die gegenwärtig zwischen dem Tod und einer neuen Geburt sind. Diese Kräfte sind da. Wie wir unsere Hände ausstrecken, so strecken diese Wesen ihre Geisterhände in die unmittelbare Gegenwart herein. Und eine wüste Geschichtsschreibung ist es, wenn nur die Dokumente verzeichnet werden, welche vom Irdischen handein, während die wahre Geschichte, die sich auf Erden abspielt, mitbewirkt wird von den aus der geistigen Welt hereinwirkenden Geisteskräften derer, die zwischen dem Tod und einer neuen Geburt sind. Wir arbeiten auch mit den nicht auf der Erde verkörperten Menschen zusammen.

[ 23 ] Und so wie wir eine Sünde begehen wider die Menschheit, wenn wir die Jugend nicht in der rechten Weise erziehen, so begehen wir eine Sünde wider die Menschheit, eine Sünde wider die edelste Arbeit, die aus unsichtbaren Welten von den nicht verkörperten Menschen verrichtet werden soll, wir begehen eine Sünde an der Entwickelung der Menschheit, wenn wir unser eigenes Geistiges nicht pflegen, damit es so durch die Pforte des Todes geht, daß es dort bewußter und bewußter sich entwickeln kann. Denn wenn das Geistig-Seelische nicht auf Erden gepflegt wird, dann geschieht es, daß dieses Bewußtsein, das in einer gewissen Weise sofort und dann immer mehr und mehr zwischen dem Tod und einer neuen Geburt aufleuchtet, daß dieses Bewußtsein getrübt bleibt bei all den Seelen, die hier kein geistiges Leben pflegen. Wird sich der Mensch seiner vollen Menschlichkeit bewußt, dann gehört das Geistige dazu.

[ 24 ] Das sollte der Ernst der Menschen der Gegenwart sein, die in rechter Art etwas verstehen von den Impulsen der anthroposophischen Bewegung, daß sie wissen, in welcher Weise das durch anthroposophische Geisteswissenschaft Erworbene ein Weltenlebensgut, eine Weltenlebenskraft ist; daß es eine Sünde begehen heißt im höheren Sinne, wenn man unterläßt, dasjenige zu pflegen, was da sein muß, um die Erde, um die Erdenmenschheit weiterzuentwickeln, weil es zum Untergange des Irdischen führen muß, wenn es nicht da ist. Und in vielem kommt es darauf an, neben dem, was man vielleicht gern mehr oder weniger theoretisch hinnimmt aus der Geisteswissenschaft, zu empfinden den tiefen Ernst, der darin liegt, sich zu verbinden mit einer im Geiste zu ergreifenden, umfassenden Menschheitsangelegenheit.

[ 25 ] Und das ist etwas, was nun nicht für eine besondere Menschenkategorie gilt, das ist etwas, was ganz gewiß für Junge und Alte gilt. Das scheint mir aber auch dasjenige zu sein, in dem sich Junge und Alte zusammenfinden können, damit ein Geist einmal herrsche innerhalb dessen, was Anthroposophische Gesellschaft ist.

[ 26 ] Mögen die jüngeren Leute ihr Bestes bringen, mögen die älteren Leute dieses Beste verstehen, möge Verständnis von der einen Seite Verständnis auf der andern Seite finden, dann allein kommen wir vorwärts. Lassen Sie uns aus den traurigen Tagen, die wir durchgemacht haben, aus dem schmerzlichen Leid, mit dem wir durchdrungen sind, Entschlüsse in unser Herz eindringen, die nicht bloße Wünsche, nicht bloße Gelobungen sind, sondern die so tief in unseren Seelen sitzen, daß sie Taten werden können. Auch im kleinen Kreise werden wir, wenn wir den großen Verlust ausgleichen wollen, Taten brauchen.

[ 27 ] Jugendtaten sind, wenn sie in den richtigen Wegen gehen, weltenbrauchbare Taten. Und das Schönste, was man als älterer Mensch wollen kann, ist, zusammenarbeiten zu können mit denjenigen Menschen, die noch Jugendtaten verrichten können. Wenn man das in der richtigen Weise weiß, o meine lieben Freunde, dann kommt einem die Jugend wohl auch verständnisvoll entgegen. Und nur dann werden wir selbst das allein tun können, was zum Ausgleich unseres großen Verlustes notwendig ist, wenn die Jugend, die uns das entgegenbringen kann, was einstmals für die Zukunft notwendig ist, sehen kann — und ganz gewiß dann zu ihrer eigenen Befriedigung —, an schönen Beispielen sehen kann, was die älteren Leute zur Ausgleichung dieses Verlustes tun können. Bemühen wir uns, daß wir voneinander Rechtes, Kraftvolles sehen können, damit sich Kraft an Kraft erkrafte, dann allein werden wir vorwärtskommen.

[ 28 ] Übergabe der Schlange: 2. Einweihung.

[ 29 ] Der Gang in das Labyrinth: 3. Einweihung.