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The Rudolf Steiner Archive

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Lebendiges Naturerkennen Intellektueller Sündenfall und spirituelle Sündenerhebung
GA 220

5 Januar 1923, Dornach

Erster Vortrag

[ 1 ] Ich möchte heute, im Anschluß an die Vorträge, die ich in den letzten Tagen des dahingegangenen Goetheanum gehalten habe, über den Zusammenhang des Menschen mit dem Jahreslauf und über Erkenntnisse, die sich auf diesen Zusammenhang beziehen, Sie noch einmal zurückführen in ein Zeitalter, das wir öfter betrachtet haben und das voll verstanden werden muß, wenn man die Gegenwart der Menschheitsentwickelung in der rechten Weise erkennen will. Wir haben ja von der Möglichkeit gesprochen, daß im Menschen in der bestimmtesten Weise Vorgänge geschehen, die man wieder erkennen kann in dem sich immer wiederholenden Geschehen des Jahreslaufes. Und ich habe ja auch darauf hingewiesen, wie ältere Mysterienwissenschaft, Initiationswissenschaft, darauf ausgegangen ist, unter den Menschen, die dafür zugänglich waren, solche Erkenntnisse auszubreiten. Dadurch, daß man solche Erkenntnisse ausbreitete, sollte gestärkt werden das menschliche Denken, das Fühlen, das Wollen, das ganze Sich-Hineinstellen des Menschen in die Welt.

[ 2 ] Nun können wir uns fragen: Wovon hing es denn ab, daß in älteren Zeiten die Menschen von vornherein ein Verständnis gehabt haben für dieses Verhältnis des Menschen, des Mikrokosmos zur großen Welt, zum Makrokosmos, wie sich dieser im Jahreslaufe ausdrückt? Denn ein solches Verständnis hatten die Menschen. Dieses Verständnis hatten sie deshalb, weil in jenen älteren Zeiten das seelische Innere des Menschen enger gebunden war an den Ätherleib oder Bildekräfteleib, als das heute der Fall ist. Wir wissen ja aus den skizzenhaften Darstellungen, die ich habe geben können innerhalb des Französischen Kurses, daß der Mensch, wenn er seinen übersinnlichen Lebenslauf durchgemacht hat zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, nachdem er den Geistkeim seines physischen Leibes auf die Erde heruntergeschickt hat und als seelisch-geistiges Wesen noch nicht selber heruntergestiegen ist vor der Konzeption — daß er dann aus dem Kosmos sich die Kräfte des Weltenäthers zusammenzieht, und daß er daraus seinen ätherischen Leib bildet, den er also hat, bevor er sich mit seinem physischen Leibe verbindet. Der Mensch steigt also aus geistig-übersinnlichen Welten in der Weise herunter, daß er sein Geistig-Seelisches zunächst umkleidet hat mit seinem ätherischen Leibe. Dann verbindet er sich mit demjenigen, was ihm durch die physische Vererbungsströmung, durch Vater und Mutter, als physischer Leib übergeben wird.

[ 3 ] Nun war in älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung die Verbindung, die der Mensch vor seinem Erdenleben mit dem Ätherleib eingehen konnte, eine viel innigere, als sie später war und ist. Diese innigere Verbindung mit dem Ätherleibe machte es eben einer älteren Menschheit möglich, zu verstehen, was gemeint war, wenn aus den Mysterien heraus die Erkenntnis kam: Dasjenige, was man als physische Sonne sieht, das ist der physische Ausdruck von etwas Geistigem. — Verständnis war vorhanden, wenn man von dem Sonnengeiste sprach. Verständnis war deshalb vorhanden, weil bei jener innigen Verbindung des menschlichen geistig-seelischen Wesens mit dem Ätherleib oder Bildekräfteleib es den Menschen ganz töricht geschienen hätte, wenn sie hätten glauben müssen, daß da oben irgendwo im Weltenraum jener physische Gasball schwebe, von dem uns zum Beispiel die heutige Astrophysik erzählt. Es war diesen älteren Menschen selbstverständlich erschienen, daß zu diesem Physischen ein Geistiges gehört. Und dieses Geistige war eben dasjenige, was in allen alten Mysterien als der Sonnengeist erkannt und verehrt wurde.

[ 4 ] Nun können wir — natürlich sind alle diese Dinge nur annähernd richtig, aber im wesentlichen sind sie eben doch so — das 4. nachchristliche Jahrhundert als denjenigen Zeitraum angeben, in dem die aus der geistig-übersinnlichen Welt herunterkommenden Menschenwesen diese innigere Verbindung mit dem Ätherleib oder Bildekräfteleib eben nicht mehr hatten. Es war eine losere Verbindung. Daher bereitete sich ja immer mehr und mehr vor, daß auch im physischen Erdenleben die Menschen sich nurmehr ihres physischen Leibes bedienen konnten, wenn sie, wenn ich mich so ausdrücken darf, zum Himmel emporschauten. In älteren Zeiten, wenn die Menschen zum Himmel emporschauten, da sahen sie die Sonne, aber aus ihrem Innern stieg der Antrieb auf, in dieser Sonne doch nicht etwas bloß Physisches zu sehen, sondern ein Geistig-Seelisches damit verbunden zu wissen. Nach dem 4. nachchristlichen Jahrhundert konnte man sich, um die Sonne zu sehen, nur eben des physischen Leibes, der physischen Augen bedienen, durch die nicht mehr der Blick, wenn er nach außen schweifte, getragen wurde von der Kraft des ätherischen oder Bildekräfteleibes. Man sah daher immer mehr und mehr nur die physische Sonne. Und daß es einen Sonnengeist gab, konnte man nur noch lehren, weil die Früheren es wußten und weil es als Tradition vorhanden war. So lernte zum Beispiel Julianus Apostata, der Abtrünnige, bei seinen Lehrern, wie ich früher einmal angegeben habe, daß es solch einen Sonnengeist gibt. Nun, dieser Sonnengeist aber ist ja durch das Mysterium von Golgatha, wie wir wissen, auf die Erde heruntergestiegen. Er hat seinen Himmelslebenslauf herunterverlegt und ihn verwandelt in einen Erdenlebenslauf, indem er sein künftiges Wirken seit dem Mysterium von Golgatha darauf hinorientiert hat, die Menschheitsentwickelung innerhalb der Erdenwirksamkeit zu führen.

[ 5 ] Sie bemerken: die beiden Zeitpunkte fallen nicht zusammen. Der Zeitpunkt des Mysteriums von Golgatha — als was erscheint er uns, wenn wir heute auf ihn zurückblicken? Wir müssen dann sagen: In diesem Zeitpunkt geht der Christus, das Hohe Sonnenwesen, durch das Mysterium von Golgatha und verbindet sich mit dem Erdendasein. Populär ausgedrückt: seit jenem Zeitpunkt ist der Christus auf der Erde. Das Sehen des Sonnengeistes war den Menschen möglich bis zum 4. nachchristlichen Jahrhundert, weil sie bis dahin noch inniger mit ihrem Ätherleib oder Bildekräfteleib verbunden waren.

[ 6 ] Wenn nun auch der Christus selbst schon auf Erden war, so sah man doch bis in das 4. Jahrhundert die Sonne so, daß man gewissermaßen noch das Nachbild durch den ätherischen Leib sah. Wie man im Physischen, wenn man auf irgend etwas scharf hinschaut und dann das Auge schließt, ein Nachbild hat im Auge, so hatte der menschliche Ätherleib, indem er die Sonne sah, bei denjenigen Persönlichkeiten, bei denen eben das noch geblieben war, ein Nachbild des Sonnengeistes, wenn der Mensch in den Kosmos hinaussah. Daher kam es, daß solche Menschen, die so mit ihrem Ätherleib noch verbunden waren — und das war namentlich in südlichen europäischen Gegenden, in nordafrikanischen, in vorderasiatischen Gegenden bei sehr vielen Menschen der Fall —, sich einfach durch ihre Erfahrung sagten: Der Sonnengeist ist zu sehen, wenn man in die Weiten der Himmel hinausblickt. — Und sie verstanden nicht, was das heißen soll, was die Lehrer und Führer jener andern Mysterien sagten, von denen ich Erwähnung getan habe während dieses Französischen Kurses; sie verstanden nicht, was das heißen soll: der Christus wäre auf der Erde.

[ 7 ] Bedenken Sie, daß ja fast vier Jahrhunderte vergangen waren seit dem Mysterium von Golgatha, in denen eine große Anzahl gutorganisierter Menschen durch das, was ich eben gesagt habe, keinen rechten Begriff damit verbinden konnten: Der Christus ist auf der Erde erschienen. — Für sie war das, was in Palästina vor sich gegangen war, ein unbedeutendes Ereignis, ein so unbedeutendes Ereignis, wie es tatsächlich für jene römischen Schriftsteller war, die das in nebensächlicher Erwähnung aufgeschrieben haben. Es war eben eine unbedeutende Persönlichkeit, die unter merkwürdigen Umstanden den Tod gefunden hatte. Denn das ganze tiefe Mysterium wurde gerade von diesen Menschen nicht begriffen. Im Grunde genommen kann man sagen: Diese Menschen brauchten ja nicht den Christus auf Erden, denn sie hatten ihn noch in der alten Weise in den Himmeln. Für sie war er noch derjenige Geist des Weltenalls, der im Lichte wirkte. Für sie war er der allumfassende Erleuchter der Menschheit. Für sie war noch kein Bedürfnis da, hineinzublikken in den Menschen und ihn im Ich zu suchen.

[ 8 ] Ein solcher Mensch, der gar nicht begreifen konnte, warum man den Christus in einem Menschen auf Erden suchen sollte, da er doch in den Himmeln zu suchen ist und in dem Lichte lebt, das täglich mit Sonnenaufgang auf die Erde scheint und mit Sonnenuntergang aufhört zu scheinen, ein solcher Mensch war eben Julian der Abtrünnige, Julianus Apostata. Es war für diese Menschen das, was in Palästina vor sich gegangen war, eben ein Ereignis wie andere geschichtliche Ereignisse, aber ein höchst unbedeutendes. Und es war namentlich deshalb ein gewöhnliches, und zwar unbedeutendes geschichtliches Ereignis, weil in diesen Menschen noch nicht die Not nach dem Christus lebte. Wann konnte denn erst anfangen zu leben im Menschen die Not nach dem Christus? Das wollen wir uns einmal heute vergegenwärtigen, wann diese Not nach dem Christus in der Menschheit überhaupt auftauchen konnte.

[ 9 ] Wenn wir die aufeinanderfolgenden Epochen der Erdenentwikkelung nach der großen atlantischen Katastrophe ins Auge fassen, so ist es ja so: Wir haben also, wenn wir zurückgehen in das 8., 9. Jahrtausend, die atlantische Katastrophe, die ich öfter geschildert habe. Wir haben dann die erste nachatlantische Kulturperiode, über die Sie nachlesen können in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß», die ich die urindische genannt habe (siehe Schema). In dieser urindischen Periode lebt der Mensch vorzugsweise in seinem Ätherleib oder Bildekräfteleib. Da ist noch die Verbindung eine so intensive, daß man überhaupt sagen kann: Der Mensch lebt in seinem Ätherleib oder Bildekräfteleib. Er lebt so, daß im Grunde genommen der physische Leib für ihn mehr noch ein Kleid ist, etwas Äußerliches ist. Er sieht viel mehr mit seinem ätherischen Auge in die Welt hinaus als mit den physischen Augen. Die zweite Periode ist die urpersische. Da sieht der Mensch in seine Umwelt vorzugsweise durch dasjenige, was man nennen kann den Empfindungsleib. In der dritten, in der ägyptisch-chaldäischen Periode sieht der Mensch in die Welt mit Hilfe seiner Empfindungsseele. Endlich in der vierten, in der griechisch-lateinischen Zeit, sieht der Mensch in die Welt mit der Verstandes- oder Gemütsseele.

[ 10 ] Und in unserer fünften Zeit, seit dem 15. Jahrhundert, die man nennen kann die geschichtliche Gegenwart, sieht der Mensch mit der Bewußtseinsseele in die Welt. Und dieses Sehen mit der Bewußtseinsseele bewirkt ja alles das, was ich in dem Naturwissenschaftlichen Kursus an historischer Aufeinanderfolge dargestellt habe.

[ 11 ] Nun machen wir uns aber klar, wie das nun eigentlich ist. Es ist das sogar sehr schwer, aber wenn man diesen Tatbestand schematisch aufzeichnen wollte, so müßte man sagen: Physischer Leib (siehe Schema), Ätherleib (schraffiert), und in diesem Ätherleib macht sich zunächst das Seelische geltend, aber so, daß zuerst der Mensch überhaupt im Ätherleib noch lebt. Dann aber im Empfindungsleib, der in Wirklichkeit noch ganz Ätherleib ist. Denn erst in der ägyptisch-chaldäischen Zeit lebt der Mensch in der Seele, aber da lebt die Seele durchaus noch im Ätherleibe drinnen. So daß ich etwa die Seele so zeichnen könnte (rot schraffiert). Indem der Mensch sich seelisch innerlich fühlt, fühlt er sich noch zur Hälfte im Ätherleib drinnen.

[ 12 ] In der griechisch-lateinischen Zeit ist es so, daß der Mensch herauswächst mit seinem Seelischen aus dem Ätherleib. Er hat auch noch den Ätherleib in sich etwa bis zum Jahre 333. Dann wächst der Mensch so heraus aus dem Ätherleib, daß seine Seele nur ganz lose mit dem Ätherleib verbunden ist, gar nicht mehr eine innere Verbindung hat (violett schraffiert). Die Seele fühlt sich nach außen hin verlassen. Sie ist genötigt jetzt, ohne die Stütze des Ätherleibes hinauszugehen in die Welt. Dadurch entsteht die Not nach Christus. Denn jetzt, da man nicht mehr in der Seele innig verbunden ist mit dem Ätherleib, sieht man nichts mehr vorn Sonnengeist, nicht einmal das Nachbild, wenn man in die Himmel hinausschaut. Aber in der Weltenentwickelung ist alles so, daß es sich erst durch lange Zeitlagen allmählich entwickelt. Zunächst war vom 4. Jahrhundert ab die Seele gewissermaßen innerlich emanzipiert vom Ätherleib, aber sie war noch nicht in sich erstarkt, sie war noch in sich schwach. Und wenn wir die ganzen Jahrhunderte durchgehen, vom 5., 6., 7. Jahrhundert bis ins 14., 15., 16. Jahrhundert, ja bis in unsere Zeit — aber namentlich wollen wir zunächst bei der Periode bis ins 15. Jahrhundert bleiben —, so haben wir die innerlich eben emanzipierte, aber schwache Seele, die zwar die Not nach etwas fühlt, aber noch nicht stark genug ist, aus innerem Impuls heraus dieser Not entgegenzukommen und, statt wie früher den Christus in der Sonne, jetzt den Christus im Mysterium von Golgatha zu suchen; statt ihn im Raume draußen, ihn im Zeitenlaufe zu suchen. Die Seele mußte innerlich erstarken, um in sich überhaupt Kräfte auszubilden. Die ganzen Jahrhunderte bis ins 15. Jahrhundert herein war man nicht stark genug, um innerlich Kräfte auszubilden, um überhaupt zu einer Erkenntnis von der Welt durch die Seele zu kommen. Daher beschränkte man sich darauf, die Erkenntnisse aus den Büchern zu nehmen, welche die Alten hinterlassen hatten, das historisch Bewahrte als Erkenntnis zu nehmen.

[ 13 ] Das ist etwas, was man berücksichtigen muß. Die Seele muß innerlich erstarken. Im 15. Jahrhundert war sie so weit, daß sie dasjenige, was sie nicht mehr aus dem Ätherleibe oder auf dem Umwege durch den Ätherleib aus dem physischen Leibe heraus erlernte als Mathematisches, daß sie das nun in Abstraktion — den abstrakten Raum als Gedanken — anfing, als ihr Eigenes zu erleben. In diesem Erleben ist die Menschheit noch nicht weit, aber es ist, wie Sie merken, ein anderes Erleben, als es früher war. Es ist der Drang, aus dem Innerseelischen heraus zu etwas zu kommen, wozu die Menschheit kommen konnte in alten Zeiten, als sie sich noch ihres Ätherleibes, mit dem die Seele innig verbunden war, bedienen konnte. Die Menschen mußten sich jetzt innerlich so erstarken, daß sie zum Christus kamen, während ihnen früher der Ätherleib gedient hatte, um von der Sonne herunter den Christus zu sehen. Und so können wir sagen, bis ins 4. Jahrhundert ist es so, daß gerade die zivilisiertesten Menschen überhaupt nicht recht etwas anzufangen wissen mit den Nachrichten über den Christus, über das Mysterium von Golgatha.

[ 14 ] Es ist interessant, daß man sagen kann: Weder das Bekenntnis des Kaisers Konstantin zum Christus noch die Abwendung des Julianus vom Christus stehen eigentlich auf irgendwelchem festem Boden. Der Historiker Zosimos erklärt sogar, daß der Kaiser Konstantin für seine Person deshalb zum Christentum übergetreten sei, weil er so viele Verbrechen an seiner Familie begangen hatte, daß ihm die alten Priester es nicht mehr verziehen. Deshalb sagte er sich vom alten Heidentum und seinen Priestern los, weil ihm die christlichen Priester versprochen hatten, sie könnten ihm das verzeihen. Also es war im Grunde genommen ein recht wenig intensiver Grund. Man kann schon sagen, er lenkte sein Bekenntnis zu dem Christus gar nicht aus der Not nach dem Christus hin.

[ 15 ] Bei Julianus bedurfte es eben nur der Einweihung in die eleusinischen Mysterien, die ja dazumal schon eine sehr außerliche war, um ihn für den Sonnengeist eben in der alten Form der Erkenntnis zu begeistern. Auch bei ihm ruhte das nicht gerade auf einem ganz tiefen Grund, obwohl er ja außerordentlich bedeutsame Kenntnisse durch seine Einweihung in die eleusinischen Mysterien erhielt. Aber jedenfalls weder das Pro noch Kontra war dazumal etwas Starkes und Intensives in bezug auf die Christus-Frage, weil eben die Menschen gar nicht wußten, was die Behauptung bedeutete, der Christus solle historisch in einem Menschenleib gesucht werden.

[ 16 ] Vom 4. Jahrhundert angefangen war es wiederum so, daß die Menschen in den zwar innerlich emanzipierten, aber noch schwachen Seelen keinen andern Weg fanden zum Christus, überhaupt zu einer Welterklärung — denn es mußte ja die ganze Welterklärung neu aufgebaut werden —, als eben die historische Tradition, die geschriebene, beziehungsweise mündliche Überlieferung; das heißt die mündliche Überlieferung in der Weise, daß nur einige Menschen die schriftliche Überlieferung hatten und den andern eben eine mündliche Interpretation gaben.

[ 17 ] Das blieb durch viele Jahrhunderte so und ist eigentlich in bezug auf die Anschauung des Christus bis heute so geblieben. Aber das ist etwas sehr Bedeutsames, daß die Seele jetzt innerlich frei geworden war. Wie gesagt, wenn auch im Historischen alles Vorboten und Nachwirkungen hat, so können wir doch auf das Jahr 333 als auf das Jahr hindeuten, in dem diese Emanzipation der Seele für die vorgerücktesten Menschen geschah, wenn auch die Seele noch zu schwach war, um überhaupt innerliche Erkenntnisse zu gewinnen. Es war so, daß, wenn damals ein Mensch sich so recht tief besann da ja noch gute Nachrichten da waren aus früheren Zeiten —, er sagen konnte: Da hat es noch vor ganz kurzer Zeit Menschen gegeben, die haben in der Sonne noch etwas Göttlich-Geistiges gesehen. Ich sehe nichts mehr. Aber die Menschen, die in der Sonne etwas Göttlich-Geistiges gesehen haben, haben auch aus dem Innern noch andere Erkenntnisse herausgeschöpft, zum Beispiel die mathematischen Erkenntnisse. Meine Seele ist zwar so, daß sie sich als ein selbständiges Wesen fühlt, aber sie kann sich nicht zusammenraffen, sie kann nicht aus sich heraus Kräfte ziehen, um irgend etwas zu erkennen.

[ 18 ] Das war eben das Bedeutsame dann im 15., 16. Jahrhundert, daß wenigstens die Leute anfingen, mathematisch-mechanische Erkenntnisse aus der Seele heraus zu konzipieren. Und Kopernikus wandte das zuerst auf das Himmelsgebäude an, was er in dieser Weise in der emanzipierten Seele erlebte. Die früheren Weltensysteme waren eben so, daß sie mit Hilfe derjenigen Seelen gewonnen waren, die noch nicht emanzipiert waren vom Ätherleib, die noch Verstandes- oder Gemütsseelen waren, aber als Verstandesoder Gemütsseelen gewissermaßen noch die Kraft des Ätherleibes hatten, um in die Welt hinauszuschauen. Jetzt war auch noch die Verstandes- oder Gemütsseele da, bis ins 15. Jahrhundert, aber man konnte sich nur des physischen Leibes, des physischen Auges bedienen, um in die Welt hinauszuschauen. Das sind die Gründe, warum durch alle diese Jahrhunderte und bis heute nur durch die Schrift oder durch die mündliche Tradition die Kunde von dem Christus und dem Mysterium von Golgatha sich fortpflanzen konnte.

[ 19 ] Was haben wir denn im Grunde genommen durch die nun allmählich durch die Jahrhunderte, vom 4., 5. Jahrhundert an, erstarkte Seele gewonnen? Äußerlich mechanische Erkenntnisse, diejenigen physikalischen Erkenntnisse, die ich in dem Naturwissenschaftlichen Kursus charakterisiert habe. Aber jetzt ist die Zeit eingetreten, wo die Seele so weit erstarken muß, daß sie so, wie sie früher mit Hilfe des Ätherleibes beim Hinausschauen in die Himmel mit der physischen Sonne die Geistsonne sah, jetzt innerlich in das Ich hineinschaut, das Ich empfindet und gewissermaßen hinter dem Ich den Christus.

[ 20 ] Wenn wir uns das nicht schematisch, aber eigentlich sehr real vorstellen, so ist es so: Durch das physische Sehen wird die Sonne gesehen (hell schraffiert), durch das Sehen mit dem Ätherleib hinter der Sonne der Sonnengeist, der Christus (alte Zeit, rot). Heute ist es so, daß wenn der Mensch in sich hineinschaut, er jenes Ich hat. Er empfindet das Ich, er hat ein Ich-Gefühl. Aber das ist sehr dunkel. Dieses Ich-Gefühl ist ja in der emanzipierten Seele zunächst entstanden. Früher schaute der Mensch in die Welt hinaus, jetzt muß er in sich hineinschauen. Das Hinausschauen in die Welt brachte ihn mit der Sonne und mit dem Christus zusammen. Das Hineinschauen hat ihn zunächst nur mit dem Ich zusammengebracht. Er muß dazu kommen, hinter dem Ich nun das zu finden, was er früher vor der Sonne gefunden hat. Er muß dazu kommen, dasjenige, was er in dem Lichte erlebte, was er vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang erlebte, den Christus, den Erleuchter seines eigenen Wissens, aus seinem Ich heraus innerlich erstrahlen zu fühlen, daß er in dem Christus die starke Stütze des eigenen Ich findet. So daß man sagen kann: Früher schaute man in die Sonne hinaus und fand das durchchristete Licht. Jetzt fühlt man in sich selber hinein und lernt erkennen das durchchristete Ich (rot, violett).

[ 21 ] Allerdings stehen wir in bezug darauf ganz im Anfange. Denn Anthroposophie besteht darin, gewissermaßen der Menschheit zu sagen: Diese Jahrhunderte seit dem 4. nachchristlichen Jahrhundert sind Zwischenjahrhunderte. Was vorher liegt, hatte eine Menschheit, die hinausschauen konnte in die Himmel und den Christus als äußeren räumlichen Sonnengeist fand. Eine Menschheit muß nach diesen Zwischenjahrhunderten erstehen, welche hineinfühlt in ihr Inneres und welche auf dem Wege zu diesem Inneren wiederum die innere Sonne findet, den Christus, der aber jetzt mit dem Ich so erscheint, wie er früher mit der Sonne erschienen war, der jetzt der Ich-Träger ist, wie er früher der Sonnengeist war.

[ 22 ] Mit dem 4. Jahrhundert beginnt in der Menschheit, die sich allmählich herausentwickelt aus den griechisch-lateinischen Rassen, die Not nach dem Christus, die zunächst nur durch die schriftliche oder mündliche Tradition befriedigt werden kann. Aber heute ist ja die Sache so, daß diese schriftliche oder mündliche Tradition gerade bei den vorgerückteren Geistern an Kraft der Überzeugung verloren hat, und daß die Menschen lernen müssen, aus dem Inneren den Christus so zu finden, wie eine alte Menschheit ihn äußerlich durch die Sonne und deren Licht gefunden hat. Die Zwischenjahrhunderte müssen wir nur in der richtigen Weise verstehen, so verstehen, daß eben da die Seele zunächst selbständig, aber in einem gewissen Sinne leer war. Wenn die Seele hinausschaute, bewaffnet mit dem ätherischen Leib, konnte sie nicht jenes mechanisch-mathematische System in den Himmelserscheinungen sehen, das dann später das Kopernikanische geworden ist. Die Dinge wurden viel enger an den Menschen gebunden genommen. Und da stellte sich nicht ein ganz beliebig aus dem Menschen herausgerissenes Weltensystem hin, sondern eben dasjenige Weltensystem, das dann, auch schon in Dekadenz, als das Ptolemäische erscheint.

[ 23 ] Aber als die Seele anfing, nicht mehr im Äther zu wurzeln mit dem eigenen Ätherleibe, da bereitete sich allmählich auch jene Stimmung vor, die später eine Sternenwissenschaft begründete, der es gleichgültig war, ob der Mensch zum Sternenhimmel dazugehört oder nicht. Den einzigen Tribut, den dieser gewandelte Mensch der alten Zeit brachte, war der, daß er den Ausgangspunkt für sein mechanisches System dorthin verlegte, wo früher der Christus gesehen worden war, nämlich in die Sonne. Die Sonne wurde durch Kopernikus zum Mittelpunkt des Weltenalls, aber nicht des geistigen, sondern des physischen Weltenalls gemacht. Darin lebt noch ein dunkles Gefühl davon, wie stark die Menschheit einstmals die Sonne als den Mittelpunkt der Welt mit dem Christus gefühlt hat. Man muß nicht nur die äußere Erscheinung der Weltgeschichte betrachten, wie das allmählich Sitte geworden ist, sondern man muß auch die Entwickelung der. Empfindungen etwas ins Auge fassen.

[ 24 ] Da wird man gerade, wenn man den Kopernikus wirklich zu lesen versteht, in diesem merkwürdigen Empfindungselemente, das einem bei Kopernikus entgegentritt, merken: Er rechnete nicht nur; er hatte einen innerlichen Empfindungstrieb, der Sonne irgend etwas von dem Alten zurückzugeben. Durch diesen innerlichen Empfindungstrieb war es gekommen, daß er drei Gesetze fand, von denen das dritte eigentlich alles wiederum in einen gewissen fragwürdigen Zustand bringt, was in den zwei ersten gesagt ist. Denn Kopernikus hat ein drittes Gesetz, das dann die spätere Astronomie einfach ausgelassen hat, weil sie alles mechanisiert hat. Er hat ein Gesetz, wonach die Bewegung der Erde um die Sonne durchaus nicht so absolut hingestellt wird, wie man sie heute ansieht. Heute sieht man ja, wie ich schon erwähnt habe, die Sache als einen Tatbestand an, der sich etwa ergeben würde für die Beobachtung, wenn man sich einen Stuhl in den weiten Weltenraum, aber ziemlich weit hinaus, stellen würde, und von dort aus dann sehen würde, wie die Sonne ist und wie da die Erde herumkreist. Aber da müßte der Stuhl draußen stehen, und auf dem müßte der entsprechende Schulmeister sitzen, der sich nun das Weltensystem von da draußen ansieht. Ein Beobachtungsresultat ist das ja nicht. Kopernikus hatte, ich möchte sagen, noch nicht ein so robust konträres Gewissen in solchen Dingen, wie es die späteren Menschen beim Mechanisieren des ganzen Weltengebäudes hatten. Er hat auch diejenigen Erscheinungen angeführt, die eigentlich dafür sprechen, daß es doch nicht so ganz unbedingt richtig ist mit der Bewegung der Erde um die Sonne. Aber wie gesagt, dieses dritte Gesetz wurde ja einfach ignoriert, unterschlagen von der späteren Wissenschaft. Man blieb bei den zwei ersten — Erdendrehung um sich selbst, Drehung der Erde um die Sonne — und hatte ein sehr einfaches System, das nun allmählich in dieser einfachen Weise in den Schulen gelehrt wird. Hier soll selbstverständlich nicht gegen das Kopernikanische System Opposition getrieben werden. Es war notwendig im Laufe der Menschheitsentwickelung. Heute ist aber die Zeit gekommen, wo doch über die Dinge in einer solchen Weise gesprochen werden muß, wie ich es in einem naturwissenschaftlichen Kursus in Stuttgart versucht habe, wo ich über astronomische Dinge sprach. Da habe ich gezeigt, wie über diese Dinge doch ganz anders gedacht werden muß, als es im Sinne der heutigen materialistisch-mechanischen Konstruktion möglich ist.

[ 25 ] Aber bei Kopernikus ist eben durchaus in der ganzen Auffassung seines Systems noch eine Empfindung, die man so charakterisieren kann, wie ich eben gesagt habe. Er wollte doch noch in einem gewissen Sinne nicht bloß ein mathematisches Koordinatenachsensystem für unser Sonnensystem schaffen und die Sonne in den Mittelpunkt dieses Koordinatenachsensystems stellen, sondern er wollte der Sonne zurückgeben, was ihr dadurch genommen war, daß die Menschen nicht mehr den Christus in der Sonne wahrnehmen konnten.

[ 26 ] Das sind Dinge, die Ihnen zeigen sollen, daß man nicht nur die äußere Tatsache und den Gedankenwandel der Menschen in der geschichtlichen Entwickelung verfolgen sollte, sondern auch die Umwandlung der Empfindungen. Das wurde zwar erst so, als der Mechanismus dann ganz vollkommen auftauchte. Bei Kopernikus, und namentlich bei Kepler, kann man noch Empfindungen finden, bei Newton sogar schon sehr stark. Ich habe im Naturwissenschaftlichen Kursus ja schon auseinandergesetzt, wie Newton bei seiner mathematischen Naturphilosophie später etwas unwohl wurde. Nachdem er erst den Raum so betrachtet hatte, daß er ihn mit lauter mathematisch-mechanischen Kräften durchsetzte, und nachdem er später die Sache noch einmal durchsah, da wurde ihm schwül dabei und da sagte er, daß das, was er so als abstrakten Raum mit den drei abstrakten Dimensionen statuiert hatte, eigentlich das Sensorium Dei, das Sensorium Gottes sei. Jetzt war es so für den etwas älter gewordenen Newton, dessen Gewissen sich regte gegenüber den mathematisch-mechanischen Vorstellungen, daß der Raum, den er genügend mathematisiert hatte, nun der wichtigste Raum im Gehirn Gottes war, nämlich das Sensorium, der wichtigste Teil des Gehirns Gottes.

[ 27 ] Man kam erst später in die Lage, die erkennenden Menschen vollständig nurmehr auf ihre Gedanken, gar nicht mehr auf ihre Empfindungen zu prüfen. Newton muß man noch auf seine Empfindungen prüfen, Leibniz erst recht und überhaupt die Naturforscher dieser Zeit. Und auch wer das Leben Galileis vornimmt, der findet, ich möchte sagen, auf jeder Seite, wie da noch der ganze Mensch hineinspielt. Dieser Gedankenapparat Mensch, der sich selbst als seinen Gedankenapparat speist mit den Ergebnissen der Beobachtung und des Experimentes, so wie man eine Dampfmaschine mit Kohle speist, dieser Mensch taucht ja erst später auf, und er wird erst später der autoritative Führer der voraussetzungslosen Wissenschaft. Voraussetzungslos ist diese Wissenschaft eigentlich nur aus dem Grunde, weil ihr eben jede Voraussetzung fehlt zur wirklichen Erkenntnis.

[ 28 ] Aber was eben hinzutreten muß zu den Errungenschaften der erstarkten Seele, die ja allerdings jetzt nicht mehr eine leere Seele ist, wie sie es im 4. nachchristlichen Jahrhundert wurde, sondern die sich nun ihrerseits angefüllt hat mit vielen mathematisch-mechanischen Vorstellungen, das ist, daß eben innerhalb des Ich das innere Licht gefunden wird, das man vielleicht jetzt nicht mehr bloß Ich nennen sollte, um nicht nur figürlich oder symbolisch zu sprechen, sondern das man nennen müßte: die stützende Wesenheit für die Seele.

[ 29 ] Und damit lernen wir etwas erkennen, was im Laufe der Jahrhunderte immer mehr und mehr herauftauchte, was heute stark ist, aber von den Menschen, die sich darüber betäuben, in die unterbewußten Untergründe der Seele hinuntergeschoben wird: die Not zu Christus. Nur eine geistige Erkenntnis, eine Erkenntnis des geistigen Weltenalls kann dieser Not zu Christus entgegenkommen. Zualledem, was wir als charakteristische Momente unseres eigenen Zeitalters im 20. Jahrhundert anschauen müssen, gehört dies dazu: die Not zu Christus und das innere Aufraffen der Seele zu der Kraft, den Christus zu finden im Ich, hinter dem Ich, so wie er früher vor der Sonne gefunden worden ist.

[ 30 ] Die Art und Weise, wie die Menschen zu dem Sonnengeiste standen in der griechisch-lateinischen Zeit, war eine Abenddämmerung. Denn ganz hell, möchte ich sagen, seelisch-geistig hell sah den Sonnengeist nur die urindische Periode. Jetzt leben wir in einer Zeit, in der wir Morgendammerung fühlen sollten, Morgendämmerung der wirklichen, durch die Kraft des Menschen errungenen Christus-Erkenntnis. Die alte Erkenntnis des Sonnengeistes, die noch Julianus der Apostat galvanisieren wollte, kann nicht mehr der Menschheit in irgendeiner Weise Befriedigung gewähren. Schon das Bestreben des Julianus war gegenüber dem geschichtlichen Werden ein vergebliches. Aber nach der Epoche der ersten vier Jahrhunderte, wo man eigentlich nicht gewußt hat, was man anfangen sollte mit dem Christus, nach der Epoche, die dann gekommen ist, wo man die Not nach dem Christus hatte, aber diese Not nur durch die mündliche oder schriftliche Tradition befriedigen konnte, muß das Zeitalter kommen, das so etwas versteht wie den Zusatz zum Evangelium: «Ich hätte euch noch viel zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen.»

[ 31 ] Ein Zeitalter muß kommen, das versteht, was der Christus gemeint hat, wenn er sagte: «Ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Erdenzeiten.» Denn der Christus ist kein Toter, sondern ein Lebendiger. Er spricht nicht nur durch die Evangelien, er spricht für das Geistesauge, wenn das Geistesauge sich den Geheimnissen des Menschendaseins wiederum öffnet. Da ist er jeden Tag und spricht und offenbart sich. Und es ist eine schwache Menschheit, die gar nicht die Zeit erstreben will, in der auch das gesagt werden kann, was dazumal nicht gesagt wurde, weil die Menschen es noch nicht tragen konnten, jene Menschen, die noch in einer Verfassung waren, in der sie im Grunde genommen nicht verstehen konnten, was der Christus ihnen bot.

[ 32 ] Gewiß, die Umgebung konnte etwas davon verstehen, aber das Evangelium ist ja für alle gesprochen, und dieser Ausspruch geht natürlich in die Weiten der Welt hinaus. Eine Menschheit muß angestrebt werden, welche den lebendigen Christus an die Stelle der bloßen Überlieferung vom Christus setzt. Und es ist das Unchristlichste auch sogar im Sinne der Überlieferung, wenn man nur immer dasjenige gültig haben will, was niedergeschrieben ist, und nicht das, was jeden Tag zu unserem nach Erleuchtung strebenden Denken, zu unserem fühlenden Herzen und zu unserem ganzen wollenden Menschen heute als die Christus-Offenbarung aus der geistigen Welt heraus spricht.