Lebendiges Naturerkennen Intellektueller Sündenfall und spirituelle Sündenerhebung
GA 220
26 Januar 1923, Dornach
Zehnter Vortrag
[ 1 ] Ich habe in den letzten Vorträgen hier gesprochen von Sündenfall und Sündenerhebung und die Sündenerhebung als etwas bezeichnet, was aus dem allgemeinen Bewußtsein der Menschheit in der gegenwärtigen Epoche als eine Art Ideal für menschliches Streben und menschliches Wollen erkannt werden muß. Nun habe ich mehr die formale Seite des Sündenfalles hervorgehoben, wie er sich noch in unserer Zeit äußert, indem ich darauf hingewiesen habe, wie in das intellektuelle Leben der Sündenfall hereinspielt. Was man über Grenzen der Naturerkenntnis sagt, das ist ja im Grunde genommen entsprungen aus der Anschauung, daß der Mensch nicht die innere Kraft habe, zum Geistigen zu kommen, daß er daher zu einer Erhebung aus dem Anschauen des Irdischen gar nicht aufstreben soll. Und ich sagte: Wenn heute gesprochen wird von den Grenzen der Naturerkenntnis, so ist das eigentlich nur die moderne intellektuelle Art, von der Sündenbedrücktheit des Menschen zu sprechen, die in älteren Zeiten und insbesondere durch die mittelalterliche Zivilisation hindurch üblich war. Ich möchte heute mehr von einer materiellen Seite der Sache sprechen und darauf hinweisen, wie die Menschheit der heutigen Zeit, wenn sie bei den Anschauungen verbleibt, die im Laufe der neueren Entwickelung, vorzugsweise im Laufe der intellektualistischen Entwickelung, heraufgezogen sind, gar nicht das Erdenziel erreichen kann. Das allgemeine heutige Bewußtsein ist nämlich gewissermaßen schon durch das Bewußtsein vom Sündenfall diesem selbst verfallen. Der Intellektualismus hat heute bereits den Charakter des Verfalls, und zwar eines so starken Verfalls, daß, wenn die intellektualistische Kultur so verbleibt, wie sie gegenwärtig gestaltet ist, von der Erreichung des Erdenzieles für die Menschheit gar nicht gesprochen werden kann. Notwendig ist heute zu wissen, daß in den Tiefen der Menschenseelen noch Kräfte walten, die gewissermaßen besser sind als die Bewußtseinskultur, welche bis heute Platz gegriffen hat.
[ 2 ] Um das zu verstehen, ist es notwendig, sich deutlich den Charakter dieser Bewußtseinskultur vor Augen zu stellen. Diese Bewußtseinskultur ist ja entsprungen auf der einen Seite aus einer bestimmten Auffassung des denkenden Menschen, und auf der andern Seite aus einer bestimmten Auffassung des wollenden Menschen. Der fühlende Mensch liegt zwischendrinnen, und man betrachtet auch den fühlenden Menschen, wenn man einerseits den denkenden, andererseits den wollenden Menschen betrachtet. Nun verwendet heute die Menschheit ihr Denken lediglich darauf, die äußeren Naturreiche im weitesten Umfange kennenzulernen und auch das Menschenleben im Sinne der aus der gebräuchlichen Naturanschauung gewohnten Denkungsart aufzufassen. Man lernt heute denken an der Naturwissenschaft und betrachtet dann auch das soziale Leben mit diesem Denken, das man an der Naturwissenschaft, wie sie heute üblich ist, heranerzogen hat.
[ 3 ] Nun glaubt man ja vielfach, daß diese Empfindung unbefangen ist, die man vom denkenden Menschen hat, vom Menschen, der die Natur denkend betrachtet. Man redet von allem möglichen, von Voraussetzungslosigkeit der Wissenschaft und dergleichen. Aber ich habe schon öfter betont: mit dieser Voraussetzungslosigkeit ist es nicht weit her. Denn alles, was heute der Denker anwendet, wenn er sich wissenschaftlichen Untersuchungen hingibt, nach denen sich dann die übrige Menschheit in ihrem Leben richtet, alles das hat sich ja herausentwickelt aus früheren Arten zu denken. Und zwar hat sich das neuere Denken ganz und gar herausentwickelt aus dem mittelalterlichen Denken. Auch was heute — auch das habe ich schon betont — von Gegnern des mittelalterlichen Denkens gesagt wird, wird mit den Denkmethoden gedacht, die sich selbst aus dem mittelalterlichen Denken heraus entwickelt haben. Und ein wesentlicher Charakter des mittelalterlichen Denkens ist in das heutige Denken dadurch hereingekommen, daß man das Denken selbst eigentlich nur danach betrachtet, wie es sich auf die äußere Natur anwendet, daß man den Gedankenvorgang eigentlich gar nicht betrachtet, daß man sich gar keiner Anschauung hingibt, die auf die Betrachtung des Denkens selber geht. Vom Denken selber, in seiner inneren Lebendigkeit, nimmt man ja keine Notiz.
[ 4 ] Das geschieht aus einem Grunde, der aus meinen hier vorgetragenen Betrachtungen hervorgeht. Ich sagte einmal hier: Die Gedanken, die sich der moderne Mensch über die Natur macht, sind eigentlich Gedankenleichen. Wenn wir über die Reiche der Natur nachdenken, so denken wir in Gedankenleichen; denn das Leben dieser Gedankenleichen fällt in das vorirdische Dasein des Menschen. Was wir heute an Gedanken entwickeln über die Reiche der Natur und auch über das Leben des Menschen, das ist, indem wir denken, tot; aber es lebte in unserem vorirdischen Dasein.
[ 5 ] In unserem vorirdischen Dasein, bevor wir heruntergestiegen sind in die physische Erdenverkörperung, da waren die abstrakten, toten Gedanken, die wir hier auf der Erde heute nach den Gepflogenheiten unseres Zeitalters entwickeln, lebendig, elementarisch-lebendige Wesenheiten. Da lebten wir in diesen Gedanken als lebendige Wesenheiten, wie wir heute hier auf der Erde etwa in unserem Blute leben. Jetzt hier für das Erdendasein sind diese Gedanken erstorben, daher abstrakt geworden. Aber nur solange wir dabei stehenbleiben, unser Denken in der Anwendung auf die äußere Natur zu betrachten, ist es ein Totes. Sobald wir in uns selbst hineinschauen, offenbart es sich uns als Lebendiges, denn da in uns selber arbeitet es weiter, auf eine allerdings für das gewöhnliche heutige Bewußtsein unbewußte Art. Da arbeitet das weiter, was in unserem vorirdischen Dasein vorhanden war. Denn die Kräfte dieser lebendigen Gedanken sind es, die von unserem physischen Organismus bei der Erdenverkörperung Besitz ergreifen. Die Kraft dieser lebendigen vorirdischen Gedanken ist es, die uns wachsen macht, die unsere Organe formt. So daß, wenn heute zum Beispiel die gebräuchlichen Erkenntnistheoretiker vom Denken sprechen, sie von etwas Totem sprechen. Denn wollten sie von der wahren Natur des Denkens, nicht von seinem Leichnam sprechen, darin müßten sie eben gewahr werden, daß sie nach innen schauen müßten, und im Innern würden sie bemerken, daß keine Selbständigkeit desjenigen vorhanden ist, was da mit der Geburt oder mit der Empfängnis des Menschen auf Erden begonnen hat, sondern daß sich in diesem innerlichen Arbeiten des Gedankens fortsetzt die lebendige Kraft des vorirdischen Denkens.
[ 6 ] Selbst wenn wir nur das noch ganz kleine Kind betrachten — ich will gar nicht auf den Menschenkeim im mütterlichen Leibe heute Rücksicht nehmen —, selbst im kleinen Kinde, das noch sein traumhaft-schlummerndes Erdenleben führt, sehen wir an dem, was im Kinde wächst, selbst in dem, was im Kinde tobt, noch die lebendige Kraft des vorirdischen Denkens, wenn wir in der Lage sind, das anzuerkennen, was sich wirklich darbietet. Und wir werden dann gewahr, worauf es beruht, daß das Kind eigentlich noch traumhaft schlummert und erst später anfängt, Gedanken zu haben. Das beruht darauf, daß in der ersten Lebenszeit des kleinen Kindes, wo es noch traumhaft schlummert, sein ganzer Organismus von Gedanken erfaßt wird. Wenn aber der Organismus allmählich sich in sich verfestigt, dann wird nicht mehr im Organismus das Erdige und Wäßrige stark vom Gedanken erfaßt, sondern nur noch das Luftförmige und das Feuerartige, das Wärmeartige. So daß wir sagen können: Beim ganz kleinen Kinde werden alle vier Elemente erfaßt vom Gedanken. — Die spätere Entwickelung besteht gerade darin, daß nur das Luftförmige und Feuerartige vom Gedanken erfaßt wird, denn das ist unser erwachsenes Denken, daß wir die Kraft des Denkens nur eigentlich in unseren fortgesetzten Atmungsprozeß und in unseren den Körper durchwärmenden Prozeß hineinbringen.
[ 7 ] Es geht also die Gedankenkraft herauf, möchte ich sagen, von den festeren Partien des physischen Organismus in die luftförmigen, flüchtigen, unschweren Partien des Körpers. Dadurch wird das Denken eben jenes selbständige Element, das uns dann durch das Leben zwischen der Geburt und dem Tode trägt. Und nur wenn wir schlafen, wenn also die auf Erden erworbene Gedankenkraft, die schwächer ist, nicht auf dem Umwege durch Wärme und Luft den physischen Organismus ergreift, dann macht sich im Schlafe auch noch die Fortsetzung der vorirdischen Gedankenkraft geltend. Und so können wir sagen, daß erst dann, wenn der heutige Mensch übergeht zu einer wirklichen Innenbetrachtung des Menschen, seiner selbst, ihm etwas klar wird über die wahre Natur des Denkens. Alle übrige Erkenntnistheorie bleibt eigentlich im Grunde genommen abstraktes Zeug. Wenn man das richtig ins Auge faßt, dann muß man sagen: Es tut sich, wenn man den Vorstellungs-, den Denkprozeß faßt, überall der Ausblick in das vorirdische Dasein auf.
[ 8 ] Aber dem mittelalterlichen Denken, das noch eine gewisse Stärke hatte, war verboten worden, zum vorirdischen Dasein zu gehen. Die Präexistenz des Menschen war dogmatisch als Ketzerei erklärt. Nun, was jahrhundertelang der Menschheit aufgedrängt wird, dahinein gewöhnt sich diese Menschheit. Denken Sie sich einmal die Zeit in der Entwickelung der neueren Menschheit bis, sagen wir, 1413. Da ist diese Menschheit durch das Verbot des Denkens an das vorirdische Dasein daran gewöhnt worden, die Gedankenrichtung gar nicht dahin auszubilden, wo sie nach dem vorirdischen Dasein hinkommen könnte. Man hat sich das gründlich abgewöhnt, die Gedankenrichtung nach dem vorirdischen Dasein hin zu orientieren. Wäre bis 1413 der Menschheit nicht verboten gewesen, über das vorirdische Dasein zu denken, dann wäre eine ganz andere Entwickelung heraufgekommen, und wir würden, nicht wahrscheinlich, sondern man kann sogar sagen, ganz gewiß erlebt haben — es ist paradox, wenn ich das ausspreche, aber es ist eben doch eine Wahrheit —: Als, sagen wir, 1858 der Darwinismus auftrat, der äußerlich die Natur in ihrer Entwickelung betrachtete, würde ihm durch die andere Gedankengewöhnung überall, aus allen Naturreichen, der Gedanke des vorirdischen Daseins aufgeleuchtet haben. Er würde eine Naturwissenschaft im Lichte des vorirdischen Daseins des Menschen begründet haben. Statt dessen war der Menschheit abgewöhnt das Hinblicken auf das vorirdische Dasein, und es trat jene Naturwissenschaft auf, die den Menschen, wie ich oftmals ausgesprochen habe, nur als den Schlußpunkt der Tierreihe betrachtete, also gar nicht zu einem vorirdischen, individuellen Leben kommen konnte, weil das Tier eben ein vorirdisches individuelles Leben nicht hat.
[ 9 ] So daß man sagen kann: Aus der alten Anschauung vom Sündenfall ist, als der Intellektualismus heraufzudämmern begann, das Gebot geboren worden, nicht von der Präexistenz zu sprechen. Dadurch ist die Naturwissenschaft heraufgediehen direkt als das Kind des mißverstandenen Sündenfalles. Und wir haben eine sündige Naturwissenschaft, wir haben eine Naturwissenschaft, die unmittelbar aus dem Mißverständnisse des Sündenfalles heraus hervorgegangen ist. Das heißt, würde diese Naturwissenschaft bleiben, dann würde die Erde nicht an das Ziel ihrer Entwickelung kommen können, sondern die Menschheit würde ein Bewußtsein entwickeln, das nicht aus der Verbindung mit ihrem göttlich-geistigen Ursprung, sondern aus der Abspaltung vom göttlich-geistigen Ursprung herkommt.
[ 10 ] Also wir haben heute tatsächlich nicht nur theoretisch das Reden von den Grenzen der Naturerkenntnis, sondern wir haben positiv, materiell, in dem, was unter dem Einfluß des Intellektualismus sich entwickelt, eben eine schon unter ihr Niveau heruntergesunkene Menschheit. Würde man im Sinne des Mittelalters, das heißt, mit den Worten des Mittelalters sprechen, dann würde man sagen müssen: Die Naturwissenschaft ist dem Teufel verfallen.
[ 11 ] Ja, die Historie spricht da ganz merkwürdig. Als die Naturwissenschaft heraufkam mit ihren glänzenden Resultaten, die auch heute nicht etwa von mir angefochten werden sollen, da fürchteten sich die Leute, die noch etwas Empfindung hatten für den wahren Charakter des Menschen, davor, daß die Naturwissenschaft die Menschen dem Teufel nahebringen könnte. Das, was dazumal Furcht und Angst war, was noch im Faust nachdämmert, indem er der Bibel Valet sagt und an die Natur herangeht, das ist die Angst, der Mensch könnte nicht unter dem Zeichen der Sündenerhebung, sondern unter dem Zeichen des Sündenfalles die Erkenntnis der Natur antreten. Die Sache geht wirklich viel tiefer, als man gewöhnlich meint. Und während noch im Anfang des Mittelalters so allerlei traditionelle Empfindungen da waren, in der Furcht, daß sich der teuflische Pudel an die Fersen der Naturforscher heften könne, hat sich in der neueren Zeit die Menschheit die Schlafmütze über den Kopf gezogen und denkt über diese Dinge überhaupt nicht mehr nach.
[ 12 ] Das ist die materielle Seite der Sache. Es ist nicht nur ein theoretisches Reden unter dem Einfluß des Sündenfalles in dem Reden von den Grenzen des Naturerkennens vorhanden, sondern es ist der Verfall der Menschheit infolge des Sündenfalles auf intellektualistisch-empirischem Gebiete heute tatsächlich vorhanden. Denn wäre das nicht da, dann hätten wir zum Beispiel nicht eine solche Entwickelungslehre, wie wir sie heute haben, sondern da würde sich durch die gewöhnliche Forschung, die das ja auch in Wirklichkeit ergibt, das Folgende herausgestellt haben: Man hat also, sagen wir Fischtiere, niedere Säugetiere, höhere Säugetiere, Mensch. Heute konstruiert man so annähernd eine Entwickelungslinie, die gerade verläuft. Dafür aber sprechen die Tatsachen gar nicht. Sie werden überall finden: Wo diese Entwickelungslinie gezogen wird, stimmen die Tatsachen nicht.
[ 13 ] Die eigentliche naturwissenschaftliche Forschung ist großartig; das, was die Naturforscher über sie sagen, stimmt nicht. Denn würde man die Tatsache unbefangen betrachten, so bekäme man dieses: Mensch, höhere Säugetiere, niedere Säugetiere, Fische. Ich lasse natürlich einzelnes aus. Man kommt also vom Menschen aus in eine Zeit von den höheren, von den niederen Säugetieren und so weiter, bis man zu einer Ursprungsstätte kommt, wo noch alles geistig ist, und an der man sieht, wie der Mensch in seiner weiteren Entwickelung direkt davon abstammt und nach und nach seine höhere Geistigkeit aufgenommen hat, und wie die niedrigeren Wesen eben auch davon abstammen, aber keine höhere Geistigkeit aufgenommen haben. Das ergibt sich unmittelbar aus den Tatsachen. Richtige Anschauungen über diese Tatsache würden wir haben, wenn nicht durch das Verbot, an die Präexistenz, an das vorirdische Dasein zu glauben, die menschlichen Denkgewohnheiten so gelenkt worden wären, daß zum Beispiel ein Geist wie Darwin gar nicht darauf kommen konnte, daß die Sache so sein könnte, wie sie hier dargestellt ist, sondern daß er auf das andere verfallen mußte, eben aus den Denkgewohnheiten heraus, nicht aus der Notwendigkeit der Forschung.
[ 14 ] Ebenso wäre es möglich gewesen, in gerader Linie die Goethesche Metamorphosenlehre fortzubilden. Goethe ist ja, wie ich Ihnen immer wieder ausgeführt habe, mit seiner Metamorphosenlehre steckengeblieben. Man betrachte nur unbefangen, wie bei Goethe die Sache aussieht. Er ist steckengeblieben: Er hat die Pflanze betrachtet in ihrer Entwickelung, ist zu der Urpflanze gekommen, ist dann zum Menschen gekommen, hat versucht, am Menschen die Metamorphose der Knochen zu betrachten; da ist er steckengeblieben, völlig steckengeblieben.
[ 15 ] Sehen Sie sich doch nur an, was Goethe über die Morphologie des Knochensystems beim Menschen geschrieben hat: genial auf der einen Seite. An einem zerspaltenen Schöpsenschädel, der ihm auffiel am Lido in Venedig, erkannte er, daß die Kopfknochen umgewandelte Wirbelknochen sind. Aber weiter ging es nicht.
[ 16 ] Ich habe aufmerksam gemacht auf eine Notiz, die ich während meines Weimarer Aufenthaltes im Goethe-Archiv gefunden habe, wo Goethe darauf hinweist: Das ganze Gehirn des Menschen ist ein umgewandeltes Rückenmarksganglion. Aber weiter ging es wieder nicht. Dieser Satz steht mit Bleistift geschrieben in einem Notizbuch, und man möchte sagen, man sieht es den letzten Bleistiftstrichen dieser Notiz an, wie Goethe unbefriedigt von der Sache war, wie er weiter wollte. Nur war dazu die einzelne Forschung nicht weit genug. Heute ist sie weit genug, sie ist schon lange weit genug, um zu der Frage Stellung zu nehmen. Wenn wir den Menschen von einem noch so frühen Embryonalstadium an betrachten, es kann gar keine Rede davon sein, daß die Form der heutigen Schädelknochen aus den Rückenmarkswirbeln irgendwie hervorgegangen wäre — es kann gar keine Rede davon sein. Wer heutige Embryologie kennt, der weiß: Aus dem, was wir heute am Menschen haben, da fruchtet es nichts, anzunehmen, daß die Schädelknochen umgewandelte Wirbelknochen seien. Deshalb kann man natürlich sagen: Als später Gegenbaur die Sache noch einmal untersuchte, da fand sich für die Schädelknochen, namentlich für die Gesichtsknochen, alles anders, als Goethe vorausgesetzt hatte.
[ 17 ] Aber wenn man weiß, daß die heutige Form der Schädelknochen zurückführt auf die Körperknochen des früheren Erdenlebens, dann versteht man die Metamorphose. Da wird man durch die äußere Morphologie selbst hineingetrieben in die Lehre von den wiederholten Erdenleben. Das liegt in der geraden Linie der Goetheschen Metamorphosenlehre. Aber es ist unmöglich, daß diejenige Entwikkelungsströmung, die dann bei Darwin gelandet hat, und die heute noch immer geltend ist in der offiziellen Wissenschaft, zur Wahrheit vordringt. Denn der mißverstandene Sündenfall hat das Denken ruiniert, das Denken in Verfall gebracht. Die Sache ist eben ernster, als man heute geneigt ist zuzugeben.
[ 18 ] Man muß eben durchaus sich klar darüber sein, wie sich das Bewußtsein der Menschheit im Laufe der Zeit geändert hat, um solche Dinge, wie ich sie eben jetzt ausgesprochen habe, im richtigen Lichte zu sehen. Wir reden heute davon, daß irgend etwas schön sein könne. Aber wenn Sie heute die Philosophen fragen — und die sollten doch über solche Dinge etwas wissen, nicht wahr, denn dazu sind sie ja da —, worin die Schönheit besteht, da werden Sie sehen, daß Sie die unglaublichsten Abstraktionen bekommen. «Schön» ist eben ein Wort, das man aus der Empfindung heraus zuweilen instinktmäfßig richtig anwendet. Aber was zum Beispiel ein Grieche sich vorgestellt hat, wenn er in seiner Art vom Schönen gesprochen hat, davon hat man heute ja keine Ahnung. Man weiß nicht einmal, daß der Grieche vom Kosmos gesprochen hat, der für ihn etwas sehr Konkretes war. Unser «Weltall», das ist ein Wort — nun, was in diesem Haufen durcheinanderwirbelt, wenn der Mensch unter dem Einfluß des heutigen Denkens vom Weltall spricht, darüber wollen wir uns lieber heute nicht unterhalten! Der Grieche sprach vom Kosmos. Kosmos ist ein Wort, das Schönheit, Schmückendes, Zierendes, Künstlerisches in sich schließt. Der Grieche wußte: Sobald er von der ganzen Welt spricht, kann er nicht anders, als so von ihr sprechen, daß er sie charakterisiert mit dem Begriff der Schönheit. Kosmos heißt nicht bloß das Weltenall, Kosmos heißt die zur Allschönheit gewordene Naturgesetzmäßigkeit. Das liegt im Worte Kosmos.
[ 19 ] Und wenn der Grieche das einzelne schöne Kunstwerk vor sich hatte, oder sagen wir, wenn er den Menschen bilden wollte — wie wollte er ihn bilden, indem er ihn schön bildete? Wenn man noch die Definitionen Platons nimmt, bekommt man ein Gefühl davon, was der Grieche meinte, wenn er den Menschen künstlerisch darstellen wollte. In dem Worte, das er dafür prägte, liegt ungefähr das: Hier auf Erden ist der Mensch gar nicht das, was er sein soll. Er stammt vom Himmel, und ich habe ihn in seiner Form so dargestellt, daß man ihm seinen himmlischen Ursprung ansieht. — Wie wenn er vom Himmel heruntergefallen wäre, so etwa stellte der Grieche sich den Menschen als schön vor, wie wenn er eben vom Himmel gekommen wäre, wo er natürlich ganz anders ist, als die Menschen in ihrer äußeren Gestalt. Die sehen nicht so aus, als ob sie eben vom Himmel heruntergefallen wären, die haben das Kainszeichen des Sündenfalles überall in ihrer Form. Das ist griechische Vorstellung. Wir dürfen uns so etwas gar nicht gestatten in unserer Zeit, wo wir eben den Zusammenhang des Menschen mit dem vorirdischen, das heißt, mit dem himmlischen Dasein vergessen haben. So daß man sagen kann, bei den Griechen heißt schön = seine himmlische Bedeutung offenbarend. Da wird der Schönheitsbegriff konkret. Sehen Sie, bei uns ist er abstrakt.
[ 20 ] Ja, es hat einen interessanten Streit gegeben zwischen zwei Ästhetikern, dem sogenannten V-Vischer — weil er sich mit V schrieb —, dem Schwaben-Vischer, einem sehr geistreichen Manne, der eine außerordentlich bedeutende Ästhetik, bedeutend im Sinne unseres Zeitalters, geschrieben hat, und dem Formalisten Robert Zimmermann, der eine andere Ästhetik geschrieben hat. Der eine, V-Vischer, definiert das Schöne als die Offenbarung der Idee in der sinnlichen Form. Zimmermann definiert das Schöne als das Zusammenstimmen der Teile in einem Ganzen, also der Form nach; Vischer mehr dem Inhalte nach.
[ 21 ] Eigentlich sind diese Definitionen alle wie jene berühmte Gestalt, die sich an ihrem eigenen Haarschopf immer wieder in die Höhe zieht. Denn wenn einer sagt: Das Erscheinen der Idee in der sinnlichen Form — ja, was ist die Idee? Da müßte man erst etwas haben, was die Idee ist. Denn der Gedankenleichnam, den die Menschheit als Idee hat, wenn der in sinnlicher Form erscheint —, ja, da wird nichts daraus! Aber das heißt etwas, wenn man im griechischen Sinne fragt: Was ist ein schöner Mensch? — Ein schöner Mensch ist derjenige, der die Menschengestalt so idealisiert enthält, daß er einem Gotte ähnlich sieht — das ist im Griechischen ein schöner Mensch. Da kann man etwas anfangen mit einer solchen Definition, da hat man etwas in einer solchen Definition.
[ 22 ] Darum handelt es sich, daß man sich bewußt wird, wie der Bewußtseinsinhalt, die Seelenverfassung der Menschen im Laufe der Zeit sich geändert hat. Der moderne Mensch glaubt ja, der Grieche hätte ebenso gedacht, wie man heute denkt. Und wenn wirklich heute Geschichten der griechischen Philosophie geschrieben werden, so ist es ja so: zum Beispiel wenn Zeller eine ausgezeichnete Geschichte der griechischen Philosophie schreibt — im Sinne des heutigen Zeitalters ist sie ausgezeichnet —, da ist es so, wie wenn Platon nicht in der Platonischen Akademie, sondern im 19. Jahrhundert gelehrt hätte, so wie Zeller selbst an der Berliner Universität gelehrt hat. Sobald man den Gedanken konkret faßt, sieht man ihm seine Unmöglichkeit an, denn Platon hätte selbstverständlich im 19. Jahrhundert nicht an der Berliner Universität lehren können, das wäre ja nicht gegangen. Aber was von ihm überliefert ist, das übersetzt man dann in die Begriffe des 19. Jahrhunderts und hat gar kein Gefühl dafür, daß man ja zurückgehen muß mit seiner ganzen Seelenverfassung in ein anderes Zeitalter, wenn man Platon wirklich treffen will.
[ 23 ] Wenn man dann sich ein Bewußtsein dafür aneignet, wie die Dinge in der Seelenverfassung des Menschen geworden sind, dann wird man es nicht mehr so absurd finden, wenn man sagt: Eigentlich ist, mit Bezug auf sein Denken über die äußere Natur und über den Menschen selbst, der Mensch dem Sündenfall ganz verfallen.
[ 24 ] Und da muß an etwas gedacht werden, an das die heutigen Menschen nicht denken, ja, das sie vielleicht sogar als etwas verdreht betrachten. Es muß davon gesprochen werden, daß in der theoretischen Erkenntnis von heute, die populär geworden ist und alle Köpfe bis in die letzten Winkel der Welt, bis in die letzten Dörfer heute beherrscht, etwas lebt, was erst durch Christus erlöst werden muß. Es muß erst das Christentum verstanden werden auf diesem Gebiet.
[ 25 ] Nun, wenn man heute einem naturwissenschaftlichen Denker zumuten würde, er müsse begreifen, daß sein Denken durch Christus erlöst werden muß, ja, dann wird er sich an den Kopf greifen und sagen: Die Tat des Christus mag für alles mögliche geschehen sein in der Welt, aber zur Erlösung von dem Sündenfall der Naturwissenschaft — dazu lassen wir uns nicht herbei! — Aber auch wenn Theologen naturwissenschaftliche Bücher schreiben, wie sie es ja im 19. und 20. Jahrhundert zahlreich getan haben, die einen über Ameisen, die andern über anderes, über das Gehirn und so weiter —, und diese Bücher sind sogar meistens ausgezeichnet, besser als von Naturforschern, weil diese Leute in etwas lesbarerer Form schreiben können —, aber auch dann atmen diese auf dem wissenschaftlichen Felde geschriebenen Bücher erst recht das Bedürfnis: hier muß Ernst gemacht werden mit einer wahren Christologie, das heißt, wir brauchen heute gerade auf intellektualistischem Gebiete eine wirkliche Sündenerhebung, die dem Sündenfall entgegentreten muß.
[ 26 ] So sehen wir auf der einen Seite, daß der Intellektualismus angefressen ist von dem, was entstanden ist aus dem mißverständlichen Sündenbewußtsein, nicht aus der Tatsache des Sündenfalles, sondern aus dem mitßverständlichen Sündenbewußtsein. Denn das unmißverständliche Sündenbewußtsein muß eben den Christus als ein höheres Wesen in den Mittelpunkt der Erdenentwickelung stellen und von da aus den Weg herausfinden aus dem Sündenfall. Dazu bedarf es einer tieferen Einzelbetrachtung der menschlichen Entwickelung auch auf geistigem Gebiete.
[ 27 ] Wenn man, so wie es heute gewöhnlich geschieht, die mittelalterliche Scholastik betrachtet, bis meinetwillen selbst zu Augustinus zurück, so kann ja daraus gar nichts folgen. Es kann nichts daraus folgen, weil man nichts anderes sieht, als daß sich nun gewissermaßen das moderne naturwissenschaftliche Bewußtsein weiterentwikkelt, aber man läßt außer acht das Höhere, das Übergreifende.
[ 28 ] Nun habe ich hier einmal in diesem Saale versucht, die mittelalterliche Scholastik darzustellen, so daß man die ganzen Zusammenhänge sehen kann. Ich habe hier einmal über den Thomismus und was damit zusammenhängt, einen kleinen Zyklus gehalten. Aber das ist ja gerade das Schmerzliche, was unserer anthroposophischen
[ 29 ] Bewegung so wenig förderlich ist, daß solche Anregungen gar nicht aufgegriffen werden, daß der Zusammenhang des heutigen glänzenden naturwissenschaftlichen Zustandes mit dem, was nun hineinfahren muß in die Naturwissenschaften, eben nicht gesucht wird! Und wenn das nicht gesucht wird, dann müßten unsere wirklich mit großen Opfern errungenen Forschungsinstitute unfruchtbar bleiben. Bei denen würde es sich darum handeln, solche Anregungen wirklich zu benützen, um vorwärtszukommen, nicht sich in unfruchtbare Polemiken über den Atomismus einzulassen.
[ 30 ] Unsere Naturwissenschaft ist heute in ihrem Tatsachengebiete überall so weit, daß sie danach drängt, endlich jene sterilen Denkereien zu verlassen, die wir heute in den naturwissenschaftlichen Büchern haben. Man kennt ja den Menschen anatomisch, physiologisch genug, um, wenn man die richtigen Denkmethoden wählt, selbst zu solchen heute noch kühn erscheinenden Folgerungen kommen zu können wie von der Metamorphose der Kopfesform aus der Körperform im früheren Leben. Aber natürlich, wenn man am Materiellen haftet, dann kann man nicht dazu kommen, denn dann fragt man in sehr geistreicher Weise: Ja, dann müßten ja die Knochen materiell bleiben, daß sie sich materiell nach und nach im Grabe umwandeln können. — Es handelt sich eben darum, daß die materielle Form eine äußerliche Form ist und daß die Formkräfte der Metamorphose unterliegen.
[ 31 ] Auf der einen Seite wurde das Denken dadurch in Fesseln geschlagen, daß auf die Präexistenz die Finsternis geworfen worden ist. Auf der andern Seite handelt es sich um die Postexistenz, um das Leben nach dem Tode. Das Leben nach dem Tode kann aber durch keine andere Erkenntnis errungen werden als durch eine übersinnliche Erkenntnis. Weist man die übersinnliche Erkenntnis zurück, dann bleibt das Leben nach dem Tode ein Glaubensartikel, der auf Autorität hin bloß geglaubt werden kann. Ein richtiges Verständnis des Denkprozesses führt zum präexistenten Leben, wenn darüber zu denken nicht verboten ist. Das postexistente Leben kann aber nur durch übersinnliche Erkenntnis eben Erkenntnis werden. Da muß jene Methode eintreten, die ich in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben habe. Diese aber wiederum verpönt man aus dem heutigen Zeitbewußtsein heraus.
[ 32 ] Und so wirken zwei Dinge zusammen: auf der einen Seite die Fortwirkung des Verbotes, an das präexistente Leben des Menschen heranzugehen, auf der andern Seite das Perhorreszieren der übersinnlichen Erkenntnis. Wenn man beides zusammenbringt, dann bleibt alle übersinnliche Welt die Domäne einer Nichterkenntnis, nämlich des bloßen Glaubens, und dann bleibt das Christentum eine Sache des Glaubens, nicht der Erkenntnis. Und dann läßt sich diejenige Wissenschaft, die «Wissenschaft» sein will, nicht herbei, mit dem Christus überhaupt etwas zu tun haben zu wollen. Und dann haben wir den heutigen Zustand.
[ 33 ] Aber ich sagte schon im Eingange der heutigen Betrachtungen: In bezug auf das Bewußtsein, das heute ganz vom Intellektualismus angefüllt ist, ist die Menschheit den Folgen des Sündenfalles verfallen und wird sich nicht erheben können, das heißt, das Erdenziel nicht erreichen können. Mit der heutigen Wissenschaftlichkeit laßt sich das Erdenziel nicht erreichen. Aber der Mensch ist in den Tiefen seiner Seele eben trotzdem heute noch ungebrochen. Holt er diese Tiefen seiner Seele heraus, entwickelt er übersinnliche Erkenntnis im Sinne des Christus-Impulses, dann kommt er dadurch auch wiederum für das intellektuelle Gebiet zur Erlösung von dem heutigen, wenn ich mich so ausdrücken darf, der Sünde verfallenen Intellektualismus.
[ 34 ] Das erste also, was notwendig ist, das ist, einzusehen, daß durchdrungen werden muß gerade das intellektuell empirische Forschen mit demjenigen, was aus der Geistigkeit der Welt heraus erfaßt werden kann. Also die Wissenschaft muß durchdrungen werden mit der Geistigkeit. Aber diese Geistigkeit kann nicht an den Menschen herankommen, wenn nur immer dasjenige, was im Raume nebeneinander ist, nach seinem Nebeneinander untersucht wird, oder was in der Zeit aufeinanderfolgt, nach seinem Nacheinander.
[ 35 ] Wenn Sie die Form des menschlichen Hauptes, namentlich in bezug auf seinen Knochenbau, untersuchen und ihn nur mit dem übrigen Knochenbau vergleichen: Röhrenknochen, Wirbelknochen, Rippenknochen mit Kopfknochen — dann kommen Sie eben auf nichts. Sie müssen über Raum und Zeit hinausgehen zu jenen Begriffen, die hier in der Geisteswissenschaft entwickelt werden, indem man von Erdendasein zu Erdendasein den Menschen erfaßt. Also Sie müssen sich klar sein darüber: Wenn heute die Kopfknochen angesehen werden, so kann man sie ansehen als verwandelte Wirbelknochen. Aber dasjenige, was Rückenmarkswirbel heute am Menschen sind, das verwandelt sich nie in Kopfknochen in dem Bereich des Erdendaseins; die müssen erst verfallen, müssen erst ins Geistige umgewandelt werden, um in einem nächsten Erdenleben zu Kopfknochen werden zu können.
[ 36 ] Wenn dann ein instinktiv-intuitiver Geist kommt wie Goethe, so sieht er das den Formen der Kopfknochen an, daß sie umgewandelte Wirbelknochen sind. Aber um von dieser Anschauung zu den Tatsachen zu kommen, dazu braucht man Geisteswissenschaft. Goethes Metamorphosenlehre gewinnt überhaupt erst innerhalb der Geisteswissenschaft einen Sinn. Sie hat keinen Sinn ohne die Geisteswissenschaft. Daher war sie für Goethe selber in ihrem letzten Ende unbefriedigend. Aber deshalb sind es auch allein diese Erkenntnisse, die mit anthroposophischer Geisteswissenschaft zusammenhängen, die den Menschen in ein rechtes Verhältnis bringen zwischen Sündenfall und Sündenerhebung. Daher sind diese anthroposophischen Erkenntnisse heute etwas, was sich nicht bloß in der Betrachtung, sondern als Lebensgehalt lebendig in die Menschenentwickelung hineinstellen will.
