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Earthly Knowledge and Heavenly Insight
GA 221

3 February 1923, Dornach

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Earthly Knowledge and Heavenly Insight, tr. SOL
  1. Erdenwissen und Himmelserkenntnis

2. Der Nachtmensch und der Tagesmensch. In das reine Denken kann das Ich-Wesen Hineingeschoben werden

2. The Night Person and the Day Person. Can the “I” Be Inserted into Pure Thought?

[ 1 ] Heute möchte ich Ihnen zuerst eine kleine Szene erzählen aus dem Erkenntnisleben des 19. Jahrhunderts, damit wir uns daran über die groBen Veränderungen orientieren können, welche in dem Seelenwesen des abendländischen Menschen vor sich gegangen sind. Ich habe es ja öfter betont: der Mensch der Gegenwart hat stark das Bewußtsein, daß eigentlich die Menschen immer so gedacht, gefühlt, empfunden haben wie gegenwärtig, oder daß, wenn sie anders empfunden haben, dies eben kindlichen Entwickelungszuständen entsprach und daß der Mensch erst in der Gegenwart, ich möchte sagen, zu der rechten Männlichkeit des Denkens vorgerückt sei. Man muß sich, um den Menschen, um das Menschenwesen wirklich kennenzulernen, in die Denkweise älterer Zeiten zurückversetzen können, damit man nicht gar so siegesgewiß und hochmütig auf dasjenige wird, was in der Gegenwart die menschlichen Seelen erfüllt. Und wenn man dann sieht, wie schon im Verlaufe weniger Jahrzehnte sich Gedanken und Vorstellungen, die bei Gebildeten vorhanden waren, vollständig geändert haben, dann wird man auch einen Begriff sich machen können, wie radikal das Seelenleben der Menschen ein anderes geworden ist durch große Zeiträume hindurch, worauf wir ja gestern genötigt waren, wiederum aufmerksam zu machen.

[ 1 ] Today I would like to begin by recounting a brief scene from the intellectual life of the 19th century, so that we may use it as a point of reference for the great changes that have taken place in the soul of Western humanity. As I have often emphasized: people today are strongly convinced that human beings have always thought, felt, and sensed just as they do now, or that, if they felt differently, this was simply due to childlike stages of development, and that it is only in the present, I would say, that humanity has advanced to the true maturity of thought. In order to truly understand human beings—the human condition—one must be able to transport oneself back to the way of thinking of earlier times, so as not to become overly self-assured and arrogant about what currently fills human souls. And when one then sees how, in the course of just a few decades, the thoughts and ideas held by educated people have completely changed, one will also be able to grasp how radically the inner life of human beings has transformed over long periods of time—a point to which we were compelled to draw attention once again yesterday.

[ 2 ] Einer der bekanntesten Hegelianer des 19. Jahrhunderts ist Karl Rosenkranz, der, nach anderen Aufenthaltsorten, lange Zeit Professor der Philosophie an der Universität in Königsberg war. Rosenkranz war Hegelianer, aber sein Hegeltum war erstens gefärbt durch ein sorgfältiges Kant-Studium — er sah gewissermaßen Hegel durch die Brille des Kantianismus an —, aber außerdem war sein Hegeltum stark gefärbt durch sein Studium der evangelischen Theologie. Das alles, evangelische Theologie, Kantianismus, Hegeltum, floß in diesem Menschen von der Mitte des 19. Jahrhunderts zusammen.

[ 2 ] One of the best-known Hegelian thinkers of the 19th century is Karl Rosenkranz, who, after living in various places, served for a long time as a professor of philosophy at the University of Königsberg. Rosenkranz was a Hegelian, but his Hegelianism was, first of all, influenced by a careful study of Kant—he viewed Hegel, so to speak, through the lens of Kantianism—and, furthermore, it was strongly influenced by his study of Protestant theology. All of these elements—Protestant theology, Kantianism, and Hegelianism—converged in this man of the mid-19th century.

[ 3 ] Das Hegeltum ist ja im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts aus dem Gesichtskreis der gebildeten Menschheit Mitteleuropas verschwunden, und man kann sich kaum vorstellen, wie tief in diesem Hegeltum drinnen die denkenden Menschen Mitteleuropas in den vierziger Jahren steckten. Daher wird man heute auch schwer eine Vorstellung davon bekommen, wie es eigentlich aussah in einer solchen Seele, wie die des Karl Rosenkranz war.

[ 3 ] Hegelianism, after all, disappeared from the field of vision of Central Europe’s educated classes in the last third of the 19th century, and it is hard to imagine just how deeply immersed in Hegelianism the thinking people of Central Europe were in the 1840s. That is why it is difficult today to even begin to imagine what it was actually like inside a soul such as that of Karl Rosenkranz.

[ 4 ] Nun war immerhin Rosenkranz ein Mensch, der in den vierziger Jahren so dachte, wie man es etwa nach der damaligen gebildeten Denkweise von einem Menschen verlangte, der das alte unbrauchbare Denken verlassen hat, der sich der modernen Aufklärung gefügt hat und nicht abergläubisch war in dem Sinne, wie es [sich] die vierziger Jahre dachten. Man konnte denken, daß Rosenkranz ein solcher Mensch war, der sozusagen auf der Höhe der damaligen Bildung stand.

[ 4 ] After all, Rosenkranz was a man who, in the 1940s, thought in the way that the educated mindset of the time expected of someone who had abandoned outdated, obsolete ways of thinking, who had embraced modern Enlightenment, and who was not superstitious in the sense that the 1940s understood it. One could think that Rosenkranz was the kind of person who, so to speak, was at the cutting edge of education at the time.

[ 5 ] Nun machte dieser Karl Rosenkranz — es war im Jahre 1843 — einmal einen Spaziergang und traf auf diesem Spaziergang einen Menschen, Bon hieß er, mit dem er in ein für ihn, für Rosenkranz, so interessantes Gespräch kam, daß Rosenkranz dieses Gespräch aufgezeichnet hat. Bon war ein Thüringer, aber keineswegs, in dem Sinne wie etwa Rosenkranz, ein ganz aus seiner Zeit herausgewachsener Mensch. Bon seinerseits wird wohl wahrscheinlich über Rosenkranz so gedacht haben, daß er ihn für angefressen gehalten hat von den neuesten Vorstellungen, daß er ihn gehalten haben wird für einen Menschen, der zwar in einem gewissen Sinne vorurteilslos ist, der aber doch die gute alte Weisheit, die er, Bon, noch besaß, nicht mehr verstand.

[ 5 ] Now, this Karl Rosenkranz—it was in the year 1843—was once out for a walk and, during that walk, met a man named Bon, with whom he struck up a conversation that was so interesting to him—to Rosenkranz—that Rosenkranz recorded it. Bon was a Thuringian, but by no means—in the sense that Rosenkranz was, for example—a man who had completely outgrown his time. For his part, Bon probably thought of Rosenkranz as someone who was obsessed with the latest ideas; he likely regarded him as a man who, while in a certain sense free of prejudice, no longer understood the good old wisdom that he, Bon, still possessed.

[ 6 ] Und so kamen diese beiden — wie gesagt, es war im Jahre 1843 — in ein Gespräch. Bon war ausgebildet auf der Universität Erlangen und war dort hauptsächlich ein Schüler des etwas pietistisch angehauchten Philosophen Schubert, der aber noch voll war von älterer Weisheit, von Weisheit, die schr viel darauf gab, aus besonderen traumhaften Bewußtseinszuständen in die Wesenheit des Menschen hineinzukommen. Schubert war ein Mensch, der sehr viel von der überlieferten alten Weisheit hielt und der den Glauben hatte, wenn man nicht selber durch ein sinniges Innenleben etwas in sich lebendig machen kann von der guten alten Weisheit, dann kann man eigentlich im Ernste durch die neue Weisheit über den Menschen doch nichts wissen. In dieser Beziehung sind die Werke von Schubert außerordentlich interessant. Schubert vertiefte sich sehr gern in die verschiedenen Offenbarungen des menschlichen Traumlebens, auch in die abnormen Seelenzustände, wir würden heute vielleicht sagen, in die Seelenzustände des nicht schwindelhaften Mediums, in die Zustände jenes Hellsehertums, das sich noch wie atavistisch aus alten Zeiten erhalten hatte, kurz, in die abnormen, nicht in die völlig wachen Zustände des Seelenlebens. Dadurch suchte er Aufschluß über den Menschen zu erhalten.

[ 6 ] And so these two—as I said, it was in the year 1843—struck up a conversation. Bon had been educated at the University of Erlangen, where he was primarily a student of the philosopher Schubert, who had a somewhat pietistic bent but was still imbued with the wisdom of earlier times—a wisdom that placed great emphasis on entering into the very essence of the human being through special, dreamlike states of consciousness. Schubert was a man who held the traditional ancient wisdom in very high regard and who believed that unless one could, through a meaningful inner life, bring something of that good old wisdom to life within oneself, one could not truly know anything about human beings through the new wisdom. In this regard, Schubert’s works are extraordinarily interesting. Schubert took great pleasure in delving into the various manifestations of human dream life, including abnormal states of the soul—what we might call today the states of a non-deceptive medium, or the states of that clairvoyance which had been preserved, as it were, atavistically from ancient times; in short, into the abnormal states of the soul, as opposed to its fully waking states. Through this, he sought to gain insight into human nature.

[ 7 ] Ein Schüler dieses Schubert war nun Bon. Dann war aber Bon hierher in die Schweiz gekommen und hatte in der Schweiz ein Geistesleben aufgenommen, von dem wohl die heutigen Schweizer zumeist keine Ahnung haben, daß es hier einmal vorhanden war. Bon hatte nämlich in der Schweiz den sogenannten Gichtelianismus aufgenommen. Ich weiß nicht, ob noch viel bei den heutigen Schweizern bekannt ist davon, daß der Gichtelianismus ziemlich verbreitet war; nicht nur im übrigen Europa — heimisch war er ja in der Mitte des 19. Jahrhunderts zum Beispiel in Holland —, sondern er war auch in der Schweiz ziemlich verbreitet.

[ 7 ] One of Schubert’s students was Bon. But then Bon had come here to Switzerland and embraced a spiritual way of life here that most Swiss people today probably have no idea ever existed here. Bon had, in fact, embraced what is known as Gichtelianism in Switzerland. I do not know how much is still known among today’s Swiss about the fact that Gichtelianism was quite widespread; not only in the rest of Europe—it was, after all, well established in the Netherlands in the mid-19th century, for example—but it was also quite widespread in Switzerland.

[ 8 ] Dieser Gichtelianismus war nämlich dasjenige, was im 19. Jahrhundert, auch durch das 18. Jahrhundert hindurch, aber noch im 19. Jahrhundert übriggeblieben war von der Lehre Jakob Böhmes. Und in der Form, wie Gichtel die Lehre Jakob Böhmes vertreten hat, hat sich dann diese Lehre Jakob Böhmes über viele Gegenden ausgebreitet, unter anderem auch hierher in die Schweiz, und da hat Bon den Gichtelianismus kennengelernt.

[ 8 ] This Gichtelianism was, in fact, what remained of Jakob Böhme’s teachings in the 19th century—and throughout the 18th century as well—but had persisted into the 19th century. And in the form in which Gichtel presented Jakob Böhme’s teachings, those teachings then spread to many regions, including here in Switzerland, and that is where Bon became acquainted with Gichtelianism.

[ 9 ] Nun, Rosenkranz hatte ja viel gelesen, und wenn er nun auch durch seinen Kantianismus, Hegelismus und durch seinen evangelischen Theologismus sich nicht in einer innerlich aktiven Weise in so etwas hineinfinden konnte wie Jakob Böhmes Lehre oder ihre Abschwächung in Gichtel, so verstand er wenigstens die Ausdrücke, und es interessierte ihn, wie so ein merkwürdiger Mensch, ein Gichtelianer, sprach.

[ 9 ] Well, Rosenkranz had read extensively, and even if his Kantianism, Hegelianism, and Protestant theology prevented him from engaging in an inwardly active way with something like Jakob Böhme’s teachings or their softening in Gichtel, he at least understood the terminology, and he was interested in how such a peculiar person—a Gichtelian—spoke.

[ 10 ] Nun sprachen sie offenbar — wie gesagt, Rosenkranz hat das Gespräch aufgezeichnet, das 1843 stattgefunden hat — zunächst über ein Thema, das sowohl für Kantianer wie für Hegelianer des 19. Jahrhunderts keine allzustark unverständlichen Seiten hatte. Rosenkranz sagte im Verlauf des Gespräches, es sei doch eigentlich mißlich, wenn man so recht tief nachdenken will über irgendein Problem, daß man durch allerlei äußere Abhaltungen gestört werden kann.

[ 10 ] Now, as mentioned—Rosenkranz recorded this conversation, which took place in 1843—they apparently began by discussing a topic that was not all that difficult to understand for either 19th-century Kantians or Hegelianists. In the course of the conversation, Rosenkranz remarked that it is actually rather inconvenient, when one wants to think deeply about any problem, to be disturbed by all sorts of external distractions.

[ 11 ] Ich möchte sagen, man fühlt, indem Rosenkranz dies sagt, schon etwas von dem, was dann später in einem viel höheren Maße gekommen ist: von der Nervosität des Zeitalters. Man braucht sich ja nur daran zu erinnern, daß unter den mannigfaltigen Vereinen, die sich in der Vorkriegszeit in Mitteleuropa gebildet haben, einer war, der von Hannover aus seinen Ursprung genommen hat, gegen den Lärm. Man wollte anstreben Gesetze gegen den Lärm, daß man abends zum Beispiel still denkend sitzen kann und nicht durch den Lärm etwa von einem benachbarten Gasthaus gestört werde. Es gibt Zeitschriftenartikel, welche diesen Verein gegen den Lärm propagierten. Es ist die Absicht, einen solchen Verein gegen den Lärm zu errichten, natürlich durchaus ein Ausfluß unseres nervösen Zeitalters. Also man spürt aus Karl Rosenkranz’ Rede, daß man so unangenehm gestört werden könne durch allerlei Dinge, die in der Umgebung vor sich gehen, wenn man nachdenken will oder gar, wenn man ein Buch schreiben will. Man spürt schon etwas von dieser Nervosität heraus. Und Bon scheint recht viel Verständnis gehabt zu haben für die Klage eines Mannes, der ungestört denken möchte, und er sagte dann zu Rosenkranz: Ja, er könne ihm da etwas Gutes empfehlen, er könne ihm nämlich empfehlen die Unannehmlichkeit.

[ 11 ] I would say that when Rosenkranz says this, one already senses something of what would later emerge to a much greater degree: the nervousness of the age. One need only recall that among the many associations that formed in Central Europe in the prewar period, there was one that originated in Hanover—an association against noise. The aim was to push for laws against noise so that, for example, one could sit quietly in the evening, lost in thought, without being disturbed by noise from a neighboring tavern. There are magazine articles that promoted this anti-noise association. The intention to establish such an anti-noise association is, of course, entirely a product of our nervous age. So one senses from Karl Rosenkranz’s speech that one can be so unpleasantly disturbed by all sorts of things going on in the surroundings when one wants to think, or even when one wants to write a book. One can already sense something of this nervousness. And Bon seems to have had quite a lot of sympathy for the complaint of a man who wants to think undisturbed, and he then said to Rosenkranz: Yes, he could recommend something good to him—namely, the inconvenience.

[ 12 ] Rosenkranz war wie aus den Wolken gefallen. Er sollte nun Übungen machen in der Unannehmlichkeit, so empfahl ihm Bon, er solle lernen, Unannehmlichkeit in sich zu entwickeln. Ja, sagte Rosenkranz, unangenehm ist es ja, wenn man von allem Möglichen gestört wird. — Da sagte Bon: Das meine ich nicht. — Und nun erklärte Bon dem Rosenkranz, was er eigentlich mit der Unannehmlichkeit meinte. Er sagte: Da muß man sehen, daß man so fest in sich wird, daß man durch die Turba der anderen Vorgänge in der Umgebung nicht in seiner eigenen Konstellation beeinträchtigt werde, damit die reine Tinktur im eigenen Astrum sich entwickeln könne.

[ 12 ] Rosenkranz was completely taken aback. He was now supposed to practice dealing with discomfort; Bon advised him to learn to cultivate a sense of discomfort within himself. “Yes,” said Rosenkranz, “it is certainly unpleasant when you’re constantly being disturbed by all sorts of things.” — “That’s not what I mean,” said Bon. — And now Bon explained to Rosenkranz what he actually meant by “discomfort.” He said: “You must ensure that you become so firmly grounded within yourself that you are not disturbed in your own constellation by the tumult of other events in your surroundings, so that the pure tincture within your own astrum can develop.”

[ 13 ] Nun, das hatte Bon hier in der Schweiz von den Gichtelianern gelernt, zu sagen, man solle dafür Sorge tragen, daß man nicht gestört werde in seiner eigenen Konstellation durch die Turba der anderen Vorgänge in der Umgebung, damit die reine Tinktur des eigenen Astrums erhalten bleiben könne. Wie gesagt, Rosenkranz verstand die Ausdrücke. Ich glaube, heute versteht nicht einmal jeder mehr die Ausdrücke, der auch ein ganz gelehrter Mensch sein möchte.

[ 13 ] Well, Bon had learned this here in Switzerland from the Gichtelians: that one should take care not to be disturbed in one’s own constellation by the turmoil of other events in the surroundings, so that the pure essence of one’s own astrum might be preserved. As I said, Rosenkranz understood the terms. I believe that today, not even everyone who aspires to be a truly learned person understands these terms anymore.

[ 14 ] Was hatte nun der Gichtelianer Bon dazumal eigentlich gemeint? Nun, sehen Sie, Bon lebte eben in den fortgepflanzten Vorstellungen des Jakob Böhme. Ich habe neulich diesen Jakob Böhme ein wenig charakterisiert. Ich habe gesagt, er sammelte aus allem Volkstum die volkstümlich gebliebene Weisheit auf. Er hat viel aus dieser volkstümlichen Weisheit aufgenommen, was man heute gar nicht glauben würde. Diese volkstümliche Weisheit ist sogar vielfach bei sogenannten sinnierenden Menschen in solchen Ausdrücken, wie ich sie eben jetzt aus dem Munde des Bon zitiert habe, erhalten geblieben. Und man hat sich unter diesen Ausdrücken eben etwas vorstellen können, was eine gewisse innere Lebendigkeit hatte. Es waren eben noch Traditionen vorhanden von dem, was eine ältere Menschheit in dem älteren Hellsehen in sich aufgenommen hatte. Dieses ältere Hellsehen bestand ja in Kräften, welche aus der Körperlichkeit der Menschen herauskamen. Man muß deshalb nicht sagen, dieses alte Hellsehen lebte im Physischen. Da würde man verkennen, daß ja alles Körperliche durchzogen ist von Geistigem. Aber eigentlich sog der alte Hellseher das, was er in seinen traumhaften Imaginationen vor seine Seele gestellt hatte, aus den Kräften seiner Körperlichkeit heraus. Was im Blute pulsierte, was im Atem kraftete, selbst das, was in den sich verwandelnden Stoffen des Leibes lebte, das dampfte gewissermaßen ins Geistige geistig herauf und gab dem alten Hellscher grandiose Weltbilder, wie ich sie öfter hier beschrieben habe. Es war dieses alte Hellsehen eben durchaus aus Körperlichem heraufgesogen.

[ 14 ] What, then, did Bon, a follower of Gichtel, actually mean back then? Well, you see, Bon was simply living within the ideas passed down from Jakob Böhme. I recently described this Jakob Böhme a little. I said that he gathered the wisdom that had remained folk-based from all aspects of folk culture. He absorbed a great deal from this folk wisdom—more than one would believe today. This folk wisdom has even been preserved in many cases among so-called reflective people in expressions such as those I just quoted from Bon. And these expressions allowed one to envision something that possessed a certain inner vitality. Traditions were still present of what an earlier humanity had absorbed through the clairvoyance of those times. This earlier clairvoyance, after all, consisted of forces that arose from the physical nature of human beings. One need not therefore say that this ancient clairvoyance lived in the physical realm. That would be to overlook the fact that everything physical is permeated by the spiritual. But in reality, the ancient clairvoyant drew from the forces of his physicality what he had set before his soul in his dreamlike imaginings. What pulsed in the blood, what surged in the breath, even what lived in the transforming substances of the body—all of this, in a sense, rose spiritually into the spiritual realm and gave the ancient clairvoyant magnificent worldviews, as I have often described here. This ancient clairvoyance was, in fact, drawn entirely from the physical realm.

[ 15 ] Und was einem da sich enthüllte, indem man lebte, wie wenn man ungefähr die ganze Welt in einem violetten Lichte fühlte, sich selber wie eine violette Wolke in violettem Lichte einheitlich fühlte, so daß man sich ganz in sich empfand, das nannte man die 'Tinktur. Und das empfand man als sein Eigenes, als das mit dem eigenen Organismus verbundene Eigene. Man empfand es als sein eigenes Astrum. Diese aus dem Körper gesogene Innerlichkeit bezeichnete der Gichtelianer Bon als die reine Tinktur des eigenen Astrums.

[ 15 ] And what was revealed to one there, as one lived—as if one were sensing the entire world, so to speak, in a violet light, sensing oneself as a unified violet cloud in violet light, so that one felt completely at one with oneself—that was called the “tincture.” And one perceived this as one’s own, as that which was intrinsically connected to one’s own organism. One perceived it as one’s own astrum. Bon, a follower of Gichtel, described this inner essence drawn from the body as the pure tincture of one’s own astrum.

[ 16 ] Aber es war ja schon die Zeit gekommen — eigentlich war sie längst gekommen —, in der die Menschen solches nicht mehr aus ihrer Körperlichkeit heraussaugen konnten. Die Zeit, in der das alte Hellsehen eigentlich nicht mehr dem Menschen angepaßt war, die war schon längst gekommen. Daher fühlten solche Leute, wie Jakob Böhme oder Gichtel, daß es schwer ist, diese alten Vorstellungen sich noch lebendig zu machen. Der Mensch hatte eben die Fähigkeit verloren, in diesen alten Vorstellungen zu leben. Sie vergingen gewissermaßen gleich, wenn sie heraufkamen. Der Mensch fühlte sich unsicher darinnen, und daher wollte er alles anwenden, um diese flüchtigen inneren Bilder, die noch, ich möchte sagen, durch den inneren Klang der alten Worte heraufkamen, festzuhalten. Und wie er in sich die reine Tinktur seines Astrums fühlte, so fühlte er, wenn irgend etwas anderes herankam, daß ihm das gleich die Bilder verdrängte. Dieses andere, das, was da lebte geistig in den Dingen und Vorgängen der Umgebung, nannte man Turba. Und durch diese Turba wollte man nicht die eigene Konstellation, das heißt die Seelenverfassung, stören lassen, in der man sein konnte, wenn man sich so recht in den inneren Klang der alten Worte vertiefte, um gewissermaßen seinen Menschen durch die Bewahrung dieses traditionellen Innenlebens fest noch zu haben. Daher bestrebte man sich, nichts Äußerliches anzunehmen, sondern in sich selber zu leben. Man machte sich «unannehmlich », so daß man nichts Äußeres anzunehmen brauchte.

[ 16 ] But the time had already come—in fact, it had long since come—when people could no longer draw such things from their physical nature. The time when the old form of clairvoyance was, in fact, no longer suited to human beings had long since come. That is why people like Jakob Böhme or Gichtel felt that it was difficult to bring these old ideas to life again. Human beings had simply lost the ability to live within these old ideas. They vanished, as it were, the moment they arose. People felt insecure within this state, and so they sought to do everything possible to hold on to these fleeting inner images, which still arose, I might say, through the inner resonance of the old words. And just as they felt within themselves the pure essence of their astrum, so they felt that whenever anything else approached, it immediately displaced those images. This “other”—that which lived spiritually in the things and events of the surroundings—was called Turba. And people did not want this Turba to disturb their own constellation, that is, the state of their soul, in which they could remain when they truly immersed themselves in the inner sound of the old words, so that, in a sense, they could hold fast to their humanity by preserving this traditional inner life. Therefore, one strove not to accept anything external, but to live within oneself. One made oneself “unapproachable,” so that one did not need to accept anything from the outside.

[ 17 ] Diese Unannehmlichkeit, das Leben in sich selbst, empfahl Bon dem Rosenkranz in dieser Form, wie ich es Ihnen eben mitgeteilt habe. Aber sehen Sie, da schaut man eigentlich hinein in das Seelenleben einer recht alten Zeit, das innerhalb der Kreise des Gichtelianismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts noch vorhanden war, allerdings ganz in der Abenddämmerung, ganz im Verklingen. Denn das, was da verklang, war einstmals ein innerliches Miterleben der göttlich-geistigen Welt in traumhaft hellscherischen Bildern, durch welche der Mensch sich viel mehr als ein Himmelswesen, denn als ein Erdenwesen fühlte.

[ 17 ] Bon described this inconvenience—life itself—to Rosenkranz in the way I have just explained to you. But you see, this actually offers a glimpse into the inner life of a bygone era, one that still existed within the circles of Gichtelianism in the mid-19th century—though it was already in its twilight, on the verge of fading away. For what was fading away there was once an inner participation in the divine-spiritual world through dreamlike, luminous images, through which human beings felt themselves to be much more like heavenly beings than earthly ones.

[ 18 ] Und die Voraussetzung für jene alte Seelenverfassung war die, daß der Mensch noch nicht das reine Denken der neueren Zeit entwickelt hatte. Dieses reine Denken der neueren Zeit, von dem eigentlich in voller Bewußtheit erst gesprochen worden ist in meiner «Philosophie der Freiheit», das ist etwas, von dem heute eigentlich noch nicht viel Empfindung vorhanden ist. Es ist dieses reine Denken etwas, was sich zunächst an der Naturwissenschaft herangebildet hat.

[ 18 ] And the prerequisite for that ancient state of mind was that human beings had not yet developed the pure thinking of more recent times. This pure thinking of more recent times—which was actually first discussed with full awareness in my *Philosophy of Freedom*—is something for which there is still not much sense of it today. It is this pure thinking that first took shape in the natural sciences.

[ 19 ] Sehen wir einen Teil dieser Naturwissenschaft an, der uns das, was hier gesagt werden soll, besonders charakteristisch zeigt, schen wir die Astronomie an. Durch Kopernikus wird die Astronomie rein zu einer Weltmechanik, zu einer Art Beschreibung der Weltmaschinerie. Vorher waren immer noch Vorstellungen davon vorhanden, daß in den Sternen geistige Wesenheiten verkörpert sind. Die Scholastik des Mittelalters spricht noch von der geistigen Wesenheit der Sterne, von den Intelligenzen, welche die Sterne bewohnen, welche in den Sternen verkörpert sind und so weiter. Daß alles da draußen materiell ist, gedankenlos ist, daß der Mensch sich nur darüber Gedanken macht, das ist ja erst aufgekommen. Früher hat sich der Mensch Bilder gemacht, Bilder, die sich verbanden mit seiner Anschauung von einem Stern oder Sternbilde. Er hat etwas Lebendes, etwas für sich Webendes da drinnen gesehen. Nicht das reine Denken, sondern etwas SeelischLebendes verband den Menschen mit seiner Umwelt. Aber der Mensch hat in dieser Umwelt zunächst das reine Denken ausgebildet.

[ 19 ] Let us consider a branch of natural science that particularly illustrates what is to be said here: astronomy. Through Copernicus, astronomy became purely a “world mechanics,” a kind of description of the machinery of the world. Previously, there were still notions that spiritual beings were embodied in the stars. Medieval scholasticism still speaks of the spiritual essence of the stars, of the intelligences that inhabit the stars, that are embodied in the stars, and so on. The idea that everything out there is material, devoid of thought—that human beings merely reflect on it—is a relatively recent development. In the past, people formed images—images that were connected to their conception of a star or constellation. They saw something living, something weaving its own existence within it. It was not pure thought, but something soulfully alive that connected human beings to their environment. But in this environment, human beings first developed pure thought.

[ 20 ] Ich habe schon einmal hier gesagt, Gedanken haben ja auch die älteren Menschen gehabt, aber sie haben die Gedanken mit ihrem Hellsehen zugleich bekommen, sie haben von der Umwelt die hellseherischen Bilder empfangen, und dann haben sie aus dem Hellseherischen heraus ihre Gedanken gezogen. Direkt die reinen Gedanken abgezogen von den äußeren Dingen, das haben die älteren Menschen nicht. Das ist die Eigentümlichkeit der neueren Zeit, daß der Mensch lernt, mit dem bloßen Denken die Welt zu umfassen. Und an der Weltumfassung entwickelt der Mensch zunächst dieses reine Denken.

[ 20 ] I have said here before that older people also had thoughts, but they received those thoughts at the same time as their clairvoyance; they received clairvoyant images from their surroundings, and then they drew their thoughts from those clairvoyant perceptions. The people of old did not derive pure thoughts directly from external things. This is the distinctive feature of modern times: that human beings are learning to comprehend the world through thought alone. And it is through this comprehension of the world that human beings first develop this pure thinking.

[ 21 ] Nun ist aber etwas anderes verknüpft mit allen diesen Dingen. Diejenigen Menschen, auf die noch zurück weist so etwas, wie es der Bon dem Rosenkranz gesagt hat, diese Menschen erlebten den Schlaf doch nicht so, wie der bloß denkende moderne Mensch den Schlaf erlebt. Der bloß denkende moderne Mensch erlebt den Schlaf als die Bewußtlosigkeit, die ihm höchstens durch die Träume unterbrochen wird, von denen er aber mit Recht nicht viel hält. Denn so, wie die Seelenverfassung des Menschen in der neueren Zeit ist, haben die Träume nicht viel Wert. Sie sind in der Regel Reminiszenzen an das innere oder äußere Leben und haben in ihrem Inhalte keinen besonderen Wert. So daß eigentlich für den Schlaf das besonders Charakteristische die Bewußtlosigkeit ist. Das war sie nicht immer. Und Jakob Böhme selbst kannte noch durchaus eine Art von Schlaf, bei dem das Bewußtsein erfüllt war von wirklichen Einsichten in den Weltzusammenhang.

[ 21 ] But there is something else connected with all these things. Those people to whom such a thing still points back—as Bon said to Rosenkranz—did not experience sleep in the same way that the purely rational modern person experiences it. The purely rational modern person experiences sleep as a state of unconsciousness, interrupted at most by dreams, which he rightly does not think much of. For given the state of the human soul in modern times, dreams have little value. They are generally reminiscences of inner or outer life and have no particular value in terms of their content. Thus, what is actually most characteristic of sleep is unconsciousness. This was not always the case. And Jakob Böhme himself was still quite familiar with a kind of sleep in which consciousness was filled with genuine insights into the structure of the world.

[ 22 ] Solch ein Mensch wie Jakob Böhme, und dann auch Gichtel, der sich noch mit großem Fleiße in eine solche Seelenverfassung hineinfand, sagte: Nun ja, wenn man mit seinen Augen die Sinnendinge beobachtet, mit den anderen Sinnen die Welt erfaßt und dann mit Gedanken dasjenige weiter ergreift, was man da mit den Sinnen erfaßt, dann kann man ja allerlei Schönes über die Welt erfahren; aber die wirklichen Geheimnisse der Welt werden einem da nicht offenbar. Da gibt sich doch nur das äußere Bild der Welt kund.

[ 22 ] A man like Jakob Böhme, and also Gichtel, who immersed himself in such a state of mind with great diligence, said: Well, if one observes sensory objects with one’s eyes, perceives the world with the other senses, and then uses one’s thoughts to further grasp what one has perceived with the senses, then one can indeed experience all sorts of beautiful things about the world; but the true mysteries of the world are not revealed to one in this way. Only the outward image of the world is made known.

[ 23 ] Wie gesagt, Jakob Böhme und Gichtel kannten solche Zustände des Bewußtseins, wo sie weder schliefen noch bloß träumten, sondern wo das Bewußtsein angefüllt war mit Einsichten über wirkliche Weltengeheimnisse, die hinter der sinnlichen Welt verborgen sind. Und die schätzten sie höher als das, was sich für ihre Sinne und für den Verstand ergab. Das bloße Denken, das war für diese Menschen noch nichts Bedeutsames. Aber auch das Gegenbild war für sie vorhanden, nämlich das Bewußtsein, daß der Mensch wahrnehmen kann ohne seinen Körper. Denn in solchen Bewußtseinszuständen, die weder Schlafen noch Träumen waren, wußten sie zugleich, daß der eigentliche Mensch sich zum großen Teil von seinem Körper losgerissen hat, aber sich mitgenommen hat die Kraft des Blutes, mitgenommen hat die Kraft des Atmens. Und so wußten sie: Weil der Mensch innerlich verbunden ist mit der Welt, aber sein wacher Körper ihm das Verbundensein verfinstert, kann sich der Mensch, wenn er sich bis zu einem gewissen Teil unabhängig macht von diesem wachen Körper, durch die feineren Kräfte dieses Körpers, die das alte Hellsehen, wie ich erklärt habe, herausgesogen hat aus dem Körper, eine Erkenntnis von den Geheimnissen der Welt verschaffen.

[ 23 ] As mentioned, Jakob Böhme and Gichtel were familiar with such states of consciousness in which they were neither asleep nor merely dreaming, but in which their consciousness was filled with insights into the true mysteries of the world that lie hidden behind the sensory world. And they valued these states more highly than what their senses and intellect could perceive. Mere thinking, for these people, was not yet anything significant. But the opposite was also present for them: namely, the awareness that a human being can perceive without their body. For in such states of consciousness—which were neither sleep nor dreaming—they knew at the same time that the true human being had, to a large extent, torn itself away from its body, yet had taken with it the power of the blood and the power of breathing. And so they knew: Because human beings are inwardly connected to the world, but their waking body obscures this connection, human beings can—when they make themselves to a certain extent independent of this waking body—gain insight into the mysteries of the world through the finer forces of this body, which, as I have explained, the ancient clairvoyants drew out of the body.

[ 24 ] So aber kam der Mensch, gerade wenn er in solche besonderen Schlafzustände kam, zu einem Bewußtsein davon, was eigentlich der Schlaf ist. Menschen wie Jakob Böhme oder wie Gichtel, die sagten sich: Wenn ich schlafe, dann bin ich mit den feineren Gliedern meiner Wesenheit auch in der feineren Natur draußen. Ich tauche unter in die feinere Natur.

[ 24 ] But in this way, precisely when a person entered such special states of sleep, they became aware of what sleep actually is. People like Jakob Böhme or Gichtel told themselves: When I sleep, I am also present in the finer nature outside with the finer aspects of my being. I immerse myself in the finer realm of nature.

[ 25 ] Sie fühlten sich darinnenstehend in dieser feineren Natur. Und wenn sie wachten, dann wußten sie: Dasjenige, womit ich, als mit meiner feineren Menschenwesenheit, in der feineren Natur gewesen bin während des Schlafes, auch während des bewußtlosen Schlafes, das lebt auch in mir während des Wachens. Ich fülle mit diesem meinen Körper aus, wenn ich empfinde, wenn ich denke, was dazumal eben durchaus noch nicht reines Denken war. Also, wenn ich mir denkend Bilder mache, dann lebt diese feinere Menschlichkeit in diesen Bildern.

[ 25 ] They felt themselves to be immersed in this finer nature. And when they were awake, they knew: That which I, as my finer human being, had been in the finer nature during sleep—even during unconscious sleep—also lives within me while I am awake. I fill my body with this when I feel, when I think—which at that time was by no means yet pure thinking. So when I form images in my mind, this finer humanity lives within those images.

[ 26 ] Kurz, es hatte für diese Menschen eine reale Bedeutung, wenn sie sagten: Das, was ich im Schlafe bin, das lebt in mir auch während des Wachens weiter fort. Und sie fühlten etwa wie ein seelisches Blut in den wachen Bewußtseinszuständen das Schlafen weiter fortpulsieren.

[ 26 ] In short, it had real significance for these people when they said: “What I am in sleep continues to live within me even while I am awake.” And they felt, as it were, the pulse of sleep continuing to flow through them like a spiritual blood in their waking states of consciousness.

[ 27 ] Solch ein Mensch, wie Jakob Böhme oder Gichtel, sagte sich: Wenn ich wach bin, da schlafe ich doch weiter. Nämlich das, was in mir während des Schlafes vorgeht, das wirkt auch im Wachen weiter. Das war eine andere Empfindung, als sie der moderne Mensch hat, der nun schon zum bloßen Denken übergegangen ist, zu dem reinen intellektuellen Denken. Dieser moderne Mensch wacht in der Frühe auf und macht einen scharfen Trennungsstrich zwischen dem, was er im Schlafe war und was er nun im Wachen ist. Er zieht sozusagen vom Schlaf nichts hinüber in das wachende Leben. Es hört auf das, was er im Schlafe war, wenn er anfängt zu wachen. Ja, aus solchen Bewußtseinsverhältnissen, wie sie noch in einem solchen Menschen wie Bon lebten, der ein Gichtelianer war, ist eben die moderne Menschheit herausgewachsen, und sie hat dadurch etwas verwirklicht, was in der Anlage eigentlich schon seit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts vorhanden war. Sie hat das verwirklicht, indem sie übergegangen ist im wachen Tagesleben zu dem bloßen intellektualistischen Denken. Das beherrscht ja heute alle Menschen. Sie denken nicht mehr in Bildern. Die Bilder betrachten sie als Mythologie, wie ich gestern gesagt habe. Sie denken in Gedanken, und sie schlafen im Nichts.

[ 27 ] A person like Jakob Böhme or Gichtel would say to himself: “Even when I am awake, I am still sleeping.” For what takes place within me during sleep continues to have an effect even while I am awake. This was a different experience from that of modern man, who has now moved on to mere thinking—to pure intellectual thinking. This modern man wakes up in the morning and draws a sharp line of separation between what he was in sleep and what he now is in wakefulness. He carries nothing over from sleep into his waking life, so to speak. As soon as they begin to wake, they cease to be what they were in sleep. Indeed, modern humanity has grown out of precisely such states of consciousness as still existed in a person like Bon, who was a Gichtelian, and in doing so has brought to fruition something that had actually been present in embryonic form since the first third of the 15th century. It has realized this by transitioning, in waking daily life, to mere intellectualistic thinking. This, after all, dominates all people today. They no longer think in images. They regard images as mythology, as I said yesterday. They think in thoughts, and they sleep in nothingness.

[ 28 ] Ja, das hat eigentlich eine recht tiefe Bedeutung: diese modernen Menschen schlafen im Nichts. Für Jakob Böhme zum Beispiel hätte es noch gar nicht einen rechten Sinn gehabt, zu sagen, ich schlafe im Nichts. Für den modernen Menschen hat es einen Sinn bekommen, zu sagen: Ich schlafe im Nichts. Ich bin nicht nichts, indem ich schlafe, ich behalte während des Schlafens mein Ich und meinen astralischen Leib. Ich bin nicht nichts, aber ich reiße mich aus der ganzen Welt heraus, die ich wahrnehme mit meinen Sinnen, die ich begreife mit meinem wachen Verstande. Ich reiße mich während des modernen Schlafes auch heraus aus der Welt, die zum Beispiel Jakob Böhme in besonderen, abnormen Bewußtseinszuständen gesehen hat mit den feineren Kräften des physischen und Ätherleibes, die er sich noch mitgenommen hat in seine Schlafzustände.

[ 28 ] Yes, that actually has a rather profound meaning: these modern people sleep in nothingness. For Jakob Böhme, for example, it would not have made much sense at all to say, “I sleep in nothingness.” For modern people, it has come to make sense to say, “I sleep in nothingness.” I am not nothing when I sleep; I retain my “I” and my astral body while sleeping. I am not nothing, but I tear myself away from the entire world that I perceive with my senses and comprehend with my waking mind. During modern sleep, I also detach myself from the world that, for example, Jakob Böhme saw in special, abnormal states of consciousness using the finer forces of the physical and etheric bodies, which he still carried with him into his sleep states.

[ 29 ] Der moderne Mensch reißt sich heraus während des Schlafens nicht nur aus seiner Sinneswelt, sondern auch aus der Welt, welche die Welt des alten Hellsehers war. Und von der Welt, in der dann der Mensch darinnen ist vom Einschlafen bis zum Aufwachen, da kann er ja nichts wahrnehmen, denn das ist eine Zukunftswelt, das ist die Welt, in die sich die Erde verwandeln wird in jenen Zuständen, die ich in meiner «Geheimwissenschaft » als Jupiter-, Venus-, Vulkanzustand beschrieben habe. So daß in der Tat der moderne Mensch, der auf das intellektualistische Denken dressiert ist — verzeihen Sie den Ausdruck —, während des Schlafes im Nichts lebt. Er ist nicht nichts, ich muß es immer wieder betonen, aber er lebt im Nichts, weil er das, worin er lebt, die Zukunftswelt, eben noch nicht erleben kann. Die ist für ihn noch nichts. Aber gerade dadurch, daß der moderne Mensch im Nichts schlafen kann, wird ihm seine Freiheit garantiert; denn er lebt sich ein vom Einschlafen bis zum Aufwachen in die Befreiung von aller Welt, in das Nichts. Er wird gerade während des Schlafes unabhängig. Das ist sehr wichtig einzusehen, daß die besondere Art, wie der moderne Mensch schläft, ihm die Garantie für seine Freiheit gibt.

[ 29 ] Modern human beings, while sleeping, detach themselves not only from their sensory world but also from the world that was the world of the ancient clairvoyant. And in the world in which the human being then finds himself—from the moment of falling asleep until waking up—he cannot perceive anything, for that is a world of the future; it is the world into which the Earth will transform under those conditions that I have described in my *Secret Science* as the Jupiter, Venus, and Vulcan states. So in fact, modern man, who is trained in intellectualistic thinking—forgive the expression—lives in nothingness during sleep. He is not nothing—I must emphasize this again and again—but he lives in nothingness because he cannot yet experience that in which he lives: the world of the future. For him, it is still nothing. But it is precisely because modern humans can sleep in nothingness that their freedom is guaranteed; for from the moment they fall asleep until they wake up, they immerse themselves in liberation from the entire world, in nothingness. It is precisely during sleep that they become independent. It is very important to realize that the particular way in which modern humans sleep provides them with the guarantee of their freedom.

[ 30 ] Der alte Hellseher, der noch von der alten Welt wahrnahm, nicht von der Zukunftswelt, der von der alten Welt wahrnahm, der konnte kein völlig freier Mensch werden, denn er wurde abhängig in diesem Wahrnehmen. Das im Nichts Ruhen während des Schlafes macht den modernen Menschen, den Menschen der modernen Zeit eigentlich frei.

[ 30 ] The ancient seer, who perceived the old world—not the world of the future—who perceived the old world, could not become a completely free human being, for he became dependent on this perception. It is this resting in nothingness during sleep that truly sets modern human beings—the people of the modern age—free.

[ 31 ] So sind zwei Gegenbilder vorhanden für den modernen Menschen. Erstens lebt er während des Wachens im Gedanken, der ein bloßer Gedanke ist, der nicht mehr Bilder enthält im alten Sinne; die hält er, wie gesagt, für Mythologie. Und er lebt während des Schlafes in der Nichtigkeit. Dadurch befreit er sich von der Welt, dadurch erringt er sich das Bewußtsein der Freiheit. Die Gedankenbilder können ihn nicht zwingen, weil sie bloße Bilder sind. Geradesowenig wie die Spiegelbilder zwingen können, irgend etwas verursachen können, geradesowenig können die Gedankenbilder von den Dingen den Menschen zu etwas zwingen. Wenn daher der Mensch seine moralischen Impulse in reinen Gedanken ergreift, so muß er sie als ein freies Wesen befolgen. Keine Emotion, keine Leidenschaft, kein innerlich körperlicher Vorgang kann ihn veranlassen, jenen moralischen Impulsen zu folgen, die er in reinen Gedanken zu erfassen in der Lage ist. Aber er ist auch imstande, diesen bloßen Bildern in Gedanken zu folgen, diesem reinen Gedanken zu folgen, weil er sich während des Schlafes, befreit von allen Naturgesetzen in seinem eigenen Körperlichen, findet, weil er wirklich während des Schlafes eine reine freie Seele wird, die dem Nichtwirklichen des Gedankens folgen kann; während der ältere Mensch auch während des Schlafes abhängig blieb von der Welt und daher nicht hätte folgen können unwirklichen Impulsen.

[ 31 ] Thus, there are two counter-images for modern man. First, while awake, he lives in thought, which is a mere thought that no longer contains images in the old sense; as mentioned, he regards these as mythology. And while asleep, he lives in nothingness. Through this, he frees himself from the world; through this, he attains the consciousness of freedom. The images of thought cannot compel him, because they are mere images. Just as mirror images cannot compel or cause anything, so too the mental images of things cannot compel man to do anything. Therefore, when a person grasps his moral impulses in pure thought, he must follow them as a free being. No emotion, no passion, no internal physical process can cause him to follow those moral impulses that he is capable of grasping in pure thought. But he is also capable of following these mere mental images, of following this pure thought, because during sleep he finds himself freed from all natural laws within his own physical body; because during sleep he truly becomes a pure, free soul capable of following the unreal nature of thought; whereas the older person remained dependent on the world even during sleep and therefore could not have followed unreal impulses.

[ 32 ] Fassen wir das zunächst ins Auge, daß der moderne Mensch dieses Zweierlei hat: reine Gedanken haben kann, die rein intellektualistisch konzipiert sind, und einen in der Nichtigkeit zugebrachten Schlaf, wo er drinnen ist, wo er ein Wirkliches ist, aber wo seine Umgebung ihm ein Nichtiges zeigt. Denn nun kommt das Wesentliche. Sehen Sie, es ist nun auch einmal in der Natur des modernen Menschen begründet, daß er durch alles das, was er da durchgemacht hat, innerlich willensschwach geworden ist. Das will der moderne Mensch gar nicht wahr haben, aber es ist so: Der moderne Mensch ist innerlich willensschwach geworden. Wenn man nur wollte, würde man das auch geschichtlich begreifen können. Man soll nur einmal hinschauen auf mächtige geistige Bewegungen, die sich früher ausgebreitet haben, mit welchen Willensimpulsen zuweilen, sagen wir, Religionsstifter durch die Welt gewirkt haben. Diese innerliche Willensimpulsivität ist der modernen Menschheit verlorengegangen. Und deshalb läßt sich der moderne Mensch zu seinen Gedanken von der Außenwelt erziehen. Er betrachtet die Natur, bildet an den Naturvorgängen und Naturwesen seine bloßen intellektualistischen Gedanken aus, wie wenn sein Inneres wirklich nur ein Spiegel wäre, der alles spiegelt. Ja, der Mensch ist schon so schwach geworden, daß er eine heillose Angst bekommt, wenn irgendeiner Gedanken aus sich produziert, wenn er Gedanken nicht bloß abliest an demjenigen, was die äußere Natur darbietet. So daß sich zunächst das reine Denken in ganz passiver Weise in dem modernen Menschen entwickelt hat.

[ 32 ] Let us first consider that modern man possesses this duality: he can have pure thoughts that are conceived in a purely intellectual manner, and a sleep spent in nothingness, where he is present, where he is a reality, but where his surroundings present him with nothingness. For now comes the essential point. You see, it is also rooted in the nature of modern man that, through everything he has gone through, he has become inwardly weak-willed. Modern man does not want to admit this at all, but it is true: modern man has become inwardly weak-willed. If one were only willing, one could also understand this historically. One need only look at the powerful spiritual movements that spread in the past, and at the impulses of will with which, let us say, the founders of religions sometimes worked throughout the world. This inner impulsiveness of will has been lost to modern humanity. And that is why modern people allow their thoughts to be shaped by the external world. They observe nature and form their purely intellectual thoughts based on natural processes and beings, as if their inner being were truly nothing more than a mirror that reflects everything. Indeed, human beings have become so weak that they are seized by a hopeless fear whenever someone generates a thought from within themselves, rather than merely deriving thoughts from what external nature presents. Thus, pure thinking has initially developed in a wholly passive manner in modern human beings.

[ 33 ] Ich sage das nicht als Tadel; denn wäre die Menschheit gleich übergegangen zu einem aktiven Produzieren des reinen Denkens, dann hätte sie von der alten Erbschaft allerlei unreinliche Phantastereien in dieses Denken hineingebracht. Es war schon ein gutes Erziehungsmittel für die moderne Menschheit, daß sich die Leute von den grandiosen Philistern, wie etwa dem Bacon von Verulam, dazu verleiten ließen, verführen ließen, ihre Begriffe und Ideen nur an der Außenwelt zu entwickeln, nur sich alles diktieren zu lassen von der Außenwelt. Und so sind die Menschen nach und nach gewöhnt worden, nicht in ihren Begriffen und Ideen, in ihrem Denken selbst zu leben, sondern sich das Denken von der Außenwelt geben zu lassen. Einige bekommen das direkt, die die Natur beobachten, oder die die geschichtlichen Dokumente betrachten. Sie verschaffen sich direkt Gedanken über die Natur, über die Geschichte. Die leben dann in ihnen. Andere bekommen es nur durch die Schule. Die Menschen werden ja heute schon vom frühesten Kindesalter an durch die Schule mit solchen Begriffen traktiert, die auf passive Weise an der Außenwelt gewonnen sind.

[ 33 ] I do not say this as a criticism; for if humanity had immediately proceeded to actively produce pure thought, it would have introduced all manner of impure fantasies from its ancient heritage into that thought. It was, in fact, a beneficial educational tool for modern humanity that people allowed themselves to be led astray—and indeed seduced—by grandiose philistines, such as Bacon of Verulam, into developing their concepts and ideas solely in relation to the external world, allowing everything to be dictated to them by the external world. And so people have gradually become accustomed not to live within their own concepts and ideas—within their very thinking—but to have their thinking dictated to them by the external world. Some receive this directly—those who observe nature or study historical documents. They form their own thoughts directly about nature and history. These thoughts then live within them. Others receive it only through school. After all, people today are bombarded from the earliest childhood onward by the school system with concepts that have been passively derived from the external world.

[ 34 ] In dieser Beziehung ist der moderne Mensch eigentlich eine Art Sack, nur daß er die Öffnung auf der Seite hat. Da nimmt er alles auf aus der äußeren Natur und spiegelt es in seinem Inneren. Das sind dann seine Ideen. Eigentlich ist seine Seele nur ausgefüllt mit Naturbegriffen. Er ist ein Sack. Wenn der moderne Mensch prüfen würde, wo er seine Begriffe her hat, so würde er schon darauf kommen. Manche haben es auf direkte Weise, jene, die einmal wirklich die Natur beobachten auf dem oder jenem Gebiete, die meisten haben es aber überhaupt in der Schule aufgenommen, ihre Begriffe sind ihnen eingepflanzt worden.

[ 34 ] In this respect, modern man is actually a kind of sack, except that his opening is on the side. Through it, he takes in everything from the external world and reflects it within himself. These then become his ideas. In fact, his soul is filled only with concepts of nature. He is a sack. If modern man were to examine where he gets his concepts from, he would realize this. Some acquire them directly—those who have actually observed nature in one field or another—but most have absorbed them entirely in school; their concepts have been implanted in them.

[ 35 ] Durch Jahrhunderte, seit dem 15. Jahrhundert, ist der Mensch in dieser Passivität der Begriffe erzogen. Und heute betrachtet er schon das wie eine Art von Sünde, wenn er innerlich tätig ist, sich seine Gedanken selber macht. Ja, die Naturgedanken kann man nicht selber machen. Man würde die Natur nur verunreinigen durch allerlei Phantastereien, wenn man die Naturgedanken selber machte. Aber man hat in sich den Quell des Denkens. Man kann eigene Gedanken machen, ja man kann die Gedanken, die man schon hat, weil sie ja eigentlich eben bloße Gedanken sind, mit innerlicher Wirklichkeit durchdringen. Wann geschieht das? Das geschieht dann, wenn der Mensch so viel Willen aufbringt, daß er wiederum seinen Nachtmenschen in das Tagleben hineinschiebt, daß er nicht bloß passiv denkt, sondern seinen während des Schlafes unabhängig gewordenen Menschen in seine Gedanken hineinschiebt. Das kann man nur mit den reinen Gedanken.

[ 35 ] For centuries, ever since the 15th century, people have been raised in this passivity of concepts. And today, they already regard it as a kind of sin when they are inwardly active, forming their own thoughts. Yes, one cannot create thoughts about nature on one’s own. One would only taint nature with all sorts of fanciful imaginings if one were to create such thoughts oneself. But one has within oneself the source of thought. One can form one’s own thoughts; indeed, one can imbue the thoughts one already has—since they are, after all, merely thoughts—with inner reality. When does this happen? It happens when a person mustered enough willpower to push their “night self” back into their waking life—so that they do not merely think passively, but instead incorporate into their thoughts the aspect of themselves that has become independent during sleep. This can only be done with pure thoughts.

[ 36 ] Eigentlich ist das der Grundgedanke meiner «Philosophie der Freiheit» gewesen, daß ich aufmerksam darauf gemacht habe: In das Denken, das sich der moderne Mensch erworben hat, kann er sein IchWesen wirklich hineinschieben. Jenes Ich-Wesen, das er — ich konnte es dazumal noch nicht aussprechen, aber es ist so — während des Schlafzustandes in der modernen Zeit freikriegt, das kann er hineinschieben in das reine Denken. Und so wird der Mensch seines Ich-Wesens sich wirklich bewußt im reinen Denken, wenn er so die Gedanken faßt, daß er aktiv, tätig in ihnen lebt.

[ 36 ] In fact, this was the central idea of my *Philosophy of Freedom*—that I drew attention to the fact that modern human beings can truly insert their “I-being” into the thinking they have acquired. That “I-essence”—which, though I could not yet put it into words at the time, is nevertheless true—that which modern human beings liberate during sleep can be integrated into pure thinking. And thus human beings become truly conscious of their “I-essence” in pure thinking when they grasp thoughts in such a way that they actively, dynamically live within them.

[ 37 ] Nun ist damit etwas anderes verknüpft. Nehmen wir an, es wird nach dem Muster der modernen Naturwissenschaft Anthroposophie vorgetragen. Die Menschen nehmen Anthroposophie auf, nehmen sie zunächst so auf, wie der moderne Mensch es gewöhnt ist, nach Art des passiven Denkens. Man kann sie ja verstehen, wenn der Menschenverstand nur gesund ist, man braucht nicht einen bloßen Glauben anzuwenden. Wenn der Menschenverstand bloß gesund ist, kann man die Gedanken verstehen. Aber man lebt dennoch passiv in ihnen, wie man in den äußeren Naturgedanken passiv lebt. Dann kommt man und sagt: Ja, ich habe diese Gedanken von anthroposophischer Forschung her, ich kann aber selbst nicht für sie eintreten, denn ich habe sie bloß aufgenommen —, wie es manchem heute zu sagen beliebt: Ich habe sie aufgenommen von geisteswissenschaftlicher Seite. — Wir hören das ja so oftmals betonen: die Naturwissenschaft sagt das, und wir hören dann das oder jenes von geisteswissenschaftlicher Seite. Was bezeugt das, wenn jemand sagt, ich höre das von geisteswissenschaftlicher Seite her? Das heißt, er weist darauf hin, daß er im passiven Denken verharrt, daß er auch die Geisteswissenschaft nur im passiven Denken aufnehmen will. Denn in dem Momente, wer sich entschließt, die Gedanken, die ihm die anthroposophische Forschung überliefert, selbst in sich zu erzeugen, wird er auch imstande, mit seiner ganzen Persönlichkeit für ihre Wahrheit einzutreten, denn er erlebt dadurch die erste Stufe ihrer Wahrheit.

[ 37 ] Now, there is something else connected with this. Let us suppose that anthroposophy is presented according to the model of modern natural science. People take in anthroposophy; at first, they take it in the way modern people are accustomed to, through passive thinking. One can understand it, provided one’s common sense is sound; one does not need to rely on mere faith. If one’s common sense is sound, one can understand the ideas. But one nevertheless lives passively within them, just as one lives passively within the external ideas of natural science. Then one comes and says: “Yes, I have these ideas from anthroposophical research, but I cannot stand up for them myself, because I have merely taken them in”—as some people like to say today: “I have taken them in from the spiritual-scientific side.” — We hear this emphasized so often: “Natural science says this,” and then we hear this or that from the field of spiritual science. What does it indicate when someone says, “I hear this from the field of spiritual science”? It means they are pointing out that they remain in passive thinking, that they wish to absorb spiritual science only through passive thinking. For the moment someone resolves to generate within themselves the thoughts that anthroposophical research conveys to them, they also become capable of standing up for their truth with their whole personality, for through this they experience the first stage of their truth.

[ 38 ] Mit anderen Worten: der Mensch ist im allgemeinen heute noch nicht dazu gekommen, die Realität, die er als unabhängige Realität im Schlafe erlebt, während des Wachlebens durch Willensstärke hineinzugießen in die Gedanken des Wachlebens. Wenn man Anthroposoph werden will in der Art, daß man die anthroposophischen Gedanken aufnimmt und dann nicht einfach passiv sich ihnen hingibt, sondern durch einen starken Willen dasjenige, was man während jeder Nacht im traumlosen Schlafe ist, hineingießt in die Gedanken, in die reinen Gedanken der Anthroposophie, dann hat man die erste Stufe desjenigen erklommen, was man heute berechtigt ist, Hellsehen zu nennen, dann lebt man hellsichtig in den Gedanken der Anthroposophie. Man lese ein Buch mit dem starken Willen, daß man nicht nur sein Tagleben in das anthroposophische Buch hineinträgt, daß man nicht so liest: vorgestern ein Stück, dann hört es auf, gestern, dann hört es auf, heute, dann hört es auf usw. Die Menschen lesen heute nur mit einem ihrer Lebensstücke, nämlich nur mit dem Tagesleben. So kann man ja natürlich Gustav Freytag lesen, so kann man auch Dickens lesen, Emerson kann man so lesen, aber nicht ein anthroposophisches Buch. Wenn man ein anthroposophisches Buch liest, muß man mit seinem ganzen Menschen hinein, und weil man im Schlafe bewußtlos ist, also keine Gedanken hat — aber der Wille dauert fort —, muß man mit dem Willen hinein. Wollen Sie dasjenige, was in den Worten eines wirklichen anthroposophischen Buches liegt, so werden Sie durch dieses Wollen wenigstens gedankenhaft unmittelbar hellsichtig. Und sehen Sie, dieser Wille, der muß noch hinein in diejenigen, die unsere Anthroposophie vertreten! Wenn dieser Wille hineinfährt wie ein Blitz in diejenigen, die unsere Anthroposophie vertreten, dann wird die Anthroposophie vor der Welt in der richtigen Weise vertreten werden können. Nicht irgendwelcher Zauberkünste bedarf es dazu, sondern des energischen Wollens, das nicht nur die Lebensstücke während des Tages hineinträgt in ein Buch. Heute lesen ja die Leute übrigens nicht einmal mehr mit diesem vollständigen Lebensstück Werke, sondern heute bei der Zeitungslektüre genügt es, wenn man ein paar Tagesminuten rege macht, um sich anzueignen, was man da hat. Da braucht man nicht einmal den ganzen wachen Tag. Wenn man aber mit seinem ganzen Menschen untertaucht in ein Buch, das aus der Anthroposophie entstammt, dann wird es in einem lebendig.

[ 38 ] In other words: people today have generally not yet managed to use the strength of their will to infuse the reality they experience as an independent reality during sleep into their waking thoughts. If one wishes to become an anthroposophist in the sense of taking in anthroposophical ideas and then not simply surrendering to them passively, but rather, through a strong will, infusing into the thoughts—into the pure thoughts of anthroposophy—that which one is during every night in dreamless sleep, then one has climbed the first step of what one is justified in calling clairvoyance; then one lives clairvoyantly within the thoughts of anthroposophy. One should read a book with the strong will not merely to carry one’s daily life into the anthroposophical book, not to read in this way: a bit the day before yesterday, then stop; yesterday, then stop; today, then stop, and so on. People today read only with one aspect of their lives, namely their daily life. Of course, one can read Gustav Freytag that way; one can also read Dickens that way; one can read Emerson that way—but not an anthroposophical book. When you read an anthroposophical book, you must enter into it with your whole being, and because you are unconscious during sleep—that is, you have no thoughts—but the will continues, you must enter into it with your will. If you will what lies in the words of a true anthroposophical book, then through this willing you will at least become immediately clairvoyant in thought. And you see, this will must also penetrate those who represent our anthroposophy! When this will strikes like a bolt of lightning into those who represent our anthroposophy, then anthroposophy will be able to be represented to the world in the right way. This does not require any kind of magic, but rather an energetic will that carries more than just the fragments of daily life into a book. Today, incidentally, people no longer even read works with this kind of full immersion in life; rather, when reading the newspaper, it is enough to devote a few minutes each day to actively taking in what is there. You don’t even need the entire waking day for that. But when you immerse your whole being in a book that stems from anthroposophy, it comes alive within you.

[ 39 ] Das ist aber dasjenige, was beachtet werden sollte, namentlich von jenen, die führende Persönlichkeiten sein sollen innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft. Denn dieser Anthroposophischen Gesellschaft schadet es ungeheuer, wenn gesagt wird: Ja, die Anthroposophie wird verkündet von Menschen, die nicht für sie eintreten können. — Wir müssen eben dazu kommen, zu dem bloßen passiven intellektualistischen Erleben der anthroposophischen Wahrheiten das Aufgehen mit unserem ganzen Menschen in diesen anthroposophischen Wahrheiten zu finden. Dann wird dasjenige, was anthroposophische Verkündigung ist, nicht in der lendenlahmen Weise auftreten, daß man immer nur sagt: Von geisteswissenschaftlicher Seite wird uns versichert —, sondern dann wird man die anthroposophische Wahrheit als sein eigenes Erleben verkündigen können, wenigstens zunächst für das, was dem Menschen am allernächsten liegt, zum Beispiel für das medizinische Gebiet, für das physiologische Gebiet, für das biologische Gebiet, für das Gebiet der äußeren Wissenschaften oder des äußeren sozialen Lebens. Wenn auch nicht die Gebiete der höheren Hierarchien auf dieser ersten Stufe des Hellsehens zugänglich werden, aber das, was als Geist in unserer unmittelbaren Umgebung ist, das kann auf diese Weise auch wirklich Gegenstand der menschlichen Seelenverfassung der Gegenwart sein. Und vom Willen hängt es ab im umfassendsten Sinne, ob in unserer Anthroposophischen Gesellschaft Menschen auftreten, die Zeugnis dafür ablegen können, ein gültiges Zeugnis, weil es unmittelbar empfunden wird, als lebendiger Quell der Wahrheit empfunden wird, ein gültiges lebendiges Zeugnis für die innere Wahrheit des Anthroposophischen.

[ 39 ] But this is precisely what should be taken into account, especially by those who are to be leaders within the Anthroposophical Society. For it does the Anthroposophical Society immense harm when it is said: “Yes, anthroposophy is proclaimed by people who cannot stand up for it.” — We must move beyond the mere passive, intellectualistic experience of anthroposophical truths to finding a complete immersion of our whole being in these truths. Then the proclamation of anthroposophy will not take on that half-hearted form where one merely says: “We are assured from the perspective of spiritual science—” but rather, one will be able to proclaim the anthroposophical truth as one’s own experience, at least initially in the areas closest to human life—for example, in the field of medicine, physiology, biology, the external sciences, or external social life. Even if the realms of the higher hierarchies do not become accessible at this first stage of clairvoyance, what exists as spirit in our immediate surroundings can, in this way, truly become a subject of the human soul’s present condition. And it depends on the will, in the broadest sense, whether people will emerge within our Anthroposophical Society who can bear witness to this—a valid witness, because it is felt directly, experienced as a living source of truth—a valid, living witness to the inner truth of Anthroposophy.

[ 40 ] Das hängt auch zusammen mit dem, was der Anthroposophischen Gesellschaft notwendig ist: daß in ihr Persönlichkeiten auftreten müssen, die, wenn ich mich des paradoxen Ausdrucks bedienen will, den guten Willen zum Willen haben. Heute nennt man Willen jeden beliebigen Wunsch; aber ein Wunsch ist kein Wille. Manche möchten, daß etwas so und so gelinge. Das ist kein Wille. Der Wille ist tätige Kraft. Die fehlt heute im weitesten Umfange. Die fehlt dem Menschen der Gegenwart. Die darf aber nicht fehlen innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft. Da muß ruhiger Enthusiasmus in starkem Willen verankert sein können. Das gehört auch zu den Lebensbedingungen der Anthroposophischen Gesellschaft.

[ 40 ] This is also connected to what the Anthroposophical Society needs: that personalities must emerge within it who, to use a paradoxical expression, have the good will to will. Today, people call any arbitrary desire “will”; but a desire is not will. Some people would like something to turn out a certain way. That is not will. Will is an active force. That is lacking today to a very great extent. It is lacking in people today. But it must not be lacking within the Anthroposophical Society. There, calm enthusiasm must be able to be anchored in strong will. This, too, is one of the conditions for the life of the Anthroposophical Society.