Earthly Knowledge and Heavenly Insight
GA 221
4 February 1923, Dornach
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Earthly Knowledge and Heavenly Insight, tr. SOL
3. Der Nachtmensch und der Tagesmensch. In Das Reine Denken Kann Das Ich-Wesen Hineingeschoben Werden
3. The Night Person and the Day Person. In ‘Pure Thought: Can the “I” Be Inserted Into It?’
[ 1 ] Es ist für den heutigen Menschen, wie wir gestern aus den Betrachtungen vielleicht ersehen haben, von Bedeutung, sich im Entwickelungsgange der Menschheit zu orientieren, um sich mit dem Bewußtsein zu durchdringen, welches die gegenwärtige Seelenverfassung sein muß, damit der Mensch im rechten Sinne des Wortes Mensch sein könne.
[ 1 ] As we may have seen from yesterday’s reflections, it is important for people today to orient themselves within the course of human development in order to imbue themselves with the awareness of what the current state of the soul must be so that a person can be human in the true sense of the word.
[ 2 ] Ich habe ja vorgestern einen Vergleich gebraucht, um auf diese Wichtigkeit des Zeitbewußtseins hinzuweisen. Ich habe gesagt, das Insekt hat die Aufgabe, zusammenfallend mit dem Jahreslauf, immer bestimmte Gestaltungen in sich selbst durchzumachen. Das Insekt macht in seiner eigenen Gestaltung den Jahreslauf mit. Es hat ganz gewisse körperliche Verrichtungen im Frühling, im Sommer, im Herbst und im Winter, und es vollendet den Kreislauf seines Lebens im Zusammenhang mit diesem Jahreslauf. So, sagte ich, müsse der Mensch die Möglichkeit finden, sich nun nicht in einem kurzen Zeitverlaufe, sondern in den ganzen Erdenverlauf, in den geschichtlichen Erdenverlauf bewußt heute hineinzustellen. Wissen soll er, wie in alten Zeiten seine Seelenerlebnisse gestaltet sein mußten, wie in mittleren Zeiten und wie sie sich heute gestalten müssen.
[ 2 ] The day before yesterday, I used an analogy to highlight the importance of an awareness of time. I said that the insect has the task of undergoing certain transformations within itself in step with the cycle of the year. The insect follows the cycle of the year in its own development. It performs very specific physical activities in spring, summer, fall, and winter, and it completes the cycle of its life in connection with this annual cycle. Thus, I said, human beings must find a way to consciously place themselves today—not within a brief span of time, but within the entire course of the Earth, within the historical course of the Earth. They should know how their soul experiences must have been shaped in ancient times, how in the Middle Ages, and how they must be shaped today.
[ 3 ] Wenn wir nun in alte Zeiten der Menschheitsentwickelung zurückblicken und sehen, wie aus den Mysterien heraus die Menschheit ihre Kraft bekam, die Kraft zum Erkennen, die Kraft zum Leben, so finden wir, daß bei denen, die in die Mysterien eingeweiht werden sollten, gewissermaßen das Ziel ihrer Einweihung immer in einer ganz bestimmten Weise bezeichnet wird. Die Einzuweihenden müssen sich klarmachen, daß sie Übungen durchzumachen haben, die zuletzt dahin führen, das Todeserlebnis zu haben; der Mensch müsse innerhalb des Erdenseins erkennend durch den Tod durchgehen, damit er aus diesem Erkenntniserlebnis des Todes die andere Erkenntnis von seinem eigenen unsterblichen ewigen Wesen gewinne. Das war, möchte ich sagen, das Geheimnis der alten Mysterien: aus dem Erkenntniserleben des Todes heraus die Wesensüberzeugung von der menschlichen unsterblichen Wesenheit zu bekommen.
[ 3 ] When we look back to the early stages of human development and see how humanity drew its strength—the strength to know, the strength to live—from the mysteries, we find that for those who were to be initiated into the mysteries, the goal of their initiation was, so to speak, always defined in a very specific way. Those to be initiated must realize that they have to undergo exercises that ultimately lead to the experience of death; the human being must pass through death with full awareness during earthly life so that, from this experience of death, he may gain the deeper insight into his own immortal, eternal being. That, I would say, was the secret of the ancient mysteries: to gain, through the experiential knowledge of death, a deep conviction of the human immortal being.
[ 4 ] Nun haben wir in diesen Tagen gesehen, woher das rührt. Es rührt daher, daß der Mensch in jenen älteren Zeiten eigentlich zu seiner menschlichen Selbsterkenntnis nicht anders hat kommen können, als indem er sich vergegenwärtigte, was unmittelbar nach dem Tode mit ihm geschah. Der Mensch jener alten Zeiten wurde das denkende freie Wesen, als das er sich heute schon im Erdendasein weiß, erst nach dem Tode. Nach dem Tode erst konnte in alten Zeiten der Menschheitsentwickelung der Mensch sagen: Ich bin wirklich ein auf mich selbst gestelltes Wesen, eine auf mich selbst gestellte Individualität. — Schaue über den Tod hinaus — so etwa konnten die alten Weisen zu ihren Schülern sagen — und du wirst wissen, was ein Mensch ist.
[ 4 ] Now, in recent days, we have seen where this stems from. It stems from the fact that, in those earlier times, human beings could not have attained self-knowledge as human beings in any other way than by bringing to mind what happened to them immediately after death. People in those ancient times only became the free, thinking beings—as they already know themselves to be today while still living on Earth—after death. Only after death, in the early stages of human development, could a person say: “I am truly a being standing on my own, an individuality standing on my own.” — “Look beyond death,” the ancient sages might have said to their disciples, “and you will know what a human being is.”
[ 5 ] Deshalb sollte der Mensch in den Mysterien im Bilde das Sterben durchmachen, damit er aus dem Sterben die Überzeugung des ewigen Lebens und Wesens bekomme. Es war also im wesentlichen das Mysteriensuchen ein Suchen des Todes, um das Leben zu finden.
[ 5 ] That is why, in the mysteries, a person was to undergo death symbolically, so that through this experience of dying, they might gain the conviction of eternal life and being. Thus, in essence, the quest for the mysteries was a quest for death in order to find life.
[ 6 ] Nun ist es heute bei dem Menschen anders geworden, und darin besteht gerade der allerwichtigste Impuls in der Menschheitsentwickelung. Was der Mensch in alten Zeiten nach dem Tode durchgemacht hat, daß er ein denkendes Wesen für sich geworden ist, daß er ein freies Wesen für sich geworden ist, das muß der Mensch heute in der Zeit finden, die zwischen der Geburt und dem Tode liegt. Aber wie findet er es da? Er findet zunächst seine Gedanken, wenn er Selbsterkenntnis übt. Aber nun haben wir die ganze Zeit her, in der wir uns von einem gewissen Gesichtspunkte aus mit dem Wesen des Menschen beschäftigt haben, gefunden: diese Gedanken, namentlich die Gedanken, die der Mensch seit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts, seit der Zeit des Nikolaus Cusanus entwickelt, sind eigentlich als Gedanken tot, sie sind Leichname. Dasjenige, was lebte, lebte im vorirdischen Dasein. Bevor der Mensch als seelisch-geistiges Wesen heruntergestiegen ist auf die Erde, war er in einem geistigen Leben. Dieses geistige Leben ist mit dem Erdenantritt gestorben, und das Gestorbene erlebt er in sich als sein Denken. Das erste, was der Mensch erkennen muß, ist, daß er zwar in der neueren Zeit zu einer wirklichen Selbsterkenntnis kommen kann, zu einer Erkenntnis seiner selbst als eines geistig-seelischen Wesens, daß aber das, was sich dieser Selbsterkenntnis ergibt, ein Totes, ein geistig Leichnamhaftes ist und daß eben in dieses Tote, in dieses geistig Leichnamhafte hineinfließen muß dasjenige, was aus dem Willen kommt, aus jenem Willen, von dem ich gestern gesagt habe, daß er vom Einschlafen bis zum Aufwachen eigentlich im Nichts drinnen, verankert im astralischen Leibe und in dem Ich ist. Das Ich muß hineinschießen in die toten Gedanken und muß sie beleben.
[ 6 ] Today, however, things have changed for human beings, and this is precisely the most important impulse in human development. What human beings experienced after death in ancient times—that they became thinking beings in their own right, that they became free beings in their own right—human beings today must find within the period of time that lies between birth and death. But how do they find it there? They first find their thoughts when they practice self-knowledge. But now, throughout the entire time we have been studying the nature of the human being from a certain point of view, we have found that these thoughts—namely, the thoughts that human beings have been developing since the first third of the 15th century, since the time of Nicholas of Cusa—are actually dead as thoughts; they are corpses. That which was alive lived in pre-earthly existence. Before human beings descended to Earth as soul-spiritual beings, they lived a spiritual life. This spiritual life died with their arrival on Earth, and they experience what has died within themselves as their thinking. The first thing a human being must recognize is that, although in modern times he can attain true self-knowledge—an awareness of himself as a spiritual-soul being—what emerges from this self-knowledge is something dead, something spiritually corpse-like; and that it is precisely into this dead, spiritually corpse-like substance that what comes from the will must flow—from that will of which I spoke yesterday, which, from the moment of falling asleep until waking, is actually within nothingness, anchored in the astral body and in the “I.” The “I” must shoot into these dead thoughts and must enliven them.
[ 7 ] Daher war im Grunde genommen in alten Zeiten alle Sorgfalt während der Einweihung darauf gerichtet, im Menschen etwas abzudämpfen. Eigentlich war die alte Einweihung eine Art Beruhigung der inneren menschlichen Fähigkeiten und Kräfte. Wer den Gang der alten Einweihung verfolgt, wird finden, daß der Mensch im wesentlichen dabei eine Einweihungserziehung durchmachte, die ihn dahin führte, die innere, wenn ich so sagen darf, Aufgeregtheit zu beschwichtigen, herabzudämpfen die sonst im gewöhnlichen Leben vorhandene, innere Emotionalität, damit das, was der Mensch im gewöhnlichen Leben hatte, das Angefülltsein seines ganzen Wesens mit noch göttlich-geistigen Kräften, die den Kosmos durchweben und durchleben, herabgedämpft würde und er bewußt in eine Art von Schlaf versinke, auf daß er in diesem zu einer Art von Schlaf herabgedämpften Bewußtsein dann erwecken könne, was er sonst nur nach dem Tode erlebt: das ruhige Denken, das Sich-Fühlen als Individualität. Es war also das alte Einweihungssystem eine Art Beruhigungssystem.
[ 7 ] Therefore, in ancient times, all the care taken during initiation was essentially directed toward tempering certain aspects of the human being. In fact, the ancient initiation was a kind of calming of the inner human abilities and powers. Anyone who traces the course of the ancient initiation will find that, in essence, the individual underwent an initiatory training that led him to soothe his inner—if I may say so—agitation, to subdue the inner emotionality otherwise present in ordinary life, so that what the individual possessed in ordinary life, the filling of their entire being with divine-spiritual forces that interweave and permeate the cosmos, would be subdued, and they would consciously sink into a kind of sleep, so that in this consciousness—subdued to a kind of sleep—they might then awaken to what they otherwise experience only after death: calm thinking, the feeling of themselves as individuality. The ancient initiation system was thus a kind of calming system.
[ 8 ] Für die Gegenwart ist dem Menschen vielfach diese Sehnsucht nach der Beruhigung geblieben, und er fühlt sich dann wohl, wenn ihm alte Einweihungsprinzipien aufgewärmt werden und er wiederum zu ihnen hingeführt wird. Aber es entspricht das nicht mehr der Wesenheit des modernen Menschen. Der moderne Mensch kann nur dadurch an die Einweihung herankommen, daß er sich mit aller Tiefe und mit aller Intensität sagt: Wenn ich in mich selbst hineinschaue, finde ich mein Denken. Aber dieses Denken ist tot. Ich brauche den Tod nicht mehr zu suchen. Ich trage ihn in meinem geistig-seelischen Wesen in mir. — Während also hingeführt werden mußte der alte Einzuweihende bis zu der Stufe, wo er den Tod erlebte, müßte sich der moderne Einzuweihende immer mehr und mehr klarmachen: Ich habe ja in meinem seelisch-geistigen Leben den Tod. Ich trage ihn ja in mir. Ich brauche ihn nicht zu suchen. Ich muß im Gegenteil aus einem innerlich willensmäßig-schöpferischen Prinzip heraus die toten Gedanken beleben. — Und auf dieses Beleben der toten Gedanken zielt alles hin, was ich dargestellt habe in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? », auf dieses Einschlagen des Willens in das innere Seelenleben, damit der Mensch aufwache. Denn während das alte Einweihen eine Art Einschläfern sein mußte, muß das neue Einweihen eine Art Aufwecken sein. Es muß dasjenige, was der Mensch unbewußt während des Schlafes durchlebt, hereingetragen werden gerade ins intimste Seelenleben. Es muß der Mensch durch Aktivität dazu gelangen, sich innerlich aufzuwecken.
[ 8 ] Even today, people often retain this longing for reassurance, and they feel at ease when old principles of initiation are revived and they are led back to them. But this no longer corresponds to the nature of modern human beings. Modern human beings can approach initiation only by saying to themselves with all depth and intensity: When I look within myself, I find my thinking. But this thinking is dead. I no longer need to seek death. I carry it within my spiritual-soul being. — Whereas the initiate of old had to be led up to the stage where he experienced death, the modern initiate must make it increasingly clear to himself: I do indeed have death in my spiritual-soul life. I do indeed carry it within me. I do not need to seek it. On the contrary, I must, out of an inner, volitional-creative principle, breathe life into the dead thoughts. — And everything I have described in *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* is directed toward this breathing of life into the dead thoughts, toward this infusion of the will into the inner life of the soul, so that the human being may awaken. For while the old initiation had to be a kind of lulling to sleep, the new initiation must be a kind of awakening. What a person unconsciously experiences during sleep must be brought into the very innermost life of the soul. Through active effort, a person must come to awaken themselves inwardly.
[ 9 ] Dazu ist notwendig, daß man den Begriff des Schlafens in all seiner Relativität erfasse. Man muß sich klar sein darüber, was die anthroposophische Erkenntnis mit Bezug auf diese Idee vom Schlaf eigentlich gegenwärtig ist. Stellen wir nebeneinander zwei Menschen, von denen der eine von all den Dingen nichts weiß, die in der anthroposophischen Erkenntnis dargeboten werden, und stellen wir daneben einen Menschen, der wirklich mit innerem Anteil, mit innerem Interesse, nicht bloß mit passivem Zuhören oder in passivem Lesen, sondern mit innerem Interesse das Anthroposophische aufgenommen hat: dann ist derjenige, der das Anthroposophische nicht aufgenommen hat, wie ein Schläfer gegenüber dem, der das Anthroposophische aufgenommen hat und im Anthroposophischen so erweckt ist, wie der Mensch des Morgens erweckt wird, wenn er aus der Bewußtlosigkeit in seinen physischen Leib eintaucht. Und wir bekommen die richtige Stellung innerhalb der Anthroposophie, wir bekommen die richtige Orientierung für die anthroposophische Bewegung nur dann, wenn wir sie so betrachten, daß sie uns etwas gibt wie das Aufwachen am Morgen, wenn wir das Herankommen an die Anthroposophie im rechten Sinne vergleichen mit dem, was wir fühlen, wenn wir aus der Bewußtlosigkeit des Schlafes übergehen in das Wahrnehmen einer äußeren Welt. Wenn wir das auch im Gefühl haben können: So wie das Untertauchen in den physischen Leib beim Aufwachen uns eine Welt gibt, nicht nur eine Erkenntnis, sondern eine Welt gibt, so gibt uns das Untertauchen in anthroposophische Erkenntnis eine Welt, eine Erkenntnis, die nun nicht bloß Erkenntnis ist, sondern die eine Welt ist, eine Welt, in die hinein wir aufwachen. Solange wir das Anthroposophische nur anschauen als ein anderes Weltbild, solange haben wir nicht die richtige Empfindung gegenüber der Anthroposophie. Wir haben nur die richtige Empfindung gegenüber der Anthroposophie, wenn der Mensch, der Anthroposoph wird, fühlt, daß er in der Anthroposophie erwacht. Und er erwacht, wenn er sich sagt: Die Begriffe und Ideen, die mir die Welt vorher gegeben hat, sind Begriffsund Ideenleichname, sind tot. Die Anthroposophie weckt mir diesen Leichnam auf.
[ 9 ] To do this, it is necessary to grasp the concept of sleep in all its relativity. One must be clear about what anthroposophical insight actually entails with regard to this idea of sleep. Let us place side by side two people: one who knows nothing of the things presented in anthroposophical insight, and next to him a person who has truly taken in anthroposophy with inner engagement and interest—not merely through passive listening or reading, but with genuine inner interest: then the one who has not taken in anthroposophy is like a sleeper compared to the one who has taken in anthroposophy and has been awakened within it, just as a person is awakened in the morning when they emerge from unconsciousness into their physical body. And we attain the proper position within anthroposophy, we attain the proper orientation for the anthroposophical movement, only when we regard it in such a way that it gives us something like waking up in the morning; when we compare approaching anthroposophy in the true sense to what we feel when we pass from the unconsciousness of sleep into the perception of an external world. If we can also feel this: Just as the immersion into the physical body upon waking gives us a world—not merely a form of knowledge, but a world—so too does the immersion into anthroposophical knowledge give us a world, a form of knowledge that is not merely knowledge, but is a world in and of itself, a world into which we awaken. As long as we view anthroposophy merely as another worldview, we do not have the right attitude toward anthroposophy. We have the right attitude toward anthroposophy only when the person who becomes an anthroposophist feels that he is awakening within anthroposophy. And he awakens when he says to himself: The concepts and ideas that the world previously gave me are corpses of concepts and ideas; they are dead. Anthroposophy awakens this corpse within me.
[ 10 ] Wenn Sie das im richtigen Sinne verstehen, dann werden Sie hinauskommen über all das, was oftmals gesagt wird gegen die Anthroposophie und das Verstehen der Anthroposophie. Man sagt: Ja, der Mensch, der nicht Anthroposoph ist, lernt heute etwas in der Welt. Das wird ihm bewiesen. Das kann er also verstehen, weil es ihm bewiesen wird. In der Anthroposophie werden bloß Behauptungen hingestellt, die unbewiesen bleiben — so sagt ja die Welt sehr häufig. Aber die Welt weiß nicht, wie es sich mit dem, was sie da für bewiesen hält, in Wirklichkeit verhält. Die Welt müßte eben darauf kommen, daß all die Naturgesetze, all die Gedanken, die sich der Mensch bildet aus der Welt heraus, daß die, wenn er sie richtig erlebt, etwas T'otes sind. Was ihm also bewiesen wird, ist etwas Totes. Er kann es nicht verstehen. Erst wenn man anfängt, dasjenige, was heute die gewöhnliche Weltanschauung ist, als etwas Totes zu empfinden, dann sagt man sich: Ich verstehe ja gerade das nicht, was mir bewiesen wird, so wie ich einen Leichnam nicht verstehe, weil er das Übriggebliebene ist von einem Lebendigen. Ich verstehe einen Leichnam nur, wenn ich weiß, inwiefern er vom Leben durchwellt war.
[ 10 ] If you understand this in the right sense, then you will rise above all that is often said against anthroposophy and the understanding of anthroposophy. People say: Yes, a person who is not an anthroposophist learns something in the world today. This is proven to them. So they can understand it because it is proven to them. In anthroposophy, however, mere assertions are put forward that remain unproven—that is what the world very often says. But the world does not know what the reality is regarding what it considers to be proven. The world would simply have to come to the realization that all the laws of nature, all the thoughts that people form from the world—that these, when experienced correctly, are something dead. So what is “proven” to them is something dead. They cannot understand it. Only when one begins to perceive what is today the ordinary worldview as something dead does one say to oneself: “I do not understand precisely what is being proven to me, just as I do not understand a corpse, because it is the remnant of a living being. I understand a corpse only when I know to what extent it was permeated by life.”
[ 11 ] Und so muß man sich sagen: Dasjenige, was heute als bewiesen gilt, das kann eben in Wirklichkeit bei einer tieferen Erfassung nicht verstanden werden. Und eigentlich schlägt erst das Verständnis in das, was sonst heute von der Zivilisation geboten wird, ein, wenn man den Funken der Anthroposophie hineinschlagen läßt. — Derjenige hat recht, der, sagen wir, einem bloßen Naturgelehrten von heute, der zu ihm kommt und sagt: Ich kann meine Sache beweisen, du kannst sie nicht beweisen — ihm dann erwidert: Gewiß, du kannst alles in deiner Art beweisen, aber gerade das, was du mir bewiesen hast, wird für mich erst verständlich, wenn ich den Funken der Anthroposophie hineinschlagen lasse. — Das müßte die Auskunft eben sein, die aus einem voll von lebendigem Geistesleben durchdrungenen Herzen heraus der Anthroposoph dem Nichtanthroposophen erwidern kann. Der Anthroposoph müßte sagen: Du schläferst dich ja ein mit deinem Naturwissen; du schläferst dich so weit ein, daß du sagst: Ich habe Grenzen des Naturwissens, ich kann ja gar nicht aufwachen, ich kann nur konstatieren, daß ich mit meinem Naturwissen überhaupt nicht ans Geistige herankomme. Du hast ja noch eine Theorie für deinen Schlaf, für die Berechtigung deines Schlafes. Ich will aber gerade diese Theorie von der Berechtigung deines Schlafes dadurch widerlegen, daß ich das, was da Schlaf ist, zum Aufwachen bringe.
[ 11 ] And so one must tell oneself: What is considered proven today cannot, in reality, be understood through a deeper grasp of the subject. And in fact, understanding only truly takes hold of what civilization otherwise offers today when one allows the spark of anthroposophy to penetrate it. — The one who is right is the one who, let’s say, to a mere natural scientist of today who comes to him and says, “I can prove my case; you cannot prove it”—replies: “Certainly, you can prove everything in your own way, but precisely what you have proven to me only becomes understandable to me when I allow the spark of anthroposophy to penetrate it.” — That is precisely the response the anthroposophist, speaking from a heart fully imbued with a living spiritual life, can give to the non-anthroposophist. The anthroposophist should say: “You are lulling yourself to sleep with your knowledge of nature; you are lulling yourself to sleep to such an extent that you say: ‘I have the limits of natural science; I cannot wake up at all; I can only state that with my knowledge of nature I cannot approach the spiritual at all.’ You even have a theory to justify your slumber. But I want to refute precisely this theory justifying your slumber by bringing what is there—that slumber—to awakening.
[ 12 ] Auf so etwas habe ich aufmerksam gemacht in dem ersten Kapitel meines Buches «Von Seelenrätseln ». Ich habe dort das ausgesprochen, was aber in Vorträgen immer wiederholt worden ist, daß der Mensch, der bei der gegenwärtigen Zivilisation bleibt, eben sagt, man kommt an allerlei Grenzen des Erkennens, über die man nicht hinaus kann. Da beruhigt er sich. Dieses Beruhigen heißt aber nichts anderes als, er will nicht aufwachen, er will schlafend bleiben. Derjenige, der nun hinein will im heutigen Sinne in die geistige Welt, der muß gerade dort mit den inneren Seelenaufgaben zu ringen anfangen, wo der andere Grenzen des Erkennens setzt. Und indem er das Ringen mit diesen Ideen, die da an die Grenze gesetzt werden, beginnt, eröffnet sich ihm stufenweise, schrittweise der Ausblick in die geistige Welt. Man muß eben das, was in Anthroposophie dargeboten wird, so nehmen, wie es gewollt ist.
[ 12 ] I drew attention to something like this in the first chapter of my book *The Mysteries of the Soul*. There I expressed what has, however, been repeatedly stated in lectures: that a person who remains within the confines of present-day civilization simply says that one encounters all sorts of limits to knowledge that cannot be transcended. And so they reassure themselves. But this reassurance means nothing other than that they do not want to awaken; they want to remain asleep. The person who now wishes to enter the spiritual world in the modern sense must begin to grapple with the inner tasks of the soul precisely where the other person sets the limits of knowledge. And as he begins to grapple with these ideas that are set as limits, the view into the spiritual world opens up to him step by step, gradually. One must simply take what is presented in anthroposophy as it is intended.
[ 13 ] Nehmen Sie dieses erste Kapitel in «Von Seelenrätseln». Es mag ja unvollkommen geschrieben sein, aber man kann doch jedenfalls herausfinden, in welcher Absicht es geschrieben ist. Es ist in der Absicht geschrieben, daß man sich sagt: Wenn ich stehenbleibe in der gegenwärtigen Zivilisation, so ist eigentlich für mich die Welt mit Brettern verschlagen. Naturerkenntnis: man schreitet weiter, dann kommen die Bretter, da ist mir die Welt verschlagen. — Was in diesem ersten Kapitel «Von Seelenrätseln» steht, ist der Versuch, mit Spaten diese Bretter wegzuschlagen. Wenn man dieses Gefühl hat, daß man eine Arbeit verrichtet, um die Bretter, mit denen die Welt verschlagen ist seit Jahrhunderten, mit Spaten wegzuschlagen, wenn man die Worte eben als Spaten ansieht, dann kommt man an das Seelisch-Geistige heran.
[ 13 ] Take this first chapter from *On the Riddles of the Soul*. It may be imperfectly written, but one can at least discern the intention behind it. It was written with the intention of making one say to oneself: If I remain within the current civilization, then the world is effectively boarded up for me. Knowledge of nature: one keeps moving forward, then the boards appear, and the world is boarded up for me. — What is written in this first chapter of *On the Riddles of the Soul* is an attempt to break down these boards with a spade. If one has this feeling—that one is performing a task to break down, with a spade, the boards with which the world has been boarded up for centuries—if one regards the words as spades, then one approaches the soul-spiritual realm.
[ 14 ] Die meisten Menschen haben das unbewußte Gefühl: solch ein Kapitel, wie das erste Kapitel «Von Seelenrätseln», ist eben mit der Feder geschrieben, aus der die Tinte fließt. Es ist nicht mit der Feder geschrieben, sondern es ist geschrieben mit seelischen Spaten, welche die Bretter, die die Welt verschlagen, niederreißen möchten, das heißt, die Grenzen des Naturerkennens beseitigen möchten, aber beseitigen möchten durch innere Seelenarbeit. Also es muß mitgearbeitet werden in seelischer Betätigung bei dem Lesen eines solchen Kapitels.
[ 14 ] Most people have an unconscious feeling: a chapter like the first one, “On the Mysteries of the Soul,” is written with a pen from which ink flows. It is not written with a pen, but rather with spiritual spades that seek to tear down the boards that shut out the world—that is, to remove the boundaries of our understanding of nature—but to do so through inner spiritual work. Thus, one must actively participate in spiritual activity while reading such a chapter.
[ 15 ] Es ist ganz merkwürdig, was für Ideen entstehen gerade an der Hand der anthroposophischen Bücher. Ich begreife diese Ideen, widerspreche ihnen oftmals nicht, weil sie für den einzelnen ihren Wert haben; aber nehmen wir zum Beispiel die «Geheimwissenschaft». Es sind Leute gekommen, die meinen, für diese «Geheimwissenschaft » von mir etwas tun zu können, wenn sie die ganze «Geheimwissenschaft» malen, so daß sie in Bildern vor den Leuten stehen würde. Es ist diese Sehnsucht entstanden. Es sind sogar Proben davon geliefert worden. Ich habe nichts dagegen; wenn diese Proben gut sind, so kann man sie sogar bewundern, es ist ja ganz schön, solche Dinge zu machen. Aber aus welcher Sehnsucht gehen sie hervor? Sie gehen aus der Sehnsucht hervor, das Wichtigste, was an der «Geheimwissenschaft» entwickelt wird, wegzunehmen und vor den Menschen Bilder hinzustellen, die wieder Bretter sind. Denn worauf es ankommt, das ist — so wie unsere Sprache und wie das scheußliche Schreiben geworden ist, dieses furchtbare Schreiben oder gar das Druckenlassen —, das nun zu nehmen, wie es einmal ist, sich nicht aufzulehnen gegen das, was die Zivilisation gebracht hat, und das so zu nehmen, daß der Leser es auch sogleich überwinden kann, daß er sogleich herauskommt und nun die ganzen Bilder sich selber macht, die eingeflossen sind in die scheußliche Tinte, sie sich also selber erschafft. Je individueller jeder selber diese Bilder erschafft, desto besser ist es. Wenn das ihm ein anderer vorwegnimmt, so vermauert er ihm ja wiederum die Welt. Ich will ja nicht eine Philippika halten gegen die malerische Ausgestaltung dessen, was in der «Geheimwissenschaft» in Imaginationen dargestellt ist, selbstverständlich nicht, aber ich möchte nur auf das hinweisen, was als ein erlebendes Aufnehmen dieser Sache im Grunde genommen für jeden notwendig ist.
[ 15 ] It is quite remarkable what kinds of ideas arise specifically from reading anthroposophical books. I understand these ideas and often do not disagree with them, because they have value for the individual; but let us take, for example, *The Secret Science*. Some people have come along who think they can do something for this “Secret Science” on my behalf by painting the entire “Secret Science” so that it would be presented to people in pictures. This longing has arisen. Samples of this have even been submitted. I have nothing against it; if these samples are good, one can even admire them—it is, after all, quite lovely to create such things. But from what longing do they spring? They spring from the longing to strip away the most important aspects of *The Secret Science* and to present people with images that are, once again, mere planks of wood. For what matters is—just as with our language and how writing has become so hideous, this dreadful writing or even having it printed—to take it as it is, not to rebel against what civilization has brought about, and to accept it in such a way that the reader can immediately transcend it, that he can immediately step out of it and now create for himself all the images that have flowed into the hideous ink—that is, create them himself. The more individually each person creates these images for himself, the better it is. If someone else anticipates this for him, then he, in turn, walls off the world from him. I certainly do not wish to deliver a tirade against the pictorial rendering of what is depicted in “The Secret Science” through imaginations—of course not—but I would simply like to point out what is, in essence, necessary for everyone as an active, experiential engagement with this subject.
[ 16 ] Diese Dinge müssen heute in der richtigen Weise verstanden werden. Man muß eben dazu kommen, die Anthroposophie nicht nur als etwas zu nehmen, wo hinein man sich in derselben Weise vertieft, wie man sich in anderes vertieft, sondern man muß sie als etwas nehmen, was ein Umdenken und Umempfinden voraussetzt, was voraussetzt, daß der Mensch sich anders macht, als er vorher war. Man kann also, wenn zum Beispiel aus der Anthroposophie heraus, sagen wir, ein astronomisches Kapitel vorgetragen wird, nun nicht dieses astronomische Kapitel nehmen und es vergleichen mit der gewöhnlichen Astronomie und nun anfangen, hin und her zu beweisen und zu widerlegen. Das hat gar keinen Sinn, sondern man muß sich klar sein darüber: das aus der Anthroposophie geschöpfte astronomische Kapitel ist erst verständlich, wenn eben das Umdenken und Umempfinden da ist. Wenn also irgendwo heute eine Widerlegung irgendeines anthroposophischen Kapitels erscheint und dann eine mit denselben Mitteln wie die Widerlegung erschienene geschriebene Verteidigung da ist, dann ist dadurch gar nichts getan, eigentlich wirklich gar nichts getan, denn man redet hinüber und herüber mit derselben Denkweise. Darauf kommt es gar nicht an, sondern es kommt darauf an, daß von einem neuen Leben die Anthroposophie getragen werde. Und das ist heute durchaus notwendig.
[ 16 ] These things must be understood correctly today. One must come to view anthroposophy not merely as something one delves into in the same way one delves into other subjects, but rather as something that requires a change in thinking and feeling—a change that presupposes that a person becomes different from what they were before. So, for example, if an astronomical chapter is presented based on anthroposophy, one cannot simply take that astronomical chapter and compare it with conventional astronomy, and then begin to prove and disprove points back and forth. That makes no sense at all; rather, one must be clear about this: the astronomical chapter drawn from anthroposophy is only understandable once that shift in thinking and feeling is in place. So if a refutation of any anthroposophical chapter appears somewhere today, and there is a written defense published using the same methods as the refutation, then nothing has actually been accomplished—absolutely nothing—because people are simply talking back and forth using the same way of thinking. That is not what matters at all; what matters is that anthroposophy be sustained by a new way of life. And that is absolutely necessary today.
[ 17 ] Es ist ganz merkwürdig, was für Ideen entstehen gerade an der Hand der anthroposophischen Bücher. Ich begreife diese Ideen, widerspreche ihnen oftmals nicht, weil sie für den einzelnen ihren Wert haben; aber nehmen wir zum Beispiel die «Geheimwissenschaft». Es sind Leute gekommen, die meinen, für diese «Geheimwissenschaft» von mir etwas tun zu können, wenn sie die ganze «Geheimwissenschaft» malen, so daß sie in Bildern vor den Leuten stehen würde. Es ist diese Sehnsucht entstanden. Es sind sogar Proben davon geliefert worden. Ich habe nichts dagegen; wenn diese Proben gut sind, so kann man sie sogar bewundern, es ist ja ganz schön, solche Dinge zu machen. Aber aus welcher Sehnsucht gehen sie hervor? Sie gehen aus der Sehnsucht hervor, das Wichtigste, was an der «Geheimwissenschaft» entwickelt wird, wegzunehmen und vor den Menschen Bilder hinzustellen, die wieder Bretter sind. Denn worauf es ankommt, das ist — so wie unsere Sprache und wie das scheußliche Schreiben geworden ist, dieses furchtbare Schreiben oder gar das Druckenlassen —, das nun zu nehmen, wie es einmal ist, sich nicht aufzulehnen gegen das, was die Zivilisation gebracht hat, und das so zu nehmen, daß der Leser es auch sogleich überwinden kann, daß er sogleich herauskommt und nun die ganzen Bilder sich selber macht, die eingeflossen sind in die scheußliche Tinte, sie sich also selber erschafft. Je individueller jeder selber diese Bilder erschafft, desto besser ist es. Wenn das ihm ein anderer vorwegnimmt, so vermauert er ihm ja wiederum die Welt. Ich will ja nicht eine Philippika halten gegen die malerische Ausgestaltung dessen, was in der «Geheimwissenschaft» in Imaginationen dargestellt ist, selbstverständlich nicht, aber ich möchte nur auf das hinweisen, was als ein erlebendes Aufnehmen dieser Sache im Grunde genommen für jeden notwendig ist.
[ 17 ] It is quite remarkable what kinds of ideas arise specifically from the anthroposophical books. I understand these ideas and often do not contradict them, because they have their value for the individual; but let us take, for example, *The Secret Science*. Some people have come along who think they can do something for this “Secret Science” on my behalf by painting the entire “Secret Science” so that it would be presented to people in pictures. This longing has arisen. Samples of this have even been submitted. I have nothing against it; if these samples are good, one can even admire them—it is, after all, quite lovely to create such things. But from what longing do they spring? They spring from the longing to strip away the most important aspects of *The Secret Science* and to present people with images that are, once again, mere planks of wood. For what matters is—just as with our language and how writing has become so hideous, this dreadful writing or even having it printed—to take it as it is, not to rebel against what civilization has brought about, and to accept it in such a way that the reader can immediately transcend it, that he can immediately step out of it and now create for himself all the images that have flowed into that hideous ink—that is, create them himself. The more individually each person creates these images for himself, the better it is. If someone else anticipates this for him, then that person, in turn, walls off the world from him. I certainly do not wish to deliver a tirade against the pictorial rendering of what is depicted in “The Secret Science” through imaginations—of course not—but I would simply like to point out what is, in essence, necessary for everyone as an active, experiential engagement with this subject.
[ 18 ] Diese Dinge müssen heute in der richtigen Weise verstanden werden. Man muß eben dazu kommen, die Anthroposophie nicht nur als etwas zu nehmen, wo hinein man sich in derselben Weise vertieft, wie man sich in anderes vertieft, sondern man muß sie als etwas nehmen, was ein Umdenken und Umempfinden voraussetzt, was voraussetzt, daß der Mensch sich anders macht, als er vorher war. Man kann also, wenn zum Beispiel aus der Anthroposophie heraus, sagen wir, ein astronomisches Kapitel vorgetragen wird, nun nicht dieses astronomische Kapitel nehmen und es vergleichen mit der gewöhnlichen Astronomie und nun anfangen, hin und her zu beweisen und zu widerlegen. Das hat gar keinen Sinn, sondern man muß sich klar sein darüber: das aus der Anthroposophie geschöpfte astronomische Kapitel ist erst verständlich, wenn eben das Umdenken und Umempfinden da ist. Wenn also irgendwo heute eine Widerlegung irgendeines anthroposophischen Kapitels erscheint und dann eine mit denselben Mitteln wie die Widerlegung erschienene geschriebene Verteidigung da ist, dann ist dadurch gar nichts getan, eigentlich wirklich gar nichts getan, denn man redet hinüber und herüber mit derselben Denkweise. Darauf kommt es gar nicht an, sondern es kommt darauf an, daß von einem neuen Leben die Anthroposophie getragen werde. Und das ist heute durchaus notwendig.
[ 18 ] These things must be understood correctly today. One must come to view anthroposophy not merely as something one delves into in the same way one delves into other subjects, but rather as something that requires a change in thinking and feeling—a change that presupposes that a person transforms themselves into someone different from what they were before. So, for example, if an astronomical chapter is presented based on anthroposophy, one cannot simply take that astronomical chapter and compare it with conventional astronomy, and then begin to prove and disprove points back and forth. That makes no sense at all; rather, one must be clear about this: the astronomical chapter drawn from anthroposophy is only understandable once that shift in thinking and feeling is in place. So if a refutation of any anthroposophical chapter appears somewhere today, and there is a written defense published using the same methods as the refutation, then nothing has actually been accomplished—absolutely nothing—because people are simply talking back and forth using the same way of thinking. That is not what matters at all; what matters is that anthroposophy be sustained by a new way of life. And that is absolutely necessary today.
[ 19 ] Dringend notwendig ist es, in dieser Phase der Anthroposophischen Gesellschaft gerade über diese Dinge zu sprechen, denn diese Dinge fangen an, in der allergründlichsten Weise mißverstanden zu werden. Zu diesem Zwecke lassen Sie mich heute ein paar Rückblicke machen auf die Art und Weise, wie die Anthroposophische Gesellschaft geworden ist. Sehen Sie, sie ist durchaus nicht dadurch geworden, daß sie das gesucht hat, sondern dadurch, daß es sich aus den Lebensverhältnissen heraus ergeben hat; sie ist geworden, indem sie im Beginne unseres Jahrhunderts in einer gewissen losen, äußerlichen Verbindung mit der Theosophischen Gesellschaft war. Diese Theosophische Gesellschaft, sie hat im wesentlichen sich immer bemüht, alte Einweihungsprinzipien in die Gegenwart hereinzutragen. Das Schicksal hat es so gefügt, daß gerade innerhalb theosophischer Kreise zunächst von Anthroposophie gesprochen werden konnte. Ich habe die Gründe dafür öfter auseinandergesetzt, und ich will sie heute nicht wiederholen. Angedeutet habe ich sie ja in dem ersten Aufsatz, den ich geschrieben habe in der Serie: «Das Goetheanum in seinen zehn Jahren» [in GA 36].
[ 19 ] It is urgently necessary, at this stage in the history of the Anthroposophical Society, to speak specifically about these matters, for they are beginning to be misunderstood in the most fundamental way. To this end, let me offer a few reflections today on the way in which the Anthroposophical Society has come into being. You see, it did not come into being because it sought to do so, but rather because it arose out of the circumstances of life; it came into being because, at the beginning of our century, it was in a certain loose, external connection with the Theosophical Society. This Theosophical Society, in essence, has always strived to bring ancient principles of initiation into the present. Fate would have it that it was precisely within Theosophical circles that anthroposophy could first be discussed. I have explained the reasons for this on several occasions, and I do not wish to repeat them today. I did, after all, allude to them in the first essay I wrote in the series: “The Goetheanum in Its Ten Years” [in GA 36].
[ 20 ] Aber Anthroposophie mußte sich dazumal als ein Selbständiges herauswinden aus der modernen Auffassung des Geistigen, die, ich möchte sagen, im weitesten Umkreise mehr nach dem Theosophischen hinneigte: nach dem Wiederherauftragen alter Einweihungsmethoden. In welch grotesker Weise diese alten Einweihungsmethoden nicht zusammenstimmen mit dem, was die Forderung der neueren Zivilisation ist, das zeigte sich ja ganz besonders, als so um die Jahre 1907, 1908, 1909, 1910 diese geistige Bewegung, die den theosophischen Charakter hatte, an das Christusproblem herankam. Da produzierte diese theosophische Bewegung die Absurdität von einem in einem gegenwärtigen Menschenkinde verkörperten Christus Jesus. Und daran schlossen sich dann alle übrigen Absurditäten, welche die theosophische Bewegung hervorgebracht hat. Von Anfang an mußte Anthroposophie, im Gegensatz zur Theosophie, hinführen zu einer richtigen Auffassung des Mysteriums von Golgatha. Daher ist in der ersten Periode des anthroposophischen Lebens vorzugsweise die Evangelien-Erklärung dagewesen, die Hinleitung zu einer richtigen Auffassung des Mysteriums von Golgatha. Und in der Zeit, als mit Bezug auf das Mysterium von Golgatha die andere spirituelle Bewegung in die ärgsten Absurditäten verfallen ist, näherte sich die anthroposophische Bewegung immer mehr einer wirklichen realen Auffassung des Mysteriums von Golgatha und ging ihren Weg mit dieser Auffassung des Mysteriums von Golgatha, während die theosophische Bewegung nicht weiter mit ihr verbunden sein konnte.
[ 20 ] But at that time, anthroposophy had to carve out an independent path for itself from the modern conception of the spiritual, which, I would say, in the broadest sense tended more toward theosophy: toward the revival of ancient methods of initiation. Just how grotesquely these old methods of initiation clash with the demands of modern civilization became particularly evident around the years 1907, 1908, 1909, and 1910, when this spiritual movement—which had a theosophical character—tackled the problem of Christ. At that point, this theosophical movement produced the absurdity of a Christ Jesus incarnated in a present-day human child. And this was followed by all the other absurdities that the theosophical movement has produced. From the very beginning, anthroposophy—in contrast to theosophy—was meant to lead to a correct understanding of the Mystery of Golgotha. That is why, in the early period of anthroposophical life, the focus was primarily on the interpretation of the Gospels, which served as a guide to a correct understanding of the Mystery of Golgotha. And at a time when, with regard to the Mystery of Golgotha, the other spiritual movement had fallen into the most egregious absurdities, the anthroposophical movement drew ever closer to a genuine, realistic understanding of the Mystery of Golgotha and continued on its path with this understanding of the Mystery of Golgotha, while the theosophical movement could no longer remain connected to it.
[ 21 ] Das war die erste Phase des anthroposophischen Strebens. Es war der bedeutsame zusammenhaltende Impuls da, die anthroposophische Bewegung in rechter Weise mit dem Mysterium von Golgatha zu verbinden. Und man kann sagen, daß in dem Augenblicke, als geschrieben werden konnten meine Mysterien, diese Phase zu einer Art vorläufigem Abschluß gekommen war. Daß verbunden sein müsse die anthroposophische Bewegung mit einer richtigen Erfassung des Mysteriums von Golgatha, das war dazumal eine allgemeine Überzeugung unter den Anthroposophen. Und der Schwung, den dazumal die anthroposophische Bewegung hatte bis gegen das Jahr 1908, 1909 und so weiter, dieser Schwung kam daher, daß auf neuere spirituelle Weise ein richtiges Verständnis des Mysteriums von Golgatha erobert wurde, alles so orientiert wurde, daß das Mysterium von Golgatha in der Mitte des Verständnisses stehen konnte. Dadurch bekam die Anthroposophische Gesellschaft dazumal ihren Charakter.
[ 21 ] That was the first phase of the anthroposophical endeavor. The significant unifying impulse was present to connect the anthroposophical movement in the right way with the Mystery of Golgotha. And one can say that at the moment when *My Mysteries* could be written, this phase had come to a kind of provisional conclusion. That the anthroposophical movement must be connected to a correct understanding of the Mystery of Golgotha was, at that time, a general conviction among anthroposophists. And the momentum that the anthroposophical movement had at that time, up until around the years 1908, 1909, and so on, stemmed from the fact that a true understanding of the Mystery of Golgotha had been attained through a new spiritual approach, and everything was oriented in such a way that the Mystery of Golgotha could stand at the center of understanding. This is what gave the Anthroposophical Society its character at that time.
[ 22 ] Aber die Dinge, die im äußeren wirklichen Leben drinnenstehen, machen eine Geschichte durch, und etwas, was voll inneren Lebens sein soll, wie die Anthroposophische Gesellschaft, das macht in schnellerem "Tempo eine Geschichte durch als anderes.
[ 22 ] But the things that exist in external, real life go through a historical process, and something that is meant to be full of inner life, such as the Anthroposophical Society, goes through that process at a faster “pace” than other things.
[ 23 ] Eine wichtige Phase zum Beispiel in der anthroposophischen Bewegung, als die Anthroposophie schon vollständig selbständig war gegenüber der Theosophie, war dann diejenige, daß ich in Prag den Vortrags-Zyklus über «Okkulte Physiologie» gehalten habe und daß immer mehr und mehr, ich möchte sagen, auch die Welterkenntnis erobert werden konnte durch das anthroposophische Wissen. Damit konnte der Welt gezeigt werden: Diese Anthroposophie ist nicht etwas in Wolkenhöhen nur mystisch Schwebendes, sondern sie ergreift wirklich das moderne Bewußtsein. Sie rechnet mit dem Heraufkommen der Bewußtseinsseelen-Entwicklung. Sie wagt sich vor in Gebiete, deren Begreifen eben nur mit Spiritualität möglich ist, die aber die Gebiete der menschlichen Weltumgebung sind.
[ 23 ] An important phase, for example, in the anthroposophical movement—once anthroposophy had become completely independent of theosophy—was when I gave the lecture series on “Occult Physiology” in Prague, and when, I would say, an ever-increasing understanding of the world could be gained through anthroposophical knowledge. This made it possible to show the world: Anthroposophy is not something that merely floats mystically in the clouds, but truly engages the modern consciousness. It anticipates the emergence of the development of the consciousness-soul. It ventures into realms that can only be understood through spirituality, but which are the realms of the human environment.
[ 24 ] Und so ging, nachdem gewissermaßen, ich möchte sagen, befestigt war innerhalb der anthroposophischen Bewegung das Mysterium von Golgatha, eine nur bei völligem Ernstnehmen des Mysteriums von Golgatha mögliche wissenschaftliche Bewegung ihre ersten Schritte.
[ 24 ] And so, once the Mystery of Golgotha had, so to speak—I would say—been firmly established within the anthroposophical movement, a scientific movement—one that was possible only if the Mystery of Golgotha were taken completely seriously—took its first steps.
[ 25 ] Das war dann schwer festzuhalten in der Zeit, als in Europa alles drunter und drüber ging, als der Weltkrieg kam. Wir waren in der zweiten Phase der anthroposophischen Bewegung. Wir hatten gewissermaßen das hinter uns, daß wir Zeugnis davon abgelegt hatten: wir wollen mit dem Mysterium von Golgatha fest verbunden sein. Wir hatten eben in Arbeit genommen das Ausdehnen des anthroposophischen Impulses über die verschiedenen Gebiete der Weltzivilisation. Und nun kam die Zeit, in der ja in Europa die Menschen in einem so hohen Maße voneinander getrennt wurden, die Zeit, in der Mißtrauen, Haß überhand nahmen. Eine Zeit kam, in der alles dasjenige lebte, was innerhalb einer anthroposophischen Gemeinschaft nicht leben darf, wenn sie ihren richtigen Lebensimpuls entfalten soll. Und es ist in einer gewissen Weise wirklich gelungen, trotz der Schwierigkeiten, welche damals bestanden, die Anthroposophische Gesellschaft weiterzuführen.
[ 25 ] That was difficult to hold onto at a time when everything in Europe was in turmoil, when the World War broke out. We were in the second phase of the anthroposophical movement. In a sense, we had already gone through the process of bearing witness to our commitment: we wanted to remain firmly connected to the Mystery of Golgotha. We had just begun the work of extending the anthroposophical impulse across the various regions of world civilization. And now came the time when people in Europe were so deeply divided from one another, the time when mistrust and hatred ran rampant. A time came when everything that must not exist within an anthroposophical community—if it is to unfold its true life impulse—was thriving. And in a certain sense, it was truly possible, despite the difficulties that existed at the time, to carry on the Anthroposophical Society.
[ 26 ] Bedenken wir die Schwierigkeiten, die bestanden. Eine große Schwierigkeit bestand darin, daß die ursprüngliche Begründung der Anthroposophie von dem deutschen Mitteleuropa ausgegangen war, daß wir unser Goetheanum hier in einem neutralen Gebiet hatten, daß, ich möchte sagen, jedes Zusammenwirken von Menschen, die den verschiedensten europäischen Gebieten angehörten, von vielen Seiten mit ungeheurem Mißtrauen betrachtet worden ist. Jedes Herüber- und Hinüberwirken, jedes Herüber- und Hinüberreisen war ja in jener Zeit eine ungeheure Schwierigkeit. Aber die Schwierigkeiten sind damals überwunden worden, weil sie behandelt worden sind — meine lieben Freunde, das muß schon gesagt werden -, weil sie behandelt worden sind aus anthroposophischem Geiste heraus. Ich weiß, daß mancher, der dazumal in der anthroposophischen Bewegung gestanden hat, manches auch kritisiert hat, übelgenommen hat sogar, weil man nicht immer gleich einsah, was gegenüber den die Welt zerspaltenden Urteilen gerade unternommen werden mußte, um den Zusammenhalt, wie er allein in anthroposophischer Gesinnung sein kann, zu sichern! Und so konnten wir die anthroposophische Bewegung hinleiten über die Schwierigkeiten, die sich während der europäischen Krisiszeit ergeben haben, konnten sie in einer gewissen Weise rein erhalten. Diejenigen Menschen, die geradezu für das Mißtrauen in jener Zeit veranlagt waren, konnten vielfach zum Vertrauen gebracht werden, zu dem Vertrauen, daß sie sich als ganz Außenstehende sagten: Anthroposophie, man mag sich zu ihr stellen, wie man will, sie ist doch etwas, was sich nicht ausnimmt wie ein Ding, dem man Mißtrauen entgegenbringen muß, auch wenn sie mit den verschiedensten Nationen zusammenarbeitet.
[ 26 ] Let us consider the difficulties that existed. One major difficulty was that the original foundation of anthroposophy had originated in Central Europe, that we had our Goetheanum here in a neutral territory, and that—I would say—any collaboration among people belonging to the most diverse regions of Europe was viewed with immense suspicion from many quarters. Any exchange of ideas or travel back and forth was, after all, an immense difficulty at that time. But the difficulties were overcome back then because they were addressed—my dear friends, this must be said—because they were addressed in the spirit of anthroposophy. I know that some who were part of the anthroposophical movement at that time also criticized certain things, and even took offense, because they did not always immediately grasp what specifically needed to be done in the face of judgments that were tearing the world apart, in order to secure the cohesion that can exist only within an anthroposophical mindset! And so we were able to guide the anthroposophical movement through the difficulties that arose during the European crisis and, in a certain sense, keep it pure. Many of those who were predisposed to mistrust during that time could be led to trust—to the point where, even as complete outsiders, they said to themselves: “Anthroposophy—whatever one’s stance on it may be—is nonetheless something that does not come across as an entity one must mistrust, even when it collaborates with the most diverse nations.”
[ 27 ] Es konnte eben bis in die Kriegszeiten hinein — wenn es auch von manchem mißverstanden worden ist, wenn auch mancher sich hineingestellt hat in das oder jenes, was dazumal die Menschen anfing zu zerspalten in Europa, und wenn er auch von irgendeinem nationalen Furor aus manches bekrittelt hat, was aus dem Geiste der Anthroposophie heraus gemacht worden ist —, es konnte eben doch, wenn ich so sagen darf, das anthroposophische Schiff durchgesteuert werden durch die großen Schwierigkeiten, die es gab, und es konnte sukzessive fortgearbeitet werden an unserem Goetheanum.
[ 27 ] Even into the war years—even though it was misunderstood by some, even though some got caught up in this or that which was beginning to divide people in Europe at the time, and even though, driven by some national fervor, they criticized many things that had been done in the spirit of anthroposophy— it was still possible, if I may put it that way, to steer the anthroposophical ship through the great difficulties that existed, and work on our Goetheanum could continue step by step.
[ 28 ] Man möchte sagen: Diese zweite Phase, in der die Anthroposophie nicht mehr ein Embryo war, wie sie es eben war bis zum Jahre 1908 oder 1909, diese zweite Phase, die dauerte dann etwa bis zum Jahre 1915, 1916. Natürlich - ihre Nachwirkungen blieben vielfach.
[ 28 ] One might say: This second phase, in which anthroposophy was no longer in its embryonic stage—as it had been up until 1908 or 1909—lasted roughly until 1915 or 1916. Of course, its repercussions were felt in many ways.
[ 29 ] Dann aber begann eine Zeit, wo das Kind naturgemäß reif werden mußte: die dritte Phase der anthroposophischen Bewegung, etwa 1916 beginnend. Ja, meine lieben Freunde, was ist das für eine Zeit? Das ist die Zeit, wo allerlei Persönlichkeiten in der anthroposophischen Bewegung, die sich ja bis dahin bedeutsam vergrößert hatte, Ideen bekamen, Ideen, die dann ganz besonders arg sich auswuchsen in der Nachkriegszeit.
[ 29 ] But then began a time when the child naturally had to mature: the third phase of the anthroposophical movement, beginning around 1916. Yes, my dear friends, what kind of time is this? It is the time when all sorts of personalities within the anthroposophical movement—which, after all, had grown significantly by then—began to develop ideas, ideas that then ran particularly amok in the postwar period.
[ 30 ] Das liegt schon in der Natur einer solchen Bewegung, daß die einzelnen in ihr stehenden Persönlichkeiten Ideen bekommen müssen, denn eine solche Bewegung muß in sich reif werden. Wenn sie sich vergrößert, so müssen allmählich führende Persönlichkeiten in ihr erstehen. Und dann war es ja auch richtig, daß einzelne Persönlichkeiten solche Ideen bekamen. Aber was notwendig war, das war eben, daß diese Persönlichkeiten mit eisernem Willen bei diesen Ideen blieben, daß diese Ideen nicht bloß vorgenommen wurden, programmatisch wurden und dann wiederum fallengelassen wurden, sondern daß diese Persönlichkeiten mit eisernem Willen bei diesen Ideen blieben.
[ 30 ] It is simply in the nature of such a movement that the individuals involved must come up with ideas, for such a movement must mature from within. As it grows, leading figures must gradually emerge from within it. And so it was indeed right that certain individuals should come up with such ideas. But what was necessary was precisely that these individuals stick to these ideas with iron will—that these ideas were not merely adopted, turned into a program, and then abandoned again, but that these individuals stuck to them with iron will.
[ 31 ] Die Ideen, die sich da verwirklichen wollten bis heute, sind ja alle gut gewesen. Was nicht gut gewesen ist und was anders werden muß, das ist das Verhalten der Persönlichkeiten dazu: Es handelt sich eben um das Gewinnen von Ausdauer in der Verfolgung von Ideen. Da trat notwendigerweise ein neues Element auf.
[ 31 ] The ideas that have sought to be realized up to the present day have all been good. What has not been good—and what must change—is the way individuals have behaved toward them: it is simply a matter of gaining perseverance in the pursuit of ideas. This is where a new element necessarily came into play.
[ 32 ] Nehmen wir die erste Phase der anthroposophischen Bewegung. Als die Anthroposophie noch ein Embryo war, da konnten die Menschen an die Anthroposophie herankommen und brauchten ja nur aufzunehmen. Es handelte sich in der ersten Phase ja nur darum, aufzunehmen, sich anzuschließen an die Bewegung, aufzunehmen dasjenige, was geboten wurde.
[ 32 ] Let’s consider the first phase of the anthroposophical movement. When anthroposophy was still in its infancy, people could approach it and simply had to take it in. In the first phase, it was really just a matter of taking it in, joining the movement, and absorbing what was offered.
[ 33 ] In der zweiten Phase war es notwendig, daß das Aufnehmen sich etwas vermischte mit einem Verständnis; daß zum Beispiel Leute aus der Welt herankamen, die diese Außenwelt auch wirklich kannten, kannten als Wissenschaftler, kannten als Praktiker; die also ein Urteil gewinnen konnten, daß dasjenige, was ihnen von der Anthroposophie entgegengetragen wurde, auch für Wissenschaft und Lebenspraxis einen Wert habe. Man brauchte aber noch nicht selber tätig zu sein, man brauchte bloß mit einem gesunden Urteil über die Außenwelt das Anthroposophische aufzunehmen. In der ersten Phase der Anthroposophie brauchte man bloß ein Mensch mit einem warmen Herzen und mit einem gesunden Menschenverstande zu sein, und man konnte zu dem Anthroposophischen ja sagen. Gewiß, das muß ja durch alle Phasen der anthroposophischen Bewegung hindurch dasein, daß solche Menschen mit einem warmen Herzen und mit einem gesunden Menschenverstand die Anthroposophie aufnehmen. Aber es muß auch immer einige Menschen geben, welche die andere Welt gründlich kennen und von dem Gesichtspunkt der anderen Welt aus, eben wissenschaftlich oder als Praktiker, dasjenige beurteilen können, was aus geistigen Welten in der Anthroposophie auf die Erde heruntergetragen wird.
[ 33 ] In the second phase, it was necessary for the process of taking things in to be somewhat intertwined with understanding; for example, for people from the world to come forward who truly knew this external world—knew it as scientists, knew it as practitioners; who could thus form the judgment that what was presented to them by anthroposophy also had value for science and practical life. However, it was not yet necessary to be actively involved oneself; one merely needed to take in anthroposophy with sound judgment regarding the external world. In the early phase of anthroposophy, one merely needed to be a person with a warm heart and sound common sense, and one could say “yes” to anthroposophy. Certainly, this must be the case throughout all phases of the anthroposophical movement: that such people with warm hearts and sound common sense take in anthroposophy. But there must also always be some people who know the other world thoroughly and who, from the perspective of that other world—whether as scientists or practitioners—can assess what is brought down to Earth from the spiritual worlds in anthroposophy.
[ 34 ] Nun, als die dritte Phase kam, brauchte man tätige Menschen, Menschen, die mit ihrem Willen, aber mit einem ausdauernden Willen an denjenigen Dingen arbeiteten, die als Ideen in ihnen entstanden. Geradesowenig, wie man sich der Illusion hingeben kann, daß ein Kind, das 16 Jahre alt geworden ist, noch zwölfjährig sei, ebensowenig durfte man sich der Illusion hingeben, daß die Anthroposophische Gesellschaft im Jahre 1919 noch dasselbe sein könne, was sie war etwa im Jahre 1907. Es lag in der Natur der Sache, daß jedem Wollen entgegengekommen wurde. Aber es wurde auch immer betont: Solch ein Wollen hat nur dann seine rechte Berechtigung, wenn man dabei bleibt, wenn man mit ausdauerndem Willen dabei bleibt. Nun, das hat eben vielfach gefehlt. Das sage ich nicht als eine Kritik, sondern als etwas, was hinweist auf das, was da kommen muß. Aber ich habe oftmals hingewiesen in einzelnen Fällen auf dasjenige, was kommen muß. Es ist nur in einem Falle meinem Aufmerksammachen von seiten der Führerschaft genügt worden! Das war dazumal, als ich bemerkte, daß es notwendig ist, daß auf einem gewissen Felde eingegriffen werden müsse, und alsdann unser Freund Leinhas dieses Eingreifen übernommen hat. Nur in diesem einen Fall ist eigentlich in der letzten Zeit dasjenige beachtet worden, was ich als eine Notwendigkeit immer wieder und wieder auf dem einen oder auf dem anderen Gebiete bezeichnet habe - ich sage jetzt ausdrücklich: bezeichnet habe - als eine Notwendigkeit der dritten Phase der anthroposophischen Bewegung. Denn im Grunde genommen brauchte ich nicht mich besonders einzusetzen für das, was die Impulse der ersten Phase und der zweiten Phase waren. Die liefen ja fort. Die konnte man dem spirituellen Karma ruhig überlassen. Etwas anderes war es mit dem, was sich durch die Ideen einzelner Persönlichkeiten ja als ein in der Sache Gutes herausgebildet hatte, was aber nur weiter gut sein kann, wenn der ausdauernde Wille der einzelnen Persönlichkeiten in die Dinge wirklich eingreift. Aber so dürfen sie eben nicht verlaufen, wie sie in der letzten Zeit vielfach verlaufen sind.
[ 34 ] Well, when the third phase arrived, there was a need for active people—people who, with their will, but with a steadfast will, worked on the things that arose within them as ideas. Just as one cannot succumb to the illusion that a child who has turned 16 is still twelve years old, so too could one not succumb to the illusion that the Anthroposophical Society in 1919 could still be the same as it was, say, in 1907. It was in the nature of things that every desire was accommodated. But it was also always emphasized: Such a desire is only truly justified if one persists, if one persists with unwavering determination. Well, that is precisely what was lacking in many cases. I say this not as a criticism, but as an indication of what must come. But I have often pointed out, in individual cases, what must come. Only in one instance has my drawing attention to this been heeded by the leadership! That was back when I noted that it was necessary to intervene in a certain field, and our friend Leinhas then took on this intervention. Only in this one instance has what I have repeatedly—again and again—identified in one area or another as a necessity—and I say this explicitly: identified—as a necessity of the third phase of the anthroposophical movement actually been heeded in recent times. For, fundamentally speaking, I did not need to make a special effort regarding what the impulses of the first and second phases were. Those things simply carried on. They could safely be left to spiritual karma. It was a different matter with what had emerged through the ideas of individual personalities as something inherently good, but which can only continue to be good if the persistent will of those individual personalities truly intervenes in the course of events. But they must not be allowed to proceed as they have in many cases recently.
[ 35 ] Ich will ein Beispiel herausheben. Nehmen wir an, daß unter den vielerlei Dingen, die aus Ideen heraus gingen, auch der sogenannte Hochschulbund war. Ja, meine lieben Freunde, dieser Hochschulbund mußte entweder ernstes Wollen, das nicht nachließ, in sich bergen, oder er war ein totgeborenes Kind. Das ist etwas, was ich bereits bei seiner Begründung ausdrücklich sagte.
[ 35 ] I would like to highlight one example. Let us assume that among the many things that arose from ideas was also the so-called University Alliance. Yes, my dear friends, this University League either had to embody a serious, unwavering will, or it was a stillborn child. This is something I explicitly stated when it was founded.
[ 36 ] Was hat eine solche Aussage für einen Sinn, meine lieben Freunde? Doch nur den, daß man die Leute darauf aufmerksam macht: Ihr müßt wissen, wenn Ihr in eurem Wollen nachlaßt, dann geht die Sache schief. Was ist aus dem Hochschulbund geworden? In Deutschland ist etwas daraus geworden, was nur die Vertreter des Alten ärgert, zu Feinden macht, weil eben das energische Wollen nicht dahinter stand. In der Schweiz ist der Hochschulbund überhaupt niemals richtig geboren worden; daher konnte auch nicht ein durchgreifendes Wollen so etwas durchzucken wie dasjenige, was den ersten Veranstaltungen innerhalb unseres untergegangenen Goetheanum den Charakter gegeben hat: die Hochschulvorträge. Sie sind, weil keine Stoßkraft dahintersteckt, im Grunde genommen doch ganz unwirksam geblieben. Sie haben aber Feinde gemacht. Und darin bestand ein großer Teil der dritten Phase unserer anthroposophischen Bewegung: in dem Erregen von Feindschaften, von Gegnerschaften, die nicht notwendig sind, wenn ein energisches Wollen hinter der Sache steht. Natürlich, Feindschaften ergeben sich; aber sie sind wirkungslos, wenn sie nicht in einer gewissen Weise berechtigt sind. Und es muß immer das gelten, daß gesagt werden könne: Mögen Feindschaften noch so viele entstehen, sie dürfen auch nicht einmal einen Schein von einer Berechtigung haben, so vehement sie auch auftreten.
[ 36 ] What is the point of such a statement, my dear friends? Simply to draw people’s attention to the fact that if you let up in your determination, things will go wrong. What has become of the University Federation? In Germany, it has become something that only irritates the representatives of the old order and turns them into enemies, precisely because it lacked the energetic will to drive it forward. In Switzerland, the University League was never truly established to begin with; therefore, a resolute will could not infuse it with the same spirit that gave character to the first events held within our now-defunct Goetheanum: the University Lectures. Because there is no driving force behind them, they have, in essence, remained quite ineffective. But they have created enemies. And this constituted a large part of the third phase of our anthroposophical movement: the stirring up of hostilities and antagonisms that are unnecessary when an energetic will stands behind the cause. Of course, hostilities arise; but they are ineffective unless they are justified in some way. And it must always be the case that one can say: No matter how many hostilities may arise, they must not even have the semblance of justification, no matter how vehemently they may manifest themselves.
[ 37 ] Ich habe ja immer wieder, auch hier an dieser Stelle, aufmerksam darauf gemacht, daß es so ist — aber sehen wir, wie es gekommen ist. Nicht wahr, es ist ja natürlich, daß gerade an diejenige Bewegung, die so recht aus dem Aufkeimen der Bewußtseinsseelen-Entwickelung aufgeht, daß gerade an diese Bewegung die Jugend herankommt. Man muß sich freuen, daß die Jugend herankommt. Aber wie steht heute die Jugend zu dem, was Anthroposophische Gesellschaft ist? Die Jugend steht heute so dazu, daß sie sagt: Das kann man nicht ernst nehmen. — Ich will jetzt gar nicht darüber sprechen, ob dieses Urteil berechtigt ist oder nicht, aber es ist eben da, und man muß im Leben mit den Tatsachen rechnen.
[ 37 ] I have repeatedly pointed this out—including right here—but let’s see how it came about. Isn’t it true that it is only natural that young people are drawn precisely to the movement that springs so directly from the budding development of the soul of consciousness? We should be glad that young people are drawn to it. But what is the attitude of young people today toward the Anthroposophical Society? Young people today take the view that: “You can’t take that seriously.” — I don’t want to discuss here whether this judgment is justified or not, but it is simply there, and in life one must reckon with the facts.
[ 38 ] Für diese Tatsache möchte ich Ihnen nur ein einziges äußeres, auch tatsächliches Zeugnis geben. Vor einiger Zeit fand sich ein Kreis von jungen Leuten in Stuttgart zusammen, um wirklich sich mit vollem Herzen der anthroposophischen Bewegung zu ergeben. Die Leute hatten den besten Sinn, sich der anthroposophischen Bewegung zu ergeben. Ich war hier beschäftigt, konnte nicht gleich am ersten Tag, nachdem sich die Leute dort in Stuttgart versammelt hatten, anwesend sein, und deshalb sprach ich einem der Mitglieder des Zentralvorstandes gegenüber den Wunsch aus, er möge zunächst mich am ersten Abend durch einen Vortrag vertreten, er möge den jungen Leuten einen Vortrag halten. Er ist hingegangen und hat ihnen den Antrag gemacht. Die haben gesagt: Wir danken schön, wir wollen von Ihnen keinen Vortrag haben.
[ 38 ] I would like to offer you just one external, concrete example of this fact. Some time ago, a group of young people gathered in Stuttgart with the sincere intention of devoting themselves wholeheartedly to the anthroposophical movement. These people had the best of intentions in dedicating themselves to the anthroposophical movement. I was busy here and could not be present on the very first day after the group had gathered in Stuttgart; therefore, I asked one of the members of the Executive Council to stand in for me on the first evening by giving a lecture to the young people. He went there and made the proposal to them. They replied: “Thank you very much, but we do not want a lecture from you.”
[ 39 ] Nun, meine lieben Freunde, Sie können sagen: Das war grob. — Meinetwillen sagen Sie das; aber es hat keine Gültigkeit, wenn Sie das sagen. Die Tatsache war da, daß die Leute von vornherein überzeugt waren: Da ist keine Verständigung möglich; der sagt uns nicht etwas, was an unsere Herzen heranschlägt. — Und ich fand in Stuttgart die Situation vor, daß die Jugend versammelt war und eigentlich die bisherige anthroposophische Führung ganz ohne jegliche Fühlung mit ihr war. Die Leute waren sich ganz selbst überlassen, die nun wirklich mit warmem Herzen herankamen an die anthroposophische Bewegung.
[ 39 ] Well, my dear friends, you might say: “That was harsh.” — Say it if you like; but it holds no weight when you say it. The fact was that people were convinced from the very beginning: “No understanding is possible here; he isn’t saying anything that touches our hearts.” — And in Stuttgart I found a situation where the young people were gathered together, yet the existing anthroposophical leadership had been completely out of touch with them. These people, who were truly approaching the anthroposophical movement with warm hearts, were left entirely to their own devices.
[ 40 ] Solch eine Art, sich zu den anderen zu verhalten, war in der ersten und zweiten Phase der anthroposophischen Bewegung durchaus möglich; in der dritten Phase war es nicht mehr möglich, weil es in der dritten Phase anfing, auf den einzelnen Menschen anzukommen in der anthroposophischen Bewegung. Und wie gesagt, das alles ist nicht gesagt, um jemandem etwas am Zeuge zu flicken, das alles ist nicht gesagt, um eine Kritik auszubilden; das alles ist gesagt, weil es mir unendliches Leiden verursacht hat, weil ich sah, daß die Persönlichkeiten, die in der Anthroposophischen Gesellschaft da oder dort das Ruder ergreifen wollten, eben doch nicht durchaus aus anthroposophischem Geiste heraus walten wollten. Und ich habe es ja immer versichert, es ist Unsägliches, was ich leiden mußte dadurch, daß konstatiert werden konnte: Diese dritte Phase der anthroposophischen Bewegung will nicht so vorwärtskommen, wie sie vorwärtskommen sollte, weil zu viele bloße Ideen da sind und das energische Wollen dahinter fehlt.
[ 40 ] This kind of attitude toward others was certainly possible during the first and second phases of the anthroposophical movement; in the third phase, it was no longer possible, because in the third phase, the focus within the anthroposophical movement began to shift to the individual. And as I said, none of this is said to pin anything on anyone, none of this is said to formulate a criticism; all of this is said because it caused me infinite suffering, because I saw that the personalities who wanted to take the helm here and there in the Anthroposophical Society did not, after all, wish to act entirely out of the anthroposophical spirit. And I have always maintained that the suffering I had to endure as a result of the realization that this third phase of the anthroposophical movement does not wish to move forward as it should—because there are too many mere ideas and the energetic will behind them is lacking—is indescribable.
[ 41 ] Es ist ja ein gewisser schicksalsmäßiger Zusammenhang, daß, als uns das große Unglück getroffen hat hier mit dem Goetheanum, es besonders ansichtig wurde, daß eigentlich der Schaden der Anthroposophie im Nichttun liegt, im Nicht-angreifen-Wollen liegt. Und dadurch sind wir eben in diejenigen Konflikte hineingetrieben worden, die heute im Schoße der Anthroposophischen Gesellschaft vorhanden sind, und die zu nichts anderem führen sollten als eben zur um so kraftvolleren Gesundung. Aber dazu muß auch wirklich erst ehrlich eingesehen werden, was notwendig ist. Dazu ist vor allen Dingen das notwendig, daß man sich nicht Illusionen hingibt über die Tatsachen, die allmählich in eine Art von Sackgasse getrieben haben. Eine Illusion wäre es durchaus, wenn wir in etwas anderem als in dem Nicht-beider-Stange-Bleiben gewisser Persönlichkeiten den Schaden sehen würden. Ilusionen verträgt aber heute die Anthroposophische Gesellschaft nicht mehr. Sie verträgt auch das nicht, daß eine bloße unfruchtbare Kritik geübt würde an dem Vergangenen, sondern sie verträgt nur, daß man tatsächlich auf das hinweist, was notwendig ist. Und das ist, zu erkennen, daß der Wunsch kein Wille ist, daß man nicht sagen darf, ich habe den besten Willen, wenn sich dieser beste Wille in drei Wochen so erweist, daß er eben gar kein Wille ist, sondern daß man sich dann hingesetzt hat auf seinen Stuhl und eben dem Titel nach das gewesen ist, was man auf diesem Stuhle ist, aber eben nur den passiven guten Willen gehabt hat. Aber passiver guter Wille ist ein Contradictio in adjecto. Der Wille ist nur ein guter Wille, wenn er tätig ist. Das verträgt die anthroposophische Bewegung in ihrer dritten Phase nicht, daß man Resolutionen faßt: Wir stellen uns zur Verfügung. Das ist das schlimmste Verkennen, wenn man solche Resolutionen faßt, das schlimmste Verkennen der eigentlichen Aufgaben.
[ 41 ] There is, in fact, a certain fateful connection in that, when this great misfortune struck us here at the Goetheanum, it became particularly evident that the real harm to anthroposophy lies in inaction, in the unwillingness to take action. And this is precisely what has driven us into the very conflicts that exist today within the Anthroposophical Society—conflicts that should lead to nothing other than an all the more powerful recovery. But to achieve this, we must first honestly recognize what is necessary. Above all, it is necessary not to succumb to illusions about the facts that have gradually driven us into a kind of dead end. It would certainly be an illusion if we were to see the harm in anything other than the failure of certain individuals to remain on the right path. But the Anthroposophical Society can no longer tolerate illusions today. Nor can it tolerate mere fruitless criticism of the past; rather, it can only tolerate pointing out what is actually necessary. And that is to recognize that a wish is not a will; that one must not say, “I have the best of intentions,” if in three weeks this “best of intentions” proves to be nothing at all—but rather that one has simply sat down in one’s chair and, in name only, been what one is in that chair, while possessing nothing but passive good will. But passive good will is a contradiction in terms. Will is only good will when it is active. The anthroposophical movement, in its third phase, cannot tolerate the passing of resolutions such as: “We place ourselves at your disposal.” To pass such resolutions is the worst possible misunderstanding, the worst possible misunderstanding of the actual tasks.
[ 42 ] Das, um was es sich handelt, ist das Eingreifen eines jeden an der Stelle, an der er steht, und nicht beim Wunsche stehen bleiben, sondern den Willen entwickeln. Es könnte scheinen, meine lieben Freunde, als ob ich heute ein trübes Bild entwerfen wollte von dem, was im Schoße der anthroposophischen Bewegung ist. Das will ich nicht. Aber auf der anderen Seite darf ich gerade keine Illusionen erwecken beziehungsweise ja nichts dazu beitragen, Illusionen zu erwekken. Denn es handelt sich darum, daß wir nur weiterkommen, wenn wir ein solches Bewußtsein erfassen, wie es charakterisiert worden ist.
[ 42 ] What is at stake here is for each person to take action right where they stand—not to stop at mere wishes, but to develop the will. It might seem, my dear friends, as if I were trying to paint a gloomy picture today of what is happening within the anthroposophical movement. That is not my intention. But on the other hand, I must not give rise to any illusions—or, rather, I must not contribute in any way to creating illusions. For the point is that we can only make progress if we grasp the kind of consciousness that has been described.
[ 43 ] Aber sehen Sie, meine lieben Freunde, ich sage nur: Die zweite Phase der anthroposophischen Bewegung hat die Notwendigkeit gebracht, über das äußere Weltgemäße sich auszubreiten. Ich sagte auch: Diejenigen, die von der Welt gelernt haben in Wissenschaft oder Praxis, mußten herankommen als Urteilfällende. - In der dritten Phase fanden sich dann zahlreiche solche Persönlichkeiten, die meinten: Ja, jetzt müssen wir was tun, jetzt müssen wir anfangen, etwas zu tun! — Sie machten sich auch Vorsätze. Aber Tätigkeit liegt nicht darin.
[ 43 ] But you see, my dear friends, I am simply saying: The second phase of the anthroposophical movement brought with it the need to expand beyond the external, worldly realm. I also said: Those who had learned from the world—whether in science or practice—had to step forward as judges. — In the third phase, there were then numerous such individuals who thought: Yes, now we must do something; now we must begin to do something! — They also made resolutions. But that is not what action consists of.
[ 44 ] Wir haben in der dritten Phase — nun, ich will gar nicht sagen wie viele —- Forscher auf den verschiedensten wissenschaftlichen Gebieten unter uns. Ich will gar nicht sagen, wie viele! Wenn ich sie Ihnen zusammenzählen würde, würden Sie große Augen machen. Diese Forscher sind nach ihrer Ansicht von dem besten Willen beseelt. Nach meiner Ansicht sind sie außerordentlich fähig. Ich vertrete auch hier die Ansicht, daß es an Fähigkeiten gar nicht fehlt. Im Gegenteil, in den letzten Jahren haben wir sogar durch eine wunderbare Auslese fähigste Leute wie auf einem Haufen zusammengebracht, hier und in Stuttgart. Die Ausrede gilt nicht, daß es an Fähigkeiten fehlt; aber an Wille fehlt es. Und sobald man von diesem Willen redet, dann ergeben sich die merkwürdigsten Dinge.
[ 44 ] In the third phase—well, I don’t even want to say how many—we have researchers from a wide variety of scientific fields among us. I don’t even want to say how many! If I were to count them all for you, you’d be amazed. In their view, these researchers are driven by the best of intentions. In my view, they are exceptionally capable. Here, too, I take the view that there is no lack of ability whatsoever. On the contrary, in recent years we have even brought together the most capable people—as if by some miraculous selection—in one place, both here and in Stuttgart. The excuse that there is a lack of ability doesn’t hold water; but there is a lack of will. And as soon as one speaks of this will, the strangest things happen.
[ 45 ] Wir haben es bei dem hiesigen naturwissenschaftlichen Kursus erlebt, daß von einem unserer Forscher ein Vortrag angekündigt war. Er ist nicht gekommen! Wie zum Hohn ist er aber ein paar Stunden darauf gekommen. Ja, meine lieben Freunde, wenn nicht das Gefühl für die Verpflichtung besteht innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft, dann geht es eben nicht. Und will man die Dinge anfassen, dann glitschen sie einem kurioserweise aus den Händen; sie glitschen einem wirklich aus den Händen. Denn ich wollte zum Beispiel gerade dieses «Problem», möchte ich sagen, das es für mich geworden ist, daß einer unserer Forscher einfach sich absentiert, seinen Vortrag schwänzt - ich wollte das in gehöriger Weise anfassen; da bekam ich ungefähr die Antwort, daß er ja gar nicht einmal richtig wisse, wie er auf das Programm in Dornach komme! — Ja, meine lieben Freunde, wenn einem die Probleme so aus den Händen glitschen, dann ist eben wirklich ein zusammenstimmendes energisches Wollen nicht da.
[ 45 ] We experienced this in our local science course: one of our researchers had announced a lecture. He didn’t show up! As if to mock us, however, he arrived a few hours later. Yes, my dear friends, if there is no sense of obligation within the Anthroposophical Society, then it simply won’t work. And if you try to tackle these things, they strangely slip through your fingers; they really do slip through your fingers. For example, I wanted to properly address this “problem”—as I’d call it—that has become an issue for me: that one of our researchers simply fails to show up, skips his lecture—I wanted to tackle that in a proper way; but I received a reply to the effect that he didn’t even really know how he’d end up on the program in Dornach! — Yes, my dear friends, when problems slip through one’s fingers like that, then a concerted, energetic will is truly lacking.
[ 46 ] Das aber brauchen wir gerade. Wir brauchen nicht ein Auseinanderfallen von allerlei Wünschen und von allerlei, was man oftmals den guten Willen nennt, sondern wir brauchen ein pflichttreues Wollen. Alle Dinge können gedeihen, wenn die Menschen sie in der richtigen Weise anfassen. Denn was nicht die Möglichkeit seines Gedeihens in sich trägt, wird schon innerhalb der anthroposophischen Bewegung nicht unternommen. Aber den Willen, den wirklich guten, das heißt kräftigen Willen der mitwirkenden Persönlichkeiten, den brauchen wir. Kurulische Stühle vertragen wir nicht, sondern tätige Persönlichkeiten brauchen wir.
[ 46 ] But that is precisely what we need. We do not need a scattering of all sorts of desires and all sorts of things that are often called “goodwill”; rather, we need a will that is faithful to duty. All things can flourish if people approach them in the right way. For anything that does not carry within itself the potential to flourish is not undertaken within the anthroposophical movement in the first place. But we need the will—the truly good, that is, the strong will—of the individuals who are actively involved. We have no use for armchairs; rather, we need active individuals.
[ 47 ] Meine lieben Freunde, die Situation, daß ich das aussprechen muß, habe nicht ich herbeigeführt, sondern es sind die Persönlichkeiten selbst, die sich zur Verfügung gestellt haben, alles mögliche zu tun. Es ist von anderer Seite das herausgewachsen. Deshalb handelt es sich heute darum, daß auch die Verantwortlichkeiten in breitestem Umfange geschärft werden, daß wirklich die Verantwortlichkeiten gepflegt und gehegt werden und auch verlangt werden.
[ 47 ] My dear friends, I did not bring about the situation that has led me to say this; rather, it is the individuals themselves who have offered to do everything possible. This has developed from other quarters. That is why the issue today is that responsibilities must be reinforced to the broadest extent possible—that they be truly nurtured, cherished, and also demanded.
[ 48 ] Das ist dasjenige, was ich Ihnen sagen wollte, denn wir sind noch immer nicht zu Ende mit den jetzigen Reisen nach Stuttgart. Ich muß morgen wieder dahin. Der nächste Vortrag wird am nächsten Freitag sein. Heute nachmittag wird dann hier eine Eurythmie-Vorstellung um 5 Uhr stattfinden. Ich bitte noch einmal, den zweiten Weg nicht zu scheuen; die Vorbereitungen zur Reise machten es notwendig, daß sich dieser Vortrag nicht anschließt an die Eurythmie-Darbietung, sondern daß er eben am Vormittag gehalten werden muß.
[ 48 ] That is what I wanted to tell you, because we are still not done with our current trips to Stuttgart. I have to go back there tomorrow. The next lecture will be next Friday. This afternoon, there will be a eurythmy performance here at 5 o’clock. I ask you once again not to shy away from the second path; preparations for the trip made it necessary for this lecture not to follow the eurythmy performance, but rather to be held in the morning.
