Erdenwissen und Himmelserkenntnis
GA 221
4 Februar 1923, Dornach
3. Der Nachtmensch und der Tagesmensch. In Das Reine Denken Kann Das Ich-Wesen Hineingeschoben Werden
[ 1 ] Es ist für den heutigen Menschen, wie wir gestern aus den Betrachtungen vielleicht ersehen haben, von Bedeutung, sich im Entwickelungsgange der Menschheit zu orientieren, um sich mit dem Bewußtsein zu durchdringen, welches die gegenwärtige Seelenverfassung sein muß, damit der Mensch im rechten Sinne des Wortes Mensch sein könne.
[ 2 ] Ich habe ja vorgestern einen Vergleich gebraucht, um auf diese Wichtigkeit des Zeitbewußtseins hinzuweisen. Ich habe gesagt, das Insekt hat die Aufgabe, zusammenfallend mit dem Jahreslauf, immer bestimmte Gestaltungen in sich selbst durchzumachen. Das Insekt macht in seiner eigenen Gestaltung den Jahreslauf mit. Es hat ganz gewisse körperliche Verrichtungen im Frühling, im Sommer, im Herbst und im Winter, und es vollendet den Kreislauf seines Lebens im Zusammenhang mit diesem Jahreslauf. So, sagte ich, müsse der Mensch die Möglichkeit finden, sich nun nicht in einem kurzen Zeitverlaufe, sondern in den ganzen Erdenverlauf, in den geschichtlichen Erdenverlauf bewußt heute hineinzustellen. Wissen soll er, wie in alten Zeiten seine Seelenerlebnisse gestaltet sein mußten, wie in mittleren Zeiten und wie sie sich heute gestalten müssen.
[ 3 ] Wenn wir nun in alte Zeiten der Menschheitsentwickelung zurückblicken und sehen, wie aus den Mysterien heraus die Menschheit ihre Kraft bekam, die Kraft zum Erkennen, die Kraft zum Leben, so finden wir, daß bei denen, die in die Mysterien eingeweiht werden sollten, gewissermaßen das Ziel ihrer Einweihung immer in einer ganz bestimmten Weise bezeichnet wird. Die Einzuweihenden müssen sich klarmachen, daß sie Übungen durchzumachen haben, die zuletzt dahin führen, das Todeserlebnis zu haben; der Mensch müsse innerhalb des Erdenseins erkennend durch den Tod durchgehen, damit er aus diesem Erkenntniserlebnis des Todes die andere Erkenntnis von seinem eigenen unsterblichen ewigen Wesen gewinne. Das war, möchte ich sagen, das Geheimnis der alten Mysterien: aus dem Erkenntniserleben des Todes heraus die Wesensüberzeugung von der menschlichen unsterblichen Wesenheit zu bekommen.
[ 4 ] Nun haben wir in diesen Tagen gesehen, woher das rührt. Es rührt daher, daß der Mensch in jenen älteren Zeiten eigentlich zu seiner menschlichen Selbsterkenntnis nicht anders hat kommen können, als indem er sich vergegenwärtigte, was unmittelbar nach dem Tode mit ihm geschah. Der Mensch jener alten Zeiten wurde das denkende freie Wesen, als das er sich heute schon im Erdendasein weiß, erst nach dem Tode. Nach dem Tode erst konnte in alten Zeiten der Menschheitsentwickelung der Mensch sagen: Ich bin wirklich ein auf mich selbst gestelltes Wesen, eine auf mich selbst gestellte Individualität. — Schaue über den Tod hinaus — so etwa konnten die alten Weisen zu ihren Schülern sagen — und du wirst wissen, was ein Mensch ist.
[ 5 ] Deshalb sollte der Mensch in den Mysterien im Bilde das Sterben durchmachen, damit er aus dem Sterben die Überzeugung des ewigen Lebens und Wesens bekomme. Es war also im wesentlichen das Mysteriensuchen ein Suchen des Todes, um das Leben zu finden.
[ 6 ] Nun ist es heute bei dem Menschen anders geworden, und darin besteht gerade der allerwichtigste Impuls in der Menschheitsentwickelung. Was der Mensch in alten Zeiten nach dem Tode durchgemacht hat, daß er ein denkendes Wesen für sich geworden ist, daß er ein freies Wesen für sich geworden ist, das muß der Mensch heute in der Zeit finden, die zwischen der Geburt und dem Tode liegt. Aber wie findet er es da? Er findet zunächst seine Gedanken, wenn er Selbsterkenntnis übt. Aber nun haben wir die ganze Zeit her, in der wir uns von einem gewissen Gesichtspunkte aus mit dem Wesen des Menschen beschäftigt haben, gefunden: diese Gedanken, namentlich die Gedanken, die der Mensch seit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts, seit der Zeit des Nikolaus Cusanus entwickelt, sind eigentlich als Gedanken tot, sie sind Leichname. Dasjenige, was lebte, lebte im vorirdischen Dasein. Bevor der Mensch als seelisch-geistiges Wesen heruntergestiegen ist auf die Erde, war er in einem geistigen Leben. Dieses geistige Leben ist mit dem Erdenantritt gestorben, und das Gestorbene erlebt er in sich als sein Denken. Das erste, was der Mensch erkennen muß, ist, daß er zwar in der neueren Zeit zu einer wirklichen Selbsterkenntnis kommen kann, zu einer Erkenntnis seiner selbst als eines geistig-seelischen Wesens, daß aber das, was sich dieser Selbsterkenntnis ergibt, ein Totes, ein geistig Leichnamhaftes ist und daß eben in dieses Tote, in dieses geistig Leichnamhafte hineinfließen muß dasjenige, was aus dem Willen kommt, aus jenem Willen, von dem ich gestern gesagt habe, daß er vom Einschlafen bis zum Aufwachen eigentlich im Nichts drinnen, verankert im astralischen Leibe und in dem Ich ist. Das Ich muß hineinschießen in die toten Gedanken und muß sie beleben.
[ 7 ] Daher war im Grunde genommen in alten Zeiten alle Sorgfalt während der Einweihung darauf gerichtet, im Menschen etwas abzudämpfen. Eigentlich war die alte Einweihung eine Art Beruhigung der inneren menschlichen Fähigkeiten und Kräfte. Wer den Gang der alten Einweihung verfolgt, wird finden, daß der Mensch im wesentlichen dabei eine Einweihungserziehung durchmachte, die ihn dahin führte, die innere, wenn ich so sagen darf, Aufgeregtheit zu beschwichtigen, herabzudämpfen die sonst im gewöhnlichen Leben vorhandene, innere Emotionalität, damit das, was der Mensch im gewöhnlichen Leben hatte, das Angefülltsein seines ganzen Wesens mit noch göttlich-geistigen Kräften, die den Kosmos durchweben und durchleben, herabgedämpft würde und er bewußt in eine Art von Schlaf versinke, auf daß er in diesem zu einer Art von Schlaf herabgedämpften Bewußtsein dann erwecken könne, was er sonst nur nach dem Tode erlebt: das ruhige Denken, das Sich-Fühlen als Individualität. Es war also das alte Einweihungssystem eine Art Beruhigungssystem.
[ 8 ] Für die Gegenwart ist dem Menschen vielfach diese Sehnsucht nach der Beruhigung geblieben, und er fühlt sich dann wohl, wenn ihm alte Einweihungsprinzipien aufgewärmt werden und er wiederum zu ihnen hingeführt wird. Aber es entspricht das nicht mehr der Wesenheit des modernen Menschen. Der moderne Mensch kann nur dadurch an die Einweihung herankommen, daß er sich mit aller Tiefe und mit aller Intensität sagt: Wenn ich in mich selbst hineinschaue, finde ich mein Denken. Aber dieses Denken ist tot. Ich brauche den Tod nicht mehr zu suchen. Ich trage ihn in meinem geistig-seelischen Wesen in mir. — Während also hingeführt werden mußte der alte Einzuweihende bis zu der Stufe, wo er den Tod erlebte, müßte sich der moderne Einzuweihende immer mehr und mehr klarmachen: Ich habe ja in meinem seelisch-geistigen Leben den Tod. Ich trage ihn ja in mir. Ich brauche ihn nicht zu suchen. Ich muß im Gegenteil aus einem innerlich willensmäßig-schöpferischen Prinzip heraus die toten Gedanken beleben. — Und auf dieses Beleben der toten Gedanken zielt alles hin, was ich dargestellt habe in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? », auf dieses Einschlagen des Willens in das innere Seelenleben, damit der Mensch aufwache. Denn während das alte Einweihen eine Art Einschläfern sein mußte, muß das neue Einweihen eine Art Aufwecken sein. Es muß dasjenige, was der Mensch unbewußt während des Schlafes durchlebt, hereingetragen werden gerade ins intimste Seelenleben. Es muß der Mensch durch Aktivität dazu gelangen, sich innerlich aufzuwecken.
[ 9 ] Dazu ist notwendig, daß man den Begriff des Schlafens in all seiner Relativität erfasse. Man muß sich klar sein darüber, was die anthroposophische Erkenntnis mit Bezug auf diese Idee vom Schlaf eigentlich gegenwärtig ist. Stellen wir nebeneinander zwei Menschen, von denen der eine von all den Dingen nichts weiß, die in der anthroposophischen Erkenntnis dargeboten werden, und stellen wir daneben einen Menschen, der wirklich mit innerem Anteil, mit innerem Interesse, nicht bloß mit passivem Zuhören oder in passivem Lesen, sondern mit innerem Interesse das Anthroposophische aufgenommen hat: dann ist derjenige, der das Anthroposophische nicht aufgenommen hat, wie ein Schläfer gegenüber dem, der das Anthroposophische aufgenommen hat und im Anthroposophischen so erweckt ist, wie der Mensch des Morgens erweckt wird, wenn er aus der Bewußtlosigkeit in seinen physischen Leib eintaucht. Und wir bekommen die richtige Stellung innerhalb der Anthroposophie, wir bekommen die richtige Orientierung für die anthroposophische Bewegung nur dann, wenn wir sie so betrachten, daß sie uns etwas gibt wie das Aufwachen am Morgen, wenn wir das Herankommen an die Anthroposophie im rechten Sinne vergleichen mit dem, was wir fühlen, wenn wir aus der Bewußtlosigkeit des Schlafes übergehen in das Wahrnehmen einer äußeren Welt. Wenn wir das auch im Gefühl haben können: So wie das Untertauchen in den physischen Leib beim Aufwachen uns eine Welt gibt, nicht nur eine Erkenntnis, sondern eine Welt gibt, so gibt uns das Untertauchen in anthroposophische Erkenntnis eine Welt, eine Erkenntnis, die nun nicht bloß Erkenntnis ist, sondern die eine Welt ist, eine Welt, in die hinein wir aufwachen. Solange wir das Anthroposophische nur anschauen als ein anderes Weltbild, solange haben wir nicht die richtige Empfindung gegenüber der Anthroposophie. Wir haben nur die richtige Empfindung gegenüber der Anthroposophie, wenn der Mensch, der Anthroposoph wird, fühlt, daß er in der Anthroposophie erwacht. Und er erwacht, wenn er sich sagt: Die Begriffe und Ideen, die mir die Welt vorher gegeben hat, sind Begriffsund Ideenleichname, sind tot. Die Anthroposophie weckt mir diesen Leichnam auf.
[ 10 ] Wenn Sie das im richtigen Sinne verstehen, dann werden Sie hinauskommen über all das, was oftmals gesagt wird gegen die Anthroposophie und das Verstehen der Anthroposophie. Man sagt: Ja, der Mensch, der nicht Anthroposoph ist, lernt heute etwas in der Welt. Das wird ihm bewiesen. Das kann er also verstehen, weil es ihm bewiesen wird. In der Anthroposophie werden bloß Behauptungen hingestellt, die unbewiesen bleiben — so sagt ja die Welt sehr häufig. Aber die Welt weiß nicht, wie es sich mit dem, was sie da für bewiesen hält, in Wirklichkeit verhält. Die Welt müßte eben darauf kommen, daß all die Naturgesetze, all die Gedanken, die sich der Mensch bildet aus der Welt heraus, daß die, wenn er sie richtig erlebt, etwas T'otes sind. Was ihm also bewiesen wird, ist etwas Totes. Er kann es nicht verstehen. Erst wenn man anfängt, dasjenige, was heute die gewöhnliche Weltanschauung ist, als etwas Totes zu empfinden, dann sagt man sich: Ich verstehe ja gerade das nicht, was mir bewiesen wird, so wie ich einen Leichnam nicht verstehe, weil er das Übriggebliebene ist von einem Lebendigen. Ich verstehe einen Leichnam nur, wenn ich weiß, inwiefern er vom Leben durchwellt war.
[ 11 ] Und so muß man sich sagen: Dasjenige, was heute als bewiesen gilt, das kann eben in Wirklichkeit bei einer tieferen Erfassung nicht verstanden werden. Und eigentlich schlägt erst das Verständnis in das, was sonst heute von der Zivilisation geboten wird, ein, wenn man den Funken der Anthroposophie hineinschlagen läßt. — Derjenige hat recht, der, sagen wir, einem bloßen Naturgelehrten von heute, der zu ihm kommt und sagt: Ich kann meine Sache beweisen, du kannst sie nicht beweisen — ihm dann erwidert: Gewiß, du kannst alles in deiner Art beweisen, aber gerade das, was du mir bewiesen hast, wird für mich erst verständlich, wenn ich den Funken der Anthroposophie hineinschlagen lasse. — Das müßte die Auskunft eben sein, die aus einem voll von lebendigem Geistesleben durchdrungenen Herzen heraus der Anthroposoph dem Nichtanthroposophen erwidern kann. Der Anthroposoph müßte sagen: Du schläferst dich ja ein mit deinem Naturwissen; du schläferst dich so weit ein, daß du sagst: Ich habe Grenzen des Naturwissens, ich kann ja gar nicht aufwachen, ich kann nur konstatieren, daß ich mit meinem Naturwissen überhaupt nicht ans Geistige herankomme. Du hast ja noch eine Theorie für deinen Schlaf, für die Berechtigung deines Schlafes. Ich will aber gerade diese Theorie von der Berechtigung deines Schlafes dadurch widerlegen, daß ich das, was da Schlaf ist, zum Aufwachen bringe.
[ 12 ] Auf so etwas habe ich aufmerksam gemacht in dem ersten Kapitel meines Buches «Von Seelenrätseln ». Ich habe dort das ausgesprochen, was aber in Vorträgen immer wiederholt worden ist, daß der Mensch, der bei der gegenwärtigen Zivilisation bleibt, eben sagt, man kommt an allerlei Grenzen des Erkennens, über die man nicht hinaus kann. Da beruhigt er sich. Dieses Beruhigen heißt aber nichts anderes als, er will nicht aufwachen, er will schlafend bleiben. Derjenige, der nun hinein will im heutigen Sinne in die geistige Welt, der muß gerade dort mit den inneren Seelenaufgaben zu ringen anfangen, wo der andere Grenzen des Erkennens setzt. Und indem er das Ringen mit diesen Ideen, die da an die Grenze gesetzt werden, beginnt, eröffnet sich ihm stufenweise, schrittweise der Ausblick in die geistige Welt. Man muß eben das, was in Anthroposophie dargeboten wird, so nehmen, wie es gewollt ist.
[ 13 ] Nehmen Sie dieses erste Kapitel in «Von Seelenrätseln». Es mag ja unvollkommen geschrieben sein, aber man kann doch jedenfalls herausfinden, in welcher Absicht es geschrieben ist. Es ist in der Absicht geschrieben, daß man sich sagt: Wenn ich stehenbleibe in der gegenwärtigen Zivilisation, so ist eigentlich für mich die Welt mit Brettern verschlagen. Naturerkenntnis: man schreitet weiter, dann kommen die Bretter, da ist mir die Welt verschlagen. — Was in diesem ersten Kapitel «Von Seelenrätseln» steht, ist der Versuch, mit Spaten diese Bretter wegzuschlagen. Wenn man dieses Gefühl hat, daß man eine Arbeit verrichtet, um die Bretter, mit denen die Welt verschlagen ist seit Jahrhunderten, mit Spaten wegzuschlagen, wenn man die Worte eben als Spaten ansieht, dann kommt man an das Seelisch-Geistige heran.
[ 14 ] Die meisten Menschen haben das unbewußte Gefühl: solch ein Kapitel, wie das erste Kapitel «Von Seelenrätseln», ist eben mit der Feder geschrieben, aus der die Tinte fließt. Es ist nicht mit der Feder geschrieben, sondern es ist geschrieben mit seelischen Spaten, welche die Bretter, die die Welt verschlagen, niederreißen möchten, das heißt, die Grenzen des Naturerkennens beseitigen möchten, aber beseitigen möchten durch innere Seelenarbeit. Also es muß mitgearbeitet werden in seelischer Betätigung bei dem Lesen eines solchen Kapitels.
[ 15 ] Es ist ganz merkwürdig, was für Ideen entstehen gerade an der Hand der anthroposophischen Bücher. Ich begreife diese Ideen, widerspreche ihnen oftmals nicht, weil sie für den einzelnen ihren Wert haben; aber nehmen wir zum Beispiel die «Geheimwissenschaft». Es sind Leute gekommen, die meinen, für diese «Geheimwissenschaft » von mir etwas tun zu können, wenn sie die ganze «Geheimwissenschaft» malen, so daß sie in Bildern vor den Leuten stehen würde. Es ist diese Sehnsucht entstanden. Es sind sogar Proben davon geliefert worden. Ich habe nichts dagegen; wenn diese Proben gut sind, so kann man sie sogar bewundern, es ist ja ganz schön, solche Dinge zu machen. Aber aus welcher Sehnsucht gehen sie hervor? Sie gehen aus der Sehnsucht hervor, das Wichtigste, was an der «Geheimwissenschaft» entwickelt wird, wegzunehmen und vor den Menschen Bilder hinzustellen, die wieder Bretter sind. Denn worauf es ankommt, das ist — so wie unsere Sprache und wie das scheußliche Schreiben geworden ist, dieses furchtbare Schreiben oder gar das Druckenlassen —, das nun zu nehmen, wie es einmal ist, sich nicht aufzulehnen gegen das, was die Zivilisation gebracht hat, und das so zu nehmen, daß der Leser es auch sogleich überwinden kann, daß er sogleich herauskommt und nun die ganzen Bilder sich selber macht, die eingeflossen sind in die scheußliche Tinte, sie sich also selber erschafft. Je individueller jeder selber diese Bilder erschafft, desto besser ist es. Wenn das ihm ein anderer vorwegnimmt, so vermauert er ihm ja wiederum die Welt. Ich will ja nicht eine Philippika halten gegen die malerische Ausgestaltung dessen, was in der «Geheimwissenschaft» in Imaginationen dargestellt ist, selbstverständlich nicht, aber ich möchte nur auf das hinweisen, was als ein erlebendes Aufnehmen dieser Sache im Grunde genommen für jeden notwendig ist.
[ 16 ] Diese Dinge müssen heute in der richtigen Weise verstanden werden. Man muß eben dazu kommen, die Anthroposophie nicht nur als etwas zu nehmen, wo hinein man sich in derselben Weise vertieft, wie man sich in anderes vertieft, sondern man muß sie als etwas nehmen, was ein Umdenken und Umempfinden voraussetzt, was voraussetzt, daß der Mensch sich anders macht, als er vorher war. Man kann also, wenn zum Beispiel aus der Anthroposophie heraus, sagen wir, ein astronomisches Kapitel vorgetragen wird, nun nicht dieses astronomische Kapitel nehmen und es vergleichen mit der gewöhnlichen Astronomie und nun anfangen, hin und her zu beweisen und zu widerlegen. Das hat gar keinen Sinn, sondern man muß sich klar sein darüber: das aus der Anthroposophie geschöpfte astronomische Kapitel ist erst verständlich, wenn eben das Umdenken und Umempfinden da ist. Wenn also irgendwo heute eine Widerlegung irgendeines anthroposophischen Kapitels erscheint und dann eine mit denselben Mitteln wie die Widerlegung erschienene geschriebene Verteidigung da ist, dann ist dadurch gar nichts getan, eigentlich wirklich gar nichts getan, denn man redet hinüber und herüber mit derselben Denkweise. Darauf kommt es gar nicht an, sondern es kommt darauf an, daß von einem neuen Leben die Anthroposophie getragen werde. Und das ist heute durchaus notwendig.
[ 17 ] Es ist ganz merkwürdig, was für Ideen entstehen gerade an der Hand der anthroposophischen Bücher. Ich begreife diese Ideen, widerspreche ihnen oftmals nicht, weil sie für den einzelnen ihren Wert haben; aber nehmen wir zum Beispiel die «Geheimwissenschaft». Es sind Leute gekommen, die meinen, für diese «Geheimwissenschaft» von mir etwas tun zu können, wenn sie die ganze «Geheimwissenschaft» malen, so daß sie in Bildern vor den Leuten stehen würde. Es ist diese Sehnsucht entstanden. Es sind sogar Proben davon geliefert worden. Ich habe nichts dagegen; wenn diese Proben gut sind, so kann man sie sogar bewundern, es ist ja ganz schön, solche Dinge zu machen. Aber aus welcher Sehnsucht gehen sie hervor? Sie gehen aus der Sehnsucht hervor, das Wichtigste, was an der «Geheimwissenschaft» entwickelt wird, wegzunehmen und vor den Menschen Bilder hinzustellen, die wieder Bretter sind. Denn worauf es ankommt, das ist — so wie unsere Sprache und wie das scheußliche Schreiben geworden ist, dieses furchtbare Schreiben oder gar das Druckenlassen —, das nun zu nehmen, wie es einmal ist, sich nicht aufzulehnen gegen das, was die Zivilisation gebracht hat, und das so zu nehmen, daß der Leser es auch sogleich überwinden kann, daß er sogleich herauskommt und nun die ganzen Bilder sich selber macht, die eingeflossen sind in die scheußliche Tinte, sie sich also selber erschafft. Je individueller jeder selber diese Bilder erschafft, desto besser ist es. Wenn das ihm ein anderer vorwegnimmt, so vermauert er ihm ja wiederum die Welt. Ich will ja nicht eine Philippika halten gegen die malerische Ausgestaltung dessen, was in der «Geheimwissenschaft» in Imaginationen dargestellt ist, selbstverständlich nicht, aber ich möchte nur auf das hinweisen, was als ein erlebendes Aufnehmen dieser Sache im Grunde genommen für jeden notwendig ist.
[ 18 ] Diese Dinge müssen heute in der richtigen Weise verstanden werden. Man muß eben dazu kommen, die Anthroposophie nicht nur als etwas zu nehmen, wo hinein man sich in derselben Weise vertieft, wie man sich in anderes vertieft, sondern man muß sie als etwas nehmen, was ein Umdenken und Umempfinden voraussetzt, was voraussetzt, daß der Mensch sich anders macht, als er vorher war. Man kann also, wenn zum Beispiel aus der Anthroposophie heraus, sagen wir, ein astronomisches Kapitel vorgetragen wird, nun nicht dieses astronomische Kapitel nehmen und es vergleichen mit der gewöhnlichen Astronomie und nun anfangen, hin und her zu beweisen und zu widerlegen. Das hat gar keinen Sinn, sondern man muß sich klar sein darüber: das aus der Anthroposophie geschöpfte astronomische Kapitel ist erst verständlich, wenn eben das Umdenken und Umempfinden da ist. Wenn also irgendwo heute eine Widerlegung irgendeines anthroposophischen Kapitels erscheint und dann eine mit denselben Mitteln wie die Widerlegung erschienene geschriebene Verteidigung da ist, dann ist dadurch gar nichts getan, eigentlich wirklich gar nichts getan, denn man redet hinüber und herüber mit derselben Denkweise. Darauf kommt es gar nicht an, sondern es kommt darauf an, daß von einem neuen Leben die Anthroposophie getragen werde. Und das ist heute durchaus notwendig.
[ 19 ] Dringend notwendig ist es, in dieser Phase der Anthroposophischen Gesellschaft gerade über diese Dinge zu sprechen, denn diese Dinge fangen an, in der allergründlichsten Weise mißverstanden zu werden. Zu diesem Zwecke lassen Sie mich heute ein paar Rückblicke machen auf die Art und Weise, wie die Anthroposophische Gesellschaft geworden ist. Sehen Sie, sie ist durchaus nicht dadurch geworden, daß sie das gesucht hat, sondern dadurch, daß es sich aus den Lebensverhältnissen heraus ergeben hat; sie ist geworden, indem sie im Beginne unseres Jahrhunderts in einer gewissen losen, äußerlichen Verbindung mit der Theosophischen Gesellschaft war. Diese Theosophische Gesellschaft, sie hat im wesentlichen sich immer bemüht, alte Einweihungsprinzipien in die Gegenwart hereinzutragen. Das Schicksal hat es so gefügt, daß gerade innerhalb theosophischer Kreise zunächst von Anthroposophie gesprochen werden konnte. Ich habe die Gründe dafür öfter auseinandergesetzt, und ich will sie heute nicht wiederholen. Angedeutet habe ich sie ja in dem ersten Aufsatz, den ich geschrieben habe in der Serie: «Das Goetheanum in seinen zehn Jahren» [in GA 36].
[ 20 ] Aber Anthroposophie mußte sich dazumal als ein Selbständiges herauswinden aus der modernen Auffassung des Geistigen, die, ich möchte sagen, im weitesten Umkreise mehr nach dem Theosophischen hinneigte: nach dem Wiederherauftragen alter Einweihungsmethoden. In welch grotesker Weise diese alten Einweihungsmethoden nicht zusammenstimmen mit dem, was die Forderung der neueren Zivilisation ist, das zeigte sich ja ganz besonders, als so um die Jahre 1907, 1908, 1909, 1910 diese geistige Bewegung, die den theosophischen Charakter hatte, an das Christusproblem herankam. Da produzierte diese theosophische Bewegung die Absurdität von einem in einem gegenwärtigen Menschenkinde verkörperten Christus Jesus. Und daran schlossen sich dann alle übrigen Absurditäten, welche die theosophische Bewegung hervorgebracht hat. Von Anfang an mußte Anthroposophie, im Gegensatz zur Theosophie, hinführen zu einer richtigen Auffassung des Mysteriums von Golgatha. Daher ist in der ersten Periode des anthroposophischen Lebens vorzugsweise die Evangelien-Erklärung dagewesen, die Hinleitung zu einer richtigen Auffassung des Mysteriums von Golgatha. Und in der Zeit, als mit Bezug auf das Mysterium von Golgatha die andere spirituelle Bewegung in die ärgsten Absurditäten verfallen ist, näherte sich die anthroposophische Bewegung immer mehr einer wirklichen realen Auffassung des Mysteriums von Golgatha und ging ihren Weg mit dieser Auffassung des Mysteriums von Golgatha, während die theosophische Bewegung nicht weiter mit ihr verbunden sein konnte.
[ 21 ] Das war die erste Phase des anthroposophischen Strebens. Es war der bedeutsame zusammenhaltende Impuls da, die anthroposophische Bewegung in rechter Weise mit dem Mysterium von Golgatha zu verbinden. Und man kann sagen, daß in dem Augenblicke, als geschrieben werden konnten meine Mysterien, diese Phase zu einer Art vorläufigem Abschluß gekommen war. Daß verbunden sein müsse die anthroposophische Bewegung mit einer richtigen Erfassung des Mysteriums von Golgatha, das war dazumal eine allgemeine Überzeugung unter den Anthroposophen. Und der Schwung, den dazumal die anthroposophische Bewegung hatte bis gegen das Jahr 1908, 1909 und so weiter, dieser Schwung kam daher, daß auf neuere spirituelle Weise ein richtiges Verständnis des Mysteriums von Golgatha erobert wurde, alles so orientiert wurde, daß das Mysterium von Golgatha in der Mitte des Verständnisses stehen konnte. Dadurch bekam die Anthroposophische Gesellschaft dazumal ihren Charakter.
[ 22 ] Aber die Dinge, die im äußeren wirklichen Leben drinnenstehen, machen eine Geschichte durch, und etwas, was voll inneren Lebens sein soll, wie die Anthroposophische Gesellschaft, das macht in schnellerem "Tempo eine Geschichte durch als anderes.
[ 23 ] Eine wichtige Phase zum Beispiel in der anthroposophischen Bewegung, als die Anthroposophie schon vollständig selbständig war gegenüber der Theosophie, war dann diejenige, daß ich in Prag den Vortrags-Zyklus über «Okkulte Physiologie» gehalten habe und daß immer mehr und mehr, ich möchte sagen, auch die Welterkenntnis erobert werden konnte durch das anthroposophische Wissen. Damit konnte der Welt gezeigt werden: Diese Anthroposophie ist nicht etwas in Wolkenhöhen nur mystisch Schwebendes, sondern sie ergreift wirklich das moderne Bewußtsein. Sie rechnet mit dem Heraufkommen der Bewußtseinsseelen-Entwicklung. Sie wagt sich vor in Gebiete, deren Begreifen eben nur mit Spiritualität möglich ist, die aber die Gebiete der menschlichen Weltumgebung sind.
[ 24 ] Und so ging, nachdem gewissermaßen, ich möchte sagen, befestigt war innerhalb der anthroposophischen Bewegung das Mysterium von Golgatha, eine nur bei völligem Ernstnehmen des Mysteriums von Golgatha mögliche wissenschaftliche Bewegung ihre ersten Schritte.
[ 25 ] Das war dann schwer festzuhalten in der Zeit, als in Europa alles drunter und drüber ging, als der Weltkrieg kam. Wir waren in der zweiten Phase der anthroposophischen Bewegung. Wir hatten gewissermaßen das hinter uns, daß wir Zeugnis davon abgelegt hatten: wir wollen mit dem Mysterium von Golgatha fest verbunden sein. Wir hatten eben in Arbeit genommen das Ausdehnen des anthroposophischen Impulses über die verschiedenen Gebiete der Weltzivilisation. Und nun kam die Zeit, in der ja in Europa die Menschen in einem so hohen Maße voneinander getrennt wurden, die Zeit, in der Mißtrauen, Haß überhand nahmen. Eine Zeit kam, in der alles dasjenige lebte, was innerhalb einer anthroposophischen Gemeinschaft nicht leben darf, wenn sie ihren richtigen Lebensimpuls entfalten soll. Und es ist in einer gewissen Weise wirklich gelungen, trotz der Schwierigkeiten, welche damals bestanden, die Anthroposophische Gesellschaft weiterzuführen.
[ 26 ] Bedenken wir die Schwierigkeiten, die bestanden. Eine große Schwierigkeit bestand darin, daß die ursprüngliche Begründung der Anthroposophie von dem deutschen Mitteleuropa ausgegangen war, daß wir unser Goetheanum hier in einem neutralen Gebiet hatten, daß, ich möchte sagen, jedes Zusammenwirken von Menschen, die den verschiedensten europäischen Gebieten angehörten, von vielen Seiten mit ungeheurem Mißtrauen betrachtet worden ist. Jedes Herüber- und Hinüberwirken, jedes Herüber- und Hinüberreisen war ja in jener Zeit eine ungeheure Schwierigkeit. Aber die Schwierigkeiten sind damals überwunden worden, weil sie behandelt worden sind — meine lieben Freunde, das muß schon gesagt werden -, weil sie behandelt worden sind aus anthroposophischem Geiste heraus. Ich weiß, daß mancher, der dazumal in der anthroposophischen Bewegung gestanden hat, manches auch kritisiert hat, übelgenommen hat sogar, weil man nicht immer gleich einsah, was gegenüber den die Welt zerspaltenden Urteilen gerade unternommen werden mußte, um den Zusammenhalt, wie er allein in anthroposophischer Gesinnung sein kann, zu sichern! Und so konnten wir die anthroposophische Bewegung hinleiten über die Schwierigkeiten, die sich während der europäischen Krisiszeit ergeben haben, konnten sie in einer gewissen Weise rein erhalten. Diejenigen Menschen, die geradezu für das Mißtrauen in jener Zeit veranlagt waren, konnten vielfach zum Vertrauen gebracht werden, zu dem Vertrauen, daß sie sich als ganz Außenstehende sagten: Anthroposophie, man mag sich zu ihr stellen, wie man will, sie ist doch etwas, was sich nicht ausnimmt wie ein Ding, dem man Mißtrauen entgegenbringen muß, auch wenn sie mit den verschiedensten Nationen zusammenarbeitet.
[ 27 ] Es konnte eben bis in die Kriegszeiten hinein — wenn es auch von manchem mißverstanden worden ist, wenn auch mancher sich hineingestellt hat in das oder jenes, was dazumal die Menschen anfing zu zerspalten in Europa, und wenn er auch von irgendeinem nationalen Furor aus manches bekrittelt hat, was aus dem Geiste der Anthroposophie heraus gemacht worden ist —, es konnte eben doch, wenn ich so sagen darf, das anthroposophische Schiff durchgesteuert werden durch die großen Schwierigkeiten, die es gab, und es konnte sukzessive fortgearbeitet werden an unserem Goetheanum.
[ 28 ] Man möchte sagen: Diese zweite Phase, in der die Anthroposophie nicht mehr ein Embryo war, wie sie es eben war bis zum Jahre 1908 oder 1909, diese zweite Phase, die dauerte dann etwa bis zum Jahre 1915, 1916. Natürlich - ihre Nachwirkungen blieben vielfach.
[ 29 ] Dann aber begann eine Zeit, wo das Kind naturgemäß reif werden mußte: die dritte Phase der anthroposophischen Bewegung, etwa 1916 beginnend. Ja, meine lieben Freunde, was ist das für eine Zeit? Das ist die Zeit, wo allerlei Persönlichkeiten in der anthroposophischen Bewegung, die sich ja bis dahin bedeutsam vergrößert hatte, Ideen bekamen, Ideen, die dann ganz besonders arg sich auswuchsen in der Nachkriegszeit.
[ 30 ] Das liegt schon in der Natur einer solchen Bewegung, daß die einzelnen in ihr stehenden Persönlichkeiten Ideen bekommen müssen, denn eine solche Bewegung muß in sich reif werden. Wenn sie sich vergrößert, so müssen allmählich führende Persönlichkeiten in ihr erstehen. Und dann war es ja auch richtig, daß einzelne Persönlichkeiten solche Ideen bekamen. Aber was notwendig war, das war eben, daß diese Persönlichkeiten mit eisernem Willen bei diesen Ideen blieben, daß diese Ideen nicht bloß vorgenommen wurden, programmatisch wurden und dann wiederum fallengelassen wurden, sondern daß diese Persönlichkeiten mit eisernem Willen bei diesen Ideen blieben.
[ 31 ] Die Ideen, die sich da verwirklichen wollten bis heute, sind ja alle gut gewesen. Was nicht gut gewesen ist und was anders werden muß, das ist das Verhalten der Persönlichkeiten dazu: Es handelt sich eben um das Gewinnen von Ausdauer in der Verfolgung von Ideen. Da trat notwendigerweise ein neues Element auf.
[ 32 ] Nehmen wir die erste Phase der anthroposophischen Bewegung. Als die Anthroposophie noch ein Embryo war, da konnten die Menschen an die Anthroposophie herankommen und brauchten ja nur aufzunehmen. Es handelte sich in der ersten Phase ja nur darum, aufzunehmen, sich anzuschließen an die Bewegung, aufzunehmen dasjenige, was geboten wurde.
[ 33 ] In der zweiten Phase war es notwendig, daß das Aufnehmen sich etwas vermischte mit einem Verständnis; daß zum Beispiel Leute aus der Welt herankamen, die diese Außenwelt auch wirklich kannten, kannten als Wissenschaftler, kannten als Praktiker; die also ein Urteil gewinnen konnten, daß dasjenige, was ihnen von der Anthroposophie entgegengetragen wurde, auch für Wissenschaft und Lebenspraxis einen Wert habe. Man brauchte aber noch nicht selber tätig zu sein, man brauchte bloß mit einem gesunden Urteil über die Außenwelt das Anthroposophische aufzunehmen. In der ersten Phase der Anthroposophie brauchte man bloß ein Mensch mit einem warmen Herzen und mit einem gesunden Menschenverstande zu sein, und man konnte zu dem Anthroposophischen ja sagen. Gewiß, das muß ja durch alle Phasen der anthroposophischen Bewegung hindurch dasein, daß solche Menschen mit einem warmen Herzen und mit einem gesunden Menschenverstand die Anthroposophie aufnehmen. Aber es muß auch immer einige Menschen geben, welche die andere Welt gründlich kennen und von dem Gesichtspunkt der anderen Welt aus, eben wissenschaftlich oder als Praktiker, dasjenige beurteilen können, was aus geistigen Welten in der Anthroposophie auf die Erde heruntergetragen wird.
[ 34 ] Nun, als die dritte Phase kam, brauchte man tätige Menschen, Menschen, die mit ihrem Willen, aber mit einem ausdauernden Willen an denjenigen Dingen arbeiteten, die als Ideen in ihnen entstanden. Geradesowenig, wie man sich der Illusion hingeben kann, daß ein Kind, das 16 Jahre alt geworden ist, noch zwölfjährig sei, ebensowenig durfte man sich der Illusion hingeben, daß die Anthroposophische Gesellschaft im Jahre 1919 noch dasselbe sein könne, was sie war etwa im Jahre 1907. Es lag in der Natur der Sache, daß jedem Wollen entgegengekommen wurde. Aber es wurde auch immer betont: Solch ein Wollen hat nur dann seine rechte Berechtigung, wenn man dabei bleibt, wenn man mit ausdauerndem Willen dabei bleibt. Nun, das hat eben vielfach gefehlt. Das sage ich nicht als eine Kritik, sondern als etwas, was hinweist auf das, was da kommen muß. Aber ich habe oftmals hingewiesen in einzelnen Fällen auf dasjenige, was kommen muß. Es ist nur in einem Falle meinem Aufmerksammachen von seiten der Führerschaft genügt worden! Das war dazumal, als ich bemerkte, daß es notwendig ist, daß auf einem gewissen Felde eingegriffen werden müsse, und alsdann unser Freund Leinhas dieses Eingreifen übernommen hat. Nur in diesem einen Fall ist eigentlich in der letzten Zeit dasjenige beachtet worden, was ich als eine Notwendigkeit immer wieder und wieder auf dem einen oder auf dem anderen Gebiete bezeichnet habe - ich sage jetzt ausdrücklich: bezeichnet habe - als eine Notwendigkeit der dritten Phase der anthroposophischen Bewegung. Denn im Grunde genommen brauchte ich nicht mich besonders einzusetzen für das, was die Impulse der ersten Phase und der zweiten Phase waren. Die liefen ja fort. Die konnte man dem spirituellen Karma ruhig überlassen. Etwas anderes war es mit dem, was sich durch die Ideen einzelner Persönlichkeiten ja als ein in der Sache Gutes herausgebildet hatte, was aber nur weiter gut sein kann, wenn der ausdauernde Wille der einzelnen Persönlichkeiten in die Dinge wirklich eingreift. Aber so dürfen sie eben nicht verlaufen, wie sie in der letzten Zeit vielfach verlaufen sind.
[ 35 ] Ich will ein Beispiel herausheben. Nehmen wir an, daß unter den vielerlei Dingen, die aus Ideen heraus gingen, auch der sogenannte Hochschulbund war. Ja, meine lieben Freunde, dieser Hochschulbund mußte entweder ernstes Wollen, das nicht nachließ, in sich bergen, oder er war ein totgeborenes Kind. Das ist etwas, was ich bereits bei seiner Begründung ausdrücklich sagte.
[ 36 ] Was hat eine solche Aussage für einen Sinn, meine lieben Freunde? Doch nur den, daß man die Leute darauf aufmerksam macht: Ihr müßt wissen, wenn Ihr in eurem Wollen nachlaßt, dann geht die Sache schief. Was ist aus dem Hochschulbund geworden? In Deutschland ist etwas daraus geworden, was nur die Vertreter des Alten ärgert, zu Feinden macht, weil eben das energische Wollen nicht dahinter stand. In der Schweiz ist der Hochschulbund überhaupt niemals richtig geboren worden; daher konnte auch nicht ein durchgreifendes Wollen so etwas durchzucken wie dasjenige, was den ersten Veranstaltungen innerhalb unseres untergegangenen Goetheanum den Charakter gegeben hat: die Hochschulvorträge. Sie sind, weil keine Stoßkraft dahintersteckt, im Grunde genommen doch ganz unwirksam geblieben. Sie haben aber Feinde gemacht. Und darin bestand ein großer Teil der dritten Phase unserer anthroposophischen Bewegung: in dem Erregen von Feindschaften, von Gegnerschaften, die nicht notwendig sind, wenn ein energisches Wollen hinter der Sache steht. Natürlich, Feindschaften ergeben sich; aber sie sind wirkungslos, wenn sie nicht in einer gewissen Weise berechtigt sind. Und es muß immer das gelten, daß gesagt werden könne: Mögen Feindschaften noch so viele entstehen, sie dürfen auch nicht einmal einen Schein von einer Berechtigung haben, so vehement sie auch auftreten.
[ 37 ] Ich habe ja immer wieder, auch hier an dieser Stelle, aufmerksam darauf gemacht, daß es so ist — aber sehen wir, wie es gekommen ist. Nicht wahr, es ist ja natürlich, daß gerade an diejenige Bewegung, die so recht aus dem Aufkeimen der Bewußtseinsseelen-Entwickelung aufgeht, daß gerade an diese Bewegung die Jugend herankommt. Man muß sich freuen, daß die Jugend herankommt. Aber wie steht heute die Jugend zu dem, was Anthroposophische Gesellschaft ist? Die Jugend steht heute so dazu, daß sie sagt: Das kann man nicht ernst nehmen. — Ich will jetzt gar nicht darüber sprechen, ob dieses Urteil berechtigt ist oder nicht, aber es ist eben da, und man muß im Leben mit den Tatsachen rechnen.
[ 38 ] Für diese Tatsache möchte ich Ihnen nur ein einziges äußeres, auch tatsächliches Zeugnis geben. Vor einiger Zeit fand sich ein Kreis von jungen Leuten in Stuttgart zusammen, um wirklich sich mit vollem Herzen der anthroposophischen Bewegung zu ergeben. Die Leute hatten den besten Sinn, sich der anthroposophischen Bewegung zu ergeben. Ich war hier beschäftigt, konnte nicht gleich am ersten Tag, nachdem sich die Leute dort in Stuttgart versammelt hatten, anwesend sein, und deshalb sprach ich einem der Mitglieder des Zentralvorstandes gegenüber den Wunsch aus, er möge zunächst mich am ersten Abend durch einen Vortrag vertreten, er möge den jungen Leuten einen Vortrag halten. Er ist hingegangen und hat ihnen den Antrag gemacht. Die haben gesagt: Wir danken schön, wir wollen von Ihnen keinen Vortrag haben.
[ 39 ] Nun, meine lieben Freunde, Sie können sagen: Das war grob. — Meinetwillen sagen Sie das; aber es hat keine Gültigkeit, wenn Sie das sagen. Die Tatsache war da, daß die Leute von vornherein überzeugt waren: Da ist keine Verständigung möglich; der sagt uns nicht etwas, was an unsere Herzen heranschlägt. — Und ich fand in Stuttgart die Situation vor, daß die Jugend versammelt war und eigentlich die bisherige anthroposophische Führung ganz ohne jegliche Fühlung mit ihr war. Die Leute waren sich ganz selbst überlassen, die nun wirklich mit warmem Herzen herankamen an die anthroposophische Bewegung.
[ 40 ] Solch eine Art, sich zu den anderen zu verhalten, war in der ersten und zweiten Phase der anthroposophischen Bewegung durchaus möglich; in der dritten Phase war es nicht mehr möglich, weil es in der dritten Phase anfing, auf den einzelnen Menschen anzukommen in der anthroposophischen Bewegung. Und wie gesagt, das alles ist nicht gesagt, um jemandem etwas am Zeuge zu flicken, das alles ist nicht gesagt, um eine Kritik auszubilden; das alles ist gesagt, weil es mir unendliches Leiden verursacht hat, weil ich sah, daß die Persönlichkeiten, die in der Anthroposophischen Gesellschaft da oder dort das Ruder ergreifen wollten, eben doch nicht durchaus aus anthroposophischem Geiste heraus walten wollten. Und ich habe es ja immer versichert, es ist Unsägliches, was ich leiden mußte dadurch, daß konstatiert werden konnte: Diese dritte Phase der anthroposophischen Bewegung will nicht so vorwärtskommen, wie sie vorwärtskommen sollte, weil zu viele bloße Ideen da sind und das energische Wollen dahinter fehlt.
[ 41 ] Es ist ja ein gewisser schicksalsmäßiger Zusammenhang, daß, als uns das große Unglück getroffen hat hier mit dem Goetheanum, es besonders ansichtig wurde, daß eigentlich der Schaden der Anthroposophie im Nichttun liegt, im Nicht-angreifen-Wollen liegt. Und dadurch sind wir eben in diejenigen Konflikte hineingetrieben worden, die heute im Schoße der Anthroposophischen Gesellschaft vorhanden sind, und die zu nichts anderem führen sollten als eben zur um so kraftvolleren Gesundung. Aber dazu muß auch wirklich erst ehrlich eingesehen werden, was notwendig ist. Dazu ist vor allen Dingen das notwendig, daß man sich nicht Illusionen hingibt über die Tatsachen, die allmählich in eine Art von Sackgasse getrieben haben. Eine Illusion wäre es durchaus, wenn wir in etwas anderem als in dem Nicht-beider-Stange-Bleiben gewisser Persönlichkeiten den Schaden sehen würden. Ilusionen verträgt aber heute die Anthroposophische Gesellschaft nicht mehr. Sie verträgt auch das nicht, daß eine bloße unfruchtbare Kritik geübt würde an dem Vergangenen, sondern sie verträgt nur, daß man tatsächlich auf das hinweist, was notwendig ist. Und das ist, zu erkennen, daß der Wunsch kein Wille ist, daß man nicht sagen darf, ich habe den besten Willen, wenn sich dieser beste Wille in drei Wochen so erweist, daß er eben gar kein Wille ist, sondern daß man sich dann hingesetzt hat auf seinen Stuhl und eben dem Titel nach das gewesen ist, was man auf diesem Stuhle ist, aber eben nur den passiven guten Willen gehabt hat. Aber passiver guter Wille ist ein Contradictio in adjecto. Der Wille ist nur ein guter Wille, wenn er tätig ist. Das verträgt die anthroposophische Bewegung in ihrer dritten Phase nicht, daß man Resolutionen faßt: Wir stellen uns zur Verfügung. Das ist das schlimmste Verkennen, wenn man solche Resolutionen faßt, das schlimmste Verkennen der eigentlichen Aufgaben.
[ 42 ] Das, um was es sich handelt, ist das Eingreifen eines jeden an der Stelle, an der er steht, und nicht beim Wunsche stehen bleiben, sondern den Willen entwickeln. Es könnte scheinen, meine lieben Freunde, als ob ich heute ein trübes Bild entwerfen wollte von dem, was im Schoße der anthroposophischen Bewegung ist. Das will ich nicht. Aber auf der anderen Seite darf ich gerade keine Illusionen erwecken beziehungsweise ja nichts dazu beitragen, Illusionen zu erwekken. Denn es handelt sich darum, daß wir nur weiterkommen, wenn wir ein solches Bewußtsein erfassen, wie es charakterisiert worden ist.
[ 43 ] Aber sehen Sie, meine lieben Freunde, ich sage nur: Die zweite Phase der anthroposophischen Bewegung hat die Notwendigkeit gebracht, über das äußere Weltgemäße sich auszubreiten. Ich sagte auch: Diejenigen, die von der Welt gelernt haben in Wissenschaft oder Praxis, mußten herankommen als Urteilfällende. - In der dritten Phase fanden sich dann zahlreiche solche Persönlichkeiten, die meinten: Ja, jetzt müssen wir was tun, jetzt müssen wir anfangen, etwas zu tun! — Sie machten sich auch Vorsätze. Aber Tätigkeit liegt nicht darin.
[ 44 ] Wir haben in der dritten Phase — nun, ich will gar nicht sagen wie viele —- Forscher auf den verschiedensten wissenschaftlichen Gebieten unter uns. Ich will gar nicht sagen, wie viele! Wenn ich sie Ihnen zusammenzählen würde, würden Sie große Augen machen. Diese Forscher sind nach ihrer Ansicht von dem besten Willen beseelt. Nach meiner Ansicht sind sie außerordentlich fähig. Ich vertrete auch hier die Ansicht, daß es an Fähigkeiten gar nicht fehlt. Im Gegenteil, in den letzten Jahren haben wir sogar durch eine wunderbare Auslese fähigste Leute wie auf einem Haufen zusammengebracht, hier und in Stuttgart. Die Ausrede gilt nicht, daß es an Fähigkeiten fehlt; aber an Wille fehlt es. Und sobald man von diesem Willen redet, dann ergeben sich die merkwürdigsten Dinge.
[ 45 ] Wir haben es bei dem hiesigen naturwissenschaftlichen Kursus erlebt, daß von einem unserer Forscher ein Vortrag angekündigt war. Er ist nicht gekommen! Wie zum Hohn ist er aber ein paar Stunden darauf gekommen. Ja, meine lieben Freunde, wenn nicht das Gefühl für die Verpflichtung besteht innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft, dann geht es eben nicht. Und will man die Dinge anfassen, dann glitschen sie einem kurioserweise aus den Händen; sie glitschen einem wirklich aus den Händen. Denn ich wollte zum Beispiel gerade dieses «Problem», möchte ich sagen, das es für mich geworden ist, daß einer unserer Forscher einfach sich absentiert, seinen Vortrag schwänzt - ich wollte das in gehöriger Weise anfassen; da bekam ich ungefähr die Antwort, daß er ja gar nicht einmal richtig wisse, wie er auf das Programm in Dornach komme! — Ja, meine lieben Freunde, wenn einem die Probleme so aus den Händen glitschen, dann ist eben wirklich ein zusammenstimmendes energisches Wollen nicht da.
[ 46 ] Das aber brauchen wir gerade. Wir brauchen nicht ein Auseinanderfallen von allerlei Wünschen und von allerlei, was man oftmals den guten Willen nennt, sondern wir brauchen ein pflichttreues Wollen. Alle Dinge können gedeihen, wenn die Menschen sie in der richtigen Weise anfassen. Denn was nicht die Möglichkeit seines Gedeihens in sich trägt, wird schon innerhalb der anthroposophischen Bewegung nicht unternommen. Aber den Willen, den wirklich guten, das heißt kräftigen Willen der mitwirkenden Persönlichkeiten, den brauchen wir. Kurulische Stühle vertragen wir nicht, sondern tätige Persönlichkeiten brauchen wir.
[ 47 ] Meine lieben Freunde, die Situation, daß ich das aussprechen muß, habe nicht ich herbeigeführt, sondern es sind die Persönlichkeiten selbst, die sich zur Verfügung gestellt haben, alles mögliche zu tun. Es ist von anderer Seite das herausgewachsen. Deshalb handelt es sich heute darum, daß auch die Verantwortlichkeiten in breitestem Umfange geschärft werden, daß wirklich die Verantwortlichkeiten gepflegt und gehegt werden und auch verlangt werden.
[ 48 ] Das ist dasjenige, was ich Ihnen sagen wollte, denn wir sind noch immer nicht zu Ende mit den jetzigen Reisen nach Stuttgart. Ich muß morgen wieder dahin. Der nächste Vortrag wird am nächsten Freitag sein. Heute nachmittag wird dann hier eine Eurythmie-Vorstellung um 5 Uhr stattfinden. Ich bitte noch einmal, den zweiten Weg nicht zu scheuen; die Vorbereitungen zur Reise machten es notwendig, daß sich dieser Vortrag nicht anschließt an die Eurythmie-Darbietung, sondern daß er eben am Vormittag gehalten werden muß.
