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Erdenwissen und Himmelserkenntnis
GA 221

9 Februar 1923, Dornach

4. Erdenwissen und Himmelserkenntnis. Der Mensch als Bürger Des Universums Und Der Mensch als Erdeneremit

[ 1 ] Die vorangehenden Betrachtungen haben sich im wesentlichen damit beschäftigt, zu zeigen, wie sich der Mensch in der heutigen Zeit ein Bewußtsein verschaffen kann über seine gegenwärtige Stellung in der Menschheitsentwickelung der Erde. Man macht sich ja auch in den Kreisen, die heute nichts wissen wollen von einer Erkenntnis geistiger Welten, irgendeinen Begriff von diesem Bewußtsein eines Verhältnisses des Menschen zum Weltenall. Und etwas, was in dieser Beziehung, in dieser Richtung heute viel ausgesprochen wird, wollen wir uns einmal vor die Seele rufen. Es wird ja auch da, wo alle Anschauungen über das Weltenall aus dem äußeren Sinnengeschehen und der verstandesmäßigen Erfassung dieses Sinnengeschehens hergeleitet werden, davon gesprochen, wie das ganze Weltbewußtsein des modernen Menschen im Laufe der letzten Jahrhunderte ein anderes geworden ist. Es wird da hingewiesen auf den großen Umschwung, der in diesem Weltbewußtsein des Menschen eingetreten ist durch die Kopernikanische Weltanschauung.

[ 2 ] Wir brauchen ja nur in die Jahrhunderte zurückzublicken, die der Kopernikanischen Weltanschauung vorangegangen sind, wir brauchen zum Beispiel nur zurückzublicken auf die auch hier in der letzten Zeit wieder erwähnte scholastische Weltanschauung, und wir finden, daß für diese Weltanschauung in den Sternenwelten geistige Kräfte und geistige Wesenheiten anwesend waren. Wir vernehmen, wie die Scholastiker gesprochen haben von den Bewohnern der Sterne, die höheren Hierarchien in der Wesensentwickelung angehören.

[ 3 ] Es haben also die Menschen dieser Weltanschauung den Blick hinausgerichtet in das Weltenall, haben hingesehen nach den Planeten unseres Planetensystems, nach den anderen Sternen des Sternenhimmels, und sie haben ein Bewußtsein davon entwickelt, daß nicht bloß ätherisch-materielles Licht aus den Sternenwelten zu ihnen herunterdringt, sondern daß gewissermaßen in die Seelen hereinfallen beim Anblicke des Sternenhimmels die Blicke von geistigen Wesenheiten, deren äußere Verkörperung in den Sternen zu sehen ist. Es ist dann so geworden, daß heute, wenn der Mensch hinausblickt nach den Planeten, nach den anderen Sternen, er vor allen Dingen sich ein Bild davon macht, wie materielle und von Äther durchdrungene Körper frei im Weltenraume schwebend sind, wie Lichtwirkungen von diesen Sternen ausgehen. Aber keineswegs denkt der Mensch daran, daß ihn von diesen Sternen aus die Blicke von geistigen Wesenheiten höherer Hierarchien treffen.

[ 4 ] Entseelt und entgeistet ist das Weltenall für den modernen Menschen geworden. Und im Bereiche des Erdendaseins fand der Mensch der älteren Zeit dasjenige, was innig zusammenhing in bezug auf das geistige Leben mit dem geistigen Leben des Universums. In den geistigen Wesenheiten der anderen Sterne waren schöpferische Kräfte, die etwas zu tun hatten mit dem, was sich hier im Menschen geistig-seelisch entwickelt, geistig-seelisch-körperlich, können wir auch sagen. Die Menschen haben hinaufgesehen, sagen wir zu dem Saturn. Sie haben in den Kräften, die mit den Lichtstrahlen von dem Saturn zur Erde herunterkommen, diejenigen Kräfte gesehen, welche in das menschliche Wesen hereinwirken und in diesem menschlichen Wesen die Kraft des Gedächtnisses bewirken. Sie haben hinaufgesehen zum Jupiter, haben den Jupiter verbunden gesehen mit geistigen Wesenheiten höherer Hierarchien, die ihre Wirkungen hereinsenden in den Menschen, so daß die Folge dieser Wirkungen im Menschen die Ausbildung der Kraft der Phantasie ist. Sie haben zum Mars hinaufgesehen: sie waren der Anschauung, daß die Kräfte, die von den geistigen Wesenheiten des Mars in den Menschen hereinwirken, dem Menschen die Kraft der Vernunft geben.

[ 5 ] So sah der Mensch einer älteren Menschheitsentwickelung der Erde hinauf zu dem Sternenhimmel und sah im Sternenhimmel die Ursprünge desjenigen, was er in sich selber geistig-seelisch-körperlich wahrnahm. Es fühlte sich der Mensch zusammengehörig mit Wesen höherer Hierarchien, und die äußeren Offenbarungen dieser Wesen höherer Hierarchien sah der Mensch in den Sternen.

[ 6 ] Gleichzeitig mit dem Heraufkommen der Kopernikanischen Weltanschauung ist auch dieses Weltbild entfallen. Denn man wird es begreiflich finden, daß eine Erde, welche man unter dem Einflusse unermeßlich vieler geistiger Wesenskräfte des Universums sah, für den Menschen, man möchte sagen, auch eine Gabe des ganzen Universums war, daß der Mensch, indem er auf der Erde lebte, in dieser Erde eben den Zusammenfluß der Wirkungen unzähliger Wesenheiten sah. Der Mensch fühlte sich gewissermaßen als Erdenbürger, aber, indem er sich als solcher fühlte, zu gleicher Zeit als ein Bürger des Universums.

[ 7 ] Er sah hinauf zu den Göttern, verehrte seine Götter, aber sprach von diesen Göttern so, daß in ihren Absichten es gelegen hat, den Gang der Menschheitsentwickelung auf der Erde zu bestimmen. Die Erde wurde in ihrer Geschichte, die Erde wurde als Wohnplatz des Menschen erklärlich aus dem, was man vom Kosmos, was man vom Universum begriff. Vom Himmel aus erklärte man sich die Erde, und bei den Göttern suchte man die Absichten für dasjenige, was man im Umkreise des Erdengeschehens sah, und womit man als Mensch innig zusammenhing.

[ 8 ] Das, was sich aus der Kopernikanischen Weltanschauung herausgebildet hat, gibt für den modernen Menschen eben ein ganz anderes Weltenbild. Der Mensch empfand immer mehr, wie die Erde ein unbedeutender Weltenkörper ist, der um die Sonne herumfliegt. Und indem er in der modernen Art nachdachte, welche Beziehung diese Erde zu dem anderen Universum, zum Kosmos hat, konnte er nicht anders, als diese Erde ein Staubkorn im Universum zu nennen. Ihm kamen alle anderen Himmelskörper, deren sein Auge ansichtig wurde, bedeutender vor als die Erde, denn für ihn wurde maßgebend die äußere physische Größe. Und in bezug auf diese kann es die Erde kaum mit wenigen Himmelskörpern aufnehmen.

[ 9 ] So wurde für den Menschen immer mehr und mehr die Erde gewissermaßen nur ein Staubkorn im Universum, und der Mensch fühlte sich auf dieser dem Universum gegenüber so unbedeutenden Erde auch bedeutungslos im Kosmos, bedeutungslos im Universum. Mit geistigen Kräften hing er ja nicht mehr an diesem Universum. Es mußte ihm unmöglich erscheinen, zu glauben, daß mit irgendwelchen Absichten von göttlichen Wesenheiten, die im Universum sind, dasjenige zusammenhinge, was auf diesem unbedeutenden Staubkorn des Universums, Erde genannt, vorgeht. Man möchte sagen: All das, was der Mensch auf Erden gesehen hat deshalb, weil er den Himmel von Geistern und geistigen Kräften bevölkert erkannte, all das ging in der neueren Zeit dem Menschen verloren. Das Universum wurde entseelt und entgeistet. Die Erde schrumpfte zusammen zu einem unbedeutenden Staubkorn in der entgeisteten und entseelten Welt.

[ 10 ] Man muß einen solchen Wandel des Weltenbildes nicht nur vom Standpunkt einer theoretischen Welterklärung, sondern vom Standpunkt des Menschenbewußtseins selbst auffassen. Anders wußte sich der Mensch, der sich auf einer Erde sah, auf die hereinwirkten unzählige geistige Wesenheiten, die ihre Verwirklichung, ihre Absichten im Menschen der Erde hatten, anders wirkten diese Ansichten auf den Menschen, als der geistleere Raum, in dem leuchtende, räumlich geformte Weltenkugeln stehen und sich bewegen, von denen man keine andere Tätigkeit ins Auge faßt als die Bewegung im Raume, als die Offenbarung durch das Licht. Wie anders mußte sich der Mensch, der auf einem der kleinsten dieser Weltenkörper sich nun wußte, vorkommen im geistlosen, im entseelten Raume, als innerhalb früherer Weltenbilder. Und dennoch, einmal mußte dieses Weltenbild im Laufe der Menschheitsentwickelung heraufkommen. Dasjenige, was einmal eine ältere Menschheit über die Himmel gewußt hat und über ihre Bewohner, die göttlich-geistigen Wesen, das war ja die Eingebung, die Imagination eines alten traumhaften Hellsehens, das war etwas, was als solches Hellsehen sich ja selber heruntergesenkt hatte von dem Universum in den Menschen hinein. Man muß sich diese Sache nur richtig vorstellen. Wenn der Mensch älterer Zeiten hinaufsah zu Saturn, Jupiter, Mars, und göttlich-geistige Wirkenskräfte in diesen Weltenkörpern sah, so war das deshalb, weil von diesen Weltenkörpern selber die Offenbarungen in sein Inneres drangen und sich in ihm spiegelten, so daß er durch die Einflüsse des Universums, des Kosmos, in sich wußte, was aus dem Kosmos hereinströmt auf die Erde. Und so wurde ihm durch dasjenige, was ihm der Himmel gab, die Erde erklärlich. Der Mensch sah zu seinen Göttern auf und wußte, welches Wesen er auf Erden ist. Im modernen Weltenbilde weiß er das alles nicht.

[ 11 ] Im modernen Weltenbilde ist die Erde zusammengeschrumpft zu einem Staubkorn des Universums, und nun steht der Mensch als kleines, unbedeutendes Wesen auf diesem Staubkorn. Nun sagen ihm die Götter der Sterne nichts mehr über die Pflanzen, Tiere und die anderen Reiche der Erde. Nun muß er nur seine Sinne hinlenken auf dasjenige, was im mineralischen, pflanzlichen, im tierischen, im Menschenreiche lebt, was in Wind und Welle webt, was in Wolken, in Blitz und Donner west. Nun kann er keine Offenbarungen empfangen als diejenigen, die ihm seine Sinne geben über die Dinge der Erde, und er kann dann auch nur von den Offenbarungen der Erdensinnesdinge schließen auf dasjenige, was im Universum ist, nach der sinnlich-verstandesmäßigen Offenbarung.

[ 12 ] Der Mensch hat diese bedeutsame Wandlung im fünften nachatlantischen Zeitraum, welcher die Entwickelung, die Entfaltung der Bewußtseinsseele eben bedeutet, erfahren. Es mußte gewissermaßen alles, was früher an Kräften aus dem Universum ihm zugekommen war, die dann innerlich in seiner Seele wieder aufleuchteten, aus dem Menschen herausgepreßt werden, damit er gewissermaßen dastehen konnte und sich sagen: Ich weiß nichts, als daß ich auf einem Staubkorn des Universums lebe. Nichts gibt mir dieses Universum, was mich aufklärt über ein Geistig-Seelisches, das in mir selber lebt. Will ich ein solches Geistig-Seelisches in mir erleben, so muß ich es aus meiner eigenen Wesenheit herauspressen. Ich muß verzichten darauf, daß mir aus den Weiten des Universums die offenbarenden Kräfte zukommen. Ich muß aus der eigenen Anstrengung, aus der eigenen Aktivität heraus meine Seele erfüllen und kann vielleicht hoffen, daß in dem, was da aus meiner Seele hervorquillt, etwas lebt, was mir umgekehrt, vom Menschen aus, einen Aufschluß über das Universum gibt.

[ 13 ] Früher hatte der Mensch die Möglichkeit, durch dasjenige, was ihm das Universum offenbarte, Aufschluß über sich als Mensch zu bekommen. Er vermochte sich anzusehen als den Himmelssohn, weil die Himmel ihm sagten, was er als solcher Himmelssohn ist. Jetzt war der Mensch mehr oder weniger der Erdeneremit geworden, der in der Einsamkeit seines Lebens auf dem Staubkorn des Universums sich erkraften muß, um gewissermaßen in der Verlassenheit dasjenige zu entwickeln, was in ihm entwickelt werden kann, und zu warten darauf, ob das, was sich im Innern offenbart, etwas über das Universum Aufschlußgebendes ist.

[ 14 ] Und lange Zeit, durch Jahrhunderte hindurch, war dasjenige, was sich im Innern offenbarte, nichts über das Universum Aufschlußgebendes. Der Mensch beschrieb das mineralische Reich den räumlich-zeitlichen Kräften nach. Er beschrieb dann die Wirkungsweise dieses mineralischen Reiches in der Geognosie, in der Geologie. Er beschrieb die äußeren Sinnesvorgänge, wie sie sich abspielen, wie Pflanzen heraussprießen aus dem mineralischen Grund der Erde. Er beschrieb auch die sinnlichen Vorgänge, die sich abspielen im inneren Wesen des Tierischen und des Physisch-Menschlichen selber. Er sah sich überall um auf der Erde, forschend, was ihm die Sinne über dieses Erdendasein sagten. Sie sagten ihm vor allen Dingen nichts über die eigene Seele, über den eigenen Geist. Gerade aus dieser Weltenstimmung heraus, wenn man sie so recht erfaßte, aus dieser Stimmung, die etwa in die Worte zu fassen ist: Ich Mensch, ich bin ein Erdeneremit auf einem Staubkorne im Universum — gerade aus dieser Stimmung heraus mußte der Impuls kommen, in freier innerer Entfaltung das eigentlich Menschliche zu entwickeln.

[ 15 ] Und eine große, eine umfassende Frage mußte entstehen, die Frage: Ist denn wirklich im ganzen Umkreise desjenigen, was meine Sinne hier auf Erden sehen, fühlen, hören usw., was der Verstand aus ihnen kombinieren kann, ist denn in diesem Umkreise wirklich nichts, was mir mehr gibt, als diese Sinne mir sagen können? — Der Mensch bildete eine Wissenschaft aus. Aber diese Wissenschaft, so interessant sie sein mag, sie sagt ja nichts über den Menschen, sie zielt auf abstrakte, tote Begriffe ab, die dann in Naturgesetzen gipfeln. Aber das alles läßt ja gleichgültig über den Menschen. Der Mensch kann doch unmöglich bloß der Zusammenfluß dieser abstrakten Begriffe, ich möchte sagen, dieser Schrank für alle Naturgesetze sein! Denn diese Naturgesetze haben nichts Seelisches, haben nichts Geistiges an sich, obwohl sie aus dem Menschengeiste heraus konzipiert werden.

[ 16 ] Sehen Sie, derjenige Mensch, der diese Stimmung in einer für die Weltanschauungsentwickelung bedeutungsvollen Zeit fühlte, war der junge Goethe. Und der Ausdruck für das, was er da fühlte, ist dasjenige, was er in der ersten Gestalt, die er seinem «Faust» gegeben hat, hingeschrieben hat.

[ 17 ] Erinnern wir uns, wie Goethe in der allerersten Gestalt, die er seinem «Faust» gegeben hat, wirklich diesen Faust hinstellt, sich noch erinnernd, was eigentlich der Mensch suchen soll im Weltenall, wie er sich als Geist und Seele innerhalb von Geistern und Seelen gerne fühlen möchte, wie er sich aber zurückgestoßen fühlt durch die entseelte und entgeistete Weltenwesenheit. Wie er dann nach der alten Offenbarung des Mystischen, des Magischen greift, ein altes Buch aufschlägt, worinnen er Beschreibungen findet, wie die höheren hierarchischen Wesen in den Sternen und ihren Bewegungen leben, ein Buch, das spricht, wie Himmelskräfte auf- und niedersteigen und sich die goldnen Eimer reichen.

[ 18 ] Solche Anschauung ist dagewesen, aber solche Anschauung ergreift in der Zeit, in die Goethe den Faust hineinstellt, den Menschen nicht mehr. Und Faust wendet sich ab, wie sich Goethe abgewendet hat von der alten Universumserklärung, die ein Geistig-Seelisches im ganzen Universum gesucht hat, und er schlägt das Zeichen des Erdgeistes auf. Und wirlesen dann diemerkwürdigen Worte, dieder Erdgeistselberhinspricht:

[ 19 ] In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall’ ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben,
So schaff' ich am sausenden Webstuhl der Zeit,
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.

[ 20 ] Aber daß da doch etwas nicht richtig ist, indem dieser Erdgeist dem Faust gegenübertritt, das zeigt Goethe klar dadurch, daß Faust hinfällt unter der Wirkung dieses Erdgeistes, und daß er dann ausgesetzt ist den Einwirkungen des Mephistopheles.

[ 21 ] Wenn man sich vom Standpunkte eines konkreten Weltbildes die monumentalen, lapidaren Worte, welche der Erdgeist spricht, vor die Seele stellt und unbefangen genug ist zu einer Beurteilung, die eigentlich Goethe selber im Gefühle gelegen hat, indem er ja mit der Erdgeistszene nicht aufgehört hat, am «Faust» zu schreiben, sondern fortgefahren hat, wenn man sich das alles vorhält, dann muß man doch in eine Art von Ketzerei verfallen gegenüber vielem, was über «Faust» gesagt und gedruckt worden ist, was aber ganz gewiß nicht die wirkliche Meinung, die wirkliche Anschauung Goethes wiedergibt. Was ist nicht schließlich in Anknüpfung an den «Faust» alles gesagt worden!

[ 22 ] Man blickt ja immer und immer wieder hin auf die Worte, die später im Verlauf der Faust-Dichtung Faust zu dem etwa sechzehnjährigen Gretchen spricht: «der Allumfasser, Allerhalter ... Gefühl ist alles, Name ist Schall und Rauch», und man kommt sich so ungeheuer philosophisch vor, wenn man all dasjenige zitiert, was der Ausdruck sein soll für die eigenen Seelenbegriffe, und nun auch das zitiert, was Faust als Unterweisung einem Backfisch gibt. Es ist eine Backfischunterweisung. Es ist eigentlich kompromittierend, daß man diese Backfischunterweisung von Leuten, die gescheit sein möchten, als die Quintessenz desjenigen, was man als eine Weltanschauung in Worte faßt, anführen kann. Dies ergibt doch eben, wenn es auch ketzerisch ist, eine unbefangene Betrachtung.

[ 23 ] Aber etwas Ähnliches ist es auch mit den ja lapidaren, monumentalen Worten, die der Erdgeist ausspricht: «In Lebensfluten, im Tatensturm» und so weiter. Schön sind sie, die Worte, aber doch sehr allgemein; etwas von einem mystischen Pantheismus von sinnlich-nebuloser Art finden wir darinnen. Wird es uns denn nicht wolkig zu Mute, möchte ich sagen, wenn wir das vor uns haben sollten:

[ 24 ] In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall' ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben,
So schaff' ich am sausenden Webstuhl der Zeit,
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.

[ 25 ] Es bewirkt nichts, was uns die Fähigkeit gibt, konkret hineinzublicken in das Universum, in den Kosmos.

[ 26 ] Goethe hat das ganz gewiß, insbesondere später, gefühlt, denn er ist ja nicht dabei geblieben, er hat den Prolog im Himmel gedichtet. Und wenn wir den Prolog im Himmel nehmen: «Die Sonne tönt nach alter Weise, in Brudersphären Wettgesang » und so weiter, dann erinnert das allerdings viel mehr an die Himmelskräfte, die auf und nieder schweben und sich die goldenen Eimer reichen, als an das etwas nebulose Fluten und Weben des Erdgeistes. Goethe ist zurückgekommen von der — ja, man kann nicht sagen Verhimmelung des Erdgeistes, aber so etwas ähnliches. Goethe hat dann später als reiferer Mensch nicht mehr diesen Erdgeist als dasjenige angesehen, an das er sich einzig und allein in der Gestalt des Faust wenden wollte, sondern er hat wieder aufgenommen den Geist der großen Welt, den Geist des Universums. Und wenn nun auch die Worte, die der Erdgeist in der ersten Faust-Fassung spricht, schön, lapidar, monumental sind: eine entfernte Verwandtschaft — ich will, um nicht ganz historisch unhöflich zu sein, von nur entfernter Verwandtschaft sprechen —, eine entfernte Verwandtschaft mit dem «Allumfasser, Allerhalter», mit der Unterweisung des sechzehnjährigen Backfisches haben doch diese Worte, die der Erdgeist spricht, auch. Warum sollen sie deshalb nicht schön sein? Man muß sich ja gerade bemühen, wenn man Backfische unterweist, die Sache recht schön zu sagen, selbstverständlich! Warum sollten sie nicht schön sein?

[ 27 ] Aber klar muß man sich sein darüber, daß Goethe als reifer Mann eben nicht im nebulosen Pantheismus dasjenige gesehen hat, was dem Menschen ein wirkliches Weltbewußtsein gibt.

[ 28 ] Dem liegt aber noch etwas ganz anderes zugrunde. Goethe hätte bei seiner konkreten Art — wenigstens bis zu einem gewissen Grade konkreten Art —, die Dinge der Welt anzusehen, nicht vermocht, seinen Faust zu zeichnen in der Art, wie er es getan hat, wenn er ihn als Menschheitsrepräsentanten etwa für das 11., 12. Jahrhundert der abendländischen Zivilisation hingestellt hätte. Er hätte dann eine andere Gestalt nehmen müssen, aber er hätte niemals vermocht, diese Gestalt so zu zeichnen, wie er seinen Faust gezeichnet hat. Faust hätte nicht das Buch des Nostradamus weglegen dürfen und sich vom Geiste der groBen Welt zu dem Erdgeist wenden, denn damals war das Bewußtsein vorhanden: der Mensch, wenn er sich recht versteht, versteht sich als einen Himmelssohn, ihm haben über sein eigenes Wesen die Geister der Himmel etwas zu sagen. Aber Faust ist eben der Menschheitsrepräsentant, der dem 16. Jahrhundert angehört, also schon der fünften nachatlantischen Periode, derjenigen Periode, die sich der Anschauung naht: Ich lebe als der Erdeneremit auf einem Staubkorn des Universums. — Da wäre es nicht mehr ehrlich gewesen von dem jungen Goethe, Faust hinblicken zu lassen zu dem Geiste der großen Welt. Als Menschheitstepräsentant könnte das bei Faust nicht der Fall sein, denn der Mensch hatte in seinem Bewußtsein keinen Zusammenhang mehr mit den Himmelskräften, die auf- und niedersteigen und sich die goldenen Eimer reichen, das heißt, mit den Wesenheiten der höheren Hierarchien. Das war verfinstert, das war nicht mehr da für das Menschheitsbewußtsein. So konnte sich Faust nur an dasjenige halten, womit er etwa verknüpft sein konnte als Erdeneremit: Er wandte sich an den Genius der Erde.

[ 29 ] Daß sich Faust an den Genius der Erde wendet, das ist etwas, ich möchte sagen, radikal Grandioses, was bei Goethe auftritt: Denn das ist die Wendung, welche das menschliche Bewußtsein in diesem Zeitalter genommen hat, hinweg von den sich verfinsternden Himmelsmächten zu dem Genius der Erde, auf den der Geist selber hingewiesen hat, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist. Denn dieser Genius, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, hat sich mit der Erde verbunden. Er hat dadurch, daß er sich mit der Erdenmenschheitsentwickelung verbunden hat, dem Menschen nun die Kraft gegeben, in der Zeit, da er nicht mehr hinaufblicken kann zu den Geistern der Himmel, hinzusehen zu den Geistern der Erde, und die Geister der Erde sprechen nun im Menschen. Früher waren es die Sterne in ihrem Weben, welche die Himmelsworte offenbarten der Menschenseele, die diese Himmelsworte deuten und erkennen konnte. Jetzt mußte der Mensch auf seinen Zusammenhang mit der Erde hinsehen, das heißt, sich selber fragen, ob der Genius der Erde in ihm spricht.

[ 30 ] Aber nur erst nebulose Worte, mystisch pantheistische Worte, kann Goethe in seinem Zeitalter dem Genius der Erde abringen. Richtig ist es, grandios ist es, daß Faust sich zu dem Genius der Erde wendet, aber ich möchte sagen, ganz grandios ist es, daß Goethe noch nicht irgend etwas, was schon befriedigen kann, diesen Genius der Erde aussprechen läßt. Daß der Genius der Erde erst, ich möchte sagen, die Weltengeheimnisse in mystisch pantheistischen Formeln stottert und stammelt, statt sie in scharf umrissener Weise auszusprechen, das zeigt eben, daß Goethe seinen Faust genial hineingestellt hat in das Zeitalter, in welchem er seinen Faust und sich sah.

[ 31 ] Aber anfühlen muß man diesem von Goethe so schön gezeichneten Verhältnisse des Faust zum Erdengenius, daß der Erdengenius allmählich immer verständlicher werden wird für den Menschen, daß er immer mehr und mehr in deutlichen Konturen dem Menschen offenbar wird, wenn der Mensch aus der Aktivität seiner eigenen Seele, aus der Aktivität seines eigenen Geistes sich offenbaren läßt, was in den Himmeln ist. Früher haben die Himmel dem Menschen geoffenbart, was er für die Erde wissen mußte; jetzt wendet sich der Mensch an die Erde, weil die Erde ja doch ein Geschöpf der Himmel ist. Und lernt man den Genius oder die Genien kennen, die auf der Erde ihre Wohnsitze aufgeschlagen haben, dann lernt man dennoch die Dinge über die Himmel kennen.

[ 32 ] Das war ja auch das Verfahren, das zum Beispiel eingeschlagen wurde in meinem Buche «Die Geheimwissenschaft im Umriß». Da wurde alles im Innern des Menschen befragt, was es zu sagen hat. Da wurde eigentlich so recht viel geholt aus dem Geist der Erde. Aber der Geist der Erde spricht über die Saturnzeit, über die Sonnenzeit, über die Mondenzeit der Erde, über die Jupiterzeit, Venuszeit. Der Geist der Erde spricht einem von dem, was er in seinem Gedächtnis von dem Universum bewahrt hat. Einstmals hat man den Blick hinausgewendet in die Himmelsweiten, um sich für die Erde aufzuklären, jetzt senkt man den Blick hinein in die menschliche Eigenwesenheit, hört auf dasjenige hin, was der Erdengeist in der menschlichen Natur aus dem Weltgedächtnisse zu sagen hat, und bekommt durch das Verstehen des Genius der Erde die makrokosmische Erkenntnis. Man dürfte heute natürlich, wenn man der Geisteswissenschaft, der Geisteserkenntnis eine richtige Bedeutung beilegt, das Gespräch des Faust mit dem Erdgeist nicht mehr so darstellen, wie es Goethe dargestellt hat, obwohl es zu seiner Zeit genial war, es so darzustellen.

[ 33 ] Heute dürfte der Erdengenius nicht in jenen allgemeinen, abstrakten Worten sprechen, von denen man sagen kann, daß sie irgend etwas ausdrücken, was zu gleicher Zeit eine schwebende Wasserwelle sein kann. Nur ist das mystisch dunkel, weil diese schwebende Wasserwelle nun wieder an einem Webstuhl sitzt und webt! Ich weiß ja zwar, daß sich viele Menschen außerordentlich wohl fühlen, wenn ihnen derlei Unbestimmtes durch die Seele sich rührt; aber dadurch erlangt man dennoch nicht innere menschliche bewußte Festigung, die man als moderner Mensch braucht. Es ist immer etwas von einer Träumerei oder auch von einem Rausch: « Allumfasser, Allerhalter», «in Lebensfluten, im Tatensturm », man ist immer ein bißchen außer sich, nicht ganz in sich. Das gibt ja gewiß den Menschen ein Wohlgefühl, wenn sie ein bißchen außer sich sein können, am liebsten ist mancher ganz außer sich und läßt sich von allerlei Gespenstern Aufschlüsse geben über die Welt.

[ 34 ] Damit möchte ich eben andeuten, daß wir nicht anders können in der modernen Zeit, als uns an den Erdengenius wenden, der in uns selber lebt! Die Sache ist nämlich so: Nimmt man das, was uns die naturwissenschaftlichen Ideen der neueren Zeit geben, einfach wie es ist, wie es in der äußeren Zivilisation heute niedergelegt ist, dann bleibt es abstrakt, läßt das menschliche Bewußtsein kalt. Wenn man aber anfängt, mit diesen Begriffen zu ringen, zu ringen selbst mit den Abstraktionen Haeckels, dann kommt aus diesem Ringen etwas ganz Konkretes, etwas unmittelbar Erlebbares: Dann kommt die große Erkenntnis über uns, daß wir zwar die gleichgültigen naturwissenschaftlichen Ideen zunächst bekommen, aber [daß] diese Form ja nur eine Maske ist. Wir müssen erst darauf kommen, daß das, was wir da bekommen, uns der Genius der Erde sagt. Wir müssen erst dasjenige, was wir zunächst mit dem abstrakten Verstande hören, mit dem ganzen Seelenohr behorchen. Und wir lernen dadurch in konkreter Weise den Genius der Erde hörend verstehen.

[ 35 ] Damit nähern wir uns der Art und Weise, wie der Mensch im Zeitalter der Bewußtseinsseelenentwickelung ein Weltbewußtsein erringen muß. Diese Dinge müssen eben empfindungsgemäß von dem Menschen erfaßt werden, dann kommt er mit der Empfindung, ich möchte sagen, mit seinem Herzblute heran an das anthroposophische Weltempfinden. Und dieses, nicht bloß einzelne Ideen über die Welt, sondern dieses Weltempfinden muß sich der moderne Mensch erwerben, wenn er sich in der richtigen Weise gemäß den Andeutungen, die ich hier in der jüngsten Zeit getan habe, fühlen, erdenken will.


[ 36 ] Morgen, meine lieben Freunde, werde ich diese Betrachtungen fortsetzen. Heute möchte ich Ihnen zunächst zum Schluß ein paar Worte der Mitteilung sagen über den Stand der Verhandlungen in Stuttgart. Diese Verhandlungen hängen ja zusammen mit dem, was Ihnen als eine Art Krisis innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft bemerklich geworden ist.

[ 37 ] Es ist jetzt in diesem Momente der Zeitpunkt, in dem die Anthroposophische Gesellschaft in ihren führenden Persönlichkeiten sich entscheiden muß, ob sie Lebensfähigkeit hat oder nicht. Sie haben ja verschiedenes hier auch gehört über die Lebensbedingungen der Anthroposophischen Gesellschaft. Ich möchte heute nur mit ein paar Worten dieses sagen: Diese anthroposophische Bewegung ist von Mitteleuropa ausgegangen. Für sie ist aber Interesse in den allerweitesten internationalen Kreisen. Und die Anthroposophie selber hat ihre Entwicklung durch jene drei Phasen genommen, von denen ich Ihnen das letzte Mal hier gesprochen habe. Die Anthroposophische Gesellschaft ist dieser Entwicklung der Anthroposophie nicht völlig nachgekommen, und heute klafft ein Abgrund zwischen dem, was in der Anthroposophischen Gesellschaft wirkt und was in der heute schon erreichbaren Anthroposophie lebt. Dieser Abgrund muß überbrückt werden. Und da nun schon einmal — es ist reine Tatsache — die anthroposophische Bewegung von Mitteleuropa ausgegangen ist, so müssen die Verhältnisse zuerst in Mitteleuropa geordnet werden. Dann, wenn sie in Mitteleuropa geordnet sein werden, dann wird sofort zu denken sein an die Ordnung der internationalen anthroposophischen Gesellschaften, die dann hier oder anderswo ihren Mittelpunkthaben werden. Aber aus der Unbestimmtheit, in der heute die Anthroposophische Gesellschaft ist, muß zuerst da herausgekommen werden, wo diese Gesellschaft ihren Ausgangspunkt genommen hat. Aus diesem Grunde ist es, daß man zuerst in Stuttgart an der Konsolidierung der Anthroposophischen Gesellschaft arbeiten mußte.

[ 38 ] Nun waren die Verhandlungen außerordentlich schwierig. Aus den Gründen heraus, die ich ja hier am 6. Januar angeführt habe, hat sich diese Krisis ergeben, und die Sache liegt ja so — ich möchte das auch hier noch einmal erwähnen: Es war am 10. Dezember, da habe ich dem einen der Mitglieder des Zentralvorstandes, Herrn Uehli, eine Art Auftrag gegeben. Ich sagte dazumal: Seit langer Zeit ist bemerkbar, daß die Anthroposophische Gesellschaft einer Konsolidierung bedarf, und ich kann mir nur etwas versprechen, wenn der Zentralvorstand in Stuttgart, ergänzt durch maßgebende Persönlichkeiten in Stuttgart, mir das nächste Mal bei meiner Stuttgarter Anwesenheit seine Vorschläge darüber sagt, wie er zunächst mit der Konsolidierung beginnen möchte; sonst, wenn der Zentralvorstand nicht zu Ideen über die Konsolidierung käme, müßte ich mich selbst an jedes einzelne Mitglied wenden. Nur diese Alternative ist ja möglich. —

[ 39 ] Sie sehen daraus auch, meine lieben Freunde: Die Sache liegt so, daß dasjenige, was da als eine Notwendigkeit für die Konsolidierung der Gesellschaft hingestellt worden ist, ja gesagt wurde am 10. Dezember; das hat also noch nichts mit dem Brandunglück zu tun. Nach dem Brandunglück, nach dieser furchtbaren Katastrophe, die unsere Herzen zerschmettert hat, muß man allerdings sagen: Soll ein Wiederaufbau zustande kommen, so ist dazu eine starke Anthroposophische Gesellschaft notwendig; denn ohne diese wäre ein Wiederaufbau nicht möglich.

[ 40 ] Also es muß einfach eine Konsolidierung, eine innere Festigung, ein deutliches Wollen der Anthroposophischen Gesellschaft zustande kommen.

[ 41 ] Das hat recht schwierige Verhandlungen in den letzten Wochen zunächst in Stuttgart gegeben. Ich sagte: Da müssen sie zuerst geschehen, dann werden sie auf internationalem Boden sein können. Nun, ich müßte Ihnen ein Buch erzählen, ein reichlich dickes Buch, wenn ich Ihnen all das, was da verhandelt worden ist in diesen Wochen, erzählen wollte. Aber es ist ja eigentlich im Grunde bis gestern ergebnislos. gewesen. Und vorgestern machte ich dann den Vorschlag, daß, nachdem die Dinge so geworden sind, eine Art Komitee sich damit befassen solle, ein Rundschreiben abzufassen, in dem wirklich :die heute die Anthroposophische Gesellschaft und Bewegung berührenden großen Fragen herangebracht werden an die Mitglieder; daß in einem solchen Rundschreiben aufgefordert werde, nach Stuttgart eine Delegiertenversammlung zunächst für die deutschen und österreichischen Zweige zusammenzurufen, damit an dieser Konsolidierung gearbeitet werden kann [siehe $. 268].

[ 42 ] Dieses Komitee, dessen Wirksamkeit zunächst ja nur gedacht ist bis zu der Delegiertenversammlung, die Ende Februar, am 25.,26.,27. Februar, stattfinden soll, ist ein provisorisches. Bis zu dieser Delegiertenversammlung soll es in der mitteleuropäischen Anthroposophischen Gesellschaft die führende Stellung haben. In diesem Komitee ist als Vertreter des alten Zentralvorstandes Dr. Unger, als Vertreter des «Kommenden Tages» Herr Leinhas; dann sind drinnen von Stuttgarter Persönlichkeiten, ganz aus den Verhältnissen heraus: Dr. Rittelmeyer, Herr von Grone, Herr Wolfgang Wachsmuth, Dr. Palmer, Dr. Kolisko; von anderen noch Herr Werbeck aus Hamburg und für den «Philosophisch-Anthroposophischen Verlag» Fräulein Mücke. Diesem Komitee sind also die vorbereitenden Arbeiten für die Konsolidierung übertragen. Es ist zunächst eben, nachdem alles übrige ergebnislos geblieben ist, gestern ein Entwurf eines Aufrufs zur Delegiertenversammlung zustande gekommen, der nun vollendet werden wird und im Beginne der nächsten Woche verschickt werden wird, in dem wirklich die heutigen Lebensfragen der Anthroposophischen Gesellschaft drinnen sein sollen. Das ist es also, was ich zunächst noch zu verkündigen habe.

[ 43 ] Es ist ja wirklich das, was da verhandelt wurde, mit Unbefriedigtheit in den weitesten Kreisen begleitet gewesen. Nachdem wir gestern fertig geworden waren mit den Verhandlungen über den AufrufEntwurf zunächst — ich glaube um 12% Uhr nachts —, ist es mir dann auch möglich gewesen, die ja namentlich sich beunruhigenden Mitglieder unserer akademischen Jugendbewegung noch zu sprechen; so daß ich hoffe, daß in den Tagen, in denen ich jetzt hier in Dornach bin, die Jugend mit dem Alter in entsprechender Weise verhandelt. Ich drückte es vorgestern so aus, daß ich sagte: Ich hoffe, daß nunmehr, Rücksicht nehmend auf das neue Komitee, die Jungen unter den Alten akzeptiert werden von den Alten unter den Jungen.

[ 44 ] Es mußte ja schon so etwas stattfinden, denn überall verlangt man ein neues, frisches Lebenselement. Das muß kommen. Die Jugend pocht an die Tore. Sie hat dazu ihre volle Berechtigung; sie muß verstanden werden. Aber das Alter kann nicht abgesägt werden, das muß wirken; aus ihm ist gekommen das Fundament der Anthroposophischen Gesellschaft. Es muß möglichst rasch ein Modus gefunden werden, der zu einer starken Anthroposophischen Gesellschaft führt, sonst werden wir nicht weiterarbeiten können.

[ 45 ] Das wollte ich am Schlusse heute noch mitteilen, damit Sie informiert sind von diesen Dingen. Der alte Zentralvorstand hat damit aufgehört zu sein, und dieses Komitee führt mittlerweile die Angelegenheiten bis Ende Februar. [Siehe dazu Vortrag Stuttgart, 23. Januar 1923, in GA 257.]